1907 WZ t K $ A 1 ■ÄC ■■-miBtjLimnigj ^^SSIUWrTT 8M8 LM @®Sßfe¥^E MWWWs WMMMW WMAW fit NM '•>. Wenschenteöen, die lügen. Roman von H. Ehrhardt, VeUasserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verböte». (Fortsetzung.) Etwas Gequältes lag für einen Moment in dessen dunkel umschatteten Anqen. Ganz deutlich sah er das blühende, leidenschaftliche junge Geschöpf vor sich, wie es verzwerfelnb au seinem Halse gehangen. . ., Hanna hatte, irgend einen Zusammenhang wetternd, nut einem entsetzten: „Ach, wie schrecklich!" prüfend das Antlitz des Freiherrn gestreift, aber die flüchtige Bewegung tn fernen Zügen war so schnell kühler Ruhe gewichen, daß sie tvieder irre wurde, um so mehr, als er lerchthrn sagte: „Gewiß, Schmieder, Sie haben Recht, hinter den Ku- lisserr sind die Mdels übrigens meist in Jahren, von denen man zu Jagen pflegt: Sie gefallen mir nrcht." „Also doch Erfahrungen, Baron?" dre junge Fran blm- zelte ihn neckisch an, „aber, was, Sie wollen schon gehen, Herr von Poseck?" unterbrach sie sich und erhob srcy aus ihrer bequemen Stellung. „ ... . _ Walter lvies ans die kostbare Rokoko-Uhr auf goldener ^°n^3n zehn Minuten sechs. Wir müssen ins Kasino. Kommen Sie mit, Herr Baron?" ,, Der junge Offizier stand zaudernd, aber Hanna machte diesem Zögern ein Ende. , „ o „Menn Sie schon selbst gehen, so locken Sie wenrgsteiw Nicht all meine Besucher mit!" schmollte sie, Walter dre Hand zum Kusse reichend, „Baron Tressenberg leistet '.tue sicher gern noch etwas Gesellschaft. Mein Mann hat heute mit der Steuereiuschätzung so viel zu tun und bis er kommt, wäre ich ganz allein." , Sie wartete eine Antwort des Frecheren gar nicht ab — wenn sie es wünschte, blieb er eben. ~ Er hatte sich nachlässig wieder tn fernen Sessel gierten lassen: zwar redete er sich ein, daß ihm durchatls nichts an einem Alleinsein mit der schönen Fran läge, aber er blieb, weil er eben erst der drückenden Einsamkert feiner Wohnung entflohen war und nicht in die Kneipe gehen wollte. „Unterhalten Sie mich doch, Baron!" mahnte dre junge Frau scherzenden Tones, „oder meinen Sre, daß die Rolle des steinernen Gastes Ihnen so besonders gut steht c Sie neigte sich leicht vor. liebet ihrer weißen Stirn flimmerte das Rothaar, die bestrickenden, grünen dingen lächelten. „ Joachim hatte tvieder, nun deutlich, den dusteren Zug im Gesicht, der ihr vorhin bei • den Worten des schönen Schmieders ausgefallen war. „Ich bin furchtbar gedankenfaul heute!" erwiderte et müde und versuchte, recht gelangweilt auszusehen, „aber wenn Sie befehlen, gnädigste Frau, will ich Sie natürlich unterhalten. Haben Sie inbezug auf den Gegenstand unserer Unterhaltung besondere Wünsche?" Sein ironischer Ton stachelte ihre weibliche Rachlust an. Sie lehnte sich bequem in ihren Sessel zurück und ivährend ihr großer, klaret Blick sein Gesicht durchforschte, sagte sie scheinbar unbefangen: „Gewiß, erzählen Sie mir doch etwas von der kleinen Schauspielerin, die sich so gräßlich ums Leben brachte." Der junge Offizier tvat zusammengezuckt, sie hatte es deutlich gemerkt. Ein Funken glühte in seinem Auge auf, aber dann verschleierte sich sein Blick zu der alten hoch» mütigen Kälte und seine Stimme klang gleichgültig, während er sagte: „Sie haben befohlen und ich gehorche. Warum soll ich Ihnen auch vorenthalteit, was sich seinerzeit die Spatzen auf den Dächern hierzugepfiffen haben. Eine alltägliche Geschichte. Sie war ein exzentrisches, heißblütiges Geschöpf ohne Charakter und Erziehung und warf sich einem Manne an den Hals, der nahm, was sich ihm so bequem bot, ohne ihre Gefühle zu erwidern. Als die Sache sich wie hundert andere beim Fortgang bet Truppe lösen sollte, schnitt das dumme Ding sich die Pulsadern auf, weil sie sich einbildete, ohne den Mann nicht weilet leben zu können. Und dieser Mann war — ich." Er schöpfte tief Atem, dann, als sie regmtgslos verharrte, setzte et in aufquellender Bitterkeit hinzu: „Können Sie eS