WM Z W 1 W I ■ i M WW WMk^-W Steuermann Worringer. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die alte Frau lachte hart auf: „Des, is gar net nehdig! Dosier braucht mer unse Herrgott net- Die Fraa geheert Bei ihre Mann, un du muscht Bei en zurick, ä Braucht nur ze komme un dich ze hole!" „Zurück! To mißt's ja kää Recht un Gerechtigkeit ust der Welt gewwe?" „ „Mach kä große Redde! — Wann jede Fraa, die emo! «Per- takel mit ihr'm Mann Hot, eweglaafe kennt, do wer die Welt voll häämgelaafene Weiwer- Bis froh, das; ä dich net halb bot geschlage Hot-" Mit großen, entsetzten Augen sah Greta auf ihre Mutter- „Ich muß Widder Bei en? Ae kann mich Hole? Mit Gewalt hole? Hat Recht iwwer mich?" „Freilich Hot a des und kann des! Sei gescheit un mach, daß de häämkimmst, ehr ä Widder do is." „Mudder, des sagst du? Tu, Mudder? Ich soll Widder Bei en gehe, Widder in sei Haus'?" Tie Frau faßte sie am Arm- „Greta," sagte sie halb Bittend, halb drohend, „Greta, mach kää Tummhääte- Ae Mann Hot Gewvlt iwwer sei Fraa, und die Fraa muß sich kusche- Des is allezeit so gewese, und du wirscht's aach net önnere- Mer kann als froh sei, wenn die Männer net zu schrvo *) sin- Bei mir kannste net bleiwe! Was solle die Leit denke? Un ich hawwe jo selwer kaum was ze Beiße!" . Greta riß sich los und sprang einen schritt zurück- Sw war außer sich- _ , , ' ... Mudder," kreischte sie, „Mudder, des is noch arger wie alles- Tu, mei eige Mudder, versteßt mich! Erscht verkuppelst du mich an dä alde Mann, da kä Herz Hot un kä Gefiehl, un dann steßt du mich aus'm Haus, wann ich in mei'm Elend zu der komme! Wege de Seit un Wege dem Bißche Esse- — Was gehe uns die Leit an! Loß nlich Bei der Bleiwe, ich kann jo nähe gehe, mer mei Brot verdiene — nor los; mich bei der bleiwe-" Aber die alte Frau wurde ungeduldig- „Tes kennt dir basse," sagte sie, „und ich soll dich daun Biete, baß de kää Tummhääte machscht! Was brauchschte uff de Kerb ze laafe und dich mit'm Georg Hessemer erumzetrciwe, wann de wääßt, daß bei Manu des net will- Tu Bischt verheirad und hoscht bei Kind un bei gnhd Lewe! Wann ich des gehott hält, ich hätt unsen Herrgott usf dä Knie gedankt- — Tä Worringer is noch lang net de schlechtste- — Mach, daß de häämkimmst, baß es kä Spektakel gibt —" Greta Worringer stand ganz still und sah ihre Mutter an- Dann nahm sie schweigend den Jungen an die Hand und das .Bündel in die andere- —• ; „Adjes, Mudder-" *i roh- „Des- is recht! Schick dich drei, Greta, was net ze önnere । — Folg mir, ich kenn's Lewe UN de Welt!" „Ja, Mudder, ich glaab's- Adjes, Mudder." Sie ging die Gasse hinauf- — Erst langsam, dann schnell, immer schneller- Sie nahm den Jungen auf den Arin und lief. — Sie lief an der verschlossenen Tür ihres Hauses vorbei und riß Georg Hessemers Tür auf. ...... Das Bündel flog aus die Erde, und sie stürzte m die stutze. Er sprang vom Tisch auf- „Greta! Um Gottes willen, Greta!" Ta hing sie an seinem Hals, sinnlos, atemlos'- — „Georg! Georg! Mrlaß du mich net! Leid's net, was st mer andhue wolle! — Leid's net. daß mei Mann mich insperrt un mich gnält wie ä Hund! Leid's net, daß ich Widder bei en gehe muß in sei Haus, in sei—“ Er wurde blaß, ganz kreideweiß- „Greta, was is dann- Greta, komm doch zu der! ^esfes Maria! Greta, lieb Greta!" „ Er wolle sie von sich losmachen, aber sie klammerte sich noch fester an ihn an- „Uit mei Mudder sagt, ick muß Widder bet en! Ae kennt mich hole mit der Bollezei! Er hot Recht iwwer mich! — Ich barf net bei ihr bleiwe! Versteh du mich! Ich bring