1907 W I moFör J1[{1Ä;ä^'SbJs|$ Wein Wanne. Eine Novelle von Eduard' Engel. Nachdruck verboten. (Schluß.) Was man solchen Menschlein Wohl zu essen gibt? Ich batte gestern eine Büchse mit Hummersalat geöffnet. — Ach Un- nnn! Hummersalat verträgt ja mancher Erwachsene schlecht. Es dauerte eine Weile, ehe ich auf dem Umweg über den Hummersalat zur Muttermilch gelangte. Aber woher nehmen? Diese Rabenmutter war ihm ja davongelaufen, und selbst wenn nicht, sie hatte ja gesagt, sie könnte das Mrd nicht mehr nähren. Das glaube ich schon, so ein abgemagertes Geschöpf! Ratlos sah ich mich im Zimmer um und stieß einen kleinen Freudenschrei aus, als mir die Zuckerdose neben dem Schreibtisch ins Auge fiel. Gelbchens, meines Kanarienvogels stetes Sehnsuchtsziel. Das flinke Gelbchen war durch- das unangenehme Geschrei im Zimmer ganz verschüchtert und verstummt. Ich hielt dem Männe ein kleines Zuckerstück an die Lippen, und allzugleich hörte sein Gewimmer auf. Gierig, durstig leckte sein rotes Zünglein daran: das Zncken seines leidenden Körperchens wich beseligtem, ruhigem Genuß. Nähren konnte ihn das Stückchen Zucker natürlich nicht-; das war nur so ein Schweigemittel. Am Ende konnte er krank davon werden, konnte mir unter den Fingern sterben, ehe die Polizei ihn mir abholt. Kinder sterben ja wie die Fliegen, und Jute stand ich denn da! war das nicht eigentlich fahrlässige Tötung? Und womöglich die Lene als Belastungszeugin gegen mich! Ich schauderte. Hätte ich nur ein bißchen Milch! Aber die mußte doch aufzutreiben sein? Weckte mich nicht jeden Morgen „Milch- Bolles-Kliugeltoagm" und blieb nicht täglich Milch genug für meinen Nachmittagskaffee übrig? In der Küche hatte Lene, ihre sieben Sachen auf dem Boden zürn Einpacken in ihren Riesenkoffer ausgebreitet. Sie war nicht wenig erstaunt, mich plötzlich in die Küche treten zu sehen, in die ich während ihrer Dienstzeit wohlweislich nie einen Fuß gesetzt hatte. Ich tat ihr nicht den Gefallen zu fragen. Die Milch mußte ich doch wohl allein finden. Ich suchte; sie packte polternd weiter. Wo in des Teufels Namen hatte das Frauenzimmer die Milch versteckt? Am Ende hatte sie mir zum Schabernack den Rest selber ausgetrnnken? Ich suchte in der Küche und suchte in der Speisekammer, suchtje in großen Töpfen und in kleinen, in Kasserollen und Näpfen. Nirgends ein Schimmer von Milch. Die Verzweiflung ist die Mutter großer Entschlüsse; ehe ich wußte, wie ich es vollbracht, stand ich mit einem kleiner; braun glasierten Topf an Konsistorialrats Küchentür und klingelte. Gottlob! Stent Mensch war mir auf der Hintertreppe begegnet. Konsistorialrats brave alte Auguste tat einen kleinen Angstschrei und wäre beinahe gjegeu den glüheitden Herd zurückgeprallt, als sie mich mit dem Topf in der Tür erblickte. „Herr Professor, ivas ist denn los? Was is — ?" „Mein Fräulein, mein verehrtes Fräulein!" Auguste grinste vor Vergnügen. „Möchten Sie mir wohl ein bißchen Milch schenken oder leitjeit?" „Ach, soll ich nicht die Frau Rätiit rufen?" „Um Gotteswillen, beste Auguste, keinen Schritt! Geben Sie mir schnell ein bißchen Milch ttnd ich 'will Ihnen ewig dankbar sein!" Sie hielt mich offenbar für verrückt; aber vielleicht um mich nicht zu reizen, tat sie, wie ich sie gebeten. „Eben bin ich beim Anflochen —" „Geben Sie mir, wie sie ist und — Auguste — kein Sterbenswort darüber zu der Frau Rätin!" „I, wo wer' ich denn! Um so ’ne Kleinigkeit, Herr Professor !" und eifrig goß sie mir das Töpfchen halb voll. „Danke tausendmal, verehrte Auguste, und nehmen Sie dafür —" ich suchte in der Westentasche. „Nee, geschenkt oder geborgt, aber bezahlt wird nicht." Ich flog mit meiner Beute die Treppe hinauf, luiire sie bei einem Haar hiuaufgefallen und eilte an der mich anglotzenden Lene vorbei zu meinem Jungen. Der lag noch ganz ruhig auf dem Tigerfell, sog an dem Zucker, strampelte vor Daseinslust mit den prallen Beinchen und sah mich ohne mit dem Saugen innezuhalten, aus großen, erkennenden Augen an, als ich mich ihm näherte. Na, wenn dieses nun nicht die kantische Denkkategorie der „Gemeinschaft war, dann konnte ich das Geld vor meine vor fünfundzwanzig Jahren gehörten Collegia logiea zurückforderit. Das war eine niederschmetternde Entdeckung. Was wurde aus meinen Schubladen voll kostbarer Vorstudien für meine Preisschrift, was aus meinen herrlichen Beobachtungen, aus allen meinen doeuments humains, wenn dieser Lutschbengel, der zu mir gekommen war wie durch den Schornstein gepustet, mit seinen Hellen blauen Augen das alles auf einmal für wertlosen Plunder erklärte?! Aus dem Topfe konrite er nicht trinken. Aber ich merkte, tote ich zunehmend erfinderisch wurde. Schnell Gelbchens Heinen porzellanenen Trinknapf