Samstag den Z6. Aktoöer «ZA TOI M - - s hl W Vi g R Auf der eigSNtu Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) ^Fortsetzung.) Die Aussagen des zweiten Zeugen gestalteten sich wesentlich einfacher; cs war ein an der Hildmbrand-Siraße wohncndenr Rentier, der um die britische Stunde auf dem Nachhausewege begriffen gewesen tvar. Schon aus der Ferne hatte er einen stark taumelnden Menschen wahrgenommen, der von einem Begleiter immer wieder in die Höhe und vorangezerrt worden war. Schließlich ' fei der Trunkene liegen geblieben und sein Begleiter habe sich mit raschen Schritten nach der Bellevuestraße zu entfernt. Er sei direkt an ihm vorbeigekommen, doch zu rasch gegangen und es sei auch zu dunkel in der Tiergartenstraße gewesen, als daß der Zeuge den anderen der Gestalt oder gar dem Gesicht nach hätte erkennen können. Immerhin wußte er an- zugeben, daß es sich um einen schlanken, elegant Gekleideten, der seines Erinnerns einen hellbraunen Sommerpaletot getragen, gehandelt habe. „Haben Sie beobachtet, was aus dem hilflos am Boden Liegenden weiter wurde?" fragte der Rat. Der Zeuge nickte. „Allerdings. Ich stand etwas in meiner Straße zurück, konnte aber die Tiergartenstraße hinaufsehen. Ich gebe mich nicht gern mit Leuten in solchem Zustand ab und wollte auf einen Nachtschutzmann warten, um ihn auf den Berauschten aufmerksam zu machen. Etwa nach drei Minuten kam in der gleichen Richtung, die der Trunkene zuvor befolgt, ein Mann, der gerade so aussah, wie dec zuvor an mir Borbeigeschrittene, er konnte es aber natürlich nicht sein, weil dieser sich doch in entgegengesetzter Richtung entfernt hatte. Der neue hatte es augenscheinlich eilig. Er stolperte über den am Boden Liegenden. Dann nahm ich wahr, wie er inne hielt, sich über den Menschen beugte und auf ihn fragend einsprach. Er bekam indessen keine Antwort, denn der Mensch am Boden war so ziemlich fertig, der konnte nicht einmal mehr „Lärchelchen" sagen." „Machte der Neuankommende auf Sie den Eindruck, als sei er mit dem Betrunkenen bekannt?" forschte der Rat. „Durchaus nicht. Er erging sich nur in allgemeinen Redensarten über betrunkenes Gesindel und „man könne den Menschen doch nicht hilflos liegen lassen." Unwillkürlich ging ich näher an die beiden Herren und sprach den Hilfreichen an. Der meinte, in der rauhen Oktobernacht den Betrunkenen nicht auf bcm Pflaster liegen lassen zu wollen; er wollte ihn bis zu dem Potsdamer Platz schleppen, falls er nicht zuvor einen Wagen auftreiben könnte. Das tat er denn auch. Er packte den nur noch sirinlos Lallenden beim Arme und zog ihn mit sich. Dabei schrie er unablässig nach einer Droschke." „Fiel Ihnen an dem Manne etwas auf?" „Sie meinen, ob ich ihn mir genau angesehen habe? Dafür war es zu dunkel. So viel ich sehen konnte, befand sich der Herr, denn um einen solchen handelte es sich augenscheinlich, in Gesellschaftskleidung und trug einen ähnlichen Ueberrock, wie ich ihn selbst anhabe . ,. übrigens schien er ein Ausländer, vielleicht ein Russe oder dergleichen zu sein, denn er schnarrte auffallend, obgleich er ganz geläufig sprach." „Weiter hörten und gewahrten Sie nichts?" „Nichts", versicherte der Zeuge. „Erft heute früh, als ich beim Kaffe die Mordgeschichte in der Zeitung las, dachte ich, cs müßte sich wohl nm den von mir beobachteten Fall handeltt. Ich zog mich deshalb sofort an und kam hierher." Als auch dieser zweite Zeuge seine Aussagen unterschrieben hatte und entlassen worden war, wendete sich Hansemann, von seinem Schreibtisch sich erhebend, an den Detektiv und trat hinter den völlig in seine Arbeit Vertieften. „Die Sache klärt und verwickelt sich zugleich", meinte er. „Sie würden gut tun, sich einmal nach diesem merkwürdiges Doppelgänger von Ihnen umzuschauen." „Möchten Sie lieber nicht einen anderen Ihrer Beamten mit dieser