Monkag den 21. Oktober 1907 jJN 0 M' M I D I wSä mW Mf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoccker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Nur Hermine stimmte frisch in sein Lachen ein. Ihr Vater dagegen schien die Worte nicht gehört zu haben, sondern blickte abwechselnd die beiden Monogramme mit gefurchter Stirne an. „Das Monogramm auf der Papyrostasche habe ich selbst entivorfen", glaubte Witte, dem die Aufmerksamkeit des Rats nicht entging, erläutern zu sollen. „Die Kunst geht nach Brot. Einem hiesigen Juwelier zeichnete ich, ehe mein Sternlein aufzugehen geruhte, hunderte solcher Dinger um ein Butterbrot; zum Dank fertigte er mir umsonst eins für den eigenen Bedarf . . . nein", fuhr er lachend fort, die prüfenden Blicke des anderen, welche zwischen Etui und Tuch zu pendeln schienen, gewahrend. „Die Taschentuchinitialen belasten mein künstlerisches Gewissen nicht. Das ist billige, schablonenhafte Dutzendware!" „Und wo kauften Sie diese Taschentücher?" fragte Hansemann, immer noch beharrlich den Wick auf das Monogramm gerichtet. Belustigt lachte der Maler wieder, während Herminens Befremden wuchs. Sie kannte ihres Vaters Art zu genau, um nicht zu gewahren, dass hinter seiner Frage sich eine ganz bestimmte Absicht verbarg. „Ja, da fragen sie mich beinahe zu viel, Herr Rat. Doch im Vertrauen sei ihnen mitgeteilt, daß mir die Taschentücher von einer früheren Zimmerwirtin aufgeredet wurden. Die gute Frau stickte für irgend ein großes Warenhaus — natürlich um einen Hunger lohn . . . und das nur, um das nötigste Brot herzuschaffen, da der saubere Herr Gemahl sich für ein verkapptes Genie hält. Ich nahm ihr ein paar Dutzend ab." „Ach, das ist wohl die junge Frau, von der sie uns schon neulich erzäUten?" fragte Hermine dazwischen. „Herr Walden wohnte auch bei ihr, dadurch lernten sie ihn überhaupt kennen?" „Ich weiß nicht einmal, ob er dort gewohnt hat. Jedenfalls war er häufig bei Schuhmachers anzutreffen. Am letzten Fünfzehnen bin ich ausgezoen. Ich könne das Treiben mich Ito er mit ansehen, denn der Mann ist wirklich ein . . . nun sagen wir ein sonderbarer Herr, der sich nichts daraus macht, seinen Kindern das von der Mutter sauer verdiente Geld wegzuessen . . ." „Pfui, wie gemein!" entrüstete" sich das Mädchen. Witte lachte. „Der Wackere ist Schauspieler und schwärmt von einem Engagement an der hiesigen Hofbühne; bis dahin erlaubt er seiner Frau, sich für seine Ernährung zu bemühen . . . er huldigt auch, wohl einem ausgeprägten Kommunismus. Ich kam dahinter, daß er meine Sachen mehr, als diesen erforderlich, mitgebrauchte ... das erinnert mich übrigens daran, daß ich bei den Leuten noch einen Koffer stehen habe!" unterbrach er sich und machte sich eine Stotiz auf die Manschette. Hansemann hatte mit gebeugtem Köpf gesessen; nun wendete er sich rasch an den Besucher: „Sagen sie mal, wie unterhielten sie sich gestern bei Geheimrat Selkenbach?" „Ei, waren sie dort?" rief Hermine überrascht, und in leiserem, ireckischem Tone setzte siei hinzu: „Das müssen sie mir erzählen . . . wie sah Fräulein Leonie aus? Trug sie das von ihnen entworfene S'ofrüm?" „Wie eine Göttin!" gab der Maler zurlick, sich ebenfalls nur aii sie wendend. „Als Diana erregte sie Furore. Sie war natürlich beit ganzen Wend umschwärmt, ich konnte ihr kaum einige Worte sagen." „Sie Aermster! Dann haben Sie sich sicherlich nicht gut unterhalten!" „Nein! Gewiß nicht!" erividerte Witte mit unmutigem Stirnrunzeln, das Wort auch an den Rat richtend, „zu schaffen hatte ich wie ein Helote. Es wurden die bewußten, lebenden Bilder gestellt . . . meistens nach Wagnerschen Motiven-. . . und da mir fast ausschließlich nur stark orientalisch