to 's s SSS ///ÄÄ Avs der u'genen Spur. Kriminalroman von Otto H o e ck e r- (Nachdruck verboten.) i Fortsetzung, i „So mag der Präsident selbst entscheiden, vor den wir morgen zusammen hintreten werden!" sagte der Rat fast feierlich. „Ms dahin nehme ichs auf meine Kappe ... und haben Sie nnch trotzdeni belogen, dann ekelt mich vor meinem Amt und dann mögen sie mich zum Teufel jagen! Die Hand her! ^ch glaube Ihnen, damit basta! Was Sie angerichtet, werden Sre aus- löffcln müssen ... es war verd . . . gewagt und ich weiß nicht, wies der Präsident auffaßt. Zum Glück ist kein Schaden weiter daraus erwachsen. Doch darüber unterhalten wir uns noch spater. Jetzt wollen wir. dienstlich sprechen, wenns beliebt. Sw haben in den Aurorasälen zu schaffen, ich schließe mich ^hnen an. Haben Sie Ihren Revolver bei sich?" „Den trage ich immer bei mir, Herr Rat. Gut so. Ich will so'n Ding auch auf alle Fälle berstecken. Nun" noch eins. Der Besitz größerer Geldmittel macht den Kundt unter allen Umständen verdächtig. Wir wollen ferne Spur aufnehmen und ihn womöglich in seiner Wohnung zu verhaften suchen Ta er mich genau kennt, wird das Ihre Aufgabe sem. Ich werde mir den jungen Menschen, den Eilenburg, oor- knöpfen Notabene, wenn wir die Burschen noch beieinander finden . . . und nun voran. Es geht auf Mitternacht und wir haben noch eine ganze Reisetasche voll zu tun!" , In wortloser Bewegung schlug Walden in die dargebotenc Hand ein. Erst nach einer Weile vermochte er sich zu sammeln: Sie sollen Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt haben — und die Wahrheit muß an den Tag," setzte er rn wilder Energie hinzu, „und sollte es mein Leben rosten! Der Rat hatte alle Mühe, sich der stürmischen Umarmung seiner Tochter zu erwehren. „So'n verrücktes Huhn!" knurrte er anscheinend ärgerlich. „Was ist denn da groß dabei? , werde doch hinter dir nicht zurückstehen, Wenns gilt, einem Menschen aus der Patsche zu helfen — wir kennen ihn ja schon seit Jahr und Tag — und nun voran!" Die Blicke der jungen Leute brannten ineinander und ihre Spänbe fcuibcn fid). tut mir ift, Fräulein Vermute, fofi herhalten, um die Wahrheit an den Tag zu bringen", flüsterte ihr Walden zu. „Das bin ich Ihnen und mir imd — unserem Glücke schuldig! Vielen herzlichen Dank und Gutenacht, Fräulein $0 ewtine \u Damit wendete er sich und ging hinter seinem Vorgesetzten eilig aus dem Zimmer. 16. Kapitel. Nächtliche Schießerei und Verhaftung in einem Ballokal. „Wie wir soeben erfahren, spielte sich in der ersten heutigen Morgenstunde in den Aurorasälen, einem bekannten hiesigen Ballokal und Tummelplatz der „Welt, in welcher man sich mcht langweilt", ein hochsensationeller Auftritt ab, dessen mutmaßliche Folgen sich znr Stunde nicht Voraussagen lassen, immerhin aber verhängnisvoll genug für mehrere in die Affäre verwickelte Personen sein dürften. Zu den Habitues des genannten Lokals zählt ein Privatier Kundt, eine jener dunklen Großstadtexistenzen, welche immer elegant auftreten, sich in den besten Kreisen bewegen, und von denen doch niemand weiß, woher sie eigentlich die Mittel zu einer solchen Lebensführung nehmen. Wie so viele seinesgleichen soll auch K. schon wiederholt mit den auf der Nachtseite einer Riesenstadt unvermeidlichen Highlife-Piraten eng liiert gewesen sein; man will von ihm wissen, daß er anrüchige Häuser geleitet oder diesen Opfer zugeschleppt habe; er soll einem Ring berüchtigter Schauspieler angehören, auch vor der Begehung eines Gelegenheitsverbrechens nicht znrückgeschreckt sein. Auch mit dem alle Gemüter lebhaft beschäftigenden, seiner Lösung noch harrenden Mord in der Droschke (an anderer Stelle berichten wir über eine im Laufe des gestrigen Tages bewirkte hochsensationelle Verhaftung) bringt man jetzt seinen. Namen in Verbindung. Wie dem auch sein mag; jedenfalls konnte K. bisher