Donnerstag den 24. Mio0er LiM S8W WM WM^WWMM LP -,Ä «2 » l IUS v1' Lsi I iw® tjffyTvgVBMfil Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Ho ecke r- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Juwelier lächelte. „Ganz Unrecht haben Sie nicht, obschon cs sich unzweifelhaft nm ein sehr wertvolles Geschmeide handelt . ... immerhin können wir ja einmal zusehen, zumal Sie uns ja wichtige Anhaltspunkte geben können." Er erhob sich und beauftragte die durch ein Klingelzeichen herbeigerufene Verkäuferin, seinen Sohn herbeizurufen. „Der ist- die eigentliche S«le im Geschäft," wendete er sich erläuternd an Thommen. „Stammt die Arbeit aus unserem Atelier, so kennt er sie sicher wieder und niag auch imstande sein, Ihnen den Kunden, welchem wir den Schmuck geliefert haben, zu bezeichnen." Das Erscheinen des Juuiorchefs beendigte das Gespräch. Dieser liess sich kurz den Sachverhalt mitteilen, betrachtete gleichfalls das Bruchstück unter der Lupe und schleppte schließlich einen dickleibigen Band mit Zeichnungen herbei, den er suchend durchblätterte. Kvpfnickend wendete er sich dann an den gelassen sitzenden Kommissar. „Da haben Sie Ihre feine.Witterung wieder einmal glänzend bewiesen", meinte er anerkennend, „das Schmuckstück stammt wirklich aus unserer Werkstatt und es ist vor drei Jahren auch für Geheimrätin Selkenbach extra angefertigt worden, und zwar handelt cs sich um ein von mir persönlich entworfenes Kvllier. Frau Selkenbach hatte ein solches auf der letzten Pariser Ausstellung bewundert; es gehörte zur Tiffanyschen Kollektion und war auch im Preise amerikanisch. Wir hatten selbst ausgestellt und als Frau Selkenbach mir das begehrte Schmuckstück zeigte, erbot ich mich, den Halsschmuck ebenso schön, nur um etwa 40 Prozent billiger zu fertigen." „Ah! Das haben Sie getan!" erkundigte sich Thommen. Der junge Juwelier nickte und wies auf eine der Zeichnungen. „Sehen Sie, hier ist der Entwurf, natürlich zehnfach vergrößert. Die den unteren Naud abschließende Reihe läuft in lauter schmale, gleichschenklige Dreiecke aus, filigranartig durchbrochen^ fein ziseliert und in der Mitte jedes Anhängsels wie ein schimmernder Tautropfen ein blauer Kapdiamant von je zwei Karat. Es sind allein 18 solcher Anhängsel, wie das gewaltsam abgebrochene hier. Betrachten Sie das wundervolle Feuer, dieses klare, weißblaue Blitzen, sodann die unendlich mühselige Gravicr- arbeit. . . der Gedanke, daß ein derartiges Stück von irgend einer rohen Gaunerhand tölpelhaft zerbrochen wurde, nur um des Goldwerts willen, macht mich schaudern. Man möchte bei solcher Vorstellung weinen!" Dabei schob er dein Kommissar das Anhängsel wieder über den Tisch und legte die Lupe bei. „Bitte, schauen Sie durch das Vergrößerungsglas und urteilen Sie, ob ich zuviel gesagt habe! Es ist ein Stück, wie selbst wir kein schöneres je geliefert haben. Tiffany verlangte 100 000 Dollars, ich begnügte mich mit einer Viertelmillion Reichsmark . . . und dabei sürd unsere Steine Hoch- PriMa . . Qualität, Schliff, Fassung, kurzum alles — die Amerikaner haben gar keine Arbeiter, für solche Wunderwerke. Ich darf wohl sagen, wir haben uns damals selbst übertroffen . und - ein derartiges Stück Arbeit, das wie die Cellini'schen Miniaturen verdient, noch nach Jahrhunderten in Museen angestaunt zu werden, ist ruchlos eingeschmolzen worden, wie hat's die Frau Geheimrat nur ertragen? Ja so, sie weiß cs ja noch nicht einmal. Die Acrmste! Als sie erstmalig vor drei Jahren den Schmuck, zu welchem überdies auch Ohrgehänge und eine Haar- agrasfe gehören, trug, machte sie geradezu Furore; selbst die Kaiserin soll auf das Halsband aufmerksam geworden