Samstag den 25, Mai 1907 ü u UAM ■■MiX M Acm Irrlicht Aach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Erna stand unter den Abschied nehmenden Gasten, ruhig und beherrscht. Sie fühlte, wie schars sie beobachtet wurde, ihr Stolz half ihr. Als das Nollen des letzten Wagens verhallt war, fand Villatte sich mit der Familie allein. Er hatte den schleunigen, frühen Aufbruch des Freiherrn bemerkt, und sah die grämliche, verstörte Miene des .Hausherrn. Was bedeutete das? Das stimmte alles nicht mit seinen gestrigen Mutmaßungen. Er hatte sich den ganzen Tag gewappnet für den Akt der Gratulation, für das Verlobungsfest, nun diese Stimmung? Seine Anwesenheit wirkte ja auf jeden Fall sehr störend in diesem Familienkreis. Er erklärte, noch ein wenig Luft schöpfen zu wollen und ging hinaus. Erna sah ihn mit Herzklopfen scheiden, sie hätte es lieber- gesehen, wenn er geblieben wäre. Das Alleinsein mit den Eltern, eine Aussprache heute abend noch ging fast über ihre Kräfte. Ter Kommerzienrat nwchte das einsehen. Er begnügte sich damit, seiner Fran in lakonischen Worten die überraschende Tatsache mitzuteilen, daß Erna den Freiherrn ausgeschlagen habe. Frau Friederike starrte einen Moment mit offenem Munde drein. Tann, als ihr Blick aus die geknickte, zusammengc- sunkene Gestalt der Tochter fiel, schmolz ihr Herz in ungeheurem Mitleid. Die feste, selbstbewußte, fehlerlose Tochter war ihr oft fremd gewesen, sie hatte ihr eigenes Kind meist nicht recht verstanden, in diesem Augenblick fühlte sie mit ihr. Erna hatte ein Herz, und dies Herz litt, — das erkannte sie, und wie sie keine logische und scharf denkende Natur war, sondern ausschließlich Gefühlsmensch, so fragte sie sich auch nichts weiter, sondern eilte auf die Tochter zu, schloß sie in ihre . Arme, streichelte, liebkoste sie und ihre Tränen fielen auf Ernas Scheitel. „Mutter! Meine Mutter!" Tie starke Erna schluchzte. Was unbewußt, ohne großes Verdienst, ohne jegliche Verstandesreflexion aus natürlichem Impuls gequollen war, diese Zärtlichkeit der Mutter, dieses Verständnis von einer Seite, ' iroit woher sie es gar nicht vermutet, rührte, tröstete und: .beruhigte Erna mehr, als irgend ettoti§ sonst es hätte tun können. Die Seelen von Mutter und Tochter schmolzen zusammen in dieser Stunde. Ter Kvmmerzienrat wanderte in unbeschreiblichem GemüM zustande auf und ab, mit kurzen, heftigen Schritten, wie ein Löwe im Käfig. Solch ein Weibergeflenne war ihm ein Greuel, wer in aller Welt hatte ihm denn das Mädchen bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Und zwischen dem Zorn und Aerger stieg ihm doch die Angst auf, daß etwas Schweres, ein gewichtiger Grund vorliegen müsse. Und da blitzte es plötzlich in seinem Gehirn — Villatte? Der Professor? Bor Fahren war cs' ihm einmal so vdrgekommen, als ob Erna sich für ihn interessiere. Und nun — Schockschwereiwt! Und er lud den ehrbaren Freund, der so zahm -und ungefährlich aussah, gerade für diesen Tag ins Haus. Es kribbelte ihn in allen Nerven, er nahm seine Zeitungs und ging in sein Zimmer hinauf. Erna trocknete ihre Tränen und führte auch die Muttest in ihr Schlasgemach. Die arme Mama war ja totmüde von den Anstrengungen