1907 — M° 138 Mittwoch den 18. Seplemker K Ä Alls der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Dann begann der Junge mit gellender Stimme nach einem Schutzmann zu schreien; vergeblich wollte ihm- der andere den Mund zuhalten- „Tn bist ja dumm! Was geht uns der Mensch an, da kriegt Ntan nur ne Menge Laufereien!" meinte er- Toch der Junge ließ sich nicht halten; er riß sich los und Brüllte nur umso lauter- Von der Brücke her wurde ihm Antwort- Die Minute drauf tauchte die vierschrötige Gestalt eines eiligst herbeischreitcnden Schutzmannes aus dem Nebel auf- „Wer ruft denn da so unverschämt! Wirst du wohl den Rand halten, Bengel? Du weckst ja die ganze Gegend!" Er wendete sich an den unschlüssig dastehenden Milchmann- „Was geht denn hier vor? Ihr haut euch wohl) schon in aller Morgenfrühe?" „Wo werden wir wohl, Herr Wachmeester," hastete der Junge- „Da liegt n Mann und is tot!" Er wies aus der Entfernung! auf. den ausgestreckt Liegenden- Ter Schutzmann hatte ihn inzwischen gleichfalls wahrgenommen. Wie er sich nun über ihn beugte und ihn vergeblich aufzurütteln trachtete, wurde er ernst- „Ter Mann ist tot!" stellte er fest- „Alle Wetter, schon ganz kalt! Er muß schon durch Stunden gelegen haben! Ich bin doch erst vor zwanzig Minuten hier vorbeigekommen ... ja so, hier in der Nischenecke hat er gekauert," fuhr er fort, als die beiden ihm ihre , Wahrnehmungen abwechselnd berichtet hatten, „darum habe ich ihn auch nicht gesehen — der verd - . . Nebel!" Er zog die Pfeife und gab das Notsignal- „Nein, Sie müssen hier bleiben und mit zur Wache!" herrschte er den Milchkutschcr an, der sich entfernen wollte- „Ja, da hilft nichts,", wehrte er dessen verdrießliche Auseinandersetzungen ab- „Ob Sie Zeit Derberen oder nicht, das kann hier nicht in Betracht kommen!" Eben tauchten auch schon die Helmspitzen einiger rasch herbeieilenden Schutzleute auf- Ter Beamte wendete sich an seine Kollegen und setzte diesen mit kurzen Worten den Sachverhalt auseinander- „Lauf einer schnell nach dem' Revier und hol den Leutnant herbei - . . ich bleibe inzwischen hier — nur weitergehen! hier gibts nichts zu sehen!" fuhr er einige Neugierige an, die sich trotz der frühen Morgenstunde bereits anzusammeln begannen- Er klinkte die nächste Haustür auf; als er sie unverschlossen fand, machte er sich mit den übrigen Schutzleuten daran, die Leiche in den Hausgang zu tragen und dort niederzulegen- Tann suchte er vergeblich, die immer stärker werdende Menschenansammlung zu zerstreuen, die Leute wichen und wankten nicht, schnell verstärkte sich die Gruppe Neugieriger, so daß der bald darauf eintreffende Leutnant sich nur schwierig Durchlaß ver- schafsen stmnte- Fast gleichzeitig Im'it ihm erschien auch ein in der Nachbarschaft wohnender Arzt- „Es scheint Herzschlag vorzuliegen," meinte der letztere nach einer oberflächlichen Untersuchung- „Ter Tod ist offenbar schon vor einigen Stunden eingetreten. Weiß man, wer der Mann ist?" Ter Revierleutnant schob die Achseln hoch- „Bermntlich gehört er den besseren Kreisen an- Daraus deutet schon sein Anzug- Er muß irgend eine Gesellschaft mitgemacht und sich dabei übernommen haben-" „Wahrscheinlich genug," bestätigte der Arzt- „Er strömt jetzt noch einen betäubenden Alkoholgeruch aus — das riecht übrigens nach Chloroform," setzte er kopfschüttelnd hinzu, wieder auf die Steinplatten des Hausflurs neben den Toten knieend und beim flackernden Schein der Polizeilaternen ihn betrachtend. Er roch an der übel genug zugerichteten Kleidung. „Tie Aufschläge des' Fracks sind jetzt noch mit Chloroform gesättigt. Tas ist jedenfalls ausfällig." Inzwischen hatten sich Schutzleute in ziemlicher Anzahl eingefunden. Keiner von ihnen kannte den Toten vom Ansehen, obwohl sie zum Teil schon jahrelang im Revier dienten und die fast ausschließlich aus begüterten und angesehenen Gesellschaftskreisen