sein. . . damals fiel ja auch das seither berühmt gewordene Wort: das können wir Hohenzoklcrn uns nicht leisten, dafür sind wir zu arm!" Der junge Juwelier hatte sich außerordentlich warm geredet; als ihm nun der Kommissar die Frage vvrlegte, ob nicht etwa doch ein Irrtum seinerseits möglich sei, lachte er nervös auf. „Ich bitte Sie, unsereiner wird doch die eigenen Erzeugnisse kennen, nun gar noch solch eines. Das ist doch keine Jahrmarkts- Ware! Ich sagte Ihnen schon, der Halsschmuck ist einzig, und nicht nur in Berlin." Und nur die Geheimrätin Selkenbach besitzt einen solchen?" erkundigte sich Thommen unbeirrt weiter. „Aber selbstverständlich. Wie können Sie nur daran zweifeln?" Er wendete sich an seinen Vater. „Ob ich einmal bei Selkenbachs verspreche? Vielleicht wäre ihnen damit gedient, den Halsschmuck nochmals arbeiten zu lassen? Die Zeichnungen sind ja da!" „Vorläufig wenigstens würde ich Ihnen raten, davon Abstand zu nehmen", warf der Kommissar ein. „Es ist noch nicht klipp und klar heraus, ob das Geschmeide wirklich in den Schmelzticgel hat wandern müssen. Das wird sich in diesen Tagen wohl entscheiden. Bis dahin möchte ich Sie — diesmal amtlich —. bitten, die Sache tot zu schweigen." Er begann von Gleichgiltigem zu plaudern und empfahl sich kurze Zeit darauf, um sich unverzüglich nach dem Polizeipalast zu begeben und dort bei Rat Hansemann anmelden zu lassen!. Der Rat war an diesem Morgen noch früher als sonst in seinent Bureau erschienen, hatte aber trotzdem bereits Walden darin vor- gefunden, der von seinen: Vorrecht Gebrauch gemacht und im Pri- vatzimincr seines Vorgesetzten eifrig mit Schreiben beschäftigt saß. Die erste Frage des Rats, der gegen seine Gewohnheit sich kaum! Zeit zum Austausch eines, flüchtigen Morgengrußes ließ, galt dem am Vorabend von ihm vermißten Zigarettenrest. Walden schaute ihn erstaunt an. „Da fragen Sie mich wirklich zu viel, Herr Rat", meinte er mit einem feinen Lächeln. Ich habe die Stummel in der Aschenschale wirklich nicht nachgezählt und itod) weniger einen cskamotiert. Doch Sie selbst haben es ge»i tan", setzte er nach sekundenlangem Nachdenken eifrig hinzu. „Erinnern Sie sich nur, Herr Rat, zuiw Vergleich mit dem von mit in der Droschke aufgehobenen Stummel nahmen Sie einen der Reste heraus. Irre ich nicht, so behielten Sie ihn während unseres Gesprächs in der Hand ... ich meine fast. Sie zerrieben ihn in der Zerstreutheit zu Pulver." „Nie und nimmer!" verwahrte sich Hansemann, ordentlich böse werdend. „Wie sollte ich dazu kommen? Einen Ueber- führungsgegenstand zu zerstören! Das wäre in Minen AugcH 630 — schlimmer wie eilt Verbrechen, nämlich eine Dummheit! Uebrigens entsinne ich mich ganz genau, das Papierröllchen wieder zu den anderen in den Aschenbecher zurückgelegt zu haben." „Daun waren es auch nur drei. Ich glaube überhaupt nicht bemerkt zu haben . . . um übrigens auf etwas Wichtigeres zu kämmen", wendete der Detektiv sich einein neuen Gesprächs- gegenstand zu. „Haben Sie schon die Morgenblätter durchflogen? Sie haben sich sämtlich der neuesten Sensation bemächtigt." „Ja, ich habe unterwegs in der Straßenbahn einige Zeitungen darauf angesehen", erwiderte Hanscm-aun kürzer, als es sonst in seiner Art lag, „fast sämtlich bringen sie das Bild des Ermordeten, dabei eine immer unähnlicher, als die andere." „Jedenfalls hat die Veröffentlichung gewirkt. Draußen im Vorzimmer harren zwei Zeugen, die vernommen zu werden wünschen. Sie wollen durch die Zeitungen aufmerksam gemacht worden sein." „Wohl der Droschkenkutscher, der draußen sitzt?" „Ganz recht, Herr Rat. Während der kritischen Stunden hatte er seinen Standort irr der