1907 Ar. 133 Montag verr 19. August W 1 M' gk 11 ■■ W gtuäfii Steuermann Worringer. Novelle Dtoit Luise Schulze - Brü ck. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Das Schiff fuhr stolz und majestätisch rheinab. Von allen Burgen wehten die Flaggen, von den weißen Hausern bunte Wimpel. Ueberall fröhliches Leben, überall Gesang und Lachen. Die laue Sommerluft fächelte den heißen Kvpf des Mannes, der auf das fröhliche Treiben dicht zu seinen Füßen herabsah. — Mle waren sie lustig, alle glücklich — Und er ballte die Fäuste um das Ruder. — Alle waren sie in seiner Hand. Ein Ruck, eine Drehung, und das Schiff rannte auf einen der Felsen, die hier außerhalb der schmalen Fahrstraße überall aus dem Rheinbett wuchsen. — Ah, das Gläserklingcn und das Jauchzen würden in einem einzigen Augenblick zu Todesschreien werden. Beinah wünschte er, sie zu hören. Nur, daß der eine, um den fcr all die Qual erduldete, daß der vielleicht in dem Augen- blick mit seiner Frau schön tat. — Tie Wellen rauschten stärker auf, das Schiff machte exakt die nötige Drehung. —Der Steuermann verstand seine Sache. — Von Station zu Station gings abwärts. Ueberall längerer Aufenthalt. Während sonst auf den Kahnstationen ein Nachen drei, vier Passagiere brachte, fuhren heute überall zwei, auch drei Nachen an. In Bacharach kam ein Gesangverein an Bord (mit sechs großen Kähnen. — Tas gab ein Aufjauchzen und ängstliches Schreien der Damen, die aus den heftig schwankenden Kähnen auf die schmale Schiffstreppe gehoben wurden. ■— Tie Zeit ging hin, schon war die Verspätung nicht mehr ein- Zuholen. Er rechnete" die Züge nach, die rheinaufwärts fuhren., — Ta war keiner, der ihm passend lag. — Er mußte warten, in Caub warten, wie angeschmiedet, eine, zwei lange Stunden, bis das nächste Schiff kam, das ebenfalls Verspätung haben würde. Und wenn er damit nach Bingen zurückkam, dcnrn wars die höchste Zeit für das Extraschiff. — Ah, der Hessemer hatte wohl gewußt, warum er sich den Nachmittag freihielt. Wieder eine Biegung des Stroms. Da lag Caub, sonnenglänzend und heiter. Aus dem Rhein hob sich stolz und trutzig die Kaiserpfalz, von deren Zinne auch heute ein Flagge wehte. Die Sage ging, daß dort ein Kaiser seine schöne Frau fünf Jahre lang abgeschlossen von Welt und Menschen eifersüchtig verwahrt gehalten habe. — Est MußLe daran denken, während das Schiff vorüberfuhr. —: Und endlich war er frei. Wie erlöst sprang er auf vom Ruderstuhl. Als er im Kahn saß, der ihn nach dem User brachte, dehnte er die mächtige Brust. Nur die vielen frohen Menschen sticht mehr sehen, nicht mehr das Lachen hören. Im Gärtchen des kleinen Wirtshauses war's still und kühl. — Und der Wein, her vor ihm im großen Glas stand, war gut. Durstig stürzte 'er ihn hinunter. Die behäbige Wirtin brachte ihm Essen: Fest- braten und Süßigkeiten. Er aß hastig alles herunter. — Er spürte, daß er Hunger hatte, und daß er satt wurde. — Sonst Nichts. — Dann sah er plötzlich einen der Cauber Steuerleute Vorbeigehen nach dem Rhein zu. —i Mit dem Oclrvck, reisefertige — Er rief ihn an. — Freilich, ein Extraschiff kam gleich, von Koblenz herauf nach Bingen. — Um fünf Uhr würde es oben {ein. Ach, wie es ihm einen Ruck gab. Um fünf Uhr. Ta hatte er noch Zeit, nach der Kerb zu sehen, nach seiner Frau, nach dem Hessemer. — Und ohne Besinnen holte er hastig seine Sachen und fuhr mit. Auf der langen Fahrt aufwärts, während er im Stübchen des Kapitäns saß, ihm nur keinen Menschen zu sehen, kam ihm die Ueber- legung. Nein es hatte gar keinen Ztveck, heute um