noch niemals einer gesetzwidrigen Tat überführt werden; so oft man auch polizeilicherseits gegen ihn vorgcgangen ist. Kur znach Mitternacht wollte K. heute früh in Begleitung einer „Schönen" die Anrorasäle verlassen, als er von einem höheren Polizeibeamten, man spricht sogar von Polizeirat H., dem Leiter unserer Kriminalabteilung, angesprochen wurde. War es nun böses Gewissen, und die Furcht vor drohender Verhaftung, was K. seine sonstige Kaltblütigkeit vergessen ließ, ließ sich bisher noch nicht ermittel,r. Kurzum, ehe der Beamte sich dessen noch versehen konnte, hatte K. einen Revolver gezogen und auf den anderen in Anschlag gebracht. Um dessen Leben würde es wohl geschehen sein, wäre nicht im gleichen Augenblick ein jüngerer Begleiter des Beamten zwischen die beiden gesprungen. Im selben Momente krachte ein Schuß. Der junge Detektiv brach im Feuer zu- sanunen, hatte aber die Geistesgegenwart, die eigene schnell gezogene Waffe noch auf den Verbrecher abzufeuern, der gleichfalls niederbrach. Tie Aufregung in den Sälen war eine kolossale und spottet jeder Beschreibung. Glücklicherweise war genügend Sicherheitspolizei vorhanden, so daß wenigstens eine Panik verhütet wurde. Nach den bisherigen Ermittlungen ist K's. Zustand ein äußerst prekärer; auch der Zustand des jungen Beamten soll zu Besorgnissen girechtfertigten Anlaß geben. Beide wurden nach der Charitee, K. natürlich an die Gcfangenenabte:l,mg> verbracht. Näheres war nicht in Erfahrung zu bringen. Wir müssen unsere Leser auf das Abendblatt verweisen. Fast sämtliche Berliner Blätter hatten, in ihrer Morgen-- nummer denselben gleichlautenden, augenscheinlich aus einer Reporterquelle stammenden Artikel. War Hermine schon nach schlaflos verbrachter Nacht äußerst beunruhigt gewesen, als sie sich davon hatte überzeugen müssen, daß ihr Vater von seinem nächtlichen Dienstgange noch immer nicht zurückgekehrt war, so hatte sie der Zeitungsartikel geradezu fassungslos bestürzt. Als darum die Klingel ertönte und ste in dem Eintretenden ihren Vater erkannte, stürzte sie ihm mit einem Jnbelruf um den Hals und die nervöse Ueberreizung ihres Indern löste sich in Tränen auf. — MH „Vorsicht, Kleine, das Ding da braucht immerhin etwas Schonung, Wenns auch nur ein Hautritz und kaum der Rede teert ist!" Dabei hob er die verbundene linke Hand empor. „Nun, nun, zum Erschrecken liegt gar kein Anlast vor!" suchte er sie zu beschwichtigen. „Ich sagte dir schon, es hat nichts aus sich." „Aber davon stand doch gar nichts in der Zeitung?" meinte das Mädchen kleinlaut. „Nm das wäre ja noch schöner ... wo stehts denn? Haben diese Teusclsreporter richtig wieder den ganzen Zimt reingebracht!" „Ist es denn wahr, Papa, ist Walden wirklich verwundet worden?" „Na, ja," meinte der Rat gedehnt. „Nun brauchst du aber nicht sosort tvieder die Trän:enschleusen auszuziehen... der arnre Kerl hat ne ziemlich schmerzhafte Schultermunde, die ihn Wohl ein paar Wochen lang ans Bett fesseln wird. Aber gefährlich i st die Sache weiter nicht. Er ist völlig bei Bewusttsein und hat mir auch Grüste sür dich aufgetragen." Das Mädchen sah ihm forschend in die Augen; sie zitterte vor nicht zurückzuhaltender Bewegung. „Jsts auch wirklich wahr. Papa? Verheimlichst du mir auch nichts?" „Sei so gut!" knurrte der Rat. „Zum Lügen bin ich zu alt. Ich tviederhole dir: er hat ein Loch in der Schulter, doch das Wird zuheilen ... im übrigen magst du dich gelegentlich bei ihm bedanken, er hat sich wacker gehalten. Ohne sein beherztes Dazwischenspringen wäre es wohl um mich geschehen gewesen, denn der Kerl hatte mir den Revolver mitten aufs Herz gesetzt und drückte kaltblütig los, als schietze er auf einen tollen Hund . . ." Schluchzend barg Hermine das Antlitz an seiner Brust. „Na, es ist ja gnädig vorüber gegangen!" tröstete ihr Vater, sie selbst ergriffen