Mittwoch den 21. August 1907 t U >- L ... MMWM NIL^K^ Steuermann Worringer. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Tas' Kind plapperte in der Wohnstube- Sie erstickte cs säst mit Zärtlichkeiten und Schmeichelnamen- „Mei lieb Herzbubche, mei Herzkäferche! Wann ich dich net hält! Heit middag fahre mer u'ff der Reitschul, und heit awend geht's Bubche bei Oma, und Mamma geht danze!" Ter Junge jauchzte- „Mit 'm Babba!" „Na, net mit 'm Babba! Babba is sortgefahre mit 'm Schiff- Awwer mit 'm Onkel Georg." „Und Onkel setzt mich uff Gaula- Und hält mich fest." Sie tanzte mit ihm in der Stube herum- „Ja! Und dann geht die Musik- Lalala—la—la—la!" Nun räumte sie iwch das letzte auf- Blitzblank war das ganze Haus' schon- Ein großes Strauß dickköpfiger, sattroter! Pfingstrosen stand auf dem Tisch — er leuchtete förmlich in der kleinen Stube- Sie stand davor. — „Ach, wann m'r sich so ään asteche könnt! So ä dicke rohde- In die Hoor odder in'n Geriet! — Tes ständ schee." — Dann packte sie in der Küche zusammen, Fleisch u'nd sonst noch allerlei- — Sie kochte heute nicht, brachte alles ihrer Mutter, die mochte für sie alle kochen- — Ter alten Frau tat auch ein ordentliches Stück Braten wohl- Sie ging mit dem Kind derweil spazieren- Gott, was für ein Pfingst- wetter! Ta mochten wohl wieder die Fremden sich am Rhein drängen. Sie sah gern die geputzten Damen und freute sich, wenn sie selbst von den Touristen mit bewundernden Augen angesehen wurde- Tann vergaß sie alles, was sie sonst drückte. Sie schloß das Haus zu und ging mit dem Jungen weg- — Ter Georg war noch zu Haus- Der machte sich lange schön. Eitel war er wie ein Mädchen auf seinen Krauswpf und seine schöne Figur- — Sie würden ein hübsches Paar gewesen sein, sie beide- Dann wohnte sic mit ihm in dem andern Haus, und der Worringer saß allein mit einer anderen Frau, die er drang- salieren konnte, nebenan. — Gott, wie sonderbar das wäre! Sie ging schneller und wurde rot bis unter die Haarwurzeln- Nein, so was nicht denken! Wozu auch- — Nendern konnte man ja doch nichts, da mußte man das Leben genießen, sich freuen, solange man konnte. Es läutete mit allen Glocken zur Kirche. Himmel, sie mußte sich beeilen. Sie hatte die Kirche ganz vergessen. Tas kam von den dummen, unnützen Gedanken- — Hastig brachte sie das Kind zn ihrer Mutters lief heims tat ihre ehrbare Jacke an und setzte den Hut ctuf-, — Ter war freilich so, wie ihr Mann ihn wollte- Ganz schwarz, nur mit schwarzen Federn geputzt. Aber sie setzte ihn wenigstens keck auf und zauste die krausen Stirnhaare Hervor- Dann ging sie im Schwarm der Kirchengänger durch die engen Straßen mit den kleinen Giebclhäuschcn, in denen es noch schattenkühl war, während hoch in den Lüften der Glockenruf brauste und die Sonne schien- — Sie betete mit bei den allgemeinen Gebeten, laut im Chor- Und sie Jtörte der Predigt zu, kniete zur Messe nieder und schlua Beim Klingeln zur Opferung und Wandlung an die Brust- Abev in ihr Gebet drängte sich der jauchzende Gedanke an den Nach^ mittag — an Musik und Lichterglanz, an Tanz und Lust, an den Georg Hessemer- Und sie konnte cs kaum erwarten, bis die Messe zu Ende war und das Tedeum mit Orgelschall und unter Blasmusikbegleitung mächtig angestimmt wurde- — Es war ihr, als habe sie schon Wein getrunken am frühen Morgen. Und dann drängte sie hinaus mit den andern aus der dumpfen Kirche, hinaus in Himmelsblau und Sonne, hinunter an den Rhein ins lustige Leben- — Ter Nachmittag war schon weit vorgerückt. Am Rheinuser war das gleiche Leben wie gestern, nur noch lustiger, lärmender- Aus der ganzen Pfalz waren die Vereine gekommen, Sänger und Krieger, Feuerwehren, Junggesellenklubs- Sie lärmten singend und ulkend auf und ab- In den Wirtsgärten strömte es aus und ein wie ein Bienenfchwarm, die fremden Touristen saßen mit erstannten Angen in dem bunten Treiben- Tie Schiffe kamen und gingen, stießen mit einem schweren Krachen an die Landebrücken, daß die dichtgedrängten Menschen aufkreischten, und rauschten wieder stolz hinweg, wenn sie Hunderte abgegeben und wieder Hunderte ausgenommen hatten. Die hübschen Bingerinnen, weiß gekleidet, mit funkelnden Augen und lebhaften Farben, spazierten kokettierend in dem Gewühl- Am Budenplatz war's gedrängt voll- Hunderte fuhren da Karussell, würfelten an den Glücksbuden, versuchten ihr Glück in den Schießzelten- Tas dumpfe Brüllen des Löwen oder das Tuten einer Trompete machte es