Mr. 139 Areuüg den 20. Skpkembsr 1907 VM WM II« HM M! Auf der Llgenm Spur. Kriminalroman von Otto Roeder. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ' Unter dem gespannten Schweigen der Anwesenden fuhr der Rat in seiner Besichtigung fort; er ließ die Leiche umkehren- Tann deutete er auf die Schultern. „Da haben wir dicke braune Haare - . . hier auch braunrote Flöckchen, wie von schadhaftem Polsterüberzug," stellte er fest- Er warf einen Blick durch das Fenster auf die Straße, wo der Wagen des Milchkntschers auf seinen noch immer zurückgehaltenen Herrn harrte- „Tie weißen Haare hier auf dem Anzug rühren von dem Schimmel draußen her- Folglich muß der Mann in einem rotbraun ausgeschlagenen und von einem Braunen gezogenen Gefährt, mutmaßlich einer Troschke, gefahren fein. In dieser hat er auch seinen Tod gefunden- Er ist im Sitzen gestorben, das beweisen die gekrümmte Haltung der Kniee, die aufgezogenen Arme, der nach vorn gebogene Oberleib- Darum hat man ihn auch in sitzender Haltung in jener Türnische postiert — mehr noch! Tie Staubflecken oben an den Rockplatten und unten an den Küieen sind unter Einwirkung einer Flüssigkeit verkrustet, während wir in der Körpermitte es nur mit reinen Staubspuren zu tun haben- Ein weiterer Beweis, daß der hochgradig Trunkene mit überhängendem Kopfe gesessen hat und von einem Truck in seiner hockenden, in sich zusammengekrümmten Haltung gewaltsam festgehalten worden ist- In dieser Lage wurde ihm vor Mund und Nase ein Tuch gehalten —, so reichlich mit Chloroform getränkt daß diese Flüssigkeit stark abtropfte. Um sicher zu gehen, hat der Mörder — von einem solchen müssen wir wohl sprechen — wiederholt auf das Tuch nachgegvssen- Tavon rühren diese jetzt noch feuchten Flocken oben am Rock und an den Knieen her... die Sache stimmt!" fuhr er fort, sich durch den Geruch überzeugend- „Wir haben es hier mit Chloroform zu tun!" Als Hansemann sich aufrichtete, hatte sein Gesicht einen ernsten, strengen Ausdruck angenommen- „Sind die Taschen schon untersucht worden? - . . nein! umsobesser!" Er begann unverzüglich mit dieser Arbeit, fand jedoch bald heraus, daß sämtliche Taschen ausgeleert waren- In der rückwärtigen Fracktasche befand sich nur ein „A- W." gezeichnetes weißes Taschentuch. Er gab es einem seiner Begleiter zum Aufbewahrern „Unser unbekannter Freund hat saubere Arbeit geliefert," wendete er sich lächelnd an Walden, der ihm' eifrig behilflich war, obwohl sein blasses Gesicht deutlich genug zeigte, daß er den vorigen Schwächeansall noch immer nicht überwunden hatte- „Lieber Himmel, Sie sehen übel genug aus, wollen" Sie nicht lieber ausspannen?" „Um keinen Preis," versicherte der jugendliche Detektiv) „mich interessiert der Fall im höchsten Grad- Ich bin wieder ganz wohl, Herr Rat, wie gesagt, mir schlägt nur, dieser entsetzliche Chloroformgeruch auf die Nerven •.. ., hier, diese Tasche haben Sie noch nicht durchsucht-" . Ter Rat nickte ihm wohlwollend zu- „Touwurs en vedette!" lneinte er anerkennend- „Der Fall scheint allerdings nicht gewöhnlich, es dürfte sich um einen aus langer Hand vorbereiteten und sorglich erwogenen Coup handeln - . . hier die vier oberen Westenknöpfe vmrden offenbar in großer Eile geöffnet und zwar so gewaltsam, daß der oberste Kvopf mitsamt dem Futter heraus^ gerissen worden ist- Das galt der inneren Westentasche. Sie ist natürlich auch ausgeleert- Vermutlich steckte eine Brieftasche darin oder sonst ein flacher Gegenstand, da die Tasche schmal unbf eng gearbeitet ist - . . sie war oben mit einem Kiropf verschlossen, der gleichfalls von der suchenden Hand abgesprengk wurde — Hollah! was haben wir da?" unterbrach er sich plötzlich- Er sischte in der inneren Westentasche und brachte zwischen den Fingerspitzen einen kleinen glitzernden Gegenstand hervor, „Oho, nicht so eilig!" meinte er lächelnd, als der neben ihm stehende Detektiv mit rauher Handbewegung nach. dem- Gegenstand greifen