liebkosend. „Schneid hat der Walden, alle Achtung, das muß man ihm lassen! Wie er den für mich bestimmten Schuß ausfing und noch im Niederbrechen den heimtückischen Halunken derart bediente, daß er wohl ans Testamentmachen gehen kamt, das war wirUich ein Heldenstück. . . lieber Himmel, möchte sichs doch Herausstellen, daß wir dem Jungen Unrecht getan haben... ich sage dir's offen, mir wars nicht anders, als suchte er den Tod... ein Sohn hätte nicht opfer- chütiger sür seinen Vater eintreten können." „Kannst du wirklich noch an seinen Worten zweifeln?" fragte ihn Hermine vorwurfsvoll. Wohl senkte sie unter seinen Blicken den Kopf, doch mit entschiedenem Ausdrucke fuhr sie fort: „Ich kann es nicht. Ganz sicherlich geschieht ihm bitteres Unrecht." „Sieh einer mal den beredten Advokaten!" meinte ihr Vater und bedrohte sie mit dem Finger. „Scherz bei Seite," fügte er ernster hinzu, wünschte es einer, das alte rückhaltlose Vertrauen wieder zu ihm gewinnen zu können, so bin ich vs! In solchem Falle ist's beinahe gut, daß er heute nacht stvas abgekriegt hat, denn das gibt ihm ein Anrecht auf mil- derv.de Umstände" — er winkte mit den Augen — „Du verstehst mich wohl, lvas, Minchen" .... und als sie verwirrt und errötend zu ihm aufschaute, meinte er lachend: „Ich spreche natürlich vom Präsidenten — der, woran dachtest! du denn? Man kann feine Handlungsweise einen unbedachten, vom Herzen diktierten Streich nennen und nachsichtig beurteilen . . . man kann aber auch gewisse Strafgesetzbuchparagraphen hervorholen und . ... na ja, Kinding, ich werde ihm schon den Daumen halten, ist das wirklich alles, was er ausgefressen hat. Nun aber sei so freundlich, tische Kaffee und 'was zu präpeln auf, beim ich bin ganz erschrecklich hungrig und dabei nur auf einen Sprung gekommen, ich muß nämlich gleich wieder fort und für dich habe ich auch eilten dienlichen Auftrag." „Für mich?" erstaunte sich das Mädchen. „Schieb nur ab und laß mich nicht Hungers sterben!" drängte sie ihr Vater zur Tür hinaus. „Nachher wirst Du schon alles hören!" Wie sie dann einander gegenüber beim Frühstückstische saßen, dem Hansemann alle Ehre antat, bemerkte er: „Die Sache ist nämlich die: Aus diesem Kundt ist kein Sterbenswort heraus« zukriegen, nicht einmal seine Wohnung. Ich habe durch Stunden neben seinem Lager gewartet- bis er wieder zu sich kam und vernehmungsfähig war. Ich stellte ihm alles vor, wies auf seinen Zustand hin, sprach von Zeit und Ewigkeit . . . das war nicht anders, als ob »trat einen Stier ins Horn kneift, er spürt nichts davon. Mittlerweile wurde er prompt wieder bewußtlos und die Aertzte gaben ihn» wenig Lebensdauer mehr. Da meine ich nun, man muß Eilenburg jun. ausfindig machen. Marie weiß ganz entschieden seine Adresse. Ich möchte nun nicht gern in schroffer Weise Vorgehen . . . weiß der Kuckuck, die Sache liegt so Konisch, daß wir überall mit Herzenscücksichten zu !pechite^t haben. Es geht ja auch um ihr Lebensglück. Da meine ich nun. Du wärest die richtige Vermittlerin... als Freundin kannst du frisch von der Leber zu ihr fpcechen. Unterrichtet über die Sachlage bist du auch .... sie wird sich nicht weigern, dir alles zu sagen, was sie weiß. Man hätte da zugleich auch auf ihren hochgeachteten Mann Rücksicht genommen." Hermine sah zuerst bedenklich darein; es war ihr anzn- merken, wie weh es ihr tat. die so lange entbehrte Jugendfreundin unter derartigen Verhältnissen, noch dazu als Trägerin einer solchen Mission, Wiedersehen zu sollen. Doch der Hinweis darauf, daß eine glückliche Durchführung ihrer Ausgabe von vielleicht unberechenbaren Folgen für Waldens zukünftiges Geschick sein konnte, gab bei ihr den Ausschlag. Sie erklärte sich bereit, sich sofort fertig zu machen und die junge Fran des Fuhrherru anfziisuchen. „Na, siehst du wohl!" schmunzelte der Rat, indem er sich sig deine