^\AVV WM ■ ■Kfroi.0 gl ^sssaiÄÄfiK: <1 n V! A U vf b rl r-x;. 9 ll'l ■ kL-..--#; Steuermann Worringer. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdnick verboten.) (Fortsetzung.) Ein schreiendes Weinen weckte ihn aus seinent Brüten- Dem traurigen Zug entgegen Jom Gretas Mutter Vie Gasse hinunter mit stolpernden Schritten die Hände gerungen: „Mei Kind, mei Greta, mei lieb Bubche!" Sie siel an der Trage nieder, deren Träger einen Augenblick innehielten. „Greta s Greta! Bischte ins Wasser gange, weil ich dich ßvrtgetriwwe hawwe? Greta, mach dei Aage uff! — Komm bei mich, un wann mer alle drei verhungern misse! Ich stump dich uet meh fort, ich nannte dich uff, ich dhu der alles, wasde willst!" Ein paar mitleidige Seelen hoben sie auf, trösteten sie: „Es is jo net bot! Es war jo schon bei sich! Un 's- Kind, so Gott will, aach! To, der Worringer Hot se jo er ausgeholt! Alle drei!" Die Frau sah ihn mit den verschwollenen Augen scheu an: „Der! Des is sei verfluchte Schuldigkeit! Ae hätt liewer solle sorge, daß es uet ins Wasser hätt gehe wolle-" „Awwer was redd ihr dann fier narrig Zeig! Es is jo gar net ins Wasser gange! — Es hoi ja mit 'm Nache cniwwer fahre wolle nach Rüdesem! Da Georg hvt's jo eniwwer gefahre! Und do Hot sich der Rache leck geschlage!" „Ret ins Wasser gangen!" Die Frau sah erstaunt um sich „Tann hot's wolle bei sei Schwester nach Schierstein, weil ich's fortgetriwwe hawwe! — Ich bin schuld, ich un da do!" Verwunderte scheue Blicke trafen den Mann und die Frau- Dann gings weiter, die Tür des Hospitals stand schon offen, die Verunglückten wurden hin ein gebracht- Als Worringer ilmen nachgehen wollte, wehrte maus ihm- Nein, mit herein könne er nicht- Er müsse im Wartezimmer bleiben. Aber erst trockene Kleider anziehen. Jemand kam schon mit frisch gewaschenen Anstaltskleidern, trotz seines Sträubens wurde er frottiert, gerieben, umgekleidet, mußte Wein trinken- Und dann kant das Warten- O, diese Stunden, diese unendliche, unmeßbare Zeit, die jetzt hinschlich. Gretas Mutter saß in der anderen Ecke, so weit als möglich von ihm entfernt, jammernd, weittend, ihn und sich anklagend. Er fand nicht einmal die Kraft, sie schweigen zu heißen- Er dachte immer nur das gleiche, das eine. Schreckliche, gar nicht Auszudenkende. Und sah immer wieder das gleiche Bild, das sich feinen Sinnen förmlich eingebrannt hatte, den sinkenden Kahn mit den dreien betritt — auf dem weiten Wasser- — , Eine barmherzige Schwester öffnete die Tür des Zimmers- Die Frau stürzte iHv entgegen, sich schreiend an sie klammernd- .Steuermann Worringer stand bebend auf. Sie lächelte. >,Der Kleine ist bei Besinnung," sagte sie froh „Und mei Fraa! Mei Fraa?" Er stammelte es, keuchte es- -„Ihre Frau ist schon ganz bei sich gewesen! Aber sttzt ist fte wieder ohnmächtig., Dei Todesangst vorher!, der Schreck, das alles hat sie sehr angegriffen- Aber das ist weiter nicht bedenklich" „Und der — der Georg Hessemer?" Mit trockener Kehle sagte er's- Tie Nonne zuckten die Achseln: „Die beiden Aerzte sind bei ihm- Aber verzweifeln Sie nicht. Es wird alles gut werden- Gott wird helfen. Beten Sie zu ihm. Gott wird Ihre" wackere Tat nicht unbelohnt lassen." Steuermann Worringer sank aus den Stuhl zurück- Seine wackere Tat- Und Gott sollte sein Gebet hören! Er hatte freilich unfern Herrgott nicht zu oft belästigt mit Gebet- Sonntags in der Kirche, und wenn er in großer Not gewesen wav- Seine Schwiegermutter war in der Zimmerecke niedergekniet, wo vor dem Muttergottesbild ein Lämpchen brannte, und betete halblaut: „Unter deinen Schutz und Schirm — fliehen wir, o heilige Mutter Maria, verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit aus aller Gefahr —" Er hätte gern mitgebetet, er faltete die Hände- — Aber wie durfte er beten, er, der das auf dem Gewissen hatte! Sein Bub war gerettet, ja! Aber das war keine Erleichterung der Bergeslast auf seiner Seele- Wenn der Bub groß wurde und Verstand bekam und wüßte, was sein Vater getan hatte, dann würde er ihn hassen und verachten - . , Und seine Frau!