begreifen, gnädigste Frau, daß jemand ohne mich nicht leben könnte?" „Um das begreifen zu können, müßte ich Sie-- lieben." A Eine Pause folgte, ein beklemmendes Schweigen, das so oft Vorbote einet großen, schicksalsschweren Enttäuschung zu sein pflegt. Aber cs lag durchaus nicht in Hannas Wünschen, eine solche jetzt schon herbeizuführen. Und so hatte ihr schönes Gesicht trotz der verfänglichen Worte einen so harmlosen Ausdruck, daß der junge Offizier gar nicht dazu kam, einen leidenschaftlichen Gedanken an diese Worte zu knüpfen. Er empfand eher etwas wie Be»» schämung. „Verzeihen Sie die törichte Frage, meine gnädigste Frau", sagte er deshalb, leicht auflachend, „ich habe sie ohne (Überlegung ausgesprochen, in der unwillkürlichen Auf- wallimg eines Gefühls, das mir das Tun jenes Mädchens stets unbegreiflich erscheinen ließ. Ich glaube überhaupt nicht an eine so unbeschränkte, glühende Liebe, die nichts anderes begehrt, als nur den Gegenstand ihrer Neigung und nicht (eben mag ohne seinen Besitz. Bei dem Manne nicht, weil 54 ft stark genug sein muß, ein solches Gefühl zu überwinden, bei der Frau erst recht nicht, weil gerade sie jo empfänglich «ft für äußere Eindrücke und schnell vergißt. Verrennt sie sich wirklich in so eine Geichichte, dann, glaube ich bestimmt, ist zuletzt mehr der Eigensinn im Spiel und auch die Scheu, mal lächeln z>! müssen über so eine .große Siebe', der sie ganz unnütz Tränen und durchwachte Nächte geopfert. Sagen Eie selbst, gnädige Frau, sprechen bei so einer Liebe nicht lueift äußere Umstände mit, Stellung, Reichtum, die Sucht Nach einem interessanten Roman, der Wunsch nach einer angenehmen Zerstreuung oder irgendwelche andere Berechnung? Ich behaupte, es gibt keine echte Liebe. Er wußte kaum, daß er sehr erregt sprach und daß er damit gerade verriet, was er gerne verbergen wollte: seine krankhafte Sehnsucht nach Liebe. Tie junge Frau fühlte ihr Herz stürmisch klopfen, unklar, erschauernd überkam sie die Furcht vor einer Macht, der auch ihr leichtsinniges, berechnendes Herz einst unterliegen könnte. Aber die Lockung, den Mann vor ihr unrettbar in den Zauber ihrer Schönheit und Anmut zu verstricken, war stärker als dieses unbewußte Bangen. Sie lächelte und bog den golvhaarigen Kopf leicht zurück. Dann sagte sie mit geheimnisvoll leuchtenden Märchen- tiugen — und etwas bezwingend Süßes lag in ihrer halblauten Stimme: „Sie armer Mensch, daß Sie nicht an Liebe glauben, nicht wenigstens davon träumen. Ich tue das erstere und tat das letztere. Tie Liebe, von der ich träumte, hatte stets etwas unsäglich Berauschendes und unsagbar Tragisches, sie war mehr ein Verhängnis denn ein Glück; aber doch ein schönes, großes, wunderbares Verhängnis, dessen Freuden und Schmerzen weit hinaus gingen über eine Alltagsliebe. Die Liebe, die mir begehrenswert dünkt, sollte Poesie und dämonische Leidenschaft vereinen, sie sollte so unendlich, so tief und mächtig sein, daß ich hätte hungern können für den Mann meiner Liebe, sterben mit einem Lächeln auf den Lippen für sein Glück." Sie brach ab, ihrem Gesicht den Ansdrlick kindlicher Ruhe wiedergebend. „Das waren natürlich Backfischträume!" lächelte sie harmlos. Aus dem Nebenzimmer nahten gedämpfte Schritte. Hanna sprang hastlg auf und ging ihrem Manne entgegen, der soeben, von Regierungsassessor Otto gefolgt, unter die Portiere trat. Letzterer arbeitete im Landratsamte und war täglicher Gast im Hause des jungen Paares. Auch heute blieb er zu Tisch da, während Tressenberg sich nach ein paar mechanisch hervorgebrachten Redensarten einpfahl, um der Einladung zum Oberstabsarzt zu folgen. X. Er lvar wie betäubt, als er langsam durch den dunklen Märzabend seinem Ziele zuschritt. Das Wetter war um- geschlagen, es begann zu tauen. Ringsum flüsterte, zischelte, raschelte es in dem grau gewordenen Schnee unb kleine Bächlein sickerten bereits über das Trottoir, während die von den Bäumen fallenden Tropfen runde