angehauchte Schönheiten zu Gebote standen, war es eine Heidenarbeit, eine leidliche Wirkung herauszubekommen." Die beiden jungen Leute lachten wieder; dann wendete sich der Maler fragend an den Rat. „Woher wissen sie denn, daß ich dort war?" erkundigte er sich. „Ich hatte gewisser Verhältnisse wegen fernbleiben wollen und entschloß mich erst in letzter Stunde zum Hingehen." „Gewisse Verhältnisse ist gut!" amüsierte sich Hermine. Sie wendete sich lachend zu ihrem Vater. „Vorgestern abend war ich doch mit Herrn Witte zusammen eingeladen. Der Zufall machte mich zu seiner Tischnachbarin. Ein ungeschickter Kellner goß ihm Bratensauce über den Frack . . . sehr zu ihrem Entsetzen", richtete sie lachend das Wort wieder an den jungen Maler. „Es war auch keine Kleinigkeit. Mein guter Frackanzug, den ich mir erst vor wenigen Monaten vom ersten Pariser Schneider komponieren ließ, ist mir auf unerklärlicher Weise Weise fortgekommen. So bin ich nun auf diese Aushilfs- garmtur hier angewiesen . . . nun denken Sie sich das Malheur. Ich war gestern auch den ganzen Tag damit beschäftigt, die Flecken zu vertilgen." „Was Ihnen glänzend gelungen ist," bemerkte das Mädchen mit einem Blick auf die eine Frackplatte. „So, Sie lassen in Paris arbeiten?" erkundigte sich der Rat. „Fast ausschließlich. Ich hielt mich früher jahrelang dort auf und Meister Jean Bonjour hat mein Maß und — er purnvt auch!" schloß der Maler lachend. , Jean Bonjour . . . richtig, das war die Firma, welcye auch im Futter des von dem ermordeten Einbrecher getragenen Fracks eingenäht war. Der Rat räusperte sich und wendett sich hastig mit neuer Frage wieder au den Besucher, den Maler Witte. „Auf die Gefahr hin, von Ihnen für Neugierig gehalten zu werden, möchte ich Sie noch etwas fragen! Selbstverständlich stehe ich gerne zu Ihren Diensten . .. um was handelt cs sich?" Er hatte zugleich eine» Blick auf faie Uhr geworfen und setzte nun einschränkend hinzu: „Fünf Minuten kann ich immerhin noch verweilen. Dann muß ich allerdings fort." „Niin, die Frage ist ja bald beantwortet. Konneii Si« J — 622 mir wohl sagen, wann etwa Sie die Sclkenbachsche Villa verließen ?" Nun schaute der Maler ihn doch leicht befremdet an. „Wie kommen Sie darauf, Herr Rat?" Auch Hermine vermochte mit ihrem Erstaunen nicht länger zurückzuhalteu. „Du hörst doch, Papa, daß Herr Witte noch anderweitige Verpflichtungen hat", mahnte sie unmutig. Doch der Rat winkte ihr ungeduldig zu, sich zu bescheiden. „Meine Frage ist nur darum gestellt, weil die Selkenbachsche Billa in der Tiergartenstraße liegt. Ich vermute nur, daß Sie den Nachhauseweg durch die Straße genommen haben." ■ „Sogar bis zum Potsdamer Platz, bestätigte Witte. „Um welche Zeit war das?" „Es durfte stark auf drei gegangen sein", lautete die unbefangene Antwort. „Haben Sie da auf ihrem Nachhauseweg nicht etwas wahrgenommen — oder gar selbst ein kleines Abenteuer erlebt?" forschte der Rat mit jovialem Lächeln; doch seine Miene wurde im selben Augenblick verdrossen, als er die Hand seiner Tochter mahnend auf dem Arm spürte; fast heftig schüttelte er ihre Berührung ab. Zugleich entging es ihm nicht, daß seine Frage oen Maler befangen machte. Ihm kam es vor, als suchte dieser seinem Blicke auszuweichen. „Verzeihen Sie, wenn ich mich lieber darauf nicht äußere", Hub Witte dann an. „Ich hatte allerdings ein kleines Renkontre, doch da es sich um eine Privatangelegenheit handelt, und es mir ohnehin widerwärtig ist, nur daran erinnert zn werden — so —" sein freimütiges Antlitz hatte sich völlig verfinstert; seine Augen blickten eben abstoßend böse. „Vermutlich lasen Sie einen Betrunkenen unterwegs auf und brachten ihn nach einer Droschke