— Die 9tonne öffnete wieder die Tür- „Wenn Sie jetzt kommen wollten, liebe Frau-" „Und ich," stammelte der Mann, „ich?" Tie 9ionne lächelte ein wenig verlegen- „Wenn Sie noch etwas warten wollten! Ihre Frau ist sosehr erregt! Sie — sie wünscht nur ihre Mutter- Nachher —> sicherlich —" Ter Mann setzte sich stumm auf seinen Stuhl- Sie wollte ihn nicht sehen- Tie Strafe fing schon an! Alle wendeten sich von ihm- Jetzt schon, da noch niemand sein Verbrechen kannte- Aber wenn der Hessemer wieder zu sich kam, wenn er argwöhnisch wurde, wenn er überlegte, wie das nur kommen konnte, wie das Boot so schnell und schwer leck werden konnte, wenn der Verdacht auf ihn fiel ■— Er wischte sich den kalten Schweiß ab- — Nein, er konnte nichts gemerkt haben- — Als das' Wasser einzudringen Begann, da hatte er sicherlich keine Zeit gehabt, zu untersuchen, wie das nur geschehen konnte- — Da hatte er nur verzweifelt versucht, das Leck zu stopfen- Nein, keiner wußte etwas, er brauchte nichts zu fürchten- Nichts als das eigene Gewissen, das jetzt schon so laut schrie und nie mehr schweigen würde- Nichts als das Schuldgefühl und den Abscheu vor sich selbst und das Bewußtsein, ein Mörder zu fein- — Nein, kein Mörder, kein Mörder! Der Georg Hessemer mußte leben, mußte, mußte! Eiu kräftiger Schritt kant über den Gang, die,Tür ging auf. — Da stand der Dokwr — ganz blaß, ganz erschöpft, aber zufrieden nickend. „Na, Worringer, ein schweres Stück wars, aber!vir habens geschafft." — 506 >,Ter — Hessemer?" stammelte der Mann- „Ist wieder da — ja," nickte der Arzt- „’n bißchen schwach freilich — hat zu viel Wasser geschluckt — das schmeckt dem .Singer Schiffer nicht, hahaha!" Er lachte über seinen Witz. „Herr Tot—tor!" „Ja, ja! Und wird in ein paar Tagen wieder gesund sein wie ein Fisch im Wasser. Und Euch hat er das zu verdanken. Drei Menschen in zwei Minuten aus dem Rhein zu fischen — Donnerwetter, das ist ein tüchtiges Stück Arbeit- Das macht Euch nicht so leicht einer nach- Das kann nur so ein Riesenmensch wie Ihr!" Er schüttelte ihm kräftig die Hand- „Aber, Worringer, Ihr seht elend aus- Hat Euch denn jemand was zu trinken gebracht, was zu essen?" Steuermann Worringer schüttelte mit Abscheu den Kopf- Trinken — essen — ihm ekelte- Ter Arzt sah ihn aufmerksam an- Dann fühlte er ihm den Puls, was jener nur widerwillig litt- „Worringer, Ihr habt ja Schüttelfrost- Geht nach Hause, legt Euch ins Bett, trinkt heißen Wein, packt Euch in Federdecken ein- — Ja so, Ihr habt ja niemand zu Hause. — Ich lasse Euch hier ein Extrazimmer geben. Kommt nur." Aber der Manu wehrte sich aus Leibeskräften- — Ins Bett — in die Stille und Einsamkeit einer Stube, wo alles in ihm so recht Zeit hatte, riesengroß zu wachsen, ihn zu erdrücken, zu ersticken- Nein, nein! „Mei Fraa — mei Kind," stammelte er- — „Ja so, Ihr möchtet zu ihr- Na, wartet einen Augenblick, ich sehe nach —" Es dauerte lange, ehe er zurückkam- Und dann war auch Up verlegen- „Ihr könnt nicht zu ihr jetzt- Sie will niemand sehen. 