Aufgabe betrauen?" gab Malden, ohne von seiner Schreiberei aufzuschauen, zurück. „Da ich mir ohnehin schon halb und halb verdächtig vorkomme ... ich kann doch unmöglich auf, der eigentlichen Spur verwendet werden." „Sie kleiner Schäker!" drohte Hansemann im Scherz. Er beugte sich üblr die Arbeit des Detektivs. „Was machen Sie denn da? Ah so, das betrifft Kollege Kneift?" Und als Walden nur zustimmend nickte, bemerkte der Rat: „Heute werden Sie sich schon unserer Sache widmen müssen, denn bei aller schuldigen Kollegialität kann ich meinen tüchtigsten Mitarbeiter nicht missen." Er unterbarch sich, denn an der Tür war geklopft worden und auf sein Herein trat Kommissar Thornmen ins Zimmer. Er stutzte, als er außer dem Rat auch Walden erblickte. „Nun, Ihrer Miene nach bringen Sie schon etwas Positives!" fragte Hansemann, der ganz auf seine Zusicherung vom verflossenen Abend vergessen hatte; dann, als er den zwinkernden Blick des Kommissars und zugleich vernahm, wie dieser ihm das Schmuckfragment verstohlen zeigte, begriff er, sagte aber gleichwohl: „Reden Sic nur ruhig, ich habe vor Walden kein Geheimnis, zudem sind wir inzwischen wieder ein Stück weiter gekommen . . . Sie haben meinen Auftrag bereits ausgeführt und die T.'sche Juwelierfirma ausgesucht?" Thornmen blieb nun nichts anderes übrig, als Bericht zu erstatten. Hansemann hielt mit seiner Anerkennung zurück. „Das nenne ich Glück!" meinte er, sich vor seinem Schreibtisch wieder niederlassend und dem Detektiv bedeutend, seine Arbeit zu unterbrechen und sich ihnen zuzugesellen. „Wir haben somit den. Beweis zur Hand, daß John Baker wirklich seine letzte Gastrolle en der Selkenbach'schen Billa gespielt hat. Der Geheimrat ist also wirklich in der empfindlichsten Weise bestohlen worden . . und dabei dürfte dieses Halsband nicht den ganzen Raub dar- stellcn . . . wieviel hat cs gleich gekostet?" wendete er sich fragend an Thornmen. „Eine Viertelmillion", antwortete dieser. Der Rat schlug die Hände zusammen und lehnte sich tiefer im Sessel zurück. „Nun, das läßt tief blicken. Ein solcher Verlust trifft auch einen Börsenfürsten vom Schlage des Geheimrats Selkenbach empfindlich . . . und zugleich wirft die Affäre auch 634 — ein merkwürdiges Licht auf die Natur der "timt ihm zugleich tier- mitzten Geschäftspapiere. Um diese zurückzuerlangen, wollte er nicht nur auf die Zurückerstattung der entwendeten Wertsachen verzichten, sondern er bot mir für das Znstandebringen einer gütlichen Vermittlung zwischen ihm und dem Einbrecher — die Erweisung eines Freundschaftsdienstes nannte er es! — eine Belohnung timt vielen Tausenden an, deren Höhe festzusehen mir von seiner Großmut überlassen war. Ich wäre in der Tat neugierig, den Inhalt dieser Dokumente kennen zu lernen! „Ich kenne den Inhalt!" „Der Rat fuhr herum und starrte betroffen Walden an, als begriffe er nicht, daß dieser eben in ruhigem, sachlicheti Tone zu ihm gesprochen haben konnte. „Sie kennen den Inhalt — Sie?" hastete er. Aber Men- fchenskind, woher kommt Ihnen eine solch überraschende Kenntnis?" Walden schien weder das Erstaunen seines Vorgesetzten, noch den witternden Fuchsblick des Kommissars zu gewahren. „Sic werden sich um Auskunft fchon an Herrn Rat Kneift wenden müssen," meinte er gelassen, „zumal mir dienstlich strenges Schweiggebot gegen jedweden auferlegt worden ist. Immerhin fühle ich mich zn der Mitteilung berechtigt, daß offenbar dieselben Geschäftspapiere, welche Geheimrat Selkenbach entwendet w-urden und deren Verlust dieser eine solch weittragende Bedeutung beimißt, gestern mit_ der ersten Morgenpost unter Deckkutiert, jedoch ohne jegliche sonstige Mitteilung, hier im Polizeipräsidium eingetrosscit sind . . . mehr noch, der Inhalt dieser Papiere ist ein für Selkenbach derartig kompromittierender, daß Rat Kneift Wohl gerade eben mit