fünf Uhr den beiden nachzuspüren, am Hellen Tag noch, erst beim Beginn der Lust. Sie würde mit dein Kind und der: anderen Frauen ganz harmlos bei den Buden sein oder auf einer Bank am Rheinufer. Und sie wußte ja, daß er jeden Augenblick zurückwmmen konnte. — Aber »norgen — morgen am Pfingstmontag, da würde er ihr sagen, daß er erst mit dem letzten Zuge Heimkommen könne. — Und da wollte er sie belauschen, im Dunkel, außerhalb der blendenden Lichthelle bei den Buden, oder am Rheinufer oder im Tanzsaal. Finden würde er sie, ungesehen selbst sehen. — Und dann. . . Er tvußte noch nicht, was dann geschah. Er wollte auch gar nicht daran denken, durfte nicht. Er fühlte, wie alles in ihm flammte und kochte. Und er mußte einen klaren Kopf behalten für seine zweite Fahrt. — Als er in Bingen an Land ging, war der Trubel noch lauter. — Tie Schiffe brächten Hunderte von Pfingstausslüglern, vom Bahnhof her strömten ganze Scharen, Vereine, lärmende Männer, junge Mädchen in weißen Kleidern. Bon Rüdesheim herüber kamen Kähne mit Singenden, Jubelnden, die ihre Hüte auf dem Niederwald mit .Eichenkränzen geschmückt hatten. —- Unten am Budenplatz hatten sich all die Herrlichkeiten aufgetan, vom Karussell tönte die Musik einer großen Orgel, zuweilen durch Trempeten- geschmetter verstärkt, in den Schießbuden knallte es, und am Glücksrad schrie ein Ausrufer unermüdlich mit heiserer Stimme die Nummern aus. Steuermann Worringer ging am Ufer auf und ab zwischen den Hin- und Herwvgenden. Rastlos suchten seine scharfen Augen. Aber er sah seine Frau mit dem Kind nicht. Es war tvohl noch zu früh. Sie trank noch Kaffee bei ihrer Mutter. Ob er einmal hinging? Der Georg Hessemer schlenderte am Karussell umher wie einer, der lauf etwas wartet, etwas sucht. Warum war er nicht mit den jungen Mädchen, die da zu zweien und zu dreien aneinander gedrängt, geputzt und vergnügt im Trubel mittrieben, immer zwei, drei junge Männer neben sich? Was hatte er zu warten, zu suchen? Er spürte wieder, wie ihm die Zunge trocken im Munde wurde, und s ah die rote Flamme vor den Augen. Und dann hörte er das grelle, laute Bimmeln der Schiffsglocke, all den Lärm übertönend, und sah ganz oben bei Rüdesheim das große, gelbe Schiff, das sich von 'der Landebrücke ablöste und auf Bingen zu hielt. Er mußte eilen, um an Bord zu kommen. — Uni da, da kam seine Frau oben in der engen Straße, das Kind an der Hand. Ihre hellblaue Bluse leuchtete.. Er konnte diese farbige» Fetzen nicht leiden, sie waren ihm auf den Tod zuwider. Sie 486 feilte schwarze ober dunkle, solide Kleider, tragen wie andere ehrbare Frauen, sich nicht aufputzen, nicht mit allerhand Kram behangen. Und jetzt hatte der Georg Hessemer ihn auch gesehen. — Freilich, er tat nicht so — er steckte die Hande in die Taschen und schlenderte weiter. Aber Worringer hatte den einen Blick wohl gesehen, den der andere die Straße hinauswarf- Fort, nur fort jetzt! Was nützte e3 ihm, wenn er wartete oder ihr entgegenging —, sie nach Hans schickte. Er mußte ja weg!, das Schiff kam trauschend näher, schon drängten sich die Menschen an der Brücke zusammen . . . Und wenn er den Hessemer stellte, der lachte ihn aus. Noch einmal die Fahrt den Rhein hinunter mit all den Hunderten von lustigen, singenden, trinkenden Menschen. Noch einmal das Warten in Caub in dem stillen Gärtchen und dann auf- den einsamen Bahnhof. Tann eine rasche Eisenbahnfahrt aufwärts, die doch dem Mann wie ein Schneckengang erschien. —■ Und dann die lleberfahrt im überfüllten Nachen nach Bingen unter lauter überfröhlichen