Mittwoch den 18. Aezemver 1907 0 m Z I ju n h' 07 ™eM4- -i Are reckte Kand. Eine Weihnachtsgeschichte von Reinhold 0 r t tu (tun. (Nachdruck verboten.) lFortsetzung.) „Wer da ist doch nichts zu verbergen," sagte er. „Das Mädchen ist seit langem heimlich verlobt mit dem Gutsver- wclter von Neuensee. Und da ich öfter mit ihm zusammcn- fonntte, gibt sie mir gelegentlich eine Bvtschast für ihm Das ist alles, und du wirst doch nicht etwa geglaubt haben — —" Die plötzliche Röte seiner Wangen bewies, wie nahe ihm ihre Vermutung gegangen war. Und darum erwiderte sie herzlich: „Ich für meine Person hätte gewiß nichts Tadelnswertes darin gesehen. Es ist ein so hübsches und liebenswürdiges Mädchen." „Und wenn sie die Krone aller Schönheit wäre —!" rief er fast leidenschaftlich erregt. „Tu solltest es doch wahrhaftig am besten wissen, Erika, daß es für mich ans der ganzen Welt nur eine Einzige gibt, die mir mehr sein könnte als--" „Tu hast es also noch imtnev nicht verwunden? Und ich glaubte, daß alles anders geworden sei, seitdem ich dir gesagt habe, datz ich niemals mehr als die herzlichste und innigste schwesterliche Liebe für dich würde empfinden kötmen." „Wie hätte cs dadurch für mich anders werden sollen, Erika? — Ich habe dir damals versprochen, dich nie mehr mit meinen Bitten zu belästigen. Und ich denke, daß ich mein Wort gehaltcit habe. Mehr aber darfst du nicht von mir fordert!." Sie blieb ihm die Antwort schuldig. Und als sie sich jetzt wieder an dein Christbaum zu schaffen machte, geschah cs wohl nur, weil sie ihm- den Anblick ihres Gesichts entziehen wollte. Er wartete noch eine kleine Weile, datin ging er wortlos zur Tür. Schon hatte er die Hand auf den Drücker gelegt, als er sich von einer leisen, zaghaften Stimme bei seinem Namen gerufen hörte. Schnell war er wieder bis in die Mitte des Zimmers zurückgekehrt. „Wolltest du mir noch etwas sagen, Erika?" Ihr Köpfchen war noch immer von ihm abgewendet, als sie stockend und kaum vernehmlich erwiderte: „Wenn du dich mit deut begnügen könntest, was ich dir zu geben vermag — und wenn du mir versprechen wolltest, datz ich zu Lebzeiten deiner Mutter niemals genötigt sein soll, Greifenhagen zu verlassen--" Ueber sein schmales Gesicht ging cs wie eitel Verklärung, aber noch schien er nicht au die Wirklichkeit dessen glauben zu könnetr, was er da vernahm. „Ist das dein Ernst, Erika? — Du wolltest —" Sie aber nahm all ihren Mut zusammen. „Ja — ich will deine Frau werden, wenn btt mir niemals einen Vorwurf daraus machen willst, datz ich — datz ich ohne die wahre Liebe--" Mit zwei ungestümen Schritten war er an ihrer Seite, und wenn er cS auch nicht ivagte, sie stürmisch ztt ttmfangett, so ergriff er doch ihre beiden Hände, die sie ihm- ohne Widerstand überlief. „Nein — nie — nie werde ich das tun! — Und mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als eilt einziges großes Dankopfer für das Gnadeiigeschenk, das du mir da gemacht hast. Aber ist es denn auch wahr? — Du willst mir angehören? — Ich soll dich von dieser Stunde an als mein Eigentum betrachten, als meine geliebte, augebctete Braut?" Sie nickte mit glühendent Gesicht, mib für einen Moment sank ihr Köpfchen an seine Schulter. Aber als er