weithin hörbar, wenn ein geschickter Schütze eine der Scheiben getroffen hatte- Es mischte sich mit der Musik vom Karussell, die von Minute zu Minute durch ein grelles Trompetengeschmetter verstärkt wurde, das die Orgel übertönte- — Krin Platz auf dem Karussell war frei. Mädchen und Burschen drängten sich in den kleinen Wagen dicht aneinander, mit glühenden Backen und funkelnden Augen- Tie Dämmerung brach an, die Lampen wurden angezündet- Nun wurde es erst schön- — Tas Lampenlicht funkelte in den Goldstickereien und Spiegeln, die überreichlich angebracht waren, von den Waffelbuden roch es angenehm nach frischem Gebäck, und das Glücksrad knarrte immer lauter- Ter Ausrufer war schon ganz heiser: „Noch ein Los, noch eine Nummer! Lauter hochfeine Gewinne! Immer ran, meine Herrschaften! Gleich wird die Glücksnummer gezogen!" Greta Worringer saß in einer der kleinen Gondeln, die sich beim Fahren auch noch für sich auf- und äöschaukelten-. Sie hatte ihren Jungen im Arm und drückte sich oben in die eine Gondelspitze. In der anderen saß Georg Hessemer. Er schaukelte mit Feuereifer- Manchmal hielt er die Gondel fest, so daß Greta hoch in der Luft schwebte- Sie lachte dann hell und laut, und der Junge kreischte vor Vergnügen! „Schaukeln, Onkel, schankeln!" Jnrmer schneller, immer schneller schnurrte die Maschinerie- Immer rasender schaukelte die Gondel- Greta glühte. Mit denl Kind kreischte sie selbst vor Lust- Ach, da ging's schon langsamer. Schade, zu schade- Noch cinnial rum! Noch Mal weiter, Und wieder das Wiegen, 490 die rasende Fahrt, das herrliche GefüM'vom Fliegen und Schweben- Tie Lichter blendeten ihre Äugen, sie mutzte sie schließen- Aber nur für einen Augenblick- Sie mutzte wieder sehen, sich freuen an den bunten Farben, an dem Glanz und der Helle- „Nu hawwe ich awwer Dorscht, Greta", lachte zuletzt Georg Hessemer- „Tu kriegscht jo gar net genug. — Und das Bübche is auch mied-" Der Kleine nickte- „Heimgehe schlafe." Greta nahm ihn auf den Ärm wie eine Feder- „Bubche geht bei Oma schlafe- Gleich bring ich dich! Nur ä Schluck trinke-" Sie trank hastig in tiefen Zügen aus dem großen Glas, das ihr der Georg reichte- Dann lief sie mit dem Jungen zu ihrer Mutter- Da war er gut aufgehoben. Morgen früh holte sie ihn- Mocht' ihr Mann brummen oder schelten. Nur heute sich freuen, nur heute toll sein! Sie war schon wieder unten am Budenplatz und drängte sich durch die Menge, die immer dichter wurde- Kecke Scherzworte flogen ihr zu, der Arm eines etwas angeheiterten fremden Menschen griff nach ihr- Sie stieß ihn energisch fort. Ein halb Dutzend junge Mädchen und Frauen mit ihren Männern und jungen Burschen hatte sich zusammengefunden. Sie wollten tanzen gehen. Durch die dunkle laue Sommernacht ging’S nach dem Tanzsaal in einem dichten Trupp unter Scherzen und Kichern- Auch da Menschen und Lichter und Musik, ach, herrliche Musik- Und der Georg walzte mit ihr, immerzu, immerzu- Vom ersten Takt des Walzers bis zum letzten- Sic konnte kaum mehr atmen, aber er schwenkte sie noch hoch, als die Musik aufhörtc- — Und dann wieder zum Karussell- Es war schon spät. Es dauerte nicht mehr lange- Sie erstürmten das Karussell- In dem engen Wtschchen drückten sich vier, fünf- Greta saß neben dem Georg, dicht an ihn gepreßt, von seinem Arm gehalten- Er d-tückte sie fest an sich, o, so fest- Und sie sangen alle laut mit zur Musik, die spielte: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten." Beim letzten Vers setzte dann die Trompete ein, schmetternd überlaut: „Tas will mir nicht aus dem Sinn-" Bor Greta Worringers Augen schwammen die Lichter zu einem einzigen gewaltigen Lichtmeer zusammen- Es funkelte golden, rot und blau- Sie flog, sie flog immerzu, weit, weit in den Himmel hinein- — Sie spürte ein starkes Klopfen, das war Georg Hessemers Herz oder vielleicht auch ihr eigenes — oder beide zusammen- — Und sie schmiegte sich eng an ihn, ganz eng- Hinter den Buden, wo grüne und blaue Wagen der fahrenden Leute zusammengerückt waren, war es stockdunkel und still- Nur manchmal strich ein Pärchen dicht aneinandergedrückt da vorbei, weiter im Dunkel des Ufers- Zwei blieben stehen, gerade vor den Wagen- Sie flüsterten zusammen und küßten sich, bis das Mädchen erschrocken zurückfuhr- „To is was! Do lauert einer! Und 's Hot gestehnt do drin! Komm fort, ich fercht mich-" Ter Bursche blickte scharf in das Dunkel- Aber er sah nichts, hörte nichts- Als sie schon lange