1907 S! W kS M ■ Illi Kvf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.! „Bon den nächtlichem Eskapaden Ihres Stiefbruders hatten Sie keine Ahnung?" erkundigte der Rat sich weiter und als Walden nur stumm mit dem Kopf schüttelte, fuhr er eindringlich fort: „Alles, was recht ist. Sie sind ein viel zu kluger und einsichtsvoller Kopf, als daß sie es nicht einsehen mühten, wie es für Sie jetzt gar kein auf halbem Wege Stehenbleiben mehr geben kann. Warrim erzählen Sie mir das alles? Doch vermutlich nur in dem klare» Bewußtsein, daß wider Sie schwerer Verdacht aufgetaucht ist, dem zu begegnen ein kühner Schachzug wie der eben von Ihnen gewagte, sich zweckdienlich erweisen möchte." Walden erbleichte bis unter die Haarwurzeln: er trat einen Schritt zurück. „Herr Rat", stammelte er empört, um indessen sofort in eine andere Tonart hinzuzufügen: „Das' von Ihnen hören zu müssen, ist Strafe genug. Nun erst erkenne ich die ganze Tragschwere meiner Handlung!" Und er schlug stöhnend die Hände vor das Gesicht. Nach kurzer Pause faßte Hansentann Walden beim Arm und begann dann gedämpft: „Walden, die Sache ist viel zu ernst. Sie sind zu lange beim Bau und zu geschickt im Fach, ton die Schwere der wider Sie zeugenden Indizien zu unterschätzen. Der Umstand, daß Ihr Stiefbruder den Einbruch bei Selkenbach verübt und die verhängnisvollen Akten just in dem Moment auftauchten, wo es die Krönung Ihrer momentanen Bemühungen galt, bricht Ihnen vor jeden Geschworenen den Hals. Es wird Ihnen keiner glauben, auch ich nicht, daß Sie nicht der Urheber dieses meisterhaft ausgeführten Einbruchs sind." Walden schlug, wie in fassungslosem Entsetzen, die Hände zusammen. „Herr Rat, Sie können annnehmen und glauben, daß ich — ich" — bebte er. „Still! Nur still!" unterbrach ihn Hansemann beschwichtigend. „Das ist nicht die geringste Anklage wider Sie. Denken Sic an die Rokohlsche Rekognoszierung; die Geschworenen werden ihm glauben und Sie für den zweiten Begleiter, der zu Schuhmacher in die Droschke stieg, mit Bestimmtheit erklären." „Das ist zuviel!" schrie Walden auf, der erst wie vom Donner gerührt, dagestanden war. „Sie beschuldigen mich gar des an meinem Stiefbruder begangenen Mordes . . . o Himmel, bin ich denn wirklich in diesen wenigen Tagen so hoffnungslos gesunken, daß selbst der Mann, dessen Wohlwollen und Vertrauen mich so glücklich, so stolz machten, mich verdammen kann!" Mit flehend gefalteten Händen trat er auf den Rat zu und als dieser sich mit frostigem Achselzucken von ihm abwendete, schwankte Walden, wie im Uebermaß der Verzweiflung auf die still vor sich hin weinende Hermine zu. „Können auch Sie mich verdammen, Fräulein Hansemann?" fragte er dumpf. „So sagen Sie mir, ob auch Sie mich für einen Mörder halten! . . . Es ist zum Wahnsinnigwerden..... ich fasse es nicht. . . Selbst meine Freunde klagen mich ast . . . . und so wahr ein Himnrel sich über uns wölbt, ich bin unschuldig . . . doch warum das erst beteuern!" stieß er, in maßlose Entrüstung geratend, heftig hervor. „Wie darf man wagen, mich so schamlos zu beschuldigen . . . Liegt mein Lebest nicht makkellos da . . . Habe ich nicht immer meine Schuldige feit getan! Ist der eine Schritt vom Wege so verwerflich, daß man darum über mich den Stab bricht, ohne mich auch nur anzuhören. . . nur Schandtaten in die Schuhe schiebt, von denen mein Herz nichts weiß?" Tas Mädchen hatte ihn sich ruhig austoben lassen; nust begegnete sie feiltem verstörten Blicke klar und fest. „Nein", sagte sie warm, „ich glaube nicht an Ihre Schuld. So schlecht kann kein Mensch sein, um sich derartig verstellen zu könnest . . . . und Sie