Tiergarienstraßc." „Dann herein mit ihm!" entschied Rat Hanscmaun in- teressiert. „Ferner hat sich noch ein dortiger Anwohner gemeldet", bemerkte Walden, schon nach der Tür unterwegs. „Er, glaubt auf seinem Nachhauseweg dem Trunkenen und dessen Begleiter ebenfalls begegnet zu sein." „llmfo besser", rief Hansemann, dessen Laune sich sichtbar besserte. „Einer nach idem andern — wir wollen hören, was sie Ms zu sagen haben!" Der Droschkenkutscher wurde zunächst vernommen. Er hatte in der vorverwicheuen Nacht seine Taxameterdroschke in der Kreuzung der Tiergarten- und Friedrich-Wikheüw-Stratze, dem Eingang der Hofjägerallee gegenüber, auf dem dort befindlichen Halteplatz aufgestellt gehabt; es war dies unweit von, der dicht hinter der Hitzigsstraße kommenden Selkenbachfcheu Billa. Vielleicht gegen halb drei Uhr morgens hatte ein „feiner Herr" das Ansinnen an ihit gestellt, ihn und seinen Begleiter, der sich in augenschcin- lich sinnlos betrunkenem Zustande befunden, nach Hause zu fahren. Da der Trunkene gelärmt und sich außerdem leb hast mit seinem Begleiter gestritten hatte, hatte er die Fahrt aü- gelchnt. „Würden Sie denn die beiden Männer wiedererkennen?" forschte der Rat. „Don Bezechten hab' ich bereits in der Zeitung, Ivo sie ihn abjemalt haben, wiedeverkannt", versicherte der Kutscher., „Am Halteplatz ist 'ne große Kandelaberlaterne, da konnte ich ihm jerade in die Visage sehen!" „Das können Sie also beschwören? Sie irren sich nicht?" ; „Jh wo, _werde ick denn. Allemal kann ick das beschwören." Dabei wollte er auch schon die Hand erheben. „Das hat noch Zeit", meinte Hansemann abwehrend. „Wie stet's mit dem Begleiter? Konnten Sie diesen auch deutlich sehen?" „Na, et jing. Das war 'n Feiner, so wat wie'n Offizier." Ev drehte verlegen den weißlackierten Hut und wendete sich dann Ünverm-ittelt an Walden, de» er schon die ganze Zeit über ange- starrt hatte. „Sagen Sie 'mal, lieber Herr, waren Sie's nich vielleicht? Ihr wertes Jesicht kommt mich auffallend bekannt vor." Ueberrascht schaute der Rat seinen Mitarbeiter an, doch in dessen freimütigen Zügen sand er nur ein überlegenes Lächeln. „Nanu, jetzt will der Mann Sie auch tvieder erkennen, genau wie Rokuhl?" „Er täuscht sich eben gleichfalls. Meine Dutzenderscheinung hat mir schon viel Aerger gemacht!" meinte der Detektiv unbefangen. Er stand auf und zeigte dem Kätscher seine volle Gestalt. „Na, sehe ich dem Unbekannten noch ähnlich?" fragte er jovial. „Ich kann Ihnen nämlich im Vertrauen sagen, daß ich vorvorige Nacht um Halbdrei morgens beinah' ausge- fchlafen hatte." Der Droschkenkutscher lächelte verlegen. „Nischt für unjnt", meinte er. „Aehnlich sieht der Herr auch noch jetzt aus, aber er wirds wohl nicht jewesen sein. Solche feine Herren jibt's in Berlin Ville." „Vermutlich wendeten Sie Ihre Aufmerksamkeit auch mehr dem Betrunkeneir zu?" forschte der Rat weiter. „Allemal, denn de war zu'n putziger K>erl . . . 'ne Lippe Hat er riskiert wie Bismarcken . . . und dabei hat er nicht mehr Achen können ... er war sozusagen unanständig be. . . auselt." „Haben Sie sich denn gemerkt, Ivas er gesagt hat?" „Na, besonders scheene war det nu jerade ooch nich . : . . Mn List 'n Fatzke, Aujust, hat er in einem fort jeschrien . . ." „Das paßte wieder auf mich, zumal ich August heiße," warf Walden lächelnd ein. Auch fein Vorgesetzter nahm das Zusammentreffen humoristisch und drohte lächelnd mit dem Finger. „Sie machen ja nette Geschichten, Walden", scherzte er. „Narr gut, daß ich Sie besser kenne, denn was sollte ich von solchen Indizien halten!" „Sie haben recht, Herr Rat. Da sieht man wieder einmal, wie leicht man in Ungelegenheiten kommen kann, ohne