Ilrettag den 32. Matz 1807 jj! ISSM w T M MW kW U KjW 11 W M DeM IrrlichL nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. 1. Kapitel. „Mama, weißt du, wo Sylvia ist?" Ein junges, schlankes Mädchen öffnete die Tür und rief die Frage herein. Drinnen war es beinahe dunkel, noch kein Fenster geöffnet worden an dem herrlichen Sommerabend. Die schweren Damastgardinen mit den Spitzenvorhängen dahinter sperrten alles Licht aus. Die Mama lag auf der Chaiselongue in losenl Gewände von himmelblauem Stoff mit weiten, offenen Aermeln, die den Boden streiften, und las. Erna trat ein. Sie faßte einen der Vorhänge mit energischem Griff und zog ihn zurück. „Ich darf ein Fenster öffnen, nicht wahr?" sagte sie. „Es ist hier eine erstickende Lust, und du kannst sicher nicht mehr zum Lesen sehen." Die Dame breitete schützend die Hand über die Augen, als das goldige Sonnenlicht in das elegant eingerichtete Gemach flutete. „Ha, wie grell, wie blendet das!" sagte sie verdrießlich. „Erna, du bist gerade wie der Papa, so derb, so rücksichtslos in all deinem Tun." Erna stand am Fenster, wo sie auch die Spitzenjalousien lüstete, und spähte hinaus in den wohlgepflegten Blumengarten, der sich in Terrassen bis zur Elbe hinabzog. Der Laubengang unten und die steinerne Mauer jenseits desselben trennte ihn von der Fahrstraße, die am Flußufer entlang führte. Erna war eine einfache, aber sehr angenehme Erscheinung, ihre Augen blickten etwas nüchtern, aber hell und klar in die Welt, sie trug ihr volles blondes Haar schlicht gescheitelt und in einer mächtigen Flechtenkrone um den Kopf gelegt, ihr Teint war von köstlicher Frische und Reinheit, in ihren Mienen drückte sich ruhige Verständigkeit aus. Wenn die Mutter sie eben derb schalt, so war das Wort nicht richtig gewählt. Ernas Bewegungen waren rasch und energisch, aber sie entbehrten nicht der Annuit. „Sei nicht böse, Mama", sagte sie jetzt, sich freundlich um- wendend, „es war hier wirklich sehr schwüle Luft. Ich kam übrigens, um dich zu stagen, ob du weißt, wo Sylvia sich be- findet." „Sylvia? Nein — sie war hier bei mir vor einer Stunde etwa — aber — was willst du von ihr? Weshalb suchst du sic?" „Weil Herr Grudinsky, ihr Gesanglehrer, schon seit einer Viertelstunde auf sie wartet." Die Kommerzienrätin seufzte. „Läßt sie wieder warten?" Meinte sie. „Ja, das liebe Kind kann sich nun einmal an keinerlei Zwang gewöhnen, alle genialen Naturen sind so, sie wird die Stunde vergessen haben." „Sagen wir nur einfach, Sylvia kann sich an keinerlei Ordnung gewöhnen, Mama", entgegnete Erna trocken. „Uebrigens, wo mag sie nur fein? Ansgegangeil ist sie nicht, ihr Hut und ihre Handschuhe liegen auf ihrem Zimmer, im Garten suchte ich sic vergebens' ich glaube bestimmt, sie fei bei dir." Die Kommerzienrätin hatte fisch langsam erhoben. Sie wär eine zarte, schmächtige Frau mit welkem, verblühtem Gesicht. Die Züge waren fein, aber unbedeutend, die in wässerigem Glanz schimmernden Augen hatten einen schmachtenden Ausdruck, sie richtete sie meist nach oben, als suche sic dort die Schätze, die sie auf der Erde nicht gefunden. Sicher war sie hübsch gewesen ist der Jugend, aber eine von den zarten Schönheiten, welche rasch verblühen. „Mein Gott, ihr wird doch nichts zugestoßen sein — das Kind ist so impulsiv! Hast du Roderich gefragt?" rief sie jetzt in ängstlichem Ton. „Roderich ist nicht zu Hause." Erna schickte sich au, das Zimmer wieder zu verlassen und ihre Nachforschungen nach der Verlorenen fortzusetzen, als sie hastige Schritte draußen auf dem Altan hörte. Sie öffnete eine hinter den schweren Vorhängen verborgene Tür, welche hinausführte und rief: „Roderich, Roderich !" Der Angeruseue, ein kräftig gebauter junger Mann, der, von einer Bootfahrt heim kehrend, in englischer Rudertracht, rot gestreiftem Wollanzug, der den Nacken und einen Teil der muskulösen Arme frei ließ, eine