1907 W W 7- । UKW Menschenleben, die lugen. Roman von H. E h vH a r d t, Verfasserin von „Mitiellose Mädchen" Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Sie schrieb ihr alles, ihre Bestürzung über den uner- warieten Antrag, die eigenmächtige Absage ihrer Eltern, ihr eignes Schwanken und Zweifeln — sie sprach auch von ihrer glühenden Sehnsucht, ihr trostloses, einsames Dasein gegen ein heiteres, ruhiges, behagliches Leben einzutauschen und daß sie bestimmt glaube, wenn sie Ernst Kronau auch nicht mit leidenschaftlicher Schwärmerei liebe, ihm doch von Herzen gut sein zu können und ihm eine treue Frau zu werden. Und das; sie es nicht ertrage, ihn so schroff abgewiesen zu sehen, schrieb sie auch, Hanna solle ihr doch raten» was sie tun könne, es Ernst Kronau wissen zu lassen, daß ihre Eltern sie gar nicht gefragt hatten, ob sie ihn wolle oder nicht. Ob er wohl sehr traurig sei, wollte sie auch wissen und ob er sie denn wirklich so sehr lieb habe. Sie weinte, als sie endlich die dicht beschriebenen Bogen mit ihrem konfusen, verzweifelten Gestammel in das Kuvert steckte. Die Tränen erleichterten ihr schweres Herz. Sie war viel ruhiger geworden. XII. Hanna bekam den Brief, da sie eben im Begriff stand, ihr Boudoir zu verlassen, um sich zu einem der täglichen Spazierritte umzukleiden. Nachdem sie die Zeilen überlesen hatle, lächelte sie etwas spöttisch vor sich hin: „Armer Onkel I" dachte sie, „in deinem Alter sich noch auf solche Kämpfe und Konflikte einlassen zu müssen, ist hart. Aber hast du dir die Suppe eingebrockt, magst du sie auch arisessen.^ Und sie trat an ihren Schreibtisch, schob die eben erhaltenen Briefbogen in ein Kuvert und setzte mit großen, flotten Schriftzügen die Adresse darauf: Herrn Rittergutsbesitzer Kronau aiif Valldorf. Dann klingelte sie und übergab dem eintretenden Diener den Brief zur Besorgiing. Im selben Moment klang draußen eine helle, fröhliche Männerstimme: „Die Herrschaften erwarten mich ja, gar nicht nötig, mich zu melden." Und im Reitanzug erschien Walter von Poseck auf der Schivelle. Die junge Frau hieß ihn mit bestrickender Liebenswürdigkeit ivillkommen. „Wir sind ganz unpünktlich heut, bester Herr von Poseck, mein Mann hat wieder mal was hochwichtiges mit irgend einem Baurat aus Berlin zu bereiten, und ich selbst bin eben jetzt noch durch einen Brief von Marga von Tressenberg vom Wechseln meines Anzugs abgehalten worden. Run soll es aber blitzschnell gehen", sie war schon an der Tür, „in zehn Minuten bin ich wieder da." Es dauerte wirklich nur so lange, bis sie in vollem Reitdreß wieder vor dem jungen Offizier stand. Sie war ganz schwarz gekleidet, nur der weiße Spitzen- schlcier, den sie um den kleinen runden Filzhut geschiungeu hatte, hob das Düstere ihrer Erscheinung, das einen wohl berechneten Effekt zu dem hellen, rötlichen Gold ihres Haares gab. — „Wir waren also so weit!" meinte sie lächelnd, die schivarzen, dänischen Handschuhe über die Finger streifend. Wie auf ein Stichwort erschien auf diese Bemerkung hin Franz und meldete, Herr Landrat bäte die Herrschaften, ohne ihn auszureiten, da die Konferenz ivohl noch eine Weile dauern würbe. Hanna schmollte ein wenig, aber als der junge Offizier sie unten in den Sattel hob, strahlte ihr Gesicht bereits wieder int hellsten Sonnenschein. Während sie nebeneinander die Straße entlang ritten, fragte Walter, an die Bemerkung der jungen Frau anknüpfend: „Wie geht es der Baronesse? Doch gut?" Hanna warf ihm einen scharf musternden Blick zu. „Nun, eigentlich nicht!" sagte sie nach kurzem Besinnen, „eS ist eine diskrete Sache, wegen der sie sich heute an mich wandte, ober Sie sind ein so guter Freund unseres Hauses, daß ich keine Bedenken trage, cs Ihnen anzuvertrauen." Und sie erzählte ihm ihres Onkels späte Heiratsabsichten, sowie