sich es träumen zu lassen!" „Also August hieß der Begleiter des Betrunkenen", wendete sich Hansemann wieder an den Zeugen, „und ausgeschimpf wurde er auch?" „Aber derbe ... der kam überhaupt nich aus'm Gequassel . . . und was er jeklaut hätte, jinge niemanden nischt an int Aujusten am wenigsten ... der sollte sich doch bei Jott nich uff btt hohe Pferd setzen ... ob det vielleicht wat anneres wäre, wat er ihm uff getragen hätte . . . und lauter so 'ne Kaleika." „Was hat er ihm denn ausgetragen?" erkundigte sich der höchlichst interessierte Rat; auch Walden schaute den Zeugen in offenbar großer Spannung an. Doch der Kutscher drehte wieder unter einem breiten Ver- legenheitsgrinsen seinen weißlackierten Hut. „Ufsgeschriebcn habe ick mir det nich," entgegnete er. „Ick war ohnehin fuchtig, weil die Beeden mich nich von die Pelle rückten und ick hätte inzwischen mehr wie 'ne Fuhre kriegen können . . . und so mußte ick mir mit die Bande 'rumärgeru." „Hat denn der Begleiter August nichts gesagt?" „Der quatschte auch, aber von bie-moralische Seit«. Gustav, sagte er, du bist 'n großer Lump ... tu mir den cenzigen Gefallen und hart den Schnabel, Du machst Dir sonst unglücklich und Deine Familie zu . . . haste denn jar keene Schande im Leibe, daß Du Dir so bcsäu . . . seist. Denke Dir doch die Blamage vor mir. . ." „Hat er so berliniert!" erkundigte sich Hansemann. „Nee, det beforje ick nsf cejene Rechnung", bemerkte der Zeuge trocken, „indem mir det sozusagen een natierliket Be- diersnis is, mir in de beliebte Muttersprache zu bewcjeu . . . wat der Aujust war, der sprach wie'n Leutnant, nur seiner . . . überhaupt 'n pickfeiner Mensch", fetzte er mit einem erneuten Augenblinzeln auf Walden hinzu, „wenn Sie's ooch nich waren, lieber Herr, aberst verdienen tun täten Sie's ... ick sage Ihnen, det Kerl äst" u war wie frisch aus der Pelle, rein wie abjeleckt." Die Beamten lachten; daun wollte der Rat wissen, was jener August, der dem biederen Droschkenkutscher ossenbar als Ideal edler Männlichkeit verschwebte, weiter gesagt habe. Das waren nur Beschwichtigungsversuche gewesen, daneben Vorwürfe, aus denen hervorgegongen war, daß August auf den Trunkenen lange Zeit hindurch gewartet und nun sehr entrüstet war, ihn in solch stark bezechtem Zustande zu treffen. „Sie wollen doch auch gehört haben, daß die Rede auf einen Diebstahl kam? oder nicht?" „Weiter haben sie nischt ertvühnt, nur mächtig jcschumpsen hat det Männereu mit de ansjchenden Beenerkcrs . . . immerzu de Ticrgartenstraßc 'ruf, so lange ick es hören konnte." (Fomcfung folgt.) Ms Meiner Schrttz.it. Eine heitere Plauderei als Nachtrag zum! . Gießener Ghmnasial-Jubiläum. Wann hört man wohl, daß ein Schüler gern in die Schule geht? Nun, ich kenne einen solchen früheren Schüler. Das bin ich nämlich selber. Gern in die Schule gegangen bin ich eigentlich aber nur die letzten drei Jahre, da ich dem Gießener Gymnasium angehörte. Hub weil ich nun so gern hier ins Gymnasium ging, fühle ich nnchz Ihrem Wunsche, werter Herr Redakteur, allerdings verspätet uachkymnienb, dazu berechtigt, wie so mancher andere — schließlich hätten es ruhig noch mehr fein dürfen —: einige Sachen zu den Erinnerungen beizutragen, die Sie in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichten. Soweit wären wir nun, aber — die Zeit, die ich in der hiesigen Anstalt weilen durste, ist noch nicht lange vorüber, so daß ich es nicht wage, mich darüber auszulassen. Ich glaube, dieser Grund hat noch viele andere auch davon abgehalten. Ich würde ja Namen allerdings nicht nennen, aber ich bin überzeugt, daß jeder sofort wüßte, was und wen ich meine, und in Gedanken sehe