breite farbige Schärpe um die Hüften gegürtet, langsam die Stufen emporstieg, blickte mit hochmütigem, blasiertem Ausdruck auf. „Hast du Sylvia gesehen?" rief auch ihm die Schwester zu. „N—n—nein — ist sie verloren gegangen?" entgegnete er lässig, gedehnt, wandte sich aber doch um und blickte, die Augen mit der Hand beschattend, die Terrassengästge des Gartens hinunter. Dann ließ er einen hellen Pfiff ertönen, es klang wie der Schlag einer Wachtel, und in der nächsten Minute antwortete ihm ein ähnlicher Ton von oben, aus der Höhe über ihm. „Ha, ha, ha! Uu sitzt sie — auf der höchsten Galerie des Turmes. Sylvia! Um Gottes willen — bist du toll — du bist ja ist Gefahr, herabzustürzen!" Roderich sah erst lachend, daun bestürzt nach oben, und Cumas Blicke folgten den seinen. Sie schlug die Hände zusammen und schüttelte den Kopf, auch aus ihren Zügen malte sich Erschrecken. Sylvia stand, von der Glut der rmtergehenden Sonne beleuchtet, die ihr eine Aureole von goldigen Strahlen um das Haupt wob, oben, wo an dem Turm, der die rechte Seite des Landhauses zierte, eine schmale Galerie mit sehr niedriger Balustrade entlang lief. Sie winkte jetzt und beugte den zierlichen Oberkörper so weit abwärts, daß mau den Atem anhielt vor Angst bei dem Anblick. „Sie hat doch ganz wahnsinnige Einfälle", Jagte Erna vor sich hin, als sie, aufatmend, gewahrte, daß Sylvia zurückgetreten war und sich anschickte, herunterzukommen. Roderich war in das Haus geeilt, er brummte auch allerlei von „albernen Geschichten" und „Todesschrecken" in den Bart, sprang aber, immer drei Stufen auf einmal nehmend, der kleinen Waghalsigen die Treppe hinauf entgegen, um sie auf der obersten in seinen Armen aufzufangen. „Für die Zukunft unterläßt du solche Narrenspossen", sagte er streng, als sie lachend sich auf ihn stützte. „Diese oberste Galerie ist nur zum Zierat und kaum für menschliche Füße zu betreten, wenigstens nur für ganz schwindelfreie." 174 „Ich bin schwindelfrei", sagte Sylvia und warf ihre Locken zurück. Ihr reizendes Kindergesicht glühte rosig, sie schmiegte sich in vertraulichster Anlehnung an Roderich und versicherte ihn, daß es himmlisch gewesen sei da oben. „Ich hatte ganz gut Raum dort", berichtete sie, „saß auf der Brüstung und las. Es wehte eine köstliche frische Brise, während es hier unten zmn Ersticken war." Roderich erschütterte. „Erzähle es mir nicht noch nachträglich", sagte er, „es überläuft einen eine Gänsehaut, du bist wahrhaftig schwerer zu hüten als ein Baby." „Willst du dir nicht nächstens einen Luftballon anschasfen?" sagte Erna, die ihnen u-nten entgegentrat. „Mich wundert in Zukunft nichts mehr." Jetzt stand auch die Mama auf der Veranda. Sie hatte, etwas Ungewöhnliches und Schreckliches ahnend, aufgeregt nach allerlei Umhüllungen gesucht, und in der Verwirrung ihre Mantille verkehrt umgebunden. „Was ist geschehen? Wo ist sie?" rief sie in den Tönen großer Angst. „Beruhige dich, Mama", erwiderte Erna gelassen, „dein Liebling ist einstweilen mit heilen Gliedern unten. Sie hat dort oben — bitte, sieh dorthin —• auf der obersten Galerie ein Luftbad genommen. Wenn es etwas hülfe, möchte es geraten sein, daß du ihr in Zukunft dergleichen untersagtest." Erna ordnete dabei mit geschickter Hand die verdrehte Mantille und legte sie behutsam um der .Mutter bebende Schultern. Die Kommerzienrätin eilte mit ausgebreiteten Annen auf Sylvia zu. „Sylvia, mein geliebtes Kind, was war das? Was tatest du? Warst du in Gefahr?" Sylvia hing an der Mutter Hals. „Da bin ich ja, heil und gesund, was wollt ihr denn eigentlich? Es ist ja nichts; wie konntest du dich nur so ausregen, mein Mütterchen!" „Sylvia, Herr Grudinsky wartet seit einer guten halben Stunde mindestens!" rief Erna in mahnenden: Ton dazwischen. „Er hat sich in Roderichs Opernpartitur vertieft, sonst wäre er längst gegangen." Sylvia gähnte imb dehnte