wollte- „Ihre Wißbegier in Ehren, lieber Walden, doch mich interessiert die Chose gleichfalls-" Er nickte gutmütig; dann, als er das Fundstück genauer betrachtete, spitzten sich seine Lippen wie zum Pfeifen- „Ein Brillant, anscheinend vom reinsten Wasser, dabei ein Stückchen Goldfassuug, augenscheinlich ebenfalls etwas Exquisites - . . das Taschenfutter ist übrigens ganz geschlitzt, wie durch einen scharfkantigen Gegenstand, der vermub- lich dem Toten gewaltsam abgenommen wurde- Durch dessen zusammengekauerte Haltung hatte sich das Steinchen mutmaßlich festgehakt und brach aus der Fassung — meinen Sie nicht auch, Walden?" Er blinzelte dem nur stumm Nickenden zu- „Das wollen wir gut aufheben... ich bringe es am besten in meinet Brieftasche unter", setzte er zögernd hinzu, dem- Detektiv das bereits behändigte Fundstück wieder abnehmend. Auf feilte Weisung mußte der Schutzmann, zu dessen Bezirk während der zweiten Nachthälsce die Roon-Straße gehörte, vor-, treten- „Nun passen Sie 'mal genau Achtung," meinte der Rat, der im Verkehr mit seinen Beamten gern berlinerte, „wie uns der Herr Kreisphysikus vorhin sagte, ist der Tod kaum vvr 4 Uhr eingetreten, also kurze Zeit vor der Unterbringung des Mannes in der bewußten Toruische- Wo befanden Sie sich da?" Der Beamte dachte nach- „Mein Revier ist weitläufig, Herr Rat", meinte er- „Ich werde wohl in der Nähe des General- stabsgebäudes gewesen sein-" „Ist Ihnen irgend etwas ausgefallen?" „Nicht das mindeste- Ich würde sonst eingeschritten fern.. - „Wie steht es mit den Troschken- Kamen solche vorbei?" „Verschiedene, Herr Rat - . . das heißt, jetzt erinnere rch mich- Es mag kurz nach 4 Uhr gewesen sein, da kam ein geschlossener Einspänner erster Klasse in unvorschriftsmüßig rascher Fahrt über den nördlichen Königsplatz in der Richtung nach Alt-Moabit zu gefahren- Ich rief dem Kutscher zu; der aber peitschte nur noch ärger auf das Pferd los und war bald aus meinem Gesichtskreis entschwundeii^" „Ob der Wagen an der Roon-straßeuecke gehalten hat, können Sie Nicht umgeben? - . . Schade darum!" setzte er auf das verneinende Kvpfschütteln des SchutzmNnnes hinzu- „Wissen Sie wenigstens, welche Farbe das Tier gehabt hat?" Der Schutzmann zögerte mit der Antwort- Herr Rat, es war völlig Nacht — ich meine aber immerhur, es war ein Brauner." — ' 554’— Hansemann nickte befriedigt, ging an den Fernsprecher und lies; sich mit der Pvlizeizentrale verbinden- Kurz und sachlich erteilte er Auftrag, schleunigst durch Umfrage festzustellen, welche Nachtdroschken im Dienst gewesen seien; außerdem sollte auf sämtlichen Revieren ungesäumt.nachgefragt werden, ob einer der Nachtschutzleute irgend eine auffällige Wahrnehmung gemacht habe- „Meldung hierüber direkt au mich!" Er trat zu deut Käeisphysikns- „Ich halte eine sofortige Autopsie für wichtig. Sie verständigen mich wohl über das Resultat? - . . Jawohl," meinte er zu dem Revierleutnant auf dessen Frage- „Lassen Sie den Toten sofort nach den; Leichenschauhause überführen - . . Tie Aussagen der beiden Zeugen dort sind zu Protokoll genommen?" Er durchlas die Schriftstücke und nickte befriedigt- „Alles in Ordnung. Tie Leute sind einstweilen entlassen, haben sich aber bei Bedarf sofort wieder einzufinden- . j . nein, mein Lieber," unterbrach er lachend die Ausführungen des Milchkutschers, „Zeugengebühren gibt's heute noch nicht; das machen wir später in Moabit, haben wir das Edelwild erst zur Strecke gebracht-" „So, das wäre vorläufig alles," schloß der Rat, als sich die Tür hinter den Murrenden geschlossen hatte- „Na, Freund Walden, haben wir uns inzwischen wieder erholt?" Er war an den jugendlichen Detektiv hcrangctreten und hatte ihm sreund- schastlich die Hand auf die Schulter gelegt- „Sie sehen noch bläst genug aus- Kein Wunder übrigens, dieser widerwärtige Chloroformgeruch macht auch meinen Schädel brummen - . . ein Gang durch die frische Luft wird uns beiden wohltun - . . hier, der Herr Revierleutnant mag uns auch begleiten- Wir wollen uns den Entdeckungsort nochmals gemeinschaftlich beim Tageslicht beschauen, obwohl es dort wohl kaum mehr als leere Mauern zu betrachten gibt-" Wie er die Ausgangstür öffnen wollte, wurde diese gerade aufgestosten und ein kleines dürres Kerlchen, an dem alles Eile zu sein schien, wirbelte ins Zimmer- „Reporter Buchholz," stellte er sich dem Rat vor- „Darf ich fragen, Herr Rat, was Wahres an dem Morde ist?" Hansemaml 'lachte- „Achtung, da kommt die sechste Großmacht. Woher kennen Sie mich beim, mein Lieber?" „Wir Prestbanditen müssen alles kennen, Herr Rat," schmunzelte der Dürre, der mit neugierigen Spatzenaugen sich inzwischen längst orientierend im Raum umgeschaut hatte, „geschweige den Leiter unserer „Geheimen" .... Darf ich vielleicht um Notiz bitten? Ter Mann dahinten sieht interessant genug aus" — er wippte mit dem Kinn nach dem Toten hin — „vielleicht 'ne kleine Kodakaufnahme gestattet? Würde sich in der Abendnummer vortrefflich ausnehmen." Hansemann nickte dem Kleinen wohlwollend zu. „Lassen Sie sich vom Wachtmeister dort berichten, was wir selbst wissen, cs ist Nicht übermäßig viel- Ich will auch gegen eine Kodakaufnahme nichts einzuwenden haben, da die baldige Feststellung' der Persönlichkeit des Toten für uns wichtig ist. Vergessen Sie in Ihrem! Artikel nicht zu erwähnen, daß wir diesbezügliche Meldungen im Präsidium gern eutgegennehmeu." „Werde nicht verfehlen, Herr Rat," dienerte der Schmunzelnde, der im Geist schon das reiche Zeilenhonorar überschlagen mochte. „Es soll'» Artikel geben, der sich gewaschen hat!" „Machen Sie Ihre Sache gut- Aber hübsch bei der Wahrheit bleiben, keine sensationelle Ausschmückung . . . sonst kriegt den nächsten Raubmord ’n Konkurrent von Ihnen!" Rat Hansemann lachte und verließ mit seinen Begleitern hastig den dumpfen Saunt- (Fortsetzung folgt.) Aie Kryaliung d s Aorfts. Vortrag, gehalten auf der 2. Jahresversammlung des Bundes Heimatschutz von Robert Mielke. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Das Wohnhaus wird zuerst geopfert, weil man auch in städtischen Stuben und Küchen wohnen will; die Wirtschaftsgebäude und der Garten folgen. Da aber auch die Neubauten Geld verschlingen — nicht am wenigsten durch die häufigen Reparaturen —, so wird die alte tüchtige Solidität, die für Jahrhunderte bwute, aufgegeben zu gunsten minderwertiger Ersaßstoffe, die die geringe Haltbarkeit unter dem möglichsten bunten Zierrat zu verbergen suchen. Auch die Kirche, die Schule*) — vor allem das Gasthaus, das so häufig den Reigen des Niederganges ' *) Unsere hessischen Dorf-Schulbaumeister bilden, wie ge- {agt, eine rühmliche.AusiiMm.e, D. Red,. einleitet, — verfallen dieser Bauindustrie, deren Vordringen Oede, Nüchternheit und Unwohnlichkeit und in nicht seltenen Fällen Liederlichkeit folgen. Das Bauerngehöft zu erhalten, muß daher der erste Schritt zur Erhaltung des Dorfes selbst sein. Da ist es schon ein Gewinn, wenn durch behördliche Anweisungen auf den Wert der alten Bauweise hingewiesen wird, wie wir es in Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Weimar u. a. Staaten mit Freude begrüßen konnten. Auch die Veröffentlichungen von Abbildungen guter alter und neuer Bauernhöfe, die u. a. von den Regierungen der Rheinprovinz, des Fürstentums Schautnburg-Lippe, des Regierungsbezirks Minden, des Königreichs Sachsen unternommen, von anderen beabsichtigt ist, verheißt guten Erfolg. Eines ist indessen noch daneben zu erstreben. Es müssen Stellen geschaffen werden, wo den baulustigen Bauern und den kleinen ländlichen Maurermeistern unentgeltlich sachverständiger Rat über Baustoffe und unter Umständen Baupläne gegeben werden können. Im Königreich Württemberg ist eine solche Organisation in der „Beratungsstelle für das Baugewerbe" geschaffen, die indessen nur den Bäusachleuten, nicht den Bauherren zur Verfügung stehen -soll. In ähnlicher Weise