am Potsdamer Platz?" „Aber woher wissen Sie —“ In großer, jäher, an Bestürzung gemahnender Ueberraschung trat der Maler einen Schritt zurück und starrte den Fragenden an. „Wir von der Polizei müssen allwissend sein", suchte Hansemann zn scherzen. „Nun, habe ich's erraten?" fuhr er jovial fort. — Doch Witte schüttelte unmutig den Kopf. „Herr Rat, meine Zeit ist wirklich um", sagte er gepreßt. „Ich wiederhole, selbst wenu ich heute nacht etwas erlebt hätte, sehe ich mich nicht veranlaßt, darüber zu sprechen — wenigstens nicht ohne zwingenden Grund, denn ich mag niemand kompromittieren". „Sie geben aber doch zu, am Potsdamer Platz eine Droschke genommen zu haben?" warf der Rat ein. „Sie irren sich" lautete die in förmlichem Tone gegebene Antwort. - „Ich benutzte keine Droschke." „Und doch wurde in einer solchen ein Taschentuch gefunden, das genau ihrem eigenen entspricht, und sogar dasselbe Monogramm aufweist!" platzte der Rat hervor. „Jedenfalls kein Taschentuch von mir!" Miene und Haltung des jungen Malers wurden immer förmlicher. Jetzt wandte sich dieser an die befangen dastehende Hermine, um sich von dieser artig zu verabschieden. Rat Hansemann stand wie zuwartend, während hinter seiner Stirn blitzschnell die Erwägungen sich kreuzten. Da war plötzlich ein handgreiflicher Verdacht in ihm aufgetaucht, dem er — Wohl vorschnell — Ausdruck verliehen hatte. Sollte er fortfahren! Ein Schritt in der betretenen Richtung weiter und er sah sich genötigt, seinem Besucher den Verdacht ans den Kopf zuzusagcn. Das hieß eine Anschuldigung erheben und zur Verhaftung schreiten! Dabei setzte sich sein Verdacht nur aus Vermutungen zusammen, und diese erschienen ihm, je länger er in die offenen Mienen, die schönen, kunstbegeisterten Augen des jungen Mannes geschaut; selbst so ungeheuerlich zu sein, daß er sich nicht auf seine kriminalistische Witterung zu verlassen wagte. So lenkte er vorsichtig ein, indem er dem sich Verabschiedenden herzlich die Hand hinstreckte. „Viel Vergnügen noch heute abend !" meinte er unbefangen. Im übrigen keine Feindschaft ... es fuhr mir so durch den Kopf, den Zufall zu nützen und Sie auszusragen . . . wir haben da eine ärgerliche Geschichte mit einem Kutscher, der einen Betrunkenen fuhr und einen falschen Namen angab . . . doch da läutet es schon wieder!" unterbrach er sich. „Sieh doch einmal nach, Minchen, wer's ist!" Er stand am Tische und war dem Maler beim Zusammenraffen der Skizzenbücher behilflich. „Vergessen Sie ihr Zigarettenetui nicht!" scherzte er. Damit schloß er den geöffnet auf teilt Tische liegenden Behälter und händigte ihn Witte ein. „Sie sind übrigens ein starker Raucher — in der kurzen Zeit haben Sie vier von diesen Giftnudeln vergualmt!" Er wies auf den Aschenbecher. „An Ihrer Stelle rauchte ich Zigarren oder Pfeife, das ist entschieden gesünder . . . hier liegt noch Ihr Taschentuch!" Auch dieses wollte er dem Aufbrechenden einhändigen, doch er besann sich anders. „Würde es Ihnen viel ausmachen, das Tuch ein paar Tage in meinen Händen zu lassen?" fragte er. Obwohl ihn das Ansinnen ersichtlich befremdete, verneigte sich Witte doch unverzüglich zustimmend. „Ganz nach Gutdünken, Herr Rat. Sie haben mich hoffentlich nicht in irgend einem kriminalistischen Verdacht?" Er lachte kurz auf. Mein Gewissen ist zwar ruhig, doch euch Herren von der Polizei ist nicht über den Weg zu trauen." „Ei was, warum nicht gar! Wir sind nicht halb so schlimm, als man uns macht!" scherzte nun auch Hansemann, die Hand seines Besuchers zum Abschied schüttelnd. Eben öffnete Hermine die Tür für einen neuen Abendgast. „Papa, Herr Walden ist gekommen." Es sag ein förmlicher Klang in ihrer Stimme. „Spät kommt