D W Jun Ken unter der Kfche« Roman von M. Proßnitz (M. Nörenberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. (Fortsetzung.) „Dagmar," begann er, die Augen unruhig umherschweisen lassend, „ich habe vorhin der Gräfin den Vorschlag gemacht, ie im Selbstsahrer zu kutschieren. Willst du mit der Herzogin den Landauer nehmen?" Tie Angeredete nickte schweigend Gewährung, aber ihre Augen heischten, offtte daß sie sich dessen bewußt gewesen wäre, eine Erklärung. Das schien der Kammerherr auch zu suhlen, denn er fuhr hastig fort: „Mir scheint, ich bin schon auf dem besten Wege, ^merne Wünsche bei der Gräfin berücksichtigt zu sehen. Sie ist doch keine zu unterschätzende Verbündete!" Dagmar hob warnend die Rechte. „Sieh dich vor, Magnus, daß du dich nicht zu sehr mit ihr liierst!" Er lachte. Es klang unfrei und gezwungen. _ . „Was du dir nicht für Gedanken machst! Höflich mutz cch doch' sein. Gelingt es mir, dadurch meinen Plan zu verwirklichen, so ist mir das natürlich sehr angenehm." — „Ja," antwortete sie hart, „ich soll tolerant fein „Pah," meinte er mit dem plötzlichen Versuch zu scherzen, „das ist ja ein Streit um des Kaisers Bart. Denn im Ernst glaubst du denn doch wohl nicht, mir Vorwürfe machen zu können." t „Im Emst noch nicht. Wohl aber wegen des sprels! „Unsinn, Dagmar," er strich ihr flüchtig über das Haar, „und nun versuche ein wenig zu schlafen, damit du nachher frisch und munter bist!" Er ging eilig in sein Zimmer, dessen Tur er hinter sich ^^Aber je länger Dagmar ihn dort unruhig umhergehen hörte, desto weniger konnte sie sich der beklemmenden Empfindung erwehren, die sich ihrer mehr und mehr bemächtigte. Sie wollte ihn zurückrufen, ihm sagen, daß Uchdorf auch dahin wirken würde, daß der Herzog ihn zum Nachfolger Kliehms machte— aber dann überlegte sie das. Wer wußte, wie Magnus diese Mitteilung aufnehmen würde? Ja, wenn es nicht grade Uchdorf gewesen wäre! Zwar schien ihr Gatte bisher nicht von Eifersucht geplagt zu sein, aber grundlos wie sonst konnte dieses Gefühl jetzt auch urplötzlich wieder Besitz von ihm ergreifen. Und was dann wurde, inochte sie gar nicht ausdenken. So schwankend zwischen b.c Furcht vor Beltlingens Eifer- sucht und dem Mißbehagen über seine Huldigungen der Lmd- ström, kam Dagmar nicht auf das Einfachste — der Herzogin die Wünsche des Kammerherm anzudeuten. . Tie Spazierfahrt war vom herrlichsten Sonnenschein begleitet und schien der Herzogin viel Vergnügen zu bereiten. Geradezu entzückt war sie von dem Anblick des Meeres. Tiefblau lag die leise rauschende See da. Braune rcischep- kuttcr belebten mit ihren hellen, viel geflickten Segeln malerisch die weite Wasserfläche, über welche silberne Wöven pfeilschnell dahinschossen. Kreischend flogen die glänzenden Vogel an dem Pavillon vorbei, wo Veltljngen und die Damen einen leichten Imbiß einiiahnien. Frischgeröstete Toast-Eales und ein Glas Ehampagner bildeten das '„frugale Mahl", wie die Gräfin unter neckcndein Augenaufschlag sagte. Mit ihren kleinen, festen Zähnen zermalmte sie einen Toast nach dem andew, übermütig blitzten iyre Augen den Kammerherrii au. . Mit all der unnahbaren Hoheit, die Dagmar zeitweise, ohne daß sie es wußte, zur Schau trug, teilte sie ihre Ausmerkfam- keit zwischen den beiden Damen. Aber als wieder und wieder das herausfordernde Lachen von den Lippen der Gräfin perlte, wandte sie sich mahnend an ihren Gatten. „Ich glaube, Magnus, es wird Zeit, heimzukehren, wenn wir noch vor Ausbruch der Dunkelheit Heimkommen wollen. Gewiß, mein Herz," stimmte der Kammerherr sehr bereitwillig zu. Wenige Augenblicke später saßen Dagmar und die Herzogin in dem bequemen Wagen. Sorgfältig legte Otlingen seiner Gattin noch ein leichtes Tuch über. „Zum schütz gegen die Kühle des nordischen Klimas," wie er scherzend jagte. Mer er täuschte Dfagmar mit dieser Zärtlichkeit nicht, sce merkte ihm nur zu deutlich die Erregung an. Ihr Herz klopfte unruhig und schwer. Sie krampfte heimlich die Hande zusammen. Was würde auf der Heimfahrt geschehen? . „Magnus," bat sie leise, „komm so schnell wie ncoglich nach." Er sah zur Seite. . 