sind die „Vereine für niederdeutsches Volkstum" itt Bremen, „Volkskunst litt bi Volkskunde" in München, in bedingter Weise auch die Baustelle des landwirtschaftlichen Vereins in Hannover, durch Darbietung einzelner Pläne auch der Bund Heimatschutz vorgegangeu. Es muß eine Zukunftsaufgabe bleiben, auf solche Stellen hinzustreben, die für Gebiete mit einheitlicher Bauweise eingerichtet sind und sicher nicht am wenigsten von den kleinen Maurermeistern begrüßt werden, die weniger über guten Willen als über eine unzulängliche Ausbildung verfügen. Verkehrt und in seinen Folgen sehr zu bedauern würde es aber sein, wenn wir in all diesen Bestrebungen starr an der überlieferten Form und an geschichtlich gewordenen Aeußerlichkeiten hängen blieben und die technischen Fortschritte, die gesundheitlichen Erfahrungen vom Lande fern halten wollten. Ein gesmtder Fortschritt ist noch nie der Feind des guten Alten gewesen und wenn — wie oben ausgeführt wurde —, die Verhältnisse in dem alten Dorf eine Aenderung so gut toie ausgeschlossen hallen, dann erheischen gerade die durchaus veräuderteu wirlschaft- licheu und künstlerischen Verhältnisse heute umgekehrt eine Berücksichtigung. Verhüten müssen wir nur unter allen Umständen, daß darüber falsche Vorstellungen Platz greifen, besonders die weil verbreitete Ansicht, die alten guten Baustoffe durchaus durch neue, dem Feuer und anderen Gefahren angeblich besseren Schutz gewährende ersetzen zu müssen, die vott der Industrie zuvorkommend angeboten und von den Versicheriiugsgesellschaften unnötig bevorzugt werden. Unsere Stroh- und Schindeldächer sind die nächsten Opfer dieser allzu ängstlichen Vorsicht. Nicht das Ziegeldach schützt vor dem Feuer, sondern die Sorgfalt der Bewohner. Die Gefahr eines Brandes erzieht die Hausbewohner mehr zur Vorsicht, als die angebliche Sicherheit von Eisen und Stein einen Brand verhüten. Es wird zwar geltend gemacht, daß nach dem Fortfall des das ganze Haus durchziehenden Rauches sich nunmehr das Ungeziefer in dem Strohdach einniste; dem stehl aber die Tatsache gegenüber, daß der Schornstein stellenweise seit zwei Jahrhunderten eingeführt ist, ohne daß man über Ungeziefer im Strohdach geklagt hätte. Aehnlich steht es mit dem Holz, das sowohl als Fachwerk wie als Wand- und Dachbekleidung verfolgt und das in gefährlicher Weise durch die Feuerversicherung von seinen charakteristischen Stellen der Dorfarchitektur langsam verdrängt wird, obwohl es sich durch Wohlfeilheit und Vorzüge gesundheitlicher Art empfiehlt. Wenn man weiß, daß selbst in staatlichen Brandkassen die Besitzer aller Fachwerkhäuser mit dem doppelten Beitrag, in Privatkassen selbst mit dreifachen Taxen belastet sind, dann versteht man wohl die wachsende Abneigung gegen Block- und Fachwerkbauten, r^r'555 — " gegen Schindel- und Strohdach, nicht aber das Verhalten mancher Baupolizeibehörden, welche die Anwendung dieser Baustoffe bei Neubauten nach Möglichkeit erschweren. Nach dem Urteil vieler Kundigen brennen im Verhältnis nicht mehr Holzhäuser ab als Ziegelbauten, ja, nach dem Ausgange eines Hamburger Speicherbrandes haben sich sogar eichene Träger besser bewährt als eiserne. Als vor drei Jahren in dem lippeschen Dorf Schlangen ein verheerender Brand wütete, find ihnr fast alle Neubauten zum Opfer gefallen, während die alten sächsischen Fachwerke den Brand überdauerten, was jedenfalls kein günstiges Zeugnis für die Güte der ersteren ist. Der Versuch, eine der großen Versicherungsgesellschaften zur Herabsetzung der Taxe zu bewegen, dürfte daher nicht ganz aussichtslos sein. Hat erst eine erfolgreiche Erfahrungen gemacht, dann folgen die anderen von selbst nach; schließlich dürfte eine Revision unserer polizeilichen Bauvorschriften sich dringend empfehlen. (Fortsetzung folgt.) Kure Kstittdiettreiss. Begegnung mit dem König von Siam *) (Original-Artikel des Gießener Anzeigers.) Als Angestellter des Norddeutschen Llvyddainpfers „Stuttgart" fuhr ich im Jahre 1880 von Bremerhaven unter deni Kommando des Kapitäns v. Schuckmann nach Cardiff (England), von wo Kohlen nach Singapore befördert werden sollten. Wir lagen mit unserem Dampfer, welcher seinerzeit der größte war, den Cardiff gesehen hatte, acht Tage im Hasen und nahmen Kohlen ein. Es verschwand immer ein Eisenbahnzug nach dem anderen in dem großen Raum des Schiffes. Die Ladung geht nämlich von statten, indem der Inhalt der Eisenbahnwagen in große Behälter gestürzt ivird, die mittelst Krahnen über das Schiss gehoben werden. Dann öffnet sich der Boden des Behälters und der Inhalt der Waggons befindet sich im Schiff. An einem Mittwoch vormittag gingen wir mit unseren schwarzen Diamanten in See und freuten uns, daß jetzt wieder das Schiff sauber gewaschen werden sollte. Der Bootsmann hatte auch schon seine Reinigungsutensilien an seine Matrosen verteilen lassen. Wir loaren aber kaum in dem Ozean, als wir Wasser über Bord nahmen. Wir mußten das Schiff des schlechten Wetters wegen im Bis- caya-Busen beidrehen, denn unsere schöne Schiffstreppe an Backbordseite büßten wir ein und es wurden uns auch auf derselben Seite an unseren Zimmern die Türen eingeschlagen, sodaß unsere Koffer im Zimmer herum schwammen. Endlich *) Tie Anwesenheit des Königs Tschulalongkorii von Siam gab einem unserer Leser in Annerod, einem alten Seebären, Veranlassung zur obigen irischen Schilderung seiner einstigen Begegnung mit dem exotischen Monarchen in dessen lernen Heimatlande. Tas; der sonst so überaus generöse und splendide König unsere Blaujacke» ganz unbeachtet gelassen und ihnen feine Spende hat zuteil werden lassen, steht in seltsamem Gegensatz zu feinem jetzigen Verhalten in Homburg. Jedenialls kam ihm gar nicht der Einfall, daß er den deutschen Matrose» gar leicht eine kleine Freude hätte machen können. In Homburg kann man ihn zurzeit täglich in Begleitung des Kronprinzen in europäischer Tracht spazieren gehen sehen, meist ganz ohne Gefolge. Stur ein Kriminalschutzmann pflegt ihm vorauszugehen und die Neugierigen, die sich gern ihnr in den Weg stellen, zu bitten, Len König doch nicht allzu sehr zu genieren. Diese blöden Gaffer benehnreii sich gar oft höchst ausdringlich. Ten Köiiig aber scheint das wenig anzusechten. Wir sahen, wie em kleines, Zeitungeir austragendes ärmlich gekleidetes Mädchen ihm entqegenlief und ihm die Hand entgegenstreckte, die er, belustigt lächelnd, kräftig schüttelte, ohne freilich die wohl erwarte!^ Münze in das Kinderpätfchchen ivandern zu lassen. Eiir lebhaftes Interesse scheint d.er „König der weißen Elefanten" an unserem Kaiser zu nehmen.' Davon Zeugt nicht nur ein Sätzchen aus dem obigen Artikel. Es waren in Homburg unlängst Postkarten in den Papierläden ausgelegt, die den Kaiser als Groswater zeigten; er sitzt, in Zivil gekleidet, auf einem Sessel und blickt voll Großvater- stolz nrif seinen ihnr a>if denr Knie sitzenden Enke^, beit einstigen deutschen Kaiser. Diese Karte muß dein Könitz von Siam ganz ausnehmend gut gefallen habe». 2t(le, die er ur Hornburg austrerben konirte, hat er, z>l Hunderten, eigenhändig gekauft I Uno niemand kann jetzt die hübsche Karte dort erhalten. — In Berlin hat er, wie man sich in Homburg erzählt, im großen Werthernr scheu Warenhause eine Unmenge von Danrenloilcttegegenstanden gekcurit, wie Hüte, Fächer, Blusen re. re. Es soll ihnr dabei großen «paß gemacht habe», wenn auf teilten Wunsch die Verkäuferinnen sich am dritten Tage würde das Wetter wieder besser und wir erreichten in 14 Tagen glücklich Port Said, wo wir sofort in den Sue z-Kanal gingen. Etwa 15 Stunden brauchten wir bis Suez. Ohne Aufenthalt gingen wir ins Rote Meer. Es war diesmal nicht so sehr heiß, da immer eine Briese ging. Bei einer früheren Fahrt aus dem Reichspostdampfer „Sachsen" hatten wir es viel heißer gehabt und einer sogar, ein Mann vom Heizpersonal, war der fürchterlichen Hitze erlegen. Unsere Reise