er, doch er kommt!" rief der Rat und winkte dem rasch ins Zimmer Tretenden gut gelaunt zu: „Na, hat Sie Kollege Kneift überhaupt noch losgelassen? Nun aber 'ran, Mann Gottes, und seien Sie mir willkommen." „Ich nahm, eigentlich Anstand, so spät noch Ihren Abendfrieden zu stören, Herr Rat . . . doch da Sie mich noch zu sehen verlangten —" Walden hatte indessen mit seinem Vorgesetzten einen Händedruck ausgetauscht. Wie er sich nun notgedrungen auch vor Witte verbeugen mußte, tat er dies frostig zurückhaltend, einen abweisend finsteren Ausdruck um die rasch aufeinander gepreßten^ Lippen. Auch Witte war offenbar über das Zusammentreffen nicht erbaut; sein Gegcngruß siel womöglich noch kürzer und gemessener aus. Er wendete auch sofort dem Detektiv wieder die Rückenseite, verneigte sich noch ein letzets Mal stumm vor dem Hausherrn und trat mit dessen Tochter auf den Korridor hinaus. Die int Zimmer Zurückgebliebenen hörten ihn dort sich in herzlichen Worten von dem Mädchen verabschieden. Dann fiel die Korridortür ins Schloß; doch Hermine kehrte nicht ins Zimmer zurück. Sie streifte nur an der Tür vorüber und klinkte sie von außen zu. Hansemann gewahrte mit innerlichem Bedauern'die gefurchte Miene seines Gastes. Er glaubte deren Herkunft zu kennen und zürnte tm Herzensgründe Hermine ihres beleidigend zurückhaltenden Benehmens halber. Sie sehen ja förmlich verdurstet aus, lieber Walden. So setzen Sie sich doch. Ich werde Stoff holen. Inzwischen zünden Sie sich eine von den Zigarren dort /ins der Kiste an. Dann werden wir noch ein Viertclstündchen! miteinander fachsimpeln müssen!" (Fortsetzung folgt.) AüS Iugerldspiet in gesundheitlicher unb crzüWcher Kinstcht, (Fortsetzung.) Vergegenwärtigen wir uns als Beispiel unser deutsches Schlagballspiel oder den englischen Fußball. Beide Spiele sind, könnte man sagen, die Bewegung selbst. Die Spieler müssen bald laufen von einem Ende des Spielfeldes zum andern, bald den Ball schlagen, werfen, fangen oder stoßen, bald sich bücken, bald in anderer Stellung den Ball erwarten, vor allem aber immer wieder in raschestem Laus über das Feld dahinstürmen. Was wird nun durch solche Bewegung in freier Luft erreicht? Zunächst dehnt sich die Lunge bei dem eilenden Lauf, beim lauten Rufen und dem sonstigen Treiben des Spiels und wird dadurch zu kräftigstem Atmen angeregt; besonders wichtig ist die durch den „atemlosen" Laus hervorgebrachte Tiefatmung, wodurch die Lunge bis in die äußersten Spitzen hinein durchgearbeitet wird und sich reinigt. Die Stubenluft mit ihren oft schädlichen Beimengungen wird hinaus- und die Draußenluft hineingepumpt. Das ist aber besonders wichtig, da wir für gewöhnlich nur mit einem Teil unserer Atemfläche, bei Körperruhe sogar nur mit einem Siebentel atmen. Man mag ja auch, wie öfters geraten wird, durch künstliche Tiefatmung beim Spazierengehen diese Lungenreinigung in frischer Luft erreichen können, aber nicht in so einfacher, natürlicher Weise wie beim Jugendspiel. Durch die starke Bewegung wird der Herzschlag kräftiger, und das Blut wird in rascheren Kreislauf versetzt. Die Ermüdungsstoffe werden fortgespielt, und dem Körper wird in allen seinen Teilen reichlicher Sauerstoff zugeführt. Mit der Zeit werden dadurch alle Organe gekräftigt, vor allem das Herz. Es ist ja in der vergleichenden! ■ ■ ■ ■ Anatomie oft darauf hingewiesen worden, daß die laufenden Tiere, wie Hirsche, Hasen usw., ein stärkeres Herz und eine verhältnismäßig größere Lunge haben, als die Tiere, deren Bewegung sich in langsamerem Zeitmaß vollzieht, und es ist mit Recht gesagt worden, daß wir mehr mit den Lungen und mit dem Herzen laufen wie mit den Beinen. Deshalb sollten wir, um eine möglichst