mich um, wann ich Widder zurück must — Ich geh in dä Rhei! Och Gott, och Gott, jetzt feiirmt ä ball hääm- Jetzt holt ä mich. Jetzt sperrt ä mich in un quält mich!" Sie schrie und wimmerte, dann sing sie wieder an: „Ae sagt, ae wollt mer's intränke, baß ich mit dir dhät gehe! — Und dir aach! Ae sagt, ä wollt's schun's mache, daß ich net mehp mit dir robbe kann- Un dann will ich net meh lewe! Tann will ich net meh lewe! Dann will ich sterwe!" - In Georg Hessemers Gesicht, ging eine glühende Rote auf. — Und als sie erschöpft auf einen Stuhl fiel _unb der kleine Junge weinend neben ihr stand, sagte er angstvoll: „©Teta, awwer was is dann nur! Komm doch zu der! Verzehl mer doch! Guck emol, was bei Bubche sich fercht!" Er nahm den kleinen Kerl auf den Arm- „Greta, verzehl," drängte er- Sie erzählte — schluchzend, stoßweise- , „Greta, mei arm Greta, ich kann der net helfe- &ent doch nur, wami bei Mann kam und bäht erauskriege, daß de bet mir gewese wärscht- — Ae dhut dir was an —" „Ferchtst du dich?" Sie richtete sich Plötzlich auf- „Ferchte! Bor'm Worringer! Nä, net vor m leibhaftige Deiwel! Mir war's nor Wege deiner! Awwer was mache mer bann nur? — Hoschte denn niemand, bet den de gehe kannscht i Ä'ä Si?stchr^pLtzlich in die Höhe. „Mei Schwester! Bei mei Schwester nach Schierstein! To geh ich hin! Do sind a mich net for die crschte Tag! Komm, met Bntzche, mer gehe! Gleich gehe mer-" Er dachte nach. — _ . Gleich! M, Greta, des werd net gehe! Jetzt geht tet Schifsche noch Rüdesem- — Un aach fei Zug uff dieser Seit! D« muschte warte bis elf Uhr!" — 498 '„Warte! Ich kann Tret warte bis elf Uhr!" „Warte! Ich kann net warte! Alle Aageblick kann ä ftnrime'- — Dann Hot ä 'midj Widder in der Gewalt- Un ich darf aach net Mit'm Rache fahre, sunsch wääß er gleich, daß ich ennwwer bin-" Georg Hessemer richtete sich entschlossen auf- . „Wart', Greta, ich Mäüß alleweil, was mer mache! Ich bring dich enüwlver- Ich muß jo ohnehin noch Nudeshem. Ich bring bä Rache ganz owe hin, so weit enuff, als es geht- Tu kemmscht mit dei'm Bubche am Rhein enuff, es merkt kääner, was de vorhorscht- Owe steigschte in de Rache — un ich fahr dich enüwwer. Ich fercht mich net vor'm Wodringer, un was er will, do soll er nur komme- Ich werd em mei Meinung sage, was des fier' ä Ker! is, der sei Fraa so maldrädiert- —. Ae soll sich's net hinnern'n Spiegel flecke!" Sie atmete tief auf- „Ja, Georg, fahr du mich enüwwer'. — Ich hawwe gewußt, daß du mer helfe wirscht- — Och Georg, warum Hot mei Mudder uns vuneanner gerisse!" „Greta!" Ta lag sie in seinen Armen- „Georg, was Lin ich & arm T-Uet, ä (tritt, arm Ftaa!" Gr drückte sie fest an sich- —- „Greta, Lis still! Ich beschütz dich! Ich hab dich lieb, arg lieb! — Awwer, wann's aach ä fchrooer Kerl is, du bist sei Fraa! — Ae soll net sage kenne, mir hätte was Unrechts gedhvn- — KvmM, li-Ä> Greta — du muscht gehe. — Geh owe die Gaß her! — Nimm dich zesamme, deß Näner was merkt« Guck, dei Hoor is dorchenanner- — Richt dich ä bißche zesamme! Komm, es is Zeit- — Ich nemm dei Bünde! mit unnen crum! Wart, ich stech's in mei Sack!" Er nahm den großen Plüschsack, in dem die Schiffer ihre Habseligkeiten transportieren- — „Guck, do stech ich's uei! Un jetzt mußt du gehe! — Gut, daß mei Bas uff'n Markt is! — Un kä Mensch uff der Gaß- — Greta, geh, sunscht wird's zu spät, sunscht verwischt er uns-" Sie nickte schon ein ein wenig getröstet- — IHV armes, geängstigtes Herz schlug ruhiger- Sie nahm den Jungen und ging hinaus, die Straße hinauf- Er sah ihr