Löcher in die zusammensinkenden Schneemassen bohrten. Ein lauer, aufreizender Frühlingswind schmeichelte sich um das Antlitz des Freiherrn. Und dieser Wind wehte durch das Flüstern unb Rannen der aufgeregten Erde den Klang einer bestrickend süßen Frauenstimme : „Die Liebe sollte mehr ein Verhängnis fein, denn ein Glück, aber ein schönes, großes, wunderbares Verhängnis." Er hörte es so deutlich, er sah alles noch einmal vor sich, die glutrote Beleuchtung des üppigen Gemachs, die so sinnverwirrend Hannas Gestalt umströmte, das weiße Gesicht, die faszinierenden Märchenaugen, den weichen Mund mit dem verheißungsvollen Lächeln, die flimmernde Fülle des krausen Haares. Er hatte bis jetzt nur ihre Schönheit bewundert, seine Kraft an ihrer kindlichen Unbefangenheit gestählt. Heute hatte sie ihm zum ersten Male das Weib in sich gezeigt und als solches riß sie seine Standhaftigkeit nieder. Er wußte nun, daß er sie liebte. Er wurde rasend bei dieser Entdeckung. Eine anklagende Wut gegen das Schicksal verbitterte sein Gemüt. Alles, wonach er bis jetzt verlangend die Hand aus- gestreckt, ivar ihm unerreichbar gewesen. Alle Enttäuschungen seines jungen Lebens drängten sich mit lastender Wucht in sein gequältes Innere. Sein verfehlter Beruf, in dem er sich mit gebrochenen Flügeln weiterschlcppte, die fehlgeschlagene Hoffnung auf die „Lenka", der unverständliche, jähe Bruch mit dem Mädchen, das ihm sicher eine treue, zärtliche Gattin geworden, das tragische Ende der jungen Schauspielerin. Immer hatte die launische Glücksgöttin ihn als ihr Stiefkind behandelt. Den schwersten Kampf hatte sie ihm wohl für zuletzt aufgespart. Alles, was gut und edel in ihm Ivar, seine makellos gehaltene Ehre lehnte sich auf gegen das leidenschaftliche Gefühl, das ihn tückisch aus dem Hinterhalt überfallen hatte. Aber es sollte ihn nicht wehrlos finden. Tagelang mied er die gefährliche Nähe der schönen Frau, dann, als er wieder vor ihr erschien, hätte niemarid von seinem blassen, kühlen Gesicht ablesen können, daß alle Qualen der Liebe, der Entsagung und der wütendsten Eifersucht in nrordender Gier sein Herz zerfleischten. Niemand ahnte, was er litt. Er ivar noch hochmütiger geworden, noch kälter in der letzten Zeit. Die Kameraden mieden ihn fast — er hatte keinen einzigen Freund, keine Menschenseele, der er sein aufreibendes Kämpfen hätte offenbaren können. Er schrieb an seinen Bruder. Er sprach sich nicht gerade aus, aber durch den ganzen Brief zog sich >vie ein roter Faden die Misere feines einfamen Lebens. Tietz als Kenner witterte, sofort la femme dahinter. In seiner derben, fast rohen Art schrieb er an Joachim, er solle um Gottes ivillen die Weiber nicht ernst nehmen, hinter der unschuldigsten Larve verberge sich Leichtfertigkeit rrnd List, je toller er es mit den süßen Mädels oder Frauen treibe, desto mehr Erfolge und Äpaß werde er dabei haben. Zum Schluß frug er an, ob Joachim nicht einen Wechsel auf 3000 Mark mit „unterhauen" wolle, er fei höllisch in der Klemme und der „Alte" zugeknöpfter als je. Joachim warf den Brief wie ein ekles Reptil beiseite. Er und noch Wechselverbindlichkeiten! Mit den kleinen sich stetig mehrerrden Rechnungen stieg ihm schon das Wasser bis an den Hals. Es waren arme Handwerker, denen er das Geld schuldete und die vorläufig noch nicht wagten, den stolzen Freiherrn zu mahnen. Er schämte sich vor den fleißigen, ehrlichen Leuten. Und manchmal kam er sich geradezu erbärmlich vor. ... Er empfand, daß auch feine sittliche Kraft in dieser steten Misere erlahmte. Sehr müde war er geworden. Die wissenschaftlichen Bücher, die er sich zuweilen noch hatte kommen lassen und über denen er im Geiste seinem einst erträumten Ziele zuzustreben pflegte, hatte er beim Buchhändler endgültig abbestellt. Die letzten lagen noch uu- aufgeschnitten, verstaubt auf feinem Schreibtisch. So sah sie der alte Direktor, welcher, seinem Interesse für den ehemaligen hochbegabten Schüler