ich schon tuschelnde Gruppen mit den „Familienblättern" in der Hand, heimlich in „jenem — eai — HauZ, wo reiches Wissen im Wohlgeruch Entstehung fand" — so nannte das Gießener Gymnasiuin einer meiner -Mitschüler — stehen und die einzelnen Persönlichkeiten rekognoszieren. Nun möchte ich aber doch so gern meiner Zuneigung zunk Gießener Gymnasium Ausdruck geben! Und da ist es mir denn in den Kopf gekommen, in heiteren Worten der traurigen Zeit zn gedenken, da ich aus einem auswärtigen, preußischen Gymnasium schwitzen mußte. Ich glaube, das wird das beste Lob für die hiesige Anstalt sein, wenn nicht hier wirklich Lob — mindert. An dem hiesigen Gymnasium sind jetzt Mützen eingeführt worden, grüne Mützen! Hält man diese Farbe am Ende gar für charakteristisch für den Peimäler? Ich sehe eben auS meinem Erkerseusterchen auf den Seltersweg: Natürlich, alles grünt, Mützensalat. Ter Seltersweg ist ja hier Promenade, auch für den Pennäler. Und er darf ja hier so lange auf der Straße bleiben, wie er will. Das !var in N. zum Beispiel anders. Im Winter durfte Punkt 6 Uhr abends kein Gymnasiast mehr auf der Straße fein! Um diese Maßregel strenger durchzuführen, hatte jede Woche ein anderer Lehrer die Aufsicht. Der schlich dann abends von 6 Uhr ab durch die Straßen und spähte. Etwaige Ungehorsame wurden mit Arrest bestraft. Auswärtigen Schülern passierte es öfters, daß der Herr Direktor persönlich auf der Bude erschien, um sich von dem Flciße seines Zöglings zu überzeugen. Da hat es dann, besonders bei den Primanern, manche Ueberraschung gegeben. Ueber- haupt war der Direktor gar väterlich, zu väterlich für seine „Untertanen" besorgt. Er duzte den längsten Pri- ihenter gerade so wie den kleinsten Sextaner. Seine Kleidung war stets eine Musterkarte sämtlicher Oele und Fette des Welthandels. Aus seinen Nockärmelu hingen immer die Fransen herunter wie Rattenschwänze, die, wenn er Reden schwang, in drohende Bewegung gerieten. Etwas Unangenehmes hatten seine Drohreden, die stets von dem verhaltenen Gekicher der Korona begleitet waren, dadurch, daß immer die zwei vordersten Bänke samt den darauf sitzende» Leuten total naß wurden. Und wie redete der gute „Hannes". Wenn er Respekt einflößen wollte, fing er stets im reinsten Hochdeutsch zu reden an, um aber immer tiefer und tiefer in seinen Dialekt hinabzusinken. So hielt er einmal vor einer Schulfeier folgende Ansprache: „Uni) morgen, meine lieben Schüler, an diesen so festlichen Dag, do zieht err Euer Sunndachse Hose a. . ." usw. Seiu Duzfreund war ein alter Professor, den !vir nach seinem Bornamen „Benno" benannten. Benno war entsetzlich kurzsichtig und infolgedessen ebenso mißtrauisch. Die meisten lasen ihm den Xenophon direkt aus der Uebersetzung vor. Wie oft wurde irgend ein Reklambändchen unauffällig aus der Bauk fallen gelassen, um sich daran zu ergötzen, Ivie der alte Benno mit raubtierartigem Sprunge nach dem vermeintlichen Spicker haschte. So streng übrigens Benno war, die Freiheit ließ er uns, in den Spucknapf zu spucken. „Dann das Spocken auf die Ärde äst ärstens onanständig vud zwoiteus gesondheitsschädlich." Das wurde, außer zum Spicken während der Exe auch zu mancherlei Ulk benutzt. Wir spuckten genau au fdieselbe Art wie Benno. Erst die linke Hand in die linke Westenöffnung, dann einen Blick gen Himmel, einige gravitätische Schritte, ei» sehr vernehmliches Räuspern, ein noch vornehmlicheres Spucken. Jedesmal, wenn Benno klatschte, klatschte alles in die Hände, Um das Geräusch des Ausplatsches zu verstärken. Benno hatte die unangenehme Gewohnheit, vor den: Uebersetzen die Vokabeln abzuhören. Wer eine einzige Vokabel nicht wußte, bekam „einen Fünfer angekroidet". Im Wiederholungsfälle wurde er „oingeschröben". Da kam selten einer frei durch. Denn Benno setzte die Sache so lange fort, bis der Betreffende hereinfiel. Die Strafe besorgte Benno dann mit den Worten: „Es sall nir oin Verrrgnögen soin!" Die Kreide legte Benno gewöhnlich auf die vorderste Bank. Mit affenartiger Behendigkeit wurde diese sofort von einem auf dieser Bauk Sitzenden in Bennos stets weit offenstehende Rocktasche praktiziert. Wenn nun Benno ärgerlich zu suchen anfing, hieß es: „Herr Professor, Sie haben die Kreide in die Tasche gesteckt!" „Das iist nächt wahr! Dommer Jonge! Wällst do oinen ölten erfahrenen Mann belögen?" Das Hin- und Herreden dauerte so lange, bis Benno mit einem erstaunten „Warrhastig" die Kreide ans Licht zog. Der Benno-Geschichten sind zu viele, als daß ich sie hier alle mitteilen könnte. Nur noch eine will ich hier berichten. Ein Mitschüler, der auf der vordersten Bank saß, verspürte plötzlich ein intensives Kitzeln am Fuße. Ungeniert — das war man in der Bennostunde überhaupt — zog er Schuh und Strumpf aus und juckte drauf los. Indessen nahm der Nebenmann Schuh und Strumpf und gab beides mit dem Kommando „Weitergeben" nach hinten. Beide Kleidungsstücke waren in wenigen Sekunden an der hintersten Wand gelandet. Ratlos suchte der arme Meier nach seinen verhexten Sachen. Der alte Benno verspürte gerade einen heftigen Frost und befahl: „Meier, machen Se mal bätte das Fünfter zo!" Meier hinkte zum großen Gaudium der ganzen Gesellschaft ans Fenster. Der kurzsichtige Benno konnte sich die Ursache unserer großen Heiterkeit nicht erklären und erzählte nur wütend daheim seiner „Bärta" (das war seine bessere Hälfte), wie er sich „wäder geirgert" habe. Die Physik versuchte uns ein Probekandidat beizu- bringen. Diese Stunde war einfach unbezahlbar. I. war ein langer, dürrer Mensch. Er hatte ein gelbes Chinesen- g-esicht. Seine schwarzen Borsten trug er in einer Länge von 20 Zentimeter als Igelfrisur. Er sah sehr possierlich ans, wenn er oft seine Backen dick aufblies. Das trug ihm den Ehrennamen „Bläser" ein. Einstmals hatte ein Zirkus, der das Nest mit seinen Darbietungen beglückte, unsere jugendlichen Herzen höher schlagen machen. Zu dieser Zeit stand einmal einer unserer Mitschüler, Hermann hieß er, hinter der Tür des Physiksaals. Es war vor Beginn dcS Unterrichts. Herniaun rief ununterbrochen aus: „Großartig! Noch nie dagewesen! Wally, die ungarische schwarze Stute, in allen Gangarten der hohen Schule geritten von Fräulein Alma Nardelli!" Dies setzte der Nichtsahnende fort, als I. schon läng sterschienen war und er hörte es auch nicht, wie er wütend rief: „Hermann, Junges. Willst du wohl schweigen!" Ununterbrochen schallte es aus der Ecke: „Wally, die ungarische Stute. Die sa- mose Reiterin Alma Nardelli!" Das währte so layge, bis der verdutzte Hermann von der Anwesenheit Sr. Heiligkeit durch deren höchstpersönliche Berührung überzeugt wurde. — Bläser trug einen runden Hut mit einer großen Delle in der Mitte. Als wir nun einst alle zusammen wegen einer Untat Klassenarrest hatten, vertauschten wir auf gemeinsamen Beschluß hin unsere Mützen sämtlich mit schwarzen Hüten, die wir in runde Form brachten. So ausstafsicrt erschien die ganze Klasse zum Arrest. In diesem Gedränge vermeinte ich nun meinen Freund, der eine Klasse höher ging, stehen zu sehen. Dem wollte ich diesen Scherz mitteileu. Ich gab meinem vermeintlichen Intimus einen freundschaftlichen Rippenstoß und begann: „Du! Langer! Die hawe sich all' ihr' Hiet' so gemacht, wie de Bläser!" Weiter kam ich nicht. Erstaunt sah ich in die Höhe, als I. selbst, — ihn hatte ich mit