Montag den 18, Aeßruar 1907 ü Li |W k 1 ri s Menschenleben, die lügen. Roman von H. E h r h a r d t, Verfasserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Marga stierte entgeistert auf die kleine Szene da unten. Die Ahnung von etwas Unfaßbarem, Ungeheurem senkte sich wie ein Alv auf ihr glücklich liebendes Herz nieder. Mit am Boden klebenden Füßen blieb sie stehen. Sie hatte auch nicht die Kraft, sich zu rühren, als Dietz jetzt, geräuschvoll ivte stets, das Zimmer betrat. „Bist du rein des Teufels, Junge!" schrie der alte Freiherr ihm erbost entgegen, „den Gaul derart abzuhetzen! Ich bin gut genug dazu, dir die Pferde zu schenken oder zu bezahlen, die du ohne Besinnen zu schänden reitest. Ich sag's ja, sobald nur einer von euch die Nase hier hereinsteckt, geht der Merger los." „Könntest Gott danken, tvenn du mit dem Aerger, den ich dir bereite, davon kämest!" meinte Dietz höhnisch, und warf die Reitpeitsche Katschend auf den Tisch, „dem Gaul passiert nichts, wäre traurig, wenn er so wenig aushalten konnte. Wer selbst wenn ihn auf der Stelle der Schlag träfe, könnte mich das nicht mehr alterieren, als ich ohnehin schon bin. Ja, sag!, wißt Ihr denn noch nichts? Lebt Ihr denn hier bei den Hottentotten ?" „Um Gottes willen, was ist geschehen?" fragte die Freifrau, durch die ungewöhnliche Erregung des sonst so nüchternen, kühlen Sohnes beunruhigt. Dietz zögerte einen Moment. Ob er doch jetzt den Zorn des Alten fürchtete, den zu wecken er im Begriff stand oder ob er instinktiv ahnte, daß seine Mitteilung ein tödlicher Schlag für ein angstvoll klopfendes Mädchenherz sein würde? Er trat an den Vater heran. „Lest Ihr denn keine Zeitung?" fragte er unsicher, „ah, da liegt sie ja noch —" „Eben gekommen!" brummte der Freiherr unfreundlich, „war mir schon zu düster, habe nicht mehr deine Augen, aber nu mach, schieß los." Der junge Offizier griff rasch nach dem Zeitungsblatt, faltete es auseinander, und als er die gesuchte Notiz gefunden, gewann die empörte gehässige Erregung in ihm die Oberhand und er las laut, mit starker Betonung: „St.....den 16. Januar 189 . . Bei einem gestern im nahen Birkenwäldchen stattgefundenen Duell erschoß der Freiherr von Tressenberg von den X. Husaren den Hauptmann im 6. Ar- tillerie-Regiment von Poseck, der zu den beliebtesten und . . ." Er kam nicht weiter. Hinter ihm klang ein ächzender Laut, dann ein dumpfer Fall. Marga war nebyi dem kleinen Tischchen, auf das sie sich gestiitzt, znsammengebrochen. * Duftende Frühlingsblumen, wie Hyazinthen, Krokusse und Tazetteu blühten bereits auf Hauptmann von Posecks Grabe, als Marga zum ersten Male ihr Lager verließ, auf dem ihr junger, kräftiger Körper wochenlang mit dem Tode gerungen. In ihren Fieberphantasien hatte sie unaufhörlich Walters Namen gerufen. Bald voll zärtlicher Leidenschaft, von Wonne durchzittert, bald ängstlich, vorwurfsvoll, in bangem Flehen. Sie sträubte sich mit aller Kraft ihrer aus seligem Hoffen geschreckten Seele, das Unerhörte zu glauben. Eine ganze Tragödie entrollten ihre Phantasien den ahnungslosen Eltern. Langsam begann die Eisrinde um das harte Herz der Freifrau in dieser aufreibenden Krankenpflege zu schmelzen. Der erschütternden Tragik dieser Schicksalsfügung tonnte auch sie sicy nicht verschließen. Sie pflegte die Kranke mit wirklicher Aufopferung und es gab sogar Stunden., in denen sie der langsam Genesenden Recht gab, die in bitterer Verzweiflung gegen einen gütigen Gott haderte, der ihr nicht vergönnen wollte, mit dem Geliebten im Tode vereint zu fein. Sie begriff diesen Wunsch. Sie gestand sich, daß sie der Tochter niemals ersetzen konnte, was sie verloren, und sie fühlte, daß dem unglücklichen Mädchen graute vor dem einsamen, dunklen, hoffnungslosen Leben, in das sie zurückgeschleudert wurde in dem Moment, da sie, wie einst Moses, das gelobte Land zu ihren Füßen liegen gesehen hatte, das Land, das sie nie betreten würde. Als sie genesen, sprach sie nie mehr von Walter. Wie ein Schatten ging sie klaglos einher, während ringsum alles grünte und blühte und der Zauber der sich erneuenden, ans Licht drängenden Natur die ganze Welt umspann. Der Arzt kam noch täglich und sah ihr Benehmen mit stetig wachsender Sorge. Er hatte ihr junges Leben dem Tode abge- rungen und kämpfte nun von neuem gegen