sind nicht schlecht!" Ehe sie es verhindern konnte, hatte er in stürmischem Drange ihre beiden Hände ergriffen und sich zum Kusse über sie gebeugt. „Ihr Vertrauen tut mir wohl — das ist wie Himmelslicht in dunkler Pacht!" stöhnte er. „Doch darum müssen Sie schrankenlos offen1 fein, _ Herr Walden" fuhr sie fort, ihm errötend die Hände entziehend. „Vater meint es doch gut mit Ihnen, sagen Sie ihm alles, was Sie wissen, ohne Rückhalt .... nur dann wird er Jhnest in Ihrer Bedrängnis mit Rat und Tat beistehen fönneit."' „Aber was soll ich denn sagen?" stammelte Walden ist einem neuen Verzweiflungsanfall. „Ich kann doch nicht mehr als die volle, ganze Wahrheit künden. . . was die Beschul digung anbelangt, ich Hütte meinen Stiefbruder zum Raub der Dokumente aus dem Selkenbach'schen Kassenschranke veranlaßt, so" — Er unterbrach sich mitten in dem entrüstet ihm vom Munde quellenden Worten und stand plötzlich nachdenklich. . . „das heißt", es mochte doch fein, daß ich Gustav beeinflußt! habe... in diesem Falle aber völlig unwissentlich und ohne daß mir der Gedanke an eine verbrecherische Gewalttat gekommen wäre." Er wandte sich an den erwartungsvoll ihn anblickcnden Rat. „Ich erinnere mich, auf dem Wege nach dem Stellen^ agenten mit Gustav über meine Gemütsstimmung, die er mir vom Gesicht ablas, gesprochen zu haben . . . wohl möglich, ich sprach auch von den Dokumenten und ihren Verwahrungsort, drückte die heiße Begierde aus, nur eine Stunde laug Heinzelmännchen spielen und Einsicht in die Dokumente nehmen zu können .... doch das ist alles. Bei allem, wns mir heilig ist, Herr Rat, das plötzliche Eintreffen des mit Dvkumentest beschwerten, umfangreichen Briefes mutete mich einfach märchenhaft an. . . doch ich kam gsir nicht auf den Gedanken, daß Gustav, vielleicht nm mir feine Erkenntlichkeit zu zeigen, oder um auf seine Weies mit mir quitt zu werden, die Dokumente entwendet und heimlich eingeschickt haben sollte — er könnte cs freilich gewesen sein", setzte der Detektiv nachdenklich hinzu, denn er wußte, daß ich für den Rat Kueist tätig war und er kannte auch die diesem unterstehende Abteilung nach Diensträumen und Bezeichnung. Hanscmann hatte begonnen, einen ziemlich erregten Spaziergang durchs 'ZimMer zu machen; nun. schlug er die Hände zu- 686 fanmten imb blieb vor Walden ffeljeit*. „Und Sie versteifen sich darauf, an bcm- Einbruch von Selkenbnch so unschuldig zu sein, wie das bewusste neugeborene Kind?" rief er zornig. „Gewiss, Herr Rav". „Und Sie erwarteten die Rückkehr sichres Stiefbruders auch nicht vor der Selkenbach'schen. Villa?" „Ist mir gar nicht eingefallen, Herr Rat, denn ich Waran jenem Abend sehr müde und legte mich schon lange vor Mitternacht nieder." „A'.s Sie natürlich nicht beweisen können?" „Hätte ich voraussehcn können, welche Beschuldigungen man wider mich erheben wird, so würde ich selbstredend für ein Alibi besorgt gewesen sein", nreinte der Detektiv bitter. „So suchte ich mein abseits gelegenes Zimmer auf, ohne unterwegs auf der Treppe semanden zu begegnen." „Natürlich versuchten Eie auch nicht, den Betrunkenen in die Droschke unkcrrubringen? Sie parlam-entierten darum auch nicht mit dem Kutscher, dem Sie heute früh ebenfalls so merkwürdig bekannt vorkamen?" „Erlassen Sie mir eine Beantwortung, Herr Rat, die sich rrübrigt, ich wiederhole, dass ich vor Mitternacht die Ruhe ausgesucht habe." „Und wie erklären Sie den Umstand, daß Schuhmacher seinen Begleiter „Angus" nannte — also Ihren Vornamen anwandte?" „Ties entzieht sich meiner Kenntnis, Herr Rat. ES ist dies übrigens der wohl am häufigsten vorwimueude männliche Vorname." Ter Rat