Ar. 189 1907 Töt™ 51TM fwfflbS ÄCw:( ; । WeilmachismärEen. Von Kur d Laß Witz.*) Nachdruck verboten. Vor der künstlichen Grotte inr winterlichen Park stand die junge Tanne. Die Sterne leuchteten durch die stille Luft. Klar hatte sich der Abend herabgesenkt — der Weihnachtsabend. lieber die beschneite Wiese und den gefrorenen Teich, zwischen den kahlen Aesten der hohen Buchen, strahlten Helle Fenster einzelner .Häuser, und ein undeutlicher Lichtschimmer hinter ihnen verriet die belebte Stadt. Aber verlassen lagen die Wege des Parks. „Da prangen sie wieder im Festschmuck," murrte die Tanne, „all die grünen Schwestern, die man hereingebracht hat von: Lande, vom rauhen Walde. Mit silbernen Streifen sind sie geschmückt ititb mit funkelnden Kerzen, den Tag des Lichtes zu feiern. Und ich, die ich hier stehe im fürstlichen Park, ich, an der morgen so viele geputzte Menschen vorüberwandeln werden, ich bleibe ungeschmückt und verlassen." „Gräm dich nicht," tönte es leise in der Luft. „Ich schmücke dich." „Wer bist du?" fragte die Tanne. „Fühlst du es nicht an den Spitzen deiner Blätter, wie meine kühle .Hand dich streichelt? Der Ranhreif bin ich. Schon schimmern an deinen Zweigen kleine blitzende Kristalle." „Aber es sind keine Lichter," sagte die Tanne mürrisch. „Ich will drüben in dem stattlichen .Hause auf der großen Diele stehen, wo die Menschen mich anstaunen und nur huldigen." „Dir huldigen? O nein, du ständest nur dort, ihnen zu dienen zum Glanze ihres Festes. Denn die Menschen sind es, die dieses Fest feiern, die heilige Nacht. Ihnen ist sie heilig; ihnen wiederholt sie das befreiende Bewußtsein, daß sie alle zusammengehören, daß sie füreinander stehen im gemeinsamen Dienste der Arbeit imb der Liebe. Und solches Heil kommt nur den Menschen zu." „Belehre mich doch nicht, weiser Rauhreif. Ich weiß es besser. Ich habe die Vorträge der klugen Eule gehört, die hinten in der Grotte wohnt und manche Sommernacht auf meinen Aesten ausrnhte. Es ist das große Fest der Wiederkehr des Lichts, das sie begehen. Und mit ihnen feiert cs alle Natur hier draußen. Vorüber ist der kürzeste Tag. 9hut mehrt sich wieder der Sonnenschein über dem Lande. Bald saug' ich neu und kräftiger die Luft durch *) Aus des Verfassers unlängst in stark vermehrter Auflage (3. und 4. Tausend) bei B. Elischcr Nächst in Leipzig erschienenen teils ziemlich poesievollen, teils naturwissenschaftlich phantastischen Märchen „Traum kristalle". Prof. Dr. Lastwitz erhielt bekanntlich vor kurzem mit Wilhelm Raabe den Bauern- ieldpreis. meine Nadeln ititb bereite die jungen Triebe zum Ergrünen' vor. Neues Leben lvird durch die Welt flirten. In dieser Erwartung freuen wir uns alle. Es ist kein Fest nur für die Menschen, mtb ich sehe nicht ein, warum ich's nicht- für mich feiern soll." „Ganz recht," sagte der Rauhreif. „Das bestreite ich dir nicht. Aber du siehst mir die eine Seite der Sache, den äußeren Anlaß. Die ganze'Tiefe dieser Wiedergeburt vermagst du nicht zu durchschauen, iveil du kein Mensch bist." „Bist du es vielleicht?" „Ich bin es nicht, aber ich bin etwas, das allen Menschen gemeinsam ist wie das heilige Gefühl, das ihnen iw dieser Nacht lebendig ward. Ich bin die lebendige Luft/ ich bin der Atem. Psyche nannten mich die Alten, denn ich bin die Seele, die durch die ganze Menschheit atmet Ich ziehe durch die Körper der Menschen, solange sie leben, und ströme uni das Rund der Erde und verbinde Mensch mit Mensch. Sie atmen mich ein und aus. Durch die Menschheit lauf' ich meinen belebenden Kreis. Und so weiß ich alles, was ihnen allen zukommt. Und siehe, in dieser Nacht wird es ihnen belvußt, was