6 Tie Jucker gehen so unruhig, wenn eut Wagen voraus fährt! Ich wollte den Weg durch den Wald nehmen." Sie preßte sekundenlang die Lippen zusammen,aber ihr Adieu Gräfin!" klang so heiter und unbefangen, daß Magnus ihr noch immer erstaunt nachsah, als der Wagen schon eine ganze Strecke fort war. n. , So glückversunken?" rief die spöttische Stimme der Lmd- ströui ihn endlich in die Wirklichkeit zurück. Er sah auf, grade in ihre funkelnden Augen. Verbindlich den Arm bietend, fierte er sie zum Wagen. Sie stützte sich fester als nötig war Em prickelndes Gefühl durchrann Veltlingen. Unwillkürlich straffte sich seine schlafse Gestalt. „Man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist. fuhr es ihr durch den Sinil. Aber zur Vorfupt auf cngliscy — das wird dieser Kutscher schwerlich verstehen. Der Kammer- herr bestätigte ihr das. Ah sie unterhielten sich vortrefflich! Veltlingen war ent- zjtckt ' Tie Gräfin war wirklich eine hervorragende Partnerin. Er süblte sich ihr «allen Ernstes zu ungemessenem Tank verpflichtet weil sie seinen Plan verwirklichen helfen wollte, ^aß er ihr 'dafür bat kleinen Gegendienst zu leisten versuchte, war doch selbstverständlich! Wenngleich er durchaus nicht begriff, warum sie dem reichen Radach zu seinem „von" verhelfen wollte. Nun, einstweilert würde sie ihm wohl ein kleines Cadeau gestatten! 430 — Fredine lächelte verheißungsvoll und lenkte geschickt das Gespräch auf die beiden Jucker. Da wußte Veltlingen Bescheid! — Tte Gräfin verstand wirklich meisterlich die Unterhaltung zu drehen. Ehe der Kammerherr es sich versah, war Uchdorf der Gegenstand ihrer Betrachtungen. Daß der Kammerherr auf den Rittmeister gar nicht mehr eifersüchtig war, setzte sie in Erstaunen. Ein schändlicher Gedanke durchzuckte sie plötzlich. Wie weit wohl ihr Einfluß auf Veltlingen ging? Sie lächelte diabolisch. Ob ihr der Plan gelang? Wenn nicht, so war das auch egal, und wenn er gelang — hah, das würde sie wegen der Gehaßten freuen! — Vorsichtig klopfte sie auf den Busch. Nein, Veltlingen war von einer merkwürdigen, beinah gleichgültigen Ruhe. „Tas freut mich — Ihretwegen!" Es lag etwas unglaublich Aufreizendes in den wenigen Worten. Fredine merkte sofort — — der Hieb saß. „Warum?" Ganz heiser klang seine Stimme vor Erregung. Sie zögerte voll Berechnung einen Augenblick, ehe sie ihm kühl und zurückhaltend Antwort gab. Und das, was sie sagte, machte ihn nur noch toller. In seinem Zorn vergaß er völlig, m welcher unwürdigen Weise er Dagmar verdächtigen ließ. Nicht Eifersucht war es, was er jetzt empfand, sondern Empörung und Zorn, daß sie ihn so geschickt hinter das Licht geführt haben sollte. MU wachsender Besorgnis sah Fredine seine heftige Erregung. „Um Gotteswillen! Das geht doch nicht! Die andern dürfen doch nichts davon merken, bester Baron! Was sollte wohl .