Worttag den 25. Mvemöer 1907 Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) «Fortsetzung.) Mit einem wahren Duldergesicht ergab sich Hansemänn in sein Schicksal und verließ das Zimmer. In der von Thommen benutzten Schreibstube traf er die in Tränen Aufgelöste. Sie >oar in tiefes, dunkles Schwarz gekleidet, wie eine Trauernde und glich in ihrer ausdrucksreichen Verzweiflung wirklich einer Niobe. Als sie des Rats ansichtig wurde, erhob sie sich rasch und trat mit bittend ausgestveckter Hand auf ihm zu. „Ich mußte ' Sie sprechen. Es betrifft Herrn Witte. Ich habe i n der Zeitung von dem schrecklichen Geschick, das ihn ereilt, gelesen. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Herr Witte ist unschuldig. Ich kann und will es beweisen. Er kann sich nicht in dieser schrecklichen Droschke befunden haben, denn er war — o mein Himmel!" unterbrach sie sich aufstöhnend, beide Hände vor das plötzlich wie in Glut getauchte Antlitz schlagend, „wie soll ich es Ihnen nur verstehen geben, ohne vor Scham in den Erdboden sinken zu müssen. . . Sie werden mich verachten, alle Welt wird es tun.....Man wird mir schlechte Motive unterschieben, niemand wird an die Reinheit einer Zuneigung glauben, die sich mutig über alle Schranken hinwegsetzte, eben weil felsenfestes, nie mißbrauchtes Vertrauen sie dazu berechtigte . . . ." „Mein liebes, gnädiges Fräulein, ivenn Sie so ausführlich fortfahreu, dann werde ich Sie kaum zu Ende hören können," unterbrach sie der Rat in stiller Verzweiflung. „Sagen Sie mir kurz und bestimmt, was Sie hierherführt. Vor allem beruhigen Sie sich, damit Sie sachlich reden können. . . und waS das Schämen anbelangt, du lieber Gott, wir alteir Spürhunde hören so viel und werden dadurch gegen die einzelne Individualität derart abgestumpft, daß wir nur den Gegenstand als solchen und ihn daraufhin betrachten, inwieweit er unseren Zwecken zu dienen vermag . . . intb nun bitte ich Sie recht herzlich um genauere Mitteilung. Verstand ich recht, so behaupten Sie, Herr Witte könnte mit dem in der Nachtdroschke geschehenen Verbrechen nicht in Verbindung gebracht werden, weil. . . nun weil er nm die in Betracht kommende Zeit wo anders geweilt hat?" Er schaute sie fragend dabei an. . Das Mädchen nickte nur unmerklich. „Er tvar bei mir . . , iu meinem Zimmer. Doch ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, es geschah aus keiner bösen Absicht. . . wir sind' heimlich verlobt, Herr Rat, doch . . ." Sie brach verwirrt in neues Weinen aus. „Liebes Fräulein, Sie brauchen sich nicht zu verwahren. Ich glaube Ihnen aufs Wort — utch dann, offen heraus, ich kann mir schlimmere Verbrechen denken, als die im heißen Lebensmai geschehen. Ihre Aussage scheint mir indessen höchst wichtig. Wann soll Herr Witte bei Ihnen geweilt haben?" „Ungefähr nm halb vier Uhr früh. Ich hatte mich gerade in mein Schlafzimmer, dessen Fenster rückivärts. nach deut Park- DNcken münden, zurückgezogen, als ich draußen einen leisen Psiff hörte — wir hatten eine derartige Verabredung getroffen. Ich öffnete mein Fenster und sah nach. Es war Andreas — Herr Witte", verbesserte sie sich errötend. „Von meinem Zimmer führt eine Tür zu einem großen Balkon, darunter ist die Veranda im Erdgeschoß, Andr. . . Herr Witte kletterte eine der Säulen empor. . . und wir sprachen zusammen auf der Veranda . . wir blieben auf der Veranda. Sie können es sicher glauben . . . es ist nicht so, !vie dieser unverschämte Mensch, der Haus-i meister, es mir heute ins Gesicht zu sagen wagte." „Was ist's mit dem?" erkundigte sich der Rat allsogleich interessiert. Das Mädchen tvollte wieder weinen. „Es ist zu schreckt lich!" hauchte sie. „Er hat Andr. . . Herrn Witte bemerkt, als er gegen sechs Uhr fortging ... er flieg über den Garten)- zaun. Aber ich schwöre Ihnen, Herr Rat--" „Bitte nur keine Erörterung von Privatverhältnissen I" unterbrach Hansemann