kräftige Entwicklung des Herzens und der Lungen zu erzielen, unsere Jugend viel mehr Laufübungen machen lassen, als gemeinhin geschieht. In einer anscheinend wahrheitsgetreuen Schilderung las ich, daß der Zuluhäuptling Ketschewayo seine Soldaten durch anhaltende Uebungen daran gewöhnt hatte, daß sie mit voller Waffenausrüstung im glühendsten Sonnenbrände eine ganze Stunde und länger in raschem Tempo lausen konnten, ohne eine wesentliche Ermüdung zu zeigen, und auch von den Japanern wird berichtet, daß die dort in allen, niederen und höheren, Schulen allgemein verbindlichen körperlichen Uebungen der männ- lichen Jugend, auch der studierenden, zum Teil in anhaltenden Laufübungen auch in heißer Sonne ohne Kopfbedeckung bestehen. Ich glaube, daß der durchschnittliche Brustumfang eines Volkes mit der Zeit weiter wird, wenn man die Jugend an konsequent durchgeführte Laufübungen gewöhnt, die auch im späteren Lebensalter in anderer Form fortgesetzt werden könnten. Nun werden reine Laufübungen ja auf die Länge langweilig und sind nicht für jedermann. Durch die Volks- und Jugendspiele erreichen wir Aehn- liches in anmutiger uud anziehender Art. Der schon genannte Dr. Schmidt sagt darüber: „Noch ein anderes macht den Lauf beim Spiel besonders wertvoll. Das ist der Umstand, daß die Lustgefühle der Spiel- sreude und des Spielinteresses die Bewegungszentren des Gehirns in erhöhte Erregung versetzen und dadurch den Ablauf aller Bewegungsvorgänge in Nerven und Muskeln erleichtern und weniger ermüdend gestalten. Alles drängt dazu, bei den Leibesübungen der Heranwachsenden Schuljugend die Lungenübung zunächst und an erster Stelle zu pflegen, und zwar in der Form von Schnelligkeitsübungen beim Spiel. Denn durch keine Art willkürlicher Atemübung kann eine derartige Zunahme des Atemumfanges erreicht werden, als durch unwillkürliche Atemsteigerung, welche bei den Schnelligkeits- und Dauerübungen statt hat. Mit größeren und kräftigeren Lungen und Herzen steigt aber im allgemeinen wenigstens auch die Gesamtgesundheit nicht nur des einzelneu, sondern mit der Zeit des ganzen Volkes. Der Einfluß von Luft und Sonne bei starker Körper- bewegung auf den Stoffwechsel und die Blutbildung kann durch nichts anderes ersetzt werden. Ganz besonders wohltuend wirkt das Jugendspiel in freier Luft auf das Nervensystem, und das ist für uns wiederum von größter Bedeutung, da ja in unserer Zeit Nervenleiden viel mehr an der Tagesordnung sind wie früher. Bei unserer Jugend hängt die oft gerügte Lässigkeit im ganzen Wesen, körperlich wie geistig genommen, mit den kranken Nerven zusammen. Da, meine ich, hilft nichts besser, als das Jugeudspiel, das man mit vollem Recht als „Nervengymnastik" bezeichnet hat. Mit solchen Knaben und Mädchen womöglich täglich hinaus auf den grünen Spielplatz unter das lustige Getümmel der Genossen! Das frohe, ungebundene Tummeln auf dem Spielplatz bedeutet an und für sich schon für die Jugend eine segensvolle Nervenstärkung. Die gelinde Spannung, die jedes Ziel durchzieht, regt die Nerven nicht auf, wie so viele sogenannten Erholungen unserer Zeit, sondern sie erfrischt die erschöpften Nerven in wohltuendster Art. Frisch aber und froh sollen die Jünglinge und Mädchen sein, das ist ihr Teil. Nichts ist widerlicher, als eine blasierte, schlaffe Jugend. Möge der Turnerspruch „Frisch, fromm, fröhlich, frei!" wieder mehr und mehr zur Wahrheit bei unserer deutschen Jugend werden! Durch das Jugendspiel werden Auge, Ohr und Hand in einer Weise geübt, wie durch kein anderes unserer Erziehungsmittel, und der ganze Körper erlangt eine für das Leben. sehr wertvolle Gewandtheit und Geschmeidigkeit. Ich möchte hier einen Punkt etwas weiter