folgend, den jungen Offi- zrer auf der Durchreise in St. auf gesucht hatte. Unb von den verstaubten Broschüren über Kunst und Wissenschaft des 20. Jahrhunderts wanderte sein gütiger Blick zu dem ernsten, blassen Antlitz seines Lieblingsschülers und er sagte traurig: „Ich habe mich getauscht in Ihnen, Joachim — Sie nehmen's mir doch nicht übel, daß ich Sie noch so nenne. Sie sind mir doch ans Herz gewachsen wie ein eigener Sohn — ich habe Sie für mutiger gehalten/ dachte, Sie würden weiter streben auch in dem Beruf, den man Ihnen aufgezwungen, aber was ich von Ihnen fyöre, widerspricht dem. Der Buchhändler, den ich anwies. Ihnen das neueste Werk von Hesse-Wartegg zu senden — ich weiß. Sie interessierten sich stets für seine Reiseb eschreibungen — weigerte sich, weil Sie jede derartige Zusendung aufs bestimmteste untersagt hätten." Joachim stand aufrecht vor ihm, aber in seinem Gesicht lag ein Ausdruck verzweifelnder Beschämung und seine Mundwinkel waren herabgezogen, als ob sie die ganze Berachtung ausdrücken sollten, die er für sich selbst empfand. „Ter Mann hat Recht", erwiderte er nun herb, „zu was soll mir die viele geistige Nahrung? In den Stunden, da ich sie entbehren mußte, war ich ärmer als vorher, und wenn ich jetzt müde vom Reiten ober halb apathisch, von der geistlosen Rekrukeudrillerei nach Haufe komme, werfe 55 ich mich aufs Sofa uttb schlafe, schlafe. — Es ist gekommen, lote ich mir's dachte. All mein Streben ist nntergegangen, ich bin ein Kommismensch geworden, einer wie viele." Der alte Mann neigte den weißhaarigen Kopf. „Ein geistig so Hochstehender Mensch, wie Sie, Joachim, wie ist denn das möglich? Warum werfen Sie sich nicht auf militärische Studien oder lernen Russisch, versuchen mal auf die Kriegsakademie zu kommen — Joachim lachte fast höhnisch aus. (Fortsetzung folgt.) Umerikanischs Ehescheidungen. Seit Jahr und Tag werden von allen ernsthaften Ameri- kanern die herrschenden laxen Anschauungen über die Ehe beklagt und die Leichtigkeit, mit der Ehen geschlossen, aber auch wieder geschieden werden können. Sie fordern, daß der Bund die Regelung dieser Materie in die .Hand nimmt und ein für das ganze Land gültiges Gesetz namentlich über Ehescheidungen erläßt. Wie die Verhältnisse heute drüben liegen, kann es einem Manne oder einer Fran, die da glauben, in rechtsgültiger Ehe zu leben, passieren, daß sie beim Betreten eines anderen Staates wegen Bigamie verhaftet oder daß ihre Kinder nicht als legitim anerkannt werden. Im Staate Newyork z. B. kann eine Ehe nur ivegen Ehebruchs geschieden werden. Sonst kennt das New- yorker Gesetz nur Trennung von Tisch und Bett. Da ist es nun vorgekommen, daß ein Newyorker nach einem anderen Staate verzog, sich dort scheiden ließ und wieder heiratete. Bei seinem Tode entdeckte dann seine (zweite) Frau, daß sie in den Augen der Newyorker Richter nur die Konkubine ihres Mannes war und daß sie und ihre Kinder das in Newyork gelegene Grundeigentum ihres Mannes nicht erben konnten. Das fiel alles der ersten Frau und deren Kindern zu. Der Staat Süd-Karolina kennt überhaupt keine Ehescheidung, und eilte in diesem Staate geschlossene Ehe ist ungültig, wenn. eine der beiden Parteien geschieden ist, obgleich die Scheidung in dem Staate, in dem sie ausgesprochen wurde, zu Recht besteht. In Newyork kann eine Ehe, wie gesagt, nur wegen Ehebruchs geschieden werden. Da sich aber herausstellte, daß, wenn beiden Parteien an der Scheidung lag, die eine Partei, gewöhnlich der Ehemann, sich bei einem kleinen Ehebruch absassen ließ, wurde vor kurzem verfügt, daß das endgültige Urteil erst mehrere Monate nach ausgesprochener Scheidung eingetragen werden soll. Wenn aber die andere Partei es mit der ehelichen Treue ernst nimmt und nicht geschieden werden will, gibt es kein Mittel, um eine im Staate Newyork gültige Scheidung herbeizuführen. Der schuldige Teil, b. h. derjenige, dessen Ehebruch die Scheidung der Ehe ermöglicht