1907 MM VK8 bTw M M jiKsläij ii nBl •k kl x V ft 1 «ÖiJ UWL' Wenschenleöen, die Lugen. Kommt von H. Ehrhardt, Vertafserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten (Fortsetzung.) „Leben Sie mal, wie ich, Herr Direktor, so in dieser steten kleinlichen Misere in einem Beruf, der mir verhaßt ist, schon deshalb, weil er mir aufgedrungen wurde, vor« allen Setten verkannt und angefeindet, nirgends ein war- mes Freundschaftswort — wenn man am Ersten seine paar Kröten bekommt, das lähmende Bewußtsein, daß man sparen, darben, ja hungern kann, und doch nicht auskommr und die kleinen läppischen Schulden, die sich einem wie Mühlsteine an die Füße hängen — nach außen immer elegant, tadellos — lächeln zu den Sticheleien der Vorgesetzten, der häßlichen Majorin Liebenswürdigkeiten sagen, eben nur, Weils die Frau Majorin ist, bei jedem liebreizenden Mädchen sich erst erkundigen, ob sie auch alle Eigenschaften für eine Schwiegertochter meiner gefühlvollen Eltern, in erster Linie Geld besitzt — ist das ein Leben, in dein man streben kann? Nein, das ist nur eine Tragikomödie, in der man am besten tut, sich vom Schicksal wie eine Marionette hin und her schieben zu lassen." „Sie müßen sehr unglücklich sein, Joachim, daß Sie so wett gekommen stnd." „Ja, ich bin's", der junge Offizier lief erregt im Zimmer auf und ab, „ich bin ein Mensch, dein die Schwingen gebrochen sind, ehe er zum richtigen SKann gereift war. Ich bin Wohl von Natur etwas zu weich und sensitiv — ich kann mich von der großen Enttäuschung meines Lebens nicht mehr erholen, es geht langsam bergab mit mir." „Nicht doch!" mahnte der alte Mann, „raffen Sie sich auf, Joachim, ehe es wirklich bergab mit Ihnen geht. Sie gelten schon jetzt für sehr leichtsinnig." „So, gelte ich als das?" meinte Joachim schneidend, „das freut mich. Nur zu Ihnen sei's gesagt, Herr Direktor, ich belüge sie alle hier, alle. Warum sollen Sie wissen, was ich durchkämpfe? Denken Sie, daß einer mich verstehen würde? Und wer mich verstände, würde mich verachten, daß ich nicht den Mut hatte, meinem Bater alles vor die Füße zu werfen und mir aus eigener Kraft zum ersehnten Ziele zu verhelfen. Ich verachte mich ja selbst darum." „Das sollen Sie nicht, Joachim, Sie sind ein gehorsamer Sohn gewesen und das gerade ehrt und erhebt Sie m meinen Augen." Der Greis zitterte vor innerer Be- tvegung. „Es muß Ihnen auch noch zum Segen gereichen. Ter alle Gott lebt noch." Es lag etwas so Rührendes, Herzbewegendes in den Worten des schlichten alten Gelehrten, daß Joachim wild aufstöhnend in einem Sessel zusammenbrach. Sein dunkler Kopf fiel schwer auf den Tisch nieder Er weinte. XL IM Schloßgckrten von Loßwitz blühten die Veilchettt, Dann lvar es am schönsten in den verwilderten Anlagen,^ die jährlich nur notdürftig in stand gesetzt und dann bett ganzen Sommer über ihrem Schicksal überlassen wurden.. So hatten die lieblichen Frühlingskinder ungestört wuchern können und zogen jetzt ihren blauen, duftenden Blütenteppich über den erst spärlich grünenden Rasen, unter den niedrigen Büschen hur, deren dicke Blattknofpen soeben aufzubrechen begannen. Eine strahlende Sonne lächelte voM wolkenlosen Himmel warm und zärtlich auf die aus langem Winterschlaf erwachte Erde herab und liebkoste das schlanke! blonde Ntädchen, das mitten unter den Veilchen kauerte und! die duftenden Blüten in ein kleines Körbchen sammelte., Wie stets war Marga von Trefsenberg auch, bei diesep Beschäftigung mit all ihren Gedanken in St. Sie "seufzte ein klein wenig mtf, als sie sich jetzt, das! gefiillte Körbchen irr der Hand, erhob. Ihr Ivar so beklommen und unruhig zumute. Die laue, sonnige Frühlingsluft schmeichelte sehnsüchtig^ Empfindungen in "ihr Herz. Ein kleiner blonder Offizier mit hübschem, treuherzigem Gesicht und fröhlichen Braunaugen gaukelte plötzlich vor ihren inneren Blicken. Sie holte tief Atem. Wie kam sie plötzlich auf