ziemlich wortgetreu Mcirgas Brief, dabei ganz unbefangen doch einzelne Stellen desselben besonders betonend, die ein ungünstiges Licht auf den Charakter des jungen Mädchens werfen mußten. Die Absicht, welche sie damit verfolgte, verfehlte nicht ihre Wirkung. Walters ehrliches Gesicht, das schwer etwas zu verbergen verstand, zeigte einen Ausdruck leichter Verstimmung. „Ich hätte Baronesse Marga gar nicht für so berechnend gehalten. Wie kann ein junges Mädchen sich um reiner Äeußerlichkeiten willen einem Manne verkaufen?" Sein Empfinden war wirklich verletzt; das schlichte, anmutige, blonde Geschöpf, dessen herbe Mädchenhaftigkeit er stets mit stolzer Freude beobachtet hatte, war ihm unbemerkt ans Herz gewachsen. Nun begann Hanna die Freundin zu entschuldigen, sehr gut wissend, daß sie damit nur Del ins Feuer goß, anstatt den ausglimmenden Funken seines Mißtrauens zu ersticken. Sie hatte mit wachsendem Unbehagen das Wohlgefallen Posecks an der jungen Freundin bemerkt. Sie hatte absolut kein wärmeres Interesse mehr an dem kleinen blonden Offizier, aber sein Herz beanspruchte sie doch für sich allein. 62 „Ich mag keine anderen Götter neben mit/ Indem sie es dachte, wandte sie ihr schönes, kindliches Gesicht ihrem nachdenklich blickenden Begleiter zu und fragte neckisch: „Nanu, Herr Hauptmann, ich habe wohl eine empfindliche Stelle in Ihrem Herzen berührt, womöglich einem Rivalen meines Onkels Wünsche und Aussichten anvertraut? Hat Marga Ihnen auch so sehr gut gefallen?" Er zögerte sekundenlang, dann flog ein schönes Lächeln über sein treuherziges Gesicht. „Offenheit gegen Offenheit, Frau Hanna!" sagte er warm, „erst im Moment mürbe mirs klar, daß Baroneß Tressenberg mir so gut gefallen hat, wie mir eben überhaupt noch eine zweite Frau gefallen kann." Hannas Hand am Zügel zuckte leicht, ihr ctivas empsind- liches Pferd begann unruhig zu tänzeln und verfiel dann in leichten Trab. Sie hatten soeben die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen und sahen an deni Mauthause der Chaussee bereits die übrige Gesellschast auf sie warten. „Erzählen Sie mir doch noch schnell, wer denil die Erste war, die Ihnen den Geschmack an allen anderen Frauen verdorben hat?" forschte die junge, Frau, ihr Pferd dem seinen näherdrängend. Jeder andere hätte aus der Situation seinen Vorteil gezogen, Walter v. Poseck aber erschrak schon allein über die Worte, welche erregt über seine Lippen kamen: „Erlassen Sie mir lieber die Antivort, verehrte Frau HannaI" in dem Gedanken, damit das Kindergemüt der ahnungslosen Frau beunruhigt zu haben. Hanna hatte die Wimpern gesenkt, nicht um ihre Verlegenheit, sondern um das triumphierende Aufblitzen ihrer Augen zu verschleiern. Er hielt den Ausdruck ihres Gesichts für liebliche Befangenheit und sein Herz quoll über vor Zärtlichkeit. Er hing ja an ihr mit der vergötternden Liebe, die mancher Bruder für seine schöne junge Schwester hegt. Und gleich einer solchen hütete er sie. Er kannte ja gut genug die verwerfliche Moral seiner Kreise. Er wußte, wie viele darauf rechneten, daß die schöne Landrätin sich nicht genügen lassen würde am Alltagsglück der Ehe, sondern den Tag schon sahen, an dem sie nicht mehr so standhaft alle Huldigungen, jedes heiße Begehren abwehrte. Den dicken Eppen, der ihnen als erster begrüßend entgegenritt, fürchtete er für Hanna am meisten. Seine Unterhaltung strotzte meist von gewagten Anzüglichkeiten, die von der jungen Frau geschickt pariert wurden. Waren dritte dabei, so behielt sie ihre vornehme Reserve, die besonders auf Walter von Poseck stets so beruhigend wirkte, daß er leichten Herzens sein Hüteramt für eine Weile im Stich ließ. In Wahrheit kokettierte sie rasend mit dein dicken Rittmeister. Er wußte nie, woran er mit ihr war. Manchmal ging sie bereitwillig auf den freiesten