1907 8 BBB HW all Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Ho ecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Als Hansemann die Minute darauf mit einem Arm voll Flaschen wieder ins Zimmer zurückkehrte, fand er Walden noch immer vor dem Tisch stehend; er hatte den Aschenbecher in der Hand und betrachtete aufmerksam die darin enthaltenen Zigarettenstumnrel. ,Na, was finden Sic denn an meinem Aschenbecher seltsames?" fragte der sich seiner Last entledigte Rat. „Diese Zigaretten hat vermutlich Herr Wite geraucht?" erkundigte sich Walden, den Aschenbecher auf den Nebcntisch stellend und einen Zigarettenstummel herausfischend und in der Hand behaltend. „Höchstwahrscheinlich, zumal ich die Giftnudeln wie die Sünde hasse und Minchen nicht zu rauchen Pflegt." „Dann bitte, sagen Sie mir, was Sie von diesem Funde halten", meinte der Detektiv. Er zog die eigene Zigarettentasche aus dem Paletot und entnahm ihr einen Zigarettenrest. „Scheint dieselbe Sorte zu sein . . . richtig, hier ist dasselbe Monogramm „A. W." ... es ist eine Wittesche Zigarette." „So vermute auch ich", lautete die lakonische Antwort. „Ich komme soeben von der Tegeler Straße, wo ich mir unsere Droschke eingehend angeschaut habe. Zwischen Fußmatte und Türleiste sand ich diesen Stummel eingeklemmt." „Nanu!" erstaunte sich der Rat. „Ich habe doch heute früh selbst zugeschaut und nichts weiter finden können?" „Das hat mich, offen gestanden, gewundert, denn es bedurfte keines besonderen Spürsinns, um den Stummel zu finden. Wie ich die Fußmatte umwendete, kam er auch schon zum Vorschein." „Was sagte denn Nix dazu? Der war heute vormittag mir behilflich." „Nix war nicht zugegen. Ich hatte mich allein nach der Wagenremise begeben." „Hm, hm!" Hansemann war tiefernst geworden. Er nahm das noch auf dem Tisch liegende Taschentuch und händigte es dem- Detektiv ein. „Kvmmt Ihnen das Tuch bekannt vor?" erkundigte er sich. Walden warf einen flüchtigen Blick darauf. „Es scheint den beiden Tüchern zu ähneln, welche heute beschlagnahmt worden sind." „Stimmt. Das Taschentuch hier aber gehört dem Maler Witte. Er hat es hier liegen lassen." „Wohl möglich, Herr Rat." Das klang so uninteressiert gleichgültig, daß Hansemann erstaunt aufblickte. „Aber mein lieber Walden", ereiferte er sich, „denken Sie 'mal gefälligst nach. Der Maler heißt Andreas Witte. Die Mundstücke in der Droschke, Taschentücher und Zi- Larettenstummel da, gehören ihm!" „Zweifellos die Zigarette — ob auch das Taschentuch, erscheint zweifelhaft." Dabei zog er, ehe sein Vorgesetzter etwas zu erwidern vermochte, sein eigenes Taschentuch hervor und händigte es dem anderen ein. „Donnerwetter!" entfuhr es dem Rat, kaum daß er einen Blick auf das Tuch getan. „Da haben wir ein ganz neues Exemplar derselben Gattung. Was fort denn das heißen?" „Drei weitere befinden sich in meinem Wäscheschrank", erklärte Walden. „Wie Sie sehen, ist das Tuch noch nicht einmal gewaschen. Ich kaufte davon neulich zwei'Dutzend bei Wertheim — da war großer Räumungsausverkauf. Ich hatte ganz das Vorhandensein der Tücher vergessen, bis ich sie heute zufällig in meinem Wäscheschrank entdeckte. Natürlich fiel mir sofort deren Uebereinstimmnng mit den beschlagnahmten Tüchern auf." „Aber das Ding ist auch „A. W." gezeichnet!" „Selbstredend, da ich August Walden heiße." „Verflucht!" Hansemann mußte sich vor jäher Ueberraschung setzen. „Dann sind die Tücher für uns wertlos. Witte will die seinigen von einer Näherin, bei der er bisher gewohnt hat, bezogen haben, wahrscheinlich hat sie für Wertheim gestickt." In Waldens Augen blitzte cs stahlhart auf; doch er begnügte sich mit einem Schulterzucken. „Witte wird sich bequemen müssen, uns sein Midi nachzuweisen; der Zigarettenfund in der