7— Wißt Ihr, der Schrecken, die Angst-" — Steuermann Worringer packte des Doktors Arm- „Sie is krank, sie stirbt-" „Nein, nein- Beruhigt Euch. Sie ist nur erregt, krankhaft erregt- Und der Bub schlaft fest! Ein Staatskerl. Und jetzt stecke ich Euch ins Bett, ohne Gnade-" Er wehrte sich nicht länger- Er fühlte sich so schwach auf einmal, so elend, so zerschlagen- — Und die Stube und der Arzt Begannen -fid) im Kreise zu drehen- — Halb wie im Traum fühlte er, daß ihn jemand am Arm packte, führte, zog — dann nichts mehr- 6- Aus einem schweren Schlafe fuhr Steuermann Worringer jäh mit einem schrecklichen Angstgefühl in die Höhe- Er hatte einen bösen Traum gehabt- Seine Frau sah er im Rhein treiben, tot, ertrunken mit dem Kind- Verwirrt sah er um sich. Die Abendsonne schien in das kahle Zimmer, auf das Kruzifix mit dem geweihten Palmzweig über dem Weihwasserbecken. — Wo war tr denn nur? Tas war doch Nicht seine Stube, seine — Jäh kam die Erinnerung, daß er laut aufstöhnte. Im Nebenzimmer regte sichs- Eine Schwester kam leisen Schrittes hinüber: „Sie haben fest und gut geschlafen," sagte sie freundlich- „Und ich kann Ihnen gleich frohe Nachricht geben. Ihre Frau ist viel Wohler, das Kind wird mit Gottes Hilfe morgen wieder ganz munter fein, und der Schiffer ist auch so weit ganz Wohl, nur noch etwas schwach. — Wie fühlen Sie sich denn?" Steuermann Worringer wollte nur aufstehen. Nur fort, hinaus ins Freie, ans den vier Wänden heraus- Es war ihm, als müsse er ersticken- Aber er mußte warten, bis man seine Kleider geholt hatte, die noch nicht ganz trocken waren- Jede Minute schien ihm wie eine Ewigkeit- Und dazwischen pries die Nonne ihn, sprach von seiner Tapferkeit, seinem Heldenmut- Tann stand er idräMen vor der Tür in der Abendsonne, die ihn vergebens erwärmen wollte- — Er fror, fror bis ins Mark hinein. Und dann sing ein Martyrium an, grausam, unerbittlich- Von Haus zu Haus In eit man ihn an, wollte ihm die Hände schütteln, beglückwünschen, ihn preisen und loben- Und natürlich ergingen sich alle in Vermutungen, wie das Unglück überhaupt geschehen konnte- So lange man denken konnte, war ja etwas Aehnliches nicht passiert in Bingen, ja im ganzen Rheingau nicht- In einem Nachen, da saß man ja so sicher wie in Abrahams Schoß- Und-wenn auch der Rhein klein war — gerade da, wo es geschah, waren nur Sandbänke, Lanz unschuldige, auf denen man wohl aufrennen konnte, aber uicht leck schlagen- Und was für ein Nachen konnte das denn gewesen sein. — .Wer Hessemers Nachen war doch noch fast neu- — Ter eine, alte war ja fort zur Reparatur. — Steuermann Worringer litt Folterqualen. „No, da Nache wird sich ja sinne," meinte einer- „Weit is er net meh getriewe, da is schnell gefnnfe- Bor da Landebrücke muß ä liege -— wem ä geheert, dü werdn schun suche-" Ein Hin- und Herreden entstand, ein heftiges Für und Gegen- Er mußte alles anhören, konnte nichts dazu sagen. Es fiel den anderen schon auf. — Und so schlecht sah er aus, so elend, mit tiefliegenden, brennenden Augen- Sie schoben es freilich auf das Ereignis, auf die Angst um Frau und Kind- „Awwer, fe sind jo schun ganz munter- — Nor da Hessemer, dä is noch schlecht uff Schick! Dä Doktor määnt, mer wißt noch net, ob ä ’s dorchmache dhät!" Und nun sollte er erzählen- — Ganz genau erzählen, wie es gewesen war- Tie anderen hatten alles schon ausführlich erzählt- Aber der Worringer wußte es doch noch besser. — „Des muß dec ä scheene Schreck gewese sein, wie de gesehe huscht, daß des ’s Greta war! Und des Bubche! Jesses, Marie, Josepp! Net für dausend Gulden mech mer eso eppes erlewe- Und daß du grab huscht komme misse mit’m Zag! — Se wäre elendig zugrunde gange alle drei, wann du net gewese wärscht-" Er konnte es nicht mehr mit an hören- Unsanft machte er sich los- — Aber es war, als ob alles sich gegen ihn verschworen habe. — Auf dem kurzen Weg nach Haus Begegnete er dem Bürgermeister- Und da half kein Widerstreben. Er mußte wieder erzählen, ausführlich, ganz genau- „Na, das gibt