wollte wieder in großer Erregung durchs Zimmer zu schreiten beginnen, besann sich iendessen, trat ganz dicht cm den Detektiv herna und faßte ihn vorn beim Rocke. „Mensch, wollen Sie sich durch Ihr unseliges Leugnen aus's Schaffst bringen?" stammelte er. „Jawohl, aufs Schaffok!" wiederholte er, als Hermine einen leisen Entsetzensschrei ausstieß und Walden ihn auch wie intgeistert anstarrte. „Daß doch die schlauesten Spitzbuben fän ger, die all deren Kniffe und Schliche kennen, hoffnungslos versagen, geraten sie selbst mal in heißes Wasser! So nehmen Sie doch nur Verstand an. Ein Alibi können Sie nicht nachweisen, dafür aber sind wir in der Lage, Ihr gesamtes Tun in der kritischen Nacht zeitlich geordnet den Geschworenen vorzuführen. Die Kardinalfrage bleibt immer noch, wem brachte das Verbrechen Nutzen . . . und das trifft cm Sie, einzig nur auf Sie zu. Das allein bricht Ihnen bei den Geschworenen den Kopf, geschweige noch die vielen Indizien . . . Seien Sie Mann und raumen Sie den immer noch wohlwollenden Vorgesetzten ein, was Ihnen vielleicht morgen schon der ehern unparteiische Untersuchungsrichter auf den KvPf zusagen wird . . und seine Ansicht werden sich die Geschworenen zu Nutze machen. Verlassen Sie sich darauf!" Mit einem plötzlichen Rucke richtete Walden sich auf und begegnete furchtlos dem mißtrauisch geschärften Blicke seines Vorgesetzten. „Herr Rat, ich habe Sie schon allzulange belästigt", sagte er mit bebendem Munde. „Zum allerletzten Male wiederhole ich, die Mwgünge in jener Nacht sind mir gänzlich fremd und ich habe an diesem so vielen Anteil, wie etwa Sie oder der Papst in Rom." „Das ist Ihr letztes Wort?" fragte Hansemann, eisig bemessen. i&'ilbeii verneigte sich stumm. „Dann sehe ich mich genötigt, meine Amtspflicht zu erfüllen." Er winkte seiner bestürzt herzueilenden Tochter zu: „Hermine, Hut und Ueberrock, ich muß noch fortgehen." Und an Walden herantvetend, diesem die Hand auf die Schulter legend, sagte er kalt: „Im Namen des Königs, August Walden, Sie sind mein Gefangener." Keine Muslbl zuckte in den bleichen Zügen des jungen Detektivs. Er neigte ergebungsvvll das Kinn: „Ich gehorche Ihnen, Herr Rat". Mit' gelassenem Ernst zog er eine stählerne Handschelle aus der eigenen Rocktasche. „Darf ich Ihnen anbieten, ich weiß es nichst, ob Sie solche Dinger im Hause haben und es ist Dienstvorschrift, wegen Kapitalverbrechen Verhaftete ausnahmslos geschlossen zu transportieren." Mit einer unwilligen Bewegung wies der Rat die dar- sebotene Handfessel zurück. „Lassen Sie stecken, Walden", sagte er dumpf. „Ich will und kann die Hand nicht binden, die V) so oft freundschaftlich gedrückt habe. Ich zähle auf Ihr Anstandsgefühl. Sie werden unterwegs keinen Fluchtversuch machen, sondern mir in Güte folgen." Wieder faßte Hermine bittend nach seiner Hand. „Tue triefen einen Schritt M.cht, der, wie Du selber sagst, den Stein ins Rollen bringen- muß und nicht wieder ungeschehen gemacht werden kann!" slehte sie herzbeweglich unter unanshaltsam strömenden Tränen. „Laß' mich Bürge fein für Walden. Er wird sich der Verantwortung nicht entziehen. Aus seinem eigenen Munde hortest Du, daß er eine neue, vielleicht entscheidende Spur gesunden hat. Lasse sie ihn verfolgen, entziehe ihm die Möglichkeit nicht, sich wegen des von ihnv zugestandeneil geringfügigen Vergehens zu rehabilitieren. Mein Herz fagt mir, daß er Dir nichts mehr zu gestehen hat! Er müßte ja kein Mensch von Ehre sein, vermöchte er in solcher Stunde zn lügen . . . . nein, nein, dessen ist er nicht fähig!" Ihre Stimme brach: schluchzend fiel sie ihrem Vater in ü^rsirömender Bewegung um den