sich. „Ach, Herr Grudinsky, heu hatte ich ganz vergessen!" erklärte sie. „Die Stunden sind sehr teuer, Sylvia, du weißt, wie schwer Papa sich zu der Ausgabe beguernte, laß ihn nicht merken, daß du der Sache schvn wieder überdrüssig bist", meinte Erna. „Was sagtest du, er beschäftige sich mit meiner Opernpartitur?" rief Roderich aufbrausend dazwischen. „Wer hat ihm Erlaubnis gegeben, die anzurühren?" Erna zuckte die Achseln. „Er stiehlt dir nichts daraus", bemerkte sie mit einem deutlichen Anflug von Ironie. Roderich eilte zornig ins Hans und Sylvia folgte ihm. „Ich denke, es ist jetzt schön hier draußen", sagte Erna, zur Mutter gewendet, „ich will dir Kissen und Schal holen, die Lust wird dir gut tun." „Danke, Kind, danke — aber sage einmal, Sylvia wird doch jetzt ihre Singstunde nicht nehmen können, das Kind ist ja aufgeregt von der eben erlebten Szene?" „Aufgeregt? Wodurch? Sie ist zu ihrem Vergnügen auf den Turm gestiegen und mit heilen Gliedern heruntergekommen. Sie hat durch ihre Torheiten nur uns wieder in Auftegung versetzt." „Hm — dir scheint die Gefahr, in der sie geschwebt hat, keine Aufregung verursacht zu haben", bemerkte die Mama in gereiztem Ton. „Sylvia ist ein besonderes Wesen, ihr beiden versteht euch nie." „Dergleichen unverständige Dinge verstehe ich nicht, da hast du recht, Mama". „Guten abend", sagte eine markige Stimme dicht neben ihnen. Die Kommerzienrätin fuhr zusammen. „Heinrich, wie du uns wieder erschreckst!" rief sie mit klagender Stimme. Der stämmige alte Herr, welcher aus dem Gartensalon auf die Veranda trat, mit dem behäbigen, jovialen Gesicht, pustete. Er sah rot und erhitzt aus, denn er hatte den Weg von der Stadt heraus zu Fuß gemacht, sein Arzt riet ihm viel Bewegung. „Wenn dein Ehegatte dir guten abend bietet, erschrickst du, Rieke", sagte er vorwurfsvoll. „Wir sprachen von Sylvia", bemerkte seine Gattin. „Das brauchst du mir nicht erst zu sagen, Fran. Sylvia b'ichäftigt deine Gedanken zu aller Zeit." Die Komurerzienrätin wandte sich gekränkt ab, erzählte aber doch in einem künstlich ruhigen Ton, wie es eben nahe daran gewesen sei, daß Sylvia ein Unglück zugestoßen wäre. „Das Kind wird sichtlich von Engeln gehütet", setzte sie hinzu. Auf den Zügen des Hausherrn malte sich ingrimmige Ent-? rüstung. „Was, Engel hin, Engel her, das ist ja ganz verrückter Unsinn, sie soll solche alberne Tinge hübsch unterlassen, aber — ich habe es immer gesagt, mit dem Mädel haben wir noch unsere Not, sie — sie —" Er wandte sich jählings und ging mit wuchtigen Schritten quer durch beit Salon in sein daranstoßendes Gemach und behielt seine weiteren Gedanken einstweilen für sich. Erna und die Mutter blieben allein aus der Veranda. Sylvia nahm ihre Singstunde nicht mehr. Sie stand mit ihrem reizendsten Lächeln aus den Lippen vor Herrn Grudinsky und entschuldigte sich. Wer hätte ihr da zürnen können! Herr Grudinsky jedenfalls nicht. Er berechnete sich die Stunde natürlich zu dem vereinbarten Preise, denn seine Zeit war ihm Geld, unterdessen hatte er sich ganz gut damit unterhalten, dieses Dilettantenmachwerk, welches da vor ihm gelegen, durchzublättern. Herr Roderich Walldorf, der einzige Sohn des reichen Kommerzienrats, war nicht, wie sein Vater, ein Börsengenie, dünkte sich dagegen ein Kunstgenie. Er komponierte Opern und schrieb Dramen, er verkehrte nur mit Künstlern, Literaten, Musikern und konnte sich das ja leisten, wie einige überlegen Lächelnde meinten, als Sohn des Millionärs. Herr Grudinsky hatte einige Partien probiert und auch überlegen gelächelt. „Ha, Schumann, Schubert, Wagner — ein recht hübsches Gemengsel, wird Furore machen, das Ding. Auch eine Ballade mit selbstgedichtetenr Text, großartig — ha, ha!" In dem Moment war Sylvia eingetreten, und bald darnach auch Roderich, der sich seines Rudcrkostüms inmittelst entledigt hatte. Herr Grudinsky entschuldigte