meinem Freund verwechselt — ausrief: „Was? Junger! Hinein in die Klasseee!" Ein Zufall wollte es, daß wir zwei Lehrer namens Weber hatten. Bei dem älter» Herrn Weber hatten wir Turnen. Einst fragte er uns, bei wem wir die nächste Stunde hätten. „Beim jungen Herrn Weber!" kam es zurück. Da ergriff Weber bleiches Entsetzen. Mit weitgeöffneten, verglasten Aijgen starrte er uns an: „Dann bin ich also der alte Herr Weber!" Sprachs und stolzierte wütend hinaus. — In der Turnhalle waren mehrere Schränke zum Aufbewahren der Geräte. Einem von uns kam während einer Turnstunde der unglückselige Einfall, in einen Schrank zu kriechen. Wir machten sorgfältig zu und alles schien gut zu gehen. Da — plötzlich nahm Herr W. sein Büchlein vor und fing an, die Namen vorzulefen, worauf militärisch 632 mit „Hier!" geantwortet tou.be. Es war nun ein Bild für Götter, als der betreffende Jüngling mit einem verlegenen „Hier!" seinem Versteck entstieg. Ich hatte ein kleines Gedicht auf Benno verfaßt, das unglücklicherweise abgefaßt wurde. Mit einer Stunde Arrest kam ich noch davon. Als ich aber eine Woche später während der Pause einen derben Scherz mir leistete, bekam ich wegen dieser zwei Fälle das concilium abeundi und in meinem Zeugnis einen Tadel wegen meines sittlichen Verhaltens während der letzten Woche. Ich kann sagen, ich atmete auf, als ich die frische Luft verspürte, die am Gießener Gymnasium weht, als ich nicht mehr bis Mitternacht zu arbeiten brauchte und dennoch erkannte, daß meine neuen Mitschüler weit mehr konnten und wußten, als die in N. Ich war beseligt, als ich den idealen Geist erkannte, der bei ihnen vorherrscht. Und mit Freuden sah ich, daß man hier auch dem Körper sein Recht ließ, daß man von dem Grundsätze ausging: Mens sana in corpore sano. Wie glücklich war ich, als ich zum erstenmal einen der allmonatlichen Spaziergänge mitmachte, die uns statt des Schulstuben- und Bücherduftes einmal den erquickenden Waldozon atmen ließen! Zum Schluß rufe ich dem Gießener Gymnasium ein aufrichtiges „Flvreat, ccescat, vi- vat" zu! __ Der Kauf auf Probe. Der Bauer N. kaufte vom Pferdehändler S. ein Pferd „auf Probe". Es war ausgemacht, das Pferd dem N. einstweilen auf Probe zu überlassen. Die Uebergabe hatte stattgefunden. Das Pferd gefiel N. über alles Erwarten gut; er fand es preiswert, gut und zweckentsprechend; und er freute sich, einen solchen guten Kauf gemacht zu haben. Da überlegte er sich die Sache plötzlich anders. Seine Frau nämlich wollte von dem Kaufe nichts wissen; und N. — so erzählt die „Dtsche. Dorfztg." — stand ein bißchen oder ein bißchen viel unter dem Pantoffel seiner besseren Hälfte. Die also wollte nicht. Da half nun nichts. N. nahm das Pferd und brachte es dem darüber höchlichst aufgebrachten Händler zurück; und da er kein „Pantoffelheld" heißen wollte und sonst keinen Grund gegen das Pferd — selbst beim besten Willen nicht — ins Feld führen konnte, so verweigerte er auch noch jede Angabe des Grundes. Er übergab das Pferd und entfernte sich unter den Scheltworten des Händlers eiligst. Dieser strengte alsbald einen Prozeß gegen unfern Nachbar an, auf Annahme des Pferdes und Zahlung des ausgemachten Kaufpreises, verlor ihn aber. Wie kam denn das? Es handelte sich nur um einen „Kauf auf Probe". Was ist das? Ein „Kauf auf Probe", der auch „Kauf auf Besicht", „nach Gefallen" heißt, ist ein bedingter Kauf. Die Bedingung ist die Billigung des Kaufgegenstandes seitens des Käufers. Die Billigung steht aber in seinem freien Belieben. Während dieser also völlig frei ist, ist der Verkäufer fest gebunden; sobald es dem Käufer beliebt, muß der Verkäufer den Kaufgegenstand liefern. Er