Samstag den 17. Kugust 1907 a O i! I WMKWMD Steuermann Worringer. Novelle von. Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ter war rot geworden. Eine tiefe, feurigv 9töte, die bis an den Hals hinunterging. — Dann fing er an zu sprechen r „So ääner wie ich? — Redd net so, Wvrringer! — Was' bin ich dann für ääner? Wann ich aach net bä reich Wvrringer bin und aach net alles dorchsetze kann, wann ich aach net mit mei'm Geld mer e Fraa kaufe kann, weil's mer mol L Aageblick so vorkommt, als mißt ich gerad die hawwe, oder wcil's No grad Zeit is, daß ich wer äne nemme, for mei Haus in Ordnung ze halte, deswege bin ich doch net so ääner!" — Ich bin dä Hassemer, und wenn du mer aach mei Schatz gestvhle hoscht und hoscht das Greta seiner Mutter abgekaaft und hoscht aus 'm lustige, schecne Adtdche L arme, verstehrte Fraa gemacht, die sich fercht vor dir, wann de derhääm bischt, und drei Kreizcr hinner der macht, wann du fortgehscht — deswege brauchschte mer doch net zs id,rohe uitb dich uffzespille. — Taderfor gebb ich kä Bohn! Wann du gut würscht gege's Greta und dhätscht es uff Hanne trage Nun dhäscht des abverdiene, was du ihr schullig bist, daß du's gcheirat hoscht, ohne daß es dich gewollt Hot, do könnt mer Reschpekt vor dir hawwe! Aivwer so!" Aus der Brust' des anderen kam ein Stöhnen. — Wer der Junge achtete nicht darauf. Er hatte sich in Eifer geredet. „Du brauchscht net zu machte, daß ich was Unrechts dhue! Des sind jetzt fünf Jvhr her, daß des' Greta bei Fraa is! To vergißt sich aller läti. To lernt Mer sich siege. Dafür is es Lewe zu scheen, daß wer ewig tranre soll. Ich hab's iwwerstanne, des Läad! Und wann du deiner Fraa Helse dhätst> do hält sie's aach schon iwwerstanne! — Awwer du, du bischt jo wie a Wilder! Tu määnscht jo, jede Schritt, dä se dhut, to-är usf'n bese Weg. — Du määnscht, wann se e] bißche lustig is und sich ä blißche butzt, des wär schon Sünd gedhan. — Du hoscht allsfovt Aengst, 's dhät beim gudhe Name und beim Rennomeh ims ze Leid g eschehe. — Mach's nur so weider! Sperr dei Fraa in und mauer bei Hof zu! — Ihr Gedanken kannschte ihr doch net aus- 'm Kvpp reiße und net ihr Herz aus der Brust, Worringer! Und ich loß nte'r nix vun dir befehle! Ich wääß, Was ich zedhue hab!" Steuermann Worringer saß vornübergeneigt im Boot-^Sein rotes Gesicht war ganz erblaßt, aus seinen Augen schoß ein 'Strahl von Haß. — „Tot mach ich dich, wäNn ich dich erwisch. — Du sollscht mein Fraa gehe losse." „Berrickt bischt du!" rief der jüngere in hellem Zorn. „Ich will nix vun deiner Frau! — Tu hoscht mir nix ze befehle! Du brauchscht se net zu hüte! Sei orntlich gege bei Greta, do hüt es sich selwer. Ich kann es net abstümpe, wann es mit tuet redde will. Und ich will's aach net Und wann es des ä bißche treeft. daß es als emvl an friehere Zeihde denkt und dervon redd, des will ich' 'm! net nemme! Und vor dir fürcht ich Mich noch lang net!" — „Es Hot nix anneres weh ze denke," murmelte Worringer. — „Es is mei Ftaa." „Ae Fraa is kei Steuerruder! Du kaNnscht se net rechts und links und vor und zerück drehe, wie du grad willscht. Und wann de 's prvivierst, dw prowierst du's zu bei’m eigene Schade! —• Laß das ProwiM sein, Worringer." Es war fast dunkel geworden. — Der Mond war herauf gekommen, und sein Schein warf eine silberne Straße über das Wasser. Tie Fremden auf der Insel waren ganz still. — Sie saßen auf der Spitze des Inselchens und schauten auf den flutenden Strom. — Vom andern Ufer kam ein Kahn mit lustig singendem