einen grausamen Feind, der tausend, -al schlimmeren, weil geistigen, Tod für das arme gebrochene Geschöpf bereit hielt. Eines Tages hatte er eine lange, ernste Unterredung mit der Freifrau. „Wenn das so weiter geht, stehe ich für nichts!" sagte er sichtlich erregt, „Baronesse Marga ist schon immer eine Natur gewesen, die alles in sich allein verkämpft hat. In diesem Falle ist das Gift. Es wird zum gebieterischen Muß, daß wir sie auf irgend eine Weise diesen: apathischen Schmerz entreißen. Und selbst, wenn ihre Seele aufs tiefste erschüttert wird, es ist nötig —" Die Freifrau hatte ihm ruhig zugehört, nun meinte sie, mit leicht zögernder Stimme: „Ich habe einen Brief an meine Tochter in Händen, den ich ihr bis heute noch nicht zu geben wagte, weil ich die schmerzliche Erregung für sie fürchtete, aber wenn Sie meinen, Herr Doktor —" „Geben Sie ihr den Brief sofort", der alte Arzt lief unruhig im Zimmer auf und ab, „es ist ein gewagtes Experiment, aber es wird eine Krise bringen. Ich will hier bleiben und die Wirkung abwarten." Marga saß in ihren: Turmstübchen am Fenster. Beide Flügel desselben waren weit geöffnet und vom Garten herauf zog der Geruch blühender Veilchen und der warme feuchte Hauch des sonnennberstrahlten Erdbodens. In den: grellen Licht, das ihre magere, zusamn:engesuukene Gestalt umfloß, sah sie erschreckend elend und verfallend aus. Keine Muskel bewegte sich an ihr, obgleich der Eintritt ihrer Mutter ihr unmöglich entgangen sein konnte. Die Freiftau ging direkt auf ihr Ziel los. 106 „Ich bringe dir hier etwas, Marga!" sagte sie ganz unbe- kangen, „einen Brief. Willst du. ihn tefen?'' Das Mädchen hob den Kopf. Mit hilflosen, müden Augen sah sie die Mutter an., lieber ihre blassen Lippen kam kein Laut. Da legte die Freifrau ohne ein weiteres Wort den Brief auf das kleine Bambustischchen am Fenster und entfernte sich wieder. Vor der Tür setzte sie sich aus eine alte eichene Truhe und wartete. Margas Blicke wanderten teilnahmlos über die großen markigen Schriftzüge der Briefadresse. Den Poststempel konnte sie wicht recht erkennen. Zu was auch? ES war ihr so gleichgültig. wer ihr da schrieb. Und doch übten die Buchstaben »dort eine Art Hypnose auf sie aus. Sie begann den Brief zu betasten, hielt ihn eine Weile in den durchsichtigen Fingern — dann zog sie langsam eine Nadel aus dem dünn gewordenen Blondhaar und ritzte das Kuvert auf. Zwei eng beschriebene Briefbogen fielen ihr entgegen. Sie bekam ein nervöses Zittern in allen Gliedern, ihre Augen wurden groß und starr und ihre Brauen zogen sich in umnennbarem Weh zusammen, während sie las: „Meine liebe, kleine Marga! Einmal wenigstens will ich Dich so nennen und Dich mit dem trauten Du anreden, wie es der Traum und die Hoffnung meines Lebens war und wie es sich wohl längst erfüllt hätte, wenn widrige Zufälle mich nid# verhindert hätten, gleich nach Deiner Abreise von hier um Dich zu werben. Daß ich es wollte, haben meine Augen Dir ja deutlich genug versichert. Ich habe Dich sehr, sehr lieb gehabt, meine Marga, eigentlich vom ersten Augenblick an, und wärst Du mir tiicht so sehr harmlos und unbefangen entgegen gekommen, so hätte ich wohl nicht so viel Zeit gebraucht, ehe ich merkte, daß ich ohne Dich nicht mehr leben konnte. Ich vermute, daß Du zuerst glaubtest, ich sei noch völlig im Bann meiner Liebe zu Frau Gerhardt, von der Dir wohl mein Entzücken über sie verriet, doch da warst Du ganz im Irrtum. Für Frau Gerhardt habe ich seit ihrer Verheiratung nur rein freundschaftliche Gefühle empfunden und sie hoch gehalten, als die Frau, der ich Meine erste Liebe geweiht, — aber schon, als ich Dich zum ersten Male sah, drängte sich mir der Gedanke auf, wieviel besser Du in Deiner süßen Anmut und Bescheidenheit für das schlichte Heim, das ich armer Leutnant mal meiner Frau bieten konnte, passen würdest. Und allmählich festigte sich in mir immer mehr der Gedanke, der schon nach unserem Wiedersehen beim Basar zuin festen Entschluß reifte, daß nur Du meine kleine angebetete Frau werden solltest. Nachdem ich erst daS schüchterne Geständnis Deiner Gegenliebe in Deinen Augen gelesen, schien mir unser Glück gesichert. In den nächsten Tagen schon wollte ich bei Dir sein — da kam die schwere Krankheit meiner Mutter. Ich weiß, Du wirst mir Nicht zürnen, daß