1907 — Yr. 171 i\ U 1 Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- lNachdruck verboten.) tFortfetzung.) „Tas sagte ich mir schon selbst. Wie es immer so geht, einem verhängnisvollen Mißgriff folgt sogleich der zweite. Ms ich sah, daß in bem allzu kühn von mir unternonrmenen Vä- Manque-Spiel das Glück sich von mir zu wenden begann und die Amtspflicht mich zwang, meine eigene Spur mit verfolgen zu helfen, da hätte ich — wenigstens Ihnen gegenüber — den Mut zur Wahrheit finden sollen. So aber, wie blind und taub gegen jedewede bessere Einsicht und gänzlich von der wahnsinnigen Angst unterjocht, mein Vergehen möchte an Tageslicht gezogen werden, versteiste ich mich auf die einmal behaupteten Umstände . . . und zum erstenmal wurde ich selbst zum ge== hetzten Wild und hatte Qualen eines sich entdeckt sehenden Uebel- täters durchzumachen. . . und da erwachte ich aus diesem unmännlich verzagten Brüten. Nein, ich will nicht lügen und könnte ich dadurch meine Zukunft auch retten. . . wenigstens Sic und . . . und Fräulein Hermine sollen mich nicht ver- ackten dürfen, müssen Sie auch gleich den Stab über mich brechen. . . und darum beschloß ich. Ihnen die Wahrheit zu bekennen. . . also ja und wieder ja!" rief er in immer leidenschaftlicherer Erregung. „Ich wußte, daß der Tote Gustav Schuhmacher war." „Als ich mit Ihnen vor die Leiche trat, erkannte ich sie auf den ersten Blick. Der Schreck über dieses unvermutete Wiedersehen lähmte mich, mir wurde schwach und ich mußte gewaltsam gegen mich ankümpfen, um nicht hinauszuschreien, was mir das Herz bewegte." „Bon welchem unvermuteten Wiedersehen sprechen Sie?" forschte Hansemann kühl. „Ich denke. Sie wollen ess nicht bei der halben Wahrheit bewenden lassen?" „Das will ich auch nicht. Sie sollen alles erfahren Herr Rat", entgegnete Walden, der auf den Sinn der Zwischenfrage gar nicht zu achten schien. „Während Sie teilnehmend damals auf mich eiusprachen, arbeitete mein Gehirn krampfhaft, um einen Ausweg zu ersinnen, der cs möglich machte, die Identität des Toten zu verheimlichen — Sie werden bald erfahren, warum. Erst auf der Fahrt zur Morgue indessen kam mir die Erinnerung an einen vielseitig gesuchten internationalen Einbrecher, dessen Operationsfeld dem Gebiete ähnelte, auf welchem der unglückliche Gustav Schuhmacher eine so verhängnisvoll endende Gastrolle gegeben, und da tauchte in mir der unselige Plan auf, den Toten für den steckbrieflich verfolgten Verbrecher aus- zugcben — auf diese Weise, so rechnete ich, würde man jedes weitere Forschen nach seiner Identität aufgeben und ihn als den vermeintlichen berüchtigten Verbrecher begraben. Der Zufall wollte es, daß Gustav Schuhnisicher sich zuvor in Newyork, London und Paris aufgchalteu, denselben Großstädten, die hinter dem mysteriösen Einbrecher her sind; seiner eitlen Schwäche entsprach es, sich überall photographieren zu lassen, und zwar mit seiner auffälligen Narbe. Gerade dieser Umstand, der mir für den Identitätsnachweis entscheidend schien, sollte meinen Plänen gefährlich werden uird sie zu einem kläglichen Schiffbruch treiben. Ich verschaffte mich also die Bilder. Mit Ber- tillonschen Maßstudien habe ich mich von jeher fleißig befaßt: es gibt kaum eineu meiner Bekannten, den ich nicht auf solche Weise gemessen hätte. Ich nahm also drei von dessen Photographien und tauschte sie gegen die Bilder des im Verbrecheralbum Verewigten um. Die entsprechenden Maßkarten neu ait- zufertigen bereitete mir keine Schwierigkeiten, umso weniger, als ich vou jeher große Fertigkeit in der Nachahmung andere« Handschriften besaß. Hätte nicht der Zufall in seiner unberechenbaren Laune gerade Rokohl früher schon häufig