jeder als Mensch dem andern schuldig ist, iveil der eine nichts ist ohne den, andern. Wie ich sie umschlinge mit dem gemeinsanren Hauch' meines Atems, so sind auch ihre Herzen zusammenge-- schlossen durch ein unsichtbares Band, ohne das sie nichts weiter wären als die lichtdurstenden Teile der Natur. Und in dieser Nacht erglüht dieses Band warm in den Menschen-, herzen, daß sie es spüren als eine weltzwiugende Macht, als Menschenliebe. Und darum können sie dieses Fest nur feiern in der Gemeinsamkeit. Wer heute einsam ist, der ist nicht froh in seiner Menschenart, dem glühen die Lichter nichl am Baum." „Noch glaub' ich's nicht, was du sagst. Aber sieh, dck näht ein einzelner Mensch. Ich sah ihn oft am Abend hier ivandeln mit einem andern Wesen. Seit einiger Zeit kommt er allein. Und du glaubst, daß er das Fest nicht feiern könne?" „Laß uns hören. Er ist ein Dichter. Und Dichter können wir Naturgeister vernehmen, auch wenn nur ihre Seele spricht." — Der einsame Wanderer blieb unter der Tanne stehen' und blickte hinüber nach dem Lichtschimmer der Stadt. Und der Nauhsrost und die Tanne hörten, was in ihm spracht „Tag der Freude, - . Weltbeglückender x _______•» Bote der segnenden ,r Allumfassenden Menschenliebe! ' Bebende Hoffnung Späht aus glanzenden Kinderangen • ' Selig entgegen dir. Und die einsame Träne •<- Auf der Wange der Armut rinnt 1 ' Dir in zitterndem Danke." 754 der ge- Wie Wer Palmen einst Den irrenden Weisen strahlend, Winkt er Verheißung auch uns Durch das Geheimnis Unendlicher Liebe." (Schluß folgt.) „Hörst du?" rief die Tanne triumphierend. „Er preist das Fest, und dennoch ist er allein." „Merkst du nicht," entgegnete der Rauhreif, „daß seine Seele traurig ist? Laß uns weiter lauschen." j Wie der Mter feine K-cker verkaufen wollte. Humor im Dorflebeu der Ob er he ff en. (Nachdruck verboten.) Von der Stemmühle an der Wetter kam der mit dicken Eichenbohlen schwcrbeladcue Wagen des Bauern — und Wagners im Nebenamt — Peter Werner aus Bergheim nach Thaldoif gefahren. Thaldvrf war Werners Geburtsort, aber nicht lieblich waren seine Erinnerungen an die hier verbrachte Jugendzeit. Von der Natur mit einer starken Dosis Dummheit, innig vermengt mit ebensoviel Selbstüberhebung — er besaß ein für Thal- dorfer Verhältnisse großes Vermögen — begabt, hatte er es nie zu einem guten Kameraden, geschweige zu einem Freunde gebracht. So war die Zeit der Heirat für ihn gekommen, aber e8 war, als sich die ganze,Jugend von Thaldorf gegen ihn verschworen, kein Mädchen hielt (eine eifrigen Werbungen für ernst. Mehrer« und zwar recht ausgewachsene Körbe nannte er schon sein eigen, „oon häi kriegt der kaa Fraa", hieß es im Dorfe, „dann wer den kennt, der nimmt ihn mut, un wer ihn nimmt, der kennt ihn näit." Endlich empfahl ihn ein Verwandter nach dem etwa HA' Stunden entfernten Bergheim, und weil Peter „Sach" (Vermögen) hatte, geriet der Handel. Der in seiner Heimat Verkannte rückte bald als der Mann der einzigen Tochter des Bergheimer Gemeinderechners in seiner neuen Heimat ein. Aber schon nach einem Vierteljahr wäre ihn der Schwiegervater gern los gewesen, Wenns zu machen gewesen wäre. So mußte er sich in-it ihm vertragen, so gut es geheii wollte. Nach Thaldvrf kam Peter nur noch selten, ja er würde auch heute auf der Durchfahrt nach Bergheim nicht angehalten haben, wenn ihm nicht int Vorbeifahren am „Kaffilorenz", der be- lrebtesten Wirtschaft des Ortes, ein früherer Schulkamerad von der Wirtsstube aus zugewiukt hätte. Peter kam ein Gedanke; dies geschah selten genug, wenn es aber geschah, setzte er ihn gewöhnlich auch gleich in die Tat um. Eilfertig stieg