abgehakt, ausgespült, mit der schon halb gewärmten Milch gefüllt und dann meinen Ammendienst augetreteu. Es ging schlecht, ein gut Teil der Milch troff nebenher aufs Tigerfell, aber eS ging doch Ach ivie sie ihm Wohltat, Konsistorialrats fromme, ttngewässerte Milch! Und tote das Wohltat, das verhungerte Bübchen trinken zu sehen, wohl ins Herz hinunter, als tränke ich selber etwas Warmes, Heißes, so heiß, daß mir das Wasser in die Augen trat. Er schluckte, verschluckte sich, prustete ein wenig und schluckte sich wieder zurecht. Das eine Näpfchen war im Nu geleert, bald ein zweites, ein drittes. Konnte es ihm nicht schaden, wenn er nach dem tätigen Hungern so gierig und so viel auf einmal trank? Aber mir fehlte der Mut, ihm nicht loieder und wieder das Näpfchen zu füllen, solange seine großen dankbaren Augen sprachen: mehr! Da trat die Lene ein, frech, ohne anzuklopseu: „Ich bin fertig, und nun zieh ich." Ich wußte, ivas sie damit verlangte. Ihr Vierteljahrslohn lag abgezählt samt ihrem Dienstbuch auf dem Tisch Wir waren schnell miteinander fertig; der Portier hals ihr den .Koffer hinuntertragen auf die „Ziehdroschke". Ich stand am Fenster und sah ungeduldig zu, wie die Einschiffung erfolgte. Ein Seufzer der Erlösung euiraug sich mir, als die Droschke langsam davonrumpelte. Solange das Ungetüm im Hause gewesen, war meine Freude an dem kleinen Gast mit Bitterkeit und Angst gemischt. Erst jetzt konnte ich mich feiner aus Herzenskräften freuen. Jawohl, freuen! Gott, wie mit das drollig vorkam! Und war doch fo selbstverständlich, so unwiderstehlich! Eine Freude wie aus meinen Eingeweidm heraus. Hatte ich das je zuvor empfunden? Nie in keinem Augenblick meines Lebens. Nicht als sie mich mit fünfundzwanzig Jahren zum Professor inachten — und damals hatte ich mW gefreut — nicht als ich dm großen 170 von der anderen Fensternische ein wohlbekanntes Stimmchen wimmernd nach, und es strebte mir mit zappelnden Gliedmaßen zu. Ich machte dem Kinde Zeichen mit Hand und Mund: es hörte mit Klagen auf und folgte nur noch aufmerksam jeder meiner Bewegungen. Es fühlte sich nicht mehr einsam und vernachlässigt, solange seine Augen mit meinen zusammenhingen. An der Korridortür klingelte es. Lästige Störung! Wer ich mußte öffnen. Ter Briefträger mit der zweiten Sonntags- Post; der machte große Augen, als eq aus meinem Arbeitszimmer das Jammergeschrei des verlassenen Knaben vernahm. „Meine Schwester ist zum Besuch gekommen," log ich entschuldigend, „und hat ihren Kleinen mitgebracht." Tttnn kehrte ich mit Spruug- schritten zu meinem Eros auf dem Tigerfell zurück. Sofort ward er wieder der artige kleine Engel von vorhin. Gott, ist das leicht, solch ein! Kind zufriedenzustellen! Und da haberr sich manche Eltern, als mache Wien ihr eigen Fleisch und Blut das Leben schwer. Mit diesem herzigen Jungen fertig zu werden, war doch ein Kinderspiel. Ich las keinen Brief, durchflog nur einen von meiner Schwester. Tu lieber Himmel, mir war, als hätte ich selbst ein Stückchen Familie im Hause und hätte nähere Pflichten. Wie das einen schnell anwächst. . Mein Vorrat an Spielzeug wiar erschöpft, nachdem ich es ein Weilchen mit Iber Musik meines Schlüsselbundes versucht. Auch mein goldenes Pincenez erschöpfte sein Interesse, obgleich er die Feder nur erst verbogen, noch nicht zerbrochen hatte. Ja, was nun? Hütte er meine Wortsprache so gut verstünden wie meine Herzenssprache und Augensprache, so hätte ich ihm schon zu erzählen gewußt. Wer kannte mehr Märchen als ich, von Indien bis nach Island? Wer iü fiel mir ein, rote ich auf meinen täglichen Wegen durch den Tiergarten zur Universität auf den „Babyroeiden" die Ammen und Kindermädchen zu ihren kleinsten Schutzbefohlenen lange Reden halten gehört hatte, mehr ein Lallen als eine artikulierte Sprache; aber dte Kleinen mußten doch das verstehen sonst täten es die Großen nicht so hartnäckig. Es hatte nur stets albern geklungen, und — auf einmal hörte idji mich selbst das dumme Zeug nachlallen, ich, ein ordentlichen Professor der Philologie! Es ging zuerst schwach genug, und die Ammen im Tiergarten Hütten mir ein mittelmäßiges Zeugnis ausgestellt; doch allgemach kam ich hinein und merkte, er verstand mich. Und er antivvrtete mir. Welche Töne! Welche unerhörten Vokale, Umlaute, Diphthongen! Welche reiche Tonleiter allem vom A bis zum E! Davon stand weder bei Sievers noch bei Trautmann, nicht bei Victor noch bei Hoffort) nur ein Wort. Hier machte Lepsins' Universal-Alphabet schimpflich Bankerott. Ja, das tväre eine Angabe: Lautlehre und Grammatik dieser' Sprache zu schreiben, einer Sprache, die voll sicher mehr als hundert Millionen Menschen geredet wird. Mit all meiner Pro- fessorschast und umgeben