Kvmpanen, die den letzten nnd allerletzten Pfingstdurst so reichlich gelöscht hatten, daß sie das Ueber- fahrtsschiff versäumten. — Und zwischen ihnen der Mann rnik der sinnenden, tobenden Wut im tiefsten Herzen. Er kam nun zum drittenmal in den Pfingst- und Kirch- weihtrubel- ■— Freilich, der Budenplatz lag jetzt still und dunkel, aber in den Wirtsgärten mar’S hell und laut. Aber Steuermann Worringer wußte einen stillen Platz, wo er den Durst löschen konnte, der ihn verzehrte. Und es war spät in der Nacht, als er endlich heimging. Vor seinem Haus, das friedlich und dunkel dalag, stand et einen Augenblick still und warf einen langen Blick nach dem Nebenhaus. Auch da war's dunkel. Tie beiden Hauser waren fast unter einem Dach, das eine genau gebaut wie das andere. Zwei Brüder hatten sich t|a ihre Wohnstätte errichtet vor fünfzig Jahren! — Und heute! Steuermann Worringer fühlte, daß seine Zähne zusammenschlugen in der Warmen Mainacht. Er schloß die Tür ans. Ein kleines Lämpchen leuchtete matt. Die Tür zur Schlafkammer stand offen. Ach, sie war wieder oben in der Giebelstube mit dem Kind. — Das tat sie jedesmal, wenn er länger ausblieb, seit sie einmal vor ihm geflüchtet war, als er spät aus dem Wirts!- haus heimkam. — Die Türklinke bog sich fast unter seiner zufassenden Faust. — Mit einem schweren Fluch ging er in die Kammer. 4. Auch der Pfingstmontag war blau und sonnig. Und wieder flatterten die Wimpel, brauste der grüne Rhein unter den Schaufelrädern der Schiffe, schmetterte Musik und jauchzten frohe Menschen. — Tie laute Lust schäumte fast über. Greta Worringer stand in ihrer Kammer und putzte sich. Einen ganzen langen Tag hatte sie heute frei, War sie ledig aller Sorgen. Sie dachte nicht viel weiter. Einen Tag wie den andern immer unter dem Druck und Zwang zu sein, da hatte sie sich gewöhnt, jedes Fünkelchen Freude begierig so lange anznfachen, bis ein winziges Freudenfeuerchen daraus aufslammte- Es erlosch freilich stets gar zu bald, aber in ihrem Herzen war doch immer der Funke, aus dem man es leicht wieder anblaseN konnte. Und ohne daß sie sich dessen recht bewußt war, war der Merkstein ihrer guten Stunden doch immer der Georg Hessemer. Es ging ihr wie ihm ; der Wille ihrer Mutter hatte sie auseinandergerissen, und sie Igatten sich darein gefunden- Es War doch nun einmal so. Gar viele ihrer Genossinnen konnten den „Schatz" nicht heiraten, mit dem sie sich in Jugendlust und Jugendliebe verbunden hatten- Dann mußte man sich eben mit dem anderen einrichten, so gut es ging- Greta seufzte, während. sie ihr langes, kohlschwarzes Haar kräuselte- Wenn ihr Mann nur ein bißchen anders gewesen wäre; ihr ein wenig Spaß und harmlose Lebensfreude gegönnt hätte; nun hatte er auch die Verbindungsmauer zwischen den beiden Häusern erhöht, das brachte sie um manche lustige Stunde, die sie da mit Georg Hessemer verschwatzt und vertändelt hatte- Gut nur, daß er heute den ganzen Tag weg War, da sah er nicht, daß sie die Weiße Mullbluse anhatte, die -er nicht leiden mochte- Er hatte sie ihr schon einmal abgerissen, daß es einen argen Winkel bin ein gab; aber sie hatte ihn schön geflickt, man sah es gar nicht mehr- Und all die Herrlichkeiten an den Buden konnte sie nach Herzenslust genießen, und tanzen — tanzen auch, soviel sie mochte- — Ob der Georg schon Weg War? — Sie schob ein Wenig das kleine Gardinchen znr Seite und lugte hinaus- Vor seiner Tür stand eine Bank und ein Tisch — eine Zeitung lag darauf- — Er war noch zu Hans, die alte Vase, die ihm die Wirtschaft führte, kehrte