sich jetzt ob seiner Indiskretion — die Partitur habe osfen dagelcgeu — ihn natürlich aufs mächtigste interessiert — prächtige Stellen darin — Ersolg sicher, so weit es ihm fmieine — und Roderich saß bald ohne eine einzige Unmutsfalte ans seiner Stirn neben dem Musiker, in eingehende Besprechung seines Werkes vertieft. Sylvia störte im Augenblick, durch sie wurde Herrn Gru- dinskys Aufmerksamkeit abgelenkt, er sühlte sich verpflichtet, einige verbindliche Worte an sie zu richten, und jetzt erhob er sich und sah zu seinem Schrecken, daß seine Zeit abgelaufen sei. „Es war schade, daß ich ihn nicht allein hatte", sagte Roderich zu Sylvia, als er gegangen, „der Grudinsky ist doch ein ganz tüchtiger Musiker, er war sehr erbaut von der Ballade." „Die Ballade ist großartig", erklärte Sylvia mit der Sicherheit eines erprobten Kunstkritikers, worauf Roderich vorschlug, daß sie sie noch einmal dnrchprobierten. Sylvia war sofort bereit dazu. Unterdessen saßen die Mutter und Erna zietnlich schweigsam draußen aus der Veranda. Erna arbeitete a>: einer feinen Stickerei und die Mama lehnte müßig in ihrem Lehnstuhl mit int Schoß gesafteten Händen. Es war ein wundervoller Sommerabend. Unten auf dem Elbstrom glitten die Dampfschiffe hin und her, voll befrachtet mit Ausslüglern in die schöne Umgebung des lieblichen Elbslorenz. Der dicke Turm der Frauenkirche blickte, in blauen Dunst gehüllt, hinter den Brücken herüber, in den Fuß- pfaden auf dem grünen Wiesenvorland wimmelte cs von Spaziergängern. Erna schaute zuweilen von ihrer Arbeit auf und hinab auf das bunte Bild, spähend, als ob sie jeutand erwarte. Die Mutter lwrchte dem Spiel und Gesang, die aus dem Musikzimmer tönten, wo die Fensterflügel geöffnet waren. Roderich begleitete, Sylvia sang. Ihre Stimme lvar frisch und klang- voll, aber ganz ungeschult. In Pausen und Absätzen wurden die Partien wiederholt, Roderich markierte ungeduldig einige Töne. „Mein Gott, Sylvia, crescendo, crescendo! Dieses gefühllose Einerlei ist ja entsetzlich, Ha, was ist es für eine Qual, wenn die Gewalt dieser Tonsprache in jedem Nerv zuckt, wenn die Großartigkeit des Geschaffenen die ganze Seele füllt und man abhängig bleibt von dem, der cs zum Ausdruck bringen soll!" Roderichs Stimme klang heftig, leidenschaftlich, klagend. „Roderich ist doch zu schwer zu befriedigen", bemerkte d:e Kommerzienrätin draußen, „Sylvia singt die Ballade reizend, aber er hört mit seinen Ohren eben Ueberirdisches". In Ernas ausdrucksvollen Zügen zuckte es wie Spott. (Fortsetzung folgt.) Km MKsschauspieL aus KSeryessen. Mit dem Namen Volksstück oder Volksschauspiel will man ausdrücken, daß der darin behandelte Stoff dem Volks- — 175 — leben entnommen wurde. Nicht der Kleinbürger- oder der Arbeiterstand sind das „Volk"; welchen Teil immer einer aus der Allgemeinheit hebt und ihn uns in lebendiger Gestaltung vorführt, der schreibt ein Volksstück. Gerhart Hauptmann hat unter allen lebenden Dichtern die vorzüglichsten deutschen Volksstücke geschrieben, ohne ihnen diese Bezeichnung zu geben. „Die Weber", „Hanneles Himmelfahrt", diese feinste seiner Dichtungen, „Der Biberpelz", „Florian Geyer", „Fuhrmann Henschel", „Der rote Hahn", „Rose Bernd", diese alle sind wahre und wahrhaftige Volksstücke von so schlichter als echter und tiefer Kunst. Auch ivir in Hessen haben drei starke Volksdichter: Adam Karillon, Wilhelm Holzauier und Alfred Bock. Jndeß bewegen sich alle drei ausschließlich oder doch im wesentlichen, zum mindesten mit besonderem Glück auf dem Gebiete des Romans oder derNovellel Holzamers Volksschullehrerstück „Um die Zukunft" hat freilich in Leipzig vor Jahr und Tag einen Achtungserfolg errungen, und wir haben bisher immer gehofft, es einnial auch auf unserer Gießener Bühne zu sehen. Diese drei haben über Hessen hinaus längst Beachtung und Anerkennung gefunden. In engeren Heimatkreisen