1907 — Mr. 126 WoAag den 26, August El n H # i I 't- •% A HGWU W sMU Steuermann Worringer. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.), 5. Der Bergzüg fuhr in die Station Bingen ein. — Ein HaA stützend Steuerleute stiegen aus, alle von den Mopgenschrffen kommend, die sie talabwärts gesteuert hatten- Alle kräftig, braunrot von Wasserluft uui> Sonne, mit lauten Stimmen redend und mit schaukelndem Schifferschritt cinherschreitend- Ter letzte war Worringer- Er sah schlecht aus. Das Braunrot war „einer fahlen Blässe gewichen, seine Augen lagen tief in den. Höhlen- — Er hatte kein Wort gesprochen während der ganzen Fahrt, nur finster vor sich hingestarrt- Die anderen liehen ihir auch in Ruhe- Für gewöhnlich war schon nicht gut Kirschen essen mit ihm, heute schien er ganz besonders schlecht aufgelegt- Ms sie sich betroffen hatten, hatte ihn einer harmlos geneckt mit seiner Abwesenheit am ganzen gestrigen Tag- „Wann ich so ä schee jung Frau hätt, do hält ich Extraschiff Extraschiff sei losse und wär mit ’r danze gange, un uff die Kärb-"- Ta hatte der Worringer ihm einen bösen Blick zugewvrfen- >,Wann ich so ä Scherzeknecht wär wie du!" — Jetzt stand er auf deut Perron und spähte nach dem Rhein- Mer die in.langen Reihen aufgefahrenen Güterwagen hemmten die Aussicht. Und es war auch noch zu früh am Tage für dass was er sehen wollte, sehen mußte- Er war wie in einem bösen, schweren Rausch! Er fühlte, wie die wilde Wut in ihm fraß, wie er willenlos war gegen das Rachegefühl, das' ihn ganz erfüllte- Ter Schuft sollte büßen — büßen mit 'fernem Leben. Wie er ihm heimtückisch die Iran gestohlen, so sollte er auch heimtückisch von der Rache ereilt werden, wehrlos, gerade wie er, der Worringer, wehrlos war gegen den Jüngeren, den von seiner Frau geliebten Mann- Das war sein Recht, das er sich nahm, ja, das ihm zukam- — Er stand aM Bahnübergang, der geschlossen war- Ein endws langer Güterzug rangierte hin und her- — lind da l drüben ging plötzlich etwas vor — geschah etwas- Ein paar Schiffer kamen eilig gelaufen, der Mann am Uebergang machte einen langen Hals, er fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen schoß, wie es ihm rot vor den Augen Uvurde- Es schien ihm, als schwanke Himmel und Erde, als zöge sich ihm der Erdboden unter den! Füßen weg- Und durch das Geräusch der rangierenden Wagen hörte er verworrene Rufe- Und er konnte nicht hinüber, konnte nicht sehen, wie seine Rache sich vollzog, nicht dabei sein, nicht — Jetzt hielt der Zug plötzlich still- Der Lokomotivführer-, schrie etwas, der Bremser gerade vor ihm sprang in seinem Häuschen hoch und fuhr mit beiden Händen in die Lust- — Er riß die Schranke zurück, er kroch unter dem Wagen durch, sinnlos- ' Jetzt, jetzt hatte er, was er wollte, jetzt geschah es- — j Und während er da auf den Schienen kroch, fühlte er, wie sein Herzblut stockte und. dann wieder in wildem' Strom nach dem Kops schoß- — Und mit einem wilden Schrei richtete er sich auf und rannte nach deM Ufer, während seine von der wahn^ sinnigen Erregung getrübten Augen das Wasser absuchten, r-j Jetzt, jetzt! — Da, da war es- Da kam von oben ein Kahn stromab, trt deM ein Mensch schrie, laut und gellend- — Ein Kahn, in dem! der Mensch nicht allein saß, sondern — allmächtiger Gott — eine Frau n nd ein Kind! Und der Kahn trieb schon so tief in den Wellen, daß man nicht viel mehr von ihm sah- DeÄ Mensch da drüben hantierte im Kahir — und schrie zwischendurch in kurzen Pausen: „Hilfe — Hilfe-" ; Am Ufer hatten sich die Leute zusammengedrängt — ganz' betäubt, stumpfsinnig, tatlos- „Was is nor? Was macht er nor?" Ah, Steuermann Worringer wußte, was der da machte- Was er in Todesangst versuchte, und was doch nicht helfen! konnte- Tas Loch zustopfen, das durch das ausgebrochene und lose wieder eingefügte Brett entstanden war, das nun nachge-t geben hatte, genau wie er berechnet hatte, durch das das Wässer hereinkam in einem dicken Strahl- — Ein