1907 Sams-ag den 19. Oktober M ^LU!LELi,rL NNW A- Wi r. p Auf der kigenen Spur. Kriminalroman von Otto Boeder- (Nachdruck verboten.) .Fortsetzung.) Der Rat erhob sich in großer Erregung aus der Sofaeckc. „Donnerwetter. Mädel, da bringst Du mich auf einen Gedanken — hin, hm — —" Er begann mit großen Schritten das Zimmer zu durch- wandern. „Das wäre eine ganz nütznutzige Schiebung!" luetterte er. „Doch möglich ist sie imnierhin. Der Bursche blieb nach der Urteilsfällung noch auf freiem Fuße. Ain festen 27. Februar verließ er das väterliche Haus, angeblich zum Strafantritt. Die von ihm mitgebrachte Ladung diente den Gcrichts- beamtcn als vollgiltigcr Ausweis. Wer soll auch so'ne blödsinnige Schiebung vermuten?" Er lachte grimmig auf. „Doch darüber wollen wir uns morgen schon todsichere Gewißheit verschaffen! Ich fahre einfach mit dem Revierleutnant, der den juirgen Eilenburg persönlich kennt, nach Plötzensee und lasse mir den Gefangeiieu unter glaubhaftem Vorwand verführen. Dann werden wir ja sehen — hat cs übrigens nicht eben geklingelt?" unterbrach er sich. „Allerdings Papa, ich will nachsehen." Hurtig huschte das Mädchen aus dem Zimmer. Gleich darauf hörte der in diesem Zurückgebliebene sie draußen auf dein Korridor sprechen. Hansemann blickte plötzlich ärgerlich darein. „Himmel, der Mann nut dem rasselnden „rs" ... der Farbenkleckser ans Odessa!" brummte er verdrossen. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Erst acht vorüber ... na ja, da ist in Berlin noch lange Besuchsstunde!" „Komme sofort nach, Fräulein Hermine," tönte von draußen ein klangvoller Bariton. „Will nur rasch meine Außenhüllc abstreifen!" Der Rat empfing die mit verstecktem Lächeln zu ihm Zurück- kchreude mit verkniffenem Auge. „Wirklich und wahrhaftig?" stöhnte er. „Allemal derjenige welcher," gab die Uebermütige zurück, indem sie au ihn hcrantrat und ihm die Wange tätschelte. „Willst du wohl freundlich blicken, Papachen? Er bleibt übrigens nicht lange, lvie er schon draußen sagte." Der Rat konnte zu keiner Entgegnung kommen, denn eben öffnete sich die Tür wieder und der Besucher trat ins Zimmer; ein kräftiger, hvchgewachsener, reifer Zwanziger mit einem ausdrucksvollen Antinouskopfe, tveichene indessen der stark entwickelte dunkle Schnurrbart ein modisches Gepräge verlieh. Der Eintretende befand sich in vollem Gesellschaftsanzug mit Frack und weißer Weste; darüber trug er einen modefarbenen aufgeknöpften Paletot. „Ich kann nicht ablegen, der Unglücksfrack will es nicht erlauben," rief er beim Eintritt lachend. Nun er den Rat gewahrte, eilte er mit ausgestreckter Hand auf diesen zu: „Schönen guten Abend, Herr Rat," begann er herzlich; er bediente sich bis auf einzelne durch ihre schnarrende Aussprache den Ausländer verratende Laute der deutschen Sprache virtuos. I „Nur keine Furcht, Herr Rat," heute komme ich Ihnen nicht * wieder mit Italien, sondern bin nur mif einen Sprung da, zu- ! mal ich noch unumgängliche Gesellschaftspflichten heute zu er- j ledigen habe." Sie tauschten einen Händedruck. „Das geht.wohl alle Abende so in dulci jubilo?" erkundigte sich der Rat, als man sich um den ovalen Schreibtisch niedergelassen hatte. „Ihr Kinder! flattert wie die Schmetterlinge von einem Vergnügen zum andern." Witte seufzte. „Es steckt nicht viel Vergnügen dahinter," meinte er kopfschüttelnd. „Unsereiner befindet sich in einer Zwangslage. Will man zur Geltung kommen, bedarf man der Protektion, zumal man mit eigenen Ideen aufzuwarten wünscht. W s man bei diesen gesellschaftlichen Abfütterungen von uns beansprucht, geht den Künstler in uns nur wenig an; man will den Handlanger, der es sich zur Ehre rechnet, lebende Bilder und dergleichen zu stellen. Dafür bechmmt man tvarmes Abendbrot und darf nebenbei noch als Pflichttänzer cinspringen, was auch ein Vergnügen eigener Art ist." „Da würde ich (mir die Geschichte. hübsch verkneifen," brummte Hausemann, mit dem Ausklopfen und Wiederfüllen seiner Pfeife