Schlagfertigkeit bewiesen, daß es nicht wundern sollte, fielest du nun in der Praxis ab. Du wirst schon den rechten Ton finden, um dir ihr Vertrauen zu erschließen!" ---Knapp eine Stunde später saß Rat Hansemann wieder in seinem Arbeitszimmer und hatte Befehl zur Vorführung Wittes erteilt. Mit Thommen, der auch aus der Zeitung seine Kenntnis Pon dem aufregenden Vorfall in den Aurornsälen geschöpft, hatte er sich bereits besprochen und ihm über seine gegen Walden gerichteten Ermittelungen vorläufig strenges Stillschweigen aufer.egt. „Das ist das mindeste, was wir dem jüngeren Kollegen schuldig sind. Ich hege die Zuversicht, daß dieser Tag nicht zu Ende gehen wird, bevor wir Licht in die ganze Geschichte gebracht haben. Walden beteuert seine llnschuld und ich habe gute Gründe, ihm zu glauben« Er kann uns auf der anderen Seite nicht durch die Lappen gehen, denn er liegt in der CHariti fest. Also lassen wir vorläufig Walden und dessen mutmaßliche Beteiligung aus dem Spiel und wenden wir uns den übrigen Akteuren zu. Nachher werden wir gemeinsam der SchulMacherschen Wohnung einen Besuch abstatten. Bei dem Verhör mit Sßitte bleiben Sie natürlich auch zugegen." Da öffnete sich auch schon die Tür und der junge Maler wurde ins Zimmer geführt. Er sah bleich und übernächtig beteilt Dunkle Ringe lagen um seine Augen; doch seine Haltung drückte Stolz und Selbstbewußtsein aus. (Forliekung folgt.) Aer Einfluß der Alutsv wtrndjschafl der Eltern auf hte Kirrster. Ehen zwischen Blutsverwandten gelten von altersher im Volke als höchst bedenklich. Die Kinder, die aus solchen „widernatürlichen" Verbindungen hervorgehen, haben nach der herrschenden Anschauung die verhängnisvolle Anwartschaft auf allerhand geistige und körperliche Gebresten, und ihre Geschlechter sind, so glaubt man allgemein, dem baldigen Untergang geweiht. Aus welche Erfahrungen sich diese pessimistische Auffassung eigentlich stützt, ist nicht recht klar. Es scheint fast, als stehe der Heiratskandidat, der vor der Ehe mit einer Verwandten zurückschreckt, im Banne einer ihm von der Natur selbst eingepflanzten Abneigung, eines abwehrenden Instinkts, wie er ja auch sonst manchmal in unseren Beziehungen zu den Mitmenschen, z. B. in unserem Ekel gegen die Sekrete selbst der nächsten Angehörigen, auffällig zutage tritt. Aber schon ein Blick in die Geschichte der alten Kulturvölker lehrt uns, daß die Blutsverwandtschaft der Eltern mindestens nicht in allen Fällen für die Kinder von so üblen Folgen begleitet ist. Bei den alten Aegyptern, den Persern und den Peruanern waren die Geschwisterehen bekanntlich gerade in den vornehmen Kasten eine sehr häufige Erscheinung, die diesen mit einem starken Rassengefühl ausgestatteten Völkern zu irgendwelchen Bedenken nie Anlaß gegeben hat, und die Königin Kleopatra, von deren Geist und Schönheit sich der verwöhnte Machthaber der vornehmen Weltstadt Rom betören ließ, stammte gar aus einem Geschlecht, in dem nicht weniger als acht Generationen hindurch eine Geschwisterehe auf die andere gefolgt war. Vorurteilsfreie Forscher, die sich mit dergleichen ethnologischen Fragen eingehender beschäftigt haben, sind auch sonst noch zu manchen Ergebnissen gelangt, die die Vermutung nahelegen, daß die Inzucht unter Umstünden durchaus nicht im Sinne der Entartung wirke, sondern im Gegenteil durch Summierung oder gar Poten« 691 zierung der guten Eigenschaften zur Veredelung der Rasse beitragen könne. Mit zwingender Deutlichkeit ergibt sich das aus den in der Tierzucht gesammelten Erfahrungen. Das feurige englische Vollblutpferd, das prächtige Merinoschaf, der flinke Foxterrier und zahlreiche andere Haustierrassen zeigen keine' Merkmale der Entartung, und doch sind sie ursprünglich ausnahmslos durch enge Inzucht entstandet!. Selbst heute noch spielt diese bei der Weiterzüchtung eine große Rolle, weil