Droschke verdächtigt ihn entschieden." „Ich habe ihm bereits auf den Zahn gefühlt — nur andeutungsweise, Sie brauchen nicht zu erschrecken!" beschwichtigte der Rat, als Walden mit lebhafter Geberde einen Schritt znrück- trat. „Der Mann räumte ein, etwa vor 3 Uhr. heute früh sich durch die Tiergartensiraße nach dem Potsdamer Platz begeben zu haben ... als ich ihn fragte, ob er unterwegs etwa einen Betrunkenen aufgehoben und nach einer Droschke gebracht habe, wollte er es nicht Wort haben ... er erschrack aber unverkennbar. Ich gestehe, ich Ivar durch Minuten unschlüssig, ob ich ihm die Tat auf den Kopf zusagen sollte oder nicht . . . kühlere Uebcrlegung ließ mich davon Abstand nehmen. Wir müssen erst Beweise zur Hand haben, die ein derartiges radikales Vorgehen rechtfertigen ... der von Ihnen gefundene Stummel ist freilich ein derartiger schwerwiegender Indizienbeweis. Witte bezieht seine Zigaretten von K'iriazy. Es wird Ihre Sache sein, sich mit der Firma schleunigst in Verbindung zu setzen, um herauszubekommen, an wen alles sie solch-e „A. W."-Zigaretten verkauft hat!" Walden stand nachdenklich. Seine umwölkte Miene bekundete deutlich, daß er mit dem Vorgehen seines Vorgesetzten nicht einverstanden war, dies aber nicht unumwunden zu äußern wagte. Nach kurzem Stillschweigen meinte er: „Der Vogel ist jetzt gewarnt. Er wird uns hoffentlich nicht durch die Lappen gehen." „Keine Furcht, mein Lieber!" entgegnete Hansemann mit überlegenem Lächeln. „Nach meinem ehrlichen Dafürhalten tun wir dem Maler unrecht und die gegen ihn zeugenden Indizien sind eben nur irreführende Scheinbeweise von der Sorte, Ivie sie manch unschuldigen Pechvogel schon um Hals und Kvpf gebracht haben . . . und sollte ich mich täuschen und dieser hochgemute Mensch die Hand trotzdem im Spiele haben, so ist er eine ganze Berbrechernatur, welche die letzte Konsequenz unbedenklich zieh« . er flieht nicht feige und verdächtigt sich dadurch erst recht, sondern er kämpf bis zuletzt." „Wir wollen es wünschen, Herr Rat. Kenne ich diesen Witte auch nur oberflächlich, so halte ich ihn doch zu allem fähig. Mich fließ der Mann von jeher ab." „Das scheint übrigens auf Gegenseitigkeit zu beruhen," scherzte der Rat, um die Sekunde darauf sachlich fortzufahren: „Wir werden selbstverständlich den Mann nicht mehr aus den Augen lassen; sorgen Sie für eine scharfe, unauffällige Beobachtung. Seine Wohnung ist Ihnen bekannt?" und als Walden bejahend nickte, setzte er hinzu: „Gut also, dann setzen Sie sich heute abend noch mit den: zuständigen Polizei-Revier in Verbindung." Bei einem Glase Vier und einer Zigarre sprachen sie noch eine Weile über die gehäuften Geschäfte des kommenden Tages. Dem Rat entging es nicht, wie die Blicke seines Besuchers immer wieder sehnsüchtig zur Tür wanderten, als hofften sie darauf, durch diese jemand eintreten zu sehen. Endlich erhob er sich gutmütig und ging hinaus, um dein unausgesprochenen Wunsche seines Gastes zu willfahren. Als er die Minute darauf allein zurückkam, schien sein Gesicht ziemlich verdutzt. „Werde einer aus den Weibern klug!" knurrte er, indem er dem Detektiv gegenüber sich wieder setzte. „Sagen Sie mal, Sie Unglückswurm, was haben Sie denn mit meiner Tochter vorgehabt, weil die Ihnen so gram ist?" Lebhafte Röte verdunkelte die Wangen des jungen Detektivs; er wich dem forschenden Blicke des Vorgesetzten aus. „Nichts das ich wüßte, Herr Rat!" beteuerte er dann aufrichtig. Dann, nach kurzem Besinnen setzte er stirnrunzelnd hinzu: „Fast vermeine ich, den üblichen Einfluß dieses Herrn Witte zu verspüren. Ich habe Fräulein Hermine gewiß nichts zu Leide getan . . . und doch ist sie schon seit geraumer Zeit so ganz anders, ... sie hat etwas gegen mich, ich fühle es bei jedem Hierherkommen