Montag deu 17. Juni MSI I M s Mr. 26. Eine Heiratsgeschichte, der Wirklichkeit nacherzählt von Harro K'ö hucke, Hamburg. Nachdruck verboten. (Schluß.) „Warum? „Die so beginnen, sind Alltagsmenschen; sie stehen unter dem Niveau der Mittelmäßigkeit, haben weder Geist noch Verstand, und können im täglichen Umgänge einem Menschen das Leben zur Oual machen." „Hans, ich bestimme Respekt vor deiner Beredsamkeit." „Mich wundert, daß du mich nicht für närrisch hältst." „Streiten wir uns nicht, alter Junge. Setzen wir lieber unsere Gerichtsverhandlungen fort. Eigentlich dauern mich die armen Mädels, denen hier die Gelegenheit, einen so prächtigen Mann zu bestimmen, so recht au der Nase vorübergeht." „Tanke!" Nach längerem Disputieren wurden ebenfalls drei Briefe aus- gewählt. „So, Hans, jetzt kommt ein hochwichtiger Augenblick. Vergleichen wir die Nummern der Briefe mit denen der Photographien. Wie wird dir, Hans? Laß mich erst rasch deinen Puls fühlen. Na, np, nicht ganz normal, etwas zu rasch, doch nicht gefahrdrohend. Gehen wir an's Werk. Hier die Briefe: 19 — 17 — 26. Schnell die Photographien: 16 — 13 — 26. Hans, Hans, was sagst du nun? Das Schicksal meint es gut mit dir. Sieh doch dies liebe, süße Gesicht und diesen prächtigen Brief. Das ist ja ein Prachtmädel. Nr. 26 soll leben und ihr Hans daneben! — Babette, Babette!" — Der Herr Doktor war bereits auf dem Korridor. „Liebe, gute Babette, wollen Sie wohl die große Güte haben, zwei Naschen vom besten Rotwein zu holen? Vom besten, liebe Babette. Sagen Sie nur 'für Herrn Tr. Fritz Herling. Hier ist Geld, liebes Bettcheu." „Was machst du für Dummheiten, Fritz." „Dummheiten? Dummheiten nennst 'du das? Grundgütiger Himmel! Weun du nicht nicht bester Freund wärest, ich könnte dir böse werden, Hans. Dummheiten? Ist das Gesicht eine Dummheit? Steht in diesem Briefe eine Dummheit? Sprich, Barbar, sind das Dummheiten?" „Nein, Fritz, das nicht; aber du machst Dummheiten. Was henkt Babette von uns? Und — Fritz — was nun?" „Hans, lies den Brief noch einmal vor." „Ta hast du ihn." Ter Doktor las: Unterzeichnete bewirbt sich um die angezeigte Stelle. Hier einige Personalien. Ich bin 24 Fahre alt, einziges Kind des verstorbenen Kaufmanns Faukmann. Seit zwei Jahren stehe ich ganz allein in der Welt; augenblicklich lebe ich bei meiner Tante, der verwitweten Rätin v. Roßmann. Nur der Wunsch, mir eine zusagende Beschäftigung zu verschaffen, bestimmte mich zu dieser Offerte. Ich kann wjaschen und plätten, kochen und backen, spreche plattdeutsch, hochdeutsch und englisch, radebreche französisch. Ich verstehe die Kültur der Zimmerpflanzen und die Pflege des Kanarienvogels und des Goldfisches. Musikalisch bin ich leider nicht. Ich bin nicht sehr lebhaft und lasse «mir meine Ruhe und Zufriedenheit nicht ganz leicht stören. Ob wir uns gegenseitig gefallen werden, käme ja auf einen Versuch au. Wünschen Sie mich zu sprechen, so stehe ich jederzeit zu Diensten; e§ bedarf nur einiger Worte an Ihre ergebene Hertha Faukmann, N.-Str. 40. „Hans, Hans, das muß ein Prachtmädel sein." „Ja — und sie ist — Gott fei Tank! — nicht musikalisch." „Gut, daß das meine Frau nicht gehört hat, du Hinterwäldler." „Ach was, bei deiner Frau übersieht man gern und leicht ihre Schwärmerei für Musik. Mit der hast du ganz ohne Verdienst und Würdigkeit das große Los gewonnen." „Tanke, Hans; ich will das Kompliment bestellen. Aber laß uns wieder zurückkommen zu Fräulein Faukmann. Was nun, Hans?" „Ei, ei, Fritzi Wer war vorgestern so stegesgewiß, daß er sich über solche Kleinigkeiten einfach mit den Worten „Das andere findet sich später" hinwegsetzte. Nun tsb dem Herrn Doktor wohl das Latein ausgegangcn, he?" „Noch lange nicht. Ich habe eine Idee: Fetzt trinken wir erst in aller Gemütlichkeit die beiden Flaschen Wein und dann gehen wir zu Frau Dr. Marie Herling, meiner vielgepriesenen Gemahlin, und —" „Sagen: „Samiel hilf!" O, du großer Held! Wenn du doch deine Frau nicht hättest, 'wie ost säßest du in der Patsche. Uebrigens hast du recht, trink aus und laß uns gehen." Eine halbe Stunde später saßen die beiden Freunde in dem Teezimmer der Frau Doktorin. Der Herr Gemahl hatte die Beichte übernommen, die er damit schloß, daß er seiner Frau die drei Photographien und Briefe vorlegte. Nur mit großer Mühe bewahrte Frau Marie einen