von aller Herrlichkeit meiner Bibliothek kam ich mir >zum Erbarmen unwissend vor. Das Kerlchen war müde geworden. Ich zog ihm fern Hemdchen wieder an, bettete es weich und warm und deckte es mit meinem Reiseplaid zu. Stoch einmal sah es mich unter schweren Lidern an, dann roior -es sanftselig eingeschlummert. Ich mußte mich ganz dicht über sein Gesicht lehnen, um seinen süßen Atem sttll komnieu und gehen -zu spüren. Die langen feinen Wimpern schoben sich weit über seine unteren Augenlider. Ein paarmal zuckte es itni die Mundwinkel, wie von leichten Traumschwingen berührt. Kleine glänzende Schweißperlen seuchteten die Stirn unter den überhangenden Löckchen; ich wagte Nicht, sie ihm zu trocknen, um ihn nicht zu erwecken. .. , ’ Ich schämte mich wie mich letzt der Gedanke überfiel: m könntest du ja zur Polizei gehen und ihn wegholen lassen. Hatte ich solche Scheußlichkeit wirklich gedacht? O ja, noch vor einer balben Stunde. Wie das hinter mir lag, weit, weit, und auch tief unter mir. Mit dem Wegholen war «es Nichts. Erst mußte ich zum mindesten wissen und ganz genau wissen, wohin er mnu Was aus solchen Pvlizeikindern würde? Ob ich ihn nicht eigentlich behalten könnte? So gut wie mein Gelbchen? War er denn nicht ein verflattertes Vögelchen, aus seinem Nest gefallen, und gehörte er nickt vor allem mir, der ich ihn gespeist und getranrc und aewärmt? Die Sache hatte ja nicht bloß ihre gesuhlvmte Seite; man konnte sie mindestens ebenso gut vom philologischen Standpunkte aus betrachten. War denn der schlafende^ Knirps nicht ein ausgezeichneter, ein unentbehrlicher Mitarbeiter für meine Preisschrift? Ich brauchte ihn ja nur Dag um, Tag zu beobachten, wie ihm das Zünglein allmählich gelöst würde, wie aus seiner lallenden -Aeh-äh-Spmche eine artikulierte Sprache würde, wie sich die Fäden vom Denken zum Sprechen dichmv herüber und hinüber schlängelten, und ich hatte nicht nur, für meine Preisschpift, nein, ich hatte auch für das uralte Ratfet vom Ursprung der Sprache Beistand und Lösung, wie durch nichts anderes auf Eicken. Er durfte mich garnicht verlassen, mein kleiner Mitarbeiter! Wenn ich ehrlich sein wollte, , mußte toj eingestehen: ich hatte den Jungen viel nötiger ,als mich. Sttvf die Frau Kvnsistorialrätin mit ihrer strengen spitzen Nase fdxetfte mich nicht Mehr. Am Ende war ich weder ihr Mann noch iw Sckwiegersohn, und auf ihre Sonntagabendtees,konnte ich gramws verzichten. Mit der Kvnsistorialrättn war em Ul wie die,er Überhaupt nicht zu behandeln; dazu bedurfte es des Rates em-r allerchristlichsten Frau, und tntr fiel die Frau meines Freunves Eiegelbrief von der Akademie aufgebrochen, vor zwanzig Jahren, i der mir meinen Sieg in der Preisbewerbnng^ über den „Aorist im Praktit" verkündete. Mir war, als sei mir ein neues, größeres, wärmeuderes Herz unter dem Brustkorb aufgequollen. Und dieses Würmchen hatte ich vor kaum einer Viertelstunde gescholten, es „Bastard" geschimpft! Hier in diesem selben Zimmer. Ich war nahe daran, es um Entschuldigung zu bitten, mit irgend einer plumpen Liebkosung. Da wandte es das Mündchen vom leeren Napf zur Seite und streckte mir eilt Stückchen Zunge aus. Vergessen hatte ich das Gefühl des Aergers, nachher zur Polizei glehen zu müssen. Das hatte gute Wege. Es war doch eigentlich ein famoser Zufall, daß die scheußliche Kreatur von Mutter dieses süße Menschlein gerade bei mir aussetzen mußte! Ich hatte von verworfenen Geschöpfen gelesen, die ihre Kinder in Hausflure oder gar vor die Haustüren hinlegen. Im Grunde hatte diese Cäcilie Wirzbinska noch verhältnismäßig brav gehandelt, daß sie meinen Männe nicht irgendwo auf einer der vier Treppen verloren. Und das Umschlagetuch hatte sie ihm auch zurückgelassen. Und jetzt irrte sie in dem dünnen, flatternden Kleide draußen umher; mein Thermometer zeigte auf 13 Grad Celsius unter Null! Wie eine Beruhigung fiel mir ein, daß bei dieser Kälte der Kanal zugefroren sei, da konnte sie wenigstens sich nicht ertränken. Und wie vor einer Viertelstunde sah ich sie dort in der offenen Tür mit ihrem lächerlich-rührenden Pockennarbengeficht, mit ihren tiefliegenden, großen Augen und dem straffgezogenen Umschlagetuch, darunter sie das Kind verborgen hielt! Ich glaube, ich hätte jetzt etwas drum gegeben, könnte ich sie leibhaftig dort Wiedersehen. Welch Spiel der Natur; solch eine häßliche,, Mutter und dieses bildschöne Kind! Tenn schön war eS,_ schöner als alle heiligen Bambini und Englein, die ich jeh auf Bildern gesehen. Blaßgoldige Härchen kräuselten sich zu luftigen Locken um das kugelrunde, weiche Köpfchen, bis hinab zum rvsigweißen Hälschen mit den vergnügten kleinen Fettfalten. Tie zarte,, glänzende Haut an Brust und Schultern zuckte von Zeit