errang sich noch mancher andere Volksschriftsteller Erfolg, dieser oder jener auch auf den Brettern, die unverbürgtem Gerüchte zufolge die Welt bedeuten sollen. Ein Hesse aber wars, der eines der bedeutendsten Volksstücke deutscher Sprache geschrieben hat, Ernst Elias Niebcrgall. Georg Fuchs hat vor einem Jahrzehnt in der Wiener „Zeit" den „Datterich" als „die beste deutsche Komödie" gepriesen. Mit einem neuen Versuche, die Hess. Volksstücklsteratur zu bereichern, ist nun der Pfarrer von Reiskirchen, Karl H. Gombel, hervorgetreten. Unter dem Titel „Die alte und die neue Welt" hat er ein „Volksschauspiel aus Oberhessen" unlängst im Druck erscheinen lassen. Die Handlung ist geringfügig und locker gereiht. Ein junger Bahnarbeiter, der Sohn einer braven Bäuerin, ist aus dem Staatsdienst entlassen worden aus Gründen von unerheblichem Belang. Er hat aber obendrein einer schweren Fundunterschlagung sich schuldig gemacht und das unredlich erworbene Geld einem dunkeln Ehrennianne, dem Dorfgastwirte, anvertraut. Nun kommt in dieses Vogelsbergdorf der Verlierer des Geldes als Geschäftsreisender, ein einstiger Mitschüler des Dorflehrers und Liebhaber der Wirtstochter, in deren Händen er zufällig den einst verlorenen Geldbeutel bemerkt. So gelangt er hinter all die Heimlichkeiten, führt aber mit Hilfe des Lehrers ein allseits glückliches Ende herbei, indem er vom Wirte die Hand von dessen Tochter sich erzwingt. Die Fabel des Stückes ist, tute man sieht, konventionell, und was die Technik, vornehmlich die Szenenführung anbelangt, so hätte der Verfasser sich wohl bester vor der Niederschrift mit einem Theaterpraktiker beraten. Nach seiner Angabe hat das Stück zwei Aufzüge, aber nicht weniger als sechsmaligen Szenenwechsel würde eine Aufführung des nur 32 Druckseiten zählenden Stückes veranlassen. Und doch könnte eine kundige Hand leicht ein paar Szenen zusammenziehen, die Szene in der Lehrerwohnung als von geringem Belang streichen und nur im Wirtshanse und in der Wohnung der alten Annemarie alle Vorgänge sich abspielen lassen. So könnten z. B. die beiden ersten Szenen gleich sehr wohl ins Wirtshaus verlegt werden. Der Lehrer zeichnet draußen vor dem Fenster und der Bauer Schwer schaut ihm drinnen zu. Auch hätte die Ver- und Entwickelung sich dramatischer gestalten lassen, durch anfängliche bloße unbestimmte Andeutungen des Vergehens. Die Szene von der Auffindung des Geldbeutels wäre dann in den Vordergrund gerückt und hätte die Spannung geschaffen, um zum Schluß mit der Lösung des Knotens auch die Lösung der Freveltat der beiden Männer zu bringen. Doch dem Verfasser war einzige Hauptsache die Milieuschilderung, rind sie macht denn auch den Eindruck sicherer Lebensivahrheit. Redlich ist die Charakterisierung der Dorf- bevölkerrmg und von organischer Einheitlichkeit» Vorzüglich ist die Behandlung des Dialekts. Die besten unter unseren Dialektdichtern, Hebel, Reuter, Groth, schrieben, streng genommen, garnicht im Dialekt, indem sie nur die Wortformen den Mundarten entnahmen, das Wesentliche, die Syntax, aber nicht. Gerhard Hauptmann versuchte als erster die syntaktischen Elemente gleichfalls im Geiste der Mundart zu gestalten, und Gombel tut es ihm nach. Und ergiebig erweist sich dabei in den Wirtshausszenen die Quelle seines Humors. Die Charakteristik der wesentlichen Persönlichkeiten ist wohl gelungen, am besten die des ideal gesonnenen, verständigen Lehrers, eines Mannes von tiefer und weiter Bildung und Gemütstiefe, die wir ja glücklicherweise in Hessens tüchtigem Lehrerstande nicht selten antreffen, sowie der beiden Bösewichte, von denen der eine, der junge Arbeiter, im Grunde gar keiner ist, und von dessen wackeren Mutter. Jedenfalls ist nichts Schablonenhaftes in dem Stücke, vielmehr besitzt die oberhesfische Dorfbevölkerung in Gombel einen Schilderer von schöner Aufrichtigkeit, der sich in