ich fürs erste nicht von dem Schmerzenslager der besten aller Mütter wich — Du wirst auch verstehen, daß ich an mein Glück nicht denken wollte, so lange sie mit dem Tode rang. Run trennen mich nur noch wenige Tage von dem Zeitpunkt, da ich, von dem Segen der Genesenden begleitet, zu Dir .eilen wollte, um Dich, mein süßes Müdchen, von Deinen Eltern M erbitten. Doch, wenn Deine schönen, sanften Augen diese Zeilen lesen, Hann ist alles Hoffen vorbei, dann bin ich Dir schon so weit entrückt, wie eben nur ein Mensch es sein kann, hinter dem die Pforten der Ewigkeit sich geschlossen haben. Klage Deinen Bruder, von dessen Hand ich dann gefallen bin, nicht an — ich habe ihn in einem Moment nervöser Ueberreizuug schwer beleidigt Nnd er mußte mich heransfordern. Auch der tödliche Schuß wird vielleicht nicht gewollt, sondern mehr ein Zufall sein. . Er ahnt ja nickst, wem er gegenüber steht! Und glaubst Du nicht, daß wenn er es erfährt, ein Schatten über sein Leben geworfen wird, der selbst für seine kühle, hochmütige Natur zur nie zu sühnenden Qual werden kann? .Sei gut zu ihm, weil ich Dich darum bitte. lind nun muß ich Dir noch ein Geständnis machen. Ich habe keinmal gemeint. Dich verachte,: zu müssen, weil Ernst Kronaus Antrag annehmen wolltest. Dich verkaufen wolltest, wie ich es nannte. Verzeih mir das. Es war ja, nur Neid auf den Glücklichen, der Dich erringen sollte.. Heut weiß ich das und beurteile es ganz anders. Ja, ich sage Dir als Dein Verlobter, als der ich mich seit Wochen sühle: Wenn je ein ehrenwerter Mann Dir die Hand zu neuem Leben bietet. Dich herausreißm will aus der Misere Deines Elternhauses, so folge ihm und werde glücklich Aus dem Jenseits, an das ich glaube, will ich ihn segnen dafür. Meine liebe, kleine Marga, mein süßes Mädchen, lebe wohl! .Einmal wenigstens küssen hätte ich Dich mögen zum Abschied. Es sollte nicht sein. Es ist sehr dunkel um mich und in mir. Ich sterbe nicht gern, aber wenn es so weit sein sollte, hoffe ich, mich mit Ergebung in Gottes heiligen Willen fügen zu können. Beuge auch Du Dich darunter, mein Lieb, dann wird der Allgütige Dir seinen Trost verleihen. Du hast ja auch eine treue Freundin, auf die Du Dich stützen kannst, ich weiß, Hanna wird Dich nie verlassen, tote sie teilgenommen hätte an unserem Glück, so wird sie auch teilnehmen an Deinem Schmerz. Meine Marga, meine arme Marga! Es grüßt Dich heut zum letzten Male . Dein Walter." Der jähe Schluß verriet, wie viel der Schreiber eigentlich noch hatte sagen wollen und daß er sich eicdlich gewaltsam ein Ziel gesetzt hatte. Aber gerade das sprach deutlicher als alle Worte, die noch hätten folgen können, zu dem in Schmerz erstarrten Mädchenherzen. Marga war sonderbar zumute. Sie hatte die Hände um die Briefblätter gefaltet und von den weißen Bogen strömte es auf sie ein wie eine warme Flutwelle, die belebend und erlösend durch ihre Adern glitt. Der Schmerz in ihrer Brust war geblieben, aber in seine Starrheit hatte sich etwas weiches, zärtliches geschmeichelt — der letzte Liebesgruß des toten Geliebten. , Als die Freifrau nach einer halben Stunde vorsichtig bte Tur öffnete, lag Marga vor ihrem schmalen Mädchenbett auf den Knien und weinte lautlos in die Kissen hinein. Da drückte sie leise die Tür wieder ztz. An diesem Abend fragte sie zum ersten Male nach ihrem Bruder Joachim. Sie war totenblaß dabei, aber völlig gefaßt. Nur ihre Augen schlossen sich halb, wie in tödlicher Erschöpfung, als die Mutter ihr sagte, er habe eines Duells mit tödlichem Ausgange wegen acht Monate Festung bekommen, die er in G. verbringe. Sie vermochte nicht, gleichgültig die näheren Umstände des Duells zu erfragen. Ihr beredtes Schweigen lastete förmlich drückend auf der kleinen Tafelrunde. (Sortierung folgt.) Als Wakdöanernfamrtie« Ein Winterbild aus dem Böhmerwald. Der Winter rast im Sturmesschritt durch den Wald und schüttelt seinen Flockenschwall über Berg und Tal. Die gewaltigen Bergeskuppen sind in schneegebärende Wolken gehüllt, die endlosen Forste tragen auf ihren Riesenschultern ungeheure «chnee- msten. Doch fest stehen sie wie die Granit- und Gneisberge, aus bereit Tiefe sie die Nahrung saugen; der Sturm kann ite wohl biegen, brechen lassen sie sich nicht! Gerade so tote bte Menschen des Waldes: die zähen Waldler! Das heult