zu Zeit in leisen Schauern unter den kitzelnd herabsinkenden, Milchtröpfcheu, die an seinen Mundwinkeln hingen, da wohin die kleine Leckerzunge nicht reichte. Und so artig! Ich hatte gefürchtet, der kleine Mensch werde am Ende irgend eine kleine Menschlichkeit begehen, auf der kostbaren Tigerdecke; aber sollte ich ihn deshalb von seinem weichen Lager reißen? Doch er tat nichts dergleichen, sondern blieb der vollendete kleine Gentleman, so lange meine Tigerdecke heuet die Ehre hatte, ihn zu betten. Ohne zu schlafen, hatte er die Augen vor innerem Behagen geschlossen, und wenn er sie dann still zufrieden wieder einmal aufschlug, sah er mich pn, als seien wir seit undenklichen Zeiten die vertrautesten Freunde. Horch! da schmetterte das beruhigte Gelbchen hellauf sein Mvrgenlicd, und zugleich strahlte die rote Wintersonne wie ein breites Goldbaud durch die Fenster und übergoß mit einem glühenden Schein des Kindes nacktes, rosiges Körperchen. Bei Gelbchens ersten Worten hatte mein Männe das Kopfcyen dem Vogelbauer zugedreht und gelauscht. So etwjas hatte er! gewiß sein Lebtag nicht gehört. Weit auf riß er die neugierigen Augen und sah mich fragend an. — Fragend ohne zu sprechen? Tas konnte man also? Gewiß konnte man, konnte Männe, und was konnte er nicht noch alles! Wvs wir Philologen für Aufheben machen von der Sprache, von dem, was wir allein unter Sprache verstehen! Es geht auch ohne, verehrte, Kollegen, und zwar vvrttefflich! Tas Kind verstsand mich, und ich verstand es. Gott, lernt sich das schnell! Der Bogel hatte eine kleine' Singpause gemacht, und im selben Augenblick hatte mein Junge seinen glückseligen Ausdruck geändert. Satt war er, aber es fehlte ihm ettoas. Und sogleich! flog es über sein Gesicht wie Sonnenschein über ein Blumenbeet, sobald Gelbchen anfs neue losschmetterte. Ich saß auf dem unteren Ende der Chaiselongue und hatte mich über das Kind gebeugt. „Aeh-äh" stöhnte es vor Lust und griff mit den Hündchen zu mir herauf. Ich bog mich näher, ich war doch neugierig, was es anstiften möchte. Da hptte es schon mit allen zehn Fingercken meinen Backenbart gepackt und zerrte daran mit „äh" und „äh" daß ich nahe daran war, vor Schmerz aufznschreien. Und doch brachte ich es nicht über mich, seine kleinen Krallen zu lösen. Kürze, weiche Fingerchen mit so wunderniedlichen, durchsichtigen Nägeln dran. Wie sie dies neue Spielzeug, den Backenbart fest packten! Und da IJitte die eine Hand des Spielzeugs noch! viel mehr entdeckt und bohrte sich in meine Nase oder zur Abwechseluns in meine Augen. Und damit nichts ihm fehle, griff er zu meiner Genugtuung mit beiden Händen nach der blanken baumelnden Uhrlette, was mich auf den guten Einfall brachte, ihm die Uhr an das durchsHimmernd rosige Oehrlein zu halten. Das war zu viel des Glücks: ein sonniges Lächeln überglänzte sein, holdes Gesichtchen, und ehe ich wußte, wie es gekommen, hatte ich, ihm den feuchten Mund-, die Nase und die Augen geküßt. O, wie -er da losprustete, zweimal, dreimal: mein stachliger Bart mußte ihm in die Quere gekommen fein. Gelbchen hatte sett einer Weile zu schlagen aufgehört und piepte nur sch-vächlich. Ich kannte seine Sprache: , ihm fehlte Wasser und Futter. Richtig, es vermißte sein Trinknäpfchen, um sich die kleine Sangerkehle anzufeuchten. Ich ging zum Bauer und versorgte das Tierchen. Mer da klagte mir auch schon — rri und Arztes Pwfessvr Keilenburg ein. Ja, die würde gleich wissen, wie ich es anzustellen hätte, um mir diesen ausgesetzten angehenden Mitphilologen zu sichern. Zu ihr wars nicht weit, nur nach der Lützowstraße; ehe mein Junge erwachte, konnte ich hin und zurück sein. Vielleicht gar, daß die Gute — —- Atu der Korridortür ein wildes Klingeln. Da soll denn doch — mir das Kind aufzuwecken! Ich sprang auf den Fußspitzen ins Vorzimmer und öffnete: Cäcilie Wirzbinska! — „Geben Sie mir mein Kind wieder, mein Kind! Wo haben Sie es?" Und sie wollte nach einem verzweifelten Blick rundum im Vorzimmer in mein Arbeitszimmer stürzen. „Mollen Sie auf der Stelle Ihr Geschrei lassen. Sie nichtS- „Mein Kind, meinen Männe will ich wieder haben! Ach!, Sie haben ihn doch noch, gnädigster, gnädigster Herr Professor?" Und richtig, da lag sie wieder auf der Erde und packte meine Hände mit ihren eiskalten, zitternden Fingern. „Wenn Sie still sind, sollen Sie ihn haben, da drinnen schläft er." .,/Gelobt sei der liebe Heiland!" Und sie zitterte noch heftiger, aber tot. Freude, und das Weinen wurde stiller. „Ja, jetzt schwatzen Sie vom lieben Heiland, und vor einer halben Stunde sind Sie von ihrem Kinde weggelaufen. Es hätte sich ja totschreien Wunen, Sie — Sie — schlechte Person, Sie!" „Ja, das hdb' ich mir auch gesagt, wie ich da unten