nach. Was sollte daraus werden? In ihm kochte eine Wut gegen den Mann, der die Frau soweit gebracht, und die alte Liebe wachte heiß wieder auf- ■— Sie hatte nur geschlafen, er fühlte cs- Sie war wieder da, stärker und heißer als früher- — Er schüttelte sich. „Aeänerlä! Ersch bring ich se eniwwer- — Ich Helf er, un wann's Küoche un Leine kost-" Er verschloß das Haus und ging den Rhein hinauf. Ein paar Schiffer lungerten herunr, keiner tnerkte auf ihn- Er fuhr ja fast täglich nach Rüdesheim hinüber, um Güter zu holen für eine große Weinhandlung, die dann in Bingen aufs Schiff verladen wurden. — Er mußte Worringerns Nachen nehinen, sein eigener war in Reparatur, das hielten sie -als Nachbarn schon seit Jähren so- — Am Kranen lag das kleine Boot. Er machte es los und stakte es aufwärts- Ganz weit oben sah er Greta mit dem Kind gehen auf dem -einsamen Fußweg- Weithin keine Seele- Er sah nach der Bahnhofsuhr. Halb zehn! — In zehn Minuten kam der Worringer an mit dem Zug rheinaufwärts- —- Er mußte sich beeilen- Waren sie einmal mitten auf dem Rhein, dann war alles gut- Er erkannte sie dann nicht mehr. Bis er überhaupt ihr Fortsein bemerkte, saß sie längst im Zug, war für die erste Zeit geborgen- Und dann mußte man weiter sehen- Wahrend er eifrig stakte, gingen seine Gedanken weiter- — Arme Greta- Es war ihr gegangen wie ihm. 'Die Liebe war auch wieder in ihm erwacht, in der Furcht vor dem- Mann, in dem Schauder über das Geschehene- Ta Hatte sie sich zu ihm geflüchtet, als sie alles im Stich ließ- Wie ein verflogener M>gel war sie an seine Brust gefallen, hilflos und halb besinnungslos. Und ihr Vertrauen sollte nicht zuschanden werden- Er wollte gar nicht weiter denken vorerst, nur sie sortbring-en, aus dem Bereich des Mannes- Was das doch für ein Mensch war- In dem Abscheu, den Georg $iefferner empfand, mischte sich doch eine Art von Mitleid- Schon neulich hatte er darüber nachg-edacht, nach der Fahrt zu der Insel, ob wohl in dem Wvrringer trotz allem- nicht auch ganz heimlich — all seiner Rauheit zum Trotz, eine heftige Liebe sich eingefressen habe zu der Frau- Man konnte doch gar nicht kalt bleiben, der Greta gegenüber- Und daß der Mann in eine so rasende Wut geraten war, das konnte nicht allein an dein Zorn über Greta liegen, das mußte einen anderen Grund haben- Er war ihm damals vorgekommen wie ein Verdurstender, der angefesselt ist zwei Schritte von der Quelle- Er konnte sie mit bett Händen beinah fassen, aber die Lippen erreichten sie nicht- —i Und deck leichtherzigen Menschen beschlich eine Ahnung von den Qualen, die der Mann vielleicht heimlich erduldete- „?le der-! kehrte 'Wett," murmelte -er- — All sein leichter Mut verflog, — „Ae verkehrte Welt-" Jetzt hatte er Greta erreicht- — Er hob zuerst den Jungen; in das kleine Boot, dann die Frau- — Sie war blaß und still und sah ihn nicht an- Er merkte, daß sie zitterte. „Hab kää Aengscht, Greta, -eh er do is, sin mer schnnn halb driwwe-" Sie nickte- Ihre Augen hingen an dem' Schienenstrang, der dicht am Ufer aufglanzte. — „Fahr zu, Georg, fahr zu! Ich steuere! Nur fort, nur weg!" Mit einem kräftigen Ruck stieß Georg Hessemer das Boot vom Ufer- •— Ter Rhein lag ganz still. Das leichte Fahrzeug flog hinaus, von kräftigen Ruderschlägen getrieben- (Fortsetzung folgt.) • Kme Sonderfahrt zur Wasserkante. Nachdruck verboten. (Schluß.) Der Montagmorgen war der Werftbesichtigung gewidmet. Unter fachmännischer Führung ivurde der neue Panzer E und das Liirienschiff Pommern in Augenschein genommen. Ter Panzer