mit Gustav Schuhmacher zusamnientreffen lassen, so würde mein Betrug niemals entdeckt worden fein, ich hätte meine Absicht durchführen und von meinem Herzen teueren Personen viel Kämmer und Schande feruhalten können. Es hat nicht sollen sein. Das Schicksal hat nicht nur gegen mich entschieden, sondern es auch gewollt, daß ich selbst um den ehrlichen Namen komme!" Mit einem dumpfen Aufseufzen brach er ab. Der Rat stand mit finsterem Gesicht, die Arme über die Brust gekreuzt. „liebet die Tragweite Ihres bisherigen Geständnisses sind Sie sich wohl klar", versetzte er unfreundlich. „Ich nehme an, daß Sie einen besonderen Beweggrund gehabt haben müssen, denn ohne zwingenden Anlaß wird wohl kein bis dahin untadelig erfundener vielversprechender Beamter zum Verbrech . . . zum Gesetzesübertreter", mäßigte er unwillkürlich seinen scharfen Ausdruck, als er das bange Zusammenzucken seines Gegenüber gewahrte. „Ich habe einen Grund, der mich handeln ließ", sagte Walde:: leise, und mit neuem, dumpfen Atemzug setzte er hinzu: „Der Mann, den ich so unvermutet vor mir iit der stickigen Polizeiwachtstube auf hölzerner Pritsche tot ausgestreckt liegen sah, stand meinem Herzen nahe, er war mein Stiefbruder." „Ihr Stiefbruder!" fragte der Rat starr, indem er gebieterisch seiner Tochter Schweigen zuwiuktei, „Allmächtiger!" Er trat hart au beit Beichtenden heran und faßte ihn derb an die Schulter. „So war es Ihr eigener Bruder, den Sie — doch weiter, weiter!" herrschte er ungeduldig, sich brüsk unter- brechend. „Nun ist freilich vieles klar. Doch darüber sprechen wir später!" Walden nahm offenbar keine Notiz von dem ungünstigen Eindruck, beit seine Mitteilung auf Hansemann gemacht; er fuhr leise fort, cs dabei vermeidend, beit Blicken der int Zimmer Befindlichen zu begegnen: „Ja, Gustav Schuhmacher war mein Stiefbruder. Man soll beit Toten nichts Uebles Nachreden — und mir besonders widerstrebt es, denn ich habe Gustav wie einen Bruder geliebt — ich habe i mm er mit leidenschaftlicher Liebe an ihm gehangen. Tie Ehe meiner Mütter mit seinem Vater war kur» und stürmisch. Viel Schuld auf der einen, viel Herzeleid auf der anderen Seite. Meine Mutter sprach nie wieder von ihm, der mit eigener Hand fein Leben geendet. Doch wenn sie auch später meinen Vater heiratete, an dessen Seite ihr auch nur eilt — 682 kurzer Glückstraum geschieden gewesen, den!» mein Vater ging frül) schlafen — ihr ganzes, ungeteiltes Herz hat doch wohl immer Gustavs Vater gehört, und alle ihre Liebe, an der ihr vor Zärtlichkeit überströmendes Herz so reich war, übertrug sie dann ans den Sohn. Nicht, daß ich zu kurz gekommen ivfrce, v nein! mir gab sic gleichmäßig gütige Mutterlieb. Wer ihre Gustav gespendete Liebe war phne Grenze»!. Er war ein herrlicher Junge, ein Feuerkopf und so begabt — so begabt", wiederholte er. Er brauchte in der Schule nie zu lMnen. Ueberlas er vor Beginn des Unterrichts seiitze Lektion, so sagte er sie am besten von allen Schülern her, natürlich nur, um sie sofort wieder zu vergessen. Dabei war er so geschickt und anstellig, schon mit 14 Jahren ein Erfinder, der ohne Modelle Tampf- maschiueu im kleinen baute, für der Mutter Nähmaschine, die im Dienst großer Geschäfte tagtäglich zu surren hatte, erfand er einen Motorbetrieb, der sich ausgezeichnet bewährte. Stein Wunder, daß er verhätschelt und angestaunt wurde. Er galt in unserem Städtchen als Universalgenie und die ganze Sipe der Berwmtdten wurde nicht müde, ihnr eine glanzvolle Zukunft zu Prophezeien. Ursprünglich war er bei .einem Fein- mechaniker zur Lehre gegangen und der erfahrene Meister hatte erklärt, oaß er den Sechzehnjährigen nichts mehr zu lernen vermochte. Ware er dem