ging gut von statten; wir fuhren an dem Dampfer „Marcobrunner" der Hansagesellschaft vorbei, welcher auf feiner allerersten Reise, mit Bier nach Kalkutta, gestrandet war. Er stand, als wolle er über Berge fahren. Sicher hatten der Steuermann und der Ausguckmann geschlafen. Das Unglück soll gegen Sonnenaufgang passiert sein. Ich hörte von einem Heizer des „Marcobrunner", daß, wie das Schiff kaum festgesessen habe, schwarze Strandräuber gekonunen seien, um zu plündern. Ein englisches Kriegsschiff kam jedoch einige Stunden nach der Strandung zu Hilfe. Auf unserer Rückreise saß der Dampfer noch und ich hörte, daß er vollständig verloren war. Uebrigens saßen im Roten Meer noch etliche Dampfer auf Land. Wir erreichten, nachdem wir die Straße B ab el Man- d e b (Tor der Tränen) passiert hatten, glücklich Aden. Nach kurzem Aufenthalt gingen wir in das Arabische Meer und passierten die Insel Soeotra, wo zwei Jahre vorher der Reichspostdampfer „Oder" des Nordd. Lds. strandete und verloren gegangen war. Ohne auf der Insel Ceylon anzuhalteu, gingen wir direkt nach Singapore und legten an Land fest. Es dauerte keinen halben Tag, so waren über hundert Chinesen an Bord, um die Kohleu an Land zu bringen. Dies geschah, obwohl wir in Cardiff fast eine ganze Woche lang eingeladen hatten, sage und schreibe, in zwei guten Tagen. Die Chinesen hatten lauter ganz kleine Körbe dazu. Sie warfen sich diese immer zu; so gelangten die Kohlen an Land. Unsere „Stuttgart" wurde nun gereinigt, wir bekamen neue Türen für die im Biscaya-See eingeschlagenen und gingen dann auf den Ankerplatz, um Ladung einzunehmen. Unsere Ladung bestand aus Pech, Reis, Zinn, Tabak, Rohr, Gewürzen u. a. Sogar unser zweites Kajütszimmer wurde voll Ladung gestopft. Eingeladen wurde von Malayeu. Während wir eines Vormittags die Ladung einnahmen, hieß es, der König von Siam käme am Nachmittag an Bord, um die „Stuttgart" zu besichtigen. Da wir keine siamesisch« Flagge an Bord hatten, lieben wir uns eine solche von einem holländischen Kriegsschiff, eilte rote Flagge mit einem weißen Elefanten. Am Nachmittag, während mit der Ladung fortgefahren wurde, ging eine kleine schinucke Dacht dicht bec iins vor Anker. Gleich darauf wurde ein Boot ins Wasser damit fchmückten. Er soll gar nicht genng von dergletchen bunten Dingen Halen erstehen können. Wahrscheinlich beabstchttgt er feine vielen Fraium int Heimatiande mit diesem europäischen Putz und Tand zu erfreuen. Er ist ein kleiner, recht häßlicher Herr von kupierroter Gesichtsfarbe, der weit jünger aussteht, als er t|t. IN er doch schon seit 1838 König, sieht aber etwa wie ein angehender Dreißiger aus. Allerdings halte er jahrelang als Minderiahriger einen Regenten zur Seile. Der Kronprinz ist etwa 1< Jahre alt; er ist ein" Halbbruder des Königs, dessen einziger legitimer Sohn 1895 gestorben ist. In Homburg ist der König so populär, daß man nach ihm eine neu entdeckte Quelle „Tschuialongkorm--Brunnen aelau't hat. Die fast allgemein mit siamesischen Fahnen geschmückte Hauptstraße Homburgs, die Luiseustraße, führtz. Zt. im^Volks- mtmbe mit gutmütigem Spott den Namen „Elefantengasse , denn ein weißer Elefant ziert die siamesische Flagge. D. Red. Einige niedliche Anekdoten über den König von Siam werden jetzt in weiteren Kreisen dadurch bekannt, daß sie in der „Aordd. Allgem. Zeitung" dementiert werden. So fall sich zum Beispiel der siamesische Herrscher bet fernem Aufenthalt m Ka sei aber zwei niedliche Dackel gefreut haben, Liebltngshi nde des Kaisers, die ihn anf feinen Reisen ständig begleiten, und der König fall dabei den Wunsch geäußert haben, auch vlare mit in seine Heimat zu nehmen. Der Kaiser soll vierzehn Prachlexemplare von Dackeln nach ^ombnx■t3 1 König Tschulalongkorii nach seinem Geschmack zwei der besten aus iucbeil könnte. Er habe aber alle vierzehn behalten, „oa er sich von keinem trennen wollte." Auch der deutsche Kronprinz soll dem König von