er ab, nickte dem Winkenden zu, hängte die eine Zugkette des Pferdes ab und warf dem, Tiere den gefüllten Heusack vor. Dami trat er in das Haus ein. Drei ihm bekannte Thaldorfer begrüßten ihir, er dankte. Peter gedachte ein Geschäft zu machen. Sein Thaldorfer Gut war iwch größtenteils unverkauft, weil die dortigen Bauern sich jetzt ebensosehr gegen seine hohen Forderuiigen sträubten, als dies früher die Mädchen seinen Umarmungsversucheu gegenüber getan hatten. Dem geröteten Antlitz des winkenden Wirts- I Hausbesuchers hatte Werner, angemerkt, daß sein Besitzer schon weidlich gerecht hatte, und darauf baute er seinen Plan. „Gun Tag Willem!" rief er ihm zu, „wäi schauts!" „Gout, Peter, immer noch aus zwaa Llage", !var die Antwort, „wäi kimmst Ton dann wirrer emol nach Dhaldorf? Mr sieht Dich so sealle (selten) Hai (hier). Tein Aeckerpoocht hvalt Dein Schwiegervoater immer, warim kimmste näit sealbst? Tein Schwiegerovater eaß e Geizkroage, Dou behst aain (einem) doch eher eabbes zoum Beste geawe." , „Dodriwer (darüber s. v. w. deshalb) sein eich alleweil pabgestije, Willem", sagte Peter und rief dem Wirte zu: „Lorenz, e Vertelche Frichtschnaps vom Goure (vom Guten)!" Ein Biertelchen gab's andere, und bald rückte der Neuangekommene mit seinem Plane heraus, den drei Anwesenden, die er durch sein Traktieren willfährig genug glaubte, einige seiner Aecker aufzuschwatzen. Er meinte, recht klug zu Werke gegangen zu sein. . Aber seine Tischgetiossen hatten den „Schnobbe" (Schnupfen (Absicht)) gemerkt und gingen nicht auf seine Anerbietungen ein, obgleich er immer und immer wieder versicherte, so guten Freunden wie den Anwesenden würde er seine Stecker billiger, viel billiger geben als jedem andern Thaldorfer. „Tein Frichtschnaps batt (nützt) Dich bei uns nant, Peter", erklärte ihm einer, „mir sein off Schnaps geeicht." Peter mußte eiidlich einsehen, daß er Zeit imd Geld vergeblich opferte, und wurde grob. „Ja, wann Ihr Geald (Geld) hätt', dann deht Ihr gern kaafe, oawer (aber) Ihr hott naut. Ean (in) Bergh'm, do eaß Geald dehaam,. wann eich mein Aecker do hätt', dann deht eich Nch (Euch) all auslache." Einer der Zuhörer wollte erregt auffahren,, Willem aber. begütigte ihn: „He hott so väil Schnaps fir naut un wirrer naut (für nichts und wieder nichts) bezoahlt, nun derf he aach emol refonniern", und zu Peter gewandt, meinte er: „Lost Dr doch Tein Aecker nooch (nach) Bergh'm soahrn, wann se do so deuer fern." Peter sagte spöttisch: „Ei no, Ihr drei Lon-uks Foahrn ja rwernemme, Ihr hott ja doch d's ganz Johr weirer (weiter) naut se dauhn (tun), als se (zu) faulenze, oawer ean» Wertshaus 1 fe setze. Foahrt se enitver (hiniiber), eich bezoahls Ich gant." Der Mann trat hinter der Tanite in den Eingang Grotte. Dort stand er lange, dicht in seinen Mantel hüllt, und blickte hinaus tu die Nacht In seiner Seele aber klang es leise: „Holde Weihnacht! Warum mir. Mir verbirgst du das Glück, Mir der Liebsten Lächelndes, süßes Antlitz? Uns versagst du Freundlicher Gäbet! Freien Tausch, Bon Äug' zu Auge Den Dankesblick Unter der häuslichen Tanne? Ach, unsre Tannen Stehen draußen im weißen Nebel Der winterlichen Mondnacht Im Rauhreif schimmernd. Und nur durch ihrer Schatten kalte Stille Menschenfern und einsam Flammt zu unfern Häupter» Der Stern der Liebe. Doch tief im Herzen, Misse, mein Lieb, Erricht' ich heimlich, Der Welt verborgen, Für dich allein Den Weihnachtsbaum. In meiner Seele Tiefinnerstem Grunde Steht er gewurzelt Mit treuen Gedanken, Und fest und sicher Empor zum Lichte Hebt sich der Stamm Hoffnungsfroher Liebe, Leise schwankt Sein grünes Gezweig Im Hauche der