Montag de» 23. September 1907 *a I I ? Z W H IBESffiSsßäasi !-Fb [M S ZILLM MKk Mf der ngenen Spur. Kriminalv"^ an von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 4. Kapitel. In einer der Sezierabteilungen des Erdgeschosses war der Kreisphysikus noch in reger Tätigkeit begriffen und die Erschienenen hatten sich eine kleine Weile zu gedulden- Tann gesellte sich der Arzt mit gefurchter Stirn zu ihnen- „Wir haben es mit einer auf die Einatmung von Chloroform zurückzuführenden gewaltsamen Todesursache zu tun," empfing er den Polizeirat- „Tie ohnehin durch den voraufgegangenen überreichen Alkoholgenuß geschwächte Herztätigkeit erwies »sich als geeigneter Nährboden für die Ausführung des Verbrecherischen Vorhabens-" „Ein Verbrechen liegt also vor? Ter Unbekannte kann nicht einer akuten Alkoholvergiftung erlegen sein?" erkundigte sich Hansemann. „Nicht daran zu denken- Wir haben es zweifellos mit einer absichtlich und mit Vorbedacht ausgeführten Tötung zu tun; sie siel dem Täter umso leichter, als sein Opfer sich in dem Zustande völliger Willensunfreiheit befunden haben mag- Er dürste kaum zum Bewußtsein der an ihm vollzogenen verbrecherischen Prozedur gekommen, sondern hinübergeduselt sein-" Im Sezierraum war der Tote noch auf der Marmorplatte ausgestreckt- Man hatte über ihn, da die Gehilfen des Gerichtsarztes noch am Werke waren, eilig ein nur den Kopf unbedeckt lassendes Laken auggebreitet Nach einem langen forschenden Blicke auf die entsteltten Gesichtszüge erklärte Rokohl im Tone vollster Bestimmtheit, daß er sich nicht irren könne und der Tote mit dem Trunkenen von verwichener Nacht identisch sei- Er deutete auf die breite Narbe am linken oberen Stirnrand. „Die bemerkte ich heute Nacht schon; sie fiel mir gleich aus. Ueberhaupt kam mir die Stimme des Mannes bekannt vor, ich muß sie schon öfter gehört haben- „Ja, Sie sagten es schon, daß er sehr gesprächig war", meinte der Rat- „Er schrie Wien Zahnbrecher- Ter ganze Potsdamer Platz war voll von seinem Geschrei - . . nun entsinne ich mich auch, er sagte n paarmal August, damit muß er wohl seinen Begleiter gemeint haben-" „Nun, nach Ihrer Schilderung dürfte er wohl kaunt einen Menschen zu erkennen imstande gewesen sein", warf Walden ein, dessen Züge beim Erblicken des Toten wieder farblos geworden waren, und dem es augenscheinlich, etwa aus Ekel oder einem anderen Gefühl, nur mit Anstrengung gelang, nach außen hin kalte Selbstbeherrschung zur Schau zu tragen- Betrunken war er, das steht fest", meinte Rokohl zurück, sich bei seiner Antwort an den Rat wendend- Ich sage auch nicht, daß er den Begleiter gemeint hat - . . jedenfalls sprach er von einem August und redete viel davon, er habe das Geld intus und die Sache sei in Richtigkeit - . . mir kam die Sache so vor, Herr Rat, als habe der Trunkene hoch gespielt - .. vielleicht auch mit seinem Freunde falsch gespielt und Tritten! viel Geld abgenommen." Ter Kreisphysikus war vorgetreten und tippte Rokohl Beim! Arme- „Sie sagten, der Mann sei der Stimme nach Ihnen bekannt- Schauen Sie einpral scharf zu, vielleicht kennen Sie ihn nun besser." Dabei tastete er mit der Hand über das Totenantlitz und als er sie wieder entfernte, hatte er den fuchsigen Schnurrbart der Leiche zwischen den Fingern- Alle, der Rat mit eingeschlossen, ließen einen kurzen Ausruf großer lleberraschung hören. „Nanu, was ist das für 'n Künde?" meinte Hansemann frappiert, „trug 'nen falschen Schnurrbart — nein, so 'was!" „Schauen Sie nur, tote geschickt", rief der Arzt- „Mit unsichtbaren Federktammern an den Nasenlöchern befestigt- Nur durch einen Zufall kam ich dahinter, die Täuschung ist zu vollkommen-" Während des Sprechens hatte er versuchsiveise den Schnurrbart wieder auf der