Unterhaltungston ein, sah ihn an, daß ihm ganz schwül wurde unter dem Attila — dann wieder heuchelte sie größte Gleichgiltigkeit, verstand nichts oder wollte nichts verstehen und hatte einen Blick in den grünen Augen, — den verschleierten Blick des Kindes, das noch nichts vom Leben ahnt. Dann stand er völlig entwaffnet da. Oft schon hatte er es aufgegeben, das schöne Rätsel zu lösen, aber wenn beim nächsten Wiedersehen unter den langen dunklen Wimpern das faszinierende Licht der großen Pupillen so verheißungsvoll zu ihm hinflimmerte, war er ihrem Bannkreis von neuem verfallen. Hanna hatte viel Spaß mit ihm. Sie fand ihn im Grunde genommen scheußlich, aber seine brutal zur Schau getragene Leidenschaft reizte sie. So verdorben war sie bereits. Sie stachelte sein Begehren durch ihre Koketterien bis zur Raserei, und sing er von seiner Leidenschaft zu sprechen an, so lachte sie ihn aus. Sie machte sich überhaupt immer lustig über ihn. Und so reizend tat sie's, daß er selbst mitlachen mußte über irgend eine seiner Schwächen. Man mußte ihr eben alles verzeihen, es war gar nicht anders möglich — ihr Liebreiz unterjochte alles. Auch Joachim v. Tressenberg gestand sich das wieder, als er sie an Posecks Seite herankommen sah. Sie ritt eine Rappstute von ungewöhnlich zierlichem Bau, wie geschaffen für ihre zarte, geschmeidige Gestalt, die in dem schwarzen Reitkleide beinahe etwas zu schmal aussah. Aber das diente nur dazu, das Kindliche ihrer Erscheinung noch mehr zu erhöhen. Frau v. Klast sah trotz ihrer ebenfalls schlanken Figur und des nur geringen Altersunterschiedes sehr gereift und frauenhaft neben ihr aus. In heiterem Geplauder ritt die Gesellschaft nun die Chaussee entlang einem nahen Ausflugsorte zu. Dort wurde eine kurze Rast gehalten, im schattigen Wirtschaftsgarten eine kleine Stärkung eingenommen und dann der Heimweg angetreten. Joachinr hatte mit Hanna noch kein Wort gewechselt. Ein paarmal hatten sie sich angesehen, et möglichst kalt, sie sehr unbefangen. Sie strahlte vor Heiterkeit, er wurde immer gleichgültiger. Im Garten hatte man von dem ersten Rennen in Carlshorst gesprochen, überhaupt eine richtige Tursunter- haltung geführt, aber er hatte sich nicht daran beteiligt, obgleich er mit einem Pferde des kleinen Grafen einen ziveiten Preis eingeheimst hatte. Eine lähmende Mahnung knüpfte sich für ihn an dieses Rennen, an den Abend, der ihm folgte. Wie es gekommen, mußte er selbst nicht mehr. Sie hatten ivohl viel getrunken und er war mitgegangeii, wohin ihn die Kameraden geführt. Gewußt hatte er's recht gut, daß man spielte dort. Er hatte mir nicht eingestehen wollen, daß ihm die Mittel dazu fehlten und er war auch so müde gewesen zum Widerstand. Dann hatte ihn der Dämon des klingenden Goldes gefaßt — er hatte gewonnen, mehr, immer mehr — aber zurückziehen, ehe der verlierende Teil nicht den Anstoß dazu gab, war nicht fair und so verlor er eben alles wieder und noch eine beträchtliche Summe darüber. Für den steinreichen, jungen Fabrikherrii, einen Reserveoffizier seines Regiments, an den er verloren, bedeuteten die 2000 Mark ivohl eine Lappalie, für ihn war ihre Herbei- schaffung fast eine Existenzfrage. Er hatte keinen Freund, der ihm in der Not hilfreich beigesprungen iväre. Seine letzte Hoffnung war gewesen, eins seiner drei Pferde zu verkaufen, er hatte ja an zweien genug, aber all seine Versuche waren gescheitert — man ahnte woyl seine Notlage und die Händler drückten den Preis so, daß er die nötige Summe nicht erreicht hätte. Und übermorgen war der fällige Tag — kein Aufschub möglich. Er wunderte sich selbst darüber, daß er heute so ruhig zum Vergnügen ritt, wie alle Tage, während doch die Schlinge um seinen Hals sich immer fester zusammenzog. Er fühlte ordentlich körperlich, wie seine Kehle sich zusammen- preßte. Das