Walter! von Poseck? Vielleicht, weil sie vorhin in der Zeitung gelesen, daß er Hauptmann geworden war. Vom Schlosse aus wurde jetzt ihr Name gerufen. Es! war die harte, spröde Stimme der Freifrau. Das Mädchen wischte hastig die Spuren des Blumenpflückens von ihrem einfachen Lodenkleide und schritt dann eilig dem Hause zu.. Es mußte ein ganz besonderer Anlaß sein, dessentwegen sie gerufen worden war, denn die Mutter hatte sie in das! Zimmer des Vaters gewinkt. Der Freiherr saß noch finsterer und grämlicher als sonsts in seinem zerrissenen Korbsessel. Eine Wolke von Tabaksqualm umhüllte seinen eckigen, grauen .Köpf. Die Freifrau hatte sich neben ihn gestellt und beide sahen sie der Tochter entgegen, die mit heißen Wange«!, ein Bild der Gesundheit und blühendster Jugend, leichtfüßig ins Zimmer trat. Beim Anblick der Ellern stockte ihr Fuß und die Farben laiche« langsam aus ihrem hübschen Gesicht. Ter Freiherr räusperte sich, fuhr mit der Hand glättend über einen starken, eremefarbigen Briefbogen, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag und sagte endlich brüsk ohne jede schonende Einleitung: „Der Ritllneister Kronau hält in diesen« Briefe bei mir! um deine Hand an, Marga, er schreibt, daß du nichts Vock dieser seiner Llbsicht ahnst. Ist das wahr oder hast du die Reisen, die wir dir gestattet, dazu benutzt, hinter unserM Rücken ein Liebesverhältnis mit ihm anzuknüpfen?" Marga, welche bei den ersten Worten förmlich zu Stein erstarrt war, zuckte jetzt zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Ter herbe, verschlossene Zug, der ihr blasses .Gesicht überschüttete, ließ sie ihrem Bruder Joachim ähnlich 58 — erscheinen. Selbst sein hochmütiges Lippenzucken war es, i mit dem sie, den Kopf in den Nacken biegend, stolz sagte: „Ich kenne den Tressenberaschen Wappenspruch: Tie Ehre oder das Leben, sehr gut und ehrlos fände ich's, hätte ich Euch verschwiegen, ivas Ihr denkt. Ich ahnte Nichts." Sie sprach die Wahrheit, das sah man ihr an, aber ihr Ton reizte den ohnehin verstimmten Freiherrn. „Aha, Joachims Einfluß!" höhnte er, „du hast dein Zusammensein mit ihm gut genützt. Das ist ganz seine hochfahrende, überhebende Art und Weise, mit mir za verkehren." Ein seltsamer Blick ans den milden Augen der Tochter traf sein zorngerötetes Gesicht. Sie sagte nichts, aber flüchtig durchzuckte sie's, als habe sie in dem Moment den Schlüssel zu Joachims verbittertem Wesen gefunden. Sie war so hingenommen von den Empfindungen ihres verletzten Ehrgefühls, daß erst das ruhige: „Wir werden den Antrag natürlich in deinem Namen ablelmen!" der Mutter sie zum Bewußtsein der eigentlichen Situation rief. Sie besann sich. Der Rittmeister Kronau, Hannas Onkel, der elegante, ritterliche Weltmann, der verwöhnte Frauen- kenner begehrte sie zur Frau. Allmählich, aber immer lastender warf diese Gewißheit sich aus ihre geängstigte junge Seele. Sie war verwirrt, betäubt. Vielleicht hatte die Freifrau nach ihrer Mitteilung einen Sturm erwartet, einen Widerspruch — sie blickte jedenfalls so energisch, als habe sie sich zu einer heftigen Auseinanderfetz ung gewappnet. Aber von Margas blassen Lippen kam kein Lant. In die Stille des Zimmers drang nur das stoßweise Atmen des asthmatischen Freiherrn und zeitweilig von draußen ein klapperndes Geräusch — Tyras schleppte trage sein Holzkreuz über den gepflasterten Hof. Es war Mittagsstunde. Die Sonne stand grell auf dem weißglänzenden Schieferdach der Stallgebände drüben, so daß der Schein schmerzend in Margas heiße, hinans- starrende Augen traf. Sie senkte die Lider. Ein körperliches Schwächegefühl wandelte sie an. Tie Freifrau bemerkte es. „Du kannst dich zurückziehen!" sagte sie etwas weicher gestimmt. Der Freiherr brummte irgend etwas Unverständlrches in seinen struppigen Bart; er seinerseits hatte übrigens dem ablehnenden Bescheid seiner Frau nichts hinzugefügt. Stumm ging Marga hinaus. Ihre