hat, darf nicht wieder heiraten, was ihn nicht hindert, in einem anderen Staate eine dort gültige Ehe zu schließen. In Nord-Karolina gilt das gleiche Gesetz wie in Newyork. In Maryland und New-Jersey gelten als Scheiduugsgründe Ehebruch und böswilliges Verlassen, in Virginia ebenfalls, wozu hier noch Verurteilung wegen eines Verbrechens als Scheidungsgrund hiuzutritt. In den meisten anderen Staaten kommen Trunksucht und grausame Behandlung als Scheiduugsgründe hinzu. Eine Anzahl Staaten spricht auch die Ehescheidung aus, wenn der Gatte nicht zum Unterhalt seiner Familie beiträgt. Aus Veranlassung eines dort allmächtigen Magnaten des Petroleumtrusts hat vor ein paar Jahren der Staat Florida Irrsinn als Scheidungsgrund der schon vorher laugen Liste hinzugefügt. Jener Trustniagnat, der die wichtigsten Bahnen in Florida eignet, wollte auf seine alten Tage sich eine Jüngere als Gattin antrauen lassen. Dem aber stand im Wege, daß er in Newyork wohnte und daß er schon eine Gattin besaß, die sich aber in einer Anstalt üesand. Er sand den Answeg aus diesem Dilemma, indem er sein Domizil auf längere Zeit nach Florida verlegte und dort den Erlaß jenes Gesetzes durchsetzte. Jetzt lebt er wieder in seinem Palast in der Fünften Avenue in Newyork mit seiner jungen Frau, und niemand rümpft über sie die Nase, trotzdem sie nach dem Newyorker Gesetz nicht seine legitime Gattin ist. Newyorker, die von einer unglücklichen Ehe befreit werden wollen, fchlagen in der Regel einen von folgenden zwei Wegen ein. Entweder läßt der Gatte sich bei einem Schäferstündchen abfassen, setzt sich aber dabei der Gesahr aus, daß der Richter die Kvllusiou entdeckt und die Klage der in ihrem heiligsten Rechte gekränkten Gattin abweist, oder eine der Parteien zieht temporär nach Süd-Dakota oder Rhode-Island, wo liberalere Gesetze gelten. Gewöhnlich ist es die Gattin, da der Gatte in Newyork bleiben muß, um Geld zu verdienen. Sie klagt dann auf Scheidung, weil der Gatte nicht genügend zu ihrem Unterhalte beitrüge; er komntt auf einige Tage in die Jurisdiktion des betreffenden Gerichts nnd läßt sich Klage und Vorladung zustellen, verteidigt sich aber nicht; die Scheidung wird ausgesprochen, und beide Parteien können auch in Bork gültige neue Ehen eingehen, da die Newyorker Gerichte Ehescheidungen anderer Staaten anerkennen, wenn der beklagten Partei persönlich die Vorladung zugestellt worden ist oder wenn er sich durch einen Anwalt vor dem Gericht hat vertreten lassen, aber auch nur dann. Es kommt Afters vor, daß die in Süd-Dakota oder Rhode Island klagende Gattin die reichere von beiden ist, das macht aber keinen Nnteri- fchied. Man etzühlt sich, daß einst ein Mann einem Anwälte in Newport,, Rhode, Island, doppelte Gebühren zahlte, einmal, damit er die Gattin seines Anftraggebers in dein Scheidungsprozeße vertrat, die sie gegen ihn im Staate Masstrchusseltsi angestrengt hatte, und das zweitemäl, damit er die Scheidung einer anderen Dame im Staate Rhode Island durchsetze. In beiden Fällen wurde die Scheidung ausgesprochen, und wenige Tage später fand die Trauung jenes „smarten" Herrn mit der in Rhode Island Geschiedenen statt. Weniger gut erging es einer Newyorkerin, die sich in Rhode Island hatte scheiden lassen gegen den Willen ihres Mannes. Da sie sehr reich war, ging sie mit ihiren Kindern nach Europa. Als sie nach einigen Sren mit dem einen Kinde nach Newyork aus Besuch kam, der Gatte es ihr abnehmeu, und das Gericht entschied, daß die Ehe noch zu Recht bestehe und der Vater die Verfügung über die Kinder habe. Ein anderer Newyorker beantragte kürzlich vor Gericht, mau möge ihn von der Zahlung der Alimente an seine Geschiedene befreien. Seit er von ihr geschieden sei, habe sie sich viermal verheiratet und stehe vor der fünften Ehe. Es genüge wohl, daß ein Maicn für eine Frau sorge, man solle aber nicht ein halbes Dutzend zwingen, für sie zu arbeiten. Es ist tatsächlich hohe Zeit, daß in den