E wurde 1906 begonnen und 'wird 1909 in Dienst gestellt; er besitzt 15 000 Tonnen, 22.5 Knoten und 790 Mann Besatzung, Pommern dagegen wird noch dieses Jahr in die Flotte eingereiht, und zwar soll sie die „Branden-t bürg" ersetzen, Pommern besitzt 13 200 Tonnen, 18 Knoten und 730 Mann Besatzung. Unsere Aufmerksamkeit erregten dann die gemauerten Trockendocks, die mächtigen Schleusen und links davon die schräg zur Wasserfläche geneigten Hellings. Weiterwandernd kamen wir zur Schmiede- und Schlosserwerkstatt, zur Panzerplatten- und Etsenbearbei- tungswerkstatt, zu den Maschinen- und Kesselschmieden, Ge- fchützmagazinen, Lafettenschuppen, zu den Schiffskammern,- in denen alle Teile eines Schiffes aufbewahrt werden usw. In den Docks lagen mehrere Schiffe in Reparatur, z. B. der große Kreuzer Prinz Heinrich, Barbarossa u. a. Tas Tor- pedoboot S 126, das seinerzeit von der „Undine" durchschnitten wurde und in der Föhrde mit seiner Besatzung untere ging, wird zurzeit wieder aufgebaut. Gerade als wir im Begriff waren, die Werft zu verlassen, konnten wir noch einer interessanten Uebung der Taucherabteilung zusehen, die aus dem Boden der Föhrde einen Wasserspaziergang aussührte. Nach kurzer Rast in dem Wersterholungsheim erfolgte die Abfahrt auf zwei festlich geschmückten Dampfern mit Musik hinaus nach Friedrichsort. Hier wurde uns eine Ueberraschung zuteil, wir konnten nämlich dem Ab- feuern mehrerer Torpedos beiwohnen. Aus dem etwa li/2 Meter über Wasser liegenden Lanzierrohr sprang plötzlich das abgeschossene 11 Meter lange Ungetüm hervor und ver- 'schwand unter dem Wasserspiegel. In gerader Linie schoß die unheimliche Waffe dahin gegen das aufgesteckte Ziel. Zum Glück waren es nur Uebungstorpedos. Bon flinken Tampfpinassen wurden sie verfolgt, jenseits des Zieles wieder aufgefischt und nach dem Schießhause zurückgebracht. Als wir aus der Weiterfahrt nach Möltenort und Altheiken- dorf waren, sauste ein Unterseeboot der Germaniawerft an uns vorbei, und so konnten wir auch diesen neuesten Typ in unserer Kriegsflotte kennen lernen. In dem Badeort Möltenort wurde das Mittagessen eingenommen, dann fuhren die beiden Dampfer nach Laboe, wo den staunenden Landratten der Lebensrettungsapparat vorgeführt wurde. Mit lautem Zischen führte die 8 Ztm. Rettungsrakete die 500 Meter lange Leine nach dem draußen verankerten Jischerkutter. Mit stürmischem Jubel wurde die Seilfahrt in der Hosenboje vom Mast des Kutters bis zum Strande begrüßt. — Eigentlich ivar nun unsere Lehrfahrt im Kieler Hafen beendet, doch wir wollten auch einmal hinaus aufs Meer. Gern willigte unser Führer ein. Links und rechts gewahrten wir ausgedehnte Forts, sowie einen Panzerturm zur Verteidigung der Hafeneinfahrt. Interessant war das Treiben in den kleinen Seebadeorten am Strande. Nach Verlassen der Föhrde sahen wir am Bülker Leuchtturm die Strander Bucht, in der mehrere Kriegsschiffe Hebungen abhielten. Mehr und mehr entschwand die Küste unseren, Blicken und schon tauchten vor uns die dunklen Umrisse der Inseln Alsen und Arö aus — wir waren in der Ostsee — da machte unser Schiff zu unserem lebhaften Bedauern kehrt, denn es begann Abend zu werden. Den Abschluß der Herr- 499 lichen, wenn auch strapazenreichen Kieler Tage bildete ein Abschiedskommers; darnach fuhren wir zum letzten Nachtquartier, nach dem uns lieb gewordenen Wiker Kasernement. Nach den ereignisvollen und lehrreichen Tagen in Kiel begann nun das Vergnügungsprogramm, die Fahrt nach Helgoland. Ein Sonderzug brachte uns in der Frühe