entlang lief, am Kamal, und darum bin ich wieder hier, gnädiger Herr. Ach ja, ach La, ich weiß schon; aber tvphin sollte ich mit ihm in der Kälte, nicht einen Pfennig in der Tasche, Und in meiner! Schlafstelle wollen sie mich auch nicht mehr, ich habe schon fest acht Tagen kein Schlafgeld bezahlt. Das letzte Geld war von meinem Verlobungsring, den habe ich versetzt, und davon habe ich meinem Männe alle Tage einen Liter beste Milch und für mich ein paar Schrippen von gestern gekauft. So, nun wissen sie es, Herr Professor, warum ich ihn hier gelassen habe. Ach, es war zu kalt unten, ich meine für das Kind." Sie weinte, wie ich nie zuvor einen Menschen habe weinen hören und nie wieder einen hören möchte, und dabei bezwang sie sich noch, um Nicht gar zu laut zu weinen. „Ach, nun darf ich ihn wohl wieder an mich nehmen, guter!, hochgeehrter Herr Professor? Ja" Und sie sprang dem Arbeits- zimmer zu. „Erst hören sie auf zu weinen"; dabei packte ich sie am Llirm. „Sie wollen den Männe Wohl aufwecken!" Sie lächelte schon ein bißchen unter Tränen. „Von hier aus können Sie ihn sich ansehen; da, sehen Sie, wie er schläft? Und satt ist er auch, beruhigen Sie sich nur." Sie weinte noch so leben weg, aber die Gewässer verliefen sich schon, und aus ihren großen Rehaugen leuchtete es wie miü>er Sonnenschein. Und nun geschah das Seltsamste in dieser ganzen Geschichte: sie hatte irodji dieselbe kleine polnische Nase, dieselben Pockennarben wie vorhin, ihre Schultern waren nicht gerader geworden und ihre Magerkeit nicht geringer und trotz alledem war nichts mehr von ihrer früheren lächerlichen Häßlichkeit zu entdecken. Ich sah nur eine arme Mutter, die bereit schien, sich die Adern öffnen 'ju lassen für ihr Kiird, durch das sie ins Elend hinausgetrieben worden. Wenn ich jetzt nicht mannhafte Worte gefunden, ich glaube, ich hätte mich vor der Person unheilbar blamiert u.nd hatte mit ihr um die Wette geheult. Statt dessen scharauzte ich sie an: „Der Männe bleibt hier bei mir, verstehen Sie, Cäcilie 'Wirzbinsk, für lange, für recht lange, und Sie können nun auch gleich hier bleiben i Wollen Sie mal das verp dämmte Herumrutschen auf der Erde sein lassen! Also sie bleiben hier und führen die Wirtschaft, selbstverständlich nicht ohne Lohn: Sie find wohl nicht gescheit, wie werde ich sie ohne Lohn behalten? Und jetzt gehen sie in die Kühe und schauen zu, ob Sie etwas für sich zu essen ftnden, und wenn nicht, dann holen Sie etwas, hier sind fünf Mark. Und wenn Sie die alte Heulerei nicht lassen oder mir gar den reizenden Bengel aus dem Schlafe .heulen, so schicke ich Sie weiß Gott auf die Polizei! So!" Und als sie mir nun doch nach dieser, gewiß strengen Ansprache weinend die Hände küßte und zu schluchzen versuchte: „Ach, lieber, guter Herr Professor, ich will jeden Morgen und Abend für sie beten, und mein Männe auch, und —■ ach —", da sah die Person ordentlich schön aus, nicht hübsch, Gott bewahre, sondern schön. Ich denke, es waren ihre Augen." 2600 M 1er itßei’m Meer. Eine wissenschaftliche Ballonfahrt von Josef M. Juri ne k, Frankfurt a. M. Nachdruck verboten. Die Sonnenstrahlen hatten bereits die Erde aus dem nächtlichen Schlummer wachgeküßt, als am Donnerstag, 7.. März, morgens der neueste Ballon, der zu wissenschaftlichen Zwecken gebaut worden ist, der Ballon „Ziegler" des Frankfurter phisi- kalischen Vereins, zu seiner dritten Fahrt hergerichtet wurde. Um 8 Uhr 32 Minuten erscholl das Kommando „Einsteigen" und bald darauf entschwebte aus Offenbach a. M. die Riesenkugel der abschiedgrüßenden Menge.... „ _ Vier Personen hatten im BallonWrbe Platz geiwmmen. Der Führer Dr. Kürt Wegener, der den Weltrekord als Dauerluftschisser hat — seine längste Ballonfahrt währte 52 Stunden —< einer der bekanntesten und kühnsten Frankfurter Sportsleute, Otto Gilberger, der Fabrikant Paul Merzbach und als Vertreter der Presse meine Wenigkeit. Neben dem Vergnügen sollte die Fahrt besonders der Wissenschaft gelten, denn der gestrige Tag war ein Termin der simultaneninternationalen Drachen- und Ballon- aufstiege. . . Südöstlich trieb uns der Wind. . . Kleiner und kleiner wurde unter unseren Blicken die Welt . . . Wie Puppenhäuschen dünkten uns die Gebäude, die wir sonst als Riesenwerk anstaunen. Bei 2 Grad Kälte hatten wir die Fahrt angetreten. Schon die ersten hllndert Meter bestätigten die Worte unseres Führers: „Meine Herren wir werden nicht ftieren" . . . Dia Jugend winkte zu uns herauf. Wir hörten den Jubel der Kleinen, als ob wir mitten unter ihnen wären. Schneller und schneller stieg unser Ballon. Schon hatten wir eine Höhe von 800 Metern erreicht. Die Sonne meinte es zu gut und erwärmte überschnell den Ballon . . . Eine Wolke hatte Mitleid