Vereinigten Staaten eine gleichmäßige Regelung und eine Erschwerung der Ehescheidungen erfolgt. Die Zahl der letzteren ist, namentlich in. den Großstädten, in den letzten Jahren rapid gestiegen, in Newyork z. B. von 522 im Jahre 1900 auf 843, in Philadelphia von 484 auf 614, in Boston von 345 auf 512 nsm. Den Vogel schießt aber Chicago ab, ivo diese Zahl Von 1690 auf 2350 anwuchs. Der stehende Witz der amerikanischen Blätter von der „ungeschiedenen" Chicagoerin ist daher begreiflich. Die zahllosen Scheidungen, namentlich unter den Newyorker Vierhundert, führen in dem ultrafashionablen Badeort Newport, wo diese allsommerlich zusammenkommeu, häufig zu unangenehmen Begegnungen. Man kann dort Söhne und Töchter an ihrem Vater oder ihrer Mutter vorübergehen sehen, ohne S zu grüßen, und eine schlagfertige junge Dame, gefragt, welche iß 3£ sie sei, antwortete: ,,O, ich bin die Miß L mit den zwei Vätern und den zwei Müttern." Die Phantasie des Krudes. Das „Jilustr. Wiener Extrabl." brachte vor kurzem eilte Reihe von Aufsätzen über „Das Kind". Aerzte, Pädagogen und Künstler äußern sich über die Pflege und Erziehung des Kindes, namentlich auch über fein Verhältnis zur Kunst und die vernünftige Ausbildung seines Kunstsinns. So schreibt Hofschauspieler Fcrd. Gregori über „Die Phantasie des Kindes": „Wem es ernst damit ist, daß sein Kind dereinst der Kunst die Seele öffne, der muß die Keime gar behutsam in die junge Ackerscholle legen: zu viele auf einen Fleck geworfen, nehmen einander die Nahrung weg, verkümmern, ehe sie recht grünen können, nnd sterben eines elenden Todes. So soll man das Spielzeug nicht nach seiner naturalistischen Vollkommenheit auswählen, sondern nach feiner Schlichtheit und nach seinen Mängeln. Die Phantasie des Kindes schießt nicht auf, wenn es mit kostbaren Küchen, ausgestopften Tieren und genau nachgemachten Eisen- bahnzügen hantiert. Kein Segen ruht für die Zukunft aus diesen Geschenken, nur der Fluch der Unfruchtbarkeit. Ein krummer Zweig, eigenhändig vom Baum gebrochen, ein Stückchen Zci- tnngspapier daran gesteckt; das ist die Fahne, der das kleine Heer mit hellerer Begeisterung nachläuft, als der seidenen Trikolore an vergoldeter Stange ! Diese Ueüerlegung gilt auch für das Theater, denn dem Kinde ist auch das nur ein Spielzeug. Steife Drahtpuppen, die man zwischen langweiligen Kulissen herumführt, sind gesündere Kost als großstädtische Ausstattuugswunder. Da hat der kindliche Geist, der so gern und leicht rege ist, vollauf zu tun, um Leben und Mannigfaltigkeit zu sehen, wo dem Erwachsenen nur Tod und Eintönigkeit erscheinen. Und immer bleibt dabei sein Blick aufs Wesentliche gerichtet, während der nnsrige so oft zum Nebensächlichen abirrt. Wie wäre denn dem kleinen Kindergehirn möglich, was dem elterlichen nicht gelingt? Wie könnte es seine Aufmerksamkeit so geuau teilen, daß Auge und Ohr immer im richtigen Verhältnis arbeiten? Und arbeitet denn die Bühne in dem richtigen Verhältnis zwischen Wort und Bild? Darum möge man dem Kinde wohl das gedruckte Drama frühzeitig in die Hand geben, das anfgeführte ihm aber recht lange feruhalten. Meine Tochter hatte den „Teil" gelesen, und als ich den Geßler darin spielte, fragte sie mich, ob ich einen lebendigen Falken ans der Faust trüge und ob er zahm genug sei? Ich schämte mich vor ihr, als ich ihr sagen mußte, daß der Falke überhaupt nicht aus die Bühne käme. Wäre sie in der Vorstellung gewesen, vielleicht hätte ihr der Mangel dieses Requisits den ganzen Abend verdorben! Der Falke ist ja eigentlich — 56 Nicht überflüssig: er zeigt an, daß sein Herr auf der Jagd ist, hei einem grausamen Handwerk!" Nietzsches MwLLer. Dr. Richard Oehler entwirft in der „Zukunft" eine Porträtskizze von der Mutter Friedrich Nietzsches, die er persönlich gekannt hat. Sie war nicht, wie er schreibt, in dem Sinne eine „bedentende" Frau, in dem man dieses auszeichnende Beiwort von literarisch oder künstlerisch hervorragenden