emsig die Straße- —• Der Georg, Wenn sie den nicht hätte! — Jintner, Wenn sie an den Rhein hinunterging. War er da, lustig und voller Schnacken und Schnurren; immer hatten ihre Gedanken etwas, um das sie sich drehten- Wie würde das nur sein, wenn er einmal heiratete? Sie spurte, wie ihr Herz sich zusammenzog.; Aber sie schlug das gleich wieder in den Wind- — Ach was, betraten! Da War keine, die gut genug für ihn War, keine, die er mochte- Er sagte das auch oft: „Ja, wann ich eine fand wie du, Greta!" — Sie zog die hellblaue Unterbluse an- Wie die ihr schön stand. Das helle Blau zu ihrer klaren Haut und den großen, braunen Augen- Und nun erstdas Weiß darüber. Wenn sie nur eine schöne Brosche gehabt hätte- Aber da War nur das dicke, schwergoldene Ting, das ihr Mann ihr am Hochzeitstage gegeben, ein Stück, das noch von seiner Mntter flammte- — Das war so recht seine Art- — Nur ja nichts Hübsches, Feines, Neues. — Plump nnd schwer, wie die schwarzen und braunen Kleider, die er ihr schenkte, und die er am liebsten auch noch so gemacht gesehen hätte wie zu seiner Mntter Zeiten- Gut, daß sie sich das schwarze Kleid hatte umändern lassen- Er hatte es noch nicht gesehen- Sie zog den Rock über. Wie schlank sie in dem faltenlosen, modernen Schnitt war- — Wie ein Mädchen- — Nun noch der Gürtel mit der neuen Schnalle —- sie drehte sich vor dem Spiegel um und um- — Gott, sie War ja auch erst dreiundzwanzig- Ta waren andere noch unverheiratet- Sonderbar, daß ihr Mann ihr heute nichts verboten, nicht gescholten hatte- — Er hatte nur ein paar Worte hingeworfen, daß er den ganzen Tag fort sein Würbe- Und sie War so voller Jubel darüber gewesen, daß sie gar nicht weiter auf ihn geachtet hatte- — Mochte er doch! Er War am besten aufgehoben auf seinem Schiff- Er War ja wohl zornig, daß sie sich gestern abend auf der Giebelstube eingesperrt hatte- Aber da war er selbst schuld- Seit sie sich damals das einemal vor ihn: gefürchtet hatte, tat sie das jedesmal, wenn er später heimkam- Schon des Kindes halber, das von seinem Poltern wach wurde, nnd dann auch Wegen sich selbst- Sie wollte ihre Ruhe haben. — Sie lachte leichtherzig. .Ter tapsige Bär der, sie strafte ihn für alle seine Rücken- (Fortsetzung folgt.) Zur Aördernng des geistige» Lxösus auf dem cLaudk. Nachdruck verboten. Tie Klagen nnferer Bauern über Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften werden von Jahr zu Jahr lauter. Tie Landwirtschaft empfindet es immer mehr am eigenen Leibe, wohin es führt, wenn sie den abwandernden Nachwuchs ihrer Arbeitskräfte durch unzuverlässige ausländische Wanderarbeiter ersetzen muß, die nicht mit der Scholle verwachsen sind, sondern iin Spätherbst mit ihrem Verdienste wieder in ihre Heimat zurückkehren. Was nützen dem Landwirt gute Ernten und hohe Preise, wenn die Arbeitskräfte fehlen? Dieser Mangel wird immer empfindlicher, wenn nicht Mittel und Wege geschaffen werden, die Landflucht cinzudämmen. Tie schweren Schäden, welche dieser Zustand mit sich bringt, liegen offen zutage. Es sei darum Ausgabe, wieder einmal der Ursachen der Landflucht zu gedenken. Woran liegt es wohl, daß der sonst fleißige und brauchbare Knecht bei der Herrschaft auf einmal nicht mehr aushalten tollt, sein Bündel schnürt und auswärts einen anderen Arbeitsverdienst sucht? Arbeit hatte er nicht zu viel, über die Verköstigung nicht zu klagen, mit dem Lohn war er auch zufrieden, aber Eins fehlt ihm im fremden Hause — sein Heim. Er fühlt sich auch nach jahrelangen Diensten fremd im Hause, denn ihm fehlt ein