mit uns und verdeckte uns die stechenden Strahlen und verschaffte uns damit gleichzeitig den Genuß, in der unteren Schicht zu bleiben und über die Erde in nicht allzuweiter Höhe dahinzuschweben. Der Blick war unverwandt auf die Herrlichkeiten unter uns gerichtet. Bald rauschte das Schleppseil über die zu jungem, frischem Grün ansetzenden Baumkwnen und brachte uns einige fünfzig Meter tiefer, bald breiteten sich Felder und Wiesen, Triften und Halden unter uns ans. . . Hebet uns schoben sich in gewaltiger Hohe lichte Wolken-, schleier in- und übereinander. Bach schdllte Musik zu uns herauf, bald frohes Kinderlachen, bald stamreude Zurufe. „Wir habe« gute Fahrt" sagte unser Führer. Ueber Sprendlingen und Langen ging es dahin. Ob das Bild auch im Grunde geiwmmen das gleiche blieb, es >var doch mit jeder neuen Minute neu für! das Auge. Darmstftdt links liegen lassend, fuhren wir weiter nach Südosten. Schon war die erste Stunde der Fahrt vorbei, wir konstatierten, daß wir mit 30 Kilometer Geschwindigkeit dahingesegelt waren. „Wenn es so weiter geht, dann . . ." Da packte uns die Sonne von neriem und bald war es uns klar,. daß uns die Strahlen in höhere Luftschichten treiben werden. Die erste Inversion, die Dunstfchicht vor den Wolkenbergen, hatten wir erreicht. Da grüßte uns unter uns der Vater Rhein, der träge seines gewohnten Weges dahinzog. Langsamer wurde die Fahrt, bei Gernsheim gingen wir über den Rhein, Worins lag vor uns. „Geduld muß der Luftschiffer vor allem haben!" Diese Worte hatte uns Dr. Wegener mehr wie einmal zugerusen. Unsere Geduld wurde auch bald auf eine Härte Probe gestellt.. Kaum war der Rhein überguert, la um hatte uns die Sonne bis 1800 Meter zu sich huraufgezogen, da regte sich um uns kein Lüftchen mehr, wir staudm still und hatten Zeit, uns das Landschaftsbich dauernd einzuprägen. Um 11 Uhr hatte uns der Wind verlassen, bis etwa 3 Uhr kamen wir nicht 50 Meter vom Fleck Und doch toar gerade dieser Teil mit der schönste der Fahrt. Im Osten und Westen, im Norden und Süden türmten sich Wolkenberge auf. Schaurigschön. Und die Sonne leuchtete auf das Weiß der Wolke« mit ungeschwächter Kraft. — Heilige Stille um uns. In die Friedlichkeit der ewig schönen Natur driugt das Ticken unserer wissenschaftlichen Lust-, Temperatur- und Höhenmesser, dringt unsere sröhliche Unterhaltung. Bald aber verstummten wir vor dem Ueberwältigenden nm uns. Da schob sich eine Wolkenwand gegen uns heran. Wir vier Menschenkinder hier oben in enormer Höhe, über tnns das wrmderbarste Himmelsblau, neben uns und unter uns ein Brandeir und Wogen der Wolken. Nur unsere einzige Hoffnung, unser einziger Verlaß ist die Riesenkugel, die über unserem Kvpfe steht, die unseren Korb trägt. Ein unnennbares Sehnen schleicht sich ins Herz. Durch die zerrissenen Wolken- gebilde leuchtet der Vater Rhein, von dem unsere Lippen ost so manches Lied schon gesungen, im Umkreis links die Rebengeläudr, die Ortschaften . . . Auf dem Rhein ziehen Schlepper dahin, durch das Gelände srULngelte sich wie ein winziges Spielzeug die Eisenbahn. Höher und höher zieht uns die Sonne. Wir sind über den Wolken und wahrhaftig setzt in himmlischen Höhen. 2000 Meter über Meer zeigen die Apparate. Die Messer werden aufgezogen, das Sunrmen und Ticken hebt von neuem an . . . Die Mittagsglocken läuten. Da unten eilen die Menschen im Orte, der uns so nahe dünkt und doch so fern ist, zur Mittagspause^ Die Glockentöne stimmten uns feierlich und still und ernst . . . Acht Grad Kälte konstatiert unser Führer. Daher haben wir uns wegen der Wärme der Ueherkleidung entledigt, habm die Kopfbedeckung abgelegt und schauen hinab. Verschwunden rst der Ausblick verschwunden der Rhein, verschwunden dre Ortschaften, es gilt für uns: Ueber uns die gelbe Kugel, Unter uns das Wolkenmeer . . . Wie eine gewaltige Eis- und Schneewüste sieht das Wolkengebilde aus. Nach Südosten sind die Wolkeuköpfe geneigt. Es türmt sich vor uns und über uns auf von Minute zu Minute in imnier neuen Bergen Ruhelos ist die Wolkenschicht, auf der nur etwas Bekanntes uns grüßt: Der Schatten unseres Ballons. Auf dem weißer: Gischt macht sich! die malerische Regenbogenfarbenpracht 'des Ballonschattens wie ein märchenhaftes Bild. Wie, wenn uns jetzt ein Unheil drohte? Ein Hinabsausen durch die brandenden Wolken, hinab in die Tiefe. — Doch seltsam: 172 So oft auch das Sehnen wach der Slutter Erde in schaukelndem Korbe uns packt: Ein Gefühl der Acngstlichkeit greift nicht ein einziges Mal Platz. Man ist überwältigt und schaut schweigend und ernst in endlose Fernen urch Welten. — Ein neuer Wolkenberg kommt ait[ uns zu. „Der wird uns verderblich!" sagt der Führer. Und schon ist die Sonne verdunkelt, schon