nach Brunsbüttelkoog, wo vor der Schleuse des Käiser Wilhelm-Kanals der „Glückauf" bereit lag, den der Norddeutsche Lloyd in hochherziger Weise zur Verfügung gestellt hatte. Es wehte eine frische Brise, als wir an Kuxhafen vorbei waren, manche Sturzwelle sprang kühn über das Vorderdeck, und als der Glückauf draußen auf der Nordsee ein kleines Tänzchen auf den Wogen inszenierte, da stürzte eine Anzahl der Landratten an die Brüstung des Schiffes, das Antlitz schreckensbleich, das Auge tränenschwer, so bezeugten sie dem Meergott Neptun ihre tiefste Ergebenheit. Aber deswegen gab es doch keine verdrossenen Gesichter, vielmehr wurde jeder neue Fall von Seekrankheit von den „Ueberlebenden" mit ausgelassener Fröhlichkeit begrüßt. Nordwestlich kam endlich Helgoland in Sicht, die Wolken zerteilten sich und im Sonnenglanz lag das schöne Eiland vor uns. „Grün ist das Land, Rot ist die Kant, Weiß ist der Strand, das sind die Farben von Helgoland," so heißt das Berschen, das wir schon so ost in der Schule unseren Kleinen lehrten, und Liesen charakteristischen Farbenkontrast fanden wir sofort. Trotz hoher See ging das Ausbooten flott und musterhaft von statten. Gleich am Strande kamen uns 20, 30 Kinder und halbwüchsige Bürschchen entgegen, die uns Andenken, Ansichtskarten, Seeigel, Seesterne, Einsiedlerkrebse u. dgl. m. anboten. Sie waren echte Germanenkinder mit hellblondem Haar, die breitschultrigen Männer Haar, die breitschulterigen Männer zeigten wetterfeste, gebräunte-Gesichter, und die schmucken Helgoländerinnen fielen in ihrer malerisckwn Nationaltracht angenehm auf. Waren wir auch über die Größenverhältnisse der Insel enttäuscht, so waren wir doch überrascht von der Schönheit des Felseneilands, das wie eine natürliche Festung inmitten der brausenden Nordsee liegt. In einer knappen Stunde beendeten wir den Rundgang, aufdem wir Gelegenheit hatten, die gewaltige Wirkung der Meereswogen zu beobachten, die an der Westseite die braunrote Felswand fortgesetzt unterspült und zerklüftet. Zurzeit ist man daran, hier starke Schutzmauern als Wellenbrecher zu erbauen. Mehr als 25 000 Badegäste pflegen hier alljährlich Erholung zu suchen. Bekannt ist, daß auf der Insel kein Pferd lebt, dagegen dienen etwa 10 Kühe und eine große Anzahl Schafziegen als Milchlieferanten. Nachdem wir noch dem Denkmal Hofsmanns von Fallersleben, der auf Helgoland „Deutschland, Deutschland über alles" dichtete, einen Besuch ab- gestattet hatten, bestiegen wir das Fährboot, um uns hinüber nach der „Glückauf" bringen zu lassen. Kurz nach 5 Uhr schwammen wir wieder auf hoher See. Es erhob sich ein ziemlich heftiger Sturm, der das Schiff von der Seite anpackte. Der leichte Dampfer stampfte und schlingerte mächtig, immer neu rauschten die weißen Rosse des Poseidon heran und klatschend schlugen leichte Seen über Bord. Da schwand auch die Widerstandskraft derer, die am Vormittag über die anderen gespottet hatten. Still und in sich versunken sitzt ein kräftiger Schwabe da, blässer und blässer wird seine Farbe, plötzlich ein Sprung an die. Brüstung des Schiffes und die Revolution des Magens kommt zum Ausbruch. „O hätte ich das gewußt, ich wär' daheim geblieben", so rang es sich aus der Brust des „Schwergeprüften". Die 2000 Liter Freibier wurden nicht zur Hälfte getrunken, nur mit Mißtrauen wagten sich die Seefahrer an den edlen Stoff heran. Endlich winkte von der Wesermündung der Rotesand-Leuchtturm herüber, das Schiff wurde ruhiger, die wackeren Argonauten bekamen wieder Mut, mit fröhlichem