Beruf treu geblieben, so zählte er heute sicherlich unter die Berümtßeiten seines Faches. So aber wühlte er jede Woche einen neuen Lebensbernf; in den letzten Jahren hatte er seinen Schauspielerberuf entdeckt und machte verzweifelte Anstrengungen, um in ihm hoch zu kommen — und doch hatte er gerade dafür die Allergeringste Begabung." „Wie kommt es, daß Sie uns von diesem Stiefbruder niemals erzählten?" fragte der Rat dazwischen. „Freilich, ich erinnere mich. Sie vermieden überhaupt die Berührung Ihrer Famili en v erhä ltnisse." „Nicht einmal Gustavs Frau und Kinder ahnten unser enges verwandtschaftliches Verhältnis. Mau nahm uns allgemein für enge Jugendfreunde." „Und warum das?" forschte Hansemann, wider Willen interessiert. „Es ging nicht anders. Gustav hatte sich in der ganzen Welt ohne Gelingen versucht. Er hatte auch — daß ich cs offen! bekenne — wiederholt Schiffbruch erlitten. Draußen und auch hier im Vaterland« Ivar er wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt geko mimen. Als er vor etwa 10 Jahren wegen eines mit beispielloser Kühnheit ausgeführten Bauwinbruchs zu mehrjühri- gcr Zuchthausstrafe verurteilt wurde, da sagte . ich mich von ihm los. Meiner Mutter brach damals fast das Herz. Wäre sie lieber dahingegangen, um wieviel besser wäre es für sie gewesen!" Ein leises Stöhnen! erschütterte seine Gestalt. Mit handbedeateu Augen stand er eine Weile regungslos. Dann fuhr er fort: „Eines Tages, ich stand schon unter Ihnen, Herr Rat, tauchte Gustav wieder auf. Er beschwor mich, ihm beizu- ,stehen. Er hatte geheiratet, nachdem er aus der Strafanstalt wieder entlassen worden war, und er beteuerte, daß' es für ihn kein größeres Glück gäbe, als für seine ahnungslose geliebte Frau sorgen zu dürfen. Ich wollte ihn abweisen, doch ich unterlag nur zubald dem Zauber seiner Persönlichkeit. Er mußte mir geloben, selbst der eigenen Familie gegenüber unseres eigenen- verwandtschaftlichen Verhältnisses nicht Erwähnung zu tun; wie hätte ich sonst meine Stellung beibehalten dürfen! Sein Wort hielt er auch treulich. Ich stand ihm dafür nach Kräften bei. . . und wirklich ging es, ehe ihn die itnfel'ige Schauspielerleidenschaft wieder erfaßte und er sich einbildete, ein leuchteender Stern am Künsthimmel werden Sn müssen. Da schien er mir wieder auf Abwege zu ge- iraten. Ich fühlte es, ohne es indessen! beweisen zu können; Meinen Vorhaltungen wich er aus, als ich ihn unvermutet tot wiedersah — und noch unter solchen Umständen. Versetzen Sie sich in meine Lage . . . Was sollte ich tun? Seiner ahnungslosen Frau und den zarten Kindern die Schande anzutun, ihren Namen zu beflecken und das Andenken an Gatten und Vater zu einem fluchwürdigen zu gestalten? Sollte ich der alten, lieben Frau daheim im fernen rebumsponueuen Häuschen, die in dem Gedanken so glücklich ist, ihr Herzenssohn Habe endlich sich selbst gefunden Und lebe nun eilt geachtetes, nützliches Leben, den Todesstoß versetzen, indem es aus den Zeitungen erfuhr, daß ihr Aeltester wiederum zum Verbrecher herabgesunken und dabei seinen gewaltsamen Tod gefunden hätte? Sollte ich es-mir selbst antun? Wie leicht Lunte dabei unser verwandtschaftliches' Verhältnis Wltuis^ aufgedeckt werden . . . und dann ... ich sagte es Ihnen schon, ich habe ihn lieb gehabt, mochte er es-nun verdienen oder Vicht . . . und der Gedanke war mir schrecklich, daß er im Tode noch geschändet sein und Schande über die Seinen bringen sollte. . . Ich tat es in dem Glauben, niemanden dadurch zu schädigen, wohl aber einigen nützen zu können, die ich lieb hatte . . . und zu spät sehe ich nun ein, daß ich wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe. Mag es denn fein! Ich habe