Plätzchen, wo er sich nach getaner Arbeit behaglich ausruhen kann. In der Wohnstube darf er nur während der Mahlzeit weilen, sein Aufenthalt ist der Hof, die Scheune, der Stall. Im Sommer ginge das, nicht so iin Winter. Er hat wohl eine Bodenkammer, die anßer dem Bett wohl noch einen Stuhl und Kasten, aber selten einen Tisch enthält, nie einen Ofen. Wo soll er aber die langen Winterabende oder gar den Sonntag verbringen? Er kann und will nicht frieren, der Drang nach Geselligkeit und Unterhaltung ist auch in ihm vorhanden. Er geht ins Wirtshaus und immer wieder ins Wirtshaus. Hier gibt es Unterhaltung und Gesellschaft, aber das alles kostet Geld und zudem wird gar zu leicht durch den fortgesetzten Wirtshausbesuch, aus ihm ein Gewohnheitstrinker und damit eine minderwertige Arbeitskraft, 487 — Dies mag in vielen Fällen der hauptsächlichste Grund sein, warum so mancher Bursche die heimatliche Scholle verläßt und nach der Stadt oder einem Jndustrieorte übersiedelt. Auch nicht immer des höheren Verdienstes wegen, in gar manchen Fällen ist es auch der Trieb nach Genuß, nach geselligerer Unterhaltung, wie sie die Stadt zu bieten imstande ist. Das Dorfleben erscheint vielen zu inhaltslos, ihnen genügen nicht mehr die einfachen, sich fast stets gleichbleibenden Verhältnisse. Tank unserer mustergültigen Schulorganisation hat der Dorfjunge eine gute Volksschulbildung genossen, liest die Zeitung, obendrein Wohl gar noch ein Unterhaltungsblatt und wünscht sich mehr, als was das Wirtshaus, die Spinnstube und, wenn's hoch kommt, ein Sänger- oder Kriegerfest ihm bieten können. Namentlich macht sich dieser Mangel an gesellschaftlicher Unterhaltung und an geistigem Genuß an den langen Winterabenden so recht fühlbar. Was kann nun bei einigermaßen gutem Willen geschehen, daß es anders werde? Den Dienstboten muß der Aufenthalt im Hause behaglich gestaltet werden. Gönnt man den Dienstboten in der Wohnstube kein warmes Plätzchen, so sollte doch für eine geheizte Bodenkammer gesorgt werden, sodaß sie sich während der Feierstunden mit dein Lesen eines nützlichen Buches beschäftigen können. Tie Dorfgemeinde könnte ferner den Dienstboten einen Raum zur Verfügung stellen, der bis 10 Uhr abends geheizt und beleuchtet wird. Ein langer Tisch, eine Bank, mehrere Stühle und ein Schrank, der eine kleine Bibliothek aufnimmt, genügten zur Ausstattung. Die Aufwendungen dafür würden sich reichlich lohnen. Und toeim sich Pfarrer oder Lehrer die Mühe nicht verdrießen ließen, in diesem Zimmer ab und zu als Vorleser zu erscheinen, dann würde für Herrschaften und Dienstboten der Erfolg nicht ausbleiben. Wenn der altrömische Spruch — Nihil melius, nihil homine libero dignius quam agricultura — zu Deutsch: Nichts Besseres gibt es, nichts was des freien Mannes würdiger wäre, als die Landwirtschaft — wieder Kurs gewinnen soll, dann muß zur Förderung des geistigen Lebens auf dem Lande auch mehr getan werden, als seither geschehen ist. Dem Landbewohner muß sein Leben reicher ausgestattet und voller gestaltet werden. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", sagt schon die Bibel. Es ist nicht genug, daß die Landleute, ob Bauern oder Taglöhner, sich ausreichend ernähren oder kleiden; auch für ihren Geist, ihr Gemüt, ihren Schönheitssinn muß etwas getan werden. Vielfach liegen diese Gaben, die in gar manchem Bauer vorhanden sind, brach Niemand entwickelt, befruchtet sie recht. Mit dem Hinweis aus die Versuchungen, die das Stadtleben mit sich bringt, mit der Versicherung, daß die Arbeit in der Stadt wohl höheren Lohn bringt, das Leben aber auch um so viel teurer ist — mit solchen Beteuerungen ist die Landflucht nicht einzudämmen. Es gilt, dem Landleben mehr Inhalt zu geben. Nur dies will uns als der rechte Weg erscheinen, der betreten werden muß. In jeder Gemeinde kann ohne große Aufwendung von Geldmitteln ein V e r e i n zur Förderung des geistigen Lebens gegründet werden. Am besten wird er an die bereits bestehenden Vereine angegliedert in der Weise, daß die Vorsitzenden der vorhandenen Vereine den Gefamtvorstand des Bildungsvereins ausmachen. Wo nur ein oder zwei Vereine bestehen/ da treten dem Vorstände Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Landwirte, Gewerbetreibende und Arbeiter bei. Wirtssaal, Rathaus, Schulsaal sind überall vorhanden. Was soll nun dort getrieben werden? An einem Abend in der Woche — es kann auch der Sonntagabend sein — versammeln sich die Gemeindeglieder — Frauen nicht ausgeschlossen — in dem Saale. Zunächst kommt ein Vortrag, fürs erste etwa über die Geschichte des Heimatortes. Wo sich keine Ortschronik vorfindet, kann das geeignete Material ans den vorhandenen Pfarr- und Gemeindeakten zusammengetragen werden. Eine solche Ortsgeschichte bietet des Lehrreichen so viel, daß eine daran sich schließende Diskussion mehrere Abende ausfüllen kann. Um die Zuhörer in ihrer Aufmerksamkeit nicht zu ermüden, ist es ratsam, den Vortrag in etwa drei Teile zu gliedern und dazwischen Liedervorträge oder Deklamationen von Gedichten über Heimat und Vaterland einzuschalten. Wenn gar noch eine Episode aus dem Vortragsstoff durch ein lebendes Bild dargestellt wird, dann wird die ganze Veranstaltung alle Zuhörer vollauf befriedigen. Sonst könnten Vorträge gehalten werden über die zunächst liegenden Fragen des wirtschaftlichen Lebens, über Begebenheiten der Zeit, über bedeutende Persönlichkeiten^ über staatliche Verhältnisse des In- und Auslandes, über neue Entdeckungen und Erfindungen, über Gesundheitslehre, die beste Lebens- und Nährweise, Krankenpflege, Wohlfahrtseinrichtungen, Volkskunde, Kindererziehung rc. Sie müssen dem Fassungsvermögen der Zuhörer angepaßt werden, und jeder muß davon etwas mit nach Hause nehmen können. Wer es nicht versteht, in einfacher, verständlicher Form zu reden, der ist für solche Vorträge nicht der geeignete Mann. Um für solche Abendunterhaltungen die geeigneten Redner zur Verfügung zu haben, hat der „Rhein-Main-Ver- band für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen" in feinen alljährlich erscheinenden Jahrbüchern die für solche Zwecke sich bereit erklärenden Damen und Herren namhaft gemacht. Eine weitere Unterhaltung bilden Vorlesungen aus den mundartlichen Dichtungen und Schriften unserer besten Volksschriftsteller, wie Reuter, Rosegger, Holzamer, Bock, Volk, Schäfer, Schaffnit rc. Daneben kann schlichte weltliche und Kirchenmusik auf» geführt werden, womöglich mit einheimischen Kräften — Gesangverein, Kirchenchor, Posaunenchor. Auch ein Dorfpoet dürfte an manchen Orten zu finden sein, der von Vergangenheit und Gegenwart, von Ernstem und Heiterem zu singen und zu sagen weiß mtb so das Herz der Zuhörer mit Heunat- stolz erfüllt. Ist dieser Stolz erwacht, dann ist auch dre Hingabe zur Heimat erwacht. c ' Mit solchem frischen, fröhlichen Geistes- und Gemntv- leben drängen wir die schlechten Einflüsse zurück, die sich in unserer Zeit breit machen. Es sind dies die verderblichen Einwirkungen schlechter. Schriften, schlechter Musik und schlechter Geselligkeit. Eine sorglich ausgewählte Bibftothca. muß zu