beschäftigt. Als er sie frisch gestopft hatte, lehnte. er sich schmauchend in die Sofaecke zurück. „Ich kann mich freilich nur schwer in so 'ne imgebundene Künstlerseele versetzen. Unsexeiner ist immer in der Tretmühle seiner Beamtenpflicht; da wird jeder Moment ausgenutzt und reichts nicht, müssen auch die Erholungsstunden daran glauben. Freilich, ihr Herren habt's gut. Ihr wartet aus Inspiration und geht einstweilen ins Kaffeehaus . . . kommt sie dann endlich einmal, dann wird ein Stündchen d'rauf losgepinselt!" Der junge Maler lächelte voll gutmütiger Nachsicht; erkannte längst die kunstverachtende Meinung des Rats. „Arbeiten kann! unsereiner auch, Herr Rat," meinte er. „Werfen Sie z. B. nur einen Blick in diese Skizzenbücher" — er deutet auf die auf dem Tische ausgebreitet liegende» Hefte, in denen Hermine bereits! eifrig blätterte. „Ich darf es ruhig sagen, darin steckt eine Unmasse Fleiß und Mühe — und doch ist diese praktische Betätigung nur eitel Zeitvertreib im Vergleich mit dem ungleich schwierigeren Ringen mit dem spröden, rebellischen Stoff. Doch das läßt schon Lessing seinen Maler Conti besser sagen, als ichs zu tun vermöchte. Bis der schnell schweifenden Phantasie vergängliches Luftgebilde sich zu Farben und Formen verdichtet, um endlich versuchsweise auf der Leinwand gebannt zu erscheinen — unzulänglich, in seiner plumpen Wirklichkeit weit hinter dem Ideal einherhiuleud, darum immer wieder ver-, worfenund von neuem gestaltet, bis endlich ein unbefriedigender Kompromiß zwischen Geschautem und Gestaltungsvermögen geschlossen wird — das setzt eine Summe Kampf und Opferfreudigkeit voraus, für welche dem Laieu wohl jegliches Verständnis abe geht." „Na, schließlich wird ein Bild daraus; man verkanfts — und das Honorar ist doch wohl die Hauptsache," äußerte der Rat spöttisch. „Doch mein Mineheu blickt Sturm. Lassen Sie sich nicht stören. Ich werfe wohl inzwischen einen Mick in die Zei- 618 — tung?' Er wollte das Blatt zur Hand nehmen, besann sich aber, griff nach einer Zigarrenkiste und hielt sic dein Maler hin. „Eine Friedenszigarre gefällig, Herr Witte? . . . Ach so. Sie rauchen ja ausschließlich nur ihre geliebten russischen Zigaretten. Auch so 'ne Passion, die ich nicht begreifen kann. Na, meine Erlaubnis haben Sie. Zünden Sie sich nur ruhig eins von den Papierdingern an. Meine Hermine hat nichts dagegen, die ist den Qualm gewohnt. Doch ein Glas Bier dürfen Sie mir nicht abschlagen . . . gutes Patzenhofer. . . hol' mal 'n Mas, Minchen." Diese stand schon am Buffet; der Maler zog eben einen silbercnen, nronogramingeschmückten Zigarrenbehälter aus der Ueberrocktasche. „Mit Ihrer Erlaubnis also," sagte er. Es wird ohnedies ein rauchloser Abend werden und ich gestehe offen, solch ein Papyros gehört dazu, soll ich mich behaglich fühlen dürfen. Danke! Er nahm ein brennendes Streichholz in Empfang und entzündete daran die Zigarette. „So, da ist auch Ihr Glas Bie — nein, wie ungeschickt!" unterbrach sich der Rat, als er Ivahrnahnk, wie beim Reichen über den Tisch von bem schäumenden Inhalt des GlascS einige Spritzer auf die Skizzenbücher tropften. „Hermine, komni 'mal schnell nrit dem Wischtuch!" „Bitte, bemühen sie sich nicht!" rief Witte eifrig. Hurtig zog er ein noch zusamrucngelegtes Taschentuch ans dem lleberrock und tupfte daiuit die Tropfen auf. „Hat wirklich nichts zu sagen — die Blätter können schon einen Puff vertragen, obendrein zumeist wertloses Zeng, nur als Erinnerung an den unvergeßlich schönen Aufenthalt in Rom für mich von einigem Interesse . Mo Prosit Herr Rat!" Er hatte das Taschentuch, um sein Glas ergreifen zu können, neben den auf den: Tisch liegenden Zigarettenbehälter gelegt und. nachdem er getrunken, vergast er, mit der Erklärung einer der Skizzen fortzufahren, ganz darauf, das Tuch wieder sort- zust-ccken. „Das ist einfach herzig," meinte.Hermine, in die Beschauung einer der Skizzen vertieft. „Da sieh her, Papa, ist's nicht wie dem Leben