das Leben seiner Bauern mit warmem Herzen und natürlichem Humor versenkt heet. P. W» Koetße -md der KssOsKreis- D i e n e u e r w o r b e n e Autographensa m m l u n g i m Freien Deutschen Hoch stist zu F r anks u rt a. M. Nachdruck verboten. Frankfurts hochherziger Bürgersinn hat sich wieder seines altbewährten Rickes würdig gezeigt, als er es ermöglichte, auf d Wege der Sammlung die für das Goethemusenm und das Freie deutsche Hochstist wichtigsten Stücke aus der großartigen Ämo- grapheusammlung des 1904 verstorbenen Berliner Kunstmcicens Alexander Meyer-Cohn zu erwerben. Nunmehr ist im Goethemuseum aui kurze Zeit eine Ausstellung dieser neuer- worbenen Schätze inszeniert. Von denr mehr als hundert Nummern umfassenden Bestands der Schenkung seien hier folgeitde erivähnt. Vor allem ist au§ denr Nachlaß von Goethes Jugendfremrd Friedrich Heinrich Jacobi ein Briefwechsel urit Goethe (95 Briefe und zwei Gedichte) höchst wertvoll. Die beiben Dichtungen sind das bekannte, später „W a n d er e rs S t ur ml i e d" („Wenn du nicht verlassest, Genius . .") benannte und das von ihm selbst als Erotikon bezeichnete „D i e Morgen klag e". Aus dem nämlichen Nachlasse stammt auch noch das Manuskript „Zum Schäkespears Tag", jene Rede des jungen Dichters, bic wohl als ein Teil der „Liturgie", der „mit großem Pompe" im Goethehause begangenen Feier des „Williamstages" (14. Oktober 1771) zu betrachten ist. Es ist fast als das Programm des Stlirni und Drang aufzuiassen. Auch das concerto dramatico von 1772 ivar in Jacobis Besitz. Der Titel lautet: Concerto dramatico composto d al Sgr. Dottore Flamminio detto Panurgo seeondo Auszusühren in der Darmstädter Gememscha't der Heiligen. < Mr dramatische Scherz in Versen, zutveiken sehr derb, unter «m Einfluß Mercks und Jacobis entstanden. 71 eigenhändige und 14 von Schreiberhand geschriebene- mit Goethes Unterschrift Versehene Briefe geben Wer das schwärmerische Freimdesvcrhält- ms mit Jacobi, das bis an die Schwelle des Greisenalters fortbauerte, beredten Ausschluß. — Ans der Frankfurter Zeit sind uns noch Briefe von Goethes Baier, des Seniors Fresenius!, des Seelsorgers der Familie Goethe, der die Eltern traute und den jungen Wolfgang taufte, des' Legations- rats Jo h. Friedr. Moritz, eines Familienfreundes, der auch mt Goethehause selbst wohnte, und Anderer erhalten. Auch ein« höchst wertvolle Empsehlungskarte des G a st h a u s e s z u m W e t - den Hof an der Zeil, ein alter Kupferstich, der uns das Bild des großelterlichen Hauses väterlicher Seite aufbewahrt hat, ist der Sammlung einverleibt. Der Kreis der Sturmer und Dränger ist in einer großen Zahl von Handschriften und Briesen vertreten. Eine getreue Silhouette Klingers, ein Bries des Jugendfreundes Wagner, eine Originalsilhouette Joh. Gottfr. Herders, Schreiben Bür- gers, der Gräfin Auguste Stolberg u. a. m. geben über diese Mauserungsperiode foieS Genies Ausschluß. Auch die Nniver- sitatszeit wird durch eine Reihe von ANtographen illustriert. So ein Stammbuchblatt der S c s c n h e i m e r Friederike vom 4. Oktober 1807, Briefe des M a x e Brenta n o - R o ch e, seiner Lehrer, des Geheimrats I v h. Ries e, des H. Chr. Senckenberg, des Malers Nothnagel, ferner ein.Bücherzeichen in Seide mit RothnagelschKm Kupferstich, der „schönen Seele" Susanne von Klettenberg einst gehörend. Tie> schöne Zeit in Wetzlar, in der der Liebesroman des Werth:r entstand, wird uns durch Briefe Ioh. Friedr. Icrusalems, Originals des jungen Werther, und durch das Bild dessen Balers, 176 des' namhaften Kanzelredners', näher gebracht. Mch der Gießener Professor Hopfner ist burd) Manuskripte vertreten. An die späteren Frankfurter Besuche im Jahre 1797 und 1814—1815 bringen ein Brief seiner Suleika vom Stift Nenbnrg bei Heidelberg, weiter Briese der Sophie von Laroche, des unglücklichen Hölderlin re. lebhafte Erinnerungen wieder. Hier