dem Untersuchungsrichter beim Landgericht I wegen Verhaftung des Bankiers und seiner Mitschuldigen sich ins Einvernehmen setzt." „Heiliger Brahma!" Hansemann war aufgesprungen und stand nun in starrer Verwunderung vor dem keine Miene verziehenden Detektiv. „Sie sprechen in lauter Rätseln! Was liegt da vor?" „Aktienschwindeleien, bei denen es sich um Millionen handelt, so viel darf ich wohl andeuten, Herr Rat. Es handelt sich nm Machenschaften bei der sogenannten Brandenburgischen Bürgerbank. Die Angelegenheit ist umso vorsichtigerer und diskreterer Behandlung, als die beteiligteren Bankiers Mißbrauch mit allerhöchsten Persönlichkeiten getrieben und es verstanden haben, unter feiern Deckmantel des Protektorats einer ungemein hochstehenden Frau ebenso kühne wie beispiellos dastehende Schwin- deleien zu inszenieren, deren Betrag, wie fchon gesagt, hoch in die Millionen geht. Wie schon jetzt feststeht, ist das ganze Aktienkapital der unlängst gegründeten Bürgerbank, zu welchem die weitesten Bevölkerungskreise eben im Vertrauen auf das Hochmögcrtde Protektorat beigetragen, in die Taschen gewissenloser Finanz- hyänen gewandert . . . unb Geheimrat Selkenbach trifft in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Aufsichtsrats die Hauptschuld. Die ihm entwendeten und anonym uns eingereichten Dokumente umfassen die gesamte Korrespondenz unter den Schuldigen, sowie den Verteilungsplan der Beute." Hansemann schien langsam aus seiner Erstarrung wieder zu erwachen. „Na, das gibt ja einen recht niedlichen Skandal!" äußerte er. „Die Sache ist sonnenklar!" rief er, wieder vor den beiden Beamten stehen bleibend. „Der Einbrecher, welcher die Schmuckstücke raubte, bemächtigte sich auch der Geschäftspapiere. Diesen Mann kennen wir, er liegt tot, ermordet von seinem Helfershelfer, im Leichenhaus. Folglich kann nur dieser letztere die Papiere in ein Kuvert geschlossen und ans Polizeipräsidium geschickt haben." „Zweifellos," bestätigte Walden mit dem vorigen Gleichmut. „Wenn ich dieses Kuvert nur sehen könnte. . . Rat Kneift hat es verwahrt?" „So ist es, er hat's mit den Papieren zur Konferenz ge- nomtnen. Ich kann Ihnen jedoch Auskunft erteilen. Es handelt sich um ein gewöhnliches Kuvert ohne Merkmale, wie man es in jeder Schre.ibwarenhandlung zu kaufen bekommt. Die Adresse ist offenbar mit der linken Hand gefertigt, bietet also auch keinerlei Handhabe. Der Aufgabestempel ist der des Bahnhofspostamts am Potsdamer! Platz und weist als Zeitbestimmung 1—4 Uhr früh auf!" „Ich meine, man müßte Selkenbach sofort auf die Bude Mcken," warf Thommen dazwischen. Hansemann nickte. „Der Meinung bin ich auch." Walden widersprach in seiner kühlen, zurückhaltenden Weise. >,Darf ich mir einen Rat erlauben, so wäre es der, die Zurück- kunft von Rat Küeist abzuwarten; er dürfte ohnedies nicht mehr lange ausbleiben. Da zweifellos zur Verhaftung des Bankiers geschritten werden pnd an diese eine umfassende Haussuchung ! sich anschließen dürfte, so ließen sich wohl und mit besserer! ? Aussicht auf Erfolg beide Vorhaben vereinigen." „Da haben Sie wieder Recht", entschied Hansemann. Kopf-, schüttelnd betrachtete er den Detektiv. „Mann, wo Sie nur Ihr Fischblut hernehmen mögen!" ereiferte er sich von neuem. „Sie tun, als berühre Sie die Geschichte gar nicht . . . und mir kribbelts in allen Fingerspitzen. Ich bin doch auch ein alter Praktikus. Doch um diese himmlische Ruhe beneide ich Sic!" Ein mattes Lächeln stahl sich um Waldens Lippen, um! indessen sofort wieder unterzutauchen. „Ich glaube, ich bin abgespannt ... es war die Tage über viel für mich zu tun — das ist alles", meinte er, sich erhebend. Dr. Schulz und der! Gehilfe aus der Askauischeu Apotheke sollen bereits draußen sein — ich werde einmal nachsehen", lenkte er ab. Er kam indessen nicht bis zur Ausgangstür, denn eben tourfee