und braust und wachelt (weht), baß es einem den Atem verschlägt. Klafterhoch häuft sich der Schnee au, ost verschüttet er ganze Dörfer, daß nur die Schornsteine stchrbar bleiben, und dann leben die Waldler tote bte Eskimos in ärmlichen Schneehöhlen. ... . , „ Gegen den Sturm ankämpfend, ringend nach Atem und von Heißhunger gepeinigt, bei jedem Schritt bis -nt die Hüsten tm Schneemeere versinkend und uns mit übermeistchlrcher Anstrengung wieder herausarbeitend, erreichen wir auf unserer Wanderung, wenn wir uns in so wilddräuender Zeit gerade auf einer solchen befinden — u.nb im Böhmerwalde blüht auch der Wrnterberg- fhört — ein Dorf im weiten Bergwalde. Vor dem ersten Bauernhause halten wir erschöpft inne und begehren Einlast. Gastlich öffnet sich uns die Tür und w,r treten, den Schnee von den Füßen stampfend, ein in die dämmernde, wohlig geheizte Waldbanernstube, wo die Bauernfamilie gerade um beu großen Buchentisch herumsitzt und sich zum Mahle rüstet. Die Hanssrau kommt uns, der uralten Sitte getreu, mit dem Laib Brot entgegen, heißt uns abschneiden und lädt uns ein, Platz zu nehmen. Der Frost zwickt uns noch in allen Gliedern, dort beim neu gen' Kamine, in dem das fette Wurzel- und Stockholz brennt, steht dte grün angestrichene Qfenbank — dort ist's wohlig und traulich, dort lassen wir uns nieder und genießen die belebende Wärme, welche aus dem Ofen in unfern Körper strömt und die halb erstarrten Lebensgeister wieder zur vollen Tättgkeit wachrust. Im großen, altmodischen Kamin mft den grünglaftgeu Kacheln prasselt der Kien, eintönig geht der langsame Peudelschlag der rauchgeschwärzten Schwarzwälder durch bie lautlose Stille Der traulichen Bauernstube, denn die Familie hat sich soeben zu Tische gesetzt, um das Mittagsmahl einzunehmeu, und da wäre es gegen die althergebrachte Sitte, wenn jemand während des Löffelns und Schaufelns aus der großen Schüssel nur ent Wort redete. So haben wir gleich Gelegenheit, die, ®a£bbauew' familie während des Essens zu beobachten, und em ©efubli M* schleickst uns, als wäreit uns diese Menschen schon langst «et- ir ante, als gehörten auch wir zur Sippe, die Ws aus beu erste« Blick durch ihr einfaches, gerades, unverfälscht deutsches Wese« fesselt. — 107 — i t c r t i t Hause. Schwarz ist dieses Kraut tote reisverbrannte Kartoffelstauden, denn es wird mit allen Blättern eingeschnitten, die sonst in milderen Landstrichen dem Vieh verabreicht werden. Aus dem rauhen Hochkamme des Böhmertoaldes wird es selbst dem Kraut zu kalt, sodaß schön entwickelte Köpfe eine Seltenheit, weitverzweigte Blätterstauden gewöhnlich die Regel sind. Aber dieses rauhe Gericht schmeckt, und aufs Kraut und Brot hält man im Waldbauernhause nicht kleine Stücke. Vergeblich spähen wir nach einem Teller auf dem Waldbauerntische. Solchen Luxus gönnt man sich zu „allen heiligen Zeiten" einmal, wenn es Fleisch gibt, und da bedient man sich nur flacher Holzteller, die billig sind und nicht zerbrechen. Dafür liegt aber ein Laib Schwarzbrot auf dem Tische, so groß wie etwa eine runde Marmorplatte in den Kaffeehäusern, und dabei liegt der lange, scharsgeichliffene Schnitze, womit man sich, je nach Bedarf, ein „Trumm" abschneidet. Und nun dampft die Krautschüssel, und der Bauer erhebt sich von seinem Sitze. Jetzt legt er auch den Hut ab, und salbungsvoll beginnt er das Tischgebet. Meist ist es der englische Gruß, den er absatzweise vorbetet und die anderen ebenso nachbeten. Alle erheben" sich und falten die Hände, den Blick zum Kruzifix gerichtet, und in melodischem Tonfalle steigt das Gebet gläubiger Herzen zum Spender alles Guten empor. Geräuschlos lassen sich alle nieder. Der Bauer schneidet sich ein „Trumm" Brot ab, dann wandert der Laib von Hand zu Hand, und alsbald schaufeln sie mit ihren Breiten, Blechlöffeln aus der großen Schüssel so emsig, daß ihnen dabei wirklich bte Röte ins Gesicht steigt, und zu jedem Löffel Kraut beißt man kurzweg ein Stück Brot ab. Vortrefflich scheint das frugale Gericht zu munden. Arbeit und Hunger sind hier die besten Köche, und Genügsamkeit ist seit jeher eine der Haupttugenden der Waldler. Kein Laut wird während des Essens gesprochen, und der Kien prasselt im Kamin, gleichmäßig geht das einförmige Ticken der Uhr, und drartßert rüttelt der Nordstnrm an den Fenstern. Hat