abgelauscht? . . . Die bei aller Berfallenheit malerisch wirkende Hütte; im Schatten des üppigen Rcbgeränks, die junge Bauersfrau mit dem Säugling auf dem Schoste, um sie die spielenden Zicklein, auf dem Misthaufen Junker Hahn int Vollgefühl seiner Würde . . . dann wieder der in beschaulicher Ruhe auf der TDschwelle ausgestreckt liegetrde Spitzhund . . . das Bildchen ist eine Perle, Herr Witte!" ,',Ein anmutiges Familienbild", meinte auch dieser, das Blatt bem Rat über den Tisch hinreichend. „Ich hielt es mit wenigen Strichen fest, als ich einmal ziellos die Campagne durchstreifte." „Sieht fast wie so 'ne katholische Madonna aus!" meinte Hansemann, das Blatt wieder zurückreichend. „Dir hast Recht, Papa, wirklich wie eine Madonna. Das sollten Sie im Bilde festzuhalten suchen", wendete sie sich er- nmnternd an Witte. Dieser lächelte melancholisch. „Es möchte eine glatte Familienblattillustration werden. . . schließlich wirkt jede glückliche Mutter mit ihrem Kinde auf dem Schoste madonnenhaft. In dieser Hinsicht hat's Rafael leicht gehabt, die Stoffe boten sich ihm von selbst ... und doch beweist gerade diese Skizze in ihrer platten Alltäglichkeit die unzulängliche Steile des von feinem Mnius mühevoll erglommenen Höhenwegs. Da wären wir glücklich wieder bei dem aussichtsarmen Ringen der Mnstlerseele angelangt," wendete er sich mit wehmütigem Lächeln an den Rat. „Der Schmarren hier mag, was die natürliche Wiedergabe an- Dlangt, nicht schlechter gezeichnet sein, als die Rafaelschen Kvmpositionen, da stimmt vielleicht Strich auf Strich — und doch klüftet zwischen beiden die Meisterschaft, eben das Genie. Was zur Anbetung in die Knie niederzwingt! Ich wills nur einräumen, die Skizze da hat mich zur Ausführung bereits mächtig angereizt und ich habe manche Leinwand an sie verschwendet. Doch was wurde daraus? . . . ein nettes, glattes Familienbildchen . . . eben eine glückstrahlende junge Bauersfrau mit ihrem krähenden Säugling . . . doch es barg keinen Hauch von dem Schönheitstraum, der auch in meiner Seele stach Offenbarung schreit." Witte war immer ernster geworden und als er nun den doll stummer Frage auf ihn gerichteten Mädchenaugen begeg- stete, seufzte er leise und strich sich das wirre Haar auS der Stirn. „Da 'babett sie unser Martyrium in nuce, den stets löcken- hen Stachel, der uns über die unserem Können gesteckten Grenzet: treibt, der uns das wohlfeile Selbstvergnügen des Dutzendmenschen versagt . . . uns heimatlos und häufig auch elend macht, dem völligen Geistesbankerott in die Wahnsinusarme treibt . . . denn wer von uns ist begnadet genug, auch nur dest Gewandsaum seiner Göttin erhaschen, geschweige die Hehre selbst als willige Gefährtin meistern zu dürfen ... und doch ist es Seligkeit, Künstler nicht nur nach dem Aushängeschild nach heißen, fondern vor dem unbestechlichen Richterstuhl des eigenen Gewissens auch in Wahrheit sein zu dürfen." „Ja, es must herrlich sein, fein Selbst an das Höchste setzen zu dürfen!" stimmte das Mädchen begeistert bei. „Mag unser Ideal auch ewig unerreichbar bleiben, schon das stolze Bewußtsein hinauf zu ihm gewollt zu haben, schafft Frieden!" „Kirchhofsfrieden vielleicht!" widersprach Witte unter leisem Kopfschütteln. „Das sind die rechten Jünger nicht, die sich mit dem Gewollthaben begnügen und, an ihres Könnens enger Grenze angelangt, zit KonzessionssHulzen werden, die sich ihr Rieseumast von Pygmäen bescheinigen lassen. Der echte Künstler bleibt auf der Strecke liegen oder ringt sich zum Sieg durch . . . ist überhaupt ein Sieg möglich, denn hinter einem solchen strecken sich wieder neue, unzugänglichere Ziele." Hausemann war die Gesprächsrichtung offenbar langweilig geworden; er gähnte verstohlen hinter der aufgehobenen Hand; dann griff er mechanisch nach dem auf dem Tisch liegenden Zigarettenbehälter, um sich durch dessen Msichtiguug die Zeit zu kürzen. Dabei berührte seine Hand auch das obenauf liegende Taschentuch. Da nahm er auch