ist auch eine höchst wertvolle Sammlung, A l b u rn- blätterzurSäkularfeiervonl849 eingereiht. Fichte, G e r v i n u s und vor allem Schopenhauer sind hierbei mit Manuskripten vertreten. „Nicht bekränzte Monumente, noch Ka- nonensalvcn, noch! Glockengeläute, geschweige Festmahle mit Reden, reichen hin, das schwere und ernpörende Unrecht zu sühnen, welches Goethe erleidet in Betvefs seiner Farbenlehre," so beginnt der Philosoph seine überzeugende Verteidigungsrede für den Natur- imsfenschaftler Goethe. Uebrigens hat anno 1849 bereits ein jetzt verschollener „Go ethev crein" existiert, wie cs das Siegel dieser Bereinigung zur Genüge dartut. Aiis der Weinrarer Zeit ist besonders ein Miniaturbild Wielands zu erwähnen, ein Kunstwerk, das den sinnlichen Zug irr des alternden Wielands Gesicht vorzüglich wiedergibt. Ter Naturwissenschaftler Goethe bringt Manuskripte von den beiden Humboldts, von dem Makrobiotiker H u f c l a n d, von S ö m- mering u. a. Die Knust ist stark vertreten. Aas Theater, dem Goethe sein vollstes Interesse zuwandte, ist durch ein Porträt der C o r v n a S ch r ö t e r, der schönen und liebenswürdigen Schauspielerin und Sängerin, die Goethe bereits von Leipzig her kannte und andichtcte, am Platze: Manuskripte von Goethes Haus- kapelliileister Eberwein, dem Berliner Musiker Zelter und dem Liedcrkomponisten Reichardt vervollständigen die Samm- lung. Tie angewandte Kunst bringt ebenfalls viel Material in die neue Sammlung. Tischbein, Rauchs der Kupferstecher Schwerdt- geburth, der Bildhauer Tieck, Bettina von Arnim, die das Rauchsche später von Marches ausgeführte Modell bekanntlich als ihre Idee in Anspruch nahm, sind hier vertreten. Ein vergilbtes Blättchen, das gleich im ersten Schrank liegt, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist ein Schuldschreiben Goethes aus der Weimarer Zeit, Als er sich in einer finanziellen Krise befand. Man sieht den Schriftzügen an, sie sind im Affekt hingewvrfen. Die Krise war offenbar durch das wenig haushälterische Gebaren seiner Schwiegertochter Ottilie veranlaßt. Und es ging ihm eben, wie so vielen. Der Schwiegervater hatte das nötige Klei»>oe-d nicht flüssig. Auf jeden Fall ist aber dieser Zettel ungemein interessant und wertvoll. Auch die großartige Kleistsammlung ist mit diesen Goethestücken erworben worden. Es ist dies ein kostbarer handschriftlicher Schatz des genialen, unglücklichen Dichters. Die Briefe sind innerhalb eines Zeitraumes von mehr als zwei Jahren an seine ebenso unglückliche Braut Wilhelmine von Zengen gerichtet. „Liebes Mädchen! Schreibe mir nicht mehr! Ich habe keinen anderen Wunsch!, als bald zu sterben." — so hebt der letztdatterbe Brief vom 20. Mai 1802 in bangem Todesahnen an. Diese 34 Briefe sind von unschätzbarem Werte und ein bedeutender Schatz in dem nun so reichen Gocthemnseum. Dieses selbst leidet unter den Raumverhältnissen. Bald werden die Manuskripte wieder in den Laden und Truhen der Sammlung verschwinden, nur für wenige besonders Interessierte noch erreichbar. Josef M. Jurinek, Frankfurt a. M. vermSsrhSes. * Die S chul e der Verlobten. Aus New-Uork wird berichtet: Die Universität in Chikago, aus welcher schon verschiedene merkwürdige Vorschläge über wichtige Fragen des praktischen Lebens hervorgcgangcn sind, hat diesmal sich selbst übertroffen: Professor Henderson will au dieser fidelen Hochschule eine Schule für Verlobte einrichten. Sein Vorhaben hat in der ganzen Bürgerschaft lebhafte Entrüstung hervorgerufen. Der Professor hält es für notwendig, jungen Verlobten beizubringen, wie sie sich „rationell" zu lieben haben, auf daß man endlich einmal aus dem Zustande der Barbarei herauskomme, in welchem man sich gegenwärtig in der sentimentalen Periode, die der Eheschließung voran- geht, noch befindet. Für abschaffungswürdig hält der originelle Professor vor allem den Flirt und die