paar Minuten noch, und der Kahn war ganz versunken in den Wellen- — Er würde dann noch unter Wasser eine Weile treiben, allmählich sinken, schneller, als er selbst berechnet hatte, durch die dreifache Saft.' Barmherziger Gott! Steuermann Worringer war schon am Ufer, hatte schon' einen der verblüfften, betäubten Menschen mitgezerrt, war schost mit ihm am Kahn- Tie Kette, die das schwere Fahrzeug am Ufer festhielt, flog heraus mitsamt dem Pflock, mit einem Ruck war der Kahn im Wasser- Im letzten Augenblick sprang noch jemand herein, mit einem Ruder, das er Gott weiß wo er* wischt hatte: Keuchend, mit aller Kraft arbeiteten die drei- Von Steuermann Wortingers Lippen tropfte Blut- Tie Ruder ächzten, das Wasser spritzte aus- Der ganze Kahn -krachte in allen Fugen- Sie kamen dem M>ot schnell näher, das ihnen stromab entgegentrieb. Sie konnten jetzt den Mann er- -kennen, der drin saß- „DL Georg HesseMer," murmelte einer. Um Sekunden gings- Wenn der Kahn vorbeitrieb, ehe sie ihm nahekamen, dann war alles verloren- Aber sie kamen ihM näher, immer näher. — Waren es nur, Augenblicke, waren es lange Minuten? Keiner von den dreien wußte es- «ie arbeiteten wie Riesen, mit fahlen Gesichtern, mit sttervndeu Augen«. Das Boot war kaum zwanzig Schritte von ihnen- Die drei waren ganz still geworden- Von der Fran sah Man nur die Umrisse- Sie hatte das Kind an sich gedrückt, sich ganz zusammen- gckauert in Todesangst- Ter Bootrand war kaum! mehr zu sehen, er trieb schon unter Wasser- Und jetzt — die drei int Kühn schraken zusammen —■ richtete sich der Mann blitzschnell auf, hob die Wirte, deutete auf die Frau und schwang sich ins Wässer- Tie Frau regte sich nicht- Das Boot, uni eine Last erleichtert, schien sich etwas zu . heben- Wer iM nächästen Angxn-! blick verschwand die zMMmengerauerte Gestalt, wie verschluckt vom Wasser, ganz plötzlich — 502 „Paßt uff, links, links," schrie die heisere Stimme Wov- ringers, „links, do kommt se erufs!" Und da, dicht am Boot tauchte auch etwas aus, eine dunkle Masse- Eine.Hand zog das Steuer hermit, daß das Boot zur Seite flog, Steuermann Worringer warf sich über den Rand des Kahnes hinaus und ergriff das Austaucheude- Vom Boot hielten ihn vier kräftige Arme- Noch eine angstvolle Zeitspanne, dann hielten sie die Fran hoch, die das Kind fest an sich gepreßt hielt- Und dann stieß Steuermann Worringer einen rauhen, heiseren Schrei aus und fiel zurück in das Boot- Seine Iran — sein Bub! — Tie beiden a nderen kümmerten sich nicht um ihn- — „Da Hessemer!" schrie der eine — „da kann net schwimme ! Erum mit deni- Rache, erum!" Und wieder flog das Boot herum, während der andere seine Jacke aöwarf und seine Stiefel auszog. — Wer da tat es auch schon einen schweren, klatschenden Schlag ins Wasser- Steuermann Worringer war hineingesprungcn, tauchte unter- — Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er wieder nach oben kam- Aber dann strebte er schwer mit einem Arm nach dem Boot- Er hatte den anderen erfaßt. Es war noch eine harte Arbeit, den schweren, bewußtlosen Körper ins Boot zu heben- Aber endlich war auch das getan. Dann stieg Steuermann Worringer hinein- Kaum war Raum für ihn- Tie drei Verunglückten lagen so lang und so starr. ' „Tot," murmelte er zusammeuschauernd- Er selbst war so blaß wie ein Toter- 1 Ter eine Schiffer schüttelte den Kops tröstend. „916, der' Fraa net — und das Kind nach net, glaab ich- — Da Georg, dä war arg lang umter Wasser! — Daß öi noch enaussprnnge is, daß das Greta länger met'M Rache treiwe soll, des war q Strick, ä brav Stück, wahrhaftig!" Steuermann Worringers Zähne flogen im Schüttelfrost- Er nahm das Kind in den Arm- —- Das Köpfchen fiel seitwärts, die Augen waren halb geöffnet- „Tvt, bet-" .