Sehnsucht, Geliebter Nähe Entgegenstrebend. Schimmernder Blüten Zierlichen Schmuck, Süßeste Gaben, Hast du mit tausend Küssen, Tausend zärtlichen, lieben Worten Angeheftet an seine Zweige, Goldne Früchte Leuchten dazwischen: Klingende Lieder, Durch deine Huld Hervorgezaubert aus meiner Seele. _ Und alles durchstrahlt Ein himmlischer Schein Vom Glanze der Kerzen, Den deiner Augen Wonnige Blicke, Wohin sie treffen, Mühend entzünden! Mein Lieb! Freundlich empfange Den festlichen Baum, Den bit bereitet Mit eigner Seele, Empfang ihn wieder Von deinem Freunde, Der dein gedenkt. Menschenfern und einsam Flammt zu unfern Häupten Der Stern der Liebe. Doch tief im Herzen, Mindersam und groß. 755 „Woas gebst De, Peter?" fragte Willen» rasch. „Fir jeden Woage (Wagen) voll von meine Aecker an Mark, bei so eure Verdienst kennt Ihr keawe (leben), iuiii die Ferschte (Mrsten). Daut Uch oawer ivait so wih (weh) debei, jeden Doag Aag) Je dritt »an Waage voll, mihu (mehr) werd Ihr Faulenzer doch näit sesomme fr je." Wütend erhob einer der Tisehgenvssen die Faust, Willen!« aber legte sich in’§ Mittel: „Nur kaan Streit, wann mirsch (wir cs) em Gourre ausmache kenne. Peter, e Mann, e Woart, gebst Ton 1 Mark fir jeden Woage voll, den mir Dir Breiige?" „Fix jeden Woage voll 1 Mark", war die Antwort, „woas eich vexspreache, doäs haatt (halte) eich aach." „East (ist) Tirsch (Dir es) aanerla, wann mir komme?" „Tvas eaß mir ganz gleich: Ihr werd so Baal (Bald) näit komme, Ihr Faulenzer, 's mißt dann sein, deaß (das;) Ihr aach gvar kaa Schnajiskreuzer mih nnnerscht (anderswo) vfsdreiwe (anf- tteiben) kennt." Mit diesen Worten wollte sich Peter empfehlen'. Aber der, der vorhin schon einmal mit der Faust gedroht hatte, packte ihn derb am Arm und rief: „Werf irscht (erst) noch eabbes (etwas) ean hie Oarmebichs' (Armenbüchse), däi yäi stiht, sost (sonst) giht Tirsch näit gont!" Peter riß sich los, holte einen Pfennig aus der Tasche und warf ihn aus den Tisch, indem er höhnisch äußerte: „Hai, Kasper, eaß’n Pfennig für die Oarme, haagt (haut) Uch oawer näit drimm founnic [um das Gelds), wann's Geald verdaalt (verteilt) werd; Ihr daalt doch sicher alle 3 met, wann's inner (unter) die Oarme finnnt." Damit Verschivaud er rasch; es war aber auch die höchste Zeit, denn nur mit größter Mühe gelang es Willem, dem ruhigsten unter ihnen, seine Trinkgenossen an» Tisch festzuhalten. „Mir kriegen 'n, mir fr regem ’n, verlosch Uch off meich; eich hnn 'n alleweil can dr Hand!" * Es war einige Wochen spater an einemi Mittwockmbend zwischen 10 und 11 Uhr; da knarrten durch die Hmiptstvaße von Bergheim drei schlverbeladene Wagen. Tie meisten Einwohner des Fleckens waren schon zur Ruhe gegangen. Der mit schweren Wolken verhängte Himmel lief; kein Licht zur Erde. In der Nebengasse, in welcher Peter Werner auch schon längst in seinem schwiegerväterlicksen Heim die Bettdecke über die Ohren gezogen hatte, wars stichdunkel. Und gerade in diese Gasse bogen die drei Lastwagen ein. Ein Peitschenknall ertönte, der Zug hielt. An das Fenster von Peter Werners Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Schlafstube war, pochte der Peitschenstiel des Fuhrmanns vom vordersten Wagen. Ohne Erfolg. Wieder klirrte die Scheibe; keineBewegung im Inneren des Hauses. Der dritte, etwas verstärkte Angriff «ns das Fensterglas hatte endlich die gewünschte Wirkung. Eine weiße Gestalt erschien am Fenster, ein Flügel wurde halb geöffnet: „Wer eaß dans (draußen)?" „fDZit"?"