fort waren, regte sich's drinnen- Eine massive Gestalt löste sich aus dem Tunkel, ein schwerer Tritt wurde laut- Der Mann, der da gestanden hatte, warf noch einen letzten Blick auf die Buden, auf die Menschen, die sich da am Wirtshaus trinkend und schwatzend an den Tischen drängten- Zwanzig Schritte vor ihm schwang sich das lichtfunkelnde Karussell im Kreis- Tie Fahnen schwebten vorüber blitzschnell, wie ein lebendes Bild- — Immer wieder das gleiche, immer wieder unter den vielen das eine Paar, das da ganz dicht nebeneinander- saß, ganz dicht! Ter Mann stieß einen schweren Fluch aus- Dann ging er mit unsicheren Schritten hinaus, dem User zu- Im Schein der Laternen sah man sein Gesicht, rot, glühendrot, finster, mit blutunterlaufenen Augen- Er ging am Ufer aufwärts, an der ganzen Häuserreihe vorbei, die im Licht schwamm, wo Leben und Lachen war- Oben, wo der alte Kran gespenstisch feine Arme in die Höhe streckte blieb er stehen- Eine Weile schaute er stumm auf das Wasser- Ter Mond war schon hinunter, die weite Flüche lag schwarz, nur das leise Rauschen tourift: laut, mit dem das Wasser ans Ufer schlug- — Aber sein scharfes Auge sah. die Nachen, die da unten angekettet lagen- Und er nickte böse lachend, als er das kleine Boot bemerkte, das da an seiner Kette ganz leise schaukelte. — Es Ivar sein Boot. Er stieg hinunter ans: Wasser und zog es hinauf- Mit Leichtigkeit kehrte er das schwere Ting um, daß der Boden frei nach oben lag- Er suchte in seiner Tasche und holte einen Gegenstand heraus- Dann begann er zu arbeiten- Es splitterte und krachte im Holz. Er fühlte mit den Händen, er stemmte sich gegen das Boot mit aller Kraft- Tann hob er lauschend den Kopf. Alles still, nur das Glucksen des Wassers und von fern das Plätschern eines Ruders- — Und daun wieder das Krachen und Splittern. — Er wollte ein Streichholz anzünden, aber er hielt mitten darin ein- Nein, kein Licht. Er riß sich au einem Splitter, daß das Blut warm über die Finger lies- Aber das machte nichts, er zog und stemmte, es krachte und krachte- Jetzt richtete er sich auf- Er tastete vorsichtig die Stelle ab. Tas war genug- So würde es gehen. — Ein Pfeifen, ein Stöhnen kam aus seiner Brust- Und ein Fluch. Daun drehte er das Boot um und zog es vorsichtig hoch, daß es auf dem Sande lag- — Mit den Händen scharrte er die Holzsplitter auf dem Saud und warf sie in den Rhein- Dann kletterte er schwerfällig die Ufermauer hoch. Oben stand er und sah noch einmal hinunter- „Gelacht hoschte iwwer mich, guhde Rat hoschte mer gewwe wolle, wie ich mei Fraa behannele soll! Halunk verdammter! Scherzejäger! Weiwerverfichrer, elendiger! Mei Hand mach ich mer net blutig au dir! Laß annerleits Sach in Ruh, do bassiert dir nix! Annerleits Rache un annerleits Weiwer!" Er schüttelte die geballten Fäuste nach dem Lichteralanz Bingens- „Fahr Reitschul, solang se noch erumlääft! Danz solang de Musik geht! Marge is ausgefahrn un ausgedanzt! To wärd's sich net so warm und mollig sitze wie heil awend!" Der Sand knirschte unter seinen schweren Schritten- Er hatte noch kaum etwas getrunken heute abend, aber in seinem Kvpf sauste es, und in seinen Ohren klang es- Manchmal drehte sich alles um ihn, und er sah Feuerflammen und Kugeln- Ach, wenn er die Frau jetzt holen könnte, wegreißen von bent Verhaßten, ihm die Kehle zusammcudrücken- — Nur ein Griff, ein einziger Truck — wie einen Hund wollte er ihn schütteln, daß er elendig zugrunde ging- — Und seine Frau! Sein Herz preßte sich zusammen! Leichtsinnig war sie und gedankenlos, und junges, heißes Blut hatte sie! Wenn er auch schwenzeln und scharwenzeln könnte wie der andere, der — wenn er noch einmal jung wäre! Ach, er kannte sie gut genug, die Weiber! Ein. war wie die andere, einent Paar blanker Augen und einem ausgewichsten Schnurrbart liefere sie nach, das zog sie an wie Sirup die Fliegen- Aber vor ihm, da fürchtete sich seine Frau in bösen Stunden, und sür alle Tage ging sie neben ihm wortlos, gleichgültig, immer nur bestrebt, ihm aus den Augen äu fonunen- Er konnte sie nicht zwingen zur Liebe, er, fc er Worringer, der sonst alles konnte, der sich seiner Kraft und Stärke voll bewußt war- Sie holen! Sollte er sie holen? Daß sie hinter ihm herlachten und zischelten: „Ter Worringer muß sich sei junge Fraa heimhole, von selwer kommt se net-" Daß sie alle merkten, wie es um ihn stand- Daß der Georg Hessemer wieder lacht, daß seine weißen Zähne blitzten und er sich wiegte in dem Gedanken, daß die Greta ihn gern hatte, ihn ganz allein! — Er fühlte, wie seine Zähne zusammenschlugen! Nein! Ev schleicht sich wieder auf seinen Lauschcrposteu, er läßt sie nicht aus den Augen, keinen Augenblick lang- (Fortsetzung folgt.) Aon der neuen A wegung des„Zungenrederls". Von eigentümlichen Formen religiöser Uebung in Kassel wird berichtet, die viel Staunen und Kopfschüttelu hervorgerufcn, bei nicht wenigen auch starkes Aegernis erregt haben. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um die Gabe des „Zungenredens", wie es nach den biblischen Berichten in der Zeit des Urchristentums geübt worden sein soll und wie es später unter den verschiedenartigsten,Formen bei manchen Sekten in Uebung kam. Der Ursprung der neuen Bewegung ist in Norwegen, der Heimat Björnsons, zu suchen, dessen Drama „Ueber die Kraft" deutlich zeigt, daß dort eiu geeigneter Boden für derartige Erscheinungen vorhanden ist. Hervorgerufen wurde sie durch den Pastor Barcat in Christiania, der, nachdem er „die Taufe durch den heiligen Geist" erhalten hatte, „in Zungen redete" und durch seine Veröffentlichungen die Aufmerksamkeit der in der mystischen Gemein- schaftsbewcgung in Deutschland Stehenden auf die Augclegen- hcit zu lenken wußte. Pastor Paul in Breslau, der nach Norwegen gereist war, um die neue Bewegung kenneu zu lernen, äußerte sich nach seiner Rückkehr in begeisterter SBcife. darüber. Zwei Norwegerinnen, eine ehemalige Lehrerin und eine Putzmacherin, die beide, nach ihrem Bekenntnis, „in der Geistestause" — sie war ihnen auf ihr Gebet bei einem Sonntagsschulausflug im Wald zuteil geworden — die Gabe des Zungenredens, die eine auch die der Auslegung, erhalten haben, kamen nach Hamburg und wußten dort bei den geistig für eine Erweckung Gestimmten für die Sache zu werben. Aber nicht von Hamburg, sondern von Kassel aus kam drd AnZelegenheit an die Oeffentlichkeit. Die beiden Norwegerinnen, 491 — ohne Zweifel stark hysterisch veranlagte Persönlichkeiten ■— zur Kennzeichnung der ehemaligen Lehrerin sei hier angeführt, daß sie auch in der Schule zuweilen in Zungen redete und deshalb ihre Stelle aufgeben mußte — kamen in Gemeinschaft mit dem ebenfalls „durch den Geist getauften" Evangelisten Dallmeyer nach Kassel, wo ein Bruder Dallmehers als Stadtmissionar das „Blaue Kreuz" leitete. Der Vorstand des Kasseler Vereins vom Blauen Kreuz gab nun bedauerlicherweise, wie der „Köln. Ztg." geschrieben wird, den Saal seines Bereinshauses zu den Versammlungen der Erweckten her, die dreimal am Tage, vormittags, nachmittags und abends, stattfanden; in christlichen Vereinen der Stadt wurde zum Besuch der Versammlungen angeregt; Besucher erzählten von den Wunderdingen, die sich zutragen, und so war es denn nur zu natürlich, daß der Saal schon lange vor Beginn der Hauptversammlung am Abend überfüllt war. Tie Besucher setzten sich in der Hauptsache aus Angehörigen der untersten Kreise, namentlich aus Frauen und Mädchen, zusammen. Die Mystik mit ihrem starken, benebelnden Gefühlskultus hat zu allen Zeiten unter dem weiblichen Geschlechte ihre meisten und getreuesten Anhänger gehabt, unter denen Zustände von Ekstase, wobei die Verzückten in den lang ersehnten Gnadenzustand sich versetzt, Gott und Christum zu sehen, den heiligen Geist und sein Wirken zu spüren glaubten, nichts Seltenes waren. Sehr ,viele der Besucher waren jedoch nichts weniger als Erweckte; sie gingen hin, um den „Zauber" auch gesehen zu haben und dann darüber lachen zu können. Sehr bezeichnend war die vom Volkswitz dafür erfundene Bezeichnung: „Variete zum hl. Geist." In den Versammlungen hielt in der Regel der schon genannte Evangelist Dallmeyer eine Ansprache; alsdann wurden die „Ungläubigen" aufgefordcrt, den Saal zu verlassen, und nun kniete die Menge zum Gebet nieder, dabei den „Geist" erwartend. Hier und da schrie einer auf; man hörte Seufzen und Weinen, Lachen und Schreien, Stöhnen und Keuchen. Manchmal fing einer an zu zittern und merkwürdige Bewegungen auszusühren, ein Beweis, dafür, daß „der Geist in ihm wirke" und ihn dann zum Zungenreden trieb, das günstigenfalls später auch ausgelegt wurde. Daß bei solchen Vorgängen psychische Ansteckung eine Hauptrolle spielt, ist jedem Gebildeten bekannt. Welcher große Geist sich in diesem Zungenreden offenbarte, mögen einige der „Offenbarungen" dartun: „Ich will euch ein Pfingsten geben; seid einmütig; seid wartend; ich will euch