deutlicher . . . und doch weicht sie mir aus, ich komme nicht dazu, sie auch nur nach dem Grunde ihrer Verstimmung fragen zu dürfen ... ich wage kaum mehr mich überhaupt noch bei Ihnen blicken zu lassen." „Sollte nicht grabe Ihr in letzter Zeit allzu häufiges Sichtbarmachen das Mädel verschnupfen?" gab Hansemaui: zu bedenken; doch als ärgere er sich, überhaupt auf ein derartiges Gesprächsthema sich eingelassen za: haben, fuhr er im selben Atemzuge fort: „Mädchenlaunen! darüber unterhalten wir uns zu gegebener Zeit später einmal, heute machen wir Schicht, denn Sie wie ich müssen früh heraus und der morgige Tag heischt von uns einen klaren Kopf!" Walden hatte sich bereits erhoben. Sie traten während des Sprechens aus dem Wohnungskorridor in das bereits dunkel liegende Treppenhaus. „Da ist auch drunten die Haustür schon geschlossen. Ich komme mit Ihnen und schließe Ihnen auf!" entschied der Rat. „Gewiß, ich werde meiner Tochter den Gruß ausrichten ... ich sagte Ihnen ja schon, sie fühlt sich müde, darum kam sie nicht mehr zum Vorschein . . . nun sehen Sie mal, sollten Sie Witte nicht Unrecht tun? . . . warum sollte er Mulchen gegen Sie einnehmen? ... er soll ja heimlich mit Selkenbachs Tochter verlobt sein . . . ja, gelt, nun staunen Sie . . . ich will Ihnen 'lvas sagen, mein lieber Walden", meinte er unter der geöffneten Haustür, dem sich Verabschiedenden herzlich auf die Schulter klopfend, „mit dem Weibsvolk ist's so ’ne Sache .. . denen imponiert dienstliche Tüchtigkeit nicht allein . . . so'n Frauenzimmerchen will sich auch persönlich imponieren lassen — und ich meine, da wären Sie just der richtige Mann dazu. Sie müssen nur wollen und Selbstvertrauen haben — und nun gute Nacht!" Als der Rat ins Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Hermine gerade mit Abräumen des Tisches beschäftigt. Er trat auf sie zu und schlug ihr leicht auf die Schulter. „Nun sage einmal, Du Frauenzimmerchen, warum hast Du Dich nicht sehen lassen? Walden hätte Dir so gerne Gutenacht gesagt. Geh, Du springst recht grausam mit dem armen Kerl um. Hat sich einer über Vernachlässigung zu beklagen, ist ers und nicht Du!" Das Mädchen ging indessen auf feine Anregung nicht ein; sie stand mit ernstem Gesicht, aus welchem jeder Frohsinn gewichen schien. „Was hattest Du Herrn Witte nur alles zu fragen?" erkundigte sie sich. „Das war ungemein peinlich; es klang ioie ein Verhör. Ich saß wie auf glühenden Kohlen und er wurde so verlegen wie ich. Das' war grabe, als hegtest Du irgend einen schlimmen Verdacht wider ihn „Das bildest Du Dir nur ein . . . mich beschäftigt der heutige Fall ... da brauche ich Licht, Auskunft . . . daß ich die hernehme, wo ich sie kriegen kann, braucht Dich doch nicht zu wundem, Minchen . . . nein, fei so gut!" unterbrach er sich. „Den Aschenbecher lasse mir freundlichst stehen." Schleunigst nahm er seiner Tochter die metallene Schale aus der Hand, indem er ihren Inhalt nachprüfte. „Nanu, da sind ja nur noch drei Stummel drinuen . . . hast Du etwa einen Zigarrenrest 'rausgenommen, Minchen?" „Warum nicht gar!" Die Gefragte lachte verwundert auf. „Du willst doch nicht gar eine Stummelsammlung einrichten? Das wäre ja großartig, Papachen." „Laß lieber Deine schlechten Witze unterwegs", brummte Hansemann nervös. Dabei war er im Begriffe, die noch vorhandenen. drei Zigarettenflnulmel sorgsam seiner Brieftasche einzuverleiben, sehr zum Befremden seiner kopfschüttelnd ihn dabei beobachtenden Tochter. Dann begann er eifrig unter dem Tische und auf dem Teppich zu suchen. „Ganz genau weiß ich, daß vier Stummel da waren, ich habe mit Witte darüber gesprochen", ereiferte er sich. Dann sann er nach. „Sollte Walden einen davon mitgenommen haben? Doch nein, das scheint ausgeschlossen. Er