_ „Deaß Jhrsch seid, doas hier» (höre) eich, wer eaß oawer der „Mir?" „Eich sein der Dhaldorser Willem, hinner (hinter) mir häält (hält) der HanupWiPpS Kasper, tm hinner deam or Scholtheße Karl." „Woas wollt Ihr dann?" fragte Peter. „Mir hnn ’n Taal (Teil) von Deine Aecker metgebroocht (mit- gebracht), drei Woage voll, stih off un weis’ (zeige) uns, wuh mir oabloare (abladen) solle." „Ihr seid narrig'" erscholl's vom Fenster her, und klirrend flog dieses zu. Einige Minuten Stille, drinnen wie draußen. „Willem, klopp iwch emol!" rief’s jetzt vom zweiten Wagen her. Mehrmaliges Pochen ließ den erbosten' Bergheimer wieder MU> Fenster erscheinen. „Peter, etz mach kaa Flause, saa (sag) uns, wuh mir oabloare (abladen) solle, bezoahl uns die Foahrt (Fahrt), nachher leg Dich wirrer (wieder) ean Dein Bett, solang De willst,'mir oarde (warten) naut mih lang. Wann's uns se lang dauert, schmeiße mir Dir d’ ganze Dreack (Dreck) der (Vor) Denn Haus, häi off die Gasse un soahrn fort; mach also e Bessi (bißchen) schwinn." Peter, der endlich begriff, daß die Sache ernst zu sein schien, fing an zu unterhandeln: „Kreisch doch näit so laut, Willem, es eaß näit nihrig (nötig), deaß die ganz Gemaan (Gemeinde) ean mein Schwiegervoater wacker wern. Foahrt haam, ich halt’ jo neulich nur Späsf genwacht!" „Späsf hin, Späsf her! Mir fein Hai met drei Woage voll, Wär Tons bestellt host, bezoahl uns, uw'dann beaft (bist) Don uns ins slos), wann m’r oabloare htm (haben). „Eich wern Uch (Euch) Au (Euere) Dommheit aach iwch be- zoahle", rief Peter, wütend Mrnck; da horte er zu feinem Ent- seheu auch schon die ersten Brocken auf die Straße rollen. „Ei, hiert (hört) doch off", rief er erschrocken hinab, „mir ivvlle sich aanige, (einigen). Wann's mei Schwiegervoater hiert, gebt's Ungleck; woas wollt Ihr dann hun, wann Ihr den Dreack Wirrer mitneammt." „An Mark fir jeden Woage voll hin«, an Mark her", war die Antwort, „macht (macht) zwo Marl fir die Foabrt. mir fein Kvn dreatt (dritt), macht 6 Mark, geab's Geald, un mir soahvni vab (ab), eil Dich oawev e bessi, bei Deim Schwiegervoater vu-e (oben ean seiner Stuwe rompelt's schunt (schon)." Gern hätte Peter noch Einwände gemacht, die letzte Bemerkung Willems aber scheuchte ihn rasch ins Zimmer zurück. So viel man von der Straße aus hören' konnte, entstand dort ein kurzer, erregter Disput zwischen den Ehegatten. Die Bäuerin hatte natürlich vom Bett ans die ganze Berhandlung anaehört und kannte die Veranlassung gut genug. Ihr Mann hatte ihr nämlich am Abend nach jener Fahrt nach und von der Sleinmühle brühwarm erzählt, wie er den Wirtshausbrüdern in Thaldors einmal heimgeleuchtet habe. Zwei- ober dreimal flammte jetzt ein Streichholz in der Stube auf, Geldstücke klangen, ein Arm stieß das Fenster zum drittenmal aus und reichte etwas hinunter. „Meres!" riefs in dumpfem Tone als Quittung herauf, nachdem die tastende Hand die. harten Taler befühlt, bcis vorsichtige Auge dieselben beim unsicheren Scheine der tief unter dem Wagen hängenden Laterne geprüft hatte. „Gun Noacht (Gute Nacht), Peter, wann solle mir Dir die nechst Loaring (Ladung) Breiige ?" „Haal Dein Maul! Brengt mich näit ean's llugleck: aamol hun eich bezoahlt int näit wirrer, eich neamme (nehme) mein Woart von neulich ferecE (zurück)!" Zum drittenmal schloß sich das Fenster. Zuerst langsam, daun immer rascher rollten die Wagen die Gasse hinunter, auf Umwegen zur Hauptstraße zurück, zum Torfe hinaus, Thaldorf zu. Am andern Morgen fragte Peters Schwiegervater nach der Ursache der nächtlichen Ruhestörung. Peter erzählte mit ver- Bissenem Gesicht, mehrere Lastftihrlente ans „Gäiße" seien in der Dunkelheit von der Straße abgekommen und hätten sich Bei ihm erkundigt nach der einznschlagenden Richtung. „Tein Auslejimg (Auslegung) heint Noacht