aber die Rettungsmedaille mit allen Schikanen, Worringer, und öffentliche Belobigung," schmunzelte der Bürgermeister, ihm auf die Schulter klopfend- „Herr Berge- meschter — nä, nur so was net!" Worringer war kreideweiß geworden und fühlte, wie ihm die Knie zitterten- „Nor so was net-" „Na, Mann, was sicht Euch denn an?" fragte der Bürgermeister befremdet- „Na, nä, Herr Bergemeschter! Tes wär ferchterlich! Nä, ich — ich bin net for so was! Tes is nix for unseräänen! Nor so was net-" „Na nu, Worringer! Die Rettungsmedaille ist doch wahrhaftig ein Ehrenzeichen, das man mit Stolz annehmen kann-, — Und es kommt ja auch an einen Ehrenmann!" (Fortsetzung folgt.) Wie ich starö.*) Von Max D e s s o i r. Kann jemand über seinen eigenen Tod etwas mitteilen? Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind, daß sie früher schon einmal auf der Erde gelebt haben; in abnormen Bewußtseinszuständen kommt ihnen anscheinend die Erinnerung wieder, und dann berichten sie manchmal auch von der.Art ihres Todes. Doch steht über jedem Zweifel fest, daß wir es hierbei mit phantastischen Borstellungs- gruppen zu tun haben, die in ganz anderer Weise sich bilden, als durch Zurückblicken aus eine frühere Existenz. Es kommt ferner vor, daß jemand int letzten Augenblick dem Tode entrissen und zum Leben zurückgeführt wird: er vermag nun wohl von dem Grenzland zu erzählen, das sich schmal zwischen Sein und Nichtsein dahinzieht. Obwohl ich nie in einer dieser Lagen gewesen bin, so meine ich doch, ich sei mehrfach gestorben und könne darüber etwas sagen. Enttäusche ich den Leser, wenn ich hinzufüge, daß ich an den geträumten Tod denke? Auf den Traum vom Sterben folgt allerdings das Erwachen, und insofern mag der geträumte Tod sich vom wirklichen unterscheiden. Aber was nachträglich geschieht, ändert nichts an Beschaffenheit und Stärke des Erlebnisses selbst. Die Traumerfahrung, an sich betrachtet, deckt sich vielleicht bis ins kleinste mit jener furchtbar wirklichen Erfahrung, die uns allen ein einzigesmal bevorsteht. Wenn wir die Träume mit bett vorher erwähnten Berichten Geretteter vergleichen, so finden wir eine weitgehende Uebereinstim- mutig. Zugleich aber erhalten ivir die tröstliche Gewißheit, daß der Gott des Tod in der Regel seines Amtes; *) Aus der von Wenter Sontbart, Richard Strauß, Richard Mnther, Georg Brandes, Hugo v. Hoffmannsthal herausgegebenen Wochenschrift „Morgen", Verlag Marqnard & Co., Berlin W 50. 507 — Milder waltet als der dieser Maske sich bedienende Traum-, gott. So mochte ich wenigstens glauben. Es hat in meinem Leben Zeiten gegeben, wo Ereignisse und Stimmungen das innere Auge an den letzten Grenzpfahl bannten. In diesen Zeiten habe ich während des Schlafes mehrfach den Tod erlitten. Nicht nur den körperlichen, sondern — wenigstens einmal — auch den geistigen. Hiervon spreche ich zuerst. Mir träumte, ich sähe mich in meinem Schlafzimmer um und bemerkte Möbel, die ich vordem noch nie wahrgenommeu hatte. Schon das machte mich stutzig. Außerdem waren diese Möbel in einer eigentümlich schattenhaften Weise da: sie zeigten keine festen Umrisse und verschwanden zeitweise völlig. Da kam — das geschah im Traum — meine Frau herein. Als sie mich anschaute, wurde sie blaß, verzog das Gesicht wie zum Weinen und sagte: Wie siehst du denn aus? Was ist denn mit dir? Ich antwortete: Erschrick nicht — ich glaube, ich bin wahnsinnig geworden. Darauf zeigte ich ihr, was ich erblickte, und sie erklärte mir, was sich in Wirklichkeit an den Orten befand, d. h. in der geträumten Wirklichkeit. Bald bemerkte ich auch kleine, menschenähnliche, schwarze Wesen, von denen meute Frau nichts entdecken konnte. Eins davon sprang auf