stellte den Aschenbecher dort auf den Nebentisch und kam ihm während unserer ganzen Unterhaltung nicht mehr zu nahe. Nur den mitgebrachten Zigarettenstummel steckte er wieder zu sich." „Wovon sprichst Du eigentlich, Papa?" erkundigte sich Hermine unter gesteigertem' Kvpfschütteln. „Bon nichts, was dich anginge!" Das klang ernstlich unwirsch; er sah es selbst ein, zog die Verletzte an sich und streichelte deren Wangen. „War nicht bös gemeint", beschwichtigte er. „Doch die Geschichte mit dem vierten Stummel will mir nicht aus dem Kopf ... ich muß einmal unters Sofa leuchten." „Papa, Herr Witte rauchte doch als er fortging. Ich entsinne mich, seine Zigarette war bereits ziemlich kurz —" „Es waren vier Reste im Aschenbecher!" beharrte der Rat hartnäckig. Doch all sein Suchen blieb umsonst; er mochte das ganze Zimmer wiederholt ableuchten, der vermißte Zigarettenrest kam nicht wieder zum Vorschein. Zehntes Kapitel. Am nächsten Morgen war das X.'sche Geschäft in der Friedrichstraße kaum geöffnet worden, als auch schon Kommissar Thom- men den prunkvollen Juwelierladen betrat. Trotz der frühen Morgenstunde war der Seniorchef der Firma bereits zugegen; er empfing den ihm persönlich gut bekannten Beamten mit freundlichem Händedruck und nötigte ihn nach dem hinter dem Laden befindlichen Privatkabinett. „Wenn Ihr Herren von der Polizei so früh vorsprecht, fo hat das immer seinen Grund", meinte er lächelnd. Da braucht das Ladeupersonal nichts zu hören, nicht wahr?" „Sie haben es erraten", entgegnete Thommen, sich in einem der bequemen Lederstühle zurechtrückeud. „Wir haben da einen schweren Jungen abgefaßt und ihm verschiedene Beutestücke abgesagt, die auch rekognosziert worden sind. Leider hat er ungleich mehr in den Schmelztiegel wandern lassen . . . ioie wir ihm auf die Bude rückten, hatte er gerade noch das Ding hier in der Hand." Damit zog er das ihm am Vorabend von Rat Hansemann behändigte Schmuckfragment hervor. „Es liegt Vevdacht vor, daß der Bursche auch bei Geheimrat Selkeubach eingebrochen ist". — Kommissar Thommen schaute zwingernd den Juwelier an, der erwartungsvoll ihm gegenüber faß — „da Ihr Geschäft das erste in Berlin ist, so meinte ich. Sie müßten auch die Selkenbach'sche Kundschaft haben. Damm komme ich zu Ihnen."' „Die Geheimrätin und ihre Tochter zählen sogar zu den bevorzugtesten Kundinnen", bestätigte der Seniorchef. „Doch ivas haben Sie da? Lassen Sie sehen!" Ein Ausruf der lieber» raschung entrang sich seinen Lippen, als er das Schmnckfragment betrachtete; er nahm eine Lupe zur Hand und beschaute es angelegentlich. „Wie ich mir dachte", fuhr er fort, „das ist ein Brillant vorn reinsten Wasser, vielleicht zwei Karat schwer!" „Der Geheimrütin und ihrer Tochter nach meinem Laienverständnis ebenfalls ziemlich kostbar", versetzte der Kommissar. „Nun hält man bei solchen Herrschaften nicht gern voreilig Nachfrage. Selkenbach weiß vielleicht nicht einmal um seinen Verlust, ist er wirklich von unserem Manu bestohlen worden. Wir können uns aber auch irren und das Ding da stammt gar nicht von einem im Selkenbach'schen Hanse verübten Beutezug. Deshalb dachte ich, am besten ist es, ich gehe vor die rechte Schmiede. Es mag gewagt sein. Ihnen znznrnnten, ans dem winzigen Ding das festzustellen, ob der Schmuck, zu dem das Bruchstück gehört, in Ihrer Werkstatt gefertigt wurde oder nicht." (Fortsetzung folgt.) 