Persönlichkeiten, wie von der Mutter Schopenhauers, gebraucht. Sie hat nie das Bedürfnis empfunden, ihre Fähigkeiten aktiv zum Ans- druck zu bringen; nur gegen das Ende ihres Lebens begann sie, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Sie sah die glänzende Laufbahn ihres Sohnes, erlebte auch noch seinen wachsenden Ruhm. Doch war sie seinen Fähigkeiten gegenüber eher zur Skepsis, als zu unbedingter Bewunderung geneigt. Einst sprach sie unwillig über eine Eigenart ihres Fritz in Gegenwart ihres Vaters, des alten LaudpfarrerS von Pobles; da erhob sich der Greis und rief in fast feierlicher Entrüstung: „Du weisst nicht, meine Tochter, was du an diesen! Jungen hast!" Die früh beginnende Abwendung ihres Sohnes vom christlichen Glauben hat sie gewiß mit innerer Unruhe beobachtet und, soweit es in ihren Kräften stand, zu verhindern gesucht. Sie hat (man kann es nicht leugnen), fährt Dr. R. Oehler fort, den Schicksalsschlag, der Nietzsche getroffen, als eine Strafe des Himnrels für seine antireligiösen Schriften aufgefaßt; sie hat es daun als die ihr zugewiefene Aufgabe betrachtet, den Rest ihrer Kraft und Lebenszeit der Pflege des Kranken zu widmen. Wenn sie am Arm ihres Sohnes ins Zimmer trat, bot sie ein Bild von ergreifender Wirkung auf die wenigen, die es genießen durften; die kleine, zarte Fran neben dem stattlichen, breiten, hoch aufgerichteten Mann mit langem, zurückgekämmtem Haar, das die mächtige Stirn schön hervortreten ließ, mit seinen buschigen Augenbrauen und seinem starken, gewölbten Schnurrbart; und wenn sie dann mit ungemein sanftem, eindringlichem Ausdruck der Stimme zu ihm sprach, ihm die Persönlichkeit eines Anwesenden ins Gedächtnis zurückzurufen oder durch Erinnerung an einen seiner Lieblingsorte in Italien und der Schweiz ihn ins Gespräch zu ziehen suchte, so pflegte er mit einem unbeschreiblich liebenswürdigen, ich möchte sagen, leutseligen Lächeln ans sie herabzusehen und dann mit schönem Wohllaut der Sprache und erstaunlicher Klarheit der Skizzierung ein Landschaftsbild, eine Stadt oder ähnliches langsam hinzumalen. Noch hatte er die stolze Haltung eines Königs äußerlich bewahrt; seltsam war das Wort in Erfüllung gegangen: „Und wenn mich einst meine Klugheit verläßt, möge mein Stolz bann noch mit meiner Torheit fliegen." Seine Schriften hat die Mutter nicht gelesen. Sie. standen immer in schöner Ordnung auf einem Schränkchen in ihrer „guten Stube". Vielleicht hat die Scheu vor bett Anschauungen, die ihren eigenen so weltenfern waren, sie zurück- gehalten. Aber sie hat mir auch erzählt, daß sie ihren Sohn öfter gefragt habe, welches seiner Bücher sie lesen könne; er habe immer geantwortet: „Keins, meine liebe Mutter; sie sind für eht anderes Publikum geschrieben!" Veemischie». * Ein Diogenes in nter den Millionären. In der Reihe der internationalen Millionäre, die so manche exotische Gestalt, so manche eigenartige Persönlichkeit aufweist, nimmt Pedro Alvarado, der reichste Mann von Mexiko, sicherlich eine ganz besondere Stellung ein. Er hat sein Leben als einfacher Minenarbeiter begonnen, und seine Jugend verging in harter Entbehrung und schwerer Plage, da er in dem Bergwerk seines Vaters'beschäftigt war. Da brach das Glück herein; er entdeckte zunächst eine reiche Goldader und fand bann int Jahre 1901 die gewaltigen Gold- und Silberlager von La Palmilla, bte nicht nur die größten von ganz Mexiko sind, sondern zu bett ertragreichsten der ganzen Welt gehören. So hat er denn nun in weniger als 10 Jahren ein ungeheures Vermögen aufgehänftt das man auf 200 bis 600 Millionen Mark emschätzt. Doch inmitten dieses Reichtums blieb er der einfache Manu, der frische Naturbursche, der er als Arbeiter gewesen. Die einfachen Sitten und Gewohnheiten der mexikanischen Minenarbeiter bestimmen noch immer fein Leben, und all der Reichtum, all das Gold erscheint ihm nur als ein lästiger Plunder, den er in mancher Stunde gern los sein ntöchte. Seine