kühlt sich unser Ballon schnell ab, wir fallen mit rapider Geschwindigkeit. Das summt und saust in den Ohren und will einem das Gehör benehmen. „Ballast!" heißt das Kommando. Und die kostbare Sandmasse fällt fort und fort . . . Unsere Hoffnung, die Nacht noch durchfahren zu können, schwindet mehr und mehr. Das hatte uns das schwarze Wölkchen getan. Was ivar das? Bis auf 800 Meter waren wir in kurzer Zeit der Erde näher gekommen. Die untere Inversion hatte uns zurück über den Rhein geführt. Nach Norden zu . . . Vier Sandsäcke hatte im» dieser Fall gekosteet. Wir blicken mißmutig auf den immer kleiner und kleiner werdenden Ballast. . . Die Sonne spielte uns in der nächsten Viertelstunde ein zweites Spiel. Als der Wolkenschleier sich- abermals verteilt hatte, da fuhren wir, so schnell wir gefallen waren, so rapid wieder in die Höhe und erreichten um V2 6 Uhr bei 9 Grad Kälte die höchste Höhe von 2600 Metern. — Das gleiche Wolkenbild, überwältigend und schanrigschön. Die Jntensivität der Sonnenstrahlen ließ von Viertelstunde zu Viertelstunde nach: wir schwammen etwia eine halbe Stunde in der Höhe von 2600 Metern, dann senkte sich der Svnnenball, das glühende Weiß verwandelte sich in feuriges Rot, in mvttesl Violett, bis Dunstschleier um die erlöschende Flammenkwne flatterten. Mit dem letzten Sonnenstrahl flackerte über uns der Abendstern auf, die Schatten der Dämmerung zogen herauf, wir schwebten aus himmlischen Höhen der Erde zu. In großem Bogen hatte uns rund herum die Inversion geführt. Als wir das Wolkenmeer durchbrochen hatten, waren ivir tatsächlich wie aus den Wolken gefallen, «als wir unter uns die Bergstraße sahen, als der Matchen uns anstarrte. Wir glaubten, weiß Gott wohin verschlagen Wochen zu sein. Schneller und schneller sank der Ballon, wir mußten zur Liaudung schreiten. Ueber den Frankenstein und Ober-Ramstadt noch, Groß-Zimmern wintte. Von den Dörfern im Umkreise rief man uns Grüße zu, die Jugend lief zusammen. „Achtung, Reißleine!" — Wir klammerten uns an den Tauen fest und um 7 Uhr 32 Minuten schlug unser Korb aus der Erde im AckergelLu.de von Groß-Zimmern auf; wir waren sehr glatt gelandet .... Genau 11 Stunden hatte uns der Ballon getragen. Was an wissenschaftlicher Ausbeute die Fahrt gebracht hat, das l>aben sorglich die Apparate notiert. VesAiLWess. * Zeichen der Zeit in China. Auf Veranlassung des Vizekönig von Tschili, Puan Schihkai, ist im Fahre 1905 von zwei Mitgliedern des, chinesischen Unterrichtsministeriums eins Schrift verfaßt, die den Titel führt: Min kiav hsiang ngan, d. h. Friede zwischen Volk und Kirche, und die den ersten amtlichen Versuch darstellt, d!as chinesische Volk über Ursprung, Wesen htub Bedeutung des Christentums zu belehren um dadurch das Verhältnis der Chinssent zu, den! Fremden zu regeln. Tie Haltung des Buches ist freundlich! und ungeachtet manch, schiefer Urteile und Uebertreibung sachlich. Bezeichnend ist es, daß die Schrift durchblicken läßt, wie v!erhaßt den Chinesen die enge Verbindung der Missionen mit den politischen Schutzmächten ist. Für die Christen wird höfliche Behandlung, von ihnen Fernhaltung vyn allen politischen Eingriffen gefordert. — Noch überraschender ist die Kunde, für deren Richtigkeit die teitnng New-Bork „Tirnes" verantwortlich ist, der Vizekönig chang Schi tung habe kürzlich angeordnet, in allen Regierungs- schulen von Hupeh und Hunan solle Unterricht im Neuen Testament erteilt werden, weil er das Geheimnis der Ueber- legenheit dir euwpäischen Mächte über die Kultur Chinas dem Besitz der Bibel zuschreibe. — Ter Vizekönig von Kanton soll eine Schrift haben drucken lassen, die im Kreise Loktschong weih verbreitet wird: „Mahnwvrte, aufzuhören mit dem Geisterdienst." Hier wird gefordert, das bisher den Geistern nutzlos geopferte Geld für öffentliche Zwecke aufzuwenden. — Am 14. u nd 16. Oktober wurde in China zum ersten Mal ein« Simg nach der neuen Ordnung vvrgenommen. 42. Chinesen en zugelassen, von denen 23 in Japan, 17 in Amerika und je einer in Deutschland und England studiert und Prüfungen bestanden hatten. 