die ihn händeringend Anflehende. „Es handelt sich hier um eine sehr wichtige Sache, die rein sachlich und ohne jeden Gefühlsaufwand behandelt werden muß. Also, erstens: Witte hat in Ihrer Gesellschaft geweilt?" „Allerdings. Doch nur auf dem Balkon vor meinem Zimmer." „Sie sind dabei von dem« Hausmeister beobachtet worden —j wie heißt der Kerl gleich?" „Bnhlinger, doch ich versichere auf Ehre und Gewissen)! daß „— dieser Bnhlinger ein ganz unverschämter Kerl ist, —< das glaube ich Ihnen aufs Wort, meine Gnädige," fiel ihr der Rat rasch in die Rede. „Wir werden den Mann hören müssen. Ich werde ihn schleunigst laden lassen." Er sah die ihm gegenüber Sitzende plötzlich durchdringlich scharf an. „Hören Sie, Fräulein, das ist doch nicht etwa eine abgekartete Sache?" erkundigte er sich mißtrauisch. „Sie wollen doch nicht etwa einen künstlichen Alibibeweis für Ihren Verlobten zurechtmachen?" Das Mädchen sah ihn entsetzt an; sie hörte offenbar nur seine grobe Stimme und verstand gar nicht, was er zu ihr sagte, „Wo waren Sie denn gestern nachmittag?" Er erinnerte sich, von ihrer Abwesenheit gehört zu haben. „Bei dem Rechtsbeistand meines Vaters. Ich gestehe auch, ich versuchte Andreas zu sprechen, doch der Portier ließ mich gar nicht hinauf, da er fortgegangen war." Der Rat saß einige Minuten lang in tiefes Sinnen verloren,, Tie Zeugenaussage Leonie Selkenbachs kam ihm nicht nur überraschend, nein, sie war auch geeignet, das ganze bisher crriüitete Jndiziengebäude wieder über den Haufen zu werfen, denn wenn der Maler nach dem Selkenbachschen Hause zurückgekehrt und dort lange über die kritische Zeit verweilt hatte, so konnte er dw Troschkenfahrt, welche Schuhmacher das Leben gekostet, nicht mitgemacht haben. Nun hatte Witte allerdings erklärt, keu« Alibi nachweisen zu können, indessen eine derartige Handlungsweise machte seiner ritterlichen Gesinnung alle Ehre; er hatte die Geliebte nicht bloßstellen wollen, mochte ihre heimliche Zusammenkunft noch so harmloser Natur gewesen sein. Wer aber Hatte dann die TvoschkeufnHrt mitgeMächt? Sollte es Kündt gewesen sein? Ter einmal gefaßte Gedanke wollte ihn nicht wieder verlassen. Das; Eilenburg junior auf dem Kutscherbvck gesessen, war zweifellos; nun waren die beiden in den Aurora-Sälen zusammen beobachtet worden. Gewiß, es war möglich, daß Kundt der Mitschuldige war, — blonder Bart, Brille, das kavaliermäßige Aussehen, alles stimmte, kombinierte der Rat rasch weiter. Am Ende war auch des Malers Behauptung wahr, und er wußte wirklich nichts von dem in seinem Atelier versteckt gewesenen großen Geldbetrag. Das sah Kundt ähnlich, die Beute oder deren Erlös bei unverdächtigen Dritten zu verbergen, wo sie schwerlich gesucht wurde. Darum auch war Kundt wohl gar nm Vorabend im Witteschen Atelier aufgetaucht! War Kundt im Spiele, so ließ sich auch erklären, warum von den doch zweifellos geraubten Wertsachen bisher noch nicht die mindeste Spur entdeckt worden war. In solchem Falle galt cs die Zeit näßen, denn der Zustand des Verbrechers war ein prekärer. Und da war auch zugleich der Schlüssel für das sonst psychologisch geradezu unverständliche Verhalten Kundts, als er in den Aurora-Sälen der Beamten ansichtig geworden war. An einen derartigen Anblick war der Abgebrühte doch sicherlich gewöhnt. Sein Schuldbc- wußtsein hatte ihm einfach einen Streich gespielt; er hatte nichts anderes vermeint, als seine neueste Missetat sei entdeckt nnd die Beamten zu seiner Verhaftung erschienen. Da hatte er in wildem Selbsterhaltungstrieb zur Pistole gegriffen und sich zur Wehr gesetzt, noch ehe einer ihn anzugreisen auch nur versucht Hatte. War Künd schuldig, was lag dann noch gegen den Maler vor? Nichts, d"— Anstiftung kam schwerlich in Betracht. Wie dann aber gegen Witte, dem solchenfalls schweres Unrecht angetan worden war, das weitere Verfahren einrichten', ohne einen der Trümpfe aus