sich zusammensetzende Einwohnerschaft der benachbarten Straßenzüge genau kannten- Nach kurzer lleberlegung erteilte der Leutnant den Auftrag, den Leichnam nach dem unweit entfernt gelegenen Polizeirevier zu überführen- Sehr zu seinem Mißvergnügen mußte der insgeheim fluchende Milchkutscher sein Fuhrwerk dazu hergeben und selbst mitkommen- Im Gegensatz zu ihm war der Bäckerlehrling gern bereit; nachdem er den ersten Schreck überwunden, erschien er sich ordentlich als Held und berichtete mit ersichtlichem Stolze immer wieder sein unheimliches Erlebnis- Auch unterwegs wurde er nicht müde, .den neugierig Nachströmenden drastisch anschaulich alles, was er wußte, zu erzählen- ,, ~ Einige Schutzleute hatten inzwischen die Umgebung des Fundortes genau abgesucht, indessen nur den verbeulten Hut des Toten, einen schon ziemlich abgetrageneil steifen Derby, vor der Tornische aufgefunden. Nun spielte der Telegraph nach dem Polizeipräsidium, die Kriminalabteilung wurde verständigt und bereits kurz nach 7 Uhr, als der junge Tag draußen noch immer im, Kampfe mit den trüben Nebelgewalten begriffen war, fuhr Polizeirat Hansemann in Begleitung des Kreisphysikus und zweier seiner erprobtesten Beamten am Revier vor, das von einer stattlichen Menschenmenge limlagert wurde- Er wurde vom Leutnant empfangen und liach der im Erdgeschoß befindlichen Wachstube, wo man den Toten inzwischen auf, eine Pritsche gelegt und mit einem Mantel verdeckt hatte, geleitet- . , Schon unterwegs verständigte der Leutnant den ;ovial durch einen goldumränderten Kneifer in die Welt blickenden Beamten, dessen behäbiges rundliches Aeußere in nichts auf den seiner findigen Schläue wegen zum Schrecken aller Uebeltäter gcwor- deuen Kriminalisten schließen ließ, von dem wenig ergebnisreichen bisherigen Resultat der seither angestellten Recherchen- „Sämtliche Beamte des Reviers haben den Toten bereits gesehen, doch keiner vermochte dessen Persönlichkeit festzustellen" 550 — meinte Hansemann, als sie in die Wohnstube eingetreten waren- „Vielleicht ebensowenig gehört er in das Haus, vor dessen Tür er aufgefunden wurde? Diese Feststellung ist wichtig- Fand etwa in verwichener Nacht in der Nähe eine Festlichkeit statt, an welcher der Verlebte sich beteiligte? — Nicht?" Er war mit seinen Begleitern an den inzwischen der Mantelhülle beraubten Toten herangetreten und betrachtete sorschend die wächsernen, grimassenartig entstellten Züge, die auch im Leben nicht anziehend gewesen sein mochten, nun aber in dem durch das Fenster nüchtern und kreidig Hereinslutenden Morgenlicht geradezu abstoßend erschienen. Ein blond beschnurrbartetes, noch jugendliches Gesicht, in welches verheerende Leidenschaften manche Rune gezeichnet hatten; die starren Todesaugen fischig grau, das bis tief in die niedrige Stirn gewachsene, gekräuselte Haar schmutzig rot; an der linken Schläfe eine breite, wie von einem Degenhieb herrührende Narbe- Die Hände steckten noch in weißen Lederhandschuhen- Tie letzteren waren, wie der ganze Gesellschaftsanzng, an der oberer: Seite stark befleckt, die Beinkleider an den Knieen aufgeschürft, die weiße Hemdbrust betropft und verknittert- Die oberen Westenknöpfe waren geöffnet, einer von ihnen hing nur noch lose im Knopfloch, wie gewaltsam aus den: Tuche der Weste gerissen- Die Lackstiefel waren an den Sohlen noch beinahe neu, das Oberleder dagegen war bespritzt- Ter Rat wollte sich gerade kaltblütig an eine genaue Besichtigung des Toten machen, als er durch ein dumpfes Geräusch neben ihm zum Aufschauen veranlaßt wurde- Einer seiner Begleiter, ein schlanker bartloser Mann, hatte den Anblick der Leiche nicht vertragen können; er stand gestützt auf die Arme einiger Beamten, die den Taumelnden durch rasches Zugreifen vor dem Hinfallen bewahrt hatten, mit grünlichem Gesicht, schwer nach Atem ringend- „Nanu, lieber Walden, Sie