Geschenke, die er einen „seltsamen Braucht und ein „unserer Zivilisation nicht angepaßtes Etwas" nennt. Die Frauen von Chikago haben sich „wie ein Mann" gegen Henderson erhoben. Eine Frauenzeitung bemerkt bissig, daß von allen Einwohnern Chikagos nur ein einziger noch Unterricht in der Liebe nötig hätte, und dieser eine sei besagter Henderson! Ein Mensch:, der den Flirt abschaffen wolle, könne nicht als ganz normal bezeichnet werden — ein Leben ohne Flirt sei ebenso wertlos wie ein« Hochschule mit einem Henderson. Ob nun den so gebrandmarkte Professor in sich gehen wird? Mode. — In heiterem, farbenfrohem Frühlingsumschlage liegt uns das erste Märzheft der „Mode vo n heute" (Frankfurt a. M.) von, schon in seiner äußeren Form den gewttinendsten Einhruch machend. Aber auch 'der Inhalt entspricht den weitestgehenden Forderungen, die man an eine erste Bdodezeitschrift stellen kann, Tie neuesten deutschen Modeströmungen sind eingehend in Mort und Bild berücksichtigt worden, nicht minder die jüngsten Schöpfun-i gen auf dem Gebiete der Pariser und Wiener Mode, Handarbeiten,! Wüsche, Sportnwden rc. kamen gleichfalls nicht zu kurz, wie ferner die ständigen Rubriken Küche und Haushalt, Schönheits^ und Gesundheitspflege, Kinderpflege, Hygienischer Ratgeber, Haus-, garten, Erergnisse und Erlebnisse aus der Frauenwelt über ciu« Fülle interessanten und wissenswerten Materials enthalten. Inh literarischen Teil erzählt Carmen Sylva — Königin Elisabeth von Rumänien — aus das anziehendste aus ihrer Jugend an« Rhein, vor uns ernste und heitere Bilder ihrer Kindheit entrollend. Georges de Tnbor, der hervorragende französische Schriftsteller, dessen letzter spannender Roman aus dem Altertum soeben inA deutsche übersetzt ward, plaudert in liebenswürdiger Form über „das weibliche Personal der Pariser Oper", viele Anregungen geben Agnes Harder in ihrem Essay: „Ein Sttauß Ranunkeln mohn"' >umd L. Malten in ihrer „Erziehung zur Schönheit"/ Kunst und Musik, Gesellschastsleben, Literatur, der Interessen- kreis des Kindes müssen dann noch erwähnt werden neben dem! spannenden Roman von Georg Wasner und den weiteren Ver- öffentlichnngeu des Preisausschreibens: „Welches ist die schätzens^ werteste Eigenschaft des Mannes." — ©in verschollenesGedichtHebbels veröffentlich Dr. Maxim Kobn. Er sand das Gedicht durch Zutoll in der kurz- lebigen Zeitschrift „Braga, Organ <üv Wissenschaft und Kunst, redigiert von einem Kreise deutscher Jünglinge". Tie Redaktion hatte sich an den gefeierten Dichter in Wien gewandt, der für das Januarheft 1862 „mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit dis Jugendarbeit zur Verfügung gestellt hat". Tas Gedicht tontet: Sonett. Was ist ein Hauch? Ein Nichts, wird mancher sagen, Ntaii fühlt ihn kauin, wenn er vorüberschwebt; Und was geheim »ind glühend in ihm ivebt, Ob man es spürt, man kann es nicht erjagen. Was ist ein Hauch? Ich wist den Kranken fragen, Der zweifelt, ob er noch den Lenz erlebt, Und dessen Herz in dttnkler Sehnsucht strebt, In eine letzte Blüte aiiszuschlagen. Ihm küßt ein kühler Hauch die heißei» Wangen, Da träumt er still, der Frühling sei gekominen Und jedes Blütenleben aufgegangen. In dieser Wonne ivird er fortgenommeil Und hat vielleicht ein größeres Entzücken Als alle, die die Blumen wirklich pflücken. Rösselsprung. (Nachdruck verboten.) Auflösung in nächster Nummer das ist wo Er- es Kette s» A- Tage beit nur vom Schutt nur sich ner es Herz auf sonst ist baut sche Schlage kei- len hängt und rech- zum sei- ein so- Graus ne Hel« in Ster- ten Macht nicht Schim« te lein kei- glücks Nacht und hät° groß noch Nacht nett- schafft ein Un- ihren die mer ist Blüm- nes haus die Auflösung des Logogriphs in voriger Nummerr Most, Post, Rost, Frost, Trost, Ost. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'icben Univertttäts-Buch» und Stetndruckeret. R» Lange, Gieße»