Oberlippe des Toten befestigt- Nun nahm er ihn wieder ab und schaute den Schutzmann fragend an- „Wie ist es? Kömmt Ihnen der Mann nun bekannter vor?" Nokohl schüttelte mit dem Kopse- „Was so 'n Bart nicht ausmacht!" meinte er verwundert- „Kaum mehr zum Wiedererkennen. Doch ohne Bart habe ich ihn nie gesehen." „Umso bekannter will mir der Mann erscheinen", äußerte Walden, sich räuspernd- Er to-enbcte sich an den sich aufmerksam ihm zukehrenden Rat- „Ich glaube mich nicht zu irren. Ter Mann war zu Lebzeiten ein gefürchteter internationaler Einbrecher — ein sogenannter schwerer Junge, welcher von den verschiedensten ausländischen Behörden gesucht wird- Wir haben sein Bild mit der Ersuchung um Fahndung schon vor Jahr und Tag fast gleichzeitig von Newhork und London, erst neulich wieder von der Pariser Polizeidircktion zugeschickt erhalten-" Hansemann hatte sich mit dem auf einem Nebentische ausgebreitet liegenden Kleiderbündel des Toten zu tun gemacht; nun blickte er interessiert auf. In Paris dürfte der Mann kürzlich allerdings gewesen sein; wenigstens ist im Frackfutter eine! Pariser Bazarfirma aufgenäht- Da wissen Sie vielleicht auch den Namen des Mannes?" setzte er mit einem erwartungsvollen Blick auf Walden hinzu. Dieser schüttelte verneinend mit dem Köpfe- „Das hat nicht viel auf sich, Herr Rat," meinte er, „ist unser Mann mit dem gesuchten Verbrecher wirklich identisch, so hat er bei Lebzeiten eilt Dutzend Namen geführt- Seine Spezialität war übrigens, erinnere ich mich recht, das Ausrauben von vornehmen Häusern- Besonders gern arbeitete er an Plätzen, wo große Gesellschaften stattfanden- Ta er immer in elegantem Frackanzug auftrat, konnte er, zumal an solchen Orten die Dienerschaft alle Hände voll zu tun hat, unauffällig genug operieren und unverdächtig zu solchen Räumen gelangen, wo er Wertsachen vermutete- Dte etn- gesandtcn Bildkarten sind übrigens dem Verbrecheralbum einver- leibt Ich hatte erst kürzlich Gelegenheit, mich wegen einer von auswärts gelangten Nachfrage mit den Bildnissen zu beschäftigen. Darum sind sie so scharf mir in der Erinnerung geblieben. Ich werde noch heute mich davon überzeugen, ob die Aebnlichkeit wirklich zutrifft-" 562 — „Das tun Sie ungesäumt," entschied Hansemann lebhafter, alZ cs sonst in seiner Art lag. „Fahren Sie sofort nach dem Präsidium zurück und nehmen Sie die Bildkarten an sich- Ich werde inzwischen die Fahrt nach der Tegelerstraße fortsetzen und auf dem Rückweg wieder hier vorsprechen. Richten Sie es ein, daß wir hier uns wieder treffen — noch eins!" rief er dem- eilig sich entfernen Wollenden nach, „es wird gut sein, von deut Toten eine Photographie zu nehmen, so lange die Züge noch lebensähnlich sind-" „Ich werde Auftrag erteilen", gab Walden, der in seinem Eifer, die gewonnene Spur auszunützen, förmlich verging, zwischen Tür und Angel zur Antwort- „Bewahre", fiel der Physikus ein, „das besorgen wir sofort- Ich habe meine große Camera immer zur Hand hier- Ich bürge Ihnen dafür, lieber Rat", wendete er sich an diesen, „schärfere Aufnahmen mit und ohne Schurrbart bringt auch Ihr offizieller Photograph nicht fertig." „Abgemacht", entschied der Rat: er winkte Walden zu- „Dann gehen Sie nur - . . besser noch. Sie machen einen Umweg über die Turmstraße. . Turmstraße. . schon des Begleiters wegen, denn ist der Tote hier zu Lebzeiten ein Verbrecher gewesen, so war's sein Spießgesell natürlich erst recht!" Bald nach dem Fortgang des Detektivs 'brach auch Rat Hansemann auf, um die unterbrochene Fahrt nach der Tegelersiraßc sortzusetzen- Nach der Straße zu erwies sich das Haus in der Tegeler- straße 219 als typische Mietskaserne; fünf Stockwerk hoch, in der Mitte des Erdgeschosses ein geräumiges hohes Einfahrtstor- Der