werden doch nicht gar nervenschwach?" erstaunte sich Hansemann, besorgt auf den halb Ohnmächtigen zutretend- Dabei winkte er auch schon einem Schutzmann zu- „Oesfnen Sie ein Fenster! Es riecht ja hier geradezu betäubend nach Chloroform-" Ein Beamter hatte hurtig ein Glas Wasser geholt und reichte es dem noch immer mit seinem Schwächeanfall Kämpfenden. Der ergriff es mit zitternder Hand und leerte es in einem Zuge. Ter kalte Trunk schien ihn neu zu beleben; seine sehnige Gestalt straffte sich und leichte Mte kehrte in seine Wangen zurück- Lächelnd wendete er sich an seinen Vorgesetzten- „Ja, bitte um Entschuldigung, Herr Rat ... ich bin doch sonst nicht nervenschwach ... der Chlorofornngernch muß cs mir angetan haben," brachte er hervor, seinen Stimmenklang zur Festigkeit zwingend- Rat Hansemann nickte ihm wohlwollend zu- „Tun Sie sich keinen Zwang an, lieber Walden, wenn Sie sich nicht wohl fühlen... ich kann Sie füglich hier entbehren. Gehen Sie an die frische Luft- Kollege Kneift erzählte mir von Ihrer umfassenden Tätigkeit in den letzten Tagen... der hat Sie wohl derb ins Joch gespannt?" „Ich bin schon wieder ganz erholt," meinte Walden zurück, sich gleichwohl nervös mit der Rechten über die von kleinen Schweißperlen besäte hohe Stirn streichend. „Es war wirklich nur der widerwärtige Chloroformgeruch." „Um so besser!" versetzte der Rat und wendete sich dem Physikus zu- „Wirklich ein entsetzlicher Gestank — oder nicht, Professor?" „Kein Wunder," gab der Arzt zurück, der inzwischen trotz der Abwehr des jungen Beamten dessen Puls gefühlt hatte- „Ueber den Rock des Mannes ist offenbar eine ganze Flasche voll Chloroform ausgelecrt worden- Sie sollten wirklich noch etwas in die frische Luft gehen, Herr Walden- Sie sehen noch ganz bleich aus-" „Lassen Sie mich nur hier am offenen Fenster stehen," gab der junge Beamte schwach lächelnd zurück- „Der Herr Rat hats erraten, ich hatte viel zu tun- Doch ich fühle mich ganz auf dem Posten-" Er blieb am Fenster stehen, während die Beamten sich der Leiche wieder zuwendeten. Ter Physikus beugte sich über diese, sah näher zu, stützte und beugte sich noch tiefer über das Gesicht des Toten- „Nasenflügel, Oberlippe und Kinn sind stark verbrannt", meinte er, zu Hanjemann gewendet", in gedämpftem Tone- „Tabei wieder dieser unausstehliche süßfade Geruch. Vor geschehener Autopsie läßt sich ja nichts Bestimmtes sagen- Doch schon jetzt hat es den Anschein, als sei dieser Mann gewaltsam durch Chloroform betäubt und aus der Welt geschafft worden-" Hansemänn war neben den Physikus getreten; nun, die Hände über dem Rücken zusammengelegt, musterte er aufmerksam die untere Gesichtshälfte des Toten- „Hm, dieser verzerrte Ausf- bruc! und die Mundpartie wollte mir gleich nicht gefallen - . ;■ es mutet wie ein gefrorenes Nachatemringen an- Sie haben einen hinterlistigen Ueberfall im Auge — doch nein!" nnterbrach er sich, „von einem solchen kann keine Rede sein- Bis auf die Schmutzflecken sind die Haudschnhe tadellos, nicht einmal eine Naht ist zerrissen- Natürlich würde sich ein Ueberfallener zur Wehr setzen, gar ein Verzweiflungskampf ums Leben würde den dünnhäutigen Handschuhen übel mitgespielt haben-" Während des Sprechens ging er um die Pritsche, den Toten unausgesetzt im Auge behaltend- Tann wendete er sich an den Revierleutnant. „Tie Wachnummern von heute nacht!" befahl er Als die um diese Zeit auf Patrouille gewesenen Schutzleute sich vor dem Rat ausstellten, fragte dieser weiter: „Wann wurde es heute nacht nebelig? - . . Kürz vor 4 Uhr? Gut so. Ter Nebel trat sofort dicht auf, er näßte sehr bald auch Fahrdamm und Trottoirs? - . . Dachte ich mir ... die Sohlen des Mannes! sind trocken. Er hat die Lackstiesel offenbar zum erstenmal angehabt; folglich mnß er schon vor 4 Uhr sich in der gegen Witterungse ins küss e geschützten Nische befnnden haben, zumal