Siam „einen großen Dienst geleistet haben c hinein Gespräche mit dem Kronprinzen erzählte drr König, daß ihm eine ungewöhnlich große Sorte von Streichhölzern ausnehmend gefallen habe. Daraus habe der Kronprinz bet einer Fabrik 309 000 Wachteln Streichhölzer „von ungeheuren Dimensionen Herstellen laßen, die nun nach der Hauptstadt Siams,, befördert werden olle». Die Geschichtche» sollen, wie das offiziöse Blatt schreibt, enimben sein. ■ä=-- 5 56 — gelassen und siamesische Matrosen orderten den „König aller Könige" mit zwei Adjutanten zu uns herüber. Am Fallrepp wurde er vom Kapitän empfangen und begrüßt. Er besah das Schiff, ohne daß uns der Befehl gegeben wurde,, uns zurückzuziehen. Man merkte gar nicht, daß man einen König an Bord hatte. Der König trug einen schwarzen Lüsteranzug mit Korkhelm und Säbel. Ich befand mich gerade im Zimmer des Kapitäns, als der König mit Kapitän v. Schuckmann und den Adjutanten eintrat. Das Zimmer gefiel ihm sehr gut (es lag direkt unter der Kommando-Brücke), am meisten das Bild unseres Kaisers in Admirals-Uniform, ein Stahlstich ungefähr ein Meter groß. Er stand einige Zeit davor und unterhielt sich dann mit seinen Adjutanten. Dann entfernte sich einer von diesen Und bald darauf erschienen 6 pder 8 junge zierliche D äm- chen. Diese durften sich nun das Schiff ansehen und unseren Kaiser betrachten. Wer die Dämchen waren, ist mir unbekannt geblieben. Sie sahen reizend aus in ihrer überaus malerischen Tracht, eingehüllt nicht etwa in Kleider der Kulturwelt, sondern in phantastische Tücher. Unsere Erwartung, der König werde etwas für uns durstige Seelen übrig haben, trog. Er ging, nachdem er die Einladung zum Tee abgelehnt hatte, „ganz trocken" von Bord, wie er gekommen war. Er hatte nichts von seinem Reichtum für uns übrig, und wie hätte uns ein Faß Münchener doch^ so gut geschmeckt in dieser Hitze; hatten wir doch fast jeden Tag 36 Krad Reaumur im Schatten, so daß wir uns das Wasser nur so aus den Hemdsärmeln und Hosenbeinen auswinden konnten. Bor unserer Abreise bekamen wir noch 13 kleine schwarze Hengste an Bord. Es hieß, es wäre ein Geschenk vom König Von Siam. Mr luden sie in Amsterdam gesnnd und wohlbehalten aus. Wem dies Geschenk galt, konnte ich nicht erfahren. Auch einen Königstiger hatten wir an Bord und einige Affen, welche sich der Zahlmeister kaufte, um ein Geschäft damit zu machen. Er hatte aber in Hamburg seine Last, daß sie Hagenbeck abkaufte. Ich glaube, er hat nichts daran verdient. Jeden Tag bekam der Tiger ein Huhn und Fleisch, anfangs von mir serviert. Plötzlich aber konnte er Mich nicht mehr leiden und sprang immer gegen das Gitter und fletschte die Zähne. Später gab ihm sein Futter der dritte Offizier, welcher gegenwärtig als Kapitän beim Lloyd fährt. Die Affen hatte ich in Gewahrsam und viel Spaß Mit ihüen. Hauptsächlich freute sich ein großer Hunds- Uffe, wenn ich ihm eine große Zwiebel gab und ein Glas Bier. Dann betrank er sich vollständig und Tränen liefen ihm die Backen herunter. Nach fünf Tagen gelangten wir nach Colombo ans Ceylon. An einem Nachmittag kamen wir an, und bekamen große schwere Fässer mit Palmöl als Ladung Auch kamen einige erfte Kajütspassagiere an Bord. Wir gingen nachts wieder^ in See. Am anderen Vormittag passierten wir die kleinen Inseln Lakkadiven. Im indischen Ozean hätten wir ziemlich stürmisches Wetter und grobe See. Abends, wenn ich das eleÄrische Licht einschaltete und es hell an Deck war, flogen immer fliegende Fische an Deck nach dem Licht und wrr hätten fast jeden Abend gebackene Fische zu essen. Am siebenten Tage erreichten wir wieder Aden. Dort sah ich zum ersten Mal Haifische. Sie schwammen langsam neben unserem Dampfer her, als wir einfuhren, Und lauerten auf Beute; dessen ungeachtet holten doch Mwarze Jungen ihnen zugeworfenes Geld aus dem Wasser. Von hier ging, es, nachdem wir Kohlen und Trinkwaster genommen hatten, wieder ins Rote Meer und nach fünf Tagen