diese durch den Nuntius geöffnet und dieser trat mit der Meldung ein, daß sich draußen ein Kunstmaler Andreas Witte! befinde, der in dringlicher Angelegenheit Rat Hansemann unverzüglich äu sprechen verlange. „Nun wird's Tag!" platzte der Rat heraus. „Der wagt; sich in die Höhle des Löwen? . . . Herein mit ihm, aber sofort!" Er winkte den beiden anderen, die sich entfernen wollten, zn< „Nichts da, nut hiergeblieben, meine Herren", entschied er. „Sie können ruhig mit anhören, was mein Besucher mir mit» zuteilen hat!" Elftes Kapitel. Die Minute daraus betrat Witte das Zimmer. Heute befand er sich in kurzem Sakkoanzug, über welchem er jedoch seinen modefarbenen Herbstpaletot trug. Et hielt eine aufgeschlagene Zeitung in der Hand und befand sich augenscheinlich in derartig hochgradiger Erregung, daß er kaum Zeit fand, den Rat zu begrüßen, geschweige den sonst im Zimmer Befindlichen einen mehr als flüchtigen Blick zuzuwerfen. „Nun, Sie scheinen ja Feuer und Flamme!" begrüßte ihn Hansemann in seiner gewohnten jovialen Weise. „Wo brennt's denn?" Er deutete lachend auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich und kommen Sie erst wieder zu Atem." Doch Witte, in dessen männlich schönen Zagen eine gewaltige Erregung nachzitterte, hörte gar nicht auf die Einladung. „Herr Rat, Sie sehen mich in furchtbarer Bestürzung!" begann er atemlos, zugleich auf die Zeitung in seiner Hand deutend. „Soeben habe ich das Blatt hier zur Hand bekommen. Es enthält die Schilderung eines in verwichener Nacht in einer Droschke verübten Verbrechens." „Ganz richtig, ein solches beschäftigt uns gegenwärtig t—: aber nehmen Sie doch Platz!" (Fortsetzung folgt.) Zum 150. Geburtstage des Areißerrn von Sinn. (26. Oktober 1907.) Wer das geheime Walten der Natur in ihren Formen und Gestalten beobachtet, wird erkennen, daß auch dieser Allmeisterin gewaltige Hervorbringungen ihres ewigen Zeugungsdranges nicht immer auf den ersten Wurf gelingen. Sie scheint sich zuerst in Ansätzen in großzügigen Versuchen zu entladen, bis dann das vollkommeile Werk in ganzer Kraft und Größe hervortritt. Für das geistige Phänomen einer reichsten Menschenentfaltung, wie es sich in Goethe darbot, hat man auf solche Vorläufergestalten hingewiesen, einen Günther, einen Lenz, in denen der gleiche Trieb eines dichterischen Weltumfassens sich chaotisch regte, aber es waren zwar auserwählte, doch nicht reif befundene und darum verworfene Formen, dunkle Regungen eines nicht zur Vollendung gelangten Triebes in der deutschen KNltur. Wo aber das Sehnen und Trachten eines ganzen Volkes machtvoll zum Lichte ringt, ivo die tiesen Seelenströmungen der Nation mit fortreißender Gewalt zusammenschließen wollen, da mag auch die Gestalt des Vorläufers schon etwas von der Majestät des späteren Erfüllers umglänzen, da gibt die Persönlichkeit dessen, der da kommen soll, von der weiterwirkenden Kraft des Volkswillens, der in ihm zuerst Gestalt wurde. In einem solchen Zusammenhänge mögen uns wohl heute die beiden leuchtendsten Verkörperungen des deutschen Einheitsgedankens, mögen uns Stein und Bismarck erscheinen, der eine, auferweckt in seines Landes schwerster Zeit wie der alten Propheten einer, die.Stimme. eines Predigers in der Wüste, dessen Wsion vom einigen Deutschland fast noch als Schwärmerei erschien; der andere, der Vollbringer all der stolzen Pläne, die sein Vorläufer mehr geahnt, der Schöpfer des Werkes, dessen ganze Anlage und Entwurf in großen Zügen vor der Seele Steins gestanden hatte. Stein ist der erste Staatsmann gewesen, in dessen Geist das neue Ideal eines nationalen Staates als eines von innen heraus wirkenden Organismus aus- tauchte und der in praktischen Reformen sein Ziel zu verwirklichen strebte, und eine tiefe Tragik liegt in seinem Schicksal, das ihm im entscheidenen Moment die freie