Lachen und Scherzen der anderen verklang un- । gehört an seinen Ohren. Sie waren so mit sich beschäftigt, daß sein allmähliches Zurückbleiben kaum bemerkt wurde. Er fuhr erst aus seiner Versunkenheit mif, als die lustige Gesellschaft vor ihm plötzlich anfing zu galoppieren, es galt wohl eine Wette, denn die beiden Damen hatten mit Eppen, der immer für die Bequemlichkeit war, wenn ihm die Wahl frei stand, ihr altes Tempo beibehalten. Und plötzlich kam Hanna an Tresfenbergs Seite. Der Rittmeister sah ein wenig chokiert zurück, doch gebot ihm die Höflichkeit, neben Frau von Klast zu bleiben, deren ganze Aufmerksamkeit dem improvisierten Wettrennen gewidmet war. So beachtete sie Hannas Entfernung nicht. Warum sollte sie sich in ihrer bekannten Liebenswürdigkeit nicht auch des vereinsamten Freiherrn etwas annehmen? Der sah allerdings nicht aus, als wiffe er die Gunst der schönen Landrätin zu schätzen, sein Gesicht hellte sich nicht auf, als sie ihm nahe kam, nein, es verdüsterte sich noch, als sie in seltsamer Hast fragte: „Was ist Ihnen, Baron? Sie drückt etwas. Ich sehe es Ihnen ja an. Können Sie mirs nicht aimertraitf«? Sie iviffen doch, daß ich Sie verstehe." (Fortsetzung folgt.) 63 — Berlin im Jahre 1930. Aus des RegiennigSrats Rudolf Martin durch die Deutsche VerlagSanstalt in Stuttgart veröffentlichten Buche: „Berlin- Bagdad^ drucken wir das Nachfolgende ab, in dem erzählt wird, wie man im Jahre 1930 in Berlin leben und verkehren wird: Berlin hatte sich sehr schnell in die Rolle der Hauchstadt eines Weltreiches hineingefunden. Es zählte sechs Millionen Einwohner. Allerdings einschließlich der Vororte, die längst ein- verleibt waren. Aber trotz dieser furchtbaren Menfchenzahl war der Verkehr >üuf der Leipzigerstraße nicht ärger als 25 Jahre zuvor. Berlin hatte nach allen Richtungen enorme Dimensionen anaeiicmmen. Das Luftschiff und die Flugmaschine hatten die Reichshauptstadt auseinandergezogen. Jnnner mehr hatte sich die Sitte eingebürgert, ganz weit draußen, möglichst im Freien zu wohnen. Im Innern der Stadt aber waren gewaltige Plätze errichtet mit großen Hallen für die Ankunft und Abfahrt der Flugmafchiuen und auch der Luftschiffe. Da man dem vernünftigen Grundsätze nachging, daß bei enter so wichtigen Stadt der Name und die Sache sich deckest nrüsse, so hatte man längst Königs- wnsterhansen, Bernau und Potsdaut einverleibt. Wer eine Flugmaschiue oder ein Luftschiff öffentlich führen wollte, nmßte ein Examen abgelegt haben. Zehntausende hatten sich dieser Prüfung! unterzogen. Es gab im Jahre 1930 im Weichbild von Berlin mehr Flugmaschinen und Luftschiffe als im Jahre 1907 Automobile. Auf den Straßen sah man nicht mehr Automobile als 25 Jahre zuvor. In dem inneren geschlossenen Bezirk der Stadt war es streng verboten, mit Flugmaschinen über die Häuser zu fahren, daS war mir Luftschiffen erlaubt. Und diese mußtet! sich in einer Höhe vott mehr als 250 Metern halten. Wer eine Bestimmung dieser Art verletzte, wurde sofort notiert. Die Notierung der fliegenden Polizei wurde durch Ausnahme einer Photographie, unterstützt, die die Nummer eines fliegenden Luftschiffes auch.aus eine Entfernung feststellte, wo dies mit unbewaffnetem Auge unmöglich war. Aber immerhin gab es bis tief in das alte Berlin und vor allem in seine ehenraligen Vororte Eharlottenburg und Rixdorf hinein breite häuserfreie Bahnen, über betten das Fahren mit Flugmaschinen erlaubt war. Tausende von Personen, die in Berlin beschäftigt waren, wohnten weit außerhalb des Weichbildes von Groß-Berlin, in Neuruppin, in Küstrin, in Bitterfeld oder gar in Mecklenburg oder Thüringen. Wer vom Kreuzberge oder der Siegessäule aus Berlin überblickte, dem mochte am meisten ein Luftschiff auffallen, das in einet Höhe von etwa 1000 Metern sich über der Mitte der