Volk. Ganz deutlich klang es herüber: „Bei Rübesheim da funkelt '• Der Mond ins Wasser hinein Und baut eine goldene Brücke Wohl über den grünen Rhein." Und bi-iüben am Ufer legte ein Schiff an mit Hellen Fenstern',. Musik klang leise herüber und einzelne Helle Stimmen — verwehte Laute. — So zauberisch war der Wend, daß die laute Lust der kleinen Gesellschaft still wurde. Still stiegen sie in den Kahn, der nun langsam, von keinem Ruderschlag bewegt, ab-i wärts trieb. — Nur einmal sagte eine Frauenstimme träum» verloren: „Wie herrlich Ms hier! Wer hier wohnt muß ja glücklich sein!" -Niemand konnte Steuermann Worringers Gesicht sehen, der dem Mondschein den Rücken drehte. Nur eine jähe Bewegung ging über die massive Gestalt, die am Steuer saß. — Und etwas wie ein Künrren und Brummen wurde hörbar. Die Dame, die gesprochen hatte, wendete sich jetzt zu dem jüngeren Schiffer: „Sie sind doch gewiß auch immer lustig,"- sagte sie lächelnd. — Der hübsche Bursche hatte ihr gefallen. — Wer er zuckte nur die Schultern: „Jurmer? No, 's kassiert!- 's Hot halt jeder sei Kretz ze trage! Aaach chn Rhein! Der hält 's Lääd aach net ab." i , -- 3. ! Ter Pfiugstmorgen kam strahlend blau herauf. — Die Hotels am Rhein hatten wehende Fahnen aufgehißt, ein bunter, lauter Menschenschwarm trieb am Rheinufer auf und ab. Unter deck Lindenallee wogte es, allerhand Parfüms mischten sich mit dem- starken Tust der blühenden Linden. — Lustig bewimpelte Schiffe- mit Musik an Bord schwammen schon vom frühen Morgen an rheinanf und rheinab. In den Gärten und Veranden am Rhein entlang frühstückten fröhliche Touristen, der Weg nach dem Rochusi- berg war schwarz von Menschen, und fast ununterbrochen stießen gedrängt volle Kähne vom Ufer ab, um nach Rüdesheim über-, zusetzen. — Turch Iden bunten lauten Schwarm hindurch ging Steuermann Worringer. — Im neuglänzenden, dunkelblauen Anzug mit dem Oelrvck über dem Arm, die Mütze tief in das scharf-, geschnittene Gesicht gezogen, sah er stattlich aus. Er hatte heute einen schweren Tag. — Außer seiner gewöhnlichen Fahrt sollte er auch noch ein Extraschiff führen. Das war ja ehrenvoll und freute ihn. — Wer er wäre doch lieber am Machmittag zn Haus geblieben. Es wat Kirchweih, und Greta würde sicherlich — 482 -? fein Fortsein benutzen, uni nach dem „Kerb" zu gehen, mit dem Kind auf der Reitschul zu fahren und an den Glücksbuden sich herumzudrücken. — Freilich, der Hessemer würde heute nicht da sein. Ter hatte am ersten Pfingsttag alle Hände voll zu tun. — Ta stand er gerade reck und lustig mit den Fremden, die sie gestern abend gefahren hatten. Er ging lMgsamcr, vielleicht hörte er noch, wie sie ihn zu einer Kahnpartie bestellten. —. Aber der lachte und schüttelte den Kopf. „Ree, ufs'n erschte Pingschdag net! — To will ich aach Mei Pläsier hawwe! Do is Kerb! Do nehme Se sich mute, da kei Pläsier braucht. Do — do is jo grad dü Worringer." Steuermann Worringer empfand das wie eilten Schlag ins Gesicht! Einen Augenblick lang sah er rote Flammen vor den Äugen. Es zuckte ihm in den Fäusten. Er trat einen Schritt nach dem Spötter hin. — MeV er besann sich. — Er ging weiter. — Tas Schiff war schon in Sicht, die Pflicht rief, und der — der da lief ihm nicht fort. Ten konnte er immer fassen, der war ja Wand an Wand mit ihm. Er ballte die Faust! — Wand an Wand, ja, — und sein Pläsier wollte er haben — der! .Ach, was! Ib|er sein Pläsier nannte. — Mit der Greta herum- scharmuzieren, sie mit seinen kecken Augen feurig ansehen, sie zu trösten über