Torweg inündete in einen engen, durch ein ebenso hochragendes Gartenhaus verdunkelten Hof; durch das erstere führte eine weitere Einfahrt, die in einen weiten, freien Hinterhof auslief. Auf diesem standen zahlreiche Fuhrwerke der verschiedensten Art; ein Zeichen dafür, daß der Geschäftsbetrieb des Fuhrherrn eilt aust- gedehnter war- Zu beiden Längsseiten dieses Hauses liefen niedrige, flachgedeckte Stallgebäude und Wagenschuppen. In den Einfahrten und auf dem Vorderhofe, wo eben ein Leiermann seine munteren Weisen erklingen ließ, tummelten sich zahlreiche Kinder- Auch auf dem rückwärtigen Hofe herrschte reges Getriebe. Ta waren eine Anzahl Kutscher mit Ein- und Ausspannen beschäftigt; andere wieder nahmen die dampfenden Pferde in Empfang und führten sie den Ställen zu- Eine Reihe schwerer Lastwagen passierte gerade die Hausflure, davor mächtige, wohlgenährte holsteinische und belgische Arbeitspferde gespannt, welche allein schon die Wohlhabenheit ihres Besitzers zu verbürgen schienen- Dem scharfen Blick des Polizeirats entging nicht, daß der tiefgestreckte Hinterhof sich bis zum nächsten Straßenzuge dehnte und von diesem nur durch einen hohen Bretterzaun geschieden wurde- In dem einen Schuppen nahm er eine Anzahl Droschken wahr- Um diese waren gerade Arbeitsmänner beschäftigt, wuschen die Räder, spritzten den Staub von den Lederteileu, schmierten die Achsen und polierten die Wagenfenster. Sofort lenkte Hanfemann seine Schritte der Aroeitergruppe zu. Prüfend musterte er die verschiedenen Wagennummern. Dabei mußte er sich mit seinen Begleitern durch verschiedene enge Zugänge schlängeln und geriet mehr als einmal in Gefahr, von einenr der sprühenden Wasserschläuche unliebsam benetzt zu werden- Rokohl war diensteifrig einige Schritte vorausgelaufen und hatte die Nummern der einzelnen Droschken ebenfalls aufmerksam gemustert. Nun ließ er einen triumphierenden Ausruf hören und machte den Rat durch eifrige Gebärden auf einen gedeckten Einspänner aufmerksam, der ganz in der Ecke des Schuppens, wie unbeachtet, stand- „Da haben wir die Droschke schon, Herr Rat!" rief er eilt über das andere Mal- „Es stimmt alles — überzeugen Sie sich nur — da haben wir die Nummer 3683 — jawohl das ist der Wägen, ich kenne ihn ganz gen.au wieder-" Dabei wollte er auch schon geschäftig den Wagenschlag öffnen, wurde daran aber von einem hochgewachsenen, schwarzbärtigen Manne, der etwa eilt beginnender Fünfziger sein mochte, doch in seiner kraftstrotzenden und von blühender Gesundheit zeugenden Erscheinung einen bedeutend jüngeren Eindruck machte, verhindert- Helles Befremden sprach aus den ernsten, sympathischen Zügen des umverfehens hinter der Wagenburg aufgetauchten Mannes, der in gewöhnlicher Arbeitstracht, die Hosen in den langschäftigen Stiefeln, eine lange Pfeife im Munde, sich darbot- „Was soll's denn? Was wollen die Herren hier?" fragte er kurz angebunden. „Sind Sie der Fuhrherr Gottlieb Küake?" wendete sich Hansemann, statt einer Antwort an ihn- Der Hüne, lächelte. „Der ist wohl bald ein Vierteljahr- hundert tot- Die Firma lautet noch so. Uebernahm jie von der Wttwe und bin der gegenwärtige Besitzer- Was wünschen dis Herren? Es ist vorn am Tor ein Anschlag, der Unbefugten das Betreten dieses Hofes untersagt." „Polizeirat Hansemann", stellte dieser sich vor- „Ich bennds mich im Dienst und das Verbot geht darum wohlckaum auf mich." Tas ernste Gesicht des Fuhrherrn umwöltte sich noch mehr. „Sehr wohl", stieß er hervor- „Ich weiß zwar nicht, was Sie zu mir führen kann- Wenn die Herren mir indessen nach meinem Kontor folgen wollen." —• Er deutete mit der Hand nach dem Hause und wollte voranschreiten- Hansemann hielt ihn indessen zurück. Wir befinden uns gerade hier am