nach der Ansicht der erfahrensten Züchter die diesen Tierrassen eigentümlichen edeln Eigenschaften nur auf solchen: Wege in ihrer Reinheit festgehalten werden können. Daß die Inzucht daneben freilich auch ihre Gefahren hat, ist selbstverständlich, denn ebenso gut wie die Tugenden können sich in den Rassen auch Fehler festsetzen und weitervererben, auch leidet, tvie es scheint, unter ihr die Fruchtbarkeit und die Widerstandsfähigkeit der Tiere gegen äußere Schädlichkeiten, so daß die meisten Züchter einen zeitweiligen Einschuß frischen Blutes durch Kreuzung u. dgl. für erforderlich halten, um Nachteile dieser Art zu vermeiden. Immerhin aber unterliegt es keinem Zweifel, daß sich bei den Tieren die Gefahren der Inzucht (vorausgesetzt allerdings, daß die anderweitigen Lebensbedingungen, in denen sie sich befinden, günstig sind) erst bemerkbar machen, wenn diese durch viele Generationen systematisch durchgeführt wird. Wie liegen nun die Verhältnisse beini Menschen? In dem sehr lesenswerten Schristchen „Der Einfluß der Blutsverwandtschaft der Eltern auf die Kinder" (Verlag von S. Kürzer, Berlin) hat Prof. Dr. Feer die bisherigen Ergebnisse der exakten wissenschaftlichen Forschung über diese wichtige Frage zusammengestellt. Zur Erlangung des erforderlichen unifangreichen Beobachtungsmaterials, das hier leider nicht so reichlich vorhanden ist und so bequem zu Experimenten benutzt werden kann wie in der Tierzucht, stehen uns drei Wege offen. Der nächstliegende ist der der statistischen Erhebungen. Man ermittelt die Zahl und den Grad der Verwandtenehen in einem Lande und prüft nun, ob in diesen gewisse Krankheiten häufiger Vorkommen als in der Gesamtbevölkerung. Derartige Untersuchungen find wiederholt ausgeführt worden, haben aber durchaus keinen sicheren Anhaltspunkt für den schädlichen Einfluß der Blutsverwandtschaft auf das Gedeihen der Kinder ergeben. Als zweiter Weg kommt das Studium solcher Völker, die sich durch vielfache Inzucht ihre Rassenreinheit in besonderem Maße erhalten haben, für die Forschung in Betracht Von den Juden beispielsweise, auf die diese Voraussetzung zutrifft, wissen wir seit langer Zeit, daß manche Krankheiten bei ihnen oft wiederkehren, darunter gerade solche, deren Häufung allgemein auch den Verwandtenehen zur Last gelegt wird. Aber selbst diese wissenschaftliche Tatsache liefert uns nicht den gesuchten Beweis, weil die kümnlerlichen Lebensbedingungen, unter denen die Juden jahrhundertelang ihr Dasein zu fristen gezwungen waren, sehr wohl überhaupt eine Verschlechterung der Rassenkon- Hitution bewirkt haben können. Wir haben es hier mit einer Entartung zu tun, die sich auch auf andere Krankheiten erstreckt, von denen nie jemand behauptet hat, daß sie durch Ehen zwischen Blutsverwandten gefördert werden. Von besonderem Wert sind die Statistiken über die Bevölkerung abgelegener Städtchen nnd Dörfer, die nachweislich lange Zeit hindurch in enger Inzucht gelebt habt. So prüfte Lancry die Mitglieder der Gemeinde Fort-Mardick bei Dünkirchen, die im Jahre 1670 von wenigen Familien gegründet lvurde und zur Zeit der Untersuchung unter 260 Ehen deren 63 mit naher Blutsverwandtschaft aufwies. Die Bewohner des Städtchens, 1800 an der Zahl, wurden sehr gesund und kräftig befunden; von den Kindern der Verwandtenehen waren nur zwei uicht normal, eins idiotisch, das andere taubstumm, aber offenbar nicht angeboren, sondern infolge einer Krankheit. Zu erheblich ungünstigeren Ergebnissen gelangten andere Forscher in Gegenden, wo das Volk sehr arnt war und daher unter ungesunden Verhältnissen zu leben gezwungen war; es läßt sich also auch hier, genau wie bei der Tierzucht, die üble Wirkung einer unhygienischen Lebensweise auf die gesamten Rasseneigenschaften deutlich erkennen. Genauere Aufschlüsse über die zur Erörterung stehende Frage verdanken ivir dem