Gesang begrüßten sie das Festland, und legten um 10i/2 Uhr an dem „Großen Kurfürst" au, auf dem wir die letzte Nacht zubringen sollten. Der letzte Tag unserer herrlichen Reise sollte uns auch noch manches Sehenswertes bringen. Wir besichtigten den „Großen Kurfürsten", sowie den neuesten Ozeandampfer „Kronprinzessin Cecilie", über den an dieser Stelle bereits ausführlich die Rede gewesen ist. Es erfolgte ferner die Besichtigung des Kaiserdocks, der neuen Hafenanlagen, Werkstätten und der Kammerschleuse, die größte Schleuse der Welt. Um 10.50 Uhr erfolgte die Abfahrt nach Bremen, wo in dem dieser Tage abgebrannten Bürgervark das Abschiedsessen eingenommen wurde. General Kvim war zu diesem Schlußakt von Berlin herübergekommen und begrüßte die Lehrer im Namen des Flottenvereins. Seine Rede gipfelte in den Worten des Nationalökonomen List: „Wer an der See keinen Anteil hat, der ist des lieben Herrgotts! Stiefkind." Worte des Abschieds und flammender Begeisterung für das Vaterland wurden noch in den Reden der Scheidenden zum Ausdrmk gebracht. Das herzlichste Einvernehmen untereinander — Hesse und Pommer, Ostpreuße und Bayer, Elsässer und Holsteiner — war der sicherste Beweis, daß der deutsche Einheitsgedanke alle beseelte, und noch heute klingen mir die Worte des Abschieds als teures Gelöbnis im Herzen nach: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!" L. K. Kreßen anrro 1850—60. Als ich dich Gießen erstmals sah Vor einem halb' Jahrhundert, Ta lagst du noch so einsam da. Daß man sich fast verwundert; Du warst ein kleines Musennest, Umgeben von der Festung Rest, Der Schur und ihrem Graben. Ter Bürger- und der Bauernstand, Die waren nicht geschieden. Es trieb ein Jeder kurzerhand/ Was ihm von Gott beschieden. Kartoffeln, Rüben und Gemüs', Auch Aepfel, Birnen, Zwetschen süß Zog selbst ein jeder Bürger. Im Winter trieben durch die Tor' Vier Schäfer ihre Herden, Begleitet von der Kinder Chor Mit lustigen Geberden. Wer hatt' die schönste Hammelherd', Ter schien der höchsten Ehrung wert. Könnt werden Bürgermeister. Der Herr Professor und Student, Tie standen hoch in Ehren: Ter Erst're, !veil er Weisheit kennt, Tie dann die andern hören. Tie Liebig, Bischoff, Weigand, Buff, Tie wurden selbst im höchsten Suff Von allen hochgepriesen. Nach Ferien hatte der Student Noch reichliche Moneten; Doch wenn's Semester weiter rennt. Da gingen alle flöten. Ta hieß es: „Lieb Philister, her, Tein Beutel ist bedenklich schwer, Ten muß ich dünner machen." Ter „Herr" tvar seiner „Philiströs" Im Herzensgrund gewogen. Und die war auch nicht gar so bös'. Zur Nonne nicht erzogen. Trum schlang sich ost noch nach der Hand Hin beid' ein schönes Ehebänd Zu allgemeiner Freude. Wenn nachts ein Martinsgänschen hing An des Philisters Fenster, So war das ein bedenklich Ding, Denn 's gab noch viel' Gespenster; Eh' noch der nächste Morgen graut. War die gebrat'ne Gans verdaut Vom lustigen Studenten. Wollt man genießen die Natur An schönen Frühlingstagen, So wurde um die schatt'ge „Schur Das neue Meid getragen. Ter nahe Philosophen Wald Von fröhlichen Gesängen hallt Ter Bürger und Studenten. Korpskneipen gab es diese drei: Busch, Adler, Pulvermühle, Tie andern Kneipen lagen frei Zerstreut im Stadtgewühle. Wer nicht bie' Trikolore trug, Sich nicht auf den Mensuren schlug, Hieß schlechthin ein „St'ameler". Politisch war man „gut" gesinnt; Doch war ein jeder Gießer Am Biertisch und bei günst'gem Ein echter Kannegießer. Ob Fortschritt oder National, Das' war den meisten ganz egal Nur