einen schüchternen Versuch machte, sie zu küssen, hatte sie sich ihnr gleich wieder sanft entzogen. „Ich mochte nicht, daß du der Tante heute schon eine Mitteilung davon machst", sagte sie, obwohl ich ja weiß, datz sie einverstanden sein würde." „O, es ist der Lieblingswunsch ihres Herzens. Aber es soll alles geschehen, wie du es haben willst, Liebling! — Niemand soll etwas von unserem Geheimnis erfahren, die Mutter so wenig wie Egon." „O, was Egon betrifft, so will ich dir keine Verpflichtung auserlegen, zu schweigen. ■— Ja, ich möchte dich sogar bitten, ihm auf der Herfahrt eine Andeutung zu machen. Es — es wird so vielleicht am besten sein für uns alle." Sie hörten draußen wieder das Geräusch des von einer festen Hand aufgestvtzenen Stockes, und Erika drängte ihren Vetter, zu gehen, ehe die Amtsrätin einträte. So sand er nicht mehr Zeit, eine Frage an sie zu richten oder auf ihre letzten Worte zu antworten. Als sich die Tür hinter ihnr geschlossen hatte, legte das junge Mädchen beide Hände vor das Gesicht. „Wenn ich ein Unrecht getan habe, so möge Gott mirs verzeihen", ging cS durch ihre Seele. „Er allein tvcitz, datz ich nicht anders konnte". * Tie fahle Sonne des Wintertages neigte sich schon ihrem Untergange zu, als der Hamburger Schnellzug in den Bahnhof der kleinen Station einfuhr. Suchend glitt Walter Harringhaus' Blick an der langen Wagenreihe dach,.. Und er könnte den Erwarteten nicht wohl übersehen, denn die hohe Gestalt im grauen Kaisermantcl, die da mit etwas schwerfälligen und müden Bewegungen einem Abteil entstieg, ragte fast um Haupteslänge über menschliche Durchschnittsgröße hinaus. Ein energisches junges Gesicht wurde unter dem weichen Filzhut sichtbar, aber cs war fast erschreckend hager, und die lebhaften dunklen Angen lagen tief in den bläulich umschatteten Höhlen. Walter war heftig erschrocken Liber das veränderte Aussehen des Bruders, der sich in blühendster Mannesschönhcit auf Greifenhagen verabschiedet hatte, ehe er bei seinem Ucbertritt zur Schutztruppe die Ausreise nach Südwestafrika angetretetr, aber er bemühte sich mannhaft, seine Bewegung zu verbergen, als er auf den Hcimgekehrten zutrat, um ihn mit brüderlicher- .Herzlichkeit zu begrüßen. Er hatte den vor ihm Stehenden umarmen wollen, der aber kam ihm zuvor, indem er ihin unter dem weiten Mantelkragen hervor die linke Hand entgegenstreckte. „Da hätten wir uns also wieder, mein Junge!" sagte er 746 mit etwas forciert klingenbec Heiterkeit. „ES war doch hiibsch von den Hereros, dasz sie mich nicht ganz und gar abgcschlachtet haben — gelt? — Wenn ich in den letzten Wochen manchmal anderer Meinung gewesen bin, so habe ich die Versündigung doch bereut, feitbem ich vom Wagensenster aus die heimatlichen Aecker wiedergesehen habe. Und im Weihnachtsschnee obendrein! Es wäre doch schade geivesen, wenn ich den Christstollen der Mutter nicht wenigstens noch ein einziges Mal hätte kosten talrfen. — Ah, da ist ja auch Seyfsert! — Grüß Gott Alter! — Hier ist der Gepäckschein. — Bis Sie meinen Kvffer auf dem Schlitten verstaut haben, werde ich mir mit meinem Brüder noch ein bissel die Füsse vertreten." Tas alles war hastig und überstürzt herausgekommen, wie lvenn er durch be»t