rechten Ort!" meinte er im selben unverbindlichen Tone, denn die geruhige Sicherheit des andern wirkte ausreizend bei ihm. Er deutete auf den Einspänner. Es handelt sich um diese Droschke und deren Kutscher. Dieser ist in verwichener Nacht von dem Schutzmann hier am Potsdamer Platze wegen Fahrkontravention ausgeschrieben worden. Doch das wissen Sie bereits, da Sie ja das Fuhrwerk selbst kutschiert haben." „Ich?" Der Fuhrherr trat einen Schritt zurück. „Sie scherzen wohl? Sehe ich wie ein Droschkenkutscher aus?" Er ließ ein kurzes, trockenes Baßlachen hören. „Das ist der Mann nicht, den ich ausgeschrieben; der war kleiner und schmächtiger, er trug auch keinen schwarzen Voll- bart", ließ sich Rokohl auf einen fragenden Blick des Rats vernehmen. „Sie sagten aber doch, er gab sich für den Fuhrherrn Gottlieb Kuake aus?" „Allerdings, Herr Rat. Da die Inschrift auf dem Tarif stimmte, hatte ich keine Veranlassung, die Angaben des Mannes in Zweitel zu ziehen. Ich wurde zudem beim Aufschreiben unterbrochen. Der Trunkene kam gerade mit seinem Begleiter und da —" „Schon gut!" schnitt ihn Hansemann, der verhindern wollte, daß der Schutzmann mehr ausplauderte, kurz das Wort ab. „Es ist wenigstens die von Ihnen angehaltene Droschke?" „Das kann ich beschwören. Nicht nur die Nummer stimmt. Es ist auch dasselbe rotbraune Polster." Damit wollte er den Schlag öffnen, wurde aber von neuem von dem immer noch den Weg versperrenden Fuhrmann zurückgehalten. „Die Herren sind sicherlich im Irrtum", meinte dieser nun von oben herab. „Die Droschke da wird von einem meiner ältesten Kütseher gefahren, Graßnick heißt der Mann. Er ist schon, seit einigen Tagen krank. Seitdem steht die DrvsckM unbenützt, tote die Herren auch wohl unschwer aus ihrer Verfassung erkennen mögen." Wie der Fuhrherr dabei jedoch den Blick selbst über die Droschke gleiten ließ, verfinsterten sich seine Züge plötzlich und aus diesen sprach grimmiger Unmut. „Da hört aber doch alles auf!" ereiferte er sich, die Hände zusammenschlagend. „Wie sieht der Wagen aus, bespritzt und beschmutzt heda, Sie — Meinecke!" schrie er mit lauter Stimme einen der Arbeiter an. „Kommen Sie 'mal sofort hierher!" „Herr Eilenburg!" beeilte sich der Angerufene zu erwidern, indem er schleunigst herbeikam. „Ja so, Nummer 3683?" Er kraute sich verlegen hinter dem Ohr. „Darum habe ich Sie auch fragen wollen, Herr Eilenburg. Wir haben die'Droschke doch gereinigt, als Graßnick krank wurde — das ist beinahe schon eine Woche her. Wie ich heute morgen zur Arbeit kam, fand ich sie dort auf dem Hofe." Er deutete nach einem int Bretterzaun befindlichen Schiebetor, welches den Durchlaß zur rückwärtigen Straßenflucht bildete. „Ja, es ist so, Herr Eilenburg", bestätigte er, als er dem ungläubig fragenden Blicks seines Dienstherrn begegnete. „Ich hab' es nur noch nicht sagen wollen. Mer ich habe schon manchmal Kutscherfuhrtverk dort neben dem Tor gefunden — und immer schmutzig . . . heute morgen gar, da Mißte ich kaum, was denken. Der Ali aus dem zweiten Stall — Sie wissen ja, Herr Eilenburg, eins von den ausrangierten Chargepferden, die wir voriges Jahr vom dritten Trainbataillon gekauft haben, stand ganz schweißig vor der Krippe, als sei er die ganze Nacht unterwegs gewesen." Verständnislos schüttelte der Fuhrherr mit dem Kopfe. „Das! begreife ein anderer", äußerte er, um sofort in hellem Unmut hinzuzusetzen: „Das ist ja eine heillose Wirtschaft! Wer in Deubelsnamen hat sich unterstanden ohne mein Vorwissen die Droschke zu fahren?" „Von uns war's niemand, Herr Eilenburg, das können Sie sicher glauben . . . die Mester hätten uns ja in Stücke gerissen . , , da wagt sich keiner nich ’rntt!" meinte Meinecke treuherzig. (Fortsetzung folgt.) 