mich zu und biß mich in die linke Hand; der Schmerz war sehr heftig, und nur mit Mühe konnte ich das kleine Ungetüm abschütteln. Die Ueberlegung war keinen Augenblick getrübt: ich dachte an die Ratten, die dem vom Delirium tremens Befallenen erscheinen; ich beobachtete, daß die Hand unversehrt geblieben war, und schloß daraus, daß es sich um eine Halluzination handelte. Da mir trotzdem recht ängstlich zumute wurde, so eilte ich aus dem Zimmer. Aber ich kam nun nicht auf unfern Korridor, sondern auf einen sehr hohen und weiten Wandelgang. Sonderbare Menschen mit zum Teil ekelhaft entstellten Gesichtern gingen dort herum. Sie riefen mir zu, ich müßte die eine Hälfte der Tür zumachen und nur den anderen Flügel offen lassen, denn sonst würden die Teuselchen mir folgen. Wiederum bewährte sich die scheinbar nicht angetastete .Vernunft: die Unsinnigkeit des Verlangens bestimmte mich zur Weigerung, obwohl der Schwarm sich jetzt auf den Gang zu ergießen begann. Doch sogleich sagte ich zur Traumgestalt meiner Frau: Wenn ich diese Quälerei nicht mehr aushalten kann, so gib mir Gift; laß mich nur nicht in eine Anstalt bringen, die Wärter sind so roh. Dann endlich verschwand der Traum. Als ich erwachte, schrieb ich sogleich den Inhalt des Traumes nieder, fast wörtlich so, wie er hier erzählt wurde. Es wurde mir klar, daß nur in einem Uebergangszustand solche Gespenster aufflattern — worüber theoretische Erörterungen an anderer Stelle stattfinden sollen —, aber es gelang mir nicht, irgend einen Anlaß für diese besonderen Gebilde herauszufinden. Bei den Träumen vom körperlichen Tod dagegen ist das Motiv in einem äußeren Reiz unschwer zu erkennen. Ich schildere diese Art von Träumen an drei Beispielen. Mir war, als hätte ich mich, angewidert vom Leben und über alle Maßen ermüdet, in die Fluten gestürzt. Mit großer Geschwindigkeit sank ich, und ich fühlte, wie das Wasser dröhnend sich um mich schloß. 9htn ging der Traum manchmal in der Richtung fort, daß eine peinigende Atemnot eintrat und zum Erwachen führte, andere Male jedoch folgte das schöne, das erlösende Bewußtsein: jetzt sei es zu Ende, und zwar in Wahrheit, nicht bloß im Traum. — Es liegt auf der Hand, daß derselbe körperliche Reiz in verschiedener Stärke die abweichende Gestaltung der Bilder hervorrief. Vor Jahren hat sich mir öfter der folgende Traum wiederholt: Jemand stellt mir nach. Ich versuche ihm zu entfliehen. Doch allmählich entsagen die Füße den Dienst, immer matter iverden die eigenen Bewegungen, und immer schneller naht der Mörder. Jetzt hat er mich erreicht. Alle meine Glieder sind gelähmt. Nun zieht er einen Dolch und bohrt ihn mir in die linke Seite. Der Schmerz kann schwer beschrieben werden. Er gleicht kaum' dem Schmerz bei einer wirklichen Schnittwunde: da über-, wiegt das Gefühl einer rauhen Oberfläche, die das knir-, schende Fleisch auseinanderreißt — dieser Schmerz war vielmehr fein, spitz, gewissermaßen mit einem faulig-süßlichen Beigeschmack, aber vor allen Dingen so stark, so. unerträglich, daß ich schließlich mein Bewußtsein verlor und glaubte, ich ginge zugrunde. Eine Zeitlang träumte mir häufig, daß die Decke des Zimmers oder eine andere schwere Masse sich auf mich senkte und mit dem Zermalmen bedrohte. Die Qual be-- gann stets damit, daß ich zu erwachen vermeinte und nun hilflos mit den Händen die dunkle Last wegzustoßen mich mühte. Aber sie überwältigt mich; ich bemerke, wie ich ihr erliege und wie mir die Sinne schwinden. Da endlich erwache ich in Wahrheit. Meine Hände sind krampfhaft gegen die Wand gestemmt. Noch weiß ich nicht, daß es eine ungefährliche Wand ist, weiß nicht, wo ich mich befinde; erst sehr allmählich komme ich