ausführen, das ist die Wirkung auf das Auge. Es hat mich während meiner Studienreise durch die englischen Public Schools immer gefreut, so sehr wenigen Brillen zu begegne«. IN. der Tat bleibt der Satz der Kurzsichtigen bei den englischen Schülern noch unter 1 Prozent. Dabei wird drüben viel weniger Gewicht auf richtige Lichtverhältnisse in den Schulen — die sind in einigen älteren Lehranstalten sogar recht mäßig 623 — auf deutlichen Druck und dergleichen gelegt, als bei uns. Bedenkt man, daß die Kinder Kurzsichtiger wieder die Anlage zur Kurzsichtigkeit mehr besitzen, als die Kinder Normal' sichtiger, so ist klar, daß das liebel in steigender Progression unter gleichen Verhältnissen zunimmt, und daß die Schulbehörden nicht nur der augenblicklichen Jugend, sondern der kommenden Generationen wegen die Pflicht haben, alles zu verhüten, was zur Vermehrung der Kurzsichtigkeit beitragen kann, und alles zu tun, was bei der Jugend das Auge zu kräftigen imstande ist. Sehr bemerkenswerte Erfolge mit der Stärkung des Auges durch Orientierungsübungen im Gelände, Jugendspiele, Schulmärsche uud ähnliches hat der Direktor der Guts Muths-Oberrealschule zu Quedlinburg, Dr. Lorenz, erzielt. (Schluß folgt.) Neber das Arbeiterwohmmgsweferr auf dem Laude hielt neulich in Kreuznach Dr. Mewes, Mitglied des Vorstandes der Landesversichernngsanstalt in Düsseldorf, einen Vortrag, der für weitere Kreise interessante Anregungen enthält. Das Wohnungswesen auf dem Lande sei nach mehr als einer Richtung hin verbesserungsbedürftig, und darum sei ein Grund für die Abwanderung vom Lande in den Verhältnissen der Wohnung zu suchen. Er bezeichnet es als durchaus auch im Interesse der Landwirtschaft liegend, die gewerblichen Arbeiter, die in der Stadt ihre Beschäftigung finden, aber draußen wohnen, auf dem Lande festzuhalten und daher auch auf sie die Förderung des Wohnungswesens auszudehnen. Daß dabei verhütet werden muß, daß sich auf dem Laude Bauspekulation breit mache, die ihren Vorteil in der Herstellung von Miethäusern und einer intensiven Ausnutzung des Bodens findet, daß gewisse altaugestammte Eigentümlichkeiten der Bauweise gepflegt und überhaupt der architektonischen Behandlung der ländlichen Häuser Sorgfalt geschenkt werde, sind Forderungen, die wohl allgemein unterschrieben werden. Den Kernpunkt der Darlegungen von Dr. Mewes bildete die Behandlung der Frage der Beschaffung der Geldmittel, deren befriedigende Lösung für die Forderung des Arbeiterwohnungswesens ja von ausschlaggebender Bedeutung ist. Die Ausführungen des Referenten seien in folgendem zusammengefaßt: Lediglich bei den Anstalten kann Kredit gesucht werden, die ganz gemeinnützige Geldgeschäfte machen, das sind bei uns die Rentenbank, die Landesversicherungsanstalt und vielleicht gewerbliche Berufsgenossenschaften, die letztern allerdings vorerst in ganz geringen! Umfange. Die Gründung bäuerlicher Renten stellen wird für die Förderung des Arbeiterwohnungswesens kaum von Bedeutung sein können, die Ansiedlung industrieller Arbeiter dagegen, für die eine Mindestgröße des Rentengutes von 1/2 Morgen zugelassen worden ist, wird in -einzelnen Gegenden durchzuführen sein. Das Verfahren der ostpreuhischen Versicherungsanstalt, an einzelne Landwirte zu leihen, wenn auf dem Gute eine jährliche Geldrente in Höhe der Zins- und Tilgungsannuität mit besonderem Vorrang eingetragen wird, läßt sich wegen der anders gearteten Verhältnisse des Westens nicht ohne weiteres übertragen. Geeignet ist die Bildung besonderer Baugenossenschaften oder -Gesellschaften auf gemeinnütziger Grundlage, die Arbeiterhäuser bauen, die unter geeigneten Voraussetzungen von den Tagelöhnern usw. als Eigenturn erworben