563 — Are Kryattuvg des Aorfts. Vortrag, "gehalten auf der 2. Jahresversammlung des Bundes Heimatschutz von Robert Mielke (Nachdruck verboten.), (Schluß.) Wie eine solche Bauordnung auszusehen habe, mögen die Grundzüge darlegen, die im Folgenden entwickelt sind. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hinzugefügt, daß diese keineswegs eine Norm für alle Fälle sein sollen. Eine Dors-und Flurordnung wird stets von den besonderen Verhältnissen eines jeden Ortes ausgehen müssen; sie wird ebenso manches missen können, wie sie Ergänzungen vorsehen muß. Als ein Entwurf, der für möglichst viele Fälle gedacht ist, sieht die nachfolgende Aufstellung natürlich etwas reich aus; es ist aber kaum zu befürchten, daß fie wörtlich Anwendung finde. Allgemeines. Die Grundlage eines dörflichen Ortsbildes ist gegeben in der natürlichen Gestaltung des Bodens und in den geschichtlichen Vorgängen, welche die Gehöfte als geschlossene oder zerstreut liegende Siede- lung haben entstehen lassen, welche aber die Feldflur selbst durch die wirtschaftliche Bearbeitung entweder als Acker- oder Weideland besonders gestaltet haben. Je deutlicher diese Anlagen hervortreten, um so einheitlicher und künstlerischer wird das Ortsbild wirken. Was die Natur auf wirtschaftlich nicht nutzbaren Stellen an Baum, Strauch und Buschwerk hervorbringt, soll ohne zwingenden Grund nicht vernichtet werden. Wenn neue Wirtschaftsvorgänge wie die Umwandlung in ein Jndustriedorf oder in einen Kurort das natürlich und geschichtlich gewordene Ortsbild verändern, sind die neuen Anlagen nach Möglichkeit als selbständige Baugruppen anzulegen und für ihre voraussichtliche Entwicklung besondere Lagepläne mit den Bauparzellen, den Wegen und geeigneten Bauvorschriften vorzusehen. — Hügel, Felsen, Seen, Flußläuse, Teiche und Wald sind als wichtige natürliche Bestandteile zu betrachten. Veränderungen, welche das Landschaftsbild wesentlich umgestalten würden, dürfen nur mit Einwilligung des Gemeindevorstandes und im Einverständnis mit dem Kreisausschuß vorgenommen werden. Dieser oder eine andere entsprechende Vertretung kann die Vornahme solcher Arbeiten untersagen, wenn sie dem Landschaftsbilde einen wesentlichen Zug nehmen würden. Gegen eine Behinderung kann der Eigentümer oder die Ortsgemeinde die Entscheidung des obersten Regierungsvertreters anrufen, der seine Zustimmung oder Ablehnung nach dem Gutachten eines von der Provinz bestellten Ausschusses erteilt. Ist die Unterhaltung des alten Zustandes mit erheblichen Opfern oder einer nachweisbaren Einbuße an Ertragfähigkeit verknüpft, dann kann der Eigentümer aus Schadloshaltung aus öffentlichen Mitteln, bezw. Enteignung antragen. Seen und Wasserläuse dürfen nicht verändert, verlegt oder überbaut werden. Soweit eine solche Veränderung durch das öffentliche Interesse geboten erscheint, ist sie im Zusammenwirken mit den anderen Anliegeorten nach allgemeinen Voraussetzungen — einzuleiten. Hecken, überhängende Bäume und Wasserpflanzen sollen nur im öffentlichen Interesse entfernt werden. Ebenso können Unebenheiten des Terrains nur mit Einwilligung der Ortsbehörden ausgeglichen werden. Auf Einspruch eine Bewohners hin tritt dasselbe Verfahren wie bei einer beabsichtigten Veränderung des Ortsbildes ein. Sand- und Tongruben und andere für die wirtschaftliche Ausnutzung bestimmte Gebiete sind bei der Aufstellung des Flurplanes im voraus sestzulegen und Aenderungen diesem nachzutragen. Alle alten, durch Erscheinung oder geschichtliche und sagenhafte Berichte bekannten Bäume und andere Naturbildungen sind in den Flurplan einzuzeichnen. Bebauungsplan. Als Ausgang für etwaige Neubauten ist die Lage solcher Höfe anzusehen, die eine der bekannten Dorfformen bilden (Runddorf, Straßendorf, Haufendorf, Einzelhof oder geschlossene Siedelung). Neuanlagen dürfen dieses charakteristische Ortbild nicht eher ändern, als bis die Mehrzahl der Gehöfte nicht mehr landwirtschaftlichen Betrieben dient. Gehöfte, welche nicht den im Dorfe üblichen Zwecken angepaßt sind, wie Gasthöfe, Villen, Schulbauten, Häuser für gewerbliche Betriebe können den ortsüblichen Hofcharakter aufgeben; doch dürfen sie in ihrer Höhen- und Breitenentwicklung nicht das Bild der Ortschaft beeinträchtigen. Sind solche von größerer Ausdehnung nötig, dann sind sie als geschlossene Baugruppen neben der alten Siedelung zuzulassen. Fabriken sollen nach Möglichkeit in größerer Entfernung und nach besonderem Grundplan angelegt werden. Das Gehöft. Die auf den Höfen zu errichtenden Bauwerke müssen sich in Form und Größe dem Ortstypus anschließen, wenn sie auch im einzelnen nach neuzeitlichen Bedürfnissen anders gestaltet sind. Als zulässige Baustoffe gelten zunächst die im Dorse bei den älteren Gebäuden üblichen; neuere sind nicht ausgeschlossen; doch dürfen sie den Gesamteindruck nicht vernichten, wie u. a. ein Berblendsteinbau innerhalb einer Siedelung von Putzbauten. Minderwertige Surrogate, wie Dachpappe und Blechverkleidungen, auffallende Anstriche oder herausfordernde Stoffe (glasierte Ziegel u. ft.) können unter Umständen von der Benutzung ausgeschlossen werden. Wenn Hausgärten üblich sind, dann dürfen sie auch bei Neubauten gefordert werden. Zäune sind aus Holz oder Stein —\ je nach dem Ortsbilde — herzustellen, eiserne zu verbieten. Wege. Die Wege sind je nach den örtlichen Verhältnissen als befestigte oder unbefestigte zu unterscheiden. Das alte Straßensystem ist nach Möglichkeit — auch in der Feldflur — beizubehalten. Bei neu anzulegenden Wegen ist den Eigentümlichkeiten des Geländes, den bestehenden Wegen und den Eigentumsgrenzen Rechnung zu tragen. Befestigte Wege müssen in der ortsüblichen Weise als maca- damisierte, Pflaster-, Klinker- oder andere Wege angelegt werden. Innerhalb der Ortschaft soll die Befestigung in der Regel auf den Fahrdamm beschränkt bleiben oder wenigstens der Fußweg sich deutlich von der Fahrstraße unterscheiden. Bei Wegesteinen, Prellblöcken, Wegweisern, Zählsteinen usw. sind unaufdringliche Form und ein naheliegendes Material wünschenswert. Reklametafeln sind sowohl im Dorfe wie in der Feldflur verboten; bei Firmenschilder Ortsansässiger ist eine vorgeschriebene Größe nicht zu überschreiten; sie sind — wenn irgend möglich —i an der Hauswand oder Tür anzubringen. Die Dorfau darf nicht bebaut werden; dagegen sind die vorhandenen Rasenflächen, Hecken und Bäume zu erhalten und gegebenenfalls zu ergänzen. Bei öffentlichen Gedenkzeichen, Kreuzen, Kapellen usw. sind industriell hergestellte Massenwaren zu vermeiden. Bei Wegekreuzungen ist empfehlenswert, sie durch Baumanpflanzungen hervorzuheben und etwaige Ruhebänke ans Holz herzustellen. Nicht wünschenswert sind regelmäßige Rasenflächen und ihre Abgitterungen. Für die größeren Verbindungswege, Eisenbahndämme und schiffbaren Ströme sind besondere Ausführungsbestimmungen erstrebenswert, die auf die örtlichen Verhältnisse Rücksicht nehmen. Es sei nochmals hervorgehoben, daß der voranstehende Entwurf nur cum grano salis zu verstehen ist, daß in jedem Einzelfalle die örtlichen Verhältnisse ausschlaggebend bleiben müssen. Zunächst ist nicht die Abfassung einer bestimmten Dorfbauordnung die Hauptsache, sondern das Bewußtsein ihrer Notwendigkeit. Ist diese einmal all- genteilt anerkannt, dann wird sich nicht nur für größere Gebiete eine einheitliche Grundlage finden, sondern es wird durch sie auch eine äußere Gleichstellung des Dorfes, das feine charakteristische Form gesetzlich anerkannt findet, mit