langsamen, müden Schritte verhallten im Korridor. Ta hob der Freiherr den Kopf; seine hellblauen Augen unter den buschigen Brauen blitzten die Frau an, die stolz und unbeweglich noch immer neben seinem Stuhl stand. „Wer sagt dir, daß ich den Antrag des Rittmeisters ohne weiteres ablehnen will?" fuhr er aus und die Adern an seiner Stirn schwollen an, „ich dächte doch, tvir hätten Marga eigentlich gerufen, um zu hören, wie sie sich zu der Sache stellt. Wenn sie ihn durchaus wollte, .was spräche dagegen?" „Alles!" erwiderte Hedwig von Tressenbera hart, „er ist ein alter Mann und er ist bürgerlich — ich dächte, das Der unbändige, in der Einsamkeit noch gewachsene Hoch- nmt der einstigen Gräfin Redentlo fröstelte durch ihre JEßoictc. Ter Freiherr, welcher mit seinem Jähzorn neben der ruhigen, eisigen Ueberlegenheit seiner Frau stets den Kürzeren zog, schnitt ein halb verlegenes, halb wütendes Gesicht. „Larifari, Dummheiten!" platzte er los, „der Rittmeister ist ein schwerreicher Mann, das ist die Hauptsache." So erschreckend tief war er bereits in seinen Geiz versunken, daß fein einst ebenfalls stark ausgeprägter Adelsstolz darin erstickt war. „Sollen wir vielleicht auf irgend einen leichtsinnigen Grafen warten, dem ich gleich als erstes einen Haufen Schulden bezahlen mutz — oder aus so 'nen Windbeutel von jungem Leutnant, der nichts ist und nichts hat, von der „großen Liebe" satt werden tont und nebenbei stark aus beit Geldbeutel des Schwiegervaters rechnet? Das könnte mir gerade passen. Der Kronau will nur eine junge, schöne Frau und wird sich keinen Pfifferling um die Mitgift scheren. Das ist bei einem Freier ein nicht zu unterschätzender Vorzug." Die Freifrau hatte langsam ihren Platz verlassen und war aus die Tür zugeschritten. Bon dort her klang cs nun kalt und bestimmt: „Ich gebe diese Heirat nie zu, nie, hörst du. Unsere Tochter hat durch ihren Namen und ihre Erscheinung die Berechtigung, eine glänzende Partie zu machen, nicht eine simple Iran Kronau und Gattin eines Greises zu werden." Sie schritt, ohne weitere Einwände ihres Mannes ab- zuwarten, hinaus. Ter Freiherr wär es schließlich auch zufrieden, er hatte ja auch ohne Mitgift tief in den Beutel greisen müssen bei dieser Sache, so blieb ihm das erspart. Bei Tisch tat die Freifrau, als sei nichts vorgefallen. Sie sprach mit der Tochter ruhig über Wirtschaftsangelegenheiten und nur der Blässe des jungen Mädchens hätte man anmerken können, daß nicht alles wie sonst war. Als der Kaffee gereicht war und die Eltern sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, nahm Marga Hut und Schirm und verließ das Schloß. Sie ging rasch durch beit stillen, sonnigen Park, an dem dunklen, von grünen Algen durchzogenen Teich vorüber bis hoher Nadelwald vor ihr emporragte. Eine roh gezimmerte Bank stand zwischen den rötlichen Stäntmen. Tort saß sie lange. Niemand störte sie da. Um sie summte und wisperte nur das geschästige Leben unsichtbarer Waldbewohner, Ameisen hasteten zu ihren Füßen ausgeregt hin und her, ein vorzeitig herausgeschlüpfter Schmetterling taumelte wie trunken au der Erde hin — nur vorsichtig schüttelte ein Windhauch zuweilen die Fichtenzweige droben, daß ihre abgestorbenen braunen Nadeln leise auf das sinnende Mädchen niederrieselten. Durch das erst spärlich belaubte Buschwerk blitzte grünlich das unbewegte Wasser des Teiches herüber wie ein tückisch lauerndes und doch faszinierendes Auge. Aber Marga verstand sein lockendes Glitzern nicht. Sie dachte nicht ans Sterben, im Gegenteil, sie dachte an ihr blühendes, junges Leben, das heute zum ersten Male ein Mann für sich begehrt hatte. Die Betäubung war von ihr gewichen, sie sah jetzt ganz klar. Sie vergegenwärtigte sich Ernst Kronaus Erscheinung, im Geiste nichts beschönigend. Dem Ideal ihrer Mädchenträume entsprach er nicht, aber wem war es schließlich beschieden, sein Ideal zu heiraten? Der