— Ein trockenes Schluchzen kant aus seiner Kehle- - „Nä, net", sagte der andere- „Sie wäre jo kanM im Wasser. •— Ae bißche ohnmächtig sin se, werter nix. — Awwer dä Georg, dä Hot was abkriegt-" In diesem Augenblicke stieß Greta Worringer einen tiefen' Seufzer aus und schlug die Augen auf- „Da siehscht es! Awwer alleweil fix, daß mer an Land komme-" Am Ufer war wimmelnde Bewegung- Hunderte von Menschen liefen durcheinander, Dutzende von Hände streckten sich aus nach Rettern und Geretteten- Frauen kreischten, Manner standen blaß Md erregt- Ein paar Bursche riefen ein schallendes Hurrahk Wer als der bewußtlose Körper Georg Hassemers hinausi- tzehoben wurde, da waren alle still- Tot? War er denn tot? Greta Worringer kaM halb zur Besinnung, als man sie an Land brachte- Sie sah mit einem leeren Blick um sich. Ter blieb zuletzt auf ihrem Manne haften- Und dann fuhr sie jäh zusammen und streckte die Hand abwehrend gegen ihn aus: „Fort — eweg! Ich fercht mich!" ! „Se is vun sich", sagte jemand mitleidig. Steuermann Wvrringer war zUsammengezuckt- Er hatte noch keinen Laut von sich gegeben. Und er sprach auch nicht, als er hinter den Tragbaren herging, auf denen die drei nach deut nahen Hospital geschafft wurden- Sie hatten ihm die Hände schütteln wollen, ihn belobt wegen seiner tapferen Tat- Er hatte die Hände in die Taschen seines triefenden Nockes vergraben und finster mit dem Kops geschüttelt. Jemand sagte, daß er trockene Kleider an ziehen müsse, er würde, sich sturst was holen- — Er lachte rauh. Jetzt daran denken — jetzt! Er ging neben der Trage her, auf der das Kind- lag- War! er denn verrückt? — War er tut Rausch? Im Traum? Was! war das alles? —1 Wie kam seine Fran mit dem Kind aufs! Wasser, in das Boot mit Georg Hessemer? — Tas sollte nicht sein, das hatte er nicht gewollt, nicht wissen können. Nur seine Rache hatte er haben wollen an deM Mann, seine Vergeltung- I Wie hieß es in der Bibel: „Tie Rache ist mein, ich will Vergelten." Strafte ihn der Herrgott, weil er sich wilden Sinnes selbst seine Rache nehmen wollte? Das Kind rührt sich noch nicht! wenn es tot war, wenn er sein Mörder war! „Mörder, Mörder!" Etwas in ihm schrie das laut! Oder hatte es ein anderer geschrien? Wußten sie's schon? Sie hatten ihil gepriesen wegen der Rettung !^ Wenn sie wüßten, was er getan hatte, feig, hinterlistig, heimtückisch, nm den andern aus der Welt zu schaffen, phne daß auf ihn ein Verdacht fiel, so, daß sein Name, seine Ehre rein blieb- Im letzten Augenblick erst, als es zu spät wär, war es ihm klar geworden, ivie durch einen Blitzstrahl war die Erkenntnis seiner wilden Tat gekommen- Wenn sie ihn alle verabscheuen würden — alle- Seins Frau voran! Ihr erster, halb bewußtloser Gedanke war schon! von Furcht erfüllt gewesen, ihr erstes Wort von Angst getränkt- Und wie würde es nun erst,-werden? Wie war sie nur auf den Rhein, in das Boot gekommen? Seine Schwiegermutter wußte es vielleicht, dort hatte sie ja das. Kind geholt- (Fortsetzung folgt.) Aas Aeßcimnis des MEK, Das Gebiet der Akustik ist von den Gelehrten gewiß nicht minder sorgsam beachtet worden als andere Gebiete der Wissenschaft, aber nach einer Richtung hin sind alle Forschungen bisher beinahe vergeblich geblieben. Das „Geheimnis der Akustik", will sagen, die Kunsträume mit guter Akustik zu bauen, ist noch nicht enthüllt; der bedeutendste Schritt vorwärts, den wir in neuerer Zeit zu dem lang gesuchten Ziele gemacht haben, ist schließlich der, daß wir unsere Unkenntnis erkannt haben. Ueber die Akustik des neuen! Gießener Theaters wie der neuen Aula der Lutz o v i c i a n a ist vor ihrer Einweihung vernünftigerweise nichts orakelt worden. Anstatt sich in vagen Voraussetzungen, zu ergehen, hat man, als alles fertig war, Proben angestellt und auf diese Weise jedermann vor Enttäuschungen bewahrt. Tie Akustik unseres Theaters hat sich als besonders gut erwiesen. Ja man möchte fast sagest, in den Logen des ersten Ranges höre man allzu gut. Bei den letzten Ope- retten-Aufführungen klang dorthin der Schall mitunter mit dröhnender Gewalt. Das Ideal einer Akustik ist natürlich, daß man von! jedem Punkte aus an allen Stellen alles gleich gut