«eine Hoheit denken!" Tas Wort half. Gewaltsam nahm Veltlingen sich zusammen. „Ich muß aber noch verschiedenes wissen, Gräfin," sprach er zwischen den Zahnen, während der Wagen in die Hoseinsahrr einbog. Fredine überlegte blitzschnell. Die Geschichte konnte uuan- gcnehin werden! Pfah! Sie vertraute ihrer Geschicklichkeit! — „Ich werde mir nachher in der Galerie die Wappen ansehen," Antwortete sie halblaut. „Gut." KIcrmmerherr parierte die Pferde so plötzlich, daß sie sich beinah auf die Hinterhand setzten. „Herrgott, Uchdorf! Um ein Haar hätte ich Sie überfahren!" Aber der Rittmeister antwortete darauf gar nicht. Ange- itzrengt spähte er durch die Dämmerung nach der Haustür. „Gehört der graue Hund da vorn ins Schloß?" . . Veltlingen erbleichte. Mit einem Ruck warf er dem Kütscher die Zugel zu und stieg, ohne ein Wort der Entschuldigung vorn Wagen. „Wo?" Er trat neben Uchdorf. „Tort an der Haustür. Ist es ein fremder Hund?" „Lchießen Sie!" stieß Veltlingen in wahnsinniger Erregung hervor. Und als der andere sekundenlang zögerte, riß er ihm die Buchse mis der Hand unb legte an — „Halt!" rief der Rittmeister plötzlich. „Es geht jemand lingen!"" ^üusflur. Ta können Sie unmöglich schießen, Belt- In dem gleichen Augenblick drehte der Hund den Kopf. Der Baron meinte ein paar große, glühende Augen auf sich gerichtet zu sehen. Langsam wendete das Tier gleich darauf den Köpf zurück und trottete durch die Haustür. Veltlingen ging, das Gewehr im .Anschlag, hmter her. Unwillkürlich folgte Uchdorf ihni. Er konnte sich das son- °broare Benehmen des Kvmmerherrn nicht erklären. Und wieder vlceb der Hund stehen und sah sich nach seinen Verfolgern um, Uiiü als Re näher kamen, ging er weiter. Das wiederholte sich auf ledem Treppenabsatz. . Kammerherr wagte jetzt nicht zu schießen aus Furcht, einen der Leute zu treffen, die aufgeregt in den langen Fluren umherliesen, denn das elektrische Licht hatte plötzlich versagt. Deutlich sahen sowohl er Ivie Uchdorf trotz der DämUlerring .noch oben iin zweiten Stock den Hund stehen. Wieder drehte er sich um und sah nach ihnen hin. Ta hob Veltlingen entschlossen die Büchse. Gott sei Dank! hier auf der letzten Treppe fonnte er schießen. Er drückte im t versagte. Verwundert setzte er ab. Da sprach Uchdorf plötzlich - erstaunt hinter ihm: „Ter Hund ist weg!" to.. ,®'lt unheimliches Gefühl kroch dem Kammer-Herrn über den Rücken. „^.er Boden hat nur diesen einen Ausgang," stieß er er-? regt hervor. , ^ef er mit lauter Stimme nach Licht. Franz kam endlich mit einer großen Astrallampe. Kreuz und guer leuchtete man den Boden ab. Es war nichts zu finden. Bescheiden fragte der Diener endlich, was die Herren suchten. „Ten grauen Hund," antwortete Veltlingeii scheu, als stände der Lpuk hinter ihm. Franz sah sich ängstlich um. (Fortsetzung folgt.) Kus der ersten WniVerstLäLszslt. Oeffentliche Bekanntmachungen des Prinzen I. Georg von Schleswig-Holstein, Rektors der Universität, aus Anlaß von Ausschreitungen seitens der Studenten. 1609. (Aus dem Lateinischen in deutscher Uebertragung.) I. Es laufen bei uns häufig schwere Klagen ein seitens der städtischen Wächter der Ordnung über mutwillige Ausgelassenheit einzelner akademischer Bürger. Es gebe einige, die zur nächtlichen Stunde mit unmenschlichem Gebrüll und lautem Rufen die Straßen erfüllen und durch den verursachten Lärm die gewünschte Nachtruhe anderer stören. Andere bedrohen die Häuser der Bürger und nehmen sich vor, die Türen der Gebäude einzuschlagen. Andere greifen ohne jede Ursache die Wächter an, schimpfen auf sie, fahren sie mit beleidigenden Worten an, wie: „Taugenichtse, Schurken", werfen heimlich von den Fenstern ihrer Wohnungen Steine auf sie, wobei sie dieselben verletzen und verhindern sie am Ueberschreiten der Straßen. Und wenn auch nur wenige die Schranken der akademischen Ordnung durch ihre verdorbenen Sitten und keineswegs lobenswerte Handlungen durchbrechen, so können wir, wenn wir das wüste Treiben erfahren, es weder empfehlen, noch ruhig und stillschweigend ohne Verletzung unserer Pflicht gutheißen. Wir müssen und wollen vielmehr zur Sicherung unserer geheiligten Ordnung und zur Erhaltung des Friedens und der öffentlichen Ruhe dies mit Strenge ahnden. Daher ermahnen wir alle unter unserer