muß dem Käufer die Untersuchung des Knuf- gegenstandes gestatten; ja, es kann ausgemacht werden, daß dem Käufer der Gegenstand einstweilen zur Probe übergebeu werde. Der Käufer kann allerdings die Billigung nicht beliebig lange hinausschieben; sondern er muß, sofern eine Frist nicht vereinbart ist, eine vom Verkäufer gesetzte angemessene Frist sich gefallen lassen. Wenn nach Ablauf dieser Frist die Rückgabe nicht erfolgt oder die Annahmeerklärung nicht abgegeben ist, so ist der Verkauf stillschweigend endgültig zustande gekommen. Ist dagegen der Kaufgegenstand dem Käufer nicht übergeben oder von diesem innerhalb einer gesetzten oder vereinbarten Frist zurück-f gegeben worden, so gilt die Nichterklärung des Käufers umgekehrt als Mißbilligung; das heißt: Aus dem Kaufe ist nichts geworden. — Der Käufer muß den Kaufgegenstand, wenn er ihn untersucht oder übergeben erhalten hat, mit aller Sorgfalt behandeln. Verletzt oder beschädigt er ihn schuldhaft, so braucht er ihn zwar immer noch nicht zu behalten; aber er ist dem Verkäufer schadenersatzpflichtig. — Unser Nachbar kannte seine Paragraphen; deshalb ge-, wann er auch seinen Prozeß. Literarisches. — Johannes Raff, Der letzte Streich der Königin von Navarra (Hohe Liebe). Trauerspiel. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 3.— Mk. — Die in dem Titel erwähnte Königin ist die Verfasserin der berühmten übermütigen Erzählungen. In dem Stück ist sie eine alte Frau, deren Freude an Abenteuern einen grotesken Gegensatz zu ihrer überreifen Erscheinung bildet. Der Streich, um den es sich handelt, ist gegen Heinrich Graf Foix gerichtet, einen Vetter der Königin, der, nachdem er in dem übermütigen und wenig skrupellosen Getriebe des Hofes eine besondere Rolle gespielt hat, sich in die Einsamkeit seines Schlosses zurückzieht, um ganz der Liebe zu seinem Weibe Simone zu lebeu. Es ist dieses eine sehr hochgespannte, seelisch vertiefte Liebe. Die Königin besucht den Grafen, zwingt ihn mit seiner Frau an ihren Hof, und hier, in der intriganten, leichtfertigen, böswilligen Atmosphäre, wird das Verhältnis des Grafen zu seiner Frau von Stürmen der Eifersucht erschüttert und zerstört. Das Stück endet tragisch, aber mit der Versöhnung und Klärung aller Mißverständnisse. Eine Nebenhandlnng zwischen der Königin und ihrem Geliebten ist kunstvoll mit der Intrige verknüpft. Das Stück ist in Versen geschrieben, voll Leidenschaft und entschieden originell in der seelischen Analyse. Die Sprache ist in hohem Maße dichterisch, voll Schwung und dialektischer Kraft. Hausittschristeu aus Ortschaften des Kreises Kirchhain. (Origiiialbeitrag dcs Gieß. Anz.) 9. Ich setze meinem Gott fein Ziel, Gibt er mir wenig ober viel. Wohl dem, der sich genügen läßt, Der lebt in Fried' ausS allerbest. * 10. Wer sein Glück sucht aus der Straße, Seine Gesundheit in der Apothekerflasche, Sein Recht oui den Kanzleien, Dem Hel! der liebe Gott von allen dreien. Goldene Worte. Der bloß niedergeworsene Feind kann wieder auistehen, erst der versöhnte ist wahrhaft überwunden. Carriöre. Laßt Euch nicht das Lob betören, Laßt Euch nicht den Tadel stören. Uhland. * Wie die einzelne h e i m atliche M undart ein steter Jungbrunnen bleibt, aus dem unserer hochdeutschen Schriftsprache immer neues Leben zuquillt, so bleibt auch die engere Heimat mit ihrer Slammeseigenart der stete Nährboden, aus dem sich unser ganzer deutscher Volkscharakter zu immer neuer Krall, zu immer reicheren Entfaltungen und zu immer vielseitigerer Einheit emporgestaltet. Flaischlen. Bilderrätsel. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer. Römer. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.