bewahren; Jesu, erbarme dich meiner; alle, die sich verwirren lassen, gehören zu den törichten Jungfrauen; er hat euch frei gemacht, frei gemacht von allem; mein Helfer ist Gott; o Jesu, wie schön bist du; ihr singt, aber ihr glaubt nicht; raus; ich wollte segnen, und ihr seid zerstreut; ihr wollt die Gaben, aber nicht Jesus; Sünder heraus; Kreaturenliebe heraus; seid still; der Staub soll leuchten in Ewigkeit; der Herr befiehlt nur, hinauszugehen in die Stille". Doch genug des wirren Zeugs! Alle diese „Offenbarungen" wurden von salbungsvollem Geschwätz Dallmehers und von dem Gebet der Menge begleitet. Sünden wurden gebeichtet, Gebetsheilungen von Kranken in Aussicht gestellt, die man in Norwegen schon vollzogen haben will. Gerade hieraus ergibt sich sehr deutlich der Zusammenhang der Bewegung mit dem Scientismus und seinen Gebetsheilungen. Wie dieser durch Mrs. Mary Baker Glover Eddy in Amerika ins Leben gerufen wurde, so entstand auch neben der Bewegung des Zungenredens in Norwegen eine solche in der kalifornischen Stadt Los Angeles, und zwar in starkem Umfange. Daß die „Erweckten" diese „Gabe des Geistes" in Zusammenhang zu bringen wußten mit der durch das Erdbeben in San Francisco angerichteten Zerstörung, braucht nicht zu überraschen. Als nun schließlich zuviel der „Ungläubigen" in die Versammlungen kamen, ließ man nur noch „Erweckte" zu. Von da an nahmen die Versammlungen des Mob in der Nähe der Versammlungshauses großen Umfang an. Unfug wurde dabei in einer öffentliches Aergernis erregenden Weise verübt. Starke Aufgebote von Schutzleuten vermochten die mitunter fast 1000 Menschen zählende Menge nur mit Mühe im Schach zu halten; die öffentliche Meinung wandte sich in erregter Weise gegen den Vorstand des Vereins vom Blauen Kreuz (an dessen Spitze ein Kasseler Geistlicher steht), so daß sich dieser genötigt sah, öffentlich zu erklären, daß er mit der Sache nichts zu tun, sondern nur den Saal dazu vermietet habe. Die .Versammlungen hatten damit 41t Kassel ihr Ende erreicht; aber die Sache selbst war damit noch lange nicht am Ende angekommen; sie blühte im Gegenteil in anderen Teilen des Bezirks Kassel fröhlich weiter. Namentlich wurde nun das durch seine Tonwarenindustrie berühmte Städtchen Großalmerode der Mittelpunkt der Bewegung. Infolge des in G. herrschenden muckerischen Gemeinschaftslebens bestehen dort seit Jahren die denkbar traurig-- sten kirchlichen Verhältnisse. Ein großer Teil der Bewohner des Städtchens hat nun, da die Zungenrederei — ein schulpflichtiger Knabe und ein geheilter Trinker sollen die bedeutendsten Redner sein — und alles, was drum und dran hängt, noch hinzugekommen ist, beschlossen, aus der Landeskirche auszutreten, da sie auf Abhülfe durch die kirchlichen Behörden nicht mehr rechneten: An der Spitze der Gemeinschaftsbewegung in Großalmerode steht nämlich ein Geistlicher. Auch aus anderen Teilen des Bezirks wurde von dem Auftreten der „Zungenredner", ihren Verzückungen und den seltsamen Erscheinungen, die in ihren oft bis zur Mitternacht sich Hinziehenden Versammlungen zutage traten, berichtet. Die öffentliche Meinung forderte immer stärker ein Einschreiten des. Konsistoriums in Kassel, das denn nun auch am Sonntag, den 11. ds., folgende Ansprache von den Kanzeln der von der Bewegung berührten Gemeinden hat verlesen lassen: In manchen Teilen unseres Hessenlandes herrscht zurzeit eine hochgradige, nicht immer gesunde, religiöse Erregtheit. Unberufen wendet man sich an die Glieder unserer Gemeinden. Tie vorgebrachtcn Lehren gründen sich in ihrer Darbietung nicht immer auf den gesunden Schriftsinn, und die oft geübte Art, Sünder und Seelen zu gewinnen, entspricht nicht dem Verfahren und Verhalten unseres Heilandes Sündern gegenüber. Daher bitten wir alle Glieder unserer Gemeinde herzlich, jede ihnen außerhalb der Kirche von Unberufenen gebotene Seelenspeise an dem geofsenbarten Wort der heiligen Schrift in ruhiger Sammlung zu prüfen, gegenüber allen Anreizungen zum Begehren besonderer Geistesgaben auf dem wohlbewährten Heilsweg, in dem Glauben an die Gnade Gottes in Christo Jesu, treu zu verharren und ja nicht, wozu die Gefahr groß ist, Knechte unnüchterner Eiferer und ihrer jeweiligen Lieblingsneigungen zu werden. Einer ist unser Meister, Jesus Christus, der Herr. und das Haupt seiner Gemeinde und unserer evangelischen Kirche. Er erwecke einen Hunger und Durst nach seinem lautern, kräftigen Wort in allen