schon daran das in einfacher Weiststickerei gefertigte Monogramm wahr. „A. W." las er, um demselben Monogramm, nur ungleich kunstvoller in Silber getrieben, sofort darauf auch den: Zigarettenetui zu Begegnen. Da stutzte Hansemann unwillkürlich; feiner bemächtigte sich die widerwärtige. Empfindung, die ihn wenige Stunden zuvor erfüllt, als er die beschlagnahmten Taschentücher in feiitem Bureau weggeschlossen hatte. Er hatte so oft und genau genug betrachtet, um ohne weiteres feststellen zu Kimen, dast bei dem Taschentuch des Malers nicht nur dasselbe Seinen verwendet worden war, sondern auch die Ausführung des Monogramms sich völlig deckte, Unwillkürlich nahm er das Tuch auf und beroch es; fast enttäuscht legte er es dann, unbemerkt, wie er glaubte, wieder auf den Tisch zurück. Es war ihm gewesen, als hätte auch dieses Tuch den widerwärtigen Chloroformgeruch ausströmen müssen. .Wie er aufschaute, begegnete er dem verwundert fragenden Blick seiner Tochter; auch Witte hatte sein Tun bemerkt. „Nein, Parfum gibt es bei'mir nicht", meinte er lächelnd, offenbar twn Beweggrund des anderen mistverstehend. „Wir fiel nur die schöne Zeichnung der Buchstaben aus", erklärte Hansemann. „Besonders das Monogramm auf dem Etui ist großartig . . . was der Daus!" unterbrach er sich. „Sogar ihre Zigaretten sind moiwgram-ugeschmückt." Er hatte den Behälter geöffnet und die darin befindlichen Papyros gemustert, welche auf der Mundspitze die gothisch geschlungenen Buchstaben „A. W." in erhabener Goldpressung zeigten. „Eine jetzt modern gewordene Spielerei," erläuterte der Maler. „Sie brauchen bei Kiriatzy an der Friedrichstraste nur wenige Mille bestellen und bekommen sogar den ganzen Namenszug umsonst eingepresti. Ich habe mich, wie Sie sehen, mit den Anfangsbuchstaben begnügt — es verleiht einen gewissen wohlhabenden Anstrich," setzte er ironisch hinzu, eine Sondermarke Zigaretten mit dem 'eigenen Initial . . . wenn das nicht kredit- fördernd wirkt!" (Fortsetzung folgt.) Aas Iugeodfpiel in gLfuedf-eitlichsr und erziehlicher Ki-.stHt. Von Hofrat Prof. H. Raydt.*) Es liegt auf der Hand, daß der mit dem beginnende« siebenten Lebensjahre für alle unsere Kinder einsetzende Schulunterricht Gefahren für die gesundheitliche Entwickelung mit sich bringt. Das Kind, das bis dahin in ungebundener Glückseligkeit, seinem natürlichen Bewegungstriebe folgend, umhergetollt ist, wird nunmehr vom Staate dazu angehalten, täglich mehrere Stunden in mehr oder minder verdorbener Luft mit erzwungener Ruhe auf der Schulbank zu sitzen, lautlos brav zu sein, und mit zunehmendem Alter in steigendem Maße auch zu Haufe sich mit geistigen Arbeiten zu beschäftigen. Da nun nach den Aussprüchen berühmter Aerzte das Sitzen unter Umständen die ermüdendste Körperhaltung ist (Prof. *) Ans der vortrefflichen Schrift „Spielnachmittage" (Verlag von B. G. Teubner in Leipzig) des Studiendirektors der Handelshochschule zu Leipzig, die wir alten Erziehern und Eltern zur eifrigen Lektüre dringend empfehlen. D. Red. — 619 Lorenz), die den Kindern das Blut in den Adern schwinden läßt und die Knochen erweicht und zermalmt (Prof. Nuß- baum), so entstehen auch bei den besten äußerlichen Schul- eiurichtuugen, auf die ja bei uns mit Recht großes Gewicht gelegt wird, die sogenannten Schulkrankheiten, wie Kopfschmerz, Kurzsichtigkeit, Wirbelsäulenkrümmung, gestörte Verdauung, Unruhe, Reizbarkeit unb andere nervöse Uebel- stände mancherlei Art. Sie haben alle mehr oder weniger ihren Grund in Mangel an Bewegung, dadurch hervorgerufenem ungenügendem Blutkreislauf und der dadurch beeinträchtigten Blutbildung. Der Schwede Axel Key hat durch vieljährige statistische Untersuchungen festgestellt, daß nach einjährigem Schulbesuch jedes dreizehnte, nach zweijähri- gcm jedes sechste bis siebente und nach dreijährigem jedes fünfte Kind bleichsüchtig, blutarm wird. Auch die gründlichen Untersuchungen deutscher Aerzte kommen zn dem Ergebnis, daß mit zunehmenden