Rittmeister war ihr schon als Hannas Onkel stets seiner Güte und seines vornehmen Wesens lvegen shm- . pathisch gewesen, warum sollte sie ihn nicht lieben lernen? Und dann tauchte neben feiner Erscheinung lockend das zierliche, weiße Schlößchen von Balldors aus mit seinen runden Türmen, dem blauschimmernden Schieferdach und den vielen blitzenden Spiegelscheiben, hinter deren kostbaren Spitzengardinen sich so viel Eleganz und Behaglichkeit barg. Tort könnte sie Herrin sein. Sie würde einen Mann haben, der sie anbetete, der thr jeden Wunsch von den Augen ablas, sie würde heitere Menschen nm sich sehen dürfen, sich elegant anziehen, ausfahren, reiten können, ohne den steten Tadel zu Horen, der ihr hier das Leben verbitterte. Ach, es würde ihr gar nicht fchwer sein, für all das Ernst Kronau lieb zu haben. Aber es war ja doch alles vorbei, der Absagebrief wohl schon unterwegs. Ihr Leben rollte weiter im eintönigen Gleichmaß, Schloß Loßwitz hielt sie in eisernen, erbarmungslosen Armen. Wie lange wohl noch? Eine wahnsinnige Angst überfiel sie plötzlich, Ernst Kronau könne der einzige sein, der ihr die Hand böte, sie aus bi ei ec toten Wüste hier, in der sie an Körper und Geist verschmachtete, an die grünende, quellfrische Oase eines innigen Familienlebens zu führen. Dann dachte sie an. Hanna. Und ihre Angst tmtrde noch größer, drohender. Wenn die Eltern in ihrem Rainen den Rittmeister rundweg abwiesen, dann würde auch Hanna als seine Nichte sich von ihr zurückziehen — die letzte Pforte zu der heiß ersehnten Freiheit ihr verschlossen sein. Ein furchtbares Grauen schüttelte ihre Glieder. Einem jähen Impuls folgend, stand sie, auf und stürzte wie gehetzt durch den Park zurück dem Schlosse zu. Hanna sollte ihr raten, helfen! In ihrem Zimmerchen setzte sie sich an den kleinen Schreibtisch, nahm einen Briefbogen und begann der Freundin ihr übervolles Herz auszuschütten. Ihre Feder flog förmlich über das Papier. lFortletziins folgt.) 59 Das ideale Theater. Bon Geo r g L e n g b a d). Bum Baue eines Theaters (Musentenipets) wühle man einen freien Platz, der fürs Publikum von.allen Seiten leicht zugänglich ist. Gut ist die Nähe eines Droschken-Standplatzes. Das neue Theater schietze geräuschlos wie ein Pilz über Nacht empor. Langes Bauen erhöht die Kosten, weckt Hoffnungen und reizt zu Betrachtungen über die Zweckmäßigkeit des Unternehmens. Hauptsache ist der Fassnngsraum. Vorn hat jedes Theater eine Anfahrt und hinten einen Bühneneingang. Ter Jnnenraum zerfällt erstens in den.Kassenraum (auch Entree genannt). Derselbe soll bequem und für jedermann ungemein leicht zugänglich sein. Zweitens in den Zuschauerraum. Derselbe hat in den letzten Jahren keine Stehplätze mehr; dafür sitzt man schlecht. Aber schließlich geht man doch nicht ins Theater, um bequem zu sitzen. Drittens der BühneNrauM. Auch eine Bibliothek. Dies hat nicht viel Sinn. Alte Stücke führe man nie auf, Klassiker existieren im Bedarfsfälle in Reklam tuinb moderne Literatur sowie Novitäten versenden Bloch, E,lisch, Eirich usw. mit Vergnügen. Man prüfe alles und warte dann den Erfolg der eingesandten Stücke an anderen Bühnen ab; ausgenommen sind Detektivstücke, krasse Tendenzdramen usw., die man ohne weiteres uraufführen soll — wenn man sie bekommt. Der Zug der Zeit geht ins Kriminelle und Perverse- Nicht genug Vorsicht ist . den sogenannten heimischen Talenten gegenüber zu empfehlen. * Eine noch in der Entwicklung begriffene Erscheinung ist der Dramaturg. Eigentlich gehört er nicht ins Theater, denn er hat meistens literarische Bedürfnisse, die den eisernen Bestandteil des Theaters schädigen. Er verachtet oft ganz gute kassemachende Stücke. Da ihm viele Regisseure und auch Dichterlinge, deren Stücke er nicht befürwortet, ans Leben wollen, geht er nie allein, sondern in Begleitung eines Schutzmannes. Seine Gage ist gering, aber er führt meistens eine gute Feder und