Stadt hin und her bewegte. Es war ein Schlachtschiff mit militärischen polizeilichen Insassen. Daneben sielen dem Beobachter in der Ferne in allen vier Himmelsrichtungen je ein großer Turm, höher noch als der Eijetturm in Paris, auf. Der Turm im Osten von Berlin stand in der märkischen Schweiz bei Bukow. Diese Türme dienten als Funkenstationett, als meteorologtsche Stationen,, als polizeiliche sowie militärische Beobachtungsposten und ettoltd) nachts .a ls Leuchttürme. Auf allen vier Türmen, wurde fortgesetzt und ohne Unterbrechung der gesamte Himmel photographiert. Die militärischen wie polizeilichen Behörden waren bet Tag wie bei Nacht darüber unterriastet, ob und welche Lustschtste sich in der Nähe von Berlin befanden. Seit dem Bomoardement von Berlin iuttrbe die Haupt- und Residenzstadt mit ganz besonderer Sorgfalt bewacht. Bor ein bis zwei Jahrhunderten waren in allen Städten die seit der Stüdtegründung eingebürgerten Wachen auf den Türmen und Toren abgeschafft worden. Mit dem Aufkommen des leukbarett Luftschiffes, besonders aber fett den Erfahrungen des Jahres 1916. führte man sie in Deut!ch- land wie anderwärts wieder ein. und in der Tat, selbst tn den Vereinigten Staaten von Amerika hatte sich die Notwendig«!'! städtischer Lustwachtschiffe herausgestellt. Wiederholt ivaren amerikanische Städte von einzelnen Luftpiraten bombardiert und ge- brandschatzt worden. Auch Anarchisten und sonstige flaaWfetnd- liche Elemente hatten sich in Amerika wiederholt dieses Mittels bedient, um ihrer Abneigung gegen die bestehend: Ordnung einen Ausdruck zu geben. „, , , Die Zahl der Millionäre hat sich in den letzten zwanzig Jahren verzehnfacht. Im Jahre 1910 betrug das größte Vermögen an Berlin 70 Millionen Mark. Derjenige, der auf der Stufe der Vermögen an zwanzigster Stelle stand, hatte ein Vermögen von 35 Millionen Mark. Zwanzig Jahre spater aber, im Jahre 1930, betrug das größte Vermögen in Berlin 300 Millionen Mark, und derjenige, der an zwanzigster «teile stand, hatte ein Vermögen von 175 Millionen Mark. Die Bildung der großen Vermögen beruhte auf sehr verschiedenen Ursachen. Aretst warm die Ursachen die gleichen, die heute in Amerika die großen Vermögen herbeigesührt haben. Die größten Reichtümer stammten aus den nach Begründung des Staatenbundes neu «cschlopenen Petroleumquellen in Kleinasien und Obermesopotamien. Dann hat des Ausbringen der Eisenerz-, Bleierz-, Zinkerz-und Silber- erzgruben bei Kvnia in Kleinasien, im Taurusgebirge und ut Kurdisten den wesentlichsten Beitrag zu den großen Vermögen geliefert. Hunderte von einfachen und mehrfachen Millionären im früherer Deutschen Reiche wie in Oesterreich-Ungarn hat.en ihre Vermißen alier lediglich der Bodenspekulation M W? danken. ________ Das Kind und das „Kapuimachsrr". Bon Max Brettfeld. Es gibt eine große Menge Spielzeug, das zuerst die Kinder besticht, gar bald aber tan Ansehen einbüßt und beiseite gelegt wird, weil es ihrem Spieltriebe, ihrem Geiste nicht genug zu tun gibt. Es erregt zunächst durch sein „schönes" Aeußere wohl Staunen und Bewunderung, hat aber nur Reiz, solange es neu ist. Ist der Reiz der Neuheit verblaßt, haben sich die Kinder sattgesehen ian den paar Kunststückchen ihres Spielzeugs, so wen- den sie sich ab oder — was am häufigsten Vorkommen wird —i sie befriedigen ihren Spiel- und Tätigkeitsbetrieb durch das „Kaput- machen". Es ist nur in selteneren Fällen Zerstörungswut, wenn das Kind etwas entzwei macht. Man merkt es ihm übrigens augenblicklich an, ob es etwas kaput macht aus Lust am Zerstören oder aus Wißbegierde oder in Betätigung seines Spiel- Midi Tätigkeitstriebes. In den letzteren Fällen sitzt das Kind meist still da und probiert aufmerksam und bedächtig, bis sich die Teile des Spielzeuges lockern und lösen. Es ist erst daun befriedigt, wenn