hört/ freilich das Ideal auch in dem Sinne, daß es schier unerreichbar ist. Häufig wird erst in der Praxis gefunden, von wo aus! das, was zu Gehör gebracht werden soll, am besten klingt. In der Kirche, in der ein Punkt nicht genügt, gestaltet sich die Untersuchung um so viel schwieriger, bei Theater- oder Konzertfälen kömmt man eher zu einem günstigen! Resultate. So ist es gelungen, die Akustik des großen Saales in der Berliner Philharmonie wesentlich zu verbessern^ indem das Podium von der langen an die schmale Seite verlegt wurde. Allein, solche Untersuchungen anzustellen, ist nicht jedermanns Sache, dafür muß man Blick oder Gefühl haben. Eine besondere Veranlagung auch in dieser Beziehung zeichnete den großen Johann Sebastian Bach ans> der bei seinem Besuche in Berlin in den verschiedenen Musikräumen, die er aufsuchte, ohne noch einen Ton darin gehört zu haben, seine Umgebung sofort aus die verschiedensten! von dieser zuvor teilweise nie bemerkten Mängel aufmerksam machte. Er sagte den Leuten, hier müsse es nachhallen, dort müsse ein Echa ertönen; und er hatte in allen Fällen recht. Andere finden wenigstens Fehler schnell heraus, sobald sie Gelegenheit erhalten, sich von der Art der Akustik zu überzeugen. So Wilhelm Friedrich Wieprecht, ein deutscher Mili- tärkapellmeister, der bei einem Wettstreit auf der Pariser Weltausstellung den Sieg davontrug, wie man sagt, nicht nur durch die Vortrefflichkeit seiner Kapelle, sondern weil er mit sicherem Blicke sofort erkannte, wie er sein Korps aufstellen müsse, um eine schöne Wirkung zu erzielen. Er sicherte sich den Erfolg, indem er seine Mannen die Front nach einer anderen Richtung nehmen ließ, als alle, die vor ihm an die Reihe gekommen waren. Von Architekten werden ähnliche Anekdoten nicht erzählt. Gelingt es ihnen, einen gut akustischen Raum zu bauen, so ist es weniger ihr Verdienst als ihr Glück. Ter Zufall spielt dabei eine sehr beträchtliche Rolle. Tas ist kein Vorwurf. Tie Architekten mögen alle akustischen Gesetze, soweit sie seftgesiellt sind, kennen; es sind eben offenbar noch nicht alle festgestellt. Es gibt da die merkwürdigsten Unterschiede. In manchen Räumen empfindet die akustischen Mängel nur der, der den Ton hört, in anderen auch der/ der den Ton erzeugt. Ueber die Akustik des Königliches Opernhauses in Berlin ist viel geredet und geschrieben worden, als die Fehde geführt wurde, ob das alte Haus niedergerissen werden dürfe, oder ob es nicht aus Gründen der Pietät erhalten werden müsse. Ta fanden sich eine ganze Anzahl Personen, die auf Grund Mer eigenen Wahrnehmungen die Akustik aut nannten, weil sie auf verschiedenen 503 — Plätzen gut gehört haben. Tatsächlich kann es keinen Streit darüber geben, daß sie schlecht ist, wenn man ohne Voreinge- nommenheit urteilt. Zum Beweise genügt die eine Erfah- rung, daß zahlreiche Sänger, die anderwärts die größten Erfolge erzielen, hier unterliegen, weil ihre Stimmen nicht ausreichen. Der Raum verschlingt, wie man sagt, die Stimmen. Und das merken die Künstler auch selbst, sie hören sich nicht oder können sich nicht kontrollieren, bevor sie sich mit den Eigenheiten des Opernhauses genau vertraut gemacht haben. Anders der Konzertsaal der Hochschule für Musik in Charlottenburg, in bent es sehr gut klingt, wenn er ganz gefüllt ist, in dem aber alles verschwimmt, wenn die Zufchauerbänke Lücken aufweisen. Hier spüren die Künstler nichts, sie selbst hören alles mit größter Deutlichkeit. ' Es fällt offenbar, wo eine Bühne oder ein Podinm vorhanden ist, schwer ins Gewicht, wie sich diese zu dem Zuschauerraum verhalten. Im alten Krollschen Etablissement in Berlin mit seiner kleinen Bühne klang es prachtvoll, den Sängern wurde es so leicht, zu singen, wie kaum irgendwo anders. Nach dem Umbau, der eine bedeutende Vergrößerung der Bühne brachte, ist die schöne Akustik verschwunden. Daß jedoch die Größenverhältnisse allein auch nicht maßgebend sind, dafür sei als ein Beispiel