Studium der Beziehungen einzelner Krankheiten zu den Verwandtenehen. Als Krankheiten, die der Blutsverwandtschaft selbst zur Last gelegt werden, kommen hauptsächlich in Betracht: Tuberkulose, Kropf und Kretinismus, Geistesstörungen und Idiotie, angeborene Taubstummheit und endlich schwere Augenleiden, besonders die sogenannte Pigmententartung der Netzhaut, die gewöhnlich nach einiger Zeit zur Erblindung führt. Von diesen Leiden sind ohne weiteres zwei Gruppen aus- zuscheideu, für die nach der heutigen wissenschaftlichen Ansicht die Verwandtenehen ohne Bedeutung sind: erstens die Tuberkulose, die ja überhaupt in so riesiger Verbreitung auftritt, daß der erforderliche Beiveis kaum zu führen sein würde, und zweitens der Kropf in Verbindung mit dem Kretinismus, da diese Auoinalien ohne Zweifel eigenartigen territorialen Einflüssen ihre Entstehung verdanken. Mit um so größerem Nachdruck hat man auch in Gelehrtenkreisen die Verwandtenehen beschuldigt, sie seien häufig die Ursache schwerer Geistes- und Nervenkrankheiten. Die Untersuchungen über die Berechtigung hierzu bieten deshalb besondere Schwierigkeiten, »veil es sich hier meist um erbliche Leiden handelt, bei denen es manchmal unmöglich ist, zu entscheiden, wieviel auf das Konto der Blutsverwandtschaft und wieviel auf das der erblichen Belastung zu setzen ist. Prüft man von solchen Gesichtspunkten aus die vorliegenden großen Statistiken, so wird der Unbefangene gestehen müssen, daß für die Entstehung von Geisteskrankheiten durch die Verwandtenehen kein zwingender Beweis erbracht ist. So entstammten z. B. von 16 416 Idioten in preußischen Anstalten nur 237 solchen Verbindungen, ein Prozentsatz also, der zu der Zahl der Verwandtenehen (mindestens 6,5 auf 1000) in einem ziemlich richtigen Verhältnis steht. Etwas anders liegen die Verhältnisse bei der oben erwähnten Pigmententartung der Netzhaut und bei der angeborenen Taubstummheit, Krankheiten, von denen es feststeht, daß sie bei Abkömmlingen von Verwandten öfter beobachtet werden als bei solchen aus gekreuzten Ehen. Aber auch hier sind die meisten maßgebenden Forscher auf Grund eines sehr umfangreichen Materials zu der Einsicht gelangt, daß die Blutsverwandtschaft an sich nicht als die Ursache dieser Leiden angesprochen werden kann. Sie begünstigt freilich deren Entstehung unzweifelhaft in solchen Familien, in denen die Anlage zu Krankheiten dieser Art bereits vorher vorhanden war, wirkt also durch Summierung der ererbten Eigenschaften doppelt ungünstig auf die erzeugten Kinder, aber sie erzeugt sie nicht unmittelbar. Dabei ist es äußerst interessant zu beobachten, daß bei weitem nicht alle erblichen Krankheiten diese verhängnisvolle Neigung zeigen, bei Abkömmlingen blutsverwandter Eltern in so ausgeprägter Weise aufzutreten, sondern nur die genannten. Prof. Feer führt diese eigentümliche Erscheinung in geistreicher Weise auf die besonderen Bererbungseigen- schaften dieser schweren Gesundheitsstörungen zurück, durch die sowohl die Pigniententartuug wie auch die angeborene Taubstunnnheit den Charakter erblicher Entartungskrankheiten gewinnen im Gegensatz zu den erblichen Krankheiten inr gewöhnlichen Sinne. Praktisch dürfen wir aus den vorliegenden wisseuschaft- lichen Untersuchungen den Schluß ziehen, daß der schädliche Einfluß der Blutsverioandtschaft der Eltern auf die Kinder bei weitem nicht so deutlich hervortritt, wie man nach dem Übeln Ruf der Verwandtenehen im Volke annehmen sollte, ja daß er mit Fug und Recht ganz bestritten werden darf. Sind die Eltern gesund, so werden sie voraussichtlich auch gesunde Kinder zeugen; die Forderung einiger Rassenhygieniker, man möge die Zahl der Verwandtenehen durch schärfere gesetzliche Bestimmungen beschränken, entbehrt daher jeder Berechtigung in Staaten, die bisher nicht ent* mal die Ehen zwischen