Möglichkeit des unbeschränkten Wirkens versagte, ihn durch widrige Zufälle von der Ausführung seiner zukunftvvllsten Ideen abhielt und ihn so als eine geistige Macht von höchster Bedeutung doch im Hintergründe stehen ließ. An Bismarcks Wesen können wir vielleicht heute ermessen, welch' geringfügiger Elemente des Genies diesem großartigen Manne zum Sieger und Vollender fehlten, warum die Mischung seines Temperaments und Charakters nicht den glocken- reinen Klang und die eherne Festigkeit zugleich hatte, die den höchsten Erfolg verbürgt. Ihm fehlte die diplomatische Geschmeidigkeit, die spielende Gewandtheit in staatsmännischen Verhandlungen, und ein echter suror teutonicus, eine leidenschaftliche Wildheit brachen bisweilen in ihm durch und drohten das feine Gewebe seiner Pläne zu zerreißen« er 1808 seinen Platz am Steuerruder Preußens verlassen, sein eigenes Werk wieder zu vernichten. Darum mußte sich gewaltsam herausreißen aus dem segensreichen Fortgang seiner Neuerungen und geächtet von Napoleons Haß mit ansehen, wie sein Werk ein Torso blieb. „Dieser vulkanische Geist konnte seine vaterländischen Hoffnungen nicht auf die Dauer schweigsam in sich verschließen — das war sein Charakter und also sein Schicksal", so hat es Treitschke formuliert. Wohl fehlte ihm so ein letzter Tropfen seines heiligen Oeles, mit dem die Könige im Reich der Geister gesalbt werden, aber in seiner Zeit und unter seinem Volk stand er unbestritten als die machtvollste Persönlichkeit da, aufrecht und stark wie eine alte Eiche des germanischen Waldes, um die sich die Stammesgenossen scharen, bei der sie Schutz und Rettung suchen. Dus jahrhundertelange Sehnen und Trachten des deutschen Volkes nach seinem Waterlande, es war in Stein gleichsam Person geworden; sein Name ist uns heute das Symbol aller der ringenden und strebenden Mächte, die aus Zerrissenheit und Knechtschaft empor zur Freiheit und Einigkeit einen Weg sich bahnen wollten. Und dem Sohne des altangesessenen, reichsfreiherrlichen Hanfes Stein, das sich allen Fürsten des Reiches gleichdünkte, war der Gedanke der deutschen Einheit schon „in die Wiege gebunden". Um die väterliche Burg zu Nassau dehnte sich das bunte Ländergewirr der Kleinstaaterei, aber sein Blick schweifte früh hinaus über alle engeren Interessen der Einzelstaaten und wandte sich dem ganzen Waterlande zu, das dereinst unter den Sachsenkaisern ein mächtiges, glückliches Reich gewesen. Ein unerschütterlicher Glaube an die Zukunft und Urkraft der Deutschen beseelte den Jiingling, der sich mit Begeisterung den: Studium uuserer Wergangenheit zuwandte, ohne dabei während seiner Lehrjahre in Göttingen den Blick für die Gegenwart, für die Bedeutung der französischen und besonders englischen Institutionen zu verlieren. In jungen Jahren kannte er auch die lebendige Macht, die im preußischen Staate lebte, und ier als Protestant mitten in einem sonst katholischen Lande fühlte sich zu der protestantischen Großmacht hingezogen, bewahrte sich aber sogleich eine weitschauende, objektive Stellung. Bismarck bemerkt einmal in den „Gedanken und Erinnerungen", daß die besten Diplomaten ;Preußens k e i n e „p r e u h i s ch e n U r p r o d u k t e" gewesen feien. „Es ist, als ob unsere Staatsmänner wie die Bäume in den Baumschulen zu voller Wurzelbildung der Versetzung bedürften." Die Versetzung in anderen Boden, die volle Entfaltung seiner Fähigkeit fand Stein während seiner von weitreichenden Erfolgen getragenen Tätigkeit in Westfalen« Hier nahm er die Ideen auf, die Justus Möser aus der Betrachtung des deutschen Volkstums, aus der Anknüpfung an altgermanische Ueberlieferungen gewonnen hatte. Auf diesem historischen Boden, auf dem die Bauern noch in ungebrochener Kraft saßen, wie sie später Immer- manu im „Oberhof" geschildert, in dieser engen tätigen Verbindung mit