Hals. Sanft suchte sich der Rat von ihr loszumachen. „Kl*», woriir verstrickstst' Dn mich. . . was mutest Du mir zu!" rief er dnmpf. Dann als cs ihm gelungen, die Wemende sacht einem- Sessel zuzuführen und sanft nicderzudrücken, wendete er sich aic den unbeweglich, wie unter dem Eindruck einer überwältigenden Offenbarung Stehenden. „Sagen Sie selbst, Walden, ist ein Ausweg für mich vorhanden — muß ich meine Pflicht nicht tun?" brachte er angestrengt hervor. Doch der Gefragte antwortete nicht; er schien feinte Frage nicht einmal gehört zu haben, sondern starrte wie gebannt auf die in grenzenlosem Schmerze zwiefach lieblich Erscheinende. Dann sank er taumelnd auf sie zu, sank haltlos vor sie auf die Knie und tiutes einem dnmpfen Wehlaut haschte er nach ihrer schlaff niederhängcnden Hand. „Fräulein Hermine" kam es leise und tief bewegt über seine Lippen. „Sie haben mich in Ihr liebes, gutes Herz blicken lassen. Ich kann Ihnen nicht sagen, am wenigsten in dieser Stunde, was mir als heiße Sehnsucht schon seit Monaten auf den Lippen brannte. . . ach, ich habe ja nur gearbeitet und gerungen, um vor Sie hintretcn zu können, alsd ein Mann, der etwas in feinem, Berufe geleistet und in ihm sich eine gesicherte, geachtete Stellung errungen hat . . . nnd nicht zum mindesten war es der Gedanke an Sie, der mich so unbesonnen hat handeln lassen, denn ich zittere vor der Entdeckung, die mich als beit jüngsten Halbbruder jenes Tiefgesunkenen bloßstellen mußte . . . und nun lassen Sie mich enden. Tank, tausendmal Dank sür Ihr Vertrauen, für Ihren Glauben an mich!" Wie zu einem Heiligenbild schaute er eben zu ihr aus. Ehrerbietig berührte er die ihm willenlos überlassenen Handelt mit den Lippen. Dann stand er auf und stand vor seinem Vorgesetzten. „Sie fragten mich vorhin, was Sie tun sollten, sagte e r ernst, indem er den andern fest dabei in die Angen blickte. Ihre Pflicht sollen Sie tim, wie Sie es mir gelehrt haben. Ihre Pflicht, ohne Ansehen der Person, Herr Rat . . . und nun lassen Sie uns gehen!" Ta hob Hansemann entschlossen den Kopf. „Wohlan denn, ich will meine Pflicht tun . . . aber zusammen mit Ihnen Walden . . . hol der Teufel diese Indizien. . . nein, ich will nicht kleingläubiger sein, als meine Hermine. Geben Sie mir Ihre Hand und schauen Sie mir in die Augen!" Und als der Ueverraschte stumm gehorchte, setzte er in mächtiger Bewegung hinzu: „Auf Ehre und Gewissen, Walden... Sie haben mir alles gesagt? Und von dem ganzen Plunder ist, soweit er Sie betrifft, kein Wort wahr?" Da verdunkelte eine Zähre die ernsten Augen des jungen Mannes; er mußte wiederholt zum Sprechen ansetzen, ehe er zu antworten vermochte: „Auf Ehre und Gewissen, Herr Rat. . ich kann nicht mehr sagen. Ich weiß nichts von all dem Schrecklichen ... und lüge ich, so bin ich verächtlicher als der schlimmste Verbrecher!" (Fortsetzung folgt.) Iie Mßcsüöungen der deutschen akademischen ZUsfend. Wir erhielten folgende Zuschrift: Vor kurzem brachten die „Gießener Familiew- blätter" eineu sehr iuteressauteu Aufsatz des Hofrats Prof. H. Raydt, eines der eifrigsten Vorkämpfer für die Pflege der Leibesübungen, über: Das Jugendspiel in gesundheitlicher und erzieherischer Hinsicht. Es war in demselben darauf aufmerksam gemacht, daß gerade die akademische Jugend ein sehr schlechtes Beispiel in dieser Beziehung gibt. Zu gleicher Zeit veröffentlicht ein anderer tätiger Mitarbeiter auf diesem Gebiet, Dr. Kurt Blaum- Straßburg, in der Deutschen^ Turnzeitung unter obigem 687 Titel eine längere Abhandlung, die auf derselben Tatsache fußt, nttb der folgende nicht nur für Nniversitätskreise wichtige Ausführungen