trafen wir in Suez ein und gingen sofort in den Kanal nach Port Said. Von da fuhren wir 14 Tage lang, bis wir nach Amsterdam kamen. Dort löschten wir die meiste Ladung, den Rest in Hamburg. An einem Donnerstag waren wir endlich in Bremerhaven, lagen aber kaum vor Anker, als die Meldung kam: die „Stuttgart" geht am Sonntag mit 300 Passagieren Mr Uebergabe von Helgoland an Deutschland nach Helgo- !and. Es dauerte nicht lange, so kamen auch die Arberts- leute vom Land und es ivurde Tag und Nacht gearbeitet, hie „Stuttgart" wieder sauber zu machen. Der Sonntag kam und mit ihm die Passagiere und es ging nach Helgo- land. Mer die Passagiere konnten dort nicht an Land des schlechten Wetters wegen. Wir fuhren um Helgoland herum und legten uns hinter Kriegsschiffe; am Nachmittag, als der Kaiser absuhr, feuerten alle Schiffe Salut. Wir legten dicht beim Artillerie-Schulschiff „Mars" an, lichteten unsere Anker, grüßten den Kaiser, als er an uns vorbeifuhr, mit der Flagge und fuhren hinter der „Hohenzollern" nach Bremerhaven zn. Am Eingang der Weser ging die „Hohenzollern" in die Jade nach Wilhelmshaven itrtb wir kamen gegen 8 Uhr in Bremerhaven an. Das war das Ende meiner Ost-Fndienreise. Annerod. A. H. Moderne Pharrtafietascheu. Aus London wird berichtet: Seltsame Blüten treibt die Mode; die Phantasietaschen der vornehmen Damen, die aus zartem leder- oder blumengeschmückten Brokat kunstvoll gefertigten Behälter, in denen die Schönen ihre Börse, ihr zartes Batisttüchlein, ihre kleinen Geheimnisse, ihr Puder- kästcheu, Taschenspiegel nnd andere diskrete Hilfsmittel ihrer Schönheit mit sich führen, verlieren ihre anmutigen Formen, streifen ihre Harmlosigkeit ab und wandeln sich zu furchtbaren Kr o k o d i l k ö p f e n. Unter gläsernen Raubtieraugen gewahrt man die scharfen Zähne eines Tigers oder die grinsende Miene .eines Affen. An kunstvoll gearbeiteten Gold- nnd Silberketten hängen diese Ungetüme am Gürtel der schlanken Engländerin; eine kleine Seidenquaste, die aus dem fürchterlichen Gebiß der Bestien hervor- lngt, wird gezogen, der Nachen öffnet sich und zart behandschuhte Tamenfinger tauchen furchtlos hiuab in den Schlund der Ungeheuer, um ein Spitzentüchlein, einen Portemonnaie- kalender oder ein juchtengebundenes Notizbüchlein emporzuholen. Tie Londoner Geschäftsleute sind von der neuen Mode wenig erbaut, aber sie fügen sich seufzend den kapriziösen Einfällen ihrer schönen Kundinnen, die nun einmal für die schlimmen Raubtiere eine besondere Vorliebe zu haben scheinen. „Die Krokodilkopftasche ist besonders häßlich", äußert sich ein bekannter Modehändler der Bondstreet, „die geöffneten Kiefer zeigen die spitzen Zähne. Die Tigertasche ist größer und enthält noch Parfümfläschchen und selbst ein paar kleiner Brennscheren. Nun sind sogar Rattentaschen modern geworden, und gerade diese scheinen eine besondere Anziehungskraft auf die Damen auszuüben; immer wieder verlangen die Kundinnen nach diesen Tieren, die sie doch im Leben so verabscheuen. Diese Rattentaschen sind natürlich kleiner und bieten höchstens für ein Taschentuch und ein Paar Handschuhe Platz. Allem Anschein nach werden sich auch die Pelzhändler dieser seltsamen Laune der Damenwelt anpassen, und der kommende Winter wird voraussichtlich die Raubtierköpfe auf den Muffs wiederholen." Körngsprorrrertade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben mir in der Weise miteinander verbinden, das; man — wie der König aus dem Schachbrett — stets von einem Feld ans auf ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster Nummer. schran wenn nur bens le bens ke noch er ivllst des auch le in sei stets kann be ihn lebt ins einer chen gräbt er tief nie seele ein licher bre dan >vie stirbt mcnsch großer ge ke Auflösung des Rätsels in voriger Nummer. Flamme, Lamm. Redaktion: P.-Ä4 t t l^ch^^Motqtionsdrnck und Bdrlag.her B rü b loschen Unkverstläts.-Buckt- und Steindruckerei. LULange. Wicbein