9 wurden zu Doktoren, 23 zu Magisterrt befördert, 10 bestanden die Prüfung nicht. * Tie Linkshändigkeit geht infolge der bekannten Ner- vcnkreuzung. welche die beiden Körperhälsten stets unter dem Einfluß der anderseitigen Gehirnhälfte stellt, meist mit einer stärkeren Ausbildung der rechten Gehirnhälfte einher. Tie letztere Erscheinung zeigt sich, wie Dr. K. Alberts im 10. Heft der illustrierten Zeitschrift „lieber Land und Meer" (Stttttgart, Deutsche Verlagsanstalt) ausführt,, bislveilen schvn bei Kindern; in diesen meist erblichen Fällen, die höchstens zwei bis drei Prozent der Menschheit treffen, läßt sich gewöhnlich auch eine höhere Hör- und Sehschärfe linker-, seits Elnstatieren. Bei den Anamiten und länderen niederen Raffen findet mau linkshändige Individuen häufiger vertreten, und nach Hartung sind bei -den Negern die beiderseitigen Gliedmaßen gleich schwer und gleich kräftig. Wenn demgegenüber bei den höheren Rassen Fälle van Linkshändigkeit weniger häufig auftreten, fo ist es doch immerhin auffallend, dlaß diese Erscheinung beim weiblichen Geschlecht häufiger vvrkommt als beim männlichen. Min-- destens sind die Frauen bei uns in der Regel mit der linken Hand ebenso geschickt wie mit der rechten, womit auch die Erfahrung, stimntt, daß sich Geivicht und Kraft in beiden Extremitäten bei ihnen die Wage halten. Bekannt ist, daß der verstorbene große! Maler Adolf von Menzel beide Hände mit gleicher Geschicklichskeih zu gebrauchten verstand. „Ms ich noch als Kind in Breslau auf dem Boden herumkroch", erzählte die kleine Exzellenz einem Besucher, „und mit Kreide Figuren darauf zeichnete, da war es mit der linken Hand. Ms ich neunzehn Jahre -alt war, fing ich erst an zu malen, dann aber gleicht mit der rechten Hand. Tas erste Bild machte viel Mühe, sehr viel; das zweite wurde schon besser, und dann ging's. Und so ist's Noch heute: wenn ich in Oel male, immer mit der Rechten, Zeichnen und Aquarell, und Guasch immer mit der Linken." * Warum sagt man: Auf einem großen Fuße leben? Diese Frage wurde vor einiger Zeit von einigen wißbegierigen Boulevvrdiers an die Pariser Akademie der Wissen-, schäften gestellt, und die letztere hielt es nicht für unter ihrer Würde, dem historische Ursprung der vielgenannten Redewendung nachzuspüren. Er ist, der folgende: Modekrankheiten sind bekanntlich- keine ausschließlich moderne Erscheinung; auch im Altertum und namentlich im Mittelalter grassierten sie stark. Einer solchen Mvdekrankheit haben wir jauch das geflügelte Wort: „Auf einem großen Fuße leben" zu v-erdanken. Gottfried von Plantagenet, Graf zu Anjou, einer der schönsten und geistteichsten Lebemänner seiner Zeit, hatte auf der großen Zehe seines rechten Fußes einen überaus starken Fleischauswuchs, der seinen zierlichen Fuß verunstaltete. Um dieses Gebrechen zu verbergen, verfiel er auf die Idee, Schuhe mit neuen, aufwärts gebogener: Schnäbeln zu tragen. Tie so eigenartige Mode fand schnell Anklang, und bald trug alle Welt Schuhe mit aufwärts gebogenen Spitzen. Diese Schuhbekleidung wurde „a la poukaine" genannt. So sehr war man gegen Ende des Mittelalters in diese Schuhe vernarrt, daß man sogar die verschiedenen Stünde rrach der Länge des Schnabels der Fußbekleidung zu unterscheiden begann. Die Bürgerlichen tragen Schuhe mit 6 Zoll langen Schnäbeln, während Grafen und Fürsten allein Schuhschuäbel von 2 Fuß Länge tragen durften. Diese Mode wurde von der Geistlichkeit verdammt. Von den! Kanzeln herab donnerte man gegen beschuäbelte Schuhe und bedrohte deren Träger mit ewigen Höllenstrafeu. Kaiser Karl V. verbot sogar das Tragen solcher Schuhe in wiederholten Erlassen. Vergebens. Tie Mode bleib und bürgerte sich derart ein, daß auch nach ihrem Verschwinden das Sprichwort: „vivre sur un gründ ttiebi" sich im Bolksmunde erhalten hat. ** Die Plünderung der S tadt Liß berg, von der in dem Aussatz über Paul Gerhardt in Nr. 37 der Gieß. Fam.- Bl. die Rede war, erfolgte, wie un§ ein Leser «mitteilt, am 17. September 1796. Der ermordete Pfarrer hieß Koch, Literatur. ** D i e Neu he i ten der F rü h j a h rs - u n d S vm mer - mode für Damen und junge Mädchen kennen zu lernen, gibt es kein bequemeres und beliebteres Modenbuch, als das von Jahr zu Jahr reicher nusgestattete Favorit-Moden- Album der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-N. 8, das soeben in neuer Ausgabe für Frühjahr und- Sommer 1907, erschienen ist. Für den äußerst niedrigen Preis von 60 Psg. bietet dies Albnm ein» überaus reichhaltige, künstlerisch illustrierte Modenrevue und damit die umfassendste und erschöpfendste Uebersicht über die herrschende Tagesmode. Besonderen Werk erhält das Album ferner darurch, daß zu allen darin dargestellten Modellen, die längst zu Weltruf gelangten, leicht anwendbaren Favorit-Schnitte in den verschiedensten Größen zu müßigen Preisen zu haben sind. ■ . Logogriph. (Nachdruck verboten.) Ein M voran macht Kopie wüst, Ein P mit Hörnerschall dich grüßt: Ein R nagt gern mit gier'gem Zahn, Ein F dazu schafft glatte Bahn. Doch tritt vor 's R statt F ein T, Tut dir bei» Leid nur halb so weh. Nimmst bu mir alle Häupter weg, So komm' ich stets vom gleichen Fleck, Erheb' mich gern zu lust'gem Spiel Und grüß' dich lebhaft, aber kühl. W. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Ichen Unwersttäts-Bucb» und Stetndruckeret, R. Lang«, ®i«fie*