Schwall seiner Rede allen au ihn gerichteten Fragen znvorkommen wollte. Auch deik Gepäckschein hatte er den» Kutscher mit der linken Hand überreicht, und er hielt sich geslissentlich an der rechten Seite des Bruders, als sie nun auf dem hinter dem Bahnhofsgebäude entlang führenden Wege Über den kriisternden Schnee hinschritten. „Wie siehts aus auf Greifenhagen?" fragte er. „Alles dein» Alten? — Hast du der Mutter von meiner Heimkehr gesprochen?" „Nein, Erika uceinte, baß es besser sein tviirde, sie mit deinen» Erscheinen zu überraschen." „So? — Meinte sie das? ■— Ihr also hast du meinen Brief gezeigt?" „War das gegen deinen Wunsch, Egoil?" „O nein — es ist ja jetzt alles ganz gleichgültig. Aber das mit der Ueberraschung--steh, mein Junge, ich kehre eigentlich sozusagen nur zur Hälfte nach Greifcnbagcn zurück. Dinen wesentlichen Teil meiner Person habe ich drüben in Afrika Hurücklassen müssen." Er lüftete mit einer schnellen Bewegung den tief herab- sallenden Kragen seines Mantels. Und mit einem unwillkürlichen .Aufschrei des Schreckens erhob Walter die Hände. Der rechte Bermel des bürgerlicher» Rockes, der» sein Bruder trug, hing schlaff und leer herab. „Egon — barmherziger Gott! — Dein Arm--“ „Mutzte mir drüben amputiert werden, als die Schutzwunde in» Ellbogengelenk ansing brandig zu werden. — Es geschah guf meinen ausdrückliche» Wunsch, datz der Mutter nichts davon geschrieben ivurde. Ich dachte, sie erftihre es noch immer früh genug, datz ihr Aeltestec nur noch ein elender, hilfloser Krüppel ist." Ter andere tvar kreidebleich geworden, und an seinen Wiinpern Hingen schwere Tränen. Ec wollte sprechen, aber cs war ein vergebliches Würgen, denn die Worte blieben ihm wie fremde Gegenstände in der Kehle stecken. Mit einem kleinen, bitteren Lächeln legte ihn» Egon die einzige Hand auf die Schulter. „Nimm dirs nicht so zu Herzen, mein Junge! — Ich habe ja arlch zuerst an den Revolver gedacht, als ich aus der Narkose »erwachte und nur noch den arnlseligen Stumpf an der Schulter Hatte. Jetzt aber habe ich mich sclwn so ziemlich damit abge- lunden. — Schließlich kommt es doch für die Zufriebeirheit nur darauf an, was man vom Leben verlangt, sind ich verlange gar nichts mehr als eine« Winkel, in den ich mich verkriechen kann, ohne allzusehr vom Mitleid der lieben Nebenmenschen belästigt zu werden. — Hier aus Greifenhagen kcmus ja »licht sein, aber ich hosse, irgendwo wird er sich schon firÄen." Ter Kutscher kam mit der Meldung, datz der Koffer des Herrn Oberleutnants aufgeladen sei, und sie gingen zum Schlitten. Als Walter sich fürsorglich bemühte, dem Bruder die Pelzdecke Über die Knie zu breiten, lachte Egon bitter auf. „Siehst du, mein Junge — das ists, rvvvor ich mich fürchte, Nikd was mir die Sache zuweilen »wch so schlver macht. Ties verdammte Mitleid! An alles könllte ich mich zuletzt gewöhnen: an Haß, Verachtung, ja, vielleicht sogar an verschmähte Liebe — nur nicht an dies Mitleid, das mir auf den Gesichtern mch in den Handlungen der Leute entgegentritt, auch wenn sie taktvoll genug find, es nicht in Worte zu fassen." lCchlutz solgr.) Von der Werf,kroße. Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter". lNachdruck verboten.) Der Arzt hatte die Untersuchung beendet. „Es fehlt Ihnen nichts, Sie sind abgearbeitet, abgeärgert, nervös. Nehmen Sie Urlaub." »Ja, aber wohin? Schweiz, Seebad, Nordkap?" „Nichts von dem ---" „Doch feilt Sanatorium?" „Bewahre, dazu sind Sie doch nicht herunter genug. Gehen Sie in die Bergstraße. Irgend wo hin zwischen- Heidelberg und Darmstadt, es ist dort überall schön." „Was, so nah? Noch in Hessen?" „Tun Sie, was ich Ihnen rate. Sie gehen fleißig spazieren, lasse»» den Alkohol weg, Durst ist Einbildung, und reiben sich zweimal täglich kalt ab. Gott befohlen." Mein Doktor setzte seinen mächtigen Panamahut auf, stieg in seinen Wagen, die Rappen zöge,» an und in; kurzem wehte sein langer schwarzer Bart um die Ecke. Und sonnt wohne ich seit vier Wochen in Auerbach, habe mich zum vollendeten Faulenzer und Vielfraß ausgebildet, ich, der ich wochenlang kein Essen sehe», konnte; und unser guter Doktor hat wieder mal Recht gehabt. Laut Verkündigung der an rotweißem Pfahle befestigten Ortstafel ist Auerbach ein Dorf. Worüber ich mich wundere. Man müßte sich denn gerade in Nebengäßchen verlieren, in denen man's merkt. Von Bensheim an ist die Hauptstraße besetzt mit einer zusammenhängenden Reihe der prächtigsten Villen, Seitenstraßen zweigen ab, kurz, eine neue Villenstadt ist vorhanden. Die Hanpt- straße ist mit Linden- und zwischen Auerbach und Zwingenberg mit großen Nnßbäurnen besetzt. Elektrische Beleuchtung und Wasserleitung haben die Villen dieser Pfarr- dorsbauern, die das Problem, gesund zu wohnen, so ziemlich gelöst haben. Fragt matt sich, warum nun gerade hier ein Zu- fammendrängen dieser reizenden Wohnstätten zustande kom, abgesehen von anderen Villenorten der Bergstraße, so löst sich diese Frage durch eine» kurzen Spaziergang, aus welchem Sie mich begleiten. Wir überschreiten in Bensheim das Eisenbahngleise und wenden uns westlich, nach Lorsch zu. Wir passieren die letzten Häuser von Bensheim und gehen ans guter Straße ir der Ebene noch einen Kilometer weiter. Nun drehen Ete sich einmal rum. Eine anmutige und eigenartige Aussicht zeigt sich. Die Ebene wird uns gerade gegenüber durch ehren mächtigen Halbkreis ansehnlicher Berge abgeschlossen, die sich fast unvermittelt steil erheben, wie eine riesige Mauer. Nach Norden steht das stumpfkegelige Massiv des Melibokus mit seinem putzigen Türmchen, neben ihm, wie ein guter Kamerad, Schulter an Schulter, der Auerbacher Schloßberg, gekrönt Voir prächtiger Ruine, an diese»» schließt sich der etwas niedrigere Kirchberg an, der ein Tem- pelchen trägt, das von Weitem an das der athenischen Nike erinnert; auf den Kirchberg folgt, nach Heppenheim zu, eine unu»»terbrochene Kette von Berget» und Hügeln. Zwischen diesen vorderen Bergen steht, die Lücken ausfüllend, eine zweite Schlachtordnung. In der Tat eine vollkommen drchte, hohe Mauer als unntittelbarer Abschluß der weiten Ebene. Die Folge dieser günstigen geographischen Lage »st die Fernhaltung der gefährlichen Nord- ntib Ostwinde, teilweise auch der Westwinde von diesem geschlossenen Halbrund. Und so wandelt der Mensch auf windgeschützten und staubfreien Wegen, während hoch über ihm der Roden- steiner aus den Gründen des Odenwaldes daherbraust und mit jeinen