das Theater des Westens genannt, das trotz seines großen Bühnenraumes sich einer guten Akustik erfreut. Andererseits hat man den Konzertsaal irrt neuen Leipziger Gewandhaus genau in den Maßen des alten, sogar auch in demselben Material und in derselben Einkapselung durch andere-Räume erbaut, und doch ist ein absolut vollendetes Ergebnis nicht erzielt worden. Zwar, wer das Haus heute besucht und darin ein Konzert hört, wird sich nicht einen Augenblick besinnen, die Akustik stanz vortrefflich zu nennen; aber Künstler, namentlich Sänger, die das alte auch gekannt haben, werden ihn eines besseren belehren. Sie werden ihm sagen, daß es, wenn auch alles klar und rein klingt, nicht so leicht ist, einen großen Ton hervorzubringen. Hingegen hat dem Saale der Singakademie in Berlin der vor einer längeren Reihe von Jahren vorgenommene Umbau nichts geschadet; obwohl der Raum vergrößert wurde, hat die Akustik absolut nicht gelitten. Woran liegt das? Wir wissen es nicht. Das Geheimnis der Akustik ist uns noch gerade so ein Buch mit sieben Siegeln wie das Geheimnis des Geigenbaus, von dem gerade in neuerer Zeit besonders viel die Rede gewesen ist,'weil verschiedene Instrumentenbauer und — Lackfabrikanten es entschleiert haben wollen. Aber wenn auch die Architekten noch nicht in der Lage sind, eine Garantie für gute Akustik in ihren Bauten zu übernehmen, gewisse akustische Probleme können sie wohl lösen und deshalb gewisse akustische Kunststücke nachahmen. Bekannt ist die Flüstergalerie in der Paulskirche in London; was dort an einer bestimmten Stelle gesprochen wird, hört und versteht inan an einer anderen bestimmten Stelle, sonst aber nirgends. Der Raum ist ellipsoidisch gebaut urtd die Brennpunkte des Ellipsoids, die in der Gegend der bedeutendsten Krümmung des Gewölbes liegen, find hie akustisch korrespondierenden Punkte. Eine ähnliche Erscheinung findet sich in dem sogenannten Karyatidensaal des Louvre zu Paris, dessen Decke ihrer ganzen Länge nach zylindrisch gewölbt ist. An den Leiden Enden des Saales stehen Basen; spricht man in die eine hinein, so hat die vor der anderen stehende Person die Empfindung, als kämen die Worte aus dieser heraus. Tie von der ersten Base schräg aufwärts nach der Mitte des Gewölbes geworfenen Schallstrahlen werden alle in die zweite zurückgeworfen. Die Ursachen dieser Phänomene sind begründet, allein alle akustischen Gesetze find, wie eingangs erwähnt, offenbar noch nicht festgestellt, und deshalb können nicht alle Erscheinungen nachgeahmt und, was noch schlimmer ist, auch nicht vermieden werden. Auf der Schule schon lernt man in der Physikstunde, wie ein Echo entsteht, im allgemeinen. Aber die Lehrer würden wahrscheinlich arg in Verlegenheit gesetzt werden, wenn sie erklären sollten, warum in der Berliner Philharmonie in der auf der rechten Seite des Saales gelegenen Direktionsloge nach einem Platze Orchestermusik aus einer Ecke der Decke zurückgeworfen wird. Tie Lehre von den Obertönen ist sehr sein ausgebaut. Wer sie gibt doch keine Auskunft auf die Frage, warum im Kvnvent-Gartensaal in Hamburg auf der rechten Seite, wenn der C-dur-Treiklang gespielt wird, die kleine Septime B deutlich vernehmbar mitklingt. Nein, das Geheimnis der Akustik ist noch nicht gelüftet. Sonst wären sicherlich die Sitzungssäle im deutschen Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaufe nicht so erbaut worden, tote sie erbaut worden sind. Wenn man aber beiden eine absolut schlechte Akustik nachsagt, so geschieht es mit. Recht wohl nur vom Abgeordnetenhaus. Die Verhältnisse im Reichstag sind tatsächlich, zumal seit man die Tribünenwände mit Stoff bekleidet hat, so übel nicht. .Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß die Mängel der Akustik häufig nicht bei den Räumen allem, sondern auch bei den Rednern und bei den Hörern zu suchen sind. Einer von denen, die unter der angeblich schlechten Akustik am meisten zu leiden hatten, war der frühere Staatssekretär des R;ichs- schatzamts Freiherr v. Thielmann; aber merkwürdig, toentt ihm etwas daran lag, besiegte er die akustischen Widerstände mit Leichtigkeit und war trotz seines sehr schwachen Organs ausgezeichnet zu verstehen. Dann kommt es aber euch wesentlich darauf an, ob der Hörer mit der Materie, über die gesprochen wird, vertraut ist oder nicht. Im Berliner Abgeordnetenhause hingegen nützt die Kenntnis der zur Verhandlung stehenden Gegenstände nichts; hier gehen vielfach die Worte auch solcher Parlamentarier verloren, denen im Reichstage große Deutlichkeit nachgerühmt wird. Freilich vermögen einzelne Redner sich auch hier verständlich zu machen, aber sie erzählen, daß es ungeheuer anstrengend ist, auch nur eine Stunde lang verständlich zu bleiben. Sollte der Erbauer etwa in Vorahnung kommender Obstruktionen haben Vorbeugen wollen? VsrmEchLsS. Die Eisenbahn-Lektüre, so schreibt der Kunft- wart, möchte ich ausrotten können. Man versteht, leichte Lesestoffe darunter, „leicht" sowohl nach der sittlichen Seite hin, also das eben noch von der Polizei Zugelassene, leicht namentlich aber auch uach Gehalt und Wert; flott geschriebenes Zeug, das uns vor der Langeweile schützt und unseren innersten Menschen ganz unbehelligt läßt. Man hat den Deutschen lange nachgesagt, daß sie keine Bücher kaufen: als Eisenbahn-Reisende sind sie arge Verschwender im Bücherkaufen. Tas wäre nicht so schlimm, wenn sie nicht gerade Eisenbahn-Lektüre kauften. Ich lese bei jeder Eisenbahnfahrt, und mir scheint es nach meiner Erfahrung, daß man gerade schwierigere und gehaltvollere Werke unterwegs lesen kann und soll. Zuweilen stören uns die Mitreisenden durch ihr Gespräch, aber viel öfter herrscht vollkommene Ruhe; oft sind wir allein int Abteil. Besser noch als zu Hauses ind wir hier mit uns selbst allein, denn wenn daheim die Familie oder die Bekannten Nicht aus uns drücken, so tun es die Pflichten, die Mahnungen zur Arbeit. Geben wir uns daheim die Wendstunden frei, so heißt das: die müden Sutnden, und ich gestehe, daß mir dann die Orts- zeitung ost lieber ist als Goethes Pandora. Aber auf der Bahn fahren wir auch vormittags und nachmittags, mit frischen Gehirnen und auf das schönste abgeschlossen von der Welt und den Pflichten: bessere Stunden zum Denken und Dichten und zum Versenken in große Dichterwerke gibt es gar-nicht! Ich habe bei langen und kurzen Fahrten die Gedichte von Goethe, Schiller, Keller, Grillparzer, Fontane, Tennyson und anderen bei mir gehabt, oft auch den Faust, zuweilen Hefte von Plato oder Cicero, und ich versichere: wer nicht überhaupt zum Umgang mit hohen Geistern zu erbärmlich ist, wird am besten mit ihnen verkehren können bei diesem ruhigen Dahingleiten über der Arbeitserde unter uns. Aber alles hat seinen Grund; auch der herrschende Begriff der Eisenbahn-Lektüre hat Vater und Mutter. Die Mutter ist eine sehr verbreitete menschliche Eigenschaft, die ich höflich Bequemlichkeit neunen will; der Vater ist ein kluger Geschäftsgeist. Unsere Bahnhofsbuchhandlungen sind unter allen Buchhandlungen, die wir haben, die schlechtesten; sie sind das, obwohl sie Anhängsel einer Staatseinrichtung sind. Jeder andere Buchhändler hält alle guten Bücher, iveitn sie „gehen", entweder weil er von seinem Berufe und sich hoch zu denken das Bedürfnis hat, oder weil der Kunde sonst zum Söntorenten geht. Der Bahnhofsbuch- händler hat leider ein Monopol, und der währe Besitzes oder Unternehmer dieser Buchhandlungen tritt nie feinen Künden gegenüber, sondern ist ein weit ab wohnender Geschäftsmann. Ihm fällt es nicht ein, billige Hefte von Reclam, Hendel oder Cotta zu führen; er fragt bei den Büchern in erster Linie: wie viel verdiene ich dabei? Die billigen Ausgaben bringen ihm nur Pfennige. Und die Verleger teurer guter Bücher gewähren nur mäßigen Rabatt, 604 also blecken ihre Bücher beiseite, wenn sie nicht gerade -/Schlager der Saison" sind. Tie höchsten Gewinne