daher verhalte man sich mit ihm, denn man kann nie wissen . . . * Zur Leitung eines Theaters gehört ein sogenanntes Direk- tionsbnrean; dasselbe enthält eine gutgeölte Schreibmaschine, einen etwas größeren Pqpierkorb, eine eiserne, feuerfeste Kassa und ein Waschbecken. Manche Bühnen haben selbstredend Drehbühne. Man kann damit bequem, wem, gut gedreht wird, 2 Nachmittagsvorstellungen und abends mehrere Zugstücke aufführen. Finanzieller Vorteil. Die Drehbühne wird mit einem automatisch funktionierenden Orchestrion versehen, um das lästige Geräusch des Drehens zu verdecken. Dadurch entfällt die Zwischenaktsmusik und Bezahlung der Musiker. Bleibt Raum, dann baue man auch Schauspielergarderoben, falls dieses unmöglich geworden, mögen sich die Mitglieder auf dem Korridor, Schnürlboden oder in den Versenkungen ankleiden, dabei achte man aber auf strengste Moral und Disziplin. Zur Leitung - gehören noch Disziplin und Sinn für zug- kräftiges Repertoire. Disziplin wird hervorgerufen durch Rollenhunger, Geldstrafen oder Urlaubsverweigerungen (also nicht schwer). . Heikler ist die Repertoirefrage. Dazu gehören gute Augen. Ich meine zum Lesen all der Zeitungen, die über Uraufführungen «. und bereu Erfolge berichten. Wichtige Blätter sind: Berliner Börsencourier, Jllustr. Wiener Extrablatt, Frankfurter Zeitung, Münchener, Hamburger und Dresdener N. N. nsw. Schlager finden meistens andere Bühnen, daher soll man nie kostbare Zeit mit Suchen vertrödeln. Abwarten und rasch zugreifen ist das einzig Richtige. * Der Betrieb des Theaters ist innig mit der peinlichsten Pflichterfüllung von Regie und Ensemble verwoben. Regie ist eine unsichtbare Tätigkeit. Jich meine das Publikum sieht selten etwas davon. Der Regisseur liest gewöhnlich das ganze Stück von Anfang bis Ende durch und trifft dann die Anordnungen bezüglich der Inszenierung. Er trägt meistens einen Bart und spielt manchmal mit, aber selten gut. — Ein Ensemble soll der Stolz des Theaters sein. Nur erste Bühnen verfügen über ein solches. Man versteht darunter eine Gesellschaft von Mitgliedern, welche derart auf einander eingespielt sind, daß sie weder auf Text noch auf Stichworte reflektieren, die Gewohnheiten älterer Kollegen und Kolleginnen ehren und auch nicht durch eigenes oder fremdes Steckenbleiben, vorzeitiges Vorhangfallen, plötzliches Versagen der Souffleuse ans der Fassung gebracht oder in der vollen Kuustentsaltnng behindert werden können, über welche sie kontraktlich zwischen 7 und 10 Uhr abends zu verfügen habe«. Einzelkräfte. Werden von den Theateragenten (5—3 Pro;. Provision) in beliebigen Quantitäten geliefert. Die Provision zahlen nur die Mitglieder. Bei der Wahl der Kräfte vergesse man nie, daß heute nur originelle Individualität, niemals das Normale interessiert. Man engagiere z. B. keinen landläufigen eleganten Bonvivant. Wozu? — Elegante Bonvivants bringt der Alltag in Menge. Ans der Bühne soll der Bonvivant zum Widerspruch reizen, seine Körperfülle soll nachdenklich stimmen, seine Krawatten melancholisch, seine Sprechweise ungeduldig machen, sein erstes Auftreten soll Kopfschütteln, sein ersehnter Abgang Erleichterung erzeugen. So fesselt man das Publikum, reizt seine Denk- und Widerspruchskraft und es verläßt höchst animiert das Theater. Auch alle anderen Fächer sollen intereffant vertreten werden. Die Naive muß einen Hängezopf haben — alles andere ergibt sich von selbst. Der komische Alte muß mit Schlotterbeinen über die Bühne gehen und hinten ein farbiges, gebrauchtes Schnupftuch heraushängen lassen. Der junge Held muß sehr schön sein. Wichtig wegen der Backfische und der Ausichts- farteninbuftrie. Der schüchterne Liebhaber mutz den Besitz einer wenig benützten semmelblonden Perücke nachweisen. Die komische Alte ftemmt die Arme in die Hüsten und schleudert derb einige saftige Gemeinheiten ins Parkett, worüber immer riesig gelacht wird. Die Tradition