jedermauns Verfügung stehen. Tas Volk werd wieder singen und dichten, neue Weisen erfinden, unb jene Schundmusik wird verschwinden, die den guten Volksgesang zum Verstummen bringt. Wenn einmal auf dem Torfe mit diesen Bildnngsbestre- bunaen der Anfang gemacht ist, dann werden sich auch lercht Männer finden, die in die Fußtapfen der Gründer treten und das begonnene Werk weiter ausbauen. Der Lohn für die Hingabe an eine so wichtige Aufgabe ist zwar nicht klin- qcnbe Münze, wohl aber das Bewußtsein der Erfüllung einer hohen Pflicht gegen Heimat und Vaterland. Mit einer solchen Ausstattung des einsamen Landlebens dürfte auch die Landflucht eingeschränkt werden. '£>• * Das Einzelleben des Fischkopfes. Die Fische stehen am Anfang der Tierklasse, die dem Menschen am nächsten steht, und daher haben die Naturforscher erwartet, aus dem Studium der Fische wegen ihres vergleichsweise einfachen Körperbaues manche Aufklärung zum Verständnis auch des menschlichen Körpers zu erhalten. Insbesondere sind die Verhältnisse des Säftekreismujes bei den Fischen für solche Untersuchungen geeignet, und da die Gelehrten vor Tierversuchen nicht zurückschrecken,, so haben sie auch manchen Fisch aus dem Altar der Wiften- schaft in einer Weise geopfert, die grausam erscheinen würde, wenn sie nicht einem höheren Zweck diente. Beispielsweise ist versucht worden, in einem vom übrigen Körper losgelösten Fischkopf das Leben durch eine Art von künstlichem Blutkreislauf zu erhalten, wie er durch Anwen- dung der sog. Locke'scheu Flüssigkeit, die außer den mineralischen Blutbestandteilen aus etwas Traubenzucker besteht, ' bewirkt werden kann. In der Tat ist es nach den Internationalen Archiven für Physiologie gelungen, ourch diesen Kunstgriff die Nerventätigkeit in einem abgejcynit- tenen Fischkopf nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sogar wieder herzustellen, nachdem sie bereits erlojchen aewesen war oder, mit anderen Worten, nachoem der Kopf sein Leben scheinbar bereits eiugebüßt hatte. Vabei ist die Beobachiuiig wichtig, daß die verschiedenen Teile des Gehirns erhebliche Ungleichheiten in ihrer Lebenszähigkeit und in der Möglichkeit, durch künstliche Blut- zufuhr zu einer Tätigkeit wieder erweckt zu werden, aufweisen. Tie Nervenzentren in der Hirnrinde beider Halbkugeln des Gehirns verlieren diese Fähigkeit weit schneller als die des Gehirnmarks, too das Zentrum für die Atmung und den Herzschlag sitzt. Tie verschiedenen Ordnungen der Fische verhalten sich auch verschieden mit Bezug auf die Lebensfähigkeit der einzelnen Gehirnteile. Wenn die in den Fischkopf eingeführte Flüssigkeit mit Kohlensäure angefüllt war, so stellt sich ziemlich schnell Atemnot ein, woraus hervorgeht, daß das Atmungszentrum dadurch unmittelbar betroffen tvird. * Eine traurige Nachricht für Raucher! Unter dieser Apihmarke wird ans Newhork berichtet: Im Februar d. I. traten ungefähr 20 000 Arbeiter der Zigarrenfabriken in Havanna in den Ausstand. Der Ausstand war bis vor kurzem in vollen: Gange, aber auch jetzt sind die Differenzen zwischen Arbeitern lind Fabrikanten noch nicht endgültig beigelegt. Infolge des langen Ausstandes lnachte sich nun ein Mangel an Havanna-Zigarren bemerkbar. Nur wenige der Fabriken haben ihren Betrieb während des Ausstandes ausiecht erhalten können. Dazu kommt, daß die neueste Ernte von Vuelta Abajo-Tabak, aus welchem die reinen Havanna-Zigarren bestehen, eine sehr geringe ist. Ein erheblicher Preisauffchlag für „echte Havannas" scheint nun unvermeidlich zu sein. Auch in Newhork macht