unseren Gemeinden, daß jeder wohl erkenne und mit allem Ernst nütze die Zeit, darinnen er heimgesucht ist. Er bewahre uns alle in seinem Frieden um- seiner Liebe willen! Tas ist zwar wenig ■— man hatte kräftigere Worte gegen den groben Unfug erwartet —, aber es ist doch etwas. , Und wenn man bedenkt, daß solch unsinnige Bewegungen, wie die des Zungenredens, stets von einzelnen Schwarmgeistern, niemals aber von einer großen, begeisterten Volksmenge hervorgerufen und getragen werden; wenn man ferner erwägt, daß diese Führer meist in irgend einem Abhängigkeitsverhültnis zur Kirche und ihren Organen stehen, so wird man wohl hoffen dürfen, daß auch die kraft- und saftlose „Ansprache" des Konsistoriums doch zur Eindämmung der Bewegung beitragen wird. Die ganze Bewegung hat gezeigt, daß es noch Pastoren gebt, die an der Verbal-Inspiration der Bibel festhalten, die glauben, daß an dem Tage des ersten Pfingstfestes von den 120 Jüngern, die versammelt waren, jeder, ihm selbst unbewußt, in einer fremden Sprache, von der er früher auch nicht einmal eine Vokabel kannte, geredet habe, also daß der Lydier einen der Jünger lydisch, der Kappadozier einen andern kappadvzncb, der Perther einen tritt n parthisch pred g n hörte; sha .gezeigt, daß es Leute gibt, die an das Zungenreden in unseren Tag-n glauben, ohne sich die Frage vorzulegen: Was sollen denn diese Verkündigungen ost mehr als kindischer Art? hat sich denn Gott ■ nicht besser und gewisser geoffenbart als in diesem Stammeln Uuzurechnungssähiger? — „Was einem Gläubigen heilig ist, so sagt Henne am Rhyn in einer Betrachtung über den Aberglauben, „sofern nicht sträflicher Schwindel damit getrieben wird, soll es auch (die Rechte der ernsten Kritik Vorbehalten) dem Nichtgläubigen sein. Was aber die Tendenz, Macytgelusten zu dienen und die Menschheit zn verdummen, an der Stirn tragt, verdient an den Pranger gestellt zu werden, und.zwar um so mehr, je mehr das Heilige damit profaniert wird. Solch sträflicher Mißbrauch aber ist es, wenn man hysterfiche oder sonst brüchige Menschen zum „Zungenreden" verführt, und das noch unter dem Deckmantel der Religion. Und darum verdient es die Bewegung, daß sie öffentlich an den Prang.r gestellt wird. Vermrsch-sr. * Der moderne Brief. Die Zeit der endlosen Briefe, da jede empfindsame Dame den Morgen, in ihrem Boudoir ein« geschlossen, bei der „Korrespondenz" verbrachte, ist vorbei; vorbei der zärtliche Komplimeiilenaustausch der „Freundschastsbriefes, in denen sich Cleim und I. G. Jacobi anhimmelten, und mit dem Inhalt des Briefes hat sich auch sein Aussehen geändert. Verschwunden sind die blassen rosa nnb himmelblauen Tonungen, daS weiche, leicht gefaltete Papier, die sich schnäbelnden rauben als zart in Kupfer gestochenes „cnl-de-lamp" und die von Amoretten umspiegelie Rosenvignette. Ach, und auch Kranen der Rührung, der Schwärmerei, der Sehnsucht zierten damals reichlich die' Briefe und sie boten einen vielsagenden, melancholisch süßen Schmuck, daß man wohl auf den Gedanken kommen mochte, sie schon vorher auf dem Papier durch einen zarten Tondruck anzudeuten. Wie anders sind doch imiere „modernen Briefe als die matten, sinnig lieblichen Blättchen, von denen em stiller Lawendelduft ausströmte und die eng und dicht nut langen Ge- fühlsergüsscn und poetischen Hymnen bedeckt waren! Bor allem hat der „moderne" Bries das stärkste, steifste Papier, das man sich nur denken kann, möglichst Karton, englisches Fabrikat, wie das mondäne „Papier Bristol" in stumpfen Färbungen vielfach gerippt, so daß es mit jener steilen großen eckigen Handschrift beschrieben werden kann, die sich der Elegant von heute unbedingt angewöhnen muß. Doch wollen wir nicht ganz, unerwähnt Iahen, daß auch ein ganz dünnes, festes Papier in der — 492 — diesjährigen Mode immer mehr Geltung gewinnt, ein sogenanntes Auslandspapier, ganz durchsichtig, sehr leicht, japanisch, das besonders auf Reisen benutzt wird, wo man mehr zu schreiben hat und doch keine dicken Briefpakete schicken will. Für den gewöhnlichen Gesellschaftsverkehr ist jedoch immer noch das harte, dicke, die einzig „schicke" Form. Die Mode, eine bestimmte ausgedruckte Adresse an den Kopf zu setzen, hat man wieder aufgegeben,' sie war bei dem unruhigen Wanderleben der eleganten Welt, dem beständigen Wechsel des Aufenthalts zu unpraktisch. Heute ziert nur noch eine einfache Chiffre, ein stilvolles Monogramm, künstlerisch in einer Zierschrift