der Hand zu geben? Wieder wendete sich Hansemann! an die über sein langes grübelndes Schweigen ersichtlich Befremdete. „Uni Verzeihung, Gnädigste, doch mir geht soviel durch den Kbps, nicht am wenigsten Ihre Aussagen. Darf ich eine Frage an Sie richten? So viel rch weiß, hatte sich Herr Witte schon den ganzen Abend über zumeist in Ihrer Gesellschaft befunden. Was veranlaßte ihn nun wieder zurückzukehren? . . . Verzeihung, habe ich indiskret gefragt", suchte er zu verbessern, als er das dunkelüberzogcne Mädchenantlitz vor sich sah, erreichte aber das gerade Gegenteil. „Ich werde niemanden mehr in die Augen schauen können!" klagte Leonie, . die Augen verdeckend. „Und doch . . . wir sprachen gar nicht von uns... cs Ivaren sehr ernste Dinge » . . muß ich es sagen?" meinte sie schüchtern. „Zwingen kann ich Sie nicht. Aber im Witteschen Interesse möchte ich um die allergrößte Offenheit bitten, um mir ein klares Urteil bilden zu können." „Gut. Sie sollen alles wissen, Herr Rat, wenn ich darum auch recht kläglich vor Ihnen stehen werde. Mein armer Papa ,hat recht, ich bin ein törichtes, überspanntes Mädchen . . . unb doch tut er mir bitter unrecht. Ich Habe ja nur gescherzt mit meiner Drohung. Wie hätte ich daran denken können, den eigenen Vater ins Unglück zu stürzen . . . den liebevollsten, besten Vater. Ich wußte ja gar nicht, daß Papa solch verderbeir- hringeude Papiere in seinem Gcldspind aufbewahrte." „Zur Sache, wenn's beliebt", mahnte Rat. „Warum kam Herr Witte zurück?" „Ja, da muß ich schon etwas vorherschicken." Das Mädchen sagte es befangen, schwieg wieder nnd schien um tüten Anfang verlegen. „Es war im Laufe des Gesellschaftsabends. Es war tzerade Damenwahl Ungesagt, und ich suchte Andr . . , Herrn Witte. Da sah ich ihn in einer Ecke mit einem der Lohüdiener stehen; er sprach so heftig auf den Mann ein, daß er meine An- päheMng garnicht gewahrte. Ich hörte deutlich, wie er sagte: „Was tun Sie hier? Noch dazu in:ter der Verkleidung? Sie pnd der saubere Walden sind nicht einen Schutz Pulver wert. Dauerte mich Ihre Familie nicht, so entlarvte ich Sie kurzerhand^ und ließe Sie ausweisen, verstanden? Doch verlassen Sic sich daraus, ich lasse Sie heute nicht mehr aus den Augen . . . und sehe ich auch nur die geringste Ungehörigkeit, so hat Meine Rücksichtnahme ein Ende gefunden. Merken Sie sich das!" „Das ist ja ganz 'was Neues'" unterbrach sie der Rat staunend, „Zu wem sprach denn Witte in solch' wegwerfendem Tone?" „Es wär einer der Lohndiener, der zu der Gesellschaft Aushilfsweise vom Hausmeister angenommen worden war. Wie Mir Andre . . . Herr Witte erzählte, ist der Mann sein früherer Zimmerwirt und kein guter Charakter. Ich muß da noch etwas cinschalten; es betrifft meine Trohnng' gegen Papa. Er wär immer fo hart gegen mich und wollte nichts davon wissen. . . Gelt Sie verstehen mich. Es ist wegen Andr. . . Herrn Witte, Da hatte ich mir ausgedlacht, ich wollte Papa in einen gchörigeul Schrecken versetzen und so tun, als seien die wichtigen Papiere, von denen er immer sprach, aus seinem Schrank verschwunden . . . und dann würde alles gut und Papa einverstanden sein, so dachte ich. Nun sagte ich Andr. . . Herrn Witte" — »Bitte, bleiben Sie doch ruhig bei Andreas, cs kommt Ihnen viel leichter von der Zunge." „Also ich sprach mit Andreas darüber", berichtete die Errötende. „Er lachte mich aus, aber schließlich versprach er mir doch, sich einmal bei seinem Zimmerwirt zu erkundigen, der fei ein gelernter Künstschlosscr. Schließlich war cs doch kein Verbrechen, wenn ich mir einen Schlüssel zn Papas sorglich gehütetem Heiligtum verschaffen wollte, es sollte ja nichts Schlimmes geschehen, ich dachte nur an einen Schreckschuß. Wie mir dann Andreas sagte, mau müßte einen Wachsabdruck nehmen, und es sei immer eine schlechte Handlungsweise, da sah ich es selbst ein und mein Herz dachte nicht mehr an so