des Tages. Aussprechen konnte sie sich nicht und die liebe Maina erwartete und verlangte es auch nicht, heut abend erkannte sie den Wert, den auch solche weiche, gefühlt Völle Naturen haben. Erna trat noch eiümjal in daü leere Wohnzimmer, um nachzusehen, ob alle Flamlmen gelöscht seien, da wat Villatte ein, von seinem Ausgang zurückkehrend. Sie erschraken beide, als sie .sich so unvermutet allein gegenüber standen. Villatte sah Ernas verweinte Augen, ihre verheerten Züge. „Fräulein Erna? Was ist Ihnen? Ich — ich glaubte gestern, daß ich Ihnen heute einen Glückwunsch zu sagen hätte —" „So — einen Glückwunsch —", welch ein bitteres Lächeln irrte um Ernas Mund, lvie elend sah sie aus. In ihm wallte es heiß auf, er meinte, er müsse sic ast sich reißen, in seine Arme nehmen, sie schützen vor allem Leids. Er wollte sprechen, ihren Namen rufen — kein Laut kam über seine Lippen, er stand da steif und stuniM. Er war ihr ja so. fern, es lag ja eine tiefe Kluft zwischen ihnen, die er nicht überspringen- durfte. „Ich schlief schlecht in der vergangenen Nacht, der Tag war anstrengend, ich bin recht müde," sagte sie jetzt in ihrem gewöhnlichen Ton; „entschuldigen Sie es, wenn ich mich zurückziehe. Sie gehören ja zum Hause und sind kein fremder Gast. Wollen Sie noch unten bleiben, da sind Zeittmgen — aber Papa ist oben auf seinem Zimmer, und wird sich freuen, wenn Sie ihm noch Gesellschaft leisten ■—“ Er verbeugte sich stumm, ihm lvar die Köhle wie zugeschnürt, Aue anderen Morgen ging Villatte mit der Absicht hinunter, seinen Entschluß, mit dem Mittagszuge abzufahren, zu verkünden. Er hatte die zweite schlaflose Nacht verbracht, und sein Kopf schmerzte arg. Was sollte er hier, er, der Fremde, der in die Begebenheiten, welche die Familie bewegten, nicht cingeweiht war, er, mit seinem öden, Hoffnungsleeren Herzen. Zum erstenmal seit langen Jahren frühstückte der Kommerzienrat heute nicht mit seiner Tochter. Er hatte sich den Kaffe« heraufbringen lassen, er wollte ruhen und ungestört sein. Frau Friederike frühstückte stets auf ihrem Zimmer. Erna saß allein neben dem brodelnden Kössel in Nicht gerade angenehme Gedanken versenkt, und versah ihr gewohntes Amt. Ta trat Villatte ein. _ A Ihn überlief es heiß bei der Aussicht auf dieses tste-ü-wte, dem war nicht auszuweichen. . „ „ Erna versorgte ihn freundlich tn ihrer geräuschlosen Weise und benahm sich durchaus, als sei nichts vvrgefallen. Er fragte, wie sie geschlafen habe. „Nicht sonderlich gut," entgegnete sie, „mir lag allecki int Sinn, was ich Ihnen doch sagen wollte." Sie hatte darüber nachgedacht, ob es nicht ihre Pflicht sei. — 298 — ifrtrt zu sagen, daß Sylvia iit Rom fei. Wenn er ihr da plötzlich begegnete, und erfuhr spater, daß sie uni ihr Dvrtsein wußte, tnufite er es ihr nicht verargen, daß sie ihn nicht vorbereitet hatte. Es war da ein Brief vvn Roderich, vor vierzehn Tagen etwa eingetwffen, in dem er Sylvias/ erwähnte, in einer Weise, die damals Erna unbegreiflich war. Roderich war ja aber jedenfalls sehr verändert. Sie war jetzt zu dein Entschluß gekommen, Ps sei ernt besten, wenn sie Billatte diesen Brief zur Einsicht gab. Ihr ward eS schwer, über diesen Gegenstand