Gerichtsbarkeit stehenden Studenten, daß jeder Einzelne das, was ihn anbe- langt, ruhig verrichte, und, wie die „Schrift" mahnt: ehrbar lebe, keinen verletze und jedem das Seine zuerteile. Daher untersagen wir Euch durch diesen Anschlag strengstens, bei irgend einer Gelegenheit in Zukunft die Nachtwächter anzugreifen, ihnen Schimpfnamen beizulegen, durch Schmähungen aufzureizen, oder was unmenschlich und gefährlich ist, durch Steinwürfe zu verhöhnen noch auf irgend eine Art ihnen Schaden zuzufügen, sondern sie ruhig gewähren zu lassen, damit sie ihres Amtes, das ohnedies schon beschwerlich ist, warten können. Wer dagegen handelt, gegen den haben wir beschlossen, unseren Gesetzen gemäß mit Strenge vorzugehen. Wenn aber einer unbilligerweise, ohne daß er es verdient hätte, von den Wächtern festgenommen wird (was jedoch nicht unter irgend einem Vorwand, wie wir ihnen streng untersagt haben, geschehen soll), so mag er dies auf gesetzlichem Wege uns vortragen, aber nicht selbst aus Lust nach Rache persönlich Boses mit Bösem vergelten. Wir werden Sorge tragen, daß etwaige Rücksichtslosigkeit oder- unüberlegte Hartnäckigkeit von jener Seite unter strenger Beobachtung unsererseits eingeschränkt werde. Außerdem haben die Ganerben im Busecker Tal Beschwerde geführt, daß einige Studenten unserer Universität sich augemaßt haben, das Jagd- und Fischereirecht in dem ihrer Gerichtsbarkeit unterstehenden Gebiet' auszuüben. Wir ermahnen jene zur Vermeidung von Anstoß zu empfindlicher Strafe, daß' sie sich von dieser Ueberschreituug fern zu halten und innerhalb der Gießener Gemarkung zu bewegen haben. Veröffentlicht am 14. Juni 1609. II. Auch in der vergangenen Nacht haben einige wieder gefährlichen Lärm verursacht, die Wachgebäude bestürmt, die Fenster eingeworfen, die Türen eingeschlagen und sich in einer nicht zu ertragenden Ausgelassenheit durch viehisches Gebrüll, Schlagen mit Schwertern und Stoßen mit Lanzen und Stangen geübt. Deren Unbesonnenheit können und wollen wir ohne Verletzung unserer Pflicht weder gutheißen, noch weniger ungestraft hin- gehen lassen. Wir haben beschlösse», mit der größten Strenge gegen die Anstifter solcher Skandale im Betretungsfalle vorzugehen. Wir haben ferner erfahren, daß diese auch für den kom- menden Abend wieder ähnliche Ruhestörmcgen geplant und beschlossen haben, auch die Häuser anderer Bürger in gleicher Weise gewaltsam zu bestürmen. Wir untersagen durch diesen öffentlichen Anschlag strengstens, atwas gewaltsam zu unternehmen, von dem Vorhaben abzustehen, sich zu Hause zu halten, auf Frieden und öffentliche Ruhe bedacht zu fein, sich nicht in Strafe zu bringen oder durch boshaftes Betragen die ganze 431 — Universität zu beschimpfen. Wir werden etwaige widerspenstige Störer der öffentlichen Ruhe von der Gemeinschaft unserer Universität ausschließen und, wie sie es verdient haben, relegieren. Veröffentlicht am 26. Juni 1609. III. Wir haben Euch vor längerer Zeit durch eine öffentliche Bekanntmachung, die von dem ganzen akademischen Senate gutgeheißen wurde, untersagt, die Gärten und Felder der Bürger zu betreten, um dort gegen jedes Recht und Billigkeit Schaden anzurichten. Wir hatten alle gehofft, daß jeder Einzelne nach der Vorschrift unseres Verbotes sich gerichtet hätte. Wir sind aber in unserer Hoffnung getäuscht worden, und wir hören tagtäglich Klagen, daß einzelne in die Weinberge sich schleichen, ja sogar in Gegenwart der Eigentümer, die sie daran verhindern wollen, die Trauben abreißen, die reifen verschlingen, die unreifen wegwerfen und zertreten, mit Trotz die Wächter bedrohen und nichts unterlassen, was an Unverschämtheit grenzt. Was soll diese Ausgelassenheit und dieses freche Benehmen? Diese wenigen