der städtischen Siedelung herbeigeführt. Wenn man unseren deutschen Bauern künstlerische Empfindungen abspricht — viele Enthusiasten der modernen Grohstadtkultur tun es ja grundsätzlich ! — so ist dies nur insofern begrün- 664 bet, als viele von ihnen den Sinn für Zweckmäßigkeit und Heimfreudigkeit in den letzten 80 Jahren dank unserer Kul- turzerfahrenheit verloren haben. Freilich wird ein gesund empfindender Bauer für Parks, Wasserkünste und Statuen nur bedingt Sinn haben; sein Empfinden ist zu kräftig und aus der Natur herausgewachsen, als° daß er seinen und aus der Natur herausgewachsen, als daß er seine ländliche Umgebung durch diese städtischen Errungenschaften verschönern möchte. Das ganze Geheimnis der bäuerlichen Kultur beruht schließlich darauf, daß der Landmann die Natur nur soweit einschränkte und umformte, wie es sich mit seinen wirtschaftlichen Grundlagen einte. Lasse man nur die Natur gewähren und halte fern, was als lieber« fluß aus der Stadt aufs Land gedrungen ist, dann werden wir auch wieder malerische Dörfer und mit steigender Wohlfahrt auch zufriedene und mit Recht stolze Landleute haben. (X.) Das Frauenkreuz b ei Kinzenbach. Einer unserer Leser aus dem Biebertal schreibt uns: Wenn man dem einsamen Waldweg nachgeht, der von Rodheim über die Höhe nach Waldgirmes-Wetzlar führt, so kommt man an einen Stein, welcher den Namen „Frauenkreuz" trägt. Der Stein steht genau auf der Grenze wo die Waldungen Rodheim, Heuchelheim und Kinzenbach Zusammentreffen und trägt die Bezeichnung — N. W. 1771 Frauen f. — Er steht vermutlich an Stelle eines älteren Kreuzes, das hier gestanden haben muß, und dessen Errichtung folgenden Anlaß gehabt haben soll. Auf der Burg zu Nassau-Weilburg wohnte einst der reiche Graf Otto mit seiner Gemahlin Jutta, denen nichts am Erdeuglück zu fehlen schien. Lästerzungen aber trugen dem Grafen allerlei Reden von der Untreue feiner Gattin zu und der Graf lieh den Verleumdern sein Ohr. Ein versprochener Besuch bei einem befreundeten Nachbar int oberen Lahntal führte Graf und Gräfin allein diesen Waldweg, während die Diener dem Wunsche des Grafen gemäß, in einiger Entfernung folgten. Schweigend schreitet Graf Otto neben seiner Gemahlin. Dichter schließen sich die Bäume, öder und düsterer wird der Waldpfad. Jutta wagt nicht, das Schweigen ihres Gemahls zu unterbrechen. Plötzlich bleibt dieser stehen, herrscht sie an und spricht: „Du kannst Dir eine Gnade verdienen, wenn Tu mir gestehst, wie schändlich Du mir die Treue brachst!" Mit diesen Worten setzte er den Dolch auf die Brust der Ahnungslosen. Bleich vor Entsetzen schweigt sie im Bewußtsein ihrer Unschuld. Ter argwöhnische Graf aber stößt ihr den Dolch ins Herz. Ein schwacher Schrei, ein milder Blick nach dem Mörder und ihr Leben ist davon. Durch höhere Schickung wird Juttas Unschuld offenbar. In Trauer und Schmerz verzehrt sich der Witwer. Durch Buße und Reue hofft er Beruhigung zu finden. Er pflanzt das heilige Zeichen des Kreuzes an der Stelle, wo seine Gemahlin ihr Leben aushauchte. Tann pilgert er im Büßer- gewand nach dem heiligen Grabe. In Weltentsagung brachte er sein Leben dahin, bis der Tod ihm Ruhe gewährte. .Tie Stelle, wo die Leidenschaft ihr blutiges Opfer forderte, heißt §ur Erinnerung an jene sagenhafte Begebenheit das „Frauenkreuz". * Aus den Memoiren eines Musikers. In den „Süddeutsch. Monatsheften" veröffentlichte Robert von Hornstein seine Memoiren. Sie sind reich an Anekdoten über große und kleine Geister, über tote und noch lebende Koryphäen der Literatur und Kunst. Alls der Züricher Zeit erzählt Hornstein: „Von Schopenhauer wurde noch viel und oft gesprochen. Für den Philosophen hatte Wagner noch immer das gleiche Interesse. Ich bestellte bei unserer