mit ihm zu sprechen. Er erfuhr ja daraus deutlich genug Sylvias Lage. „Hier ist ein Brief meines Bruders aus Rom, der für Sie manches enthalten dürfte, was Sie interessiert," fügte sie hinzu. „Lesen Sie." Sie reichte ihm daS Schreiben. Er sah sie verwundert an und entfaltete den Bogen. WaS konnte Roderich schreiben, ttoS für ihn von Interesse war. Er las langsam. Roderich schien noch ganz derselbe prahlerische, Vvn Eigendünkel aufgeblähte Fant geblieben zu sein. Er bewegte sich unter der höchsten Aristokratie der Geburt und des Geistes, unter lauter bedeutenden Menscher: in der ewigen Stadt — dann folgten einige Anekdötcher: und Skan-- dalgeschichtchen aus der dortigen bunt zusammengewürfelten F-remdeukolonie und zuletzt stand da: „Apropos! Ehe ich es Vergesse, ich traf hier auch Sylvia und ihre Mutter,- Tante Cölestine. Sie scheinen ein bißchen herabgekomüten zu sein. Sylvia, das arme Ding, ist kein Stern erster Größe ge/ Worden; ein alter, verlebter Italiener, ein eonte vor: zweifelhaftem Ruf, der noch einige Besitzungen haben soll, ist ihr Unzertrennlicher Begleiter. Ob Tante Cölestirre die Tochter jetzt den verkaufen will?" Billattes Hände, welche das Blatt hielten, zitterten plötzlich. Er ließ den Brief sinken und sah entsetzt zu Erna hinüber. „In Rom ist sie?" stammelte er. „Sollte es inöglich sein, daß sie sich so verkaufen ließe, entsetzlich!" Man sah es1, wie ihn das Grausen überlief, er war sehr bleich gAvvrden. Erna Vermied seinen Blick. Sie beugte sich gerade über den Kessel und löschte die FlamUie. „Mich hat es auch erschüttert," sagte sie dann, „aber als sie — und wie sie von hier ging, da mußte man das Schlimmste fürchten. Sie gehen jetzt nach Rom, Sie werden Sylvia dort treffen, vielleicht — ziehen Sie sie noch zu sich zurück." Billatte erhob sich jäh, er brachte den Tisch mit den Tassen in Gefahr, alles Blut ipar ihm in das Gesicht gestiegen. „Fräulein Erna! Ich glaubte, Sie kennten mich etwas besser, so — also so haben Sie mich geschätzt?" Er erstickte tot seinen eigenen Worten. Erna saß bleich und zitteritd ihm! gegenüber, auf diesen Msbruch war sie nicht gefaßt. ' „Billatrto — Sie liebten doch Sylvia fo heiß." Billatte faßte sich und erlangte die Herrschaft über sich zurück. „Jä, ich liebte Sylvia heiß." widerholte er mit einer iiauhen, fremd Ktitgenben Stimme, „die Sylvia, welche ich Pein und unschuldig und keiner Lüge, keines Verrats fähig glaubte. Ich habe schwer genug gelitten, alS ich meinen Irrtum! erkannte, und nicht ihr gezürnt — denn sie handelte Uuy ihrer Natur geimäß — nur mir, weil ich fo blind sein tonnte. Verzeihen Sie meine Hesigtkeit vörhin — es machte mir Schmerz, daß Sie — Erna — die Sylvia von heute noch zu »Nir gehörend betitelt konnten." Es entstand eine peinliche Stille im Zimmer, Billattes Stimme war immer leiser geworden, bis er zuletzt schwieg. Erna saß und blickte vvr sich hin. „Ich habe keine Erfahrung inbezug auf Männerherzen," fogtb sie dann langsam!; „Ihnen traute ich zu, daß Sie ewig Treue hielten. Sylvia liebte Sie nie, — mir tvar es damals unbegreiflich, daß Sie tzas nicht fühlten. Wäre sie ihre Frau geworden — und wenn jene Erbschaft nicht dazwischen trat,