ivas. Bloß beim Mittagessen vor dem Gesellschaftsabend, als die Rede auf An-- dreas kam und Papa sich ärgerte, daß er wieder die lebenden! Bilder stellen sollte, da geriet ich in Eifer und war unklug genug, Papa zu bedrohen ... ich habe cs seither so bitter bereut, so unkindlich gewesen zu fein. Nun denkt Papa gar, ich hätte mich gegen ihn verschworen. . . und cs war wirklich nur Kinderei." „Süffm wir das beiseite", warf Hansemanü! ein. „Sagen Sie mir lieber, ob ein derartiger Nachschlüssel oder vielmehr bereit zwei, einer für die Zimmertür, der andere für den Kassenschrank hergestellt wurden oder nicht," (Fortsetzung folgt.) Weaterßändel. Das ganze 18. Jahrhundert hallt wider von Klagen und Fehden gegen die Theaterlust, die als ein Werk des Teufels gebrandmarkt wird; freilich fanden in dem leichtsinnigen Lebenslvandel der umherziehenden deutschen Komödianten diese Klagen einen Schein von Berechtigung. Ihre Hauptsitze hatte die autitheatralische Bewegung in Hamburg, wo der durch feinen Kampf mit Lessing so berühmte Pastor Göze 1769 seine theologische Untersuchung der „Sittlichkeit der heutigen deutschen Schaubühne" veröffentlichte und in Halle, wo ja schon 1745 August Hermann Frcmcke auf seine Eingabe an den preußischen König, in der er auf Abschaffung der Komödieu drang, den kurzen Bescheid erhielt: „der Herr Francke oder wie der Schurke heißt, habe persönlich den Vorstellungen beizuwohnen und sich seinen Besuch attestieren zu lassen." Wie lange aber diese Abneigung der Theologe« gegen das Theater währte, geht daraus hervor, daß noch 1824 in Berlin der berühmte Tholuck seine „Stimme wider die Theaterlust" erhob, nachdem 50 Jahre zuvor ebenda ein anderes, höchst merkwürdiges Schriftchen „Neber den Wert und zur Berichtigung der Gefühle vom Theater herab" erschienen war. 'Im Jahre 1771 ist nun Halle der Schauplatz einer merkwürdigen theatralischen Begebenheit, die uns deutlich zeigt, mit welchen unendlichen Schwierigkeiten der damalige Theaterprinzipal zu kämpfen hatte. Karl Theo- philus Döbbelin, ein Komödienvater alten Schlages^ der in seiner Spielweise und seinem ganzen Auftreten' noch an die Zeiten der Neuberin erinnerte — er fand später in Berlin, zuletzt als Direkteur des Schauspielhauses eine dauernde Wirkungsstätte — dieser Döbbelin (der, wie wir vor einiger Zeit bereits mitteilten, in den 70 er Jahren des 18. Jahrh. wahrscheinlich auch bei uns in Gieße uBor- ftellungen gegeben hat. D. Red.) kam int Frühjahr 1771 nach Halle, wo er trotz zweifelhafter künstlerischer Leistungen einen bedeutenden Zulauf seitens der theaterlustigen Studenten fand, die sich, wie wir sehen werden, freilich nicht bloß für das Schauspiel allein interessierten. In geschickter Weise verstand es Döbbelin, den bekannten Philologen Klotz, der nicht lange zuvor seinen Streit mit Lessing ausgetragen hatte, für seine Darbietungen zu gewinnen und damit die Fürsprache eines einflußreichen Universitäts-! lehrers. Klotz gefällt sich, in der aait.; neuen Rolle eines! 699 aus seltenen Buche der Theaterliteratur, das in jenen Jahren erschienen ist. (Die Tatsache, daß der Gießener Professor Schmid kritisiert, spricht dafür, daß D. hier in Meßen seine Kunst produziert hat. D. Red.) Vorerst wird hier der Lodredner der „Halleschen Zeitung", eben unser Klotz, wegen feines mangelnden Verständnisses hart mitgenommen. Den eigentlichen Anlaß zu Döbbelins Expektoration gab das Auspochen seiner Gattin, das freilich nicht tut» rein künstlerifchen Gründen erfolgt sein dürfte. Am 10. Juni nach der Vorstellung des „Jungen Gelehrten"' von Lessing hält der gereizte Theaterprinzival eine im- I Provisierte Ansprache in Wersen: „Einst in Arkadiens Gefilden, Da suchten Hirten sich zu bilden: Allein sie pfiffen nicht wie hier. .Nein, Sans Apollens ivürd'ge Söhne Erfanden ruhmerfüllte Töne, Ihr Freunde, Gönner glaubt es mir." Ein unbeschreiblicher Tumult war die Antwort auf diese Herausforderung. Döbbelin muß sich nunmehr zu einer öffentlichen Abbitte entschließen, die er vorsichtigerweise gleich auf dem Theaterzettel vermerkte. Damit ist der Friede wiederhergestellt. Bald hernach kam aber aus Berlin Ordre, daß das Komödienspiel in Halle bis auf j weiteres einzustellen sei. Döbbelin begibt sich nach Magde- !