sich der Mangel Aden ar ins, dem Ehrendoktor der Gießener philosophischen Fakultät, herausgpgebenen „Rundschau über Dichtung, Theater, Musik, bildende und angewandte Künste", deren Bildungswert gar nicht genug gewürdigt werden kann, eröffnet ein Aufsatz von Oskar Schwindrazheim „Wie einer die Schönheit der Kleinstadt fand". Es will uns scheinen, daß sich,der Unterschied zwischen dem stilvollen Repräsentationsbau mit seinen verderblichen Folgen für unser deutsches Empfinden und der erst so spät entdeckten heimischen Schöne mit ihrer eigenen Formensprache und ihren besonderen Proportionen kaum mit zutreffenderen Worten geben läßt, als es hier geschieht. — Joseph Heß äußert sich über „Neukatholische Belletristik und konfessionelle Kunst" und dann folgt eine Abhandlung Albert Schweitzers über „Bachs Symbolismus". Die „Losen Blätter" bringen einen Aufsatz von Max Ettlinger über Heinrich Hansjakobs Schriften und ausgewählte Stücke aus diesen. Die Rundschau enthält Artikel über „Wilhelm Raabe — und wer ihn versteht"; in der Theater- Rubrik plaudert Adolf Winds' über „Schauspielerische Individualität", die Abteilung Musik enthält Auffätze über das Jahrbuch der Musikbibliothek Peters für 1906 und die „künstlerische Auslese in der Musik" von Georg Göhler. Berichte über „das neue Wiesbadener Kurhaus" und „das deutsche Kunstgewcrbe 1906 Wien die Spalten, welche der bildenden und angewandteU Kunst gewidmet sind. Die diesmal beigefügten Bilder sind: „Mondnacht in den Dünen" von Hubert Ritzcnhofen, eist farbiges „Küstenbild" von Oskar Frenzel. Felix Krause zeigt uns em Stück der Meeresküste an der Ostsee. „Wie man anbaut leider — läßt uns ein Bild „zur ästhetischen Kultur" sehen. Dre Notenbeilage ist ein Klavierstück in freier kanonischer Welse von Julius Otto Grimin. BL r t «n • ti — Eine internationale Nummer ist das Heft 5 der „Meister der Farbe" (Verlag von E. A. Seemann, Leipzig, xahrlich 12 Hefte zu je 2 Mk.), jener bekannten Sammlung farbiger Reproduktionen nach Originalen erster zeitgenössischer ^ Künstler. Dennoch liegt die Ruhe behaglicher Beschaulichkeit uoer beit sechs in wnndervollem Dreifarbendruck ausgesührten Blattern. Der Italiener Ciardi zeigt uns in Venedigs ehrwürdiger Lagune eine Barke, die im Gewässer still zu stehen scheint. Der Spanier Gallegos führt uns in einen vor Pracht strotzenden Blumengarten, wie er nur in Spanien möglich ist. Meissonrers Pferdestudie, die nun folgt, ist von einer unübertrefflichen Natur- treue. Die Schöpfer der drei letzten Bilder sind amerikanischer Herkunft, aber von europäischer Schulung. James I. Shannon gibt ein Bildnis einer Dame, deren Anmut durch allerlei kolorsit. Zutaten [eminent reizvoll gestaltet ist. Walter Gay ist Meister in der Wiedergabe seltsam stilisierter Jnnenräume und fuhrt uns hier Delfter Porzellan vor, dessen feine Verzierungen zu leben scheinen. Auch F. C. Frieseke mit seinem „Morgenfrühstuck geht auf malerische Wirkung aus. Zu dem künstlerischen Genüße/ den diese Bilder bieten, gesellt sich noch die köstliche Unterhaltung, die die literarische Beilage des Heftes gewährt. Siebringt interessante Künsllerbriefe (Spitzweg an Pecht usw.), sowie eine Reihe von Kunstnotizen, die für das kunstffeundliche Publikum von hohem Interesse sind. Das 6. Heft der „Meister der Farbe , den Worps Webern gewidmet Overbeck, Am Ende, Modersohn, Vogeler, Mackensen sind mit ihren eigenartigen Billdern Zertreten/ deren Betrachtung immer eine geheime Freude an diesen chre Bodenständigkeit so kräftig betonenden Künstlern hinterläßt.