johlenden wilden Jägern auf dunklen ungeheuerlichen Wolkenrossen hinunterrast an die Weidennser des Vater Rhein. Und in diesen Halbkreis, der an geschützter Lage den Orten am Fnße der Seealpen von Genua an bis Nizza zu vergleichen ist, liegt, flankiert von Bensheim und Zwingenberg, Auerbach richtig in die Mitte geschmiegt, in dem allerschönsten, allerwärmsten Plätzchen, geschützt von seinen» getreuen Eckhard, dem Schloßberg, der ihm zürnst: „Und seh ich auf der Heide dort Im Sturme dich. . . Mit meinem Mantel vor dem Sturm Beschütz ich dich." In Auerbach, bezw. dem ganzen Villenquartier, be- gegnen wir auf den Hauptstraßen vielen Sommer- frijchlern. Ich fand eine große Anzahl lohnender Ausflüge und fragte mich oft, wenn ich ruhend unter dem Stamme einer Edelkastanie saß oder im schattigen Garten: Bin ich denn wirklich hier in Hessen? Besonders hübsch sind di« Anlagen am Brminenweg bei Bensheim, die i» — 747 — unmerklicher Steigung Bequem auf den Kirchberg führen, wo eine reizvolle Aussicht sich öffnet und eine Luft die Lungen tveitet, daß man nur ungern diesen Platz verläßt. Neberall hat man auf Weg und Steg eine, ich möchte sagen liebenswürdige Natur nm sich. Weinberge, Wälder mit rauschenden Bächen. Unvermutet erhebt sich dort ein mächtiges Schloß, dort im Tal klappern Mühlen, oder man trifft auf hübsche Anlagen. Kein Wunder, daß viele, die erst als Zugvögel kamen, wiederkehrte-i und sich bmiernb niederließen. Und so entstand diese Villenkolonie mit ihrer reizvollen, abwechslungsreichen Architektur. Und wenn ich einen alten Erbonkel hätte, oder in der Lotterie gewönne, dann würde ich mir das kleine Villachen dort "hinten kaufen mit dem bunten Türmchen und ich legte mich in der Veranda auf einen Schaukelstuhl und schmierte mir ein Butterbrot so fett, daß es kein Mensch essen könnte. Dr. K. Uetzer die Psychologie des Geschenks spricht Jos. August Lux in einem Aufsatz der „Neuen Rnnd- jdjan" (Berlin, S. Fischers Verlag). Wir geben ein Stück von dem wieder, was der Verfasser über das Bücherschenken an sagen weiß. Der gute Geschmack drückt sich vor allem in dem Verzicht auf äutzerliche Prätension und in dem Sinn für die Güte aus. Diesen Sinn bedingt das Geschenk, das feiner Natur nach der Pflege des Schönen dient nnb als Symbol oer zarten Aufmerksamkeit unb der liebenden Verehrung das Beste tun möchte mit feinem Verständnis für die leisen Wünsche, die bett Flug hoch über die banalen Alltäglichkeiten nehmen. Darum lieben wir auch die Bücher und schenken sie gern. Neben bett Blumen, diesen unverbindlichsten Spenden verbindlicher Lebensart, stehen die Bücher als d>e gern ergriffenen Gaben, die fast so uukörperhaft erachtet werden wie die Blumen und tute diese nicht zu brädenben Gegenpflichten verbinden. Eie umstehen das Leben unb ziehen die Blicke an wie geheimnisvolle Spiegel, in denen unsere eigenen furchtsamen und zugleich phantastischen Träume sichtbar werdeit, und geben in der Welt ein neues, unerwartetes, erschreckendes oder beglückendes Gesicht. Bon den Büchern darf man mit Recht das Ungewöhnliche erwarten, das Aeußerste in bezug auf die Schönheit des Wortes, «uf die Furchtlosigkeit der Gedanken nnb auf die Kühnheit der Phantasie, die uns ivie eine