-burg. Später hat er den Schauplatz seiner Tätigkeit als j Direktor des Theaters in der Behrenstraße dauernd nach j Berlin verlegt, wo er in der langen Epoche seiner Regie- I rung, bon 1775 bis 1786, häufige und ernste Zusammenstöße mit dem Publikum der Residenz gehabt hat. H. L. Muß man, was man bestellt hat, abnehmen? Wer in ein Schuhwarcngeschäft geht und sich Stiefel kauft, der erwirbt andere Rechte als derjenige, der sie sich bei einem Schuhmacher „anmessen" läßt. Im Laden kauft er Stiefel, beim Schuhmacher bestellt er fie. Das ist zweierlei. Wenn er die Stiefel im Laden anprobiert hat, muß er sie behalten, es sei denn, daß er wegen Mängel, die er bei der Anprobe nicht bemerken konnte und die sich nachträglich herausstellten, Wandlung verlangen kann. Beim Schuhmacher kann er die Stiefel jederzeit wieder abbestellen. Er hört z. B. hinterher, daß der Mann schlecht arbeitet, daß er unpünktlich abliefert oder was sonst. Der Schuhmacher muß sich das gefallen lassen; er kann aller-! dings den Preis für die Stiefel verlangen, muß sich abev die Ersparnis an Aufwendungen, Arbeitskraft usw. anrechnen lassen; er kann sich nur den Rohstoff und die bisher geleistete Arbeit bezahlen lassen, denn das andere erspart er. Natürlich muß er auch die Stiefel, soweit sie fertig sind, an den Besteller herausgeben, sonst würde er ja doppelt verdienen. Äehnlich liegt der Fall, wenn jemand unvorsichtig z. B. die Kleidung eines anderen beschmutzt, verbrennt usw. Nach § 823 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist schadenersatzpflichtig, wer u. a. das Vermögen eines anderen fahrlässig beschädigt. Zum Vermögen gehören natürlich auch die Kleider. Die leidige Unsitte, mit der brennenden Zigarre unvorsichtig umzugehen, hat schon viel Aergernis bereitet. Natürlich kann man den Uebeltäter, der aus Unvorsichtigkeit ein Loch in den Rock gebrannt/ zum Ersatz heranziehen. Was ist aber Ersatz? Ein Brandloch läßt sich nicht beseitigen. Mso muß der andere für einen anderen Rock sorgen. Mehr braucht er nicht zu leisten. Das würde aber der Fall sein, ivenn der Verletzte auch noch den verbrannten Rock behalten könnte. Gegen Austausch mit einem neuen Rock muß er den alten herausgeben. Natürlich braucht der Schaden nicht gerade in natura ersetzt zu werden. Ter Verletzte kann auch den Minderwerk des Rockes verlangen. Manchmal läßt sich aber ein solcher nicht konstruieren. Ein Brandfleck, der offen sichtbar ist, macht vielfach den Rock völlig wertlos. Daran mag sich mancher Unvorsichtiger besonders auf der Straßenbahn erinnern. Es ist unverantwortlich, wie leichtsinnig manche; Raucher auch im Gedränge ihre brennende Zigarre halten. Theaterkritikers. Im 40. Stück der „Höllischen Neuen Gelehrten Zeitungen" beginnt er eine dramaturgische Tätigkeit zu entfalten, für die er mehr Enthusiasmus als wirkliches Verständnis mitbrachte. Er, so heißt es nach einleitenden Betrachtungen über Charakter und Zweck einer guten Theaterkritik, kenne Herrn Döbbelin als einsichtsvollen Beförderer der dramatischen Literatur, der vom warmen Eifer für die Verbesserung des Theaters beseelt sei. Als Richard III. in Weißes gleichnamigem Trauerspiele — es war Döbbelins Glanzrolle, in der er alle Register des antiquierten Heldenspielers zog — habe er alle Erwartungen übertroffen. „Welches Feuer der Aktion zeigte Herr Döbbelin allenthalben! Wie hehr war Sprache, Bewegung ganz dem Charakter Richards angemessen . . . Herr Döbbelin hat die Muskeln seines Gesichts auf eine bewunderungswürdige Art in seiner