das Zerstörungswerk gelungen ist. Nicht selten tritt der Fall ein, daß das Kind mit den Trnnr- meril lieber spielt als mit dem Ganzen, weil es mit ihnen mehr ansangen kann, weil sie seinem Geiste mehr zu tun geben. Salr Broneli — in Gottfried Kellers herrlicher Kinderszene aus Romeo und Julia auf dem Dorfe — spielen draußen auf dem Felde mit der Puppe. Der wilde Sali benutzt sie aber aua), einmal als Wurfgeschoß und so nimmt sie Schaden am Knie ihres einzigen Beines. . ... Durch ein kleines Lach sickert die Kleie. Diese wird sorgfältig auf einem flachen Stein zu einem Häufchen gefammelt. Nm dem Ursprung der Kleie nachzuspüren, vergrößern me Kino er das Loch mit den Nägeln. Mäuschenstill, mit offenem Munde scheu sie da und zerlegen geineinsam den Marterleib der Puppe. Das einzige Feste ist noch der Kopf. Sie lösen ihn vom ansge- puetschten Leichnam und gucken erstaunt in das hohle Innere. Nun füllen sie die bedenkliche Höhlung mit der Kleie. Da fangt Sali plötzlich eine glänzende Summfliege. Schnell wird, der Kopf entleert und die Fliege hineingesperrt. Das Loch verstoMn sc-r mit Gras. Die Kinder halten den Kopf an die Ohren, sie setzen ihn seierlich u nd ein gewisses Verständnis für, das Technische hat. Es ist vollkommen falsch, wenn die Eltern einen kleinen Kaputmacher ohne weiteres strafen. Oft tragen sie ja selbst einen Teil der Schuld, wenn sie den Kindern Dinge gekauft haben, mit denen nicht viel anzufangen ist, die nicht verändert werden können nnd beim Spiel keinen Wechsel gestatten, die die Phan- tasie nicht Meegen, der Illusion zu tvenig Anknüpfungspunkt« bieten.^ Erziehe straft, muß er erst untersuchen, hat das Kind das Spielzeug kaput gemacht aus Wrßbegrerde in JBetirtt* gung des Spieltriebes- oder aus bloßem Mutwillen. Nur ut letzterem! Falle ist Strafe, uud dann auch strenge Strafe am Platze, denn es gilt, einen bösen Trieb, zu beschneien. , Oskar Hecker erzählt in em em Briefe an Paul Vildebrana (bem Verfasser einer Monographie über Spielzeug — P. Hildebrand ist ein Verteidiger des naturalistischen und mechanischen! Spielzeugs —) ein typisches Vorkommnis aus seiner, Kindheit: „Einmal erhielt ich von einer Tante ein teures Spielgescyenk, eine Puppenschaukel, auf der zwei Clowns saßen. Man ko mit« — 64 — damit nicht viel, anfangen. Tipp — man stieß es an, dann schaukelte das Ding ein Weilchen. Das war alles. In meinem Zorn richtete ich es«absichtlich zu Grunde, und es setzte dafür! Keile; aber ich war doch wie erlöst." Auch eines köstlichen Streiches aus Goethes Fugend will ich hier noch gedenken. Der kleine Goethe wars allein zu Hause. Er spielte im Geräms vor der Haustür mit tönernen Töpfchen und. Tellerchen. Da weiter nichts dabei herauÄomnlen wollte, ivarf er eins von ihnen auf die Straße und freute sich, daß es so lustig zerbrach. Unter dem ermunternden Beifall und dem Lachen der Brüder von Ochfenstein, die gegenüber zum Fenster heraussahen, schleuderte er sämtliche Schüsselchen, Tiegelchen und Tellerchen gegen das Pflaster. Als sein Vorrat zu Ende war, eilte er in die Küche und plünderte das Topfbrett. Das irdene Geschirr gab ein noch lustigeres Schauspiel. So eilte der kleine Goethe geschäftig hin und her und stürzte alles Geschirr, wie er es der Reihe nach erlangen konnte, ins Verderben, bis endlich jemand kam, zu hindern und zu wehren. Gewiß müssen unsere Kinder dazu erzogen werden, ihr Spielzeug zu halten und cs nicht leichtfertig »der gar mutwillig zu zerstören, aber sie müssen mit ihm muh nach Herzenslust spielen können, ohne Furcht, daß es gleich in Trümmer geht, wenn sie cs einmal herzhaft anfassen oder fallen lassen. Zum Schluffe will ich noch darauf Hinweisen, daß die allgemein gebrauchte Redensart „wenn Kinder still werden, so machen sie gewiß etwas Dummes" in vielen Fällen garnicht