Schuljahren mancherlei gesundheitliche Schäden in steigendem Verhältnis wachsen, wie insbesondere auf den höheren Schulen die Kurzsichtigkeit und die Nervosität. Nun müssen wir mit der Forderung des obligatorischen Schulbesuchs für alle Zeiten rechnen, und etwas wesentliches an Unterrichtsstoff können wir auch schlecht aus unfern, Lehrplan fortnehmen, wollen wir nicht den hohen Stand unserer geistigen Bildung aufgeben. Wir müssen nach Maßnahmen suchen, die auf alle Schulen Anwendung finden können, nm die besagten Uebcl- stände soviel wie möglich auszugleichen. Wir müssen der all- geineinen Degeneration eine ebenso allgemeine Regeneration entgegensetzen und wollen dabei bedenken, daß '„der Arzt nur der Ausbesserer, die Gymnastik aber der Schmied der Gesundheit ist" (Ebers). Von allen möglichen Schuleinrichtuugen für das erstrebenswerte Gleichgewicht zwischen Körper und Geist ist das Jugendspiel die beste und einfachste; dadurch wird am leichtesten und sichersten das unbedingt notwendige Gteich- gewicht zwischen geistiger und körperlicher Arbeit hergestellt. Hierüber hat der im Jahre 1890 verstorbene berühmte Professor Nußbaum eine Reihe der beherzigenswertesten Winke erteilt. Er schrieb: Es wurde mir der ganz bestimmte Eindruck, daß des Menschen Körperbau nicht für den Studiertisch, sondern für körperliche Arbeiten geschaffen ist. Am gesundesten und heitersten sehe ich jene bleiben, welche Felder und Gärten bearbeiten und sich den größten Teil des Tages in s r is ch er Lu ft bewegen. Wie ganz anders findet man das körperliche Befinden bei Beamten, Gelehrten und Künstlern; oft haben diese einen heißen Kopf und kalte Füße, oft träge Verdauung, untätigen Darrn. Wenige gibt es unter ihnen, welche nicht über fortwährende Nervenerregung klagen. Wir wissen, daß jedes Organ, welches benutzt wird, blutreicher wird, daß sich feilte Adern erweitern. Das Gleiche gilt beim Gehirn. Wird dies blutreicher, so kann dies nur auf Kosten anderer Organe geschehen, deshalb werden Arme und Füße blutarm, wenn das Gehirn vom Blute strotzt. Je früher solche Mißverhältnisse im menschlichen Körper auftreten, je jünger die betreffende Person ist, desto verderblicher sind die Folgen solch mangelnden Gleichgewichts. Ich muß behaupten, daß die ganze Zukunft eines Menschen unbehaglich werden kann, wenn sich die angedeuteten Ueber- reizungen schon im kindlichen Alter cinbürgerten. Es ist durchaus eine fehlerhafte Beobachtung, wenn man glaubt, daß ein neunjähriges Kind in 7 bis 8 Stunden täglich mehr lernt als in 4 bis ü Stunden. Kinder gehören nach 9 Uhr in das Bett. Ich halte das gegenwärtige Prinzip, eilt Kind den ganzen Tag zu beschäftigen, für ein recht gutes, allein ein großer Teil der Zeit sei der körperlichen Ausbildung gewidmet, wenn möglich in frischer Lust. Ich bin fest überzeugt, daß die Zukunft lehren wird, daß man täglich stundenlang körperliche Uebüng mit geistiger Arbeit wechseln muß, wenn ein Kind gesund bleiben soll. Ich bin ebenso überzeugt, daß das Lernen viel leichter geht, wenn der Körper mehr gekräftigt wird, wenn die geistige Spannung nicht so viele Stunden beträgt, wie fast in allen Lehranstalten. Mit Ausnahme einzelner hervorragend begabter Kinder tritt bei den meisten nachmittags, aber fast immer abends, eine stumpfe, müde Hirnfunktion ein, womit sie nur wenig fassen, höchstens nach langer Marter mechanisch einlernen, ohne den Sinn zu überdenken. . Ich ziehe also aus meinen Erfahrungen den Schluß, daß die Zukunft den Körper der Kinder durch Spiele und Arbeiten im Freien zum Lernen vorbereiten und während des Lernens die Ausbildung des Körpers energisch befördern wird, damit die Belastung des Gehirns, Welche bei Tausenden zur Ursache ihres unbehaglichen Empfindens wird, verhindert Werden kann. Trotz dieser Zeitopser darf mau aber keine geringen Lernbegriffe befürchten. Hingegen wird das Lernen, das jetzt den Kindern eilte Marter ist, den meisten Freude machen, und es wird nicht