Gewalt, und wie fürchterlich drohte sein Auge in dem fünften Auftritt des vierten Aufzugs. Ich las Verzweiflung, Grausamkeit .und Mord darin." Äehnlich begeistert sprach er dann von seinem Wachtmeister in Lessings „Minna von Barnhelm" von Orosman in Voltaires „Zaire", und dem Sauet Franc in Merciers vielgespieltem „Deserteur". Gleicherweise versetzt ihn Madame Döbbelin in helles Entzücken: „Unsere Herzen zerschmelzten vor Wehmut, und unsere Augen weihten der göttlichen Julia Tränen". Der theologischen Fakultät war dieser theatralische Johannistrieb Klotzens ein starkes Aergernis. Sie setzten es durch, daß er j einen Verweis vom Oberschulkollegium erhielt und mit Aufgabe seiner persönlichen Neigung die Komödie für „entbehrlich und von wenigem Nutzen" erklärte. Diese rasche Wandlung wurde durch einen Theaterskandal, der sich in den Junitagen ereignete und Döbbelins Wegzug veranlaßte, sehr begünstigt. In der Lebensbeschreibung des Theologen Johannes Semler werden uns diese Vorgänge, die in sein zweites Prorektorat verfallen, sehr auschau- lich^ beschrieben. „Schon seit einiger Zeit hatte eine gewisse Actrice vieler jungen Herren Aufmerksamkeit mehr auf sich gezogen als bloße Geschicklichkeit in ihren Rollen 2s tun konnte, und es bewarben sich mehrere zugleich um ihren besonderen Umgang; sie taten es einander zuvor in Geschenken und allen Merkmalen der gewissen Ergebenheit, woraus schon einige Jalousie entstanden war. Hierzu kam einige Unlust über die Einnahme der Plätze, daß es endlich zu so lauten Mißhelligkeitcn kam, daß darüber eine Empfindlichkeit des Herrn der Truppe zu weit ging, und der etwaige Tadel, der nur einige wenige treffen sollte, gar in einem Prologe oder besonderer spitziger Rede auf alle Studiosus, sehr übereilt freilich auSgebreitet wurde." Die Studenten beschlossen einmütig, sich für den empfangenen Schimpf zu rächen, und Döbbelin, der nichts gutes ahnte, erbat sich militärische Hilfe. Dadurch erbitterte er die Halle- fchen Musensöhne nur uoch mehr. ' Sie planen eine große Demonstration auf dem Markte der Stadt und belagern die | Häuser der Komödianten. Jetzt legt sich der Prorektor ins I Mittel. Confidite Semlero vestro, filii! Verlaßt euch auf I eueren Semler, meine Kinder. Er beschwört sie mit gutem I Erfolge, der Komödie fern zu bleiben und verfaßt zugleich I eine Eingabe an die zuständige Berliner Behörde. ' Der I Tumult ist glücklich abgewendet, das Komödienhaus Hunde- | leer, aber tags darauf erscheint der Theaterprinzipal | Döbbelin in höchsteigener Person bei dem Prorektor. Er I setzt sich aufs hohe Pferd und droht Semler mit einer | Beschwerde beim König. Aber als ihm der Prorektor mit- | teilt, daß die Vorgesetzte Behörde bereits instruiert sc:, | entschließt er sich wohl oder übel klein beizugeben. Er muß ein paar Tage später in der Universitäts-Gerichtsstube in Gegenwart von Professoren und studentischen Vertretern I feierlich Abbitte tun, „wegen der Beleidigung, so wider I die Studiosus so öffentlich recitirt und abgehalten worden." j Eine interessante Ergänzung erfährt dieser Bericht | durch eine Schilderung im „Parterre" des Gießener I Professors Christian Heinrich Schmid, einem | (vor kurzem gleichfalls von uns erwähnten. D. Red.) über- I 700 Wenn sie einmal mit dem § 823 des Bürgerlichen Gesetzbuches gefaßt worden sind und eine neue Kleidung haben bezahlen müssen, werden sie voraussichtlich den groben Unfug lassen. ______ Was tut eine gute Mutter? Sie tadelt mmd lobt ihre Kinder nicht in Gegenwart von Gästen. Sie pflanzt in das Herz ihrer Kinder Liebe zu allem Guten und bewahrt sie vor bösen Einflüssen. Sie gibt ihnen eine frohe Jugend, damit sie mit Freude an ihre Kindheit zurückdenken können. Sie lehrt ihre Kinder die Seligkeit des Gebens. Sie vernachlässigt keines in ihrer Liebe, sondern ist gerecht und gleichmäßig gegen jedes. Sie hat im Gewähren und Versagen