wenigstens meinem Herzen Luft gemacht und stehe nicht länger als ein feiger Lügner in Ihren Augen da!" „Nein, wahrscheinlich nicht!" rief Hermine im Tone warmen Mitgefühls. „Sie mögen gegen den Wortlaut des Gesetzes verstoßen haben, Herr Walden, doch jeder fühlende Mensch wird Sie darum um so höher achten. Ich gestehe offen, daß Sie mir durch Ihre freimütigen Worte menschlich viel näher getreten! sind!" Und sic wollte mit tränenschimmerndem Blicke auf den sie fassungslos Anstarrenden zueilen und ihm im ersten Herzens- impuls die Hand drücken. Doch ihr Vater sing sie auf halbem Wege auf. „Das lassen wir wohl besser bis später, mein Kind," verfehle er. „Ich habe immerhin noch einige Fragen an Herrn Walden. Er hatte sich in seiner Sofaecke wieder zurechtgedrückt, den Kneifer sorglich geputzt; nun blickte er durch die blitzenden Gläser den in gefaßter Haltung Stehenden unverwandt an. „Ich wollte wohl, ich könnte Ihnen- bedingungslos all das glauben, was Sic uns da erzählt haben," meinte er nach llirzem Besinnen. „Gut ich will hoffen, daß es die Wahrheit ist," siel Hausc- mann mit umwölkter Stirn wieder ein, „jedenfalls nur ein Bruchteil von der Wahrheit und nicht die volle, gan-ze —" „Herr Rat, ich habe nichts mehr hinzuzufügen." Der junge Detektiv hob den Köpf stolzer und begegnete ruhig dem gründenden Blicke seines Vorgesetzten. Hermine trat bittend auf ihren Vater zu. „Quäle ihn doch nicht!" flüsterte sie ihm ins Ohr. Hansemann schob fix gelassen von sich. „Mein liebes Frauenzimmerchen!" knurrte er bärbeißig. „Ich befinde mich eben im Dienst und du würdest gut tun, dein Schnä- belcheu zu halten — verstanden, Herzchen?" Er wendete sich, • ohne sich um den Eindruck seiner Worte zu kümmern, an Walden. „Was wurde denn aus der Familie Ihres Stiefbruders? Dessen Wohnung ist ja verschlossen." Walden schien sekundenlang mit der Antwort zu zögern, „Ich gab Frau Schuhmacher gegenüber an, ihr Mann sei ganz plötzlich nach Newyvrk ans dortige deutsche Theater berufen worden und bereits abgereist. In seinem Namen überbrachte ich ihr den Auftrag, sofort nachzukommen. Ich stattete sie mit Fahrkarten und Geldmitteln aus und brachte fie mit den Kindern nach der Bahn." „Sehr klug gehandelt. Da Hatten Sie sich die wichtigste Zeugin vom Halse geschafft, die Ihrer Annahme stach das Bild in den Zeitungen erkennen oder sonst Ihre Absichten durchkreuzen konnte. Denn von Rokohl glaubten Sie noch nichts befürchten zu müssen, obschon der Mann im Leichenschauhause bereits einige! schüchterne Krähversuche gemacht hatte." „Herr Rat, Sie verkennen mich. Ich weiß auch nicht, wp hinaus Sie mit Ihren Worten wollen. Es war mein einziges Bestreben, Frau Schuhmacher über das Schicksal ihres Mannes im Ungewissen zu lassen. Ich kenne ihre Energie, ihre große Geschicklichkeit. Ich weiß, daß sie für sich und ihre Kinder in Amerika ungleich vorteilhaftere Lebensbedingungen findet. Es wird ihr weh tun, erfährt sie drüben, daß man nichts von ihrem Gatten weiß; sie wird sich aber mit dem Gedanken abfinden/ daß er in alle Welt hinaus ist . . . in diesem Sinne werde ich sie beeinflussen. Das glaube ich vor dem eigenen Gewissen verantworten zu können. So wird sie dem Toten ein wehmütiges Gedenken bewahren und in der neuen Welt nach und nach für sich und ihre Kinder nicht nur das tägliche Brot, sondern auch ein neues Glück finden." Der Rat saß mit zweifelndem Gesicht. „Ra, darüber habe ich meine eigene Meinung. Uebrigeus sagen Sie einmal, wie kam es, daß Sie auf der Polizeiwache die Leiche Ihres Stiefbruders sofort erkannten? Der falsche Schnurrbart hat ihn doch stark verändeLt?" - _ „Ich habe ihm diese Spielerei, wofür ich seine Gewohnheit falsche