auch die Kleidung nur oberflächliche Spritzer zeigt." Walden, der inzwischen seinen Fensterplatz verlassen und den Erläuterungen seines Vorgesetzten aufmerksam gelauscht hatte, wies auf die Schmutzspuren und die an den Küieen zerrissenen Beinkleider- „Ganz recht, lieber Walden," fuhr der Polizeirat kopf- nickend fort- „Diese Spuren rühren nicht allein von trockenem Straßenstaub her-" Er wischte über einige der Flecken. „Hier freilich haben wir nur Staub - . . der Mann mag gefallen sein. Augenscheinlich war er stark bezecht- Wer fällt, hat das Bestreben wieder hochzukommen- Dazu braucht man die Hände, zumal deren innere Flächen, um sich zu stützen... die Handschuhs sind nur auf der Rückensläche beschmutzt ... die Handteller sind ziemlich weiß geblieben. Ist also dieser Mann gefallen, so hat er sich nicht aus eigenem Vermögen geholfen, sondern ein Dritter hat ihn wieder ansgehoben- Vermutlich hat ihn dieser beim Arm geführt, da die Kleider nur vorn, nicht aber an den Seiten oder am Rücken stark besudelt sind- Kommt eiu nur auf sich angewiesener Trunkener zu Fall, so pflegt er sich zu überschlagen, also zu wälzen; ein Zeichen dafür, daß dieser Mann einen Begleiter gehabt haben mußte, der den Taumelnden immer wieder emporgerissen hat. Er muß sogar ziemlich, Kräste besitzen und mit seinem Schutzbefohlenen nicht gerade' glimpflich umgesprungen- sein- Tie Risse an den Küien und darum die dicke Staubkruste lassen dies vermuten. Er hat den Trunkenen anscheinend weit auf den Knien vorangeschleist- Daher die Risse an den sonst völlig neu erscheinenden Kleidern." (Fortsetzung folgt.) Die ßrhaltung des Aorfts, Vortrag, gehalten auf der 2. Jahresversammlung des Bundes Heimatschutz von Robert Mielke. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Es gewährt einen eigenen Reiz, zu verfolgen, wie das, was wir mit literarisch-ästhetisch geschulten Augen für die naive Kunst des Dorfes halten, sich zum Teil als Ergebnis formulierter Ueberlieserung ausreicht. Dabei beruht die ästhetische Wirkung weniger auf ausgeklügelter Berechuuug als aus dem Kompromiß handwerklicher Beschränkung und gesetzgeberischer Voraussicht. Daß dieses Ergebnis nicht erst von der Warte unserer Zeit künstlerisch empfunden ift, sondern Bereits von den Zeitgenossen der Erbauer selbst als bewußte Kunst betrachtet wurde, beweisen uns viele literarische Belege des 16. bis 18. Jahrhunderts, die hier anzuführen zu weit gehen würde. Das Geheimnis dieser Kunst beruhte in letzter Reihe auf dem sehr richtig empfundenen Grundsatz, neben dem Unzweckmäßigen das Ungehörige, Fremdartige und Herausfordernde fern zu halten. Aus all diesen Gründen ergibt es sich von selbst, daß ein plötzliches Loslösen vom Ueber- lieferten, wie wir es im 19. Jahrhundert erlebten, nicht eher eintreten konnte, als bis die ganze Grundlage des bäuerlichen Wirtschaftslebens erschüttert war; so ist auch die merkwürdige Erscheinung zu erklären, daß die ländliche Bauweise jahrhundertelang fast unverändert bestand, ohne von den Wandlungen städtischer oder höfischer KUnfi - Ml besonders begrüßt zu werden. Einen großen Teil dieser Wirkung tragen allerdings die vielen Borforderungen, die in ihrer Gesamtheit nichts weniger als eine allgemeine Bauordnung jener Tage sind. Wir finden die Bestimmungen über Wege und Zäune, über den freizulassenden Raum zwischen den Gebäuden, sowie über Dorfplätze, Kirchhöfe und Anger. Die Zahl und die Größe der zum Bau benötigten Hölzer, selbst Einzelheiten wie Tor, Schwelle, Schornstein, Verschluß, Gatter und vieles andere sind festgelegt. Ziehen wir noch in Betracht, daß nach denselben Quellen, die bis in das 19. Jahrhundert hinein wirksam blieben, eine regelmäßige Schau und gegebenenfalls eine Buße durch die Bauernrichter für die Beibehaltung des Alten sorgten, dann kann man es wohl verstehen, daß ein Sprung in eine neue Gestaltungswelt