zutrifft. Wenn lärmende Kinder beim Spiel, beim Kaputmachcn verstummen, so ist das durchaus nicht eine Folge des bösen Gewissens, sondern meist ein Zeichen gespanntester Aufmerksam- keit und tiefsten Interesses. Wollte man in dem Falle immer strafend dazwischenfahren, so würde man «uf diese Weise oft wertvolle Anlagen des Kindes, die einst gute Früchte hervorbringen könnten, schon im Keim ersticken. Erziehung zur Kunstgeschichte. Bor den Mitgliedern des Stadelschen Museums- Vereins in Frankfurt a. M. sprach Professor Dr. H. W ö l f f l i n - Berlin über „Erziehung zur Kunstgeschichte". Der Redner warf zunächst einen Blick auf den Umfang, den das Stildium der Kunstgeschichte, die heute ja schon in beit Mittelschulen gelehrt wird, erreicht habe. Er bezweifelt, daß die Resultate int Verhältnis zu dem Aufwand stehen, den sie erfordern. Viele begnügen sich, Urteile oberflächlich zu übernehmen. Ein Teil geht weiter, erringt sich das Systematische, stitdiert nach Morclli äußere Merkmale der Meister und glaubt genug zu wissen, wen» er sagen kann, wie Raffael ein Ohr, Boticelli eine Hand zeichnete. Damit ist freilich — und Morelli hat das wohl gewußt — ein Künstler noch nicht erfaßt. Es kommt nicht darauf an, irgend eine Aelrßerlichkeit, sondern die ganze Linie eines Künstlers zu kennen; in einem Vergleich zwischen Hobbema und Ruysdael zeigte Professor Wölfflin sehr anschaulich das Gemeinsame und das Besondere in der Linie dieser Künstler. Höhere Begriffe erschließen sich, wenn man, nicht zufrieden damit, Art und Geschmack eines Künstlers zu kennen, sich in den Rassen- und Volksstil vertieft und z. B. Hobbema und Ruysdael Rubens — dem Landschafter — gegeuüberstellt. Die Stille der Holländer ersetzt der Vläme durch das Tentpo, er versiert auf die Masse als Ganzes, sein Boden hat die Wellen des vlämischen Terrains, das Laitb seiner sich förmlich drehenden Bäume ist in Bewegung, sein Horizont ist hoch — die typischen Unterschiede von Himmel und Erde in beiden Ländern zeigen sich in den Bildern ihrer Maler. Auch in der Menschendarstellung drücken sich die Unterschiede im Landes- und Bolkscharakter aus. Das holländische Sittenbild ist geometrisch und rechtwinkelig, das vlämische voll Pathos und Bewegung. Nicht wenig kündet der Architekturstil das Land: Gegenüber dem schlichten Backstcinban, der zarten Giebelsilhouette der Holländer steht die Wucht der Rubensschen Architektur. Wer Bilder so sieht, gewinnt einen Einblick in die Optik eines Volkes und über die tektonischen Formen in das Leben des Volkes selbst. Es genügt nicht, von der Gotik sagen zu können, man erkenne sie an Spitzbogen und Gewölberippen, sondern man muß das durchgehende Leben der Gotik fühle», das sich auch in der Form des Löffels ansprägt, denn in allem lassen sich die großen Strömungen des Formgeftthls erkennen. Ist nun, so führte der Vortragende, (ernt „Franks. Ztg.", weiter aus, diese Erkenntnis das Ziel der Kunstgeschichte? Der Künstler hat diese Ausgangspunkte nicht. Für ihn dreht sich alles um das Verhältnis zum immer gleichbleibcuden Objekt. Er hat nur das eine Bestreben, Zeichen zu finden für die Natur, die ersieht; von dem gewaltigen Eindruck, den er von ihr empfängt, will er sich befreien. Er fühlt in sich eine leidenschaftliche Aufforderung, jene Landschaft, diesen Kopf zu bezwingen, tvie der Bergsteiger nicht ruht, bis er den Gipfel unter sich hat. Der Künstler steht vor seinem Modell mit geschärften Sinnen, er weiß, daß er mit der Natur nicht konkurrieren kann, sein Be- mühen ist vielmehr darauf gerichtet, zu zeigen, wie das zusammen- gezogene Detail am restlosesten das Modell ausdrücke. Auf die Kraft des zusammenziehenden Sehens, des zeicheilfindenden Könnens kommt es bei ihm an. Welche Freude hat der Beschauer an einem Porträt von Franz Hals! Er spürt, wie