Ruh' und Völkerfrieden! Einst wurde in dem Leib'schen Saal Tie deutsche Flott' besprochen. Da ist ein Schneider schmal und kahl Auf die „Tribun" gekrochen: Was glaubt Ihr, daß die deutsche Flott' Uns kostet? Ja, ich glaub bei . Gott, Wohl dreißigtausend Gulden! Da habt Ihr Jungen nun ein Bild' Wie's damals ist gewesen. Ich hoff', Ihr werdet nicht zu wild. Die Stadt ist längst genesen. Es weht ein frischer, neuer Geist, Der gute Zukünft Euch verheißt, In Euren alten Mauern. , e> ■, t F. A. Kehrer. VsVM?schSe§» * T r a g i k o m ö d i e e i n e s S ch u tz m a n n e s. Im „Mühlh. Mnz.", dem amtlichen Organ der Stadt Mühlhausen i. Th., finden wir folgenden Bericht über die Tragikomödie eines Einbruches unter polizeilicher Assistenz: Ein Mitbewohner des von dem Pfarrer Hübner bewohnten Hauses sieht früh gegen zwei Uhr einen Stuhl vor dem unteren Südfenster des Hauses stehen. Erstaunt blickt, er durch das offene Fenster und sieht in der daranstoßenden zweiten Stube einen Menschen den Schreibtisch pbleuchten. Er holt sofort einen Polizeibeamten, und beide be- vbachten, wie der Einbrecher sich an dem unteren Fache des Schreibtisches zu schaffen macht. Anstatt daß der Polizeibeamte sofort durch das offene Fenster steigt und den etwa 6 Meter von ihm entfernt arglos arbeitenden Verbrecher von hinten nieder- chlägt, kommt dem Manne die Furcht an, er weigert sich, einzu- teigcn, indem er vorgibt, „der Kerl könnte ja schießen, er wolle hn beim Herauskommen verhaften", was bei einem Ausweg .nach Garten und Straße ganz ausgeschlossen gewesen wäre. Unter der treuen Wacht des Polizeibeamten durchwühlt der Verbrecher 'eine halbe Stunde lang ungestört alle Fächer und Schubladen, geht in die Kleiderschrankkammer und räumt auch diese aus. Auf eine Frage des' Mitbewohners: „Soll ich denn noch einen Polizisten holen?" hält der tapfere Beamte ihn an der Hand fest und spricht zu ihm: „Das mache ich allein, bleiben Sie nur hier." Als nun der andere den Polizeibeamten nochmals auffordert, vinzusteigen, meint er: „Ja, wenn wir einen tüchtigen Roller hätten." Endlich erblicken sie einen Arbeiter; er wird herbeigeholt, und nun stürmt man hinein; aber durch das Laufen des Arbeiters gestört, sucht der Verbrecher durch die Küche und durch einen Sprung in den Garten das Weite. Anstatt auf demselben Wege den Einbrecher zu verfolgen, läßt der Polizeibeamte sich erst die hintere Tür aufschließen. Durch den weiten Vorsprung des Verbrechers verlief die Verfolgung ergebnislos. — Der biedere Polizeimann verdiente einen Orden. *TieindischeWitwenverbrennung. Die Sitte der Witwenverbrennung in Indien gilt als ein überwundener Standpunkt, nachdem die regierenden Briten mit energischen Maßregeln gegen diesen Unfug, der sich mit einem religiösen Deckmantel umgab, eingeschritten sind. Ganz verschwunden ist sie aber noch picht, und sie scheint vielmehr noch insoweit in den Anschauungen der indischen Eingeborenen fortzuwuchern, daß es noch immer 'einer Frau hochangerechnet wird, wenn sie nach dem Tode ihres Mannes freiwillig aus dem Leben scheidet. Freilich scheint das Sati, wie dieser alte Brauch in Indien genannt wird, wenigstens ändere Formen angenommen zu haben. Mit der feierlichen Verbrennung eines lebendigen Menschen will es nicht mehr recht gehen in einem Land, wo ein europäischer Külturstaat herrscht, aber es gibt neben diesem „heißen" Sati noch ein „kaltes", das von dem Gebrauch des Feuers absieht und sich heimlicherer Mittel bedient, gegen deren Benutzung denn auch Wohl schwer 'etwas