hott oawer e bessi lang gedauert", knurrte der Alte. „Se wollde mirsch irscht näit glaawe, wäi eichs ’n beschriwe hun, wäi se foahrn solide", war des Andern Antwort. „Täi Gäißcr wvarn scheint’s ean Draas-Horloff (Treis- Horloff) geweast," fing der Alte nochmals an. „Wäiso?" lautete Peters Gegenfrage. „Gih nur bei's /Feauster, ean guck eiwititer off die Gasse, do laje e poar ganze Draaser Briwtts un' aach Stecker. Eich maane, eich hütt's heint Noacht aach bollern hier», bfii wer» se vcrloarn hun, wäi se met Dir geschwätzt hun." Ter Schwiegersohn machte ein eigentümliches Gesicht zu dieser Entdeckung des alten Rechners. Ein Blick auf die «Lasse aber belehrte ihn über die Richtigkeit der eben gehörten Behauptung. Trotz seines schweren Begriffsvermögens kam ihm doch eine Ahnung, daß er noch viel mehr hereingefallen war, als er schon geglaubt hatte. Ein inhaltschwerer Bries — zwei blanke Tale«. lagen darin —, den Peter am folgenden Tage zugestellt bekam, bestätigte die Folgerung, die er schon gleich nach der Entdeckung der Briketts vor seinem Fenster zu ziehen gewagt hatte. Sein Freund Willem von Thaldorf, der lleberfenber des Briefes, schriebt „Lieber Peter! Gelt, wann Du vorgestern Abend gewißt hältst, was Du jetzt gleich erfahrn wirst, dann hältst Du uns die 12 Mark itit geben. Wie mir gestern Morgen zuhaus den Dreck aus unsere Wage bedracht habe, den mir von Bergheim Widder mit hierhcr- gebracht hatte, da warns lauter Treffer Briketts. Hatte mir zu bene paar vor Deim Haus die 3 Wage voll abgelade, Sa hast Tu lache kenne. So aber lache mir. Nix für ungut. Deine 6 Mark liege in diesem Brief. Mir wolle sie nicht, dann mir sinn von dem Spaß genug bezahlt. Wann mir im nechste Herbst Widder Briketts in Treis hole, kloppe mir Dich Widder heraus. Zu bezahle brauchst Du uns aber dann nix Mir. Nochmals nix für ungut! Es war wirklich gern geschehe. Wir grüßen Dich herzlich Deine Freunde Wilhelm Bernhard. Kaspar Best. Karl Schultheiß." Für den Spott brauchte der gute Peter in der nächsten Zeit nicht zu sorgen, dafür sorgten andere mehr, als ihm Heb war, — ei — vermischte». * Eine Unsitte in Raueherkreisen wird von Dr. E. Saalfeld in der „Medizinischen Klinik" gegeißelt. Viele Männer haben die Angewohnheit, die Zigarren vor dem Abschneiden der Spitze mit Speichel zu befeuehten. Benutzen sie ihren eigenen Zigarrenabschiieider, so läßt sich dagegen nichts sagen. Anders liegen aber die Verhältnisse, wenn nach dem Einspcicheln ein Instrument benutzt wird, das für den allgemeinen Gebrauch bestimmt ist. Dies ist in den meisten Zigarrenläden der Fall, in denen die bekannten guillotinenartigen Apparate zur Verwendung kommen, die — wie es in der Natur der Sacke liegt und der Wirklichkeit — 756 entspricht — niemals desinfiziert werden. Die Möglichkeit einer Uebertragung von Tuberkulose, Syphilis und anderen ansteckenden Krankheiten ist dabei nicht von der Hand zu weisen — ganz abgesehen von der Unappetitlichkeit dieser Unsitte. Dr. Saalfeld empfiehlt, dem Uebelstande durch Aufklärung des Publikums und durch entsprechende Plakate in den Zigarrenläden abzuhelfen. Es versteht sich, daß die gerügte Unsitte auch in kleinem Kreise bei gemeinschaftlich benutztem Zigarrenabschneider vermieden werden sott. Mrrsik. — Johann Sebastian Bach, dem großen Thomas- kantor, ist das neueste Heft der „Musik für Alle" geweiht. In die Weihnachtsstimmung führt uns zunächst das gerstüche Schlummerlied aus dem Weihnachtsoratorium. Einen starken Gegensatz zu dieser Arie bildet der kraftvolle Chorsatz aus der Kantate: „Bringet dem Herrn Ehre seines Namens". Wir können uns ferner in zwei herrlichen