zur Klarheit. Merk-, würdigerweise ist mir dieses Sterben immer nur in meinem eigenen Zimmer zuteil geworden. lieber diese Traumerfahrungen spreche ich sehr ruhig, weil sie einige Jahre zurückliegen und inzwischen völlig ausgeblieben sind. Nichtsdestoweniger schließen sich auch heute noch mir beim Zurückdenken einige Betrachtungen an, denen ich damals nachhing. Warum, so fragte und frage ich, nimmt der Traumgott die einen so gütig auf, führt sie auf lachende Gefilde, zu lieben Freunden, durch fröhlich spannende Abenteuer hindurch, und warunt peinigt er die anderen? Ich selber darf über die verhältnismäßig wenigen Todesträume in einer kurzen Zeit der Ueberarbeitung keine Klage führen. Aber ich habe Kinder und Erwachsene kennen gelernt, die an solchen Träumen tropfenweise verblutet sind, deren geistige und leibliche Gesundheit mit immer erneuter und verschärfter Grausam-, keit so zerstört worden ist. Wehe den Unglücklichen, dis selbst im Schlaf von des Schicksals Hand getroffen werden! Und wie ist es mit dem wirklichen Tod? Gute, edle Menschen müssen langsam dahinsterben, mit voller Ein-, sicht in die Unabwendbarkeit ihres Geschickes, mit ge-, steigerten: Bewußtsein aller gegenwärtigen und kommenden Qualen, während andere plötzlich fortgerissen werden ohne Krankheit, Schmerz und Sorge. Warum sind die Lose nicht anders verteilt? Weshalb kann nicht wenigstens in .Bor-, bereitung und Vollzug des Todes eine gewisse Gerechtig-i keit (ich sage nicht Gleichheit) herrschen? Wir schaudern, wenn wir von dem Erstickungstod einiger Unglücklichen bei Feuersbrünsten lesen; bedenken wir, daß viele Herzkranke diese Marter oft, recht oft erleiden. Was ist das ärgste einmalige Ende gegen den ungezählte Male sich wiederholenden Halbtod? Der zum Tode verurteilte Verbrecher weiß, daß, falls ihm nicht bis zu einer bestimmten Stunde die Mitteilung wurde, eine Galgenfrist von vierundzwanzig Stunden ihm unter allen Umständen sicher ist — der Schwerkranke jedoch wird immerfort, unaufhörlich vom Schwert des Todes bedroht. Trotzdem scheint es mir, als ob das eigentliche Sterben uns keine Furcht einzuflößeu braucht. Schlimmer als das Sterben im Traum vermag es wohl nicht zu sein, und ein klareres Bewußtsein wird in den endgültig letzten Augen-, blicken des Lebens schwerlich vorhanden sein. Wer solche Träume gehabt hat, darf sich sagen: Ich weiß, was Sterben heißt; so scheue ich den Tod nicht mehr. Doch er wird innerlich hinzufügen: Möge das Ende kurz und gnädig sein. Nicht einem plötzlichen, unvorhergesehenen Tode will ich das Wort reden, denn es ist roh und sinnlos, ohne jede Ahnung des Geschehenden das Diesseits zu verlassen; nur gegen die Qualen des Kampfes richtet sich der Wunsch. VermißeHSes. • Abenteuer einer Strohwitwe. Sie wollte sich auch einmal einen Jux leisten, die lustige Leipziger Stroh- 508 witwe. Und so machte sie sich nachts auf und ging in ein Cafe. Die elegante Dame siel allgemein auf. Sie setzte sich an einen Tisch und begann git kokettieren. Ihre Nivalinnen von Profession waren entrüstet. Und trinken konnte die sittsame Dame. Fürchterlich! Eierkognak, Bier und diverse Schnapse, das ging nur so hinter die Binde. Und dabei bezahlte sie alles selbst. Keinen Herrn ließ sie in ihre holde Nahe. Dann gings in ein anderes Nachtcafs. Dort wurde dieselbe Komödie fortgesetzt. Dann begann sie plötzlich zu singen und zu pfeifen. Auch eine Zigarette dainpfte sie. Eine freche Person! Das sollte der arme Ehemann wissen! Wer weiß, wo der weilt und sich abmüht. Und die lustige Strohwitwe bummelte weiter. Das dritte, das vierte Nachtcafs! In das fünfte trat sie schon im Cancanschritt. Ist das eine freche Person l Und eine solche