versprechen die Macher der leichten und leeren Sachen, an denen Titel und Umschlagzeichnung das Beste sind. Wer große Worte liebt, könnte auch hier von Volksvergiftung und Volksverdummung sprechen. Ich will nur sagen: eine vortreffliche Gelegenheit, gute Bücher ins Volk zu bringen, wrrd hier Jahr für Fahr, Tag für Tag versäumt. W.Bode. Was von ernem Bürgermeister nicht alles verlangt wrrd! Daß die Bürgermeister mitunter auch recht delikate Aufgaben zu lösen haben, ja, daß ihre Tätigkeit in recht innigem Zusamrnenhang mit der eines Heiratsvermittlers geraten kann, dürfte aus nachfolgendem Schrecken von „zarter Hand" hervorgehen, das in diesen Tagen einem Bürgermeister des Landkreises Kassel durch dre Post zugestellt wurde. Das allem Anschein nach von einer „dame de cuisine" verfaßte zierliche Briefchen lautet wörtlich: „Geehrtester Herr Bürgermeister! Entschuldigen Sw, wenn ich Sie belästige mit meinem Schreiben, ich mochte gerne richtige Auskunft haben und Leute möge ich nicht fragen, darum wende ich mich an Sie. Der Inhalt mernes Schreibens tst, da ein Herr mit mir Verkehren tot«, hatte aber voriges Jahr mit Fräulein N. N. verkehrt, horte aber, daß die heiraten müßte, nun möchte io.) gerne wissen, ob es der Herr ist, denn mit einem verheirateten Mann will ich doch nicht verkehren und der Frau keinen Verdruß machen. — Also schicken Sie mir bitte genaue Antwort. Wie er mit Vor- und Zuname heißt, was er ist, wo er arbeitet, ost er jeden Abend nach Hause kommt, ob er hier in Kassel logiert, wie er aus sieht, ost er am Sonntag zu Hause war und bitte Sie alles in Verschwiegenheit zu bleiben. Hochachtungsvoll usw." 8ur Güte. Dem „Elsässer" erzählt ein schnurre: Bei emm Fahrt auf der Strecke- Sch.ettstadt-Dtolsheim entstaub gestern zwischen zwei älteren Damen m eenem Re ise abt ei l ein Str e i t w eg en d es Oe ffn e n S der Fenster- Die eine behauptete, sie würde den Tod erleiden, wenn die Fenster auföhebeit, die Zugluft würde ihr das Herz zu- sanimenkrampfen, und die Fotze wäre der jähe Tod- Die andere erwarte, ne. wurde WM Schlage getroffen, wenn die Fenster noch Ireben, denn sie hätte gewaltigen BlutanbranK zum Kopfe- Der Schaffner wurde herbeigerufen; allein der arme Manu wußte nicht, was tun, um die T-amen zufriedenzustellen, ©in Mitfahrender Passagier — er ivar aus Oberehnheim — kam auf enten reitenben Gedanken. „Schaffner," rief er, „mache 's Fenster zue, d rno stirbt dre einb von denne zwei, und d'rno mache Jchr's wieder uff, un dann stirbt d' ander, un so bekumme m'r no endli dohlnne- Alles lachte, nur die beiden Damen nicht. In Oberehnheim stiegen sie aus, nachdem sie sich noch von dem Herrn, der das salomonische Urteil gefällt, mit beut „schwäbischen Gruß" "bstzbschredet hatten- Sie suchten jede ein Abteil nach vorher geäußertem Wunsche auf und setzten getrennt ihre Reise nach (L-tratzour'ss fort- Literatur.. * Landhaus itnd Garten. Beispiele neuzeitlicher Landhäuser nebst Grundrissen, Jnnenräumen und Gärten. Mit einleitendem Text herausgegeben von Hermann Muthestus. 280 Seiten mit 500 Abbildungen und acht farbigen Tafeln. Verlagsanstalt F. Bruckmann, A.-G, München. In Leinen gebunden 12 Mk. — Das Bedürfnis nach, emem Wohnhaus, das in seiner praktischen Anlage und inneren Ausstattung allen Anforderungen an bequemes Und gesundes Wohnen gerecht wird, wächst von Jahr zu Jahr, und in den Villenkolonien, die in den Vororten der Großstädte aufblühen, herrscht die regste Bautätigkeit, das Feld der Ernte für Unternehmer und Spekulanten. Was hier aber jahraus, jahrein zusammen geb aut wird, entspricht fast immer nur den Vorschriften der Baupolizei, die, wie inan weiß, gerade der individuellen Gestaltung des Vorort- Hauses manches Hindernis in den Weg legen und feine Anlage ost recht ungünstig beeinflussen. Ein wirklich gutes, nicht nur in seiner ästhetischen Wirkung, sondern auch in seinen sanitären Einrichtungen und seiner auf Bequemlichkeit und Komfort bedachten