veranlassen, daß man über alle Studenten seitens der Bürger schlecht denkt. Damit es nicht scheine, als ließe man es von unserer Seite an der nötigen Pflicht fehlen, so ermahnen wir jeden Einzelnen aufs neue strengstens, irgend welchen Schaden in den Weinbergen anzurichten und die Bürger nicht zu verhindern, in Ruhe und Frieden ihre Früchte zu ernten und zu genießen. Insbesondere wollen wir Euch väterlich gemahnt haben, bei den gefährlichen Zeiten der Ruhrkrankheit doch recht auf Euere Gesundheit Bedacht zu nehmen, damit Ihr nicht selbst durch Verzehren der unreifen Weintrauben und sonstiger unreifer Früchte jene Krankheit hervorruft. Denn nach der Uebereinstimmung aller Aerzte und nach der allgemeinen Erfahrung pflegt der Genuß von unreifen Früchten jene Krankheit hervorzurufen. Lebt wohl und seid, was Euch auch würdig ist, auf Euere Gesundheit bedacht! Veröffentlicht am 8. September 1609. IV. Durch eine frühere fürstliche Verordnung ist bestimmt wor- dcn, daß die Weinschenken um 10 Uhr abends geschlossen werden; nach Schluß derselben soll keinem, außer für Wöchnerinnen und Kranken, Wein verabreicht werden. Ihr wißt ferner, daß es schon des öfteren untersagt worden ist, daß einer nach dieser festgesetzten Zeit nachts in die Wirtshäuser ein- dringt, um von den Wirten in schroffer Weise Wein zu verlangen. Es sind bei uns wiederholt von der Obrigkeit und dem Rat der Stadt Klagen eingelaufen, daß einige unter Mißachtung aller dieser Bestimmungen mit der größten Ausgelassenheit und Frechheit mitten in der Nacht, ja sogar bis zum Hahnenschrei auf die ungestümteste Weise Wein von den Wirten verlangen, und trotz des Verbots nicht nur die Häuser bestürmen, Türen cinschlagen, Fenster einwerfen, sondern auch ein unmenschliches Geschrei erheben, die Wirte herausrufen und unter Schimpstvorten und Verhöhnungen mit viehischem Gebrüll angreifen und sogar ihr Leben bedrohen. Ist dies Euer gesittetes Betragen; ist dies die Treue, wodurch inan sich seiner Behörde verpflichtet hat; ist dies der Gehorsam, den man unseren Bestimmungen und Gesetzen schuldig ist? Wir können und wollen durchaus nicht mehr dieses wüste Treiben ertragen. Deshalb wiederholen wir aufs neue unser früher veröffentlichtes Verbot und empfehlen strengste Nachachtung: „Wenn ein Student nächtlichen Lärm nach Schluß der Wirtschaften vor den Gasthäusern verursacht und die Wirte mit Schimpfworten herausruft, so wird er dies nach Feststellung des Tatbestandes durch Karzerstrafe zu büßen haben." Damit einer nicht Unkenntnis vorschützen kann, so bringen wir dies durch diesen Anschlag zur allgemeinen Kenntnis- nahme. Veröffentlicht am 10. Dezember 1609. * Zwei Universitäts-Gedichte. I. Be grü ßun g s ged i cht vo n M ar c elO li v e au s P ar is auf den Erbprinzen I. Georg von Norwegen, Herzog von Schleswig-Holstein bei Ueberuahme des Rektorats*) an der Gießener Hochschule. (1609.) (In freier, deutscher Uebertragung.) Auf zum Gesang, dem freudig erhebenden! Nehmet die Harfe, triumphiert mit der Leier *) Die Rektoratswürde wurde in den ersten Jahrzehnten der Hochschule oft Priuzen übertragen, die meist in noch sehr jugendlichem Alter standen. Zum Lobe des Rektors, des herrlichen Prinzen! Es jauchzt in den Lüften; es schlägt das Herz mir heut höher. Ein Geschenk des Himmels ist in ihn: uns geworden; Es ist eine Gnade — nur wenige können noch solcher sich rühmen, — Daß ein Prinz will weilen bei uns in den Mauern von Gießen, lieber dessen erhabenen Sinn und Geist nnd Weisheit wir staunen. Erhabener Rektor, Du erlauchtester der Prinzen, Auf 100 Jahre magst bringen Tu Dein Leben. Dein' Ehr' und Ruhm werde getragen vom Norden bis zum Süden, Haltet über ihn stets die Fackel, ihr heiteren Musen! Wer kennt nicht den