den in ruhiger Entwickelung gewordenen Verhältnissen formte sich eine Weltanschauung, die eine Aufhebung aller mittelalterlichen Ueberreste in Wirtschaft und Politik anstrebte und immer an das Gewordene anknüpfend weiteren Schichten eine Anteilnahme an der Verwaltung ermöglichen wollte. Ein Feind der Bureaukratie, der Federfuchser, die nur schreiben und nicht ins Leben handelnd eingreifen, setzte er als Oberpräsident von Münster eine Vereinfachung der Geschäftsführung, eine Verminderung der Schreiberei durch und drang auf eine Dezentralisation der schwerfälligen Regierungsformen, ans Selbstverwaltung, reformierte die Landstände, die Städteordnung« schuf eine Neuorganisation -der Behörden, der Steuern^ der Schulen, des Heerwesens. Noch weiter gingen seine Pläne, als sein Ziel, das ihm deutlich vorschwebte, bezeichnete er „die gänzliche Freiheit der Person und des Eigentums". In vorbildlicher Form hat Stein durch diese seine erste Verwaltungstätigkeit einen neuen Geist, eine neue; Art des öffentlichen Lebens zum ersten Mal durchgeführt« Es war ein glänzend gelungener Versuch, der nun auf ein größeres Gebiet ausgedehnt werden sollte. Der Oberpräsident von Westfalen wurde zum Helden der Regeneration! von Preußen. Die Staatsideen, die Stein in Zeit in sich aufreifen ließ und befestigte, sind auf der politisches Freiheit des Volkes aufgebaut; sie wollen den Einzelnen; zum tätigen Mitglied des Ganzen erziehen und sie knüpfen an die einfachen und freieren Anschauungen der Altvorderen ebenso an wie an die große Zeit unserer idealen Bildung und erhabensten Kultur; „sie berühren sich", sagt Treitschke, „so nahe mit dem sittlichen Ernst der Kantischeü Philosophie und dem wiedererwachenden historischen Sinne' der deutschen Wissenschaft, daß sie uns Nachlebenden wie' der politische Niederschlag der klassischen Zeit unserer Literatur erscheinen." Die unveräußerlichen Menschenrechte; eines jeden vertrat der Reichsfteiherr, der über allen kleinlichen Privilegien und Vorrechten stand, so energisch, daß er von den in ihren Standesvorurteilen befangenen Aristokraten als ein Revolutionär verschrieen wurde. Wohl hatte er sich mit freieren englischen und französischen Anschauungen erfüllt, aber nie verlor er den Respekt vor der Autorität des Gewordenen. Eine Verfassung bilden, sagt er, heißt das Gegenwärtige aus dem Vergangenen entwickeln. So hat er sich denn anch bald von dem Einfluß Montesquiens und der französischen Revolution frei gemacht. Statt dessen entwickelte sich als treibende Grundkraft seines Wesens ein leidenschaftlicher Franzosenhaß, der sich dann zu einer tief erregenden, sein Innerstes aufwühlenden Verfluchung Napoleons als der Inkarnation; alles Bösen steigerte. Der große Korse hat keinen entschlosseneren, keinen zäheren Gegner gehabt als den deutschen Freiherrn von Stein. Ein unversöhnlicher Gegensatz der Charaktere, eine physische und moralische' Antipathie lag diesem dämonisch starken Gefühl im Tiefstes zu Grunde und als äußeres Zeichen dieser einzigartigen! Gegnerschaft kann die Acht gelten, die Napoleon über Steiw verhängte und durch die er dem verbannten Staatsmann; wie einer souveränen Macht den Krieg erklärte. Einen! Kampf auf Leben und Tod hatte Stein mit Frankreich begonnen, als er die ungeheure Umwälzung in der inneren und äußeren Stellung Preußens mit seiner Reform begann« Das hatte Napoleon erkannt, und mit der brutalen Gewalt! des Angegriffenen, der sich eines gefährlichen Gegners mit! allen Mitteln wehrt, machte er ihn zum Friedlosen, der von Land zn Land ziehen mußte, auch in Oesterreich nur ungern geduldet, bis er beim Zaren Alexander eine Zufluchtsstätte fand und in dem Einfluß, den er aus dest 636 jungen Herrscher gewann, eine neue furchtbare Waffe gegen den „Feind der Zivilisation und Europas" schmiedete. Auch geächtet und arm