der Bitten ihrer Kinder keine Launen. Sie läßt das Kind, das sie gestraft hat, fühlen, daß es ihr wehe tut, strafen zu müssen, und nimmt cZ nachher liebreich wieder auf. Sie bleibt jung mit ihren Kindern. Sie achtet auf der Kinder Haltung und Gebärden und bekämpft häßliche Manieren. Sie lehrt ihre Kinder höflich sein gegen hoch und niedrig. Sie duldet keine Tierguülerei. Sie lehrt ihre Kinder ihre Lehrer achten und lieben. Sie duldet nicht, daß ihre Kinder unter sich falsch sprechen. Sie duldet nicht, daß ihre Kinder gegen Arme und Gebrechliche rücksichtslos sind. Sie erinnert sich, was ihr in ihrer Kindheit wohl und wehe getan, und erzieht ihre Kinder danach. Sie gewährt ihren Kindern eine gewisse Selbständigkeit, weil sie weiß, daß eigene Erfahrungen klug machen. Sie härtet ihre Kinder gegen Wind und, Wetter ab und gewöhnt ihnen auch allzu große Empfindlichkeit gegen die Unbilden des Lebens ab. Sie lehrt ihre Kinder, daß Hoffnung nicht zuschanden,wirb, wenn auch unsere Wünsche sich oft nicht so verwirklichen, Ivie wir es wünschen. Vermischte». * Von der Stellung der Fran in Amerika. Die Frau geuießt in Amerika eine souveräne Stellung in der Gesellschaft, und die Gesetze sprechen ihr ganz besondere Begünstigungen zu, deren jedes Weib teilhaftig wird, das, amerikan. Boden betritt. Schon in der Schule wird den Kindern als oberstes Gesetz Achtung vor dem Weibe gelehrt. Ein Knabe, der einen Akt der Roheit gegen ein Mädchen begeht, wird aus der Schule ausgeschlossen. Daß die Frau ,in Amerika alle möglichen Stellungen bekleidet, zu denen sie in Europa nicht zugelassen wird, ist bekannt, so als Architekt, Bankdirektor, Schiffs- kapitän auf Lustdampfern usw. Immerhin dürfte es aber noch angestaunt werden, daß, wie es sich kürzlich in Neu-Mexiko ereignete, ein weiblicher Gefängnisaufseher, mit dem Revolver in der Hand, sechzehn Verbrecher, die aus dem Gefängnis ausbrachen, in Schach hielt. Die verbrieften Rechte der Frau sichern ihr eine ungemein bevorzugte Stellung. Der Ehebruch der Frau entbindet bei der Scheidung den Mann nicht, für sie auch weiterhin sorgen zu müssen. Den Advokaten der Frau muß der Mann auf jeden Fall bezahlen, so daß jede unbemittelte Frau sofort Rechtsbeistand findet. In Kentucky ist die Mißhandlung der Frau ein Scheidungsgrund, die Mißhandlung des Mannes nicht. Jedem Mädchen wird für ein, vor Zeugen gegebenes Eheversprechen, wenn es nicht gehalten wird, Schadenersatz zugebilligt. Wenn ein Mann ein Mädchen vor Zeugen ms seine Frau vorstellt, so gilt das als vollzogene Trauung unter dem „allgemeinen Gesetze" und die Fran kann alle Ansprüche einer legitimen Frau stellen. Kein Gouverneur wird sich trauen, das Begnadigungsrecht, das er cventl. bei einem Mörder anwendet, für einen Mann zur Geltung zu bringen, der sich gegen eure Frau vergangen hat, denn sonst wäre er Politisch tot. Mode. — Frauen besitzen für die Toiletten ihrer lieben Mitschwestern einen äußerst scharfen Blick und eine feine Beobachtungsgabe. Sie vermögen sofort zu erkennen, ob ein Kleid fertig gekauft oder für sie gearbeitet worden ist. Ein nach Maß gearbeitetes Kleid wird aber bekanntlich von jeder Frau vorgezogen, da es an Bequemlichkeit und Sitz den fertig gekauften meist wert überlegen ist. Allerdings ist nicht jede Frau in , der Lage, sich eine teure Schneiderin leisten zu können und sie würde, auf den Vorzug solcher Kleidung verzichten müssen, wenn cs nicht Mittel gäbe, sich selbst seine Garderobe zu fertigen. Allerdings gebt es hierfür nur wenige gute Hilfsmittel. Als ein solches ließt uns die weltbekannte „Lippcrheidesche Modenwelt" (Berlin, W. o5) vor, die ihren Weltruf lediglich dem Umstand verdankt, schicke, elegante Kostüme nach genau ausprobierten Schnitten zu geringen Prerlen zu bringen-, die es ermöglichen, daß auch des Schneiderns ungeübte Damen sich mit eigen gemachter, gut sitzender Garderobe versehen