entnommen seien. Bald vier Jahrzehnte bemühte sich die Deutsche Turnerschaft, die studentische Jugend und mit ihr und durch sie die sogenannten höheren Kreise miferer bürgerlichen Gesellschaft dem Turnen zuzuführen durch Wort und Schrift, durch Anregungen und Erleichterungen aller Art, und doch — wie gering ist der Erfolg, wie entmutigend klein die Zahl der turnenden Studenten. Ganz anders zu -Anfang des vorigen Jahrhunderts und noch in den fünfziger und sechziger Jahren, tu welcher Zeit das Turnen gerade in den akademisch gebildeten Kreisen die meisten -Anhänger und regsten Förderer fand. Wohl existieren unter der akademischen Jugend zwei Verbände (Akademischer Tnrnerbniid itttb Verband der Turnerschaften), die das Kurneu besonders pflegen und eine Schar begeisterter Leute erziehen, aber die beiden Verbände sind klein, nur 2300 Mitglieder zählend gegenüber mehr als 60 000 Studenten auf den deutschen Hochschulen,*) die Zahl derer, die auch im Philisterium dem Turnen treu bleiben, zu gering. Wir müßten es offen eingestehen, daß in den sogenannten höheren Schichten des Volkes unser Jahn'sches Turnen (nach Jahn ist Turnen der Betrieb von Jugend- spielen und Leibesübungen in Gesellschaft) nur schwach verbreitet ist, daß alle Bemühungen der Besten unserer Sache nur einen geringen Erfolg gehabt haben. Tie heutige deutsche sogenannte bessere Gesellschaft und insbesondere die studierende Jugend ist ihrer weitaus überwiegenden Mehrzahl nach demTnr - treu abgeneigt! Das muß entschieden besser werden, denn es sieht schlimm aus mit der körperlichen Tüchtigkeit unserer akademischen Jugend. Dafür sprechen die geringen und von Jahr zu Jahr geringer werdenden Zahlen der znm Heeresdienst tauglichen unter den Studenten eine warnende Sprache. Wie kann das besser werden? Es wurde oben gezeigt, daß die akademischen Turnvereine nicht viel zur Ausbreitung des Turnens beizutragen vermocht haben. Wohl werden auch noch von anderen Verbindungen Leibesübungen gepflegt, insbesondere Fechten, Schlägerfechten, das jedoch als Körperübung nur sehr einseitig ist. Mehr leisten schon die akademischen Rudervereine, aber der Rudersport ist kostspielig und die Zahl seiner Anhänger gering. Auch au Sportvereinen mancherlei Art fehlt es nicht, wie Tennis, Fußball usw. Trotzdem ist die Zahl der Studierenden, die regelmäßig und systematisch die Leibesübungen pflegen, sehr klein. Eine wirklich all- seitige Ausbildung des Körpers bietet auch nur das Turnen (im Sinne Jahns, der auch schon Wandern, Schwimmen, Fechten, Spielen und Eislauf dazu zählte), andere Leibesübungen nur dann, wenn mehrere derselben betrieben werden. « Besser werden kann es auf diesem Gebiete in erster Linie durch die akademischen Turnvereine unter Beibehaltung des korporativen Charakters mit möglichst geringem Anspruch an die geselligen Verpflichtungen ihrer Mitglieder und unter Freimachung von manchem alten oft nur äußerlichen und veraltetem Korporationsgerümpel. Sie müssen ein Sammelpunkt werden für Turnen, Spiel und Sport, für die Pflege aller Leibesübungen auf der Hochschule. Turnen aber sollen möglichst alle Studenten. Wie aber kann die Studentenschaft zu besserer Körperpflege erzogen werden? Alles Neue und Fortschrittliche wird von der Studentenschaft sehr schwer und sehr allmählich aufgenommen. Der „freie Bursch" ist konservativer als konservativ. Schuld ist der fortwährend schnefle Wechsel der Personen, der jeder *) In Gießen konnte sich der vor einigen Jahren gegründete akademische Turnverein ans Mangel an Mitgliedern überhaupt nur kurze ZeitMM) steten, gesicherten Entwicklung immer wieder dieselben Schwierigkeiten