so gut wie ausgeschlossen war. Gewiß lag auf der anderen Seite auch eine Gefahr in diesem formulierten Konservatismus; denn ebenso treu, wie er das Gute bewahrte, nahm er auch manche schädigende Einrichtung in seinen Schutz, wie den den Wohnräumen benachbarten Dunghaufen, die fehlende Reinigung der Gewässer, das Beieinanderwohnen von Mensch und Tier, ungenügende Ventilation und vieles andere, das wir heute als gesundheitsschädlich bekämpfen. Wenn heute ein Romantiker den modernen Bauernhof wegen seiner schiefen Giebel, seiner dunklen Winkel, seines malerischen Schmuckes preist und ihn in dieser Weise dauernd erhalten möchte, dann können wir diese Requisition einer künstlerischen Wirkung gern Preisgeben, um dafür das sichere Gefühl für das Zweckmäßige und Maßvolle unserer bäuerlichen Vorzeit zu buchen. Wie steht es nun heute mit unseren Dörfern? Der Grundplan ist zumeist unverändert, weil eine etwaige Umgestaltung die Verlegung der alten Höfe nach sich gezogen hätte. Dafür ist kein Bauer, der noch auf ererbtem Familien- boden sitzt, zu haben; er baut zwar aus und verlegt seinen Wohnsitz, wie besonders häufig der Littauer in Ostpreußen, in die ihm durch Melioration oder Separation zugewiesenen Aecker; aber die alten Höfe bleiben bestehen und werden in der Folge Mittelpunkt einer Unterschicht von kleineren Ackerwirten. Dagegen werden leider allzu oft Haus, Hof, selbst Dorfaue und -straße durch ungezügelte Sucht nach Neuem umgestaltet oder durch Bestimmungen, die nicht immer aus der Natur einer dörflichen Siedlung, die selten aus innerer Notwendigkeit geschaffen sind, sondern sich häufig als weithergeholte papierne Fesseln erweisen. Da find u. a. in Süddeutschland, wo die geschlossene alemannische Bauweise, um vor dem Winde geschützt zu sein und den freien Ausblick zu haben, eine gewisse Unregelmäßigkeit bewahrte, gradlinige Baufluchten ganz ohne zwingenden Grund geschaffen, die kleinen Vorgärten und Ausbauten beschränkt und die Straßen wo-, möglich chaussiert worden. In einem anderen, westpreußischen Dorfe hat man bei der neuangelegten Chaussee nicht nur die schönen alten Bäume, welche die Kolonistendörfer an der Weichsel meilenweit beschatteten, gefällt, weil sie stellenweise wenige Zentimeter in die etwa 6 Meter breite Chaussee hineinragten, sondern auch die malerischen weidengeflochtenen Zäune vernichtet. Als man sah, daß Obst- und Gemüsegärten auch ohne Zaun bestehen konnten, folgten die für jene Gegend charakteristischen Zäune an den Nebenwegen und Aeckern, und mit ihnen verschwanden Strauch und Buschwerk, die sich in ihrem Schutze entwickelt hatten. Der Bauer hatte allerdings doppelt gewonnen; er hatte einen kleinen Streifen für den Wegebau verkaufen und sein Land bis zur letzten Fußbreite ausnutzen können und opferte diesem Zwecke auch gern das bis dahin sorgsam gepflegte Hausgärtchen. Wo anders wieder ist der Weg, welcher sich in leisen Krümmungen den Linien des Geländes oder dem Laufe eines Gewässers anschmiegte, zu einem starren Rennwege geworden aus Gründen, die eigentlich nur aus der schablonenmäßigen Anwendung des Lineals zu erklären sind. Weil die Allmenden zum Teil aufgeteilt sind, hat man auch kein Interesse mehr an dem einzelstehenden Baum oder an der Hecke; sie werden nur dann nicht zu Brennholz gemacht, wenn sie noch einen anderen Nutzen abwerfen. Und wie das Haus selbst mehr und mehr zu einem armseligen Nachläufer einer verlumpten Borstadtbauweise geworden ist mit all dem Flitter unechten Prunkes und den architektonischen Roheiten des Parvenü- tums, so ist ihm die ganze künstlerische Kleinwelt des' Dorfes gefolgt. Da ist es dann gar kein Wunder, wenn es ein Bauer in Norddeutschland für vornehm hält, seinem ererbten Bauernhöfe ein neues, stucküberladenes Wohnhaus mit einem säulengetragenen Portikus vorzubauen, während der Dunghaufen 6 Meter hinter der