627 Königin Mkioüa von England. Aus ihren Briefen und Tagebüchern. Ein Teil der Archive der Königin Viktoria von England ist auf Anordnung des Königs Eduard der Oeffentlichkeit erschlossen worden. Für die Geschichte der reichverzweigten Familie der Königin Viktoria, sowie für die allgemeine politische Geschichte von ganz Europa ist diese Veröffentlichung von hohem Werte. Königin Viktoria verfuhr mit ihren Schriftstücken von Anbeginn in ganz methodischer Weise; sie gewöhnte sich frühzeitig daran, ihre Privatbriefe auszuheben, und nach der Thronbesteigung wurden alle ihre amtlichen Schriftstücke ebenso behandelt und in Bänden geordnet. Der Prinzgemahl richtete ein aus gearbeitetes System sachlicher Zusammenstellung ein und bezeichnete und registrierte viele der Dokumente mit eigener Hand. Das Ergebnis war, daß diese Papiere eine Sammlung von Staatsdokumenten bilden, die wahrscheinlich einzig in der Welt dasteht. Die Papiere, die sich auf das Leben der Königin bis 1861 beziehen, sind in chronologischer Reihenfolge gebunden und umfassen fünf- bis sechshundert Bände. Aus diesen ist eine Auswahl getroffen worden, die nun in zwei Bänden von zusammen etwa. 1400 Druckseiten vorliegt. Wir entnehmen dem Werk zunächst einige Dokumente, die die Person der Königin selbst und ihre Beziehungen zu Deutschland betreffen. * Königin Viktoria, im Mai 1819 als einzige Tochter des Herzogs von Kent, dritten Sohnes Georgs III. und dessen Gemahlin, einer Schwester König Leopolds I. von Belgien, geboren, verlebte ihre Jugend in größter Zurückgezogenheit im Kensington-Palast unter der Obhut ihrer früh verwitweten Mutter, die, im Verein mit der die Erziehung der jungen Prinzessin leitenden Herzogin von Northumberland bestrebt war, vor allem die — wenn man es so bezeichnen kann — hausfraulichen Talente ihrer Tochter zu entwickeln und sie in Unkenntnis über die große Stellung zu erhalten, die sie dereinst einzunehmen bestimmt war. Diese Unkenntnis war tatsächlich eine so vollkommene, daß, als nach deni Tode Georgs IV. und der Thronbesteigung ihres bejahrten Oheims Wilhelm IV. man es für angezeigt hielt, von ihr eine genealogische Tafel des englischen Herrscherhauses entwerfen zu lassen, sie diese Aufstellung mit den Worten übergab: „Ich kann nicht recht sehen, wer nach Onkel Wilhelm kommen soll — es sei denn, dgß ich selbst es wäre!" Am 20. Juni 1837 finden sich im Tagebuch der jungen Prinzessin, die nunmehr Königin ist, folgende Aufzeichnungen: „Ich wurde um 6 Uhr von Mama geweckt, die mir mitteilte, daß der Erzbischof von Canterbury und Lord Conyngham da wären und mich zu sprechen wünschten. Ich stand auf, ging in mein Boudoir (nur mit einem Schlafrock bekleidet) und empfing sie. Lord Conyngham, der Oberhofmarschall, machte mich dann mit der Tatsache bekannt, daß mein armer Onkel, der König, nicht mehr sei, daß er 12 Minuten nach 2 Uhr diesen Morgen verschieden und ich daher Königin sei. Lord Conyngham kniete nieder und küßte meine Hand, indem er mir zugleich die amtliche Anzeige von dem Ableben des armen Königs übergab. — Da es dem Allmächtigen gefallen hat, mich in diese Stellung einzusetzen, werde ich mein äußerstes tun, nm meine Pflicht gegen das Land zu erfüllen. Ich bin noch sehr jung und in vielen Dingen wenn auch nicht in allen Dingen unerfahren, aber ich bin sicher, daß nur wenige mehr wirklichen guten Willen und ernstlicher den Wunsch haben können, das richtige zu tun als ich." Auf dem Heimwege von London, wo er seit den März- teigen als Flüchtling weilte, sendet der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm L, der Königin Viktoria folgenden Dankbrief: Brüssel, 30. Mai 1848. Allergnädigste Cousine! Ich folge dem Antrieb meines Herzens und ergreife, ohne lange damit zu warten, die Feder, um Ihnen meinen wärmsten und tiefgefühlten Dank für die so unendlich huldreiche und liebevolle Weise aus- zudrücken, in welcher Sie und der Prinz*) mir während meines Aufenthaltes in London entgegengekommen sind. Es *) Prinzgemahl Albert. tvar eine traurige Zeit, als ich damals ankäm. Durch den Anteil aber, den Sie an meiner Lage nahmen, allergnädigste