Freunde haben tmt dazu Überredet, sich einen prachtvollen Palast bauen zu, lassen, herrlich ansgeschmückt, mit einer Flucht weiter Räume, in deren jedem ein Klavier steht; aber sein LieblmgsäusentlMt ist ein kahles kalter Keller, in dem er feine Mußezeit verbringt. Ein englischer Korrespondent, der diesen „Diogenes unter den Millionären" interviewte, fand ihn zwar nicht in einer Tonne, aber doch auf einer teeren Champagnerkiste fitzend, wie er mexikanisches Bier trank. Die Hauptstadt von Mexiko hat er noch niemals besucht; er ist überhaupt mit Ausnahme von einigen Reise», nach der nahegelegenen größeren Stadt aus feinem Heimatort Parral noch nicht heransgekommen, aber in diesem kleinen Berg- werksort kennt er jeden Menschen beim Namen und ist über die Verhältnisse aller Bewohner orientiert. Jeden Tag kommt eine große Schar von Bedürftigen und Bettlern nach seinem Hanse, und er spricht mit einem, jeden und gibt ihn ein Almosen. Seine Ratgever und Freunde sind erfahrene arte Leute des Städtchens^ ein besonderer Vertrauter ist der alte Priester, der wöchenilich einmal in feiner Privatkapelle die Messe zelebriert. Alvarado tveiß tvenig von der zivilisierten Welt und kümmert sich nicht um sie. Von der eigentlichen Macht und Bedeutung des Geldes hat er keine Vorstellung; es ist ihm nur ein Spielzeug, und eine einzige Freude ist, daß er damit wo hl tun und menschliche Not lindern kann. Der Palast, ist aus eine ganz seltsame und barbarische Art eingerichtet. Die kostbarsten und die absonderlichsten Dinge stehen herum. Tausende von Kanarienvögeln fliegen umher. Der Salon enthält ein Dutzend großer Spiegel und eine übertriebene Fälle von Verzierungen aller Art, sodaß das Ganze einen chaotisch wirren Eindruck macht. Der Millionär erklärt elbst freimütig, daß ihm all dieser Prunk verhaßt ist und nur von seinen Freunden ihm anfgedrängt wird, die der Ansicht sind, ein so reicher Mann müsse auch feinen Reichtum in besonderen Weise zeigen. Alvarado ist erst 36 Jahre alt; er fühlt sich am wohlsten in seinen Bergwerken, die er nach jeder Richtung hin vervollkmmrnet, mit elekttifchem Licht und anderen nwderueni Einrichtungen ausgestattet hat. * Das dumme Huhn? Zur Ehrenrettung der Intelligenz unseres Haushuhns sendet der „Königsb. Hart. Ztg." eine Leserin folgende Zuschrift: „An unserem Gntshaus war ein Vorbau, in dem die sogenannte Tranktonne stand, eine große Tonne, in die das Spülicht kam, um bann an die Schweine verfüttert zu werden. Eines Tages war ich in der Küche beschäftigt und hörte im Vorbau ein höchst aufgeregtes Geschrei der Hühnerschar, die sich in demselben mit Vorliebe anfhielt, Als ich hinzuttat, sah ich alle Hühner nm die Tonne stehen und ganz wild schreien und entdeckte in der halbgefüllten Tonne ein Huhn, das nahe am Ertrinken war und sich kaum mehr rühren konnte. Es iuar beim Aufstiegen hineingefallen, und da die anderen ihm nicht anders helfen konnten, riefen sie auf ihre Art Hülfe herbei. — Im Huhn erstatt hatten sich Ratten gefunden und hatten einer Glucke fast alle Kücken sortgefressen Um die übrigen drei zu retten, setzte ich sie jeden Abend in ein hochgelegenes Rest, wohin beim auch die Klinke flog. Eines Abends hatte ich dies vergessen und saß, als schon bte Schlafenszeit der Hühner gekommen war, auf der anderen Seite deS Hauses auf den Stufen der Treppe. Da kamen nut Geschrei die drei Reinen Kücken durch den Garten zu mir hingelaufen, auf meinen Schoß, und ich mußte sie zur Klncke aufs Nest tragen,. > Nösielfpruttg. platz hau sch» die re len ten red) brin mein nb zu te am bet gto ö« flit Ö‘t für ßet den die ge frucht erst ein die Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer- Auflösimg des Silbenrätsels in voriger Nummer; Dagobert - JGboli — Rebe — Zobelpcta - After - Rase — Slebenmond; Der Zahn der Zeit, MLtittion: Ernst Heß. — Rotalionsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Vuch- und Siembruderel, R- Lange, Wttiun.