Wert, die Gerechtigkeit, gepaart mit der Milde Des großen Königs, Deines erhabenen Ahnherrn, Der erfüllt von der Hoheit des Herrschers, Geführt hat einst ruhmvoll das Scepter des dänischen Reiches. Doch andere Scepter sollst führen Du jetzt. Du Erlauchter, an dieser Stätte der Bildung. Tie Zeichen, die Mr verliehen, gebieten den Gelehrten und Weisen. Erfüllt vom edelsten Streben, von weither kommen sie alle, alt wie auch jung, Schüler und Lehrer, um hier zu lernen und lehren. Die Zunge müsse mit kleben am Gaumen, Arif meinen Lippen soll das Wort mir ersterben, Wenn es nicht sei stets ein Lob zum Preis des Erlauchten. Wer könnte und wollte cs wagen, mein schönstes Ziel mir zu rauben? II. Poetische Widmung bei Uebergabe des Rektorats an den Prinzen Joachim Ernst von Holstein, dem Bruder des Vorherigen. (Von Marcel Olive aus Paris 1610). (In freier deutscher Uebertragung.) Fort und fort wirst Tu wachsen an Ruhm und an Ehren, O Tu, mein Gießen, so lange Dich zieren So herrlich erhabene Herren als Rektoren. Der Gütige hat Mr verliehen ein wertvolles Geschenk seines Himmels, Was kannst Schön'res Tu Dir nennen Als einen Prinzen, so edel geboren? Gießen, Du Stadt der Gelehrten, Dir künd' ich glückliche Zukunft Für Deine Schule der Weisheit, So lang' in ihr führt ein weiser Berater das Scepter. Tein Name wird blühen in der Welt von Tag zu Tag noch viel höher; Tein Glanz wird noch steigen hoch zum erhabenen Himmel Durch manch' großen Geist, den Du geboren. Gießen, Trc überaus Glückliche, noch einmal will ich Dir sagen: Niemals werde ich aufhören, Dich schätzen und ehren. Jeder soll dienen. Deinen Ruhm zu vermehren. Tein Ruhm ist fest gegründet für weitere Zeiten; Was Gott liebt ist geliebt über alle Maßen. Es kann nicht werden zerstört; es muß sich dauernd erhalten. Es sproßt neben dem Zweig der heilbringenden Pflanze Ein neuer, um mit ishm vereint zu wachsen un.d zu gedeihen, Wie Zwillingsbrüder der Gleichheit sich dürfen erfreuen. So hat auch Gott Tir beschert aufs neu' einen Prinzen, Begabt mit erhabenen Tugenden der Menschen, Um treu zu hüten Dein Gut, Dir, o Gießen. Gott waltet über Völker und Städte. Vor Bösem sind bewahrt stets die Guten. Sie werden überschüttet mit himmlischen Schätzen. Alles) was sonsten wäre vergänglich auf Erden, Wird treulich bewahret in den Händen der Guten Und bleibet fürwahr unsterblich hienieden. Wie war doch Pollux erfüllt von der Liebe z» Castor, dem Bruder, Daß er freiwillig aufgab den Ruhm eines Unsterblichen/ Um vereint zu lebe» mit ihm auf dem Wohnplatz' der Sterblichen. Auch Tu, o Prinz, hast gerne entsagt der Würde eines Höchsten Und sie gelegt in die Hände des Bruders, des treuen. Nachdem Tir vergönnt, ein Jahr des hohen Aintes zu walten. 432 Verwalte sie jetzt nun, Tu neuer Rektor, die Wurde, Du erlauchter Prinz und Herzog, zum Segen. Hoch lebe Tu hehre Stätte der Musen! Ter große Gott, der do wohnet in den Höhen, den lichten, Ter will ja so gerne erhalten sein Volk hier auf Erden, An seiner sicheren Hand zu großen Ehren es traulich stets führen. Es möge fürder bis in die weitesten Fernen Tas Los unserer Prinzen sich herrlich gestalten, Ter Glanz dieser Stätte der Musen aufs schönste erstrahlen, sich würdig erhalten! Nun will ich noch kurz mein' Wunsch jetzt fassen zusammen: Es leben die Hochschul' und all' ihre Freunde; Tie Neider, die Böses ersinnen, wird Gott bestrafen, verdammen! —6—. Böcklin nnd Goethes Pfalm an die Natur. Von Hofrat Prof. Dr. I. Stzy g o ws k t*) (Schluß.) Das schroffste Gegenteil ist Michelangelo. Er glaubt die Natur im Menschen meistern zu können und ringt verzweifelt mit ihr. Seine titanischen Energien finden keinen natürlichen Halt. So bricht er schließlich ganz mit der Natur, erschafft