Cousine, wurde sie nicht nur erträglich, sondern geradezu in eine verhältnismäßig ehrenvolle und wertgeschätzte umgewandelt. Diese Ihre Huld hat zweifellos zu der Meinungsänderung beigetragen, die zu meinen Gunsten einge- treten ist, und somit verdanke ich Ihnen, dem Prinzen und Ihrer Regierung den glücklichen Ausgang meines Mißgeschickes. So ist es gekommen, daß ich jetzt England nut schwerem Herzen verlassen habe, ohne zu ahnen, was mir die Zukunft bringen wird, denn ich weiß nur, daß ich die kräftigende friedliche Ruhe nötig habe, die mir während meines Aufenthalts in England und durch die gewonnenen Einblicke in seine Institutionen in vollem Maße dargeboten wurde. Indem ich den Prinzen herzlich grüßen lasse, dem ich sobald als möglich schreiben werde, bleibe ich, allergnädigste Cousine, Ihr treuer und dankbarst ergebener Vetter Prinz von Preußen. * Der bevorstehenden Verlobung der Prinzeß Royal Viktoria mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen geschieht zum ersten Male Erwähnung in einem Schreiben des Prinzgemahls Albert an den Earl of Clarendon, datiert: Balmoral, 21. Sept. 1855: .... „Ich will Ihnen streng vertraulich mitteilen, daß Prinz Friedrich Wilhelm uns gestern mit Genehmigung seiner Eltern und des Königs von Preußen seinen Wunsch nach einer Verbindung mit der Prinzeß Royal zu erkennen gegeben hat. Wir haben diesen Antrag, soweit er uns persönlich berührt, angenommen, haben aber gebeten, daß das Kind nicht vor seiner Konfirmation damit bekannt gemacht werden solle, die im nächsten Frühjahr stattfindet, wo er es dann mit ihr selber ausmachen und von ihren eigenen Lippen die Antwort entgegennehmen möge, die nur von Wert ist, wenn sie von der hauptsächlich beteiligten Person ausgeht. Eine Ehe würde nicht möglich sein, ehe die Prinzessin ihr 17. Lebensjahr vollendet hat, was nach zwei Jahren der Fall sein wird. Die Königin ermächtigt mich, Ihnen zu sagen, daß Sie dies Ereignis Lord Palmerston mitteilen möchten, wir bitten aber, daß es unter den obwaltenden Umständen streng geheim bleibe. Was die Welt darüber sagen mag, dem können wir nicht abhelfen." -r- Einen Tag später (22. September) schreibt die Königin selbst darüber an ihren Onkel Leopold L, König der Belgier, der ihr jederzeit Vertrauter und Ratgeber und Freund gewesen ist: „Am Donnerstag, 20., nach dem Frühstück, sagte Fritz Wilhelm, er wolle gerne mit uns über einen Wunsch reden, dessen seine Eltern, wie er wisse, niemals gegen uns Er- wähnung getan hätten, nämlich zu unserer Familie zu gehören. Es sei lange sein Wunsch gewesen, er habe die Zu- stimmung und Billigung nicht nur seiner Eltern, sondern auch des Königs erhalten — und da er Bicky „so allerliebst" finde, könne er nicht länger warten, seinen Antrag zu stellen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, mit welcher Freude wir unsererseits seinen Antrag annahmen. Aber das Kind selber soll nichts davon vor ihrer Konfirmation wissen, die nächste Ostern stattfinden wird: dann wird er wahrscheinlich herüberkommen, da er ihr selber seinen Antrag zu stellen wünscht, den sie — ich habe wenig oder vielmehr keinen Zweifel — freudig annehmen wird. Er ist ein lieber, vortrefflicher, reizender junger Mann, dem wir unser liebes Kind mit vollem Vertrauen geben können. Was uns so sehr an ihm gefällt, ist, daß er wirklich von Vicky entzückt ist." * Am 27. Januar 1859 wird der Königin der erste Enkel, der jetzige Kaiser Wilhelm II., geboren. In einem Schreiben aus dem Buckingham-Palast vom 2. Febr. heißt es darüber: „Liebster gütigster Onkel! . . . Nehmen Sie meinen wärmsten Dank für Ihren lieben Brief vom 28. entgegen. Ich wußte, wie Sie sich über das Wohlbefinden unserer lieben Vicky und die Geburt Unseres ersten Enkels freuen