Tuberkulösen, Taubstummen, Alko- 692 — holikern u. bgl. zu verhindern Anlaß genommen haben. Wer eine Ehe mit einer Blutsverwandten einzugehen beabsichtigt, der wird freilich gut daran tun, sich zn erinnern, daß die Verwandteneheu geradezu ein Prüfstein auf gewisse selteue kraukhafte Anlagen sind, und wird es daher nicht unterlassen dürfen, die Stammtafel beider Parteien mindestens auf drei bis vier Generationen sorgfältig daraufhin zu prüfen, ob irgend welche erbliche Belastung vorliegt. Nur wo dies nicht der Fall ist, darf er ohne Bedenken sein Vorhaben ausführen. vermischte». * „F rau A j a sah int Geiste alle die herrlichen Gegenden, kletterte mit auf die Felsen, und erfreute sich von ganzer Seele über der Reisenden Glückseligkeit und Wohlbefinden." Von wem diese Worte herrühren, die sich in einem Brief an die Herzogin Anna Amalie finden, braucht man wohl kaum zu sagen; denn wer sollte nicht wissen, daß Frau Aja der Name war, mit dem Goethes Mutter, von der er die Frohnatur, die Lust zit fabulieren hatte, die Frau Rat, wie sie sonst wohl heißt, im vertrautesten Kreise genannt wurde und, wie man hier sieht, sich selbst gern nannte. Weniger bekannt dürfte schon weiteren Kreisen sein, daß dieser Name ursprünglich der der Mutter der vier Haymondskinder ist. Neu wird aber wohl biete» sein, daß Elisabeth Goethe diesen Namen kurz vor der großen Schweizerreise ihres Sohnes erhielt, wie Professor Albert K ö st c r, dem wir eilte vollständige Ausgabe der Briefe der Frau Rat verdanken, in feiner Einleitung zn einer int Insel Verlag erschienenen Auswahl mitteilt. Im Mai 1775 bewirtete sie die beiden Grafen Stolberg und deren Freund Haugwitz bei sich, lind bei dieser Gelegenheit wurde sie von den vier fröhlichen jungen Leuten als Mutter der Haymonskinder ausgerufen. Aus dem hübsch ausgestatteten kleinen Buch sei hier noch eine Reimprobe Frau Ajas wiedergegeben. Sie schreibt zn Anfang Januar 1779 auf bett Neujahrswunsch des Hoffräuleins Luise von Göchhausen: „Dein guter Wunsch auf grün Papier Hat mir gemacht sehr viel pläsir. Im Verse machen habe nicht viel getan. Das sieht man diesen Wahrlich an. Doch hab ich geboten ein Knäbelein schön. Das thut das alles gar trefflich verstehn. Schreibt Puppenspiele Kutterbunt, Tausend Alexandrinen in einer Stund. Doch da derselbe zu dieser frist Geheimdter Legations Rath in Weimar ist, So kan er bey bewandten fachen Keine Verse vor Frau Aja machen, Konst solldest Du wohl was besseres kriegen. Jetzt mußt Du Dich hieran begnügen. Es mag also dabeh verbleiben, Ich will meinen Danck in Prosa schreiben . . G ew innsystem. Zwei Reisende kommen, obgleich einander unbekantit, in einem nach Monte Carlo gehenden Zuge in ein freundliches Gespräch. „Nach Monte Carlo?" fragt der eine, „dem entzückenden und exklusiven Heim für alle Spieler?" „Ja, dahin gehe ich." „Um zu spielen?" „Um zn spielen. Ich tue sonst nichts: Es ist^ ja mein Geschäft." „Was, Ihr Geschäft?" „Wie ich Ihnen sage. Ich spiele jeden Tag zweimal und kann dabei nur verdienen." „Dann haben Sie ein System! — Würden Sie mir erklä . . . ." „Aber mit Vergnügen — ich spiele Violine!" Gesundheitspflege. — Was der Nervöse, der Neurastheniker von seiner Krankheit wissen und wie er leben muß, um gesund zu werden. Bon PH. Mr. Adolf V o m u ck a. Verlag von A. Haase. Leipzig, Turnerstr. 16. 