rümpft über andere die Nase? Ins sechste Cafe trat sie schwer bezecht. Wie eine so elegante Dame sich nur so beschwipsen kann! Jetzt raucht sie gar Zigarren! Einen Ganzen trinkt sie auf einen Zug! Und die frechen Gebärden! Na, da kommt zum Glück ein Schutzmann. Jawohl, so eine Person gehört auf die Wache! Auf die Wache mit ihr! Und sie wird zur Wache gebracht. Die freche Person lacht noch! Dort hochnotpeinliches Verhör. Aber wer beschreibt das Erstaunen der Anwesenden? Es stellt sich heraus, daß die Strohwitwe gar kein Wesen weiblichen Geschlechts ist, sondern ein Kaufmann aus der Provinz. Auch kein nlklustiger Jüngling ist er, sondern ein würdiger Herr in den Fünfzigern. Er war von seinem Strohwitwerglück so berauscht, daß er sich einmal in Leipzig einen rechten Jux machen wollte. Auch wollte er einmal „von wegen der Schwiegermutter^ Rache am weiblichen Geschlecht nehmen. Nun, beides ist ihm auch im vollsten Maße gelungen. Einen Jux hat er sich gemacht und das weibliche Geschlecht hat er auch in Mißkredit gebracht. Aber der hinkende Bote in Gestalt eines Strafmandats wird sicher noch nachkommen. * Sch au spielerische Individualität- Im zweiten Augustheft des „Knnstwart" schreibt Adolf Wnrds, ein bekannter Dresdener Darsteller, einige bemerkenswerte «-ätze über schauspielerische Individualität nieder- Es möge von diesen Sentenzen das Nachsolgende hier stehen: Was versteht man unter schauspielerischer Individualität? Denkt man dabei an den Menschen an sich oder au seine künstlerischen Eigenschaften? Meist das letztere, obwohl in genialen Begabungen beides sich vereinigt finden kann- Selten ist der eigenartige besondere Schauspieler auch ein sonderbarer eigenartiger Mensch, wie es auch Schriftsteller und andere Künstler oft nicht sind, die enttäuschen, wenn man sie persönlich kennen lernt- Beim Schauspieler, sollte man meinen, dessen künstlerisches Material die eigene Person ist, müßte sie auch iM Leben interessant sein, wenn sie's auf der Bühne ist- Und doch sind Schauspieler, die im Leben, im Gespräch einen starken Persönlichkeitszug aufweisen, auf der Bühne oft ohne Eigenleben, und andere, die uns „draußen" simpel erscheinen, überraschen' uns int, Theater durch starke individuelle Ausgestaltung- — Ter Schauspieler, dessen Inneres verwandlungsfähig bleiben und auf das Klingelzeichen zur Verfügung stehen soll, braucht mehr als jeder andere Künstler die leichtbewegliche Phantasie des Kindes und behauptet sich nur, so lange sie ihm erhalten bleibt- Somit bestünde ein Widerspruch? Es ist keiner, denn nicht die abgeschlossene, ausgeprägte Persönlichkeit ergibt die starke schauspielerische Individualität, sondern im Gegenteil die fluktuierende, die in Bewegung befindliche, die noch nicht zur Ruhe gekommene- Daher erleben wir es wohl, daß Schauspieler beim Aelter- werden einrosten und erstarren, nicht weil ihre Mittel versagten, sondern ihre Phantasie sich verflüchtigt und die Per- sknst^4-ir „sich setzt". Tas Talent ist beim Schauspieler unter allen Umständen die Hauptsache- Aber cs kann Vorkommen, daß ihm die Atmosphäre fehlt, wie es Vorkommen kann, daß dem Talent die geeignete Persönlichkeit fehlt- Tas Talent kann auf das Heroische gerichtet sein und steckt in einer unansehnlichen Figur, oder umgekehrt, es kann im Genre seine Stärke finden, und eine große, wenig bewegliche Gestalt steht überall int Wege; das gleiche gilt von der Stimme- Tas Talent kann lyrisch sein, und den Ausdruck von zarten Empfindungen beeinträchtigt eine rauhe, knarrende Stimme, oder es kann stark im Charak- teriftischen fein, und ein klangvolles, sonores Organ unterbindet die Mannigfaltigkeit. Ohne die Errungenschaften unserer Tage, die