Bärte und dergleichen zu tragen, bis- dahin begriffstutzig genug erhalten, oft genug untersagt; doch mit Vorliebe trug er den Schnurrbart, den er so sicher zu befestigen wußte, daß die! Täuschung eine vollkommene war. Außerdem war seine Stirnnarbe eine solch unverkennbare, wie ich sie noch bei keinem anderen Menschen wahrgenommen habe." (Fortsetzung folgt.! — 683 — Ais 'MulvekSLplostsn in Mainz am 18.Msv m8sr1857. Mrigi',ml-Artikel dcr Gießener Familicnblätter.) Bon einem Augenzeugen. Im Jahre 1857 bot die Stadt Mainz ein wesentlich anderes Bild als jetzt, wo die Umwallungen gefallen sind. Damals erhob sich unmittelbar hinter den letzten Häusern die erste Umwallung, hohe Maner- und Erdwerke mit Kasematten. Um ins Freie zu gelangen, mußte man zuerst lange dunkle Torwölbungen passieren, woran sich Brücken schlossen, die über teilweise mit Wasser gefüllte Wallgräben führten. Dann kam die zweite Umwallung mit anderen Toren, bis man zu den Außenwerken gelangte. Bier Tore führten hinaus, das Raimundtor nach Bingen zu, das Miünstertor in der Nähe des jetzigen Bahnhofs nach Gonsenheim zu, das Gautor nach der „Pfalz" zu, das Neutor nach Worins zu. Die beiden letzteren ivaren am stärksten befestigt, denn sie schauten nach Frankreich aus. ltnd doch war damals das Straßenbild bunter. Lagen doch verschiedene Trnppenkörper dort, die Oesterreicher, die Infanterie mit blauen Beinkleidern und schmucken weißen Waffenröcken, die Pioniere ganz blau, die Artillerie mit braunen Waffenröcken, die Windischgrätz- Dragoner in grünen Waffenröcken und weißen Mänteln. Sodann die jPrenßen, die 34 er Pommern mit ihrem bekannten Kapellmeister Parlow, die 37 er Schlesier, die 39 er Rheinländer, dazu weiße Kürassiere. Auch Hessen stellte sein Kontingent als Wachmannschaft für die Gefängnisse vom 1. Regiment zu Worms. Kamen Sonntags dazu von Wiesbaden und Biebrich die Nassauer, Infanterie grün mit orangefarbenem Lederzeug, die Jäger schwarzgrün mit netten Käppis und Haarschweif, so war das Straßenbild wirklich bunt abwechselnd. Wenn man damals durch das Gautor auf die über den Festungsgraben führende Brücke gelangt war, so sah man hinter der ersten Umwallung rechts einen mächtigen viereckigen Turm herausragen, ivie man ähnliche in Mainz am Holztor und Eisernen Dor hatte. Es Ivar der sogen. Martin sturm, ein alter Festungsturm. Dicht neben ilnn befand sich ein mit vielen Zentnern Pulver angefülltes Magazin, halb in der Erde steckend, halb über die Erde herausragend. Einige Schritte von dem Magazin begann der sogenannte „alte Cästrich", eine nach Osten sich hinziehende Straße mit kleinen Häusern, meist von geringen Leuten bewohnt. Heute kann man es nicht begreifen, ivie in unmittelbarer Nähe von menschlichen Wohnungen solche Pnlvermassen aufbewahrt werden durften, wenn auch das Pulver nur in starker, Fäßchen transportiert und gelagert werden durfte und jeder, der das Magazin betrat, in Filzschuhen eintreten mußte. Dieser grobe Fehler sollte sich Am 18. November 1857 schwer rächen. Es ivar nachmittags kurz vor 3 Uhr. Ich stand mit einigen Mitschülern im Hvfe des alten Gymnasiums in der Gymnasiumstraße; da die katholischen Schüler von 2—3 Uhr Religionsunterricht hatten, sollte unsere Stunde ;ltm 3 Uhr beginnen. Wir sprachen durch die Tür mit der Familie des Schuldieners, die gerade ihren Kaffee -trank. Da, 2 Minuten vor 3 Uhr, bekamen wir plötzlich einen heftigen Stoß, daß ivir taumelten, zugleich klirrten neben und unt uns die Fensterscheiben, die Kamine rollten lioit den Dächern. Unwillkürlich fingen wir an zn laufen, -um den Ausgang aus dein Hofe zu gewinnen. Da erdröhnten drei Donnerfchläge, als wollte die Welt in Trümmer gehen. Eine