1907. — Ein Buch, das nur aus unserer Zeit der nervösen Leiden und der Erforschung, wie Abhilfe zu suchen ist, hervorgehen konnte. Ein Buch, das sich nicht nur das Gesundmachen des Körpers zur Aufgabe gemacht hat, sondern auch der in innigster Wechselwirkung mit ihm stehenden Psyche. Ein Buch, das nicht ängstlich macht, so daß man sich bei seinem Lesen neue Krankheiten einzubilden beginnt, sondern beruhigt. Es quillt aus seinen Seiten eine Hoffnungsfreude, die auf den Boden der Natur gestellt sind. Nahrung, Trank, Luft, Licht, Bewegung und Rnhe in ihrer richtigen Anwendung sind die Heilmittel, individuell gehandhabt. Kunst. — Wilhelm von Diez, der große Künstler und Lehrer, dem kürzlich die Münchener Künstler einen Denkstein gesetzt haben, erfährt im November-Heft der bekannten Münchener Monatshefte „Die Kunst" (Verlag F. Brnckmann) eine liebevolle, Site Würdigung von Fritz von Ostini. Noch einen andern ünchener Künstler lernen wir in diesem Hefte keimen, Josef Wackerie, den Schöpfer origineller Porzellanfiguren und Holzschnitzereien. Dann berichtet ein ausführlicher Aufsatz vom amerikanischen L a n d h a u s b n n, der sich überraschend schnell zn einem eigenen Stil entwickelt hat und zum Teil, so in den Landhäusern von Wilson Ehre, Vorbildliches gibt. — Die Zeitschrift kann dann in einem weiteren Aufsatz auf die Erfüllung einer vor fünf Jahren von ihr zuerst erhobenen Forderung: künstlerische Innenausstattung der großen Dampfer, Hinweisen, nämlich auf die von Bruno Paul, Joseph M. Olbrich, Richard Riemerschmid re. geschaffenen Räume der „Kronprin- zessin Ceeilie" des Norddeutschen Lloyd. — Und damit auch die heitere Binse zu Wort komme, bringt das Heft lieben diesem reichen Inhalt die Fortsetzung der prächtigen „Erinnerungen an den Allotriakreis" von Louis Corinth. — Auf den trefflichen illustrativen Teil, durch den sich diese Zeitschrift besonders mtszeichnet, sei wiederholt hingewiesen. Weihnachts-Literatur. — Durch b ie Wiisteit unb Ku lturstatten Syriens, Reiseschilderungen von G. L. Bell. Mit einem Farbenbilde nach einem Aquarell von John Sargent, R. A., 161 Textabbildungen und einer Karte von Syrien. Elegant gebunden Mk. 10.—. (Verlag von Otto Spamer in Leipzig.) — G. Bells Beschreibung ihrer Reise durch Syrien ist eins der anschaulichsten, temperamentvollsten, belehrendsten und zugleich unterhaltendsten Bücher, die in neuerer Zeit auf diesem Gebiete erschienen sind. Die Verfasserin ist eine Altertumsforscher»! von außergewöhnlicher Begabung, die Mut und Ausdauer mit dem Geschick vereint, nicht nur die hervortretenden Tatsachen einer Reise zu schildern, sondern auch jene zahllosen Einzelheiten hinein zu verslechten, die ein Buch anregend und fesselnd machen. Sie trat ihre abenteuerreiche Reise von Jerusalem aus an durch das verbotene Gebiet des drusischen Gebirges und durchquerte die Wüste. Abweichend von de» begangenen Straßen gelangte sie auf interessantem Umwege nach Damaskus, Baalbeck, Aleppo, Antiochien und Alexandrettc. Reich mit Empfchlungs- briefeit ausgestattet, sand Miß Bell bei den Behörden dieser Städte das größte Entgegenkommen, so daß sie mit Leichtigkeit das innere Leben aller der Stämme studieren konnte, auf die sie während dieser Reise traf. Durch ihre genaue Bekanntschaft mit dem mohammedanischen Orient, vor allem aber durch ihre gründliche Kenntnis der arabischen Sprache gewann sie schnell das Vertrauen der Eingeborenen, und so vermochte sie dann em getreues Bild des- heimischen Lebens jener nur selten besuchten Völker zu entwerfen, wie es vor ihr kein anderer Reisender vermochte. Die Illustrierung ist reichhaltig. Goldene Worte. Verächtlich ist eine Frau, die sich langweilen kann, wenn sie Kinder hat. Jean Paul. Ein treu Gedenken, lieb Erinnern, Das ist die herrlichste der Gaben, Die wir von Gott empsangen haben: Das ist der gold'ne Zauberring, Der anserstehen macht int Innern, Was uns nach atißen nnterging. Bodenstedt. Die Lust zu reden kommt zur rechten Stunde Und wahrhaft fließt das Wort aus Herz und Mtmde. Goethe. Der Gehorsam ist der Anfang aller Weisheit. Pegel, * Wenn Männer von hoher Stellung den Mut ihrer Meinung nicht haben, was läßt sich da von Männern in niedriger Stellung erwarten? ■ -~ Samuel Smiles, Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Loth, Ar; Lohtar. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.