zu machen sein wird. Nach einer Mitteilung des Lancet- Korrespondenten aus Kalkutta ist erst ganz kürzlich wieder ein Fall dieser Art vorgekommen, in dem sich eine Frau nach dem Tode ihres MänneI vergiftet hat, nächdÄW sie' etfiä schriftliche Mitteilung für ihren Bruder hinterlassen hatte, worin stand: „Traure nicht um mich, lieber Bruder; ich folge ihm, wie cs mir durch die Lehre meiner Eltern geboten worden ist." Allerdings sind die Weiber in Indien viel verirünftiger als bei uns/ denn sie nehmen in solchen Fällen wenigstens Lysol, sondern das sanft einschläfernde Opium'. Es wird versichert, daß namentlich in Bengalen das Sati durch Gift noch immer viel häufiger ist, als die Behörden wissen und annehmen, und daß es auch noch immer als etwas besonders Ehrenhaftes für eine Witwe geschätzt wird. * Tas Ehe ex amen. Aus New Orleans wird gemeldet: . Den heiratslustigen Amerikanerinnen droht ein fürchterliches Schicksal. Sie sollen künftighin nicht mehr ohne Kontrolle in den Ehestand hineinflirrten; ein hochnotpeinliches Examen sollen sie vorher ablegen und beweisen, daß sie den Pflichten des Mutterberufes auch wirklich gewachsen sind. Und wer von ihnen das zu fordern wagt, das ist kein idealistischer Schwärmer, sondern ein Mann der amerikanischen Wissenschaft, ein offizieller Beamter gar. Dr. C. H. Jrion vom Gesundheitsamt hat in einer seiner Vorlesungen diese Forderung energisch erhoben. 90 von 100 aller Verbrechen in der Welt verschulden die Frauen, sagte Dr. Jrion; und nur dadurch, daß sie so miserabel kochen. Unter hundert Frauen weiß nicht eine ein Kind richtig zu ernähren und 75 Prozent aller Kinder, die unter sünf Jahren sterben, fallen als Opfer von Leiden, die verhindert werden könnten. Und darum sollen sie künftig ins Mutterexamen steigen, die heiratsfähigen Töchter der neuen Welt. Kunst. — Das Augustheft der bekannten Münchener Kunstzeitschrift „D i e Kn n st" (Verlagsanstalt F. Bruckmann, München, Preis vierteljährlich Mk. 6) behandelt die beiden großen internationalen Ausstellungen in Mannheim und die der Münchener Se- zesfion und liefert davon eine Reihe sehr bemerkenswerter Reproduktionen. Neben diesen Aufsätzen erwähnen wir aus dem Inhalte Essays von Ludwig Volkmann über die Kunst als Ausdruck der Zeit und von Hermann Katsch über Werkzeug und Epoche. In dem der angewandten Künst gewidmeten Teil finden wir zunächst eine Würdigung der Arbeiten Bruno Pauls auf der Großen Berliner Kunstausstellung, die die glänzende Befähigung des Künstlers, der ja kürzlich vom Kaiser nach Berlin berufen worden ist, beweisen. Einige kürzere Aufsätze „V o m Münchener Waldfriedhof" von Walther Riezler, „Die Mannheimer .Ausstell un gs gürt en" von Victor Zobel bilden chen übrigen Inhalt des Heftes dieser Zeitschrift. Splitter in Frage». Wenn das Leben, wie wir es kennen, nun bloß ein Teil eines großen Lebens wär'e, was dann? . * Wenn Du in Dein Haus Gottes gehst/ einerlei, ob es die Kirche, oder ein Tempel der 'Kunst, oder ein Tom hoch sich wölbender Bäume ist, gehst du dann dahin mit denk festen Vorsatz, zu beten, oder kommt das Beten, in welcher Weise Du es auch ausüben magst, von selbst? * I , . Wenn Tir jemand den Glauben an etwas raubt, das vor-, her Tein Höchstes war, wie stehst Du dann zu ihm? O- R. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Aflösung des Mischrätsels in Nummer 121: Monade, Menado, Modena. '>ReLaktion:W..Wrttk'o.,-^,DotationsdruÜlmbVrrlaL.berÄ r übllfchenJlniverßtLrs-Buck- und-Eteindruckerei, St. Lange, Gießen.' Wind : s ; 5.