unbeschreibliche Verwirrung entstand, Lehrer und Schüler liefen ratlos durcheinander, eine Unzahl Schüler blutete, die Glassplitter waren ihnen in das Angesicht geflogen, Schreien und Lärmen Überall, denn noch hatte man keine Ahnung, ivas eigentlich los war, weil man von dem Hofe des Gymnasiums keinen Fernblick hatte. Ich sehe noch unseren Lehrer der Naturwissenschaft, Dr. Bitthardt, im Hofe herumlaufen, die Hand Wer die Augen halten und nach dem Himmel sehen. Da, auf einmal wälzt sich von Westen her schwer und langsam! eine weiße Wolke. „Pulver", kam es aus aller Munde. Nun stürzte alles hinaus auf die Straße, wo fort und fort kleine Steinbrocken zur Erde niedersausten, dem Kästrich zu. 9('od) aber hatte man die zur Terrasse führenden Treppen nicht erreicht, als die ganze Menge mit dem Schreckensruf: „Fort, es geht noch einmal los" zurückflutete. Mittlerweile wurde für Militär und Feuerwehr Alarm geblasen, und beide rückten aus, das erstere, um die Berfchütteten herauszugraben, die andern um die in der Erde sortbrennenden Balken zu löschen, zumal ganz in der Nähe ein Magazin voll gefüllter Granaten sich befand. Hilfe war nötig, denn der ganze alte K ä st r i ch lag in Trümmern, ebenso waren die in anderer Richtung liegenden Straßen von dem fallenden Gestein beschädigt, wenn auch die größere Masse des Gesteins nach außen in die Festungswerke geschleudert worden war. Das Gasthaus zum Donnersberg in der Gaustraße war, als ivenn man es mit Kartätschen beschossen hätte. Die alt- ehrwürdige S t e p h a n s ki r ch e ivar total d e m o l i e r t, Fenster, Altar, Orgel, Kanzel, alles zerschlagen; der mächtige Stephanskirchturm selbst hatte dem hinter ihm liegenden Stadtteile viel Unheil abgehalten. In ganz Mainz war keine ganze Fensterscheibe mehr. Die Straßen glitzerten von Glassplittern. Ich sehe noch den General von Boni«, Gouverneur vou Mainz, wie er stumm von der Straße aus sein fensterloses Palais beschaute. Zahlreich waren die Opfer, die die Katastrophe gefordert hatte. Die innere Gautorwache, welche bei ' der Explosion unter das Gewehr geeilt war, wurde von fallendem Gestein verwundet. Das in der äußeren Umwallung befindliche Wachgebäude war ein Trümmerhaufen; fast alle Soldaten waren tot oder schwer verwundet, nur der Mann auf Posten stand noch, aber sein Gewehr war ihm von einem Stein zerschlagen worden^ da hatte er kurz entschlossen sein Seitengewehr gezogen und hatte aüsgehalten, bis Ablösung kam. Der Posten, der an dem Pulver türm selbst auf Wache gestanden hatte, wurde auf dem Dache eines Hauses der Stadt tot g esu «den. Einer Wteilung Artillerie, die im Festungsgraben exerzierte, wurden mehrere Leute getötet. Ain Abend lagen 18 Soldaten in der Totenkammer. Nicht iveniger Menschenleben hatte die Explosion von den Beivohnern von Mainz gefordert. In einem einzigen Hause direkt am Turm wurden Vater, Mutter und drei Kinderer schlagen, es ivar die Faiuilie Klingen- schnridt; in einen, anderen Hause drei Personen, ebenso in der Weißgasse. Bon ersterer Familie war das jüngste Kind gerade in der Schule und der älteste Sohn diente bei den Chevaulegers iu Darmstadt. Als der Großherzog Ludwig III. einige Tage nach der Katastrophe nach Mainz kam, gab er den Sohn sofort vom Militär frei. Eurem Mitglieds des Mainzer Stadttheaters, das in einer Entfernung vou einer halben Stunde spazieren ging, wurde ein Bein zerschlagen, zwei Brüder aus Bretzenheim fuhren im Augenblick der Explosion gerade einen Wagen mit Heu über die Festungsbrücke, sie ivurden samt ihren Pferden erschlagen. Der Direktor des Gymnasiums Dr. Grieser befand sich gerade unter dem Gautor, als die Explosion stattfand, und ward so gerettet. Wunderbare