blieb „le nomms Stein" noch eine geistige Macht, der Mittelpunkt aller patriotischen Ideale, wie er in seinem kurzen einjährigen Wirken als leitender Minister alle Keime einer glücklichen Wiedergeburt mit segnender Hand ausgestreut hatte. Widerwillig hatte einst Friedrich Wilhelm III. die Dienste des alten Ueberlegenen, ungestüm Auftretenden mit den Worten angenommen: „Ich gab nach;" nun konnte ein Freund und Mitarbeiter Steins die Stimmung am Hofe bald in den Satz zusammenfassen: „Stein ist das Orakel". Seine Reformarbeit griff entscheidend in alle Teile der Regierung ein. Volkstümliche und nationale Gedanken waren es, von denen all seine Erlasse getragen wurden. Die Befreiung des Landvolkes, die er nun durchführte, die einheitliche Gliederung des Kerwaltungswesens, vor allem die geniale Städteordnung, die so ganz von seinen persönlichen Anschauungen, seinen Jugendeindrücken der alten Rheinstädte durchdrungen ist, endlich sein Plan einer Verfassung, die eine andere verantwortlichere Stellung der Minister dem König gegenüber forderte und die Teilnahme von Volksvertretern an der Gesetzgebung vorschlug, das sind die wichtigsten Punkte dieses großzügigen Entwurfes, „des Größten und Kühnsten, was der politische Idealismus der Deutschen je gedacht hatte". Ein neues Staatsideal der Freiheit und engsten Bindung zugleich, großer allgemeiner Ideen und subjektiver Selbständigkeit, wie es Wilhelm von Humboldt theoretisch verfochten, war hier praktisch mit genialem Blick erfaßt. Steins plötzlicher Sturz zerstörte den ruhigen Ausbau dieser grandiosen Grundlagen. Lamprecht hat darum mit Recht den Freiherrn mit einem jener großen mittelalterlichen Bauherren verglichen, die den Grundriß eines Riesendomes entwarfen, aber nur einen kleinen Teil aufbauen konnten. Andere bauten nach ihm weiter und ein anderer vollendete das Werk... Tie Größe Steins hat sich beinahe noch deutlicher als in seiner kürzen Ministerzeit später offenbart, als er in äußerlich bescheidener Stellung in Petersburg lebte. Zar Alexander war in den Bann seiner Ideen geraten, Und sein Geist, seine mächtige Persönlichkeit machten ihn zum Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft. Der Untergang der großen Armee in Rußlands Wüsteneien bestätigte des Freiherrn Glauben an das letzte Heil tnt Osten, das die Macht Napoleons zerschellen müsse. Während man allgemein mit dem immer noch fruchtbaren, noch unbesiegten Kaiser verhandeln wollte, mahnte er eifrig zur Fortsetzung des Krieges und gewann mit der kräftigen, überzeugenden Sprache den Zaren für sein Programm, übernahm im Auftrage Alexanders die Verwaltung der Provinz Preußen, bestärkte York in seiner feindlichen Haltung gegen die Franzosen. Seine Anschauungen lebten in dem Aufruf des russischen Oberbefehlshabers Kotusvw an die Deutschen und feine Stimme klang überhaupt durch all die Begeisterung der Freiheitskriege, die er so hell entflammt hatte. Damit war Steins große Rolle als des treibenden Genius bei der Wiedergeburt Preußens ausgespielt. Der feine Diplomat Hardenberg stand nun im Vordergrund und voll Bitterkeit und Resignation sah Stein seinen Zaren Alexander sich schwärmerisch romantischen Neigungen hingeben, und überall die Reaktion, die Enge und Bureaukratie wieder zur Macht gelangen. Aus der schlimmen Gegenwart suchte er Zuflucht im Studium der Vergangenheit, förderte die deutsche historische Forschung und blieb int sanften Wend- glanze seines Lebens der ehrenfeste, fromme, biedere Ritter, öls der er immerdar seinem Wolke voranleuchtet. ———— ' Dr. P. L. Vermischtes. * Vorn scheußlichen Ohrwurm. Der Ohrwurm (warum nennt man das Wesen eigentlich „Wurm"?) hatte in unserer Gegend damals ein gedeihliches Jahr: wo man ging. stand, lag ober saß, da „wimmelte" er. Nachts im Bett ordentlich ein Nieseln. Alle Kämpfe dagegen fruchtlos, als