man des Krautes genug, das ja doch in erster Reihe als Magcnfülle betrachtet wird, so leckt man den Löffel fein säuberlich ab und legt ihn nieder, erwartungsvoll den kommenden besseren Dingen entgegensehend. Run bringt die Bäuerin das Hauptgericht: in Schmalz gebackene „geriebene Nudeln" oder etwa einen fetten, dottergelben Kukurutzsterz oder gar einen Eiersterz, den König aller im Walde so beliebten Sterze. Das sind Leckerbissen, die man dem Fleische vorzieht, und «uch der Fremde, der sie einmal gekostet, wird nicht unbefriedigt den Löffel aus der Hand legen. Die Bäuerin stellt gleich den ganzen „Braffcherben" auf den Tisch, denn von vielenr Geschirrwaschen ist sie keine Freundin. Wieder hantieren alle mit ihren Löffeln und ein förmlicher Wettstreit unter den Essern macht sich geltend, weil sich jeder so viel als möglich zueignen wlll. Daß es auch an der nötigen Anfeuchtung nicht ehle und die ziemlich großen Bissen leichter „hinunterrutschen^, letzt eine Schüssel voll dicker, eisfrischer Sauermilch in Bereit- chaft, aus der man ebenso emsig löffelt, wie aus dem Brat- 'cherben. „ ,, < Ist die Mahlzeit beendet, so bleibt man stumm sitzen, bts der Bauer sich zum Dattkgebet erhebt, und wenn dieses gesprochen ist, dann greifen die „Monnaleut" nach ihren Pfeifen und rauchen sich eine, während die „Weibsbilder" den Tisch räumen und das Geschirr waschen. Der Bauer aber legt sich hin auf die Ofenbank — natürlich mußten wir ihm Platz machen, indem jetzt wir uns zu Tische setzen und den Eiersterz verzehren, den die gastliche Hausfrau eigens für uns zubereitet — und hält seinen Mittagsschlaf. Das Schneetreiben im wilden Bergwalde wird immer ärger, schon sind alle Pfaden und Bahnen von meterhohen Sch.-tee- wehen verschüttet, daß an ein Fortkommen im Freien gar nicht zu denken ist. Der Bauer geht zum Wetterglas und prüft ernsten Blickes den Quecksilberbestand. „Es steigt langsam", spricht er, „und morgen ist Ruhe. Zeitig früh ziehen die Leute aus und stellen bie, Bahn wieder her, drum ist's besser, Sie bleiben bei uns, benit in solchem Wetter traut sich nicht einmal ein Hund hinaus." Dankbar nehmen wir die Einladung der braven Männer an und verfolgen nun die häuslichen Verrichtimgen. Die Weiberleut füttern und melken die Kühe, der Knecht betraut die Ochsen, die Bäuerin bte Schweine und Gänse. Der Sohu stellt sich an die „Hölz l- bauk" und stößt beit gut bezahlten Zünbhölzchendraht, indes der Bauer sich auf die „Hoaz'lbank" setzt unb mit dem Reifmesser die kostbaren Resonanzbob enholzbretter schneidet. Die Bäuerin nimmt nach der Fütterung Spinnrad und Rocken zur Hand und dreht gar hurtig den Faden um die schnurrende Spindel, während die Kinder auf ihren Schneeschuhen zur mitunter weitentfernten Schule eilen. Im Skiläufen haben sie es zu einer staunenswerten Fertigkeit gebracht. Wir wandern durchs Bauernhaus und betrachten uns alle seine Räume, den rindergefüllten Stall, den Schupfen, die heu- und kornreiche Scheune, den Dach- und Hochboden, die Menscher« kammer, die Extrastube und das Ausgedingstübel; überall grüßen uns Ordnung und Reinlichkeit entgegen, waltet der gute Geist der Familie. Zunächst der Bauer, der König im Reiche seines häuslichen Friedens. Heute sieht er ernst aus, denn gerade rüstet er sich zum Sprechen des Tischgebetes. Im Wirtshause ist er ein anderer als im Kreise seiner Angehörigen, und auf dem Tanzboden kann er sogar übermütig werden, wenn die Geigen locken und bie Trompeten schmettern. Noch sitzt ber große Filzhut ans seinem haarreichen Kopfe; von diesem Hut vermag er sich nur Mver zu trennen. Er nimmt ihn nur beim Essen und beim Beten ab, sonst scheint er mit demselben verwachsen zu sein, so daß es uns also nicht wundern darf, wenn wir betm Betreten einer Schenke Männer und Burschen in ihrer Kopfbedeckung an den langen Tischen sitzen sehen. Dichter Vollbart umrahmt fern haaeres Gesicht, aus dem zwei feurige, menschenfreundliche Augen blitzen, buschig ist in der Regel auch ber „Schnauzbart". Die blaue Leinwandhose ist mitunter so geflickt, daß ein Fleck sozusagen den andern hält, wobei auf bie Farbe leine Rücksicht genommen wird. Weiß, rot, blau, gelb unb braun gatten sich mit dem ursprünglichen Blau des Beinkleides, und so ist's auch beim blauen „Schoig" (Rock) unb dem gleichfarbigen „Seiht (zvßeftc). Bei der Arbeit ist alles gut, meint der Bauer, und wir halten es da ganz mit ihm. Die Füße stecken in den schweren, warmen Holzschuhen, bie int Böhmerwald massenhaft fabriziert unb abgesetzt werben unb eine billige, dauerhafte Fußbekleidung liefern. Die Wollsocken, meist an ber Ferse durchlöchert unb bann mit grober Seinwanb geflickt, toerben über den Hosen getragen, sodaß diese in den „Söck'lu" stecken und nicht ausfransen, was den ästhetischen Sinn des Bauern verletzen würde. Unb so tote ber Bauer, kleiden sich auch an Werktagen ber Sohn und ber Knecht, nur baß bei biefen meistens ber Rock fehlt, weil sie noch ein heißes Blut haben unb deshalb „ärm- lat"*) gehen. Am Herde hantiert die Bäuerin, benn bie geriebenen Nudeln sind noch nicht ganz ansgebacken, und die Sippe wartet schon mit Sehnsucht aufs Essen. Wir haben Gelegenheit, auch ihren äußeren Menschen gründlich zu studieren. Sie ist ein angenehmes Weib in den Dreißigern, aber das Hauskostüm entstellt sie ein wenig. Auch an ihren Füßen stecken HolzsHuhe, die ihrem Gauge etwas unbeholfenes, schwerfälliges verleihen. Wenn sie in ber Stube auf unb ab geht, klappern diese lose sitzenden Schuhe wie Drischelschläge auf ber Tenne. Blaue bis an die Knie reichende Woflstrümpse umhüllen die derben Waden, denn die Bäuerin ist eine stämmige, untersetzte Frau, die auf festen Beinen steht. Der blaue Linnenkittel deckt drei bis vier Unterröcke, die ber Frau ein „g'schauperts" (breites) Aussehen geben; die Vorderseite umhüllt das „Füata" (Schürze). Das „Leib!" 'fehlt heute, denn in ber Stube macht man sich's bequem. Nur ein rotgestreifter Spenser umhüllt die Brust. Um den Kopf schlingt sich das „Kopftüachl", welches rückwärts, im Nacken, gebunden wird unb bie langen, blumigen Zipfel tief in den Nacken hinunter flattern läßt. So wie der Mann sich nicht vom Hute trennen kann, trennt das Weib sich auch nicht vom Kopstuche.', Um den Tisch herum sitzen die übrigen Mitglieder ber Familie: der „Bna" und das „Mensch", wie Sohn unb Knecht, Tochter unb Dirn durchweg genannt werden, und im Tischwinkel eben hocken die kleinen Kinder, sofern sie schon berechtigt sind, an ber gemeinschaftlichen Mahlzeit teilzunehmen. Einen Unterschied zwischen Kindern unb Dienstboten gibt es im Walde nicht, ja nicht einmal das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, Fran unb Dirn ist so aus geprägt, daß es in die Augen springend Wäre. Der Bauer ist das Haupt, die Bäuerin das Herz der Familie, alles andere ist vor ihren Äugen gleichwertig und gleichberechtigt. Der Sohn besitzt keine Vorrechte vor dem Knecht, die Tochter keine vor der Magd, geschwisterliche Zuneigmig herrscht zwischen ihnen. Der Sohn verteidigt im Wirtsyausstreite den Knecht und dieser den Sohn, die Tochter teilt die geheimen Freuden unb Leiden mit der Dirn und diese mit ber Tochter, die Fürsorge des Bauern- paares erstreckt sich auf alle im gleichen Grade. Alle essen sie ans einer Schüssel, wer zuerst daran kommt, der nimmt sich zuerst, ohne dem andern den Bortritt zu laffen; Speisekasten Mnb Brottruhe sind für alle geöffnet. Wer Hunger hat, schneidet sich ab und trinkt Milch, ohne vorher erst um Erlaubnis zu bitten, oder sich von der Bäuerin das Brot vorschneiden zu lassen, wie es in der Stadt geschieht. Dieses altpatriarchalische Zusammengehörigkestsgefühl ist es, was das Familienleben im Waldbauernhause so schön, so anheimelnd, so traut macht. Die Flucht vom Lande, der Zug in die Stadt, sind im Böhmerwalde unbekannte Erscheinungen. Die Leute betrachten sich mit einem Worte als eine einzige Familie, deren Heim, der große, wunderbare Wald mit seinen himmel- ragenben Bergen ist, aus dem sie nicht heraus wollen, und von dem sie so liebevoll Herzlich singen: Das war im Böhmerwald, Wo meine Wiege stand . . . ein Lied, das man in allen deutschen Gauen kennt. Jetzt hat die Bäuerin die große, mit farbigen Blumen Bunt bemalte Schüssel auf den Tisch gesetzt und füllt sie mit Sauerkraut, dem Einleitungsgericht der Mittagstafel im Waldbauern*) in Hemdärmeln. 