sich eine Welt von Giganten und sieht nur Gebilde eigener Schöpfung. Die Landschaft ist für ihn, wie für keinen zweiten, abgestorben und tot. Böcklin dagegen findet für die zartesten Gemütsregungen seiner Seele, für traurigen Ernst und heitere Laune ebensogut wie für das furchtbarste Ringen Lösung; alles findet in der Landschaft und den von ihr geborenen Gestalten sein Echo. Eines aber scheint ihm ganz besonders nahe zu liegen, der Ausdruck für Empfindungen, die schon aus der Toteninsel und ihren fünf Wiederholungen sprechen: die Darstellung der Zeit, der ewig gleitenden Stunde. Die Darstellung der Zeit, ihres Kommens und Gehens, ihrer Schrecken und ihres Friedens, im Wechsel von Sturm und Sonnenschein, zugleich das Zeitliche umrahmt vom Ewigen, nie nackt und wahr, das einzelne Ereignis an sich: das scheint ein Kernpunkt des Jnhaltproblems in der bildenden Kunst zu sein, ähnlich wie für das Raurn- vroblem eine Hauptsache das Wecken des Gefühles für den Zusammenhang des dargestellten Ausschnittes mit dem unendlichen Gesamtraum ist. Diese Raumwirkung kommt simultan zustande, die Zeitempfindung sukzessiv. Es gehört große Kunst dazu, das Vorher uud Nachher unaufdringlich, wie mitklingend, anzudeuten. Das uralte Mittel, noch von Paolo Veronese in seinem Raub der Europa und von Velasguez im Besuch des Antonius beim Eremiten Paulus verwendet, die Aufeinander, :lge verschiedener Vorgänge in derselben Landschaft, war und ist längst überwunden. Böcklin versteht, „int Buche der Natur zu lesen", „an ihrem Busen zu liegen",, und was wir sonst an Phrasen für dieselbe Sache haben: in der Natur ein Echo zu finden für das Glauben, Lieben und Hoffen des einsamen Gemütes. Seine Darstellung bleibt, wenn das dem Inhalt entspricht, im Maßstabe des rein Menschlichen. Böcklins Bilder sind Hymnen eines Sehers, der sich selbst in der unendlichen Natur, und diese mit ihrem unbegrenzten Reichtum in der Tiefe des eigenen Gemütes wiederfindet. Wenn er dem Liede des Lebens lauscht, hört und' sieht er immer zugleich sich selbst und das, was ihn umgibt. Aus dieser Einheit entwickeln sich dann feine fesselnden Bilder. Ich kann von Böcklin und diesem Büchlein nicht scheiden, ohne die Künstler aufmerksam zu machen auf ein Fragment von Goethe, „Die Natur". In hohem Alter findet er diesen aphoristischen Aufsatz, in der brieflichen Verlassenschaft der Herzogin Anna Amalie, vor, von einer wohlbekannten Hand geschrieben, deren er sich in den achtziger Jahren, also am Ende seiner Sturm und Drangperiode, in seinen Geschäften 8U bedienen pflegte. Er schreibt darüber an Kanzler b- Müller: „Daß ich diese Betrachtungen verfaßt, kann tch mtch faktisch zwar nicht erinnern, allein sie stimmen mrt den Vorstellungen wohl überein, zu denen sich mein Gerst damals ausgebildet hatte" uff. Bon der Altershöhe herab, steht er in dieser Anschauungsweise die Neigung zu einer Art Pantheismus, indem den Welterscheinungen ein unerforschliches, unbedingtes) humoristisches, sich selbst widersprechendes Wesen zum Grunde gedacht sei. Goethes Sprache in diesen Aphorismen ist die der Psalmen, wie sie auch Nietzsche wieder gebraucht hat. Ich kann mir nicht versagen, dieses fast unbekannte Fragment hier ab- zudrucken. Es nimmt sich aus wie ein Vermächtnis des jungen Goethe an die moderne Kunst. Jeder Satz bedeutet den Namen eines Bildes, so gemalt, daß der dargestellte Gegenstand sich völlig auflöst in dem Stimmungsgehalt der Wvrte Goethes, die darunter zu sehen wären, „ein Spiel, dem es bitterer Ernst ist", wie der Meister sagt. Möchten die modernen Maler nicht verschmähen, durch Böcklin und Goethe geleitet, einen Weg zu betreten, der sie wieder emporführt zur vollen Höhe der Kunst. Dann gewinnen sie, was ihnen so