hat all diese Gewohnheiten geheiligt und man hat damit bei dcr Akquisition der Kräfte zu rechnen. • Zum Betriebe des Theaters gehört noch ein Gagenetat. Doch ist dies eine so geringfügige Sache, daß man nicht gerne darüber spricht. Reklame. Im Namen der Kunst fordere das neue Theater von den Zeitungen energisch einen Raum für seine Ankündigungen. Natürlich gratis und womöglich an der Leitartikelstelle. Gekürzte Theatcrnotizen sollte man polizeilich bestrafen; jedenfalls nehme man solchen Unfug ad notam wegen der Freibilletts. Mindere Theatergenüsse müssen dem verwöhnten Publikum geschickt mundgerecht gemacht werden. Das Einfachste: Man kündige sie mit fettgedruckten Lettern eine Woche lang ununterbrochen vorher mit den kräftigsten schmückenden Beiworten an. Das Gute lobt sich selbst — wer aber lobt das Schlechte? — Das Mindere, mit dem man doch schließlich auch ein Geschäft machen muß? Sonnenthal, Kainz usw. pompös anzukündigen, hat eigentlich wenig Sinn. Ueberhaupt Reklame! Lieber an den Gagen sparen als an Auslagen für Reklamezwocke. Die Leute müssen von einer geplanten Premiere reden wie von Odol. Warum sollte mau für Margarinbutter oder den amerikanischen Normalschuh mehr Reklanle machen als für einen neuen Lohengrin? * Kritik! Sehr böses Thema. Kritik arbeitet immer unter dem Deckmantel literarisch-ästhetifch-idealistischen Strebens und vergällt der Theaterleitung die besten Kassenrapporte. Böse Kritiker und sonstige „Mießmacher" beschenkte man mit Plätzen an zugigen Stellen des Theaters, wo sie nichts hören und Gesichtsrose ober Rotlauf bekommen. Bei wichtigen, voraussichtlich Kasse machenben Schund-Premieren labe man sie in bie Direktionsloge, zeige ihnen bas neueste Buch über Shakespeare — Baocn — Rut- latib ainb biete ihnen Tee mit vergifteten Sandwiches. Doch sei man dabei sehr höflich und lasse nichts inerten. Manche nehmen Geschenke, aber das ist auch so eine Sache — sie verlangen sie dann auch!, wenn keine Premiere ist und einem Kritiker soll man nichts abschlagen — außer den Kopf. Der Verkehr mit den Mitgliedern sei voll Güte, Wohlwollen und Liebenswürdigkeit. .Es kommt vor, daß erregte Schauspieler wutschnaubend sofort den Direktor zu sprechen wünschen. Das geht natürlich nie! Solche Leute lasse man vorerst 3 Stunden im Vorzimmer warten, bann lege man sie zur Abkühlung in den für solche Zwecke existierenben Direktions-Eiskasten, in dem man vorher einige gute Rollen wie Hamlet, Lear, Vogelhändler re. deponierr hat. Inzwischen entfernt sich das Bureau. Oesfnet man nach 24 Stunden den Eiskasten, so findet man den in das Studium der guten Rolle vertieften Querulanten oder ein Himbeergefrorenes. * Gagenerhöhung, Extrahonorare, Vorschüsse usw. gehören selbstverständlich in die Rubrik für Fliegende-Blätter-Witze. Man gewähre nie und nichts. Für rasches Ueberneljmen von großen Rollen hat sich der Betreffende am nächsten Tage im Frack mit frisch geputzten Handschuhen beim Theaterdiener für das in ihn (den Uebernehmer) gefetzte Vertrauen zu bedanken. Zuwiderhandelnde erhalten durch 4 Wochen nur Anmelderollen oder müssen ein Pferd über die Bühne führen, das leicht erregbar ist. Jede große Böhne besitzt Hausgesetze. Wer sie bricht, erleidet schweren Schaden an der Gage. Die Hausgesetze erscheinen in 17 Bändelt und 3 Supplementsbändeu, sind von den Mitgliedern gegen günstige Zahlungsbedingnisse (ärmere gratis) z« beziehen und ailswendig zu lernen. Sie enthalten die verschiedenen Grade der Strafen, in die das Mitglied verfallen kann, von der kleinsteil Geldbuße (200 Kronen) bis zur gänzlichen Entziehung der Gebühre» verbunden mit Ehrverlust sowie schwerer Einzelhaft in einer, längere Zeit benützten Statistengar'derobe. Noch wäre der Theateearzt zu erwähnen, ein Vertrauensmann her Direktion. Er möge jede Krankheit der erregten Mitglieder mit seiner Diplomatie, Purgen oder Brompulver behandeln. Die Wirkung zeigt