108 Dcnm lesen wir im viel aSgegriffenen Kalender des Dauern einigem Hausbuch nebst dem Gebetbuche, und endlich naht der Abend die „Sitzweile", der die Familie wieder um den großen S'tfrß '?unt Nachtessen vereinigt. Wieder spricht der Bauer das Tischgebet, dann schüttet che Bäuerin einen großen Topf voll gekochter Kartoffeln aufs Wischtuch und jeder schalt sich einen Haufen oder ern Häuflern — je nach Bedarf — und streut Salz darüber. Kartoffeln sind das Hauptnahrungsmittel der genügsamen Waldler, aus ihnen weiß die Hausfrau gar mancherlei schmackhafte Gerichte zuzubereiten. In ärmeren Familien ersetzen sie das Brot, das hier eben so selten ist, wie das Fleisch in den größeren Bauernhaufern. Sind die Kartoffeln gesckMt, so gibt die Bänerm die Suppe auf, d. h. sie schüttet die im Böhmerwalde allenthalben geschätzte „saure Suppe" in die große Schüssel, und nun löffeln alle cum dieser einen Schüssel und essen die Erdäpfel dazu. Drer- bis viermal gibt die Bäuerin auf, und wenn dre letzte Schusfel daran kommt, daun brockt der Bauer Brot in die Suppe, nach dem Von den einzelnen Essern eine förmliche Jagd mit den Löffeln Ech^Tstche geht es abermals an die Stallftitterung und an die Aufräumung in der Wohnstube. Sind diese Dinge in Ordnung gebracht,'so versammelt der Bauer seine ganze Sippe zum gemeinschaftlichen Nachtgebet. Alle müssen an den Wandbanken fnien und nachbeten, was er vorbetet, oft dauert diese. Andachts- Übung lange, und so mancher schlummert dabei ein. Aber reinem fällt es ein, sich hinwegzustehlcn, denn tn diesem Punkte ist der Hausvater streng und kritisch. Und nun beginnt die Poesie des Winterabends ut der Wald- bauerufamilie. Die Weiber spinnen, die Männer stoßen „Zünd- hölz'l", die Dorfmädchen kommen „in die Rokkenreise , bald stellen sich auch die Burschen ein, sie kommen „in d Hansa . Wer aber folgen dem Bauer in die Schenke, wo wir die Gelegenheit haben, den gesunden Menschenverstand und Mutterwitz der Waldler kennen zu lernen, und noch im Traume — wir nachten in der Extrastnbe unseres Gastgebers — zieht das trauliche Frieden»bild der Waldbailernfamilie an unserer Seele vorüber. * lieber die Ehescheidungsfrage in Italien schreibt die „Köln. Volksztg.": In der Thronrede zur Er- öfsnung der letzten Legislaturperiode 1901 wurde ein Gesetzentwurf über die Ehescheidung angekündigt. Man weiß auch, daß infolge von Schritten, die die Königin-Mutter unternahm, die Regierung aus ihr Versprechen nicht wieder zurückkam. Die Befürworter der Ehescheidung haben aber nie aufgehört, darüber zu reden; sie erinnern jeden Augenblick in der Presse an die Worte, die König Viktor Emanuel HI. in seiner Thronrede dazu gesagt hatte. Eine große Rolle in diesem Feldzuge spielt auch em kürzlich erschienener Roman, der den Titel führt „Una ---onna („Eine Fran") und seit Wochen hier das Hauptgesprächsthema bildet. Die Urheberschaft — die Verfasserin verbirgt sich hinter einem Pseudonym — schreibt man verschiedenen ho-chstehenden Persönlichkeiten zu. Vor kurzenr hatte sich eine zahlreiche Zuhörer- schott im Collegio Romano eingejunben, wo der Professor Scipio Sighela (mit G. Ferrero, Verfasser des Werkes „Die Psychologie des Irrsinnigen") über „Die Ungerechtigkeiten der italienischen Gesetzgebung gegenüber der Frau" sprach. Der Redner ist einer der bedeutendsten und bekanntesten Verteidiger des Gesetzes über die Ehescheidung, nnd man erwartete, daß sein Vortrag hauptsächlich dieser Frage gewidmet sein würde. Die Königin-Mutter Margherita machte indessen einen Strich durch diese Rechnung. Sie "erschien beim Beginn des Vortrages unerwartet im Saal des Collegio Romano, zu dessen Protektoren sie gehört. Die Gegenwart der hohen Dame veranlaßte Scipio Sighela, in feinem Vorträge von dem vorgefaßten Gedankengange soweit abzulenken, daß er nicht einmal das Wort „Ehescheidung" zu erwähnen brauchte — „wagte" wäre wohl richtiger. Die illustrierte „Frauen-Ruudschau", die in ihren 8. Jahrgang eingetreten ist, hat sich immer mehr zu em em der vornehmsten, der Frauenbildung nnd den gesamten weiblichen Interessen gewidmeten Blatt entwickelt und dürfte wohl heute unter den 'modernen Zeitschriften dieser Art an erster stelle marschieren. Die „Frauen-Rnndschau" ist ihrer tont ersten Aag an gestellten Aufgabe treu gebtieben und hat Heft für Heft un- ermüdlich Beiträge gebracht nnd Material zusammengettagen, um die Kultur der Frau zu heben und insbesondere allen tm Erwerbsleben stehenden und auf Erwerb angewiesenen Frauen Hülfe zu leisten. Jii den neuesten uns zugegangenen