Lebensrettungen kamen vor. Die Haushälterin des altehrwürdigen Pfarrers Mertz von der Stephanskirche saß an ihrem Nähtisch am Fenster. Sie stand auf, etwas vou draußen heremzuholen, ung noch war sie nicht au die Tür gekommen, cus ein Sten» durch das Fenster fuhr und Nähtisch und Stuhl in stucke schlug. Dem jetzigen Besitzer der Konditorei Janson irrt Domgäßchen, der mit andern Knaben iu der StephauskirchL zur Beichte war, wurde die Fußsohle von einem Stein gespalten, doch wurde er nach längerem Lager wieder geheilt. Welche Gewalt die Explosion gehabt hatte,. beweist der Stein, der 'teilte noch im Hofe eines Hauses am Ball- 684 — Platz zu setzen ist. Dieser Stein, viele Zentner schwer, mit einem schweren eisernen Anker wurde auf eine Entfernung von acht Minuten durch die Luft geschleudert und schlug in dem betreffenden Hause drei Stockwerke durch. Mein Lebtag habe ich nicht soviel „blaue Augen" bei Frauen und Mädchen gesehen, als damals. Allen, die um diese Zeit an den nach der Straße führenden Fenstern gesessen hatten, waren die Scheiben in die Augen geflogen. Der Abend brach rasch herein, da gab es neue Not. Durch die Schelle wurde bekannt gegeben, daß kein Gaslicht angezüudet werden dürfe, weil man (mit Recht) fürchtete, die Rötzrculeitung sei defekt geworden und es könnte noch Feuersgefahr zu dem andern Unglück hinzu- treten. Waren nun schon vorher die Glaserläden von allen Seiten bestürmt worden wegen der Fenster, so rief jetzt alles nach Oellampen (Petroleum kam damals erst auf) und Stearinkerzen. Dieser Mangel an dein gewohnten Gaslicht machte die ganze Situation noch ängstlicher. Für die Nacht wurden die Fensteröffnungen mit Brettern zu- gefchlagen; zudem trat noch eine empfindliche Kälte ,e i it. Wie aber gleich auch das größte Unglück ausgenutzt wird, das zeigt sich auch hier. Noch nicht 10 Minuten nach der Katastrophe, und alles, was Schusterjunge war, lief auf die Straße und las das Glas auf, es diente zunr Schaben der Sohlen. Natürlich brannte eine Frage auf aller Herzen: Wie ist d ie Exp lo sion entstand en? Unvorsichtigkeit war ausgeschlossen, es mußte ein boshafter Anschlag sein. Die echten Mainzer redeten gleich von den Preußen, die schuld sein sollten. Die Preußen waren in Mainz nicht beliebt, das kam einmal von der Konfession, sodann weil den leichtbeweglichen Mainzern der norddeutsche Ton nicht gefiel, wohl auch deswegen, weil die Preußen, in dem Bewußtsein, unter der allgemeinen Wehrpflicht zu stehen, sich etwas mehr einbildeten und sich nicht zu allerlei Arbeiten gebrauchen ließen wie die Oesterreicher. Allein die Schuld der Preußen war ausgeschlossen, iveil die Oberaufsicht über das Pulver in den Händen der Oester- reicher lag, während die Preußen das Geniewesen hatten. Soviel steht fest, wenn man es damals auch nicht Wort haben wollte: Ein österreichischer Feuerwerker ging zwischen 12 und 2 Uhr in das Magazin; der Posten, der damals in den geraden Stunden abgelöst wurde (jetzt in den ungeraden) sah ihn hineingetzen, herausgehen sah ihn niemand, denn der Posten, der nachher aufzog, war ein Kind des Todes geworden. Es hatte an selbigem Nachmittag in dem Festungsgelände eine Art militärisches Turnfest sein sollen, wozu das Offizierkorps geladen war. Um 3 Uhr sollte die Festungsbrücke passiert werden. Durch ein unvorhergesehenes Hindernis war das Fest abgesagt worden, und zwar kurz vorher. Es war also offenbar ein Anschlag auf das Leben der Offiziere gewesen. Bon dem Feuerwerker fand man unter den Trümmern nichts als den Knauf des Degens. Dieses war damals die unter dem Publikum herrschende Meinung. Großartig zeigte sich die Menschenliebe bei diesem Unglück. Ungeheure Summen wurden