wäre jedes in wildem Morden ausgesäte Ohrwurmbein ein Trachenzahn, aus dem neue Unholde aufsprossen. Es blieb nichts übrig, als sich zu ergeben. Ich tat das, tnbent ich beschloß, mich für meinen Feind zu interessieren. Was ich über ihn zu lesen bekommen konnte, las ich. Ein eigentümlicher Herr wars schon, mit seiner Brutpflege und mit seinem sonderbaren Brauch, daß die so liebevoll ausgezogenen Kinder schließlich die Eltern aufaßen, die ihrerseits nichts dagegen hatten. Durch das Interesse war mein anerzogener Ekel paralysiert, ich sah mir das Vieh einmal genauer an. Wie, das war der scheußliche Ohrwurm? Lupe her! Das war ja erstens mal ein höchst sauberes, zweitens aber auch ein feines Tier. Genauer hingesehn! Glieder so zierlich, wie Miniatitrinstrumente aus Schildpatt. Und welche Fornten! Das raffinierteste moderne Kunsthandwerk war ja Stümperei gegen diese vollendet schöne Modellierung aller Teile/ die geradezu wie Ideal-Illustrationen zu unfern höchsten An- sprüchen an Zweckmäßigkeit und Linienreiz erschienen. So dumm/ so albern geradezu es mir selber klang, ich mußte mich fragen: hast du denn überhaupt schon einmal ein als Ganzes und in seinen Teilen edler gebildetes, ein schöneres Tier gesehen? Seitdem habe ich zwar immer noch die „Ohrwürmer" weggeschnellt oder getötet, wenn sie meines Schlummers Frieden störten. Aber der Ekel an ihnen war der Freude an ihrer Schönheit gewichen. Wie vieles gibt cs in der Natur, das uns aus einem Abscheu zu einer Freudenguelle werden könnte —i wenn wirs nur einmal genauer art sehen wolltet:! Dr. h. c, Ferd. Av en ar ins. Kunst. — Im Kunstverlag von Nud. Schuster in Berlin erschien ein Bildnis Sr. K. H., des G r o ß h e r z v g s E r n st L u d w i g, nach einem Gemälde von Adolf Beyer, Direktor der Kunstschule in Darmstadt. Die Darstellung sucht das bleibend Charakteristische, die geistige Individualität wiederzuspiegeln und verzichtet I aufa lles äußerlich Repräsentative. Tas Kunstwerk erfreute sich schon im Entstehen des lebhaften Anteils Sr. König!. Hoheit und fand in seiner Vollendung deren vollen Beifall. Mit diesem Blatte wird ein Werk moderner Bildniskunst geboten, das sowohl einen vornehmen Wandschmuck bilden, als auch der Mappe des Sammlers zur Zierde gereichen wird. Tie technisch vorzügliche Kupferätzung mit dem facsimilierten Namenszuge nach der eigenhändigen Unterschrift hat eine Bild- dröße von 52,5:38 Centim. Ter Preis ist Mark 10. Goldene Worte. Wer die Bettdecke von der schluutmernden Wahrheit wegzieht, den nennt man einen Ruhestörer. Börne. Ach, welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder andere beurteilt. s Goethe. Nie zeichnet der Mensch seinen eigenen Charakter schärfer, als in seiner Manier, einen Fremden zu zeichnen. Jeai: Paul. Lern' dich selbst erlernten an andrer Fehler und eignen; Doch noch mehr an dem, wie du anderer Fehler beurteilst! ------------ Lavaler. ' Rätsel. Das Erste zeigt in kleinen Lande Dir einen Kurort wohl bekannt, Und pranget er im Leuzgewaude, So wird feilt Name oft genannt. Tas Zweite ist beliebt bei allen, Beim Wilden und beim Kinde schon, Ein jeder möchte gern gefallen In Hütten und auf stolzem Thron. Tas Dritte weilt au keinem Orte Und führt bald hier bald dort dich hin; Es ist ein Feind den: stillen Horte Und strebt nach Wechsel und Gewinn. Tas Ganze gibt uns schöne ©lunbeit Und macht die Seele iroh und tveit, Ob tvir in treuer Schar verbunden, Ob nur allein, in Einsamkeit. Ich nenne meinen Freund das Ganze Und folge willig seiner Spur; Er führt aus der Geschicke Tanze Zur Trösterin ntich, der Natur. v > f ■ 1" n ’■ Auflösung in nächster Nummer. 4 Ä Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer; Ernst ist das Leben. Redaktion: V. Wittko. — Rotationsdruck und Berlag der Brübl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.