Hoffront duftet. Solche Auswüchse werden ja einmal wegen der ihnen anhaftenden Lächerlichkeit unmöglich werden; dagegen sind jene Einflüsse umso schwerer zu bekämpfen, die im Gewände der Sicherstellung durch das Land schleichen. Was unsere alten Bauernrichter in ihrer schlichten Erfahrung gefunden hatten, daß nämlich nicht zunächst der brennbare Stoff fortzuschaffen, sondern die Möglichkeit eines Feuers zu Verringern sei, daß sie allein aus diesem Grunde die Feuerstellen und -geräte jährlich auf ihren Zustand zu untersuchen haben, das ist heute ausgeschaltet zu gunsten einer Ansicht, die alles Brennbare aus dem Gefüge des Hauses ausschalten möchte. Abgesehen davon, daß wir noch weit entfernt sind von eisernen Möbeln und steinernem Bodenbelag, sollte es doch ausreichend sein, daß das offene Fener auch auf dem Lande immer mehr seine Gefährlichkeit durch die verbesserten Herdeinrichtungen verliert. Mit der Erweiterung des Verkehrs begann das Unheil. Die Eisenbahn und die Chaussee erforderten nicht nur selbst Neubauten, die natürlich ohne jede Rücksicht auf ortsübliche Bauweise errichtet wurden, sondern sie erleichterten die Zufuhr von Baustoffen, die industriell hergestellt, von vornherein als Fremdkörper in dem Bauorganismus wirkten, und dazu noch ganze Architekturglieder fix und fertig für die Baukastenentwürfe lieferten. In demselben Grade, wie der Ziegelrohbau, Dachpappe, Zink- und Stuckornamente zunahmen, verminderte sich die Mitarbeit der Bauherren, um schließlich ganz zu verschwinden. Damit war endgültig ausgeschaltet, was einstmals eine der wichtigsten Grundlagen bäuerlicher Kunst war: das W erst ä n d- nis für die überlieferte Bauweise. Bisweilen so gründlich, daß selbst geldliche Vorteile nicht vermögen, die Sucht nach städtischer Nachahmung zu unterdrücken. Als in den Bierlanden eine Anzahl der bekannten prächtigen altvierlander Bauernhäuser abbrannte, stellten die Hamburger Behörden den Bauern erhebliche Zuschüsse in Aussicht, wenn sie wieder in der überlieferten Bauweise — natürlich mit Berücksichtigung moderner Woh-rbedürf- nisse! — bauen würden. Nu.r einer von den acht Beteiligten war dazu zu bewegen, trotzdem der einsichtige Pastor und der den Bauern persönlich bekannte Direktor des Hamburger Museums für Künst und Gewerbe es nicht an Bemühungen fehlen ließen. Aehnliche Erfahrungen hat man auch an anderen Orten gemacht*) und die Schuld den Bauschulen zugemessen, welche die ländlichen Maurermeister nur für Stadtfassaden ausbildeten. Trotzdem sind diese allein daftir wohl nicht verantwortlich zu machen, obwohl sie bisher wenig Berständnis für unsere bodenständige Bauweise an den Tag gelegt haben. Wir müssen auch die völlige Ahnungslosigkeit unserer Landleute in künstlerischen Fragen mit in Betracht ziehen, die mit der mangelnden Kenntnis der technischen Vorgänge, die sie aus oben geschilderten Gründen verloren haben, auch eine Einbuße an bäuerlichem Stolz erlitten haben und lieber den städtischen Plunder als ihre wertvolle Heimatkunst schätzen. *) Hoffentlich sind die Herbsteiner beim Wiederaufbau ihrer Häuser einsichtsvoller. D. Red. (Fortsetzung folgt.) Dis Gartenstadt. Auf der zurzeit in Bremen stattfindenden 32. Berfamm- lnng des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits- 852 — pflege sprach u. ä. Prof. Dr. C. I. Fuchs aus Freiburg i. B. über die „Gartenstadt". Die Gartenstadtbewegung ist als praktisch erfolgreiche Bewegung zuerst in England entstanden. Dort hat die Trennung des Wohnorts von der Arbeitsstätte namentlich für die Arbeiter vielfach ein zu großes Maß angenommen. Die Gartenstadtbewegung erstrebt demgegenüber in England die Beseitigung der Ueber- völkerung der Städte einerseits und der Entvölkerung des platten Landes andererseits durch Dezentralisation der städt. Bevölkerung und ihrer Arbeitsgelegenheiten, also insbesondere der Industrie. Sie