Meereswoge schaukelnd fort» führen unb an allen lichten unb duukleit Gestaden des Lebens zauberhaft vorübertragetr darf. Das moderne Geschenk tvill den erlesetten Inhalt nicht in schtmdmäßiger Form darbieten. Es will in einem edlen Materialgewand erscheinen und darbt ein erhöhtes Zeichen der Ehrerbietung ober zumindest der Kultur des Schettlers geben. Er sieht nicht nur auf die Schönheit des Papieres nnb des Druckes, sondern, toenn diese Dinge in Ordnung sind, auf die künstlerischen Eigenschaften des Eüt- bandes. Die falschen Bünde, die maschinelle Drahthestuttg, die zersägten Rücken, die Lederimitation, der schreiende, aufgepreßte Deckelzierat und andere Merkmale der gewöhnlichen Marktlvare find verpönt. Der Kunstbuchbinder tritt wieder in bett Border- grund unb Hübet Liebhaber unb Kenner. Ein guter kunft- haudnterklicher Einband kostet zwar ein erhebliches Stück Geld, was nicht zu vermeiden ist, wenn wir einem einzelnen bevorzugten Buch eine hervorragende Ausstattung geben wollen, um damit dauernde Freude zu erwecken. Wie sieht es damit in den modernen Privatbibliotheken aus, selbst in solchen, die nach bett Entwürfen moderner Raumkünstler im Eigenhaus kostbar ausgestattet sind? Ach, bitte lieber nicht genau hinzusehen, wo häufig hinter facettierten Gläsern die zerfetzten Rücken schlecht gebündelter ober broschierter Bücher hervorgucken, verräterisch unb beschämeitb tote ein zerrissenes Hemd unter dem hochmodernen Kulturaustrich. Auch das Geschenk steht im Dienste einer zur Herrschaft drängenden Zeitidee und ist das Unwiderstehlichste, überzeugendste Mittel, Kultur zu verbreiten. Tas Kleinste im richtigen Sinn getan, berechtigt ztt den größten Wirkungen. Ter vornehme Schenker wirb auf die vornehme Toilette des Buches ein erhöhtes Augenmerk richten und damit eine feine Lehre geben. Der vornehme Schenker Miß ganz genau, daß fein Beispiel mit der Kraft des überlegenen Per- gmlicheir wirkt. Denn das ist der geheime Sinn des Schenkens, iß es die Seelen unterwirft unb sie dem Gebenden untertan macht. Es befestigt die geistige Herrschaft nach dem Grad des Geschenkes und feiner inneren Güte. Nach bett augenblicklich geltenden Anschauungen gibt es kein auszeichnenderes Lob, «ls geschmackvoll zn gelten, wahrscheinlich deshalb, weil der gute Geschmack noch zu deut Ungewöhnlichen gehört. Das moderne Geschenk sucht darin bas Aenßerste zu bieten und stellt die höchsten Anforderungen im einzelnen, eine ungewöhnliche Sorgfalt, die nichts ungeprüft läßt. Demi wie das Geschenk Liebe und Anhänglichkeit erzeugen und nähren kann, so kann es auch Haß und Verachtung erwecken. Dieses geschieht in der Regel, wenn der Scheinwert ober die Talinihaftigkeit einer vielversprechenden Gabe erkannt unb die Lüge entschleiert ist. Dagegen wirkt das edle Geschenk unablässig mahnend, bekehrend, revolutionierend, wenn der Beschenkte nicht ganz hoffnungslos ist. Dann wird ihn selbst die bedeutsam überreichte Streichholzbüchse, wenn sie sehr edel in Form und Ausführung ist, nicht eher ruhen lassen, bis er nicht sein äußeres Wesen, seine Wohnung, sein Haus, mit der tadellosen Streichholzbüchse in Uebereinstimmnng gesetzt hat. Vermrscdte». * ® ß § hinterlassene Vermögen des Königs