entworfen, aber auffällig und diskret den Brief. Den Gipfelpunkt in der Briefmode aber erklimmt der Glückliche, der eine Devise, einen Merkspruch auf sein Briefpapier zu setzen versteht. Es ist dies ein Zurückgreifen auf die geistreichen Spiele in den Salons der Preciösen des Hotels Rambouillet aus dem 17. Jahrhundert, die in vieldeutigen Sprüchen und Sym- bolen ihre geheimenen Empsindungen ausdrückten. Eine gelungene Briesdevise ist mich heute wieder ein gesellschaftlicher Erfolg; sie muß kurz, bedeutungsvoll, dunkel und inhaltreich sein, dabei die Persönlichkeit des Schreibers oder der Schreiberin widerspiegeln. So zeigt, um nur ein Beispiel zu geben, das Briefpapier einer schöngeistigen und exzentrischen Pariser Modedame, einen gefiederten Pfeil mit der lleberschrift: „Fliege; ich folge dir." Das Format des Briefbogens ist breit und fast viereckig, so daß das Papier zweimal leicht gefaltet in ein rechteckiges Kouvert gleitet. Die Briefhüllen, die dieselbe Farbentönung wie das Papier haben — ein sehr blasses Graublau ist augenblicklich modern — sind im Innern mit einem dünnen goldenen oder silbernen Schutzpapier versehen, das das Hindurchdringen aller indiskreten Blicke unmöglich macht. Sie sind mit der gleichen Chiffre und Devise geziert wie das Briefpapier. Eine besonders elegante Briefschreiberin hat für ihre Briefe eine individuelle Färbung, „ihre Nuance", die nicht nur auf allen ihren Briefen und Karten und Kärtchen erscheint, sondern auch an ihren Toiletten, Bändern und Möbeln oder Gerätschaften, ja selbst im Haar zu finden ist. Ein eigenartiges persönliches Lieblingskolorit, konsequent durchgeführt, wird nie den Zweck, Aussehen zu erregen, verfehlen! Siegel sind an den Briefen unerläßlich. Man verwendet viel Sorgfalt darauf, mit einem farbigen, zum' Briefpapier passenden Siegellack die Schreiben zu schließen und das mit Monogramm und Devise geschmückte Petschaft daraufzudrücken. Statt der Siegel sind auch besondere gummierte Marken im Gebrauch, die man sich zum Verschließen der Küverts anfertigen läßt. Sie zeigen auf goldenem, silbernem und farbigem Grund Chiffre und Devise. Die glücklichen Besitzer von großen Schlössern, die ein .wenig abgelegen sind, haben auf ihren Landsitzen Briefpapier, auf dem init großer Genauigkeit die Postadresse, die Telegrammadresse, Telephonnummer, Eisenbahnstation usw. angegeben sind. Hier gilt es für erlaubt und „chic", was in Paris unpassend wäre. Seine Privatbriefe schreibt der Kaiser von Rußland auf ein starkes bläuliches Papier, das die Insignien des St. Andreas- Kreuzes trägt. Der deutsche Kaiser verwendet ein dickes, milchweißes Papier, mit der Kaiserkrone verziert. Die Briefbogen König Eduards bestehen aus einem feinen, kostbaren Japanpapier und sind mit einem Löwenwappm versehen. Die Devise zeigt den alten Wahlspruch des Hosenbandordens „Honni sott que mal h Peuse." — Die Heimatausstellung, die der Ausschuß für Volksvorlesungen unter Leitung des Professors Dr. Kobelt in Schwanheim a. M. eingerichtet hat, erfreut sich, wie mau uns schreibt, des steigenden Interesses der einheimischen Bevölkerung und auswärtiger Interessenten. Das stille Dorf, das man sonst mit der Waldbahn von Frankfurt aus um seiner landschaftlichen Reize willen besucht, zeigt hier in systematisch geordneten Gruppen, aus altem Familienbesitzstande die Geschichte seines Werdens, seiner Arbeit und seiner Freuden, seines Könnens und seines Strebens. Wir finden zwei alte Bauernstuben mit vollständiger Einrichtung, eine Küche mit allerlei Gerät, wie es früher in Gebrauch war, daneben altes Werkzeug des A ck e r b a ue s und des Haushalts, Kleidungsstücke, namentlich Kopfbedeckungen, Spinnräder und Erzeugnisse der Handweberei, Zinngerät, alten Wandschmuck, Porzellan einheimischer Manufakturen, alte Waffen nsw. Neben dieser hochinteressanten volkskundlichen Abteilung stellen die im Künstgewerbe tätigen Schwanheimer Erzeugnisse ihres Fleißes aus, während die literarischen Veröffentlichungen des in Schwanheim ansässigen Naturforschers Prof. Dr. Kobelt und die künstlerischen Ausstellungen des Bildhauers Franz Gastell und Johann Belz Beweise für hervorragende wissenschaftliche und künstlerische Betätigungen in unserem' Ausstellungsorte erbringen. Von ganz besonderem Werte erscheinen uns die von Autodidakten ausgestellten wertvollen naturwissenschaftlichen Sammlungen und Präparate als Beweis für die Erfolge der Volksbildungsarbeit, wie