hell und groß bei Hals der Intellekt war, wie stark er „herausziehen" konnte, das Bild macht ihn lustig und stärkt ihn. Das Fragment, das ihm sonst entgegentritt, ist hier ersetzt durch etwas Restloses und Geschlossenes, er hat den ganzen Menschen vor sich und weiß, mit wem er es zu tun hat. Bei größeren Komplexen verstärkt sich die freudespendende Kraft des Bildes so, daß sich der Beschauer vervielfacht vorkommt, wie es etwa einem Quartettspieler ergehen mag, der den Klang der anderen Stimmen mitgenießt und alle als Ganzes empfindet. Von solcher Intensität ist der Genuß z. V. vor Rubens, oder vor einer gotischen Fassade, die wie Rubens ein Gesamtsehcn verlangt, das freilich nicht jedem gegeben ist. Kunstwerke, die diese Note des Zusaimnenschlusses und der geprägten Form tragen, Werke, die ganz auf sich ruhen, sind unabhängig von Zeit und Land, unabhängig von der Gewandung und dem Zeitstil. Zu ihnen, die über das hiuaus- gehen, was sich immer ändert, über Stile und Strömungen, die aushören, zu ihnen, die alle Seiten und Menschen binden, ist zu erziehen. Vermischtes. * Edisons Zigarren. Edison, so erzählt der „Cri de Paris", ist sehr zerstreut. Die Geschichten, die von seiner Geistesabwesenheit erzählt werden, sind in den Bereinigten Staaten nicht minder verbreitet, als die Anekdoten, die von Newton, Ampöre oder Mommsen erzählen. Eine der jüngsten dieser Geschichten beschäftigt sich mit Edisons Zigarren. Edison ist eilt unverbesserlicher Raucher; er hat immer eine Zigarre im Munde, und zwar eine recht teure. Indessen achtet er nicht viel aus die Qualität des Tabaks, von dem er die dichten Rauchwolken ausstößt und die „echten Havannas", die ihm sein Zigarrenhändler ins HauS schickt, finden an ihm keinen aufmerksamen Beurteiler. Eines Tages läßt er sich wieder ein Dutzend Kisten mit Zigarren kommen und stellt sie in seinem Bureau aus, um sie beständig zur Hand zu haben. Eine Woche später sind alle Kisten leer. „Es ist doch unmöglich", so denkt er bei sich, „daß ich in so kurzer Zeit zwölf Kisten zu hundert Zigarren aus- geraucht habe. Aber es kommen ja soviel Leute in mein Bureau; denen will ich es einmal zeigen, daß sie nicht immer ans meine Kosten rauchen dürfen." Als erfinderischer Geist hat er auch gleich einen guten Einfall und schreibt cm seinen Zigarrenhändler, er möge ihm sechs Kisten mit Scherzzigarren schicken, die aus Tabak, Lumpen nnd Haaren gefertigt sind, aber wie richtige Zigarren aussxhen. Die Bestellung wird pünktlich ausgeführt. Einen Monat später besucht der Kaufmann Edison. „Nun, wie sind Sie zufrieden?" „Womit?" „Mit Ihren Zigarren." „Mit welchen Zigarren?" „Mit der besonderen Art, die Sie bei mir bestellt haben: Tabak, Lumpen, Haare." „Die haben Sie mir geschickt?" „Natürlich, und ich sehe, die Kisten sind schon wieder leer." „Die Kisten sind schon wieder, leer?" Edison steht einen Augenblick in Nachsinnen versunken, dann bricht er in Lachen aus. „Also die Zigarren rauche ich jetzt. Sie schmecken vorzüglich." Er hatte ganz seinen Trick vergessen und nicht einmal bemerkt, was sür eine furchtbare „Mischung" er rauchte. Seine Besucher aber waren llüger als er, und fuhren unterdessen fort, die Kisten mit den guten Zigarren zu leeren. — Wenn das Geschichtchen nicht wahr sein sollte, so ist's doch nicht übel erfunden. Magisches Zahlenquadrat. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehenden Quadrats sollen die ziffern 7 15 34 33 viermal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in jeder der senkrechten, wagerechten und Diagonalreihen stets 79 beträgt. ^Auflösung in nächster Nummer.? Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Falke, Falte, zu Fallet Redaktion: Ernst Heß« — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersttäts-Buch» und Steindruckerel, R. Lange, Gieße«.