sich alsbald. Elltweder schläft der renitente Simulant durch 72 Stunden und erwacht gebessert, oder er stirbt. Berübt er dies letztere vor Ablauf seines Vertrages, so klage man unverzüglich die Erben wegen Kontraktbruches. Hat inan auf diese Weise das Gebäude und sein Shsteni auf- gestellt, so schreite man allsogleich zur Eröffnung des Tempels. Ich bemerke hier nur noch, daß dies ohne Prolog nicht möglich ist. Eilt SchMerbearSeitcr. Mir entnehmen dem 1. Januarheft der „S chaubühne" (Herausgeber Siegfried Jacobsen) folgende voll Felix Heilbut herstammende Notiz: Anton Dinspel ist Pfarrer in Kirit a. d. Nahe. Nebenbei aber ist er Dichter: Dramatiker. Keilt Geringerer als er ist z. B. der Verfasser der dramatischen Dichtung: „Der Geschäftsführer" oder „Unentwegt auf rechtem Pfade", Schauspiel in drei Auszügen mit acht, nur männlichen, Rolleii. Nun kenne ich zwar dieses ebenso wie die andern Werke Anton Dinspels nur dem Namen nach. Aber ich möchte, ehe ich mich weiter mit dem Autor befasse, ans das allen seinen Arbeiten Gemeinschaftliche Hinweisen: das Fehlen der weiblichen Rollen. Das mag mm feilten Grund darin haben, daß in Kirn (a. i>. Nahe) die Schauspielerinnen nicht ganz aus der Höhe ihrer männlichen Kollegen stehen. Oder auch in der Abneigung des katholischen Geistlichen gegen das Weib an sich. Gleichviel jedoch — ich glaube, Dinspel geht darin etwas zu weit. Den Eindruck hatte ich wenigstens, als ich eine Arbeit Dinspels kennen lernte. Allerdings handelt es' sich in diesem Falle nicht um ein Originalwerk von ihm, sondern um die Bearbeitung einer wenigstens mir schon bekannten Dichtung von Friedrich Schiller. Hierbei ist es Anton Dinspel nicht nur gelungen, die Handlung zu vereinfachen, smt- dcrn auch, wie er schon in der Einleitung hervorhebt, die Frauenrollen zu beseitigen. Der Name dieser Arbeit ist: Wilhelm Teil. In diesem Stück wird beispielsweise eine Dame Namens Berta von Bruncck durch einen alten Diener, Bernard genannt, ersetzt. Und auf die glücklichste Weise ersetzt. Dieser Bernard erzählt nämlich (in Dinspelscher Sprache), was seine Herrin sagen 'würde (in Schillerscher Sprache), wenn sie nicht gerade abwesend wäre. Ueberhaupt die Dinspelsche Sprache! Wie schön sind diese Jamben! Man muß die Leichtigkeit bewundern, mit der er für jede fehlende Silbe ein erquickend kräftiges „Ha!" findet. Ich bin sicher, diese Sprache würde selbst ünserm gestrengen Professor h. c. Adolf Bartels genügen. Alle überflüssigen Szenen weiß Anton Dinspel zu vermeiden. Mit Recht. Es hieße doch Eulen nach Athen tragen, würde er eine Selbstverständlichkeit, wie z. B. die, daß ein lächelnder See zum Bade ladet, noch besonders erwähnen. Und was gehen die von Schiller erzählten Familienangelegenheiten die OefsentlichEeit an? Die sind doch Mehr als überflüssig. Ja, die sind ost — nm es gerade herauszusagen — direkt indiskret. Trotz seiner nicht genug anzuerkennenden Selbständigkeit zeigt Anwn Dinspel zuweilen doch eine gesunde Anpassungsfähigkeit. Er ehrt schon den verstorbenen Kollegen Schiller, indem er sich dessen Wünschen nicht immer widersetzt. Da ist gleich das Arrangement der Rütli-Szene: „Wald- und Wiesen-Kulissen. Wenn sich die von Schiller gewünschten Eisgebirge resp. der See im Hintergründe darstellen ließen, wäre sehr zu empfehlen. Es genügt aber auch eine hübsche Darstellung ver Wald- und Wiesengegend." Vermischtes. * Was gibt das deutsche Volk für Alkohol aus? Das Reichsarbeitsblatt 1906 hat in Deutschland die Ausgabe für alkoholische Getränke auf 2826 Miktionen Mark berechnet, indem es bei einem Konsum von 5,82 Liter Wein, 123,4 Liter Vier und 8,52 Liter Branntwein jährlich im Durchschnitt der Jahre 1899—1903 einen Preis von 1 Mk. für den Liter Wein, von 0,30 Mk. für den Liter Bier und 0,50 Mk. für den Liter Branntwein zugrunde legte. Was nun den letzteren betrifft, so ist der Ansatz schon viel zu gering. Denn