würden. Alles geht aufs beste; Vicky erholt sich ebenso schnell wohl, wie ich früher, und der liebe kleine Knabe nimmt zu UM entwickelt sich . . . Die Freude und das Interesse daran ist hier fast ebenso groß, wie in Preußen, und das sreut mich." 8 Zum vorläufigen Schluß ein amtlicher Bericht des britischen Botschafters Lord Clarendon an die Königin Viktoria 628 — aus Berlin, 5. November 1861, über die Regierungsmaximen König Wilhelms I.: Ihre königliche Hoheit*) ist über die Lage der Dinge hier sehr beunruhigt und, wie Lord Clarendon glaubt**), mit Recht, denn der König hat sich zu einem bestimmten von ihm einzuschlagenden Weg entschlossen. Er sieht in jedem Körnchen Widerstand gegen seinen Willen Demokratie und Revolution. Seine Minister sind reine Bureaugehilfen, die sich damit begnügen, die Verordnungen des Königs niederzuschreiben, und es gibt niemanden, bei dem Seine Majestät Rat suchte, oder der überhaupt fähig wäre oder den moralischen Mut hätte, ihn zu erteilen. Der König wird stets fromm sein Wort halten und niemals die Institutionen, deren Aufrechterhaltung er beschworen hat, beseitigen, sie sind ihm aber so gräulich und stehen so im Widerspruch mit seinen Gewohnheiten und Ansichten und eingewurzelten Anschauungen über die Rechte der Krone, daß Seine Majestät niemals — wenn er es vermeiden kann — die Folgeerscheinungen einer Volksvertretungs-Regierung annehmen oder überhaupt zugeben wird, daß sie eine solche sei. Das ist allgemein bekannt, und in den mittleren Klassen der Bevölkerung bringt es eine ungemütliche und grollende Gesinnung hervor; so wie Lord Clarendon beurteilen kann, liegt keine Gefahr einer Revolution vor, — da die Armee zu stark ist und die Erinnerungen an 1848 zu frisch sind, um Gewalttaten zu erlartben. Lord Clarendon hatte am Sonntag die Ehre einer Audienz beim Könige. Seine Majestät war sehr freundlich und gütig, aber augenscheinlich unwohl und reizbar. Lord Clarendon hielt es daher weder für klug noch nützlich, ihm manches zu sagen, was die Königin gewünscht hatte, daß es der König von Lord Clarendon hören möchte. Er berührte die Sache der konstitutionellen Regierung, und Seine Majestät sagte: „Ich habe geschworen, unsere Institutionen aufrecht zu erhalten, und ich erkläre Ihnen und ich wünsche, daß Sie Ihre Regierung, davon benachrichtigen, daß ich sie aufrecht erhalten will." *) Die Kronprinzessin Viktoria. ** ) Tie Verfasser der amtlichen Berichte an die Königin sprachen von sich selbst in der dritten Person. * Die Kasernenliteratur bespricht Direktor Professor Dr. Erich Liesegang in den Blättern für Volksbiblio- theken und Lesehallen. Wie ihm von militärischer Seite mitgeteilt wurde, überläßt das preußische Kriegsministerium die Sorge für die Kasernenliteratur im allgemeinen den Regimentskommandeuren. Hierbei ist wohl die Anschauung maßgebend, daß der Bildungsstand und die Art des Ersatzes bei den- einzelnen Regimentern so ungleich sind, daß eine einheitliche Regelung sich als undurchführbar erweist. Es gibt indessen viele Militärs, die diese Auffassung beanstanden und geltend machen, daß die Verschiedenheiten im Bildungsstande der Regimenter unseres Volksheeres nicht größer sind als anderswo unter ähnlichen Voraussetzungen mit ihrem so verschiedenartigen Publikum und sehr wohl überwunden werden müßten. Wie dem nun auch sein mag, ohne Zweifel würden gewisse leitende Gedanken und Anregungen, wie sie von einer über reiche geistige Hilfskräfte verfügenden Zentrale leicht gegeben werden könnten, dem Obersten die Sache wesentlich erleichtern. Es wäre zu wünschen, daß der Kriegsminister dieser so unendlich wichtigen Frage gegenüber ein wenig aus seiner Zurückhaltung hervortrete, zumal der Bezug der Schriften gerade für die Soldaten bei Massenanschaffungen und Masseneinbinden sich außerordentlich viel niedriger stellt. Lrter.'