schon in der Kindheit der Grundstein zu dieser jetzt so sehr überhandnehmenden und unglücklich machenden Nervenerregung gelegt Werden." Der erste gesundheitliche Vorzug des Jugendspiels ist, daß es die Knaben und Mädchen aus den Stuben in die freie Lust hinausbringt. Mr sind durch unsere Kultur viel zu sehr zu einem ftubenhockeuden Geschlecht geworden. Es ist ja in den letzten Jahrzehnten, angeregt durch das Beispiel der Engländer, etwas besser damit geworden; aber die Besserung ist lange noch nicht stark genug. Mau merkt das im E i s e n b a h n z u g an der A n g ft, die die meisten deutschen Reisenden vor dem o ffen en Fenster haben, und man merkt es in unfern schlecht gelüsteten, mit Tabakrauch geschwängerten Bierlokalen, die für einen großen Teil unseres Volkes die sogenannte Erholung von der Arbeit bilden. Das schlechteste Beispiel gibt uns darin, Gott sei's geklagt, unsere akademische Jugend. Es gibt mir immer einen Stich durchs Herz, Wenn ich unsere frischen Jungen renommierend beim'Frühschoppen, Dämmerschoppen, Abendschoppen, Bierskat und dergleichen sitzen sehe und denken muß, daß das bei manchem Tag für Tag Während der schönen Studienzeit so durch geht. Und von den Studenten lernen es unsere Gymnasiasten und andere Schüler, zum Schäden ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit. Andere gibt es, die stundenlang über oft schlechten, die Phantasie verderblich anregenden Büchern sitzen und die schöne Gotteswelt draußen hinter dem Ofen vergessen. Und ähnlich wie es bei den Knaben ist, Wird es auch bei den Mädchen sein, die sich durchweg viel zu wenig und dann nicht kräftig genug in Licht, Luft und Sonne bewegen. Denn wenn sie, eng in den Schnürleib, eine der schlimmsten Erfindungen des Modeteufels, gepreßt mit gebrannten Locken und zierlichen Hackenschuhen uns auf den Straßen und Promenaden ehrsam Wandelnd begegnen, so ist das keine Bewegung in unserm Sinne. Unser ganzes Volk muß wieder mehr hinaus gebracht Werden in Gottes. freie Natur, in den grünen Wald, in und aus den rauschenden Fluß und die brandende See, auf die Weiten, schönet! Heiden des deutschen Tieflands, auf die Hügel und Berge des Mittelgebirges und Hochlands, im Winter auf die schimmernde Eisdecke und den glitzernden Schnee. Sonne, Luft, Wasser und Bewegung, das sind die vier großen Heilfaktoren unserer nervenschwachen Zeit, die für wenig Geld zu haben sind und Leben und Lust spenden. Damit die freie Luft ihre segensvolle Wirkung ganz ausübeu kann, muß kräftige Bewegung womöglich unter lauter Betätigung der Stimm- und Sprachwerkzeuge hinzu- kommen und darin leistet keine UebUng so treffliches, wie das richtige Fugendspiel. Sanitäisrat Professor Dr. F. A. Schmidt-Bonn sagtt „Weder eine deutsche Turnstunde- in Ordnungs-, Frei- und Gerätübungen, noch eine schwedische Tagesübung sind geeignet, diejenigen Anforderungen zu erfüllen, welche Wir hinsichtlich der Herz- und Luitgenent- wickluna zu Nutz und Frommen unserer heraitwachsendert Jugend an bereit Leibesübungen stellen müssen. Die Schnelligkeitsübungen in freier Luft, vor allem in Form von Spielen, haben daher einen wesentlichen Bestandteil einer jeden Art von Schulgymnaftik zu bilden. Ohne sie ist auch das feinste ausgeklügelte gymnastische System nur eine unvollkommene, eine halbe Sache." (Fortsetzung folnt.) VsrmZßeHtss» * Die ToilettengeHeimnisse der Kaiserin von China. Kaiserin Tsu-Hsi von China verfügt über ein Arsenal an Verschönerungsmitteln, um das selbst die raffiniertesten Modedamen Europas und Amerikas sie beneiden Würden. Vierundsiebzig Lenze hat sie schon kommen und gehen sehen, aber die Schmeichler erzählen ihr, daß man sie kaum für Löjährig halten könnte; selbst ihre Feinde müssen zügestehen, daß sie außerordentlich jung aussieht und den Eindruck einer rüstigen Fünsundvierzigerin macht. Ihre Schönheit freilich mag entschwundenen Zeiten angehören, damals, als sie mit ihrer hohen Gestalt, ihren 620 — großen lebhaften Augen, dem