Stücken aus der H-moll-Messe, vielleicht das bedeutendste Werk des Schöpfers, erbauen. Der tiefe Schmerz des „Jncarnatus" und die Klagen des „Cruxifixus" ist wohl nie in stärkerer Ueberzeugung gesungen worden. Zwei geistliche und zwei weltliche Lieder geben uns Beweis, wie groß Bach auch auf diesem Gebiet war. Wohl am bekanntesten find die beiden Kompositionen, das „erste Präludium" des „wohltemperierten Klaviers", die Unterlage zu der Meditation von Gounod und das Air für Violine und Klavier. In einem fast modern zu ueuneuden Humor zeigt sich der Meister in feinen Tanzen, von denen vier der graziösesten, charakteristischsten znm Abdruck gelangt sind. Den Abschluß des Heftes bilden drei Stücke aus einer der lustigsten Kantate: „Mer Hahn en neue Oberkeet", die zum Empfang irgend eines neuen ländlichen Vorgesetzten geschrieben tvnrde. Das Heft der „Musik für Alle" ist durch jede Buch- und Musikalienhandlung zu beziehen. (Verlag lut» stein u. Co., Berlin SW. 68.) Weihrrachtsliteratur. — Oskar Wilde, Werke in deutscher Sprache. Wien und Leipzig. Wiener Verlag. 12 Bände. — Der erste Baud enthält die Gedichte in der Uebersetzung von Otto Ganser, der zweite das „Bildnis des Dorian Gray", deutsch von W. Fred, der dritte deu „Glücklichen Prinzen" mit vier anderen Parabeln, die Gedichte in Prosa, „Die geheimnisvolle Sphinx", den „Geist von Canterville" und „Modell und Millionär", deutsch von R. Lothar, der vierte „Ein Haus aus Aepselu der Granate", „Das Bild des Herrn W. G." und „Lord Arthur Savills Verbrechen", deutsch von Frieda Uhl, der fünfte „Betrachtungen" (Vorlesung über englische Renaissance, Anfänge der historischen Praktik, Kinder im Gefängnis, Rosenblatt und Apfelblatt, Sätze und Lehren znm Gebrauch für die Jugend, Die Seele des Menschen und der Sozialismus), deutsch von verschiedenen, der sechste „Ziele", deutsch von Paul Wertheimer (Wahrheit der Masken, Kritiker als Künstler, Verfall des Lügens, Feder, Pinsel und Gift). Mit dem 7. Bande beginnen die Dramen. Sie leitet ein dramaturgischer Essay von F. P. Greve vorbereitend ein. Es folgt das in Deutschland bisher noch ganz unbekannte Drama „Vera oder die Nihilisten". Baud 8 bringt die viel umstrittene „Salome", übersetzt von Frieda Uhl, und die Tragödie. „Die Herzogin von Padua", übersetzt von dem Gießener M a x M e y e r- f e l d; Band 9 die Schauspiele „Lady Windermeres Fächer" und „Eine Frau ohne Bedeutung"; Band 10 den auch in Gießen wiederholt gegebenen geistreichen „IdealenGatten" und die Komödie „Vunbury". Die beiden letzten Bände enthalten bie mit vielen Illustrativ mm geschmückte, von hinreißender Liebe zum Dichter diktierte Biographie Wildes von R. H. Sherard. Jeder Baud ist auch einzeln znm Preise von 2 Mark käuflich. Tie Inhaltsangabe zeigt, daß die Ausgabe ausgenommen hat, was bis auf „De Profundis" aufzunehmen war (die „Ballade vom Zuchthaus zu Reading" steht unter den Gedichten). Tie Gedichte sind wohl vollständig. Bei dem Wetteifer der deutschen Verleger haben tvir keinen Mangel an Uebertragungen einzelner Werk^ Wildes, und es gibt schlechthin klassische darunter. Die Kritik wird aber gern anerkennen, daß die Uebertragungen dieser neuen Gesamt-Ausgabe des Engländers würdig sind, und da auch als Buch betrachtet die Ausgabe recht angenehm wirkt, so wird man sie empfehlen können. Bei der Gesamtbetrachtung dieser zwölf Bände stellt sich heraus, daß man sich in Wilde mit außerordentlichem Vergnügen hineinliest und daß er im Verlaus der. Bände nicht ermüdet, sondern gewinnt. Es gibt Leute, denen Wilde absolut unsympathisch ist und nach ihres Wesens 'Art unsympathisch sein muß, aber es muß auch