bezweckt also die Schaffung neuer Industrie- uud Wohnorte von 30000 Einwohnern, welche einen eigentlichen Stadtkern mit Handel und Gewerbe haben sollen, um den sich gartenmäßig angelegte Wohnviertel und dann auf dem größten Teil des Geländes kleine landwirtschaftliche Betriebe herumlegen sollen. Es sollen also dadurch zur Deckung des Bedarfs dieser neuen Städte an landwirtschaftlichen Produkten gleichzeitig landwirtschaftliche Kleinbetriebe geschaffen werden, und so eine engere Verbindung von Landwirtschaft und Industrie, von Stadt und Land hergestellt werden. Als notwendig für die Sicherung dieses Zweckes wird dabei Gemeineigentum der Stadt an ihrem ganzen Gelände erachtet. Der erste in Verwirklichung begriffene Versuch einer solchen Gründung ist die Gartenstadt Letchworth nördlich von London. Vou diesen „Gartenstädten" im eigentlichen Sinn ist die gartenmäßige Anlage von Vororten, d. h. reinen Wohnorten, insbesondere für Arbeiter, in der Nähe der Großstädte zu unterscheiden, also die wirtschaftliche und namentlich ästhetische Reformierung der Suburbs, in denen in England schon jetzt die Mehrzahl der städtischen Bevölkerung wohnt. Hier handelt es sich also um „Gartenvorstädte", nicht um Gartenstädte im engeren Sinn. Musterbeispiele dafür sind in England Port Sunlight bei Liverpool und Bournville. Bei Gelegenheit des internationalen Wohnungskongresses in London hatten vor Wenigen Wochen die Deutschen Gelegenheit, die wunderschönen Gartenstädte in England kennen zu lernen. Trotzdem kann die Bestrebung in Deutschland sich nicht auf gleicher Linie wie in England bewegen. — In Deutschland handelt es sich bei der Gartenstadtbewegung vorwiegend um Gartenvorstädte. Dies gilt auch von der ersten im Entstehen begriffenen Gründung der Deutschen Gartenstadtgesellschaft in Rüppur bei Karlsruhe. Die ausgedehnte Gründung von solchen Gartenvorstädten ist aber von größter Bedeutung für die Emanzipation von der Mietskaserne und damit für die Schaffung gesünderer und kulturell höherstehender Wohnungsverhältnisse- für unsere Mittel- und Arbeiterklassen. Zu ihrer Einbürgerung sind neben entsprechender Gestaltung der Bebauungspläne und Bauordnungen (vor allem Unterscheidung von Wohn- und Verkehrsstraßen und Herabsetzung der Anforderungen für Kteinhäuser) ausgedehnte Anwendung des Erbbaurechts durch Staat und Städte sowie entsprechende Entwicklung der Verkehrsmittel notwendig. Geh. Oberbäurat Prof. Dr. Baumeister aus Karlsruhe bezeichnete die Gartenvorstadt, so wie sie sich bei uns entwickeln wird, lediglich als eine Stufe in dem System der Uebergänge von Stadt zu Land. Er machte eine Reihe organisatorischer Vorschläge. Bon vornherein muß die zulässige Zahl der Familien in einem Hause begrenzt werden, es müssen Vorgärten und Hintergärten von ausreichender Größe verstanden sein. Alles das geht aber nur bei niedrigen Bodenpreisen. Staat und Gemeinden müssen frühzeitig eingreifen, damit diese nicht in die Höhe schnellen. Geh. Oberfinanzrat Fu äy s aus Darmstadt berichtete von der Ortschaft Buch sch lag, die auf fiskalischem Gelände von der hessischen Regierung in Gemeinschaft mit einer Frankfurter Baugenossenschaft errichtet wurde. Der Quadratmeter Land wird zu 1 Mk. verkauft, es dürfen nur 1—2 Familienhäuser gebaut werden. Eine größere Bebauung ist auch für die Zukunft verboten. Im Erbbaurecht hätte man dort übrigens keine Ansiedler gefunden. VeVMrschSss« * Was braucht eine Dame in London? Man schreibt aus London: In den nächsten Tagen wird in London ein amerikanischer Gerichtsdelegierter eintrefsen, um festzustellen, was eigentlich eine junge Dame braucht, um den Ansprüchen der englischen Gesellschaft in einwandfreier Weise zu genügen. Das Newyorker Vormundschaftsgericht ist es, das diese seltsame Studienreise veranlaßt hat; man will ergründen, welche Summen eine junge Amerikanerin zur Verfügung