vollen schwarzen Haar und der schönen Figur den Herrn des himmlischen Reiches berückte; aber noch heute ist sie eine stattliche Frau. Das kostet freilich auch Arbeit und Ausdauer genug; nicht weniger als neun altadlige Kammerfrauen haben zur einzigen Lebensaufgabe die Verschönerung ihrer Herrin und mühen sich täglich, mit den köstlichsten und geheimnisvollsten Essenzen und Mixturen dem Gesicht der Kaiserin die „herbstliche Schönheit entzückender Weiblichkeit" zu verleihen. Die Herrscherin ist eine sehr strenge Kritikerin; wenn nach der Toilette der große Spiegel herbeigerollt wird, in dem die „Tochter des Himmels" das Werk ihrer Hofdamen nachprüft, legt sich meist angstvolle Beklemmung auf die Seelen der Assisten- tinnen. Denn die Kritik der Kaiserin ist «reist schlagend und treffend, denn mit dem Spiegel wird ihr stets ein biegsamer Rohrstock überreicht, vor dem die Hofdamen aus guten Gründen den höchsten Respekt haben. Zwei, oft dreimal wird die Verschönerungsarbeit wiederholt, ehe die ästhetische Monarchin von ihrem Aussehen befriedigt ist. Gesänge und Lieder verkürzen ihr während dieser Stunden die Zeit. Auch in den Tagen der Krankheit wird diese Toilette streng eingehalten. Kürzlich erlitt sie einen Schlaganfall, aber auch in den schlimmsten Stunden finden die Minister nur eine gesund und rosig dreinschauende Frau, die weder Schmerz noch Freude, die iveder Erregung noch Schwäche erbleichen oder erröten machen können. * Die Millionärin als Einbrecherin. Aus Newyork wird uns gemeldet: Raffles, der jüngste Theaterheld, der Amateureinbrecher, hat im Leben seinen Rivalen gefunden; aber kein Mann ist es, der die Phantasie der Bühnendichter in den Schatten stellt, sondern eine Frau, eine junge, hübsche und sogar reiche Frau, eine der beliebtesten Persönlichkeiten der Gesellschaft von Milwankee, die Gattin des Millionärs Charles I. Romadke. Seit Monaten wurde in Chicago int vornehmsten Villenviertel eine Reihe geheimnisvoller Einbrüche verübt, ohne daß es der Polizei gelang, den Tätern auf die Spur zu kommen. Endlich lenkten einige winzige Verdachtsmomente die Auf- merksamkeit der Behörde auf die junge Dame aus Milwaukee, man begann sie zu überwachen und bald stellte es sich heraus, daß Mrs. Romadke nachts auf Einbrecherabenteuer ausging. Ihre Verhaftung bestätigte alles; sie gestand, daß sie ihre Freunde beraubt habe, eine „unsichtbare Macht habe sie dazu getrieben. Der Reiz und die Neuheit ihrer mitternächtigen Unternehmungen übten eine solche Anziehungskraft auf sie aus, daß sie nicht zu widerstehen, vermochte. Bei einem entlassenen, alten Zuchthäusler, einem Neger, nahm sie in aller Form Unterricht und später wurde der Lehrer ihr Gehilfe und Komplice. Materielle Sorgen haben zu diesen abenteuerlichen Nachtfahrten nicht Leigetragen, denn Mrs. Romadke erhält von ihrem Gatten alljährlich 8000 Mark für ihre Toiletten, mehrere tausend Mark Nadelgeld, sie hat ihr Automobil und allen Luxus, den sie wünscht. „Ich weiß nicht, wie ich dazu kam," sagte sie weinend bei ihrer Verhaftung. „Ich konnte nicht anders. Ich weiß nicht, warum ich es tat. Zch weiß auch, daß ich Strafe verdiene, aber mein Herz blutet bei dem Gedanken an mein kleines Baby, meine Evelyn. Alles was ich brauchte, hatte ich, und dazu noch den besten Mann der Welt." Die Beute, die Mrs. Romadke bei ihren Einbrüchen gemacht hat, ivird von der Polizei auf 40 000 Mark geschätzt. Literarisches. — Mit der soeben erschienenen ersten Nummer des neuen Jahrgangs tritt die illustrierte Zeitschrift „U e b e r Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) in das fünfzigste Fahr ihres Bestehens ein. Welchen Wert die Zeitschrift darauf legt, in ihren Romanen das Veste der zeitgenössischen Produktion zu Bieten, das bekundet sie, indem sie den 50. Jahrgang eröffnet mit der Publikation eines neuen Werkes von Jakob Wassermann. Der Held des Romans ist Caspar Hauser, der rätselhafte Findling, dessen Schicksal . einst das