entgegenstellt. Auch die Wildenschaft, frei von korporativen Fesseln, ist hierin nicht besser. Ihr fehlt es an organisatorischen Kräften, an führenden Persönlichkeiten.. Der Hauptmangel aber, auch für die akademischen Turnvereine, ist die fehlende Unterstützung durch die Hochschule selbst, das fehlende Interesse der akademischen Lehrer an der körperlichen Ausbildung der akademischen Jugend. „Mens sana in corpore sano" hört sich vom Lehrstuhl ans sehr schön an, aber wie oft wird es von einem jungen Lehrer gesagt, der gebrechlich, zu feinen jugendlichen Zuhörern, die verweichlicht, körperlich untauglich und blasiert sind. Tie Ansprüche an den Geist wachsen immer mehr. Aber wie häufig sieht man gebückte, schlaffe Gestalten, kurzsichtig, nervös, au keine Anstrengungen und Entbehrungen gewöhnt, keine Lebensfrische in den Angen, kein Jugendmut in Haltung und Gang, nichts als Bücherweisheit und Examenswissen im Kopf. Solchen hat eine körperliche Erholung neben der Arbeit oft erst die Augen geöffnet über das, was sie sich und ihrer Zukunft für die Gesundheitspflege schuldig sind. Wie viel frisches Blut fließt jährlich in die Reihen der Studenten und wie viel Kranke und Kraftlose verlassen sie nach einigen Jahren. Bei den meisten von ihnen hat der Ausgleich der erhöhten geistigen Arbeit durch körperli«^ Erholung gefehlt. Andere wieder haben leider zu tief den Becher der Freude geleert. Die Forderung de r Leibesübungen in der studentischen Jugend bedeutet Hebung der Sittlichkeit in ihren Reihen. Gerade auf diese Seite von Turnen, Spie! und Sport mutz besonders hingewiesen werden. Jugendlust und Frohsinn, die Freuden der Geselligkeit sollen die Studenten haben, ihnen verbleibe die „akademische Freiheit", damit sich der Ueberschuß an Kraft und Schwärmerei austose. Aber dieser Ueberschuß darf nicht verloren gehen und weggeworfen werden an Alkohol und Dirnentum! Er muß genützt werden für den eigenen Körper, zur Pflege der Gesamtheit.Körperliche Anstrengung macht nach alter Erfahrung den Körper unfähig zu alkoholischen und anderen Ausschweifungen. Auch ist sie bei starker geistiger Anstrengung zur Gesunderhaltung nötig. Daher: „Treibt Leibesübungen zur Förderung der Gesundheit und zur Wwehr von Gefahren für Körper und Charakter." Wenn nun für die Studenten die Pflege von Leibesübungen als eine unbedingte Forderung einer gesunden körperlichen, geistigen u u d s i t t l i ch e u E n t w i ck l u u g angesehen werben muß, woher kommt es dann, daß die Hochschulen von sich aus fast gar nichts leisten, sondern teilnahmlos zur Seite stehen? Ter Grund hierzu liegt im ganzen Wesen der Hochschule, ihrem konservativen Charakter, ihrer Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen. Auch für die Professoren gilt, daß sich neues nur sehr langsam bei ihnen einbürgert. Besser wird es erst dann werden, wenn einmal auf den Lehrstühlen Professoren sitzen, die von Jugend auf Turnen und Spiel getrieben haben und von der Notwendigkeit der Leibesübungen für die Studenten überzeugt sind. . ,. . Um aber jetzt schon eine Besserung auf diesem Gebiet au erzielen, muß die Professoreuschaft für die Pflege der Leibesübungen unter den Studenten interessiert und heran- gezogen werden, und die Korporationen müssen Anleitung betömmen durch Türnlehrer, Spielleiter usw., und angeeifert werden durch Professoren und Dozenten der Hochfchnie, so daß Turnen und Spiel bei ihnen bald aufblühen Serben. Leider fehlen uns noch ganz für diese Zwecke Stipendien, wie in England und Nordamerika, auch haben bis letzt nur wenige Hochschulen Turnhallen und Spielplätze. Als vorbildliches Beispiel diene bte Universität Breslau, woselbst die Professorenschaft durch Geh.