gespendet, besonders auch von Oesterreich aus. Besondere Anerkennung erhielten auch einige Genieoffiziere, welche unmittelbar nach der Explosion durch unterirdische Gänge in die Tiefe stiegen, die entstanden war, um sich von der noch drohenden Gefahr zu überzeugen und Anordnungen zu treffen, der Gefahr zu begegnen. Ebenso verdienten und erhielten Anerkennung die Mitglieder der Mainzer Feuerwehr, welche, ihres Lebens nicht achtend, den Explosionsherd unter Wasser setzten. Wer heute nach Mainz kommt, sieht keine Spur mehr an der Stelle von all dem Schrecklichen. Das Gautor ist abgebrochen und die Stadt dehnt sich aus, wo einst nur Mauern und Gräben zeugten von der „Bundesfestung" Mainz, Mainz ist erst jetzt auf dem Wege, im wahren Sinn des Wortes das „goldene" Mainz zu werden. Literarisches. /s-ra-.-r11 lseau. Bon Professor Dr. L. Geiger. 8°. Wigenichaft und Bildung, Bd. 21.) 160 Seiten mit einem Porträt. In , Originalleinenband Mk. 1.25. Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig. Er war einer der eigenartigsten. Menschen, die ie gelebt haben. Wir finden in ihm die Mischung der verschiedensten Eigenschaften. Wohl selten gingen in einem Leben Wollen und Handeln so weit aiiseinander wie bei ihm Dem entspricht die Beurteilung, die ihm zuteil ward. Von den einen bewundert, von den anderen gehaßt, reicht sein Einfluß bis zur Gegenwart, die sich noch immer mit seinen Ideen und Schriften auseinanderzusetzen hat. Daß die psychologische Ana- lyse eines solchen Mannes, die zugleich auch eine Einführung iil seine Werke bietet, auf Interesse rechnen, muß, bedarf feiner Begründung. Wie ein Roman lesen sich diese Schilderungen von Rousseaus lvechselvoller Kindheit nnd Jugend, seiner ersten Pariser Leit, seine Beziehungen zu Therese Levasseur und zu den übrigen Frauen seines Kreises. In lebensvollster Weise lernen wir sein Verhältnis zu allen Fragen seiner Zeit, zum Theater nnd zur Musik, zum Staate, zur Religion und Erziehung kennen und verstehen erst so seine Werke. Wer den Einfluß verstehen will, den Rousseau in Deutschland auf unsere größten Dichter und Denker sowie unsere ganze Literatur ansgeübt hat, wird zn dieser Biographie greisen müssen. — Meister Heinrich. Eine Mär aus der Zeit der Bauernkriege in Salzburg und Gastein von Franz Wolfram. ~ Der Verfasser schildert einen Ausschnitt aus der Zeit des Erzbischofs Matthäus Lang (1519—1540), als die salzbnrgische Banernschaft sich erhob und an den Felsmanern der Hohensalzburg die Köpfe blutig rannte. , . — Kürschners Jahrbuch 1908. Welt- und Zeit- spiegel, Kalender, Geographisch-Statistisches Handbuch und Verkehrslexikon. Begründet 1898 von Joseph Kürschner. Herausgegeben von Hermann Hillger. (Broschiert 1 Mk. Berlin uni» Leipzig. Hermann Hillger Verlag.) — Gleich seinen Vorgängern bringt auch der elfte Jahrgang wiederum eine Fülle an Wissensstoff. Ereignisse und Fortschritte des verronnenen Jahres, neue Erriingenschaften menschlichen Lebens und Strebens sind in diesem Nachschlagebuch zu einem „Welt- nnd Zeitspiegel" verarbeitet worden. Ein Unikum seiner Art, dies „Kürschners Jahrbuch".. Mainzlarev Hausfprüche. Gesanunelt von St. K. Unglückselig ist der Mann, Der tut, was er nicht kann, Der unternimmt, ivaS er nicht versteht, Mars Wunder, wenn er zu Grunde geht? Wie ihr hier im Bild könnt sehn, Zivei streitend gegenüber stehn. Indessen melkt m guter Ruh Der Jldvokat die kette Kuh. * Ihr Leute laßl's Prozessieren sein, ES bringt Euch nimmermehr was ein. Verloren geht bald Kalb und Kuh, Samt Haus und Hoi und ihr dazu. BrlÄem'ätfel Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Toledo, Torpedo. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.