haben muß, um anständig in London leben zu können. Tenn was die jungen Amerikanerinnen im allgemeinen in Europa verbrauchen, kommt den Herren vom Newyorker Vormundschaftsgericht Wohl etwas zu hoch vor. Ein englisches Blatt hat nun nach eingehenden Be-i ratungen mit den fashionablen Modehäusern berechnet, welches Sümmchen ein. junges Mädchen zur Verfügung haben muß, wenn sie ihre Eroberungskünste würdig entfalten will. 15 300 Mark werden als mittlere Turchschnitts- summe angesehen nur für die Erfordernisse der Toilette während einer Londoner Saison. Aber man kann nicht das ganze Jahr in London sein; die junge heiratsfähige Amerikanerin muß auch nach Cowes oder nach Goodwood gehen. Und das bedeutet wieder eine Extraausgabe ftir Toiletten und Zubehör, die mit 5200 Mark nicht zu hoch angesetzt ist. Für kleine Ausgaben, Taschengeld, Vergnügungen und Geschenke wird man mindestens 16 000 Mk. für das Jahr in Rechnung stellen müssen. Mit rund 40 000 Mk. insgesamt kann eine junge Amerikanerin, die keine übertriebenen Ansprüche stellt, sich zur Not in London durchschlagen. Die schönen Töchter der neuen Welt müssen also schon rmmerhin einiges anlegen, ehe die Bräutigamschau Aussicht auf Erfolg bietet. Findet sie dann einen Gemahl mit einem angemessenen Titel, so ändern sich diese Zahlen mit einem Schlage um ein Bedeutendes. Denn die verheiratete Frau, die in London ein Haus machen will, muß mindestens zwei Bälle und vier oder fünf Tiners geben, will sie ihreü gesellschastlichen Pflichten nachkommen. Rechnet , man zü diesen nicht unerheblichen Kosten noch die Hausmiete, Toiletten usw., so ergibt sich ein Budget von 226 000 Mark- Und dabei wird sie sich noch hüten müssen, besondere Liebhabereien zu kultivieren. * Die Sonne als Brandstifterin. Ueb'er eine merkwürdige Brandursache schreibt Professor Dr. M. Reißer vom Institut für experimentelle Therapie zu Frankfurt in der Umschau: Am 5. August, nachmittags um 5 Uhr bemerkte ich beim Betreten des Laboratoriums, daß die eichene Tischplatte des Laboratoriumstisches lebhaft qualmte, und überzeugte mich, daß die betreffende Stelle glühend heiß war. Ich dachte zunächst an Brand durchs ein Streichholz oder dergleichen, bis ich bemerkte, daß etwa acht Zentimeter von der Stelle entfernt ein mit Wasser gefüllter Einliterkolben stand, der, von der Sonne beschienen, als Brennglas wirkte und zwar so intensiv, daß das harte Eichenholz zu rauchen begann. Ein paar kleine Versuche zeigten die Richtigkeit der Annahme. Tabei war das Fenster geschlossen und die Stelle, an der der Kolben stand, eüoa 3 bis 4 Meter von dem Fenster entfernt. Wäre das an einem Sonntagnachmittag gewesen und ein Brand daraus entstanden, wer hätte wohl an den Kolben gedacht? Sicherlich wäre eine Fahrlässigkeit mit Feuer angenommen worden." Dasselbe Erergnis ist mir schon vor einigen Jahren vorgekommen, als ein Blatt Fließpapier auf dem der Kolben stand, ebenfalls nur durch Sonnenwirkung verbrannte. In Laboratorien, die so häufig Feuergefährliches enthalten, möge man also auf die Sonne als Brandstifterin achten; vielleicht spielt noch einmal der mit Wasser gefüllte Glaskolben eine forensische Rolle, in der Wirklichkeit oder wenigstens im Detektivroman. Rätsel. Ich gleiche des Ausruhrs durchlöcherter Fahne, Du stehest mich nagen mit gierigem Zahne,,, Das Haupt mit dein düsteren Schleier gekrönt; Und doch hab' ich ost dir das Dasein verschönt. Ans Liebchen, ans traute, gemahne ich dich, Du nennst sie mit gleichem Worte rote mich. Wenn aber mein Haupt und mein Fuß mir entweichen, So bleibt dir der Unschuld und Schüchternheit Zeichen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Armenien — Vegrito — Daniel — Dube! — E§ra — Eichenlaub; Andree, Ballon. Redaktion : P. W i t t do. —^Rotalsonsdruck rmd Berlaa der Brü b loschen Universitäts-Buch- rmd Stemdruckerei. R. Sänne, Gketzev.,