-Rat Prof. Tr. Partsch, Mitglied des Ausschusses der Deutschen Turner- schaft und des Vorstandes des Zentralausschusses für Volks- 688 -- und Jugendspiele, für diese Frage interessiert wurde. Es besteht dort ein Spielausschuß, dem der Rektor und von jeder Fakultät ein für ein Jahr gewähltes Mitglied angehören. Dieser Spielausschuß überwacht die Tätigkeit des Turnlehrers und die Benutzung des Universitätsspielplaßes. Nach diesem Muster sollte man an jeder Hochschule eilten Ausschuß für die Pflege der Leibesübungen unter der Studentenschaft schaffen. Bon ihm hängen alle hierfür in Betracht kommenden Anstalten ab: Turnlehrer und Turnanstalt, Fechtlehrer und Fechtboden, Spielplatz, Ruderhäuser, Sportplätze aller Art usw. Er verwaltet die Mittel für dieselben, verteilt die Spielplätze, Turnzeiten und Fechtzeiten unter die Korporationen und setzt die Zeiten fest, in denen die Wildenschaft Gelegenheit zu Leibesübungen hat. Aufgabe dieses Ausschusses wäre es, allsommerlich ein akademisches Turn-, Spiel- und Sportfest, im Winter ein solches für Eislauf und Schneeschuhe abzuhalten. Einzelne Angelegenheiten müßten an jüngere, körperlich noch rüstige und hierfür begeisterte Dozenten abgegeben werden, um das persönliche Interesse der Herren an den Leibesübungen ihrer Schüler zu heben. Daneben müßte durch Wort und Schrift aufklärend auf die Bedeutung der Leibesübungen hingewirkt werden. Mancher Professor.würde dann sicherlich selbst noch auf dem Turnboden und Spielplatz erscheinen, um mit- zutuu, sich und seinen Schülern zu Nutz und Frommen. Ein Weg ist also da, der gute Wille darf n i ch t fehle n. In Worlesung und Kneipsaal, auf Festen und Kommersen werden die patriotischsten Reden gehalten, wird Hurra gerufen und Begeisterung erweckt und anerzogen, während es innerlich so kläglich aussieht; während die künftigen Führer unseres Volkes zum großen Teil in ihren Jugendjahreu aus Lässigkeit und Mangel an Selbstzucht körperlich und moralisch von Krankheiten angesteckt werden, tun ihre eigenen Lehrer fast nichts dagegen. Heute müssen wir uns fragen, ob unsere akademische Jugend eine solche Erhebung wie vor nun bald hundert Jahren zu leisten fähig wäre. Wohl kaum. Wo soll die Wehrkraft unserer Jugend bleiben, wenn an den edelsten Bildungsstätten unserer Nation, wo man so genau weiß, wie schlimm es aussieht, nichts für die körperliche Ertüchtigung der Jugend geschieht, als große Worte und Reden? Man möchte unserer deutschen Studentenschaft und nicht zuletzt unseren Professoren die Worte Geibels zurufen: Wir schrei'n zu viel Viktoria, Hurra und Kling, Klang, Gloria, Wir feiern zu viel Feste. Einst trieben anders wir das Spiel, Wir sprachen wenig, taten viel, Und die Art war die beste. Treu der Heimat! *) In „Saarabien" begraben Bin ich nun ein ganzes Jahr. Freud und Glück mich einst umgaben. Doch hier bin ich ihrer bar. In „Saarabien", einem Lande, Wo im Schoß der Erde ruht Jener schwarze Diamante, Der uns spendet Feuersglut. Ja noch mehr als diese Gabe Hat ihm die Mutter Natur beschert: Fast so: schwarz als wie ein Rabe Steigt der Qualm von seinem Herd. Langsam zieht er dann vorüber, Streuet Ruß in Flöckchen aus, Nebelgrau und trüb und trüber Legt er sich auf Flur und Haus. . *) Ein im vorigen Jahre von Gießen nach Saarbrücken vcr- semer Eisenbahnbeamter sandte uns den vorstehenden Klage- und Sehnsuchtsruf zu. und wir bringen ihn zum Abdruck wegen der warmen Heimatliebe des Verfassers, einer der vorzüglichsten Natwnaleigenschaften des Hessen. D. Red. Und so schwand denn mein Behagen^ Keine Freude hab ich mehr. Doch