hart abgeht: einen Inhalt, und können ihren Schöpfungen wieder Gegenstände höherer Ordnung unterlegen; auch das Gewöhnlichste kann dazu erhoben werden. Es kommt ganz darauf an, wie ich es ansehe. Ob ich den Eigenwert, der aller Erscheinung innewohnt, achte und liebe und ihn als Teil eines Unendlichen sehe und darstelle, das seine tiefsten Abgründe und lichtesten Höhen in meinem eigenen Gemüte hat, oder den Gegenstand lediglich ztrm Spielball meiner Geschicklichkeit mache. Ob ich in allem den Ausdruck einer höheren, mich durch- glühenden Einsicht finde oder die Dinge in ihrer banal gesehenen Wirklichkeit gebe. Ich schließe mit Carpenter (Demokratie). „Und das Fallen eines Blattes durch die Luft und der Gruß des Vorübergehenden auf der Straße werden dir mehr sein, als die Weisheit aller Bücher je geschrieben — und auch dieses Buches." Kinderfnrcht. Ein Kind ist von Natur nicht furchtsam, es wird erst durch verkehrte Erziehung furchtsam gemacht. Es ist ein ebenso beliebtes als unheilvolles Erziehungsmittel, Kinder, die schreien, die unartig sind, durch Drohungen einzuschüchtern. Will ein Kind nicht zu Bett gehen, will es irgend ein Gericht nicht essen, oder sonst dies oder tenes nicht tun, wird nicht allein von ungebildeten Wärterinnen, sondern auch oft genug von gebildeten Müttern das Gespenst des schwarzen Mannes vor die Kinderstele gestellt. In neuerer Zeit ist es oft der Schutzmann oder der Schornsteinfeger, denen diese Ehrenposten zufallen und womit die kleinen Seelen geängstigt werden. Manche Frauen haben darin eine förmliche Virtuosität, sich umzusehen scheu in eine Ecke zu blicken, und dann aufgeregt zu flüstern: „Ta kommt schon der schwarze Mann!" 'Fängt bann das geängstigte Kind an zu schreien, so bekommt es in den meisten Fällen noch Schelte, und fürchtet es sich, nachdem öfters solche Gespenster Herbeigerufen worden find, allein int dunklen Zimmer zu schlafen, dann klagen die Eltern über Unart oder Nervosität ihres Kindes. Eine der größten Geschmacklosigkeiten aber ist, wenn Mütter die Väter als Schreckensmänner zitieren. „Ich sags dem Vater, ivenn du nicht ruhig bist." Wie oft ertönt dieser Rus, die Mutter macht es sich dabei gar nicht klajr, tote sehr sie die eigene Autorität herabfetzt, und in welch falsches Licht sie das Bild des!Vaters rückt und das Vertrauen der Kinder zum Vater zerstört. Auch die Erscheinung des Weihnachtsmannes' ist oft derartig, daß sie die Kinder in Furcht und Schrecken versetzt, jedenfalls ist 'das Christkind, oder das Weihnachtsengelchen, das' in der Nacht am Fenster vorbeifliegt, für die Nerven der Kinder viel unschädlicher, als der mit großem Gepolter auftretende Wcihitachtsmann. Auf alle Fälle aber sollten Mord- und Gespenstergeschichten ebenso wie der schwarze Mann aus den Kinderstuben verschwinden, nicht grchtsam sollen die Kinder gemacht werden, aber — vorsichtig. o schön das kindliche Zutrauen zu jedem Menschen ist, so müssen doch leider besonders die Großst'adtkinder angehalten iver- den, nie mit einem Fremden zu sprechen oder sich durch Näschereien verlocken zu lassen, mit ihnt zu gehen. Jede Mutter muß bedacht fein, ihre Kinder darin zur Vorsicht zu erziehen. Rätsel. Gerad' zur Zeit, da sich zwei Monde scheiden, Hat einst mein Lieb das Licht der Welt erblickt, Und zur Erinnerung a» jene Beiden Ward ihr ein Name auserwählt geschickt. Denn jene beiden Monde, sie vertraten Zur Taufe just die Stelle eines Paten: Der Erste ganz, ein wenig nur vom Zweiten. Wer weiß nun Liebchens Namen abzuleiten? — W. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nlimmerr Salz — ach, Salzach. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der BrÜbl'scheu Universitäts-Buch- uflb Steindruckerei. R. Lange. Gießen.