«Vischss, — Der „Daheim-Kalender für 1908, der in vornehm-künstleriseher Ausstattung im Verlag von Welhagen u. Klasing, Bielefeld und Leipzig, erschienen ist, hat wiederum einen wesentlichen Ausbau erhalten. Von praktischem Wert ist der darin neu eingeführte Daheim-Ratgeber. Auf unzählige Fragen des Erwerbslebens, der Gesundheitslehre, auf Rechtsfragen, Fragen militärischer, seemännischer, hauswirtschaftlicher, sozialer, literarischer Gebiete, namentlich auf Fragen über die neu erschlossenen Frauenberufe gibt dieser Daheim-Ratgeber Auskunft von Fachleuten. Brieftitulaturen, Desinfektion, Diakonissen, Erste Hilfe bei Unglücksfällen, Bibliothekarinnen, Johanniterinnen, Kindergärtne- rinnen. Junge Mädchen im Ausland, Haftpflicht, Invalidenversicherung, Seekadetten und Schiffsjungen, Mietvertrag, Obstkultur und Hühnerzucht, Schöffengericht, Schwurgericht, Stifte und Heime, Zollvergehen der Touristen — dies und vieles andere findet klare, für die praktischen Bedürfnisse des Lebens wertvolle Behandlung. — Mit Novellen und Erzählungen, illustriert von Paul Hey und Wilhelm Claudius, sind Charlotte Niese, Ida Boy-Ed, Wilhelm Wolters und Luise Koppen vertreten. An Lebensbildern bringt der Band Aufsätze über „Goethes Mutter" von I. Höffner, über „Andreas Hofer" von Hanns von Zobeltitz und über „Wilhelm Raabe" von Dr. E«rl Busse. In zum Teil reich illustrierten Aufsätzen behandelt Dr. Max Osborn das zeitgemäße Thema „Das Kind in der Kunst", Fritz Skowronnek „Auf der Entenjagd", Frida Schanz „Orientalische Stickmuster", Otto Martin bespricht ein Kapitel vom Seefahren: „Seestürme und Seezeichen" u. v. a. m. Das Kalendarium und die technischpraktischen Nachschlageverzeichnisse — Der deutsche Reichstag, Genealogie der Fürstenhäuser, Standeshcrren, Totenschau, Deutsches Maß und Gewicht, Wechselstempel, Post- und Telegraphenwesen, Zeitverglcichung, Münzwesen, Statistische Tabellen über Bevölkerung, Auswanderung, Wieh- stand, Marktpreise, Kriegsflotte, Seeverkehr usw. — sind mustergültig. An Einschaltbildern enthält der schmucke Band vornehm ausgesührte Kunstblätter nach Werken von Belas- quez, Donatello, Van Dyck, Andrea del Sarto, Hermann Kaulbach, Hans von Bartels und Otto Seitz. Aphorismen. Es gibt gar viele Narren in der Welt. Noch größere aber sind die, welche jene bekehren wollen. Tie meisten Mensche», die behaupten, alles je: nur und Trug, betrügen sich selbst am meisten. Ein junges Mädchen läßl sich nicht gern Backfisch tteime», iniö wie gern wäre sie ein Jahrzehnt später ein Backfisch I 0. K. Rätsel. Bald macht ich dich mit Ehrfurcht nennen, Bald füllest du mein Herz mit Grans, Bald als den besten Freund erkennen Muß ich dich in des Lebens Braus. Du bist berühmt in der Geschichte, In den Annalen oit genannt! Stolz saßest einst d» Gerichte, Das Zepter führte deine Hand, lind deine Sprache, deine Sitleit, Trugst du durch alle Lande hin, Wir schaun noch jetzt, wo du gestritten, Die Spuren mit erstauntem Sinn. Dock als du deine Macht verloren, Bist du von Neuem aufgetaucht; Ei» neuer Herrscher ward geboren, Doch gar zu schwärzlich angehaucht. Ich wende mich zum dritten, hellen, Mit seiner bunten Farbenpracht, Aus dem des Frohsinns Sprudel quellen, Die Schönheit mir entgegenlacht. Drum er von diesen großen Namen Am allermeisten mir gefällt; In seinem kunstgeschaffnen Rahmen Er spendet Gutes nur der Welt. Ich liebe ihn. Er gibt das Reine, Er bietet uns das Beste dar; In seiner Gabe goldnem Scheine Winkt mir die Freude hell und klar. A. Ammann. . Auflösung in nächster Nummer.^ Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Eisblum. Redaktion: V. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.