Heften halt sich Belehrendes iind Unterhaltendes, dauernd Wertvolles und für den Tag Wichtiges in vorzüglicher Form die Wage. Man steht, daß es das ernste Bestreben der Redaktion ist, auf allen Gebieten, die eine gebildete oder nach Bildung suchende Frau mter- ef fieren können, von guten Autoren Bestes zu geben. Ein Seit» Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Br artikel von Dr. Ella Mensch' leitet den neuen Jahrgang ein, Else Rema gibt einen aktuellen Beitrag zur Frage der Krauken- 'chwestern, Walter Turszinsky berichtet von guten und schlechten Gagen und Marie von Helldorff schildert die Erwerbsverhältnisse der Fran in der bildenden Kunst und im Kunstgewerbe. In besonderer Rubrik wird das Neueste auf dem Gebiete des gesellschaftlichen Lebens und des Sportes, ebenso auch der Mode behandelt, ein überaus spannender RoMan aus dem Berliner Leben mit dem Titel „Berlins Ende" wird in Fort- 'etznngen abgedruckt. Die Juristin Dr. Raschke berichtet über die Rechtsstellung der Fran nach dem neuen ehelichen Güterrecht Im künstlerischen Teil findet sich ein hübscher Aussatz über den berühmten sranzüs. Maler Mittet, begleitet von zahlreichen vortrefflich wiedergegebenen Illustrationen, außerdem findet sich noch eine Anzahl trefflich ansgeführter Abbildungen, wie überhaupt das Aeußere der Zeitschrift einen sehr schicken und reizvollen Eindruck macht. Alle Frauen, die sich für das Neueste auf dem Gebiete der Mode und Franenkleidung interessieren, feien noch int speziellen hin gewiesen auf das Preisausschreiben über das Thema „Die Zukunft der deutschen Mode", worüber näheres von der Redaktion der Frauen-Ruudschau in Berlin NW. 87 zu erfahren ist. — Wir können die reichhaltige Zeitschrift unseren; Lesern empfehlen. Sfrracheüe. Kollege. Gehört „Kollege" zu den u n übersetzbaren Fremdwörter^, Ivie mancher behauptet? Durchaus nicht! Der Mutterspracye wird keine Gewalt ungetan, wenn wir dies Wort hier und da zu verdeutschen suchen. Zwar Amtsbruder eignet sich nicht immer, da es nun einmal eine Anrede ist und bleibt, die den Geistlichen gebührt und auch stets einen etwas geistlichen Anstrich hat, kurz, etwas zu „brüderlich" klingt. Aber wir dürfen unsere „Kollegen" doch kühnlich „Amtsgenosseu" nennen, reden wir doch auch anstandslos von Altersgenossen, Leidensgenossen, Eidgenossen, Hausgenossen, Zeitgenossen und können die „Geiwsseu da wirklich nicht gut entbehren; ganz nahe verwandt sind dem Amtsgenossen aber der Fachgenosse und der Berufsgenosfe, btc wett verbreitet sind. Gewiß mag man ab und zu den Kollegen und sogar die häßliche „Kol-le-gi-a-li-tät" nicht umgehen können, aber sehr oft wird man mit Bedacht ton den folgenden deutschen Wörtern dasjenige anwenden können, das gerade am passendsten ist; für Kollege: Amtsgenosse, Amtsbrnder, Amts- gefährte, Berufsgenosfe, Fachgenosse, Kunstgenosse, Berufsfreund; für Kollegialität: Amtsgenossenschaft, Amtsbrüderlichkeit (wöbet das „Geistliche" gar nicht so sehr hervorttitt wie bei Amtsbrnder), Fachfreundschaft, Berufsfrenndschaft, Eintracht, Berufseintracht, Einmütigkeit, Zusammengehörigkeit, Zusammeirhalt, Zusarnmew. wirken, Gemeinsinn. Für das Eigenschaftswort „kollegial" endlich ist gleichfalls „amtsbrüderlich" durchaus nicht zu geistlich, denn es klingt gar nicht überschwänglich, wenn in Festreden z. B. von amtsbrüderlichem Gemeinsinn oder bei einem Unfall von amtsbrüderlicher Hülfeleistung die Rede ist. Sonst aber könnte je nachdem eins der folgenden Wörter angebracht — und m der Regel deutlicher als kollegial fein, wenn es nur mit Geschick ausgewählt wird: einmütig, einträchtig, fach genos senschaftlich, genossenschaftlich, freundschastlich, fachfrenndlich, beriifsireundlich, gemeinsiiinig, gemeinnützig. — So vermeide man denn diese -Fremdwörter überall da, wo durch eine derxtzahlreichen Verdeutschungen ihr Sinn gut ansgedrückt werden kann! Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) Auflösung in nächster Nummer. Trient Ii, Verona ( Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Auswendig lernen sei, mein Sohn, dir eine Pflicht; Berchume nur dabei Jnwendiglernen nicht. Auswendig ist gelernt, was dir vom Munde meßt, Inwendig, was int Sinn lebendig sich erschließt. Rückert. ü bl’lcben Universitäts-Buch- und etetnbruderei, R. Lange, Wietze«.