vormärzliche Deutschland, ja Europa in Aufregung versetzte und der tioch heute Phantasie und Gemüt der Menschen zu beschäftigen nicht cmf- gehört hat. Ins Gebiet der Zeitgeschichte führt uns her Aufsatz T. Hecklers „Der deutsche Reichstag"; die Worte des Textes erhalten ihre besondere Würze durch die lau» nigen Porträte, die G. Brandt, der Karikaturist des „Kladderadatsch", beigesteuert hat. Ein höchst originelles Kapitel heimischer Volkskunde bildet die Plauderei „S ch w ä l m e r Hochzeit" von A. Falkenberg, auch hier ergänzen die Illustrationen, die uns die Volkstrachten der „Schwalm" veranschaulichen, eine wertvolle Zutat zum Text. Die Naturwissenschaften vertritt W i l h e l m B ö l s ch e, der unübertroffene Meister populär-wissenschaftlicher Darstellung, mit einem außerordentlich interessanten Aufsätze „Zeitsinn bei Tieren", der so manche Tatsache und Ausschlüsse enthält, die den meisten Lesern ganz neu sein werden. Endlich führt uns Prof. Ed. Heyck in einem Aufsatz „Judith" betitelt, auf ein Grenzgebiet der Kunst- und Kulturgeschichte. Von den Reproduktionen von Kunstwerken, die das Heft zieren, nennen wir nur das Bild von Egger-Lienz, „Wallfahrer", und die „Zuflucht" nach Gabriel von Max und „Im Wirtshaus" von Max Gaisser. .Hausmusik. — Die Meistersinger von Nürnberg. Wenn die Werke Richard Wagners tlvch nicht so ins Volk gedrungen sind, wie sie es verdienen, liegt cs daran, daß sich nur wenige einen Opernauszug oder die schönsten Numinern daraus kaufen können. Mit einem Schlage wird hier Wandel geschaffen durch die im Verlage von Ullstein u. Co., Berlin SW. 68, erscheinende Nvtenbibliothek „Musik für Alle". Sie bringt jetzt Wagners Meistersinger. In einfachster Form, ohne Anspruch auf Virtuosität, hat der Herausgeber alle die Schönheiten dieses Meisterwerkes er- Sen lassen. Das imposante Vorspiel, Walters Auftritt - Begegnung mit Evchen, dazwischen der Choral und gleich darauf der lustige Lehrbuven-Chor mit David ziehen an uns vorüber. Es folgt das charakteristische Versammlungsmotiv der Meistersinger mit der Ansprache Pogners. Besonders das Melodiöse wird in den Vordergrund gestellt, es ertönen „Am stillen Herd in Winterszeit" und „Fanget an, so rief der Lenz in den Wald". Im zweiten Akt verkündet uns der volkstümliche Lehrbubeuchor die Freude des Johannisfestes, ztt dem sich alles rüstet. Hans Sachsens Monolog „Wie duftet doch der Flieder" ist wohl eine der herrlichsten Eingebungen des unsterblichen Schöpfers, dem sich die Szene mit Eva würdig anreiht. Es naht der Nachtwächter mit einem alten Liedlein und nun versucht Beckmesser mit feinem grotesken, humorvollen Ständchen sich Gebör zu verschaffen. Sachsens Schusterlied „Als Eva aus oem Paradies" läßt ihn jedoch nicht zu Worte kommen, und als er enblid) seine verschnörkelte Arie in Heller Verzweiflung kräht, erwachen die Bewohner der Gasse. Die große Prügelszene schließt den Akt, der zum Schluß nochmals alle Motive auftauchen läßt. Ein Textteil mit Illustrationen geht den Noten voraus. Goldene Worte. Der Mensch rechnet immer das, ivas ihm iehlt, dem Schicksal doppelt so hoch an als das, ivas er wirklich besitzt. Gottsr. Keller. Könne dem Herbst zum Eigentums Den blassen Kranz doch, der ihn schmiickt! Ist denn die Aster keine Blnme, Weit dich die Rose höher entzückt? Gcibcl. Diauuruträtfel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Btichstabcn a a i> b d d e e e i i 1 1 n n n n r r s t u w w z derart cinzutragen, daß die wagerechten Reihen Folgendes be- benten: 1. Einen Konsonanten. 2. Mythologische Bezeichnung. 3. Einen Himmelskörper. 4. Einen Dichter. b. Eine Mischfarbe. 6. Ein Nebenfluß. 7. Einen Konsonanten. ® Die senkrechte und wagerechie Mittel- —~ reihe ergeben das Gleiche. Auflösung in nächster Nummerü Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Waldmeister. Mcdaktiou; P. Witt ko. Rotationsdruck und Bertas der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckereü R. Lause, Gießen,