Harmonie des sorgsam abgetönten Zusammenspieles, die stimmungsvolle Durchdringung des szenischen Schauplatzes! gering zu werten — es wird aM Ende doch die Persönlichkeit des Schauspielers sein und bleiben, der Reiz, den eine starke Individualität ausübt, was uns an einer Vorstellung als solcher dauernd zu fesseln vermag. Denn sie ist das natürlichste und wirsiamste Sprachrohr der Dichtung, das Medium, dessen sich diese bebtent- Daher wird eine kluge Spielleitung ihre Hauptaush gäbe tn der Pflege der Individualität erblicken, 'sie wird sie an» wegen suchen und wird 'sie nur iM wirklichen Notfall ein»' dummen, nur dann, wenn sie den Rahmen der Dichtung zu sprengen droht- * Was Deutschland an H nur nadeln Verb rau Hw Tre Frisur unserer Frauen toitb bekanntl.'iH durch Haar-f nadelu der verschiedensten Form züsammengehalten- Je voller! das Haar oder je künstlicher der aufgetimnte ^Locken- und Flechten- aufban ist, der die mehr oder weniger schönen Köpfe schmückte desto größer ist natürlich der Bedarf an Nadeln, und desto größer die Metallast, die die Trägerin des Kopfschmuckes mit sich hernm- zuschleppen hat- Tie Menge Eisen, die dazu jährlich verbraucht wird, wird leicht uirterschätzt- Die „Zeitschrift für Volksgesimd- heitspslege" von Tr- Liebe Mit nun eine Berechnung des Eifenverbrauchs an: Rechnen wir, daß von den 31 Millionen Frauen Deutschlands nur 20 Millionen Haarnadeln gebrauchen, und rechnen wir durchschnittlich nur 20 Stück — int wahrsten Sinne des Mortes' — auf den Kopf (die Zahl schwankt natürlich zwischen 5 und 55), dann ergibt das 400 Millionen Haarnadeln- Tas! Gewicht der einzelnen Nadel kann man auf ein Gramm heran», schlagen, folglich das Gewicht aller auf 400 000 Kilogramm, d- h. 8000 Zentner. ,Da von diesen durchschnittlich die Halste jährlich in Verlust gerät, so sind mindestens jedes Jahr 4000 Zentner Haarnadeln neu herzustellen. Doch dürften diese Zahlest noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben- — Wilhelm Belsches B u ch über E r n st Häckel, das nicht nur das Leben und die Weltanschannng des berühmten Jenenser Philosophen in populär fesselnder, feinsinniger Form schildert, sondern auch eine glänzend geschriebene Darstellung der Darwinschen Lehren lind der sogenannten monistischen Weltanschaung enthält, ist soeben in einer billigen Volksansgabe erschienen. Trotz des stattlichen Bandes und sehr aparter Ausstattung ist der Preis vom Verlag (Hermann Seemann Nachfolger, Berlin NW 87) erstaunlich niedrig angesetzt worden, nämlich mit nur M. 1.— und wir wünschen deut interessanten Buch in seinem neuen schmucken Gewand die verdiente weiteste Verbreitung. Goldene Worte. Das nenn' ich einen Weisen: Nie die Wahrheit zu verhehlen, für sie alles a/nss Spiel zu setzen, Leib und Leben, Gut und Blut. Lessing. * Der Weise fragt nicht, ob man ihn auch ehrt. Nur er allein bestimmt sich seinen Wert. Seume. Ukeis-Kätsel. Nach langer Pause unterbreiten wir unseren Abonnenten wieder einmal ein Preisrätsel, diesmal in Form eines Rösselsprunges. Rösselsprung. wird gend trug re Kro- ter mit niß ge schwe- sie In- Wiir- daß benS Al- auf dient Bür- des ist ne Zeug- hält seins lau- von zum er de nes Le- ver- den Da- de nur des recht durch wer sein Loh- Leben gibt sei- ' ge- schö- rech- sie und Haupt Halt dem da- auf- , alt ne ten der nein noch ein geben Richtige Lösungen werden bis zum 4. September entgegen genommen. Die voir uns ausgeworsenen drei Preise werden später bekannt gegeben werden. Auflösung des Bilderrätsels in Nummer 125: Junge Schlemmer, alte Bettler. Dedakti'on r-P--Wi t MotaliWZdruÄ und..Berlag der Br.A. 8 loschen Unmersitüts-Biickl- und, Steindruckeretz R., Lange, Gießen.-'