bei der Zahl von 8,52 Liter Branntwein handelt es sich um einen Branntwein von 50 Prvz. (der Konsum in absolutem Alkohol betrug 4,26 Liter). Nun enthält aber der Trinkbrantttwein, für deck ein Preis von 50 Pfg. pro Liter sehr gering ist, nicht 50 Proz., sondern im Durchschnitt höchstens 30 Proz. Alkohol, sodaß 14,2 Liter Trinkbranntwein von 30 Proz. resultieren. Es sind also 5,68 Liter Trinkbranntwein pro Kopf mehr zu berechnen, die bet einem Preise von 50 Pfg, und einer Bevölkerung von rund 60 Millionen 170 400 000 Mk. ausmachen. Darnach würden 2996,4 Millionen Mark, also fast genau 3 Milliarden Mark resultieren. Dabei ist aber zu bedenken, daß ein Liter Trinkbranntwein für 50 Pfg. im Detailausschank wohl nirgends zu haben ist*), daß 30 Pfg. für einen Liter Bier ungefähr den Preisen! in Süddentschland (Bayern) entspricht, in Norddeutschland aber, das ungefähr % des deutschen Bierverbrauchs hat» im Ausschank mindestens 40 Pfg. kostet. Ein Durchschnitt von 35. Pfg. pro Liter dürfte also sicher nicht zu hoch gerechnet fein. Es würde dann am Bier allein noch 370 Millionen Mark mehr resultieren. Auch der Durchschnittspreis von 1 Mk. für 1 Liter Wein ist ungewöhnlich gering angesetzt. Es dürfte also alles in allem 3i/ä Milliarden Mark ungefähr in Wirklichkeit die TrinkauSgabe des deutschen Volkes fein. pp. ; *) Kognak, Rum, Arrak, Liköre, die ja auch zu den Brannh-, weinen gehören, sind ja unendlich viel teurer. — Wir jungen Männer! Das sexuelle Problem des gebildeten jungen Mannes vor der Ehe von Hans Wegener. Düsseldorf, Verlag von Karl Robert Langewiesche. Kartoniert 1,80 Mk. Der Verleger teilt uns mit, daß von diesem Buche (8 Monate nach der Erst-Ausgabe) das sechzigste Tausend erscheint- Die Tatsache dieser außerordentlich raschen und ungewöhnlich weiten Verbreitung verdient Erwähnung, läßt sie doch Schlüsse auf die innere Haltung der Jungmännerwelt zu- Möge das Buch, das sich durch Jugendlichkeit, Offenheit und Natürlichkeit auszeichnet, weiterchin seinen Weg nehmen. Lied der deutschen Krieger. Mel,: Wohlauf, Kameraden, auss Pferd, auls Pferd! re. Ein einziges, großes, gewaltiges Heer, So stehen wir freudig zusammen, Vom Fuße der Alpen zum Mitteruachismeer Entzündet in heiligen Flammen. So harren wir mutig, in Treue bereit. Die Heimat zu schirmen in blutigem Streit, Wir üben das Auge, wir stählen den Leib, Wir stürzen Gefahren entgegen, Und tst es mir fröylicher Zeitvertreib, Die Glieder so hurtig zu regen. In Regen und Stürmen, in Frost und in Glut Entsinkt uns doch niemals der fröhliche Mut- So üben wir rastlos mit freudigem Sinn, Die Waste im nervigen Arme, Bald wogend in wuchtigen Masten dahin. Bald plänkelnd in hurtigem Schwarme, Bald schwimmend im Strome, bald spürend im Tanth, Bald ringend im Sturme die Höhen hinam Laßt kommen, ihr Brüder, was kommen mag. Wir wollen nicht bangen und zagen! Wir »vollen mit wuchtigem Schwerterschlag Tie Horden der Fenide zerschlagen, Mit Jauchzen stürzen hinein in den Streit: Hoch Kaiser und Reich in Ewigkeit! Gießen. A l be r t Kl ein sch mibt,*s *) Aus „Heil dem Kaiser!" Gesänge und Deklamationen znr Feier des Geburtstages Sr. M. des deutschen Kaisers Wilhelm 11» Für Schule!», und Vereine verfaßt. Leipzig, Friedrich Brandstetter. Logogriph. Machdruck verboten. Zur Jugendzeit war scharf mein Augenlicht, Gleich wie ein Tier mit „k" vermag zu schauen. Jetzt bin ich alt, mit „t" hat's int Gesicht Mir Chronos' Meißel reichlich eingehaue». Die greisen Augen werden schwächer täglich ; So komm' ich oft zu dem mit „l" gar kläglich, n. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs aus voriger Nummert Gute Schulen am rechten Platz Sind für die Gemeinden ein großer Schatz; Ader zu Hause gute Zucht, Die bringe erst die rechte Frucht. Alter Spruch, Redaktion; Ernst Heß« — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversttätS-Buch» und Sleindruckeretz R. Lange, Gießen,