sie der Rhein-Main. Verband für Volksbildung (mit dem Sitz in Frankfurt a. M.) zu erzielen vermag. Auch die im Turnhallengarten begonnene Anlage eines botanischen Gartens und einer Mineraliensammlung tn Gestalt von aufgestellten Blöcken findet viele Bewun- derer. .Alles in allem müssen wir sagen, daß diese Ausstellung nicht allein von großem kulturhistorischem, sondern auch von v'olksbildendem Wert ist. Was man in Schwanheim geleistet hat, kann auch in anderen Orten geschehen, und schon aus diesem Grunde sollten Freunde des Volkslebens auch von außerhalb sich den Besuch dieser Ausstellung nicht entgehen lassen. Sie ist bis zum 20. August täglich geöffnet. SMie ein Abgeordneter si ch populär in a L Im Pariser „Gil Blas" lesen wir: Die Herren Abgeordneten unseres Landes schwimmen gegenwärtig in eitel Lust und Wonne, weil sie ihre Wähler wiedersehen können. Sie ziehen von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, überall redend, versprechend, umarmend , . . Väter, Mütter, Kinder — es fällt für jeden etwas ab. Und es war schon immer so. Dickens erzählt uns in seinen unsterblichen „Pickwick Papers", wie um 1830 in dem alten und grauen England die Kandidaten ihre Wähler singen. Ein Whig-Kandidat weiß nicht, was er tun soll, um seinen Gegner von der Tory- partei an Popularität zu übertreffen. Ein alter geriebener Wahlmacher gibt ihm gute Ratschläge: „Lieber Herr, wenn Sie den Bankettsaal verlassen werden, werden Sie auf den Treppenstufen zehn Männer finden, die sich die Hände gewaschen haben ..." — „Ach! ..." — „Ja! weil Sie jedem von ihnen die Hand drücken müssen." — „Allen zehn?" — „Natürlich I . . . Und dann werden auch noch zehn Mamas mit je einem Säugling auf dem Arme dastehen . . . Vergessen Sie nicht, den Kleinen die Wangen zu streicheln." — „Und wenn Sie daun gar ..." — „Was denn noch?" — „Durchaus notwendig ist es ja nicht . . . aber wenn Sie eines von den Kindchen küssen würden, wäre die Wirkung großartig." — „Glauben Sie?" — „Ihr Gegner kam nicht auf den Gedanken, die Kinder zu küssen." —- „Hurra! der Sieg ist unser." So sprach Dickens. Das könnte aber auch heute oder gestern geschrieben sein. — Hermen. Essays und Studien von Heinrich SPiero. Hamburg und Leipzig, Verlag von Leopold Voß. — Der Verfasser, als Mitarbeiter der „Zukunft" Hardens und anderer Zeitschriften bekannt, gibt in diesem Sammelwerk Proben seines feinen Verständnisses für literarische Dinge und seines treffenden Urteils über Dichter und Schriftsteller. Er weiß Maß zu halten, hütet sich vor lieber, chwenglichkeit und scheut sich nicht, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Seine Essays zeugen von einer genügenden Vertrautheit des Verfassers mit dem jeweiligen Gegenstand seiner Darstellung. In seinem Aufsatz „Das literarische Hamburg der Gegenwart" gibt er eine erschöpfende Schilderung des literarischen Lebens der deutschen Seehandelsmetropole. Aus dem reichhaltigen Material, das Heinr. Spiero bearbeitet hat, mögen sonst nur noch die im ganzen zutreffenden Charakteristiken Wilhelm Jordans, Wilhelm Raabes, Paul Heyfes, Friedrich Spielhagens, Rudolf Lindaus und die beiden Essays über Liliencron hervorgehoben werden. Interessant sind auch einige kulturhistorische Abhandlungen, u. a. der Aufsatz über das Friedrichs-Kollegium zu Königsberg, dem der Verfasser die Grundlagen seines Wissens verdankt. Was ist das Leben? : Aphorismen- Das Leben ist ein Spiel; Würfeln gleich rollt es, ohne daß' män weiß, wo und wie es liegen bleibt- * ■ Das Leben ist eine Bllume; erst die Knospe, dann die Blüte und schließlich das Welken- In der vollsten Blüte kann es geknickt werden- * Das Leben ist ein Tanz; bald langsam', bald gleitend, bald stürmisch geht's nach der Musik der Welt dahin- Es kann auch zum Geister- oder Totentanz werden- * ; Das Leben ist eine Welt; es ist unermeßlich und nnerforschbar-; * Tas Leben ist der Güter höchstes; denn ohne das Leben können wir auch «Lies das, was' wir höher zu schätzen pflegen als das Leben, nicht erkennen- * Tas Leben ist die Liebe; ohne Liebe kein Leben, ohn'. Leben keine Liebe- * r ! Das Leben ist ein Gott; es schafft, 'es wird angebetet, es gibt,; eS wird gefürchtet, es richtet- Ob es aufhört, weiß niemand. * ' „Das Leben ist doch schön", rufen viele, wenn sie cs er-i kannt haben. O. R. Redaktiöm;^P« W i t tko. —. Rotationsdruck und Brrlag der,Brff hk 'schcn.Universttäts-Buch- und Steindruckereß R, Lange-, Gießen.