ich will nicht weiter klagen. Ist mir auch das Herze schwer. Heimat, dir bin ich entrissen. Nach „Saarabien" verbannt. Doch ich laß dich vielmals grüßen. Liebes ' teures Hessenland. Dir gehört, mein Ober Hessen, Meine Liebe unentwegt, Deiner kann ich nie vergessen, Nie, so lang das Herz mir schlägt. Gießen, Stadt der Musensöhne, Stadt von edlem Bürgersinn, In dir seh' ich alles Schöne, Zu dir ziehts mich immer hin. Rheinhessen, am grünen Strande, Ausgebreitet an dem Rhein, Perle von dem Hessenlande, Voller Lust und edlem Wein; Starkenburg, in beincit Gauen Liegt das Herz vom Hessenland, Boller Treue und Vertrauen Ist mein Blick nach dir gewandt. Darmstadt, Stadt der Kunst und Muse, Die gepflegt vom Großherzog, Ihm und dir erschall zum Gruße Froh mein dreimal Lebehoch. Nur die Hoffnung läßt mich leben, Meine Heimat bleibt mir doch; Endlich werd' ich sie erstreben Wenns auch dauert Jahre noch) G g. H a r t nt a n n. Weihnachts-Literatur. — Cook, der Weltumsegler. Leben, Reisen und Ende des Kapitäns James Cook. Bon Johannes März. Mit 68 Textabbildungen. Elegant gebunden Mk. 4.—. (Verlag von Otto Spanier in Leipzig.) — Cooks Schilderung bleibt das klassische Werk, hier und da wohl berichtigt, aber in den Hauptpunkten nicht überholt. Auf dieses Werk hat Johannes März seine Darstellung gegründet, mit der er unserer Jugend ein ebenso lebendiges Bild der Erlebnisse des kühnen Entdeckers sowie seiner Persönlichkeit darbietet. Die Illustration ist reichhaltig und sehr interessant. Sie besteht aus Faksimile-Reproduktionen der im Auftrage der englischen Regierung von ersten englischen Kupferstechern nach den Zeichnungen der von Reiseteilnehmern hergestellten Bilder, über denen ein merkwürdig einheitliches Kolorit liegt, man möchte sagen, ein Ausdruck der seelischen Stimmung, mit welcher die damalige Zeit, die in ihrem ganzen Charakter einen glücklichen Optimismus an den Tag legte, Land und Leute der neu entdeckten Gebiete betrachtete. — Indien. Das alte Wunderland und seine Bewohner. Geschildert von Hans Gehring. Zwei Teile. Mit über 200 Abbildungen. Preis eines jeden auch einzeln käuflichen Teiles elegant gebunden Mk. 7.50. (Verlag von Otto Spamer in Leipzig.) — Hans Gehring bietet in dem vorliegenden Werke ein anschauliches und getreues Bild Indiens, dieses einzigartigen Landes voller Wunder und voller Rätsel, eines Landes, dessen Name allein schon phantastische Bilder von märchenhaftem Glanz und Reichtum erweckt, über das zugleich der ganze Zauber einer unvergleichlichen landschaftlichen Schönheit, sowie einer reichgestalteten Tier- und Pflanzenwelt nusgegosscn zu sein scheint. Der Verfasser schildert auch eingehend das Leben, die eigenartigen Sitten und Gebräuche der zahlreichen Volksstämme, die sich trotz ihres nachbarlichen Beieinanderwohnens seit Jahrtausenden in ihrer Eigenart scharf geschieden und unverändert erhalten haben. Gehrings „Indien" ist ein gediegenes, belehrendes und zugleich unterhaltendes Werk, das der Beachtung in den weitesten Kreisen sicher sein darf. . Goldene Worte. Ein weiser Mann verlangt alles nur von sich; ein Tor aber alles von andern. * Chinesische Weisheit. Nicht wenn du liebenswürdig bist, wirst du geliebt; wenn man dich liebt, wirst du liebenswürdig gefunden, Börne. Charade. Nimm ein Gewichtlein — 's ist veraltet schon — Und füge dazu noch ein Fläschenmaß. So hieß ein Kaiser, der einst au? dem Thron Des römischen Reichs vor Jahrhunderten saß. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Reines Gewissen ist die höchste geistige Freiheit. Redaktion: P. W i t t k o. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.