Oskar II. von Schweden. König Oskar II. von Schweden, den man unlängst zur ewigen Ruhe beiseite, ivar keiner der reichsten Monarchen Europas. Seine Zivilliste betrug 1421000 Kronen, zu denen noch ein außerordentlicher Zuschuß vou 160000 Kronen kam. (Eine schwedische Krone entspricht tm deutschen Gelde ungefähr dem Betrage von einer Mark und zwölf Pfennigen.) Der König ntachte es sich stets zum sisruudsatze, dieses Einkommen nicht zu. überschreiten, und in beit ersten Jahren seiner Regierung hat man oft über die Sparsamkeit gesprochen, die er an den Tag legte. Wer allmählich erkannte man, daß diese Sparsamkeit die eines klugen nnb gewissenhaften Haus- Halters war, und mit Geiz nichts gemein hatte. Trotz seiner verhältnismäßig bescheidenen Einnahmen verstand Oskar II. es, vielen Hilfsbedürftigen Wohltaten zu ertoeifen. Im schwedischen Volke erzählt man sich Wunderdinge von den Schätzen, die Karl XIV., der frühere Marschall Bernadotte, des jetzt verstorbenen Königs Großvater, hinterlassen habe, und die in irgend einem verborgenen unb vermauerten Winkel des Stockholmer Schlosses aufgespeichert seien. Die Wahrheit ist, daß Karl XIV. bei seinem Tode feinem Günstling Magnus Brähe in der Tat einige Schmuckstücke anvertraute, die im Schlosse von Stockholm atlsbewahrt werden, jedoch keinen auffälligen Wert dar- stellen. Der erste Bernadotte a.lf dem schwedischen Throne hatte eine leichte Hand im Ausgeben und ließ sich gern, unb nicht immer mit Glück, auf allerhand Spekulationen ein. Er war nicht reich, als er starb, doch befindet sich toi Gewahrsam einer Stockholmer Bank aus seinem Nachlasse immerhin ein Vermögen, das dem Könige Oskar II. jährlich 300 000 Kr. einbrachte. Oskar L, der Sohn Karls XIV. und Baler Oskars II., hinterließ 1859 als persönliches Vermögen nur zwei Millionen, die unter seine vier Söhne verteilt werden mußten. Die Königin Josephine, die Mutter Oskars II., eine Prinzessin von Leuchtenberg, hinterließ 1876 bedeutend mehr, nämlich ungefähr 10 Millionen, bestimmte aber einen großen Teil von ihnen für katholifche Stiftungen, die fie errichtet hatte. Bon der Herzogin von Galliera endlich, die als eine Tochter des Marquis de Brignoles-Sale mit den Bernadotte weitläufig verwandt war, erhielt König Oskar II., als sie 1888 starb, eine Barsumme von 600 000 Fr. und Schmuck in der Höhe vo 300000 Fr. Alles in allem schätzt man die Hinterlassi'u- fchaft des Königs Oskar II. aus zehn Millionen Kronen. Das ist ein sehr hübsches Vermögen für einen Privatmann, für einen König aber bedeutet es nicht besonders viel. * Die zukünftige Fnrstin von Bulgarien al'- Schwester Eleonore. Die Verlobung des Fürsten Ferdto nand von Bulgarien mit bet Prinzessin Eleonore von Reich j. y. erweckt in Lübben, wo sie seit Begründung des Diakonisfeii- hauses für die Niederlausit; als Diakonissin tätig war, freudige Anteilnahme. Die Prinzessin wies jede Titulatur zurück unb wollte nur „Schwester Eleonore" sein. Ueberall, wo sich nur Gelegenheit bot, helfend eiuzugreifen, hat sie es freudig und mit aufopfernder Liede getan, bis vor einer Woche plötzlich ihre Abreife nach Schloß Serrahn in Mecklenburg erfolgte, wo am Freitag vor acht Tagen die Verlobung mit beni Fürsten Ferdinand