ersten Begegnung Schopenhauers Grüße, hütete mich aber, seine Aussprüche über Wagners Musik und seine soziale Stellung als Flüchtling ihm zur K'enntitis zu bringen. Er mußte aber in der Zwischenzeit von anderer Seite Wind bekommen haben. Wahrscheinlich von einem Züricher Demokraten, den Schopenhauer ziemlich schlecht bei einem Besuch in Frankfurt behandelt hatte. Kaum hatte ich die Grüße ausgerichtet, fiel er mir ins Wort: „Ich habe seitdem ein Bild von ihm gesehen, er sieht ja aus wie eine wilde Katze." Die Begeisterung für den Menschen hatte nachgelassen. Ich konnte das noch öfter bemerken. In der Beziehung sind die Herren alle kitzlig. Es ging ihm tote Hebbel. Der kam voller Enthusiasmus zu Schopenhauer nach Frankfurt. Er war gewiß, als kongenialer Dichter empfangen zu werden. Wie ein begossener Pudel stand er da, als Schopenhauer ihn fragte, was er denn schon geschrieben habe! Hebbel kam nach Wien mit der Ueberzeugung zurück, Schopenhauer sei doch kein so großer Philosoph, tote er geglaubt habe. Nach München brachte Hornstein Empfehlungskarten von Wilhelm Hertz an Hermann Lingg, Geibel und Heyse mit. „Den Hochdonnerer, tote wir Geibel nannten", so erzählt er, „traf ich gerade in Gesellschaft Paul Heyses." Letzterer hatte soeben erzählt, daß sich Baron S ch a ck sehr unglücklich fühle, weil er Schopenhauer gelesen habe. „Warum liest der Esel so etwas", fuhr Geibel polternd dazwischen. *Die BakterienderEisenbahnfahrkarten. Man erzählt von einem Arzte, der auf einer Reise zehn Bahnfahrkarten sammelte und sie mit Substrat übergoß, in dem bald die verschiedensten Bakterien sich zeigten, Streptokokken, Staphylokokken, Pneumokokken und noch andere Kokken. Der Mann der Wissenschaft impfte zehn weißen Mäusen und fünf Ratten die so gewonnene Bazillenkultur ein, und siehe da, von den Mäusen blieben nur zwei am Leben und alle fünf Ratten unterlagen. Daraus schließt man, daß die Fahrkarten so gut wie die Banknoten und die Bücher der Leihbibliotheken allerlei erdenkliche Krankheiten ins Haus bringen können. * Eine staatliche Heiratsagentur. In Siam, dem Lande, von dem infolge der Europareise seines Königs jetzt so viel gesprochen wird, gibt es eine Einrichtung, die ohne Gleichen ist; nämlich eine staatlich organisierte Heiratsagentur. Dort kann jede Frau, die ein gewisses Alter erreicht, ohne einen Mann gesunden zu haben, auf Wunsch in die Zahl der „königlichen Prinzessinnen"' eingetragen werden. Das bedeutet mit anderen Worten, daß sie von nun ab unter den Schutz des Königs gestellt ist, der sich mit der Ausgabe besaßt, einen Mann für sie zu finden. Die Siamesen, die irgend ein Vergehen begangen haben, werden veranlaßt, sich -aus der Reihe dieser amtlichen Heiratskandidatinnen eine Lebensgefährtin zu suchen. Ist ihr Vergehen leicht, so behalten sie das Recht der freien Wahl, haben sie aber ein schweres Vergehen sich zu schulden kommen lassen, so wird ihnen einfach „auf administrativem Wege" eine Fratt zugewiesen, und so kann in Siam jede Frau, und sei sie noch so wenig anziehend, sicher sein, einen Mann zu finden. — Ein Gegenstück zu dieser Einrichtung übrigens darf man die in Bengalen herrschende Sitte nennen, daß die Mädchen unmittelbar nach ihrer Geburt herheiratet werden. Die Folge ist, daß es dort zahlreiche weibliche Personen gibt, die. Witwen sind, ohne je Frauen gewesen zu sein. Bilderrätsel. Auslösung in nächster Nummer. , BBB { BB __'•7/1/1 Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer: Jagd — Gnkel — Mnnb — A(ba — Rase — Riger—Mlster — 8and — Lunst — Mchel — Faul — Laub — Lsche — Babe; Johannes Kepler. Redaktion: P« Witiko. — Rotationsdruck und Werlau der B rü hl 'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R.,Lange, Gießeu.1