seinen Freunden unbe- uommen bleiben, in ihm einen der packendsten und glänzendsten Künstler sehen zu dürfen. Es schien in der letzten Zeit, als sei mit dem „Salomerummel", an dem Wilde unschuldig war, auch sein Stern verblichen — jedoch geht von ein paar Seiten, ein paar Sätzen seiner Hand immer noch der alte Zauber aus. — Ridea m u s, der unter diesem lateinischen Teckworte sich verbergende lachende Berliner Poet, hat „Hugdietrichs Braut fahrt", die bekannte Heldendichtung des 13. Jahrhunderts, sozusagen hypermodernisiert. Seine ebenso betitelte, von der Berliner Verlagsgesellschaft Harmonie mit grotesk komischen Illustrationen reich bedachte „romantische Licbesge- schichte in sieben Gesängen" hat, ivie die mittelalterliche Dichtung, einen hochgeborenen Jüngling zum Helden, der als Mädchen verkleidet an den Hof des Königs Walm-und (im mittelalterlichen Gedichte heißt er Walgunt) zieht und dessen Tochter gewinnt. Diese Travestie ist m natürlich, gleich berühmten Mustern — man denke nur an Blumauers Aeneis — nicht gerade sehr feine Marke. Doch man läßt sich den Ulk lachend oder lächelnd gefallen. Enthüllt sich doch schließlich ein „tieferer" Sinn. Hugdietrichs Liebchen, die Prinzessin Mikl von Thessalonich, hird in ihrem Unschuldshaftturm von entern. Drachen bewacht, der so etwas' ivie die Polizei eines Feudalstaates' versinnbildlicht. Von dem heißt es ziim Schluß: „Er will das Gute jahrein und jahraus, Und es kommt immer ein Blödsinn heraus. Tie Hauptsache ist, daß, wenn es endet. Sich alles wieder ziim Guten ivendet. Denn es ist böse und einer tut es. Und es endet gut, so ist cs was Gutes. Tas ist so etivas wie eine Philosophie des unbewußt ®.tten> eine Philosophie, die nach dem Vorgänge größerer Geister lehrt, daß auch das Böse moralische Werte besitzt, daß allewig ist dm Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Zudem sind die Verse von ausgelassener Munterkeit und keckent Witz und dürften manchem helle Freude machen. Träumer. Von Ed. v. d. Becke. Mein Kind, belächle die Träumer nicht, Tie Träumer mit dem blassen Gesicht, Tie pbseils vom breiten Wege steh'n. Mit Kinderaugen in'§ Leben seh'n. Sie schauen im Dunkel — Sonnenschein, Und Elend und Kummer, Schmerz und Pein Ertragen sie still — und klagen nicht. — Mein Kind, belächle die Träumer nicht! Goldene Worte. Es ist nicht der Himmel, der durch seine Höhe die Berge »iedrig macht, sondern die Berge sind es, die durch ihre Höhe die Hohe des Himmels zeigen. . Der Charakter eines ganzen Volkes tst der treueste Abdruck seiner Gesetze, und also auch der sicherste Richter ihres Wertes oder Unwertes. ‘ Schiller. * Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte, in ihrem Kreise liegt die ganze moralische Welt. Schuler. Wer hat über Resormaioren mehr geschrieen als der Haiste der Brotgelehrten ? Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen (Umwälzungen) im Reiche des Wisseiis mehr auf, als eben diese l Schiller. * Die Winkel, die der Körper bei der Verbeugung bildet, sind für Individuen und Völker, für einzelne Unistände und ganze Zeiten gleich bezeichnend. Lichtenberg. Logogriph. Tu lustiger Voael im Nadelwald, Nun hab' ich dich endlich geiangen; Ten Kops und deii Fuß reiß' ich ab nut Gewalt, Am Rest bleib' ich klebeii und haiigen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: Die Einsendung hübscher Rätsel, von treuen Lesern unserer „Familienblätter" versaßt, an die Redaktion der „Familienblätter" ist sehr erwünscht. Redaktion: P. W i 11 k o. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl 'scheu Universitäts-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.