können. Außerdem sind Normalschnitte in vier Größen erhältlich. Auf den übrigen Gebieten der Frau, als Hauswirtschaft, , Kindererziehung und deren Garderobe, Handarbeit, Gesundheitspflege, ist "dieses Blatt ebenfalls unübertrefflich und von einer großen Reichhaltigkeit. Im Unterhaltungsteil findet man eine gewählte Lektüre. „Tie Modenwelt" kostet bei jeder Postanstalt und Buchhandlung vierteljährlich Mk. 1,25. Mehrerer Nachahmungen wegen achte man genau auf den Titel. Literarisches. — W. O. von Horn's Gesammelte Volkserzäh- lungenaus M a j e und S p i n n st u b e. Neu herausgegeben von I. Erler und Ä. Wiegand. Jeder Band geheftet pro Band Mk. 1,—, gebunden Mk. 1.40. 1907 erschienen Band 1—4, von denen enthalten: Band 1: Der Eisgang des Rheines 1730.' Ein Stücklein aus einer trüben Zeit. Unsichtbare Macht. Meine Wege sind nicht eure Wege usw. Band 2: Dorfweise. AuI dem Spessart. Eine Ostenderin. Band 3: Mailehen. Die Elzer, Deserteure. Band 4: Aus der Schmiede. Rheinische Schmugglergeschichte. Erste Braut. Gotteshäuschen von Bacharach. — Die Neuherausgabe der besten Hornschen Volkserzählungen ist mik Freude zu begrüßen, haben doch Prof. A. Stern u. a, m, Horn neuerdings wieder als Meister der populären Erzählung! anerkannt. Zur Pflege gesunden Volkstums, zum Vorlesen für! klein und groß, für Büchereien namentlich auf dem Laude gibt es wenig geeignetere Erzählungen als die Horns. —Insel-Almanach auf das Jahr 19 0 8. 175 Seiten! mit Beilagen. Leipzig, im Insel-Verlag. Kartoniert 80 Pf, — Zum dritten Male kommt dieser Almanach in die Hände der Literatur- und Kunstfreunde und der Bücherliebhaber und spiegelt von neuem das Bestreben des Insel-Verlages, edlen Gehalt in schöne Form zu fassen, wieder. Besonders reich ist diesmal der Inhalt des sorgfältig ausgestatteten Buches. Es enthält u. a. Aufsätze von Hofmannsthal, Ellen Key, Poppenberg, van be Velde; Gedichte von Hofmannsthal, Ricarda Huch, Wilde, d'Annunzio, Vogeler und dem frühverstorbenen Grafen Wolf von Kalckreuth, linb ungedruckte Briefe von Nietzsche, Goethes Mutter und der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans (Liselotte). , Aus Goethes Gesprächen findet man die Aeußerungeir des Dichters über die Frauen zusammengestellt. Den künstlerischen Schmuck des Almanachs bilden u. a. Zeichnungen von Ludwig von Hofmann, Vogeler und Tiemann. Für den am Schluß befindlichen Verlagsbericht hat der Insel-Verlag das goethische Ge- leitwort gewählt: „Laßt uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchen schmecken gut, am besten gemischt mit Kastanien, und diese beiden edlen Früchte wachsen weit auseinander. Aphorismen. Von Helene Berg. Wahre Gedaickenst-eiheit gipfelt in der rechten Auffassung und Erkenntnis des Lebens; schaue nicht nur in dich —' schaue auch um dich. • Tie reinen Gedanken ohne Ziel sind Ahnungen der Seele; daß eS etwas Besseres und Höheres giebt, als das Leben des Alltags. d Frauen geben alles hin — und sind doch reich dabei I Nur bedarf es erst bei ihnen jener Macht, der Kraft, die dazu verliehen ist — der Liebe. H- Eine stille Stunde! Ilud das Herz sagt mehr, als es in Wochen eingesteheii könnte, da man nur der Außenwelt gelebt. Die schönste Liebe — bei der man nicht weiß, warum man geliebt wird. --------— Magisches Quadrat. In die Felder nebenstehenden Quadrates such die Buchstaben AAEEEEEHISSSLL R R derart einzutrngen, daß die ivagerechteu imd senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes be« deuten: 1. Eine Göttin. 2. Ein Tier. 8. Ein Nahrmigsmittel. 4. Ein Fisch. Auflösung in nächster Nummer? Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer k Wer groß sich dünkt an Macht und an Besitz: Die höchste Eiche ist zunächst dem Blitz; — Und wem weil er gering bleibt, Zweifel nagen r Auch kleine Zweige können Fruchte tragen. Albert Roderich. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.