von Bulgarien vollzogen wurde. * Für die Puppe in den Tod. In der Nähe des Pcagel-Passes, 5000 Fuß hoch, zwischeii den Kantonen Schwyz und Glarus hat sich in einem Dörfchen eine Kiuder- tragüdie zngetragen. Ein kleines Mädchen von zehn Jahren batte feine Puppe verloren, die in einen Abgrund fiel, unb das Kind kletterte hinab, um sie sich zu holen. Der Abhang ist fast senkrecht, und es ist ein wahres Wunder, daß das Kind den gefährlichen Abstieg vollfonunen sicher zu Ende führte. Zurück konnte es aber nicht mehr kommen. 'Dian sand die Kleine, die Puppe im Arm, erfroren auf, nachdem man 24 Stunden vergeblich nach ihr gesucht hatte. 748 Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. N a ch r u s d e u t s ch. In den Dunger'schen „200 Säuen zur Schäriung des Sprach- ßeHUjlö" (Berlin, A. D. Sprachverein) findet man folgendes Muster eines Nachruls, ivic man ihn allzu häufig zu lesen bekommt, und rechts daneben eine Umschreibung in besseres Deutsch: „Tie>ersclnit!ert ü b e r die plötz- liche T o d e s n a eh r i ch t meines getreuen M i t a r b e i t e rs, des Herrn . . . k a n n i ch n i ch t u n t e r l n s s e n , demselben innige Worte des Dankes in die Ewigkeit nachznruien." Tiei erschüttert durch die Nachricht von dem plötzlichen Tode meines getreuen Mitarbeiters, des Herrn . . kühle ich mich gedrängt, dem Heimgegangenen innige Worte des Dankes in die Ewigkeit nachzurufen. Der zweite Fall „meines Mitarbeiters" hängt nicht von dem ganzen Worte Todesnachricht ab, sondern nur von dem ersten Bestandteile der Zusammensetzung. — „Kann ich nicht Unterlasten" ist eine ftci'e, kalte, nichtssagende Redensart. Statt „demselben" müßte es heißen: ihm, i)ieient; der gehobenen Ausdrucksweise entsprechender: dem Heimgegangenen, Verewigten, Abgeschiedenen. Mode. — In schmuckem weihnachtlichen Gewände zeigt sich das zweite rheft der „M ode von heut e", das mit seinem reichen, Fest bezugnehmenden, abgeschlossenen Inhalt, iit denen auü) ucr Jugend gedacht ward, und mit seinem farbigen Kunstblatt wie der Musikbeilage, die ein Weihnachts'lied von Alfred Schattmnnu bringt, zu empfehlen ist. _ Tiefes Weihnachtsheft zeigt, iuie gerechtfertigt das Ansehen ist, dessen sich diese iwch junge Zeitschrift bereits erfreut. Weihnachts-Literatur. — T i r inu und Wert des Lebens. Bon Geheimrat Prof. Dr. Rudolf Eucken. 165 Seiten. Verlag von Quelle und Mehcr in Leipzig. Seit der Mensch augefangen hat über sich nachzndenken, beherrscht ihn das Problem vom Sinn und Wert des Daseins. Ueberblicken wir die Geistesgeschichte der Kulturvölker, welche verschiedene Antlvort wurde auf diese Frage gegeben. Ist überhaupt eine positive Antwort möglich? Tnra,-.- zieht nicht ein klaffender Rist unser Dasein? Einer r iserep größten Philosopheir, Rudolf Eucken in Jena, nimmt hierzu, in diesem Buche in überzeugender Weise Stellung. Sein Buch wird jedem Gebildeten die inneren P■> bleme der Gegenwart nahe bringen und ihn zur Selbstbesinnung anregen. Enckens Untersuchung zerfällt in einen kritischen und einen aiifbauenden Teil. Der erste führt uns in klarer, großzügiger Darstellung in die ältere Denkweise ein, zeigt, welche Stellung die Religion und der immanente Idealismus zu dem Problem vom