den Mann, den Tyrannen, der sie im Zaum Hält, ihr nichts gönnt, ihr nichts zuliebe tut. — Er sah die zwei zusammen, er hörte sie flüstern, sah sie tanzen. — Ja, tanzen würde sie auch, er wußte es. — Und sich an ihr schmiegend int Kütschchen auf dem Karussell — bei der rasenden Rundfahrt immer rund, während die Lichter funkelten, die roten, goldgestickten Verzierungen glänzten, die Musik spielte. — Er wußte es genau, wie das war. — Weit lag die Zeit freilich hinter ihm, wo er das alles fühlte, aber die Erinnerung war doch wie eut Stachel, sie bohrte und bohrte und machte ihn halb rasend. — Und da legte das Schiff an, er mußte hinauf auf den Ruder- sinhl und dasitzen, aufmerksam, gespannt mit jeder Fiber, das Schiff mit den vielen Hunderten von -Leben durch das gefährliche Fahrwasser im Gebirg bringen. — Der Rhein war klein, der Wasserstand niedrig — ein Abweichen von einigen Fußbreiten war Gefahr und vielleicht Tod. Ttzr kalte Schweiß stand auf seiner Stirn, mit eiserner Kinft zwang er sich. Nein! Keiner sollte sagen, daß der Worringer seine Pflicht um Haaresbreite vernachlässigte, — Das war keine Frau auf der Welt wert — die Greta schon gar nicht. — Die Greta! Wie ein scharfer Stich ging es ihm durch und durch. Nicht, daß er sie lieb hatte! Nein, er hatte sie genommen in einer späten Aufwallung lang überwundener Gefühle. — Ein Wilder war er gewesen in seiner Jugend. — Tas war lang vorbei. Das war nur noch einmal ausgewacht. — .Es hatte ihn gekitzelt, daß er noch immer jede haben konnte, die er wollte. Und daß die Greta einen anderen Schatz hatte, das reizte ihn gerade. Er wußte doch noch, wie man die Weiber kirre machte. — Und er wollte die schönste Frau in Bingen haben, wollte zeigen, daß er vor den Jüngsten nicht zurückzu- stehen brauchte. Aber er konnte es Heute nicht mehr begreifen, wie ev dazu gekommen war, wie er so dumm sein konnte — so dumm. Sie hatte sich vor ihm gefürchtet bvm ersten Tag an, sie war wie ein geprügelter Hund, der vor seinem Herrn kriecht, weil er in seiner Gewalt ist — und der ihn doch haßt. —.Und aus Furcht und Haß war das Kind. geboren, das' Kind, das ihm nicht glich — nur seiner Mutter, das sein war und doch nicht jein. Nein, er liebte sie nicht —. gewiß nicht. — y Und immer die Furcht vor dem Georg Hessemer, vor Gretas Schatz. Schlimm genug wars schon von Anfang an, aber un- erttäglich wurde es erst, als er das Häuschen neben Worringer: drbte. — Als Tag für Tag sein lachendes Gesicht an der niedrigen Grenzmauer auftauchte. Als Worringer nicht mehr aus dem Haus gehen Tonnte, ohne den Gedanken, daß ein einziger Sprung genügte, um den Verhaßten in den kleinen Hof zu bringen, wo Gretas Stuhl zwischen den Oleanderbäumen stand. Freilich, unbeobachtet wäre das nicht gegangen. Tie Häuser der nächsten Gasse guckten mit einem Dutzend Hinterfenster in die Höfe hinein, immer war da Leben, Menschen, Nachbarinnen, die wuschen und scheuerten, Männer, die umherbastelten, spielende Kinder. — .Aber doch! Eine stille Stunde konnte kommen, ein einziger 'günstiger Augenblick. — Unter Höllenqualen hatte er sich ge- ‘ krümmt bei der Borstellung. Er wußte, wies tat, wies tut, wenn ’ das heiße Blut schäumt, ev kannte die Weiber, er war selbst iplcher manchmal über Zäune und Mauern geklettert. — Veine Hand riß am Steuerruder, daß es ordentlich einen Ruck kai- -—Ter Kapitän sah phlegmatisch nach ihm hin. „Na, Worringer! —Schlecht aufgestanden heut? Hat Euch hie Frau geärgert?" Der dumme Spaß M ihn wie ein glühendes Eisen'.