Innenausstattung völlig einwandfreies Einfamilienhaus gehört immer noch zu den seltenen Ausnahmen. Es ist das keine unnatürliche Er- Meinung, da für ein Landhaus ja gegenüber dem städtischen Reihenhaus ganz andere Bedingungen maßgebend sind, such dre eine entsprechende neue Form noch nicht gefunden ist. Auch die ersten Eisenbahnwagen sahen wie eine Postkutsche, üie ersten Automobile wie eine Droschke ohne Deichsel aus; erst die natürliche Entwicklung hat zu ihrer heutigen Gestaltung geführt. Derselbe Vorgang wiederholt sich hier. Zurzeit herrschen über Landhans und Garten bei Fachleuten und Laien noch die ungeklärtesten Anschauungen, und ein Buch wie das vorliegende, in dem ein so erfahrener Kenner wie Hermann Muthesius die Wege zur Gesundung weist, ist daher nur freudig zu begrüßen. Alle Einzelheiten, die bei der individuellen Art des Baugrund- stücks — Lage zur Himmelsrichtung, Höhen- und Zufahrts- verhaltmsse —, bei der Grundriß- und Stockwerkeinteilung,. dem inneren Ausbau, der Gestaltung der einzelnen Räume,' der Anlage von Wasser-Zu- und Ableitungen usw. zu berücksichtigen sind, und auch die scheinbaren Kleinigkeiten,. die doch das Behagen und die Freude am Wohnen im eigenen Hanse ausmachen, werden hier ausführlich und mit Sachkenntnis besprochen, ebenso die neue Bewegung im Gartenbau, die eine einheitliche Gestaltung von Haus und Garten fordert. Tie 500 Abbildungen — Außen- und Innenansichten — sind dem europäischen und amerikanischen Landhausbau des letzten Jahrzehnts entnommen und zeigen in interessanter Gegenüberstellung, wie die veränderten Bedingungen: Klima, Lebensweise, Baumaterial re. von selbst zur verschiedenartigen Lösung derselben Aufgabe führen. Die Loden-Fremden. In der „Jugend" lesen wir folgenden beweglichen Klagegesana eines Müncheners: Jetzt wimmeln wieder in des Südens Gauen Die Lodemnänner und die Lodenfrauen, Die Lodenjuugen und die Lodenmädel, Tas grüne Hüte! neckisch aus dem Schädel. Sie kommen aus dem Norden unseres Reiches — Am Exterieur erkennt der Kenner gleich es — Und wie die Loden-Fremden hier erscheinen, Tas ist ei» Anblick, manchmal schon zum weinen. Es tragen erstlich diese Loden-Fremden, Sofern sie männlich, milde Jägerhemden, Die sind bequem und billig, weich und lustig, Doch, wenn man schwitzt, 'nicht wie die Rosen duftig! Tie Lodenfrauen hüllen ihren Busen In alte, welke, ausgelaugte Blusen, Wovon die Farbe nicht erkenntlich mehr ist Und die Fasson so nett wie die Couleur ist! Ter Lodenjungtrau schlappert um die Glieder Aus Loden ein Reformsack ohne Mieder Und keck auf ihrem Lockenhaupte macht sich Der Panama um eine Mark und achzig. Sie trabeir^sehr geräuschvoll in der Regel, Denn jede Sohle ziert ein Kilo Nägel — Jüngst sah ich einen solchen Mann 'm Loden, Ter war vernagelt auch am Hosenboden! Ein Riesenrucksack schwankt auf jedem Rücken, Gestopft mit noch viel altern Kleidungsstücken, Und schneidig wird der Alpenstock getragen: Ein strammer Baumstamm, zentnerschwer beschlagen. — Gewiß, die Tracht ist stilvoll und ist praktisch Im Hochgebirg, am Bier- und am Tabak-Tisch, Doch in der Großstadt München an der Jser Ist solch ein Auizug wirklich ein recht mieser! Sie gehn zur Tadle d'hote und ins Theater Auch, angetan, wie die Kastanienbrater: Im Bayernlande — wie sie nämlich glauben — Kann man sich alle Ruppigkeit erlauben! Amerikaner, Briten und Franzosen, Tie seh'n mit Schmunzeln auf die Sparvirttwsen Und denken sich: der Deutsche augenscheinlich Ist treu und bieder, doch nicht allzu reinlich! Sie äußern sich auch manchmal noch viel schroffer — Drum leistet Euch beim Reisen einen Koffer Mit säubern Hosen und gestärkter Wäsche Und eine Bluse, eine etwas sesche! So fleht ein Mensch, ihr Lodenleute, herzlich, Der es empfindet stets gekränkt und schmerzlich, Daß hier allsommerlich'im Süden leider Ter Norden austrägt seine alten Kleider! RedaktionW i ttkiK.— Rotationsdruck.und.Verlag,her „B r ü h l"scheft^UmverlÜäts-Bu