werden können. Wo das Bedürfnis nach neuen Arbeiterhäusern nicht so stark und so andauernd auftritt, daß eine besondere Baugenossenschaft dauernde Arbeit findet, können Kreditgenossenschaften, Spar- und Darlehnskassen usw. ihre Hilfe leihen. Tue Bürgschaftsleistung von Gemeinden für Darlehen, die ent” zelne Arbeiter, Tagelöhner, kleine Ackerer von der Landesversicherung aufnehmen, verdient besondere Empfehlung. Auch durch die Mithilfe der Sparkassen können Mettel aufs Land gebracht werden, wenngleich auch einzelne Grunde gegen diese Art sprechen. Der Landrat Limbourg-Mefeld legte bei der Besprechung des sehr beifällig aufgenommenen Vortrags seine Ersah- 624 rungen dahin dar, daß die Industrie so gut wie immer bereit sei einzugreifen, wenn es ihr möglich gemacht werde, Mittel zu bekommen zur Verbesserung des Wohnungswesens für ihre Arbeiter, während die Landwirtschaft nach dieser Richtung so gut wie gar nichts getan habe, VsVmrZetzßKA« * Von den Parfüm-Moden. Die Vorliebe für Parfüms und Wohlgerüche aller Art nimmt in der feinen Gesellschaft immer mehr zu. Besonders aus London wird berichtet, welch eine Leidenschaft für wundervoll duftende Essenzen und für reich parfümierte Bäder die Modedamen ergriffen hat. Dieser ausgedehnte Gebrauch von Wohlgerüchen hat sich erst allmählich in England eingebürgert und ist nicht älter als fünf bis sechs Jahre. Früher war nur Frankreich das Land der exotischen Parfüme gewesen, die britischen Schönen hatten sich gegen dieses unnatürliche Toilettenmittel bis zu einem gewissen Grade noch immer gewehrt. Auch heute macht sich dieser Unterschied noch dahin bemerkbar, daß in London die natürlichen, aus Blumen und Blüten gewonnenen Parfüms vorherrschend bleiben, während Paris die Heimat der künstlich verfertigten Duftessenzen ist und bleibt. Der mondänen Londoner Dame ist das Parfümieren des täglichen Bades, das Pflegen der Haut durch die verschiedenartigsten Oele und Seifen zur unbedingten Notwendigkeit geworden, denn das Londoner Wasser ist an und für sich hart und der Haut schädlich, ohne einen Zusatz von Borax überhaupt für die Körperkultur nicht brauchbar und in dieser schädigenden Eigenschaft jetzt mehr und mehr erkannt. Nun aber hat eine wahre Parfümmanie die Frauen Englands ergriffen; die großen Londoner Parfümfirmen machen mit Badeparfüms und Badepuder die besten Geschäfte und wissen merkwürdige Geschichten zu erzählen von dem Luxus und dem Raffinement, die damit getrieben werden. Die Mode hat sich natürlich auch dieses Gebietes in ihrem weiten Bereich mit Eifer angenommen, und die Parfüms wechseln ebenso schnell wie Hüte und Kleider. Auch die Fabrikation der duftenden Essenzen nimmt bei der großen Nachfrage einen neuen Aufschwung und führt eine nicht unbeträchtliche Steigerung der Preise herbei. Auf die Herstellung eines feinen Parfünls wird die größte Sorgfalt verwandt; zwölf bis fünfzehn verschiedene Nuancen des Duftes werden miteinander vermischt oder einem gleichsam den Grundakkord bildenden dominierenden Geruch beigefügt. Die moderne Chemie muß für die auf künstlichem Wege gewonnenen Essenzen besondere Präparate, so z. B. auch Steinkohlenteer herstellen, und das Mären und Mischen der Flüssigkeiten, das Tingieren des Ganzen mit einer letzten vollendenden Nuance erfordert hohe Kunst und eine besondere Ausbildung des Geruchsinnes. Am frischesten und zartesten wirken noch immer die Blumengerüche, die auch selbst bei höchster Verfeinerung des Künstparfüms nicht verdrängt werden können, so lange noch Menschen den Duft der Blumen, die heimliche Stimmung blühender Sommergärten und den unverwelklichen Glanz der Natur lieben. Die Stadt Grasse in Frankreich ist mit ihren reichen Blumenfeldern noch immer das Zentrum für diese Parfüms, daneben tritt Sizilien immer mehr in den Vordergrund. Die Zahl der Parfüms steigt von Tag zu Tag. Denn es wird immer mehr für eine elegante Dame zur Notwendigkeit, ihr eigenes Parfüm zu haben, das der Fabrikant nur für sie und für niemand anderes herstellen darf. Damen, die sich den sehr teuren Luxus eines eigenen persönlichen Originaldustes nicht gestatten können, wechseln wenigstens in jeder Saison ein oder mehrere Male mit dem Parfüm. Je exotischer und intensiver die Wohlgerüche sein sollen, desto weniger können sie durch ein Blumenparfüm befriedigt werden. Künstliche Wohlgerüche haben daher für Modedamen einen starken Anreiz, und besonders werden zwei neueste Kreationen, süßlich schwere, schwül berauschende Düfte, die unter dem Namen Cynthia und Cefiro in den Handel kommen, viel benutzt. Unter den Blumendüften, von denen man sich umwogen läßt, ist der Geruch der spanischen Wicke sehr modern, denn diese schöne Blume hat sich iu den modernen Gärten einen beliebten Platz errungen und damit vielen zugleich ihren Dust so stark eingeprägt, daß sie bei dem trauten Geruch wieder in vergangene Sommerfreuden sich zurückträumen müsse. Auch der Duft der Teerose, den das alles andere zurückdrängende Patchouli einst übertrumpft hatte, kehrt wieder zurück, und er vermählt sich mit dem stärkeren Hauch der Malmaison- Rose zu einem zärtlich müden Geruch. Veilchen, Maiglöckchen, Flieder, Narzissen werden nie ganz aus der allgemeinen Liebe verschwinden können, wenngleich sie jetzt vielfach in ihren reinen Düften durch fremde Nuancen abgeschwächt werden. Eine elegante Dame benutzt selbstverständlich nur ein einziges Parfüm, das ihre ganze Erscheinung begleitet und akzentuiert; es müssen daher von einer ■ bestimmten Parfümnuance Toiletten- und Mund-! wasser, Seife und Badepuder, Puder für das Gesicht und Sachets zum Einlegen in Haare und Kleider angefertigt sein. Hnusinschrifterr ams Ortschaften des Kreises Kirchhain. (Originalbeitrag des Gieß. An;.) 6. (An einem Haus, das neu verputzt ist.) Man schaut mich an und tut es lesen, Ein altes Haus bin ich geweseit, Und wen« man mich genau betracht, So bin ich ivieder neu geinacht. 7, Die Wahrheit ist gen Himmel gefahren, Die Freiheit ist über das Meer geflogen, Die Gerechtigkeit tut hier zu Schanden werden Weil Unrecht ist geblieben aus Erden. 8. Wer will reden von mir und den Meinigen, Der gehe nach HauS und betracht' sich und die ©einige«, Findet er an. sich und den Seinigen kein Verbrechen, Dann mag er auch von mir und den Meinige« _____ sprechen. Goldene Worte. Menschenseele, Menschenliebe, Spielgenossen, selig Paar, Werdet je des alte« Spiels ihr Müde werden? Nimmerdar! Ob Jahrtausend nach Jahrtausend Durch die Welten wandeln mag, Jminer, wo die Liebe auisteht, Ist der erste Schöpsungstag! Ernst v. Wildeitbrtich. Rätsel. Das Erste wohnt un rauhen Norde« Und auch bei uns zur Winterszeit, Wenn stumm ist die Naltir geworben, Geschwunden Sommers Herrlichkeit. Starr breitet sich die weite Fläche Und weiß erglänzt der Berge Kamin; Es ruhen in ihrem Laut die Bäche, Wo fröhlich sonst das Fischlein schwamm. Der Süden nnb der Sommer zeigen Dir deutlich Silbe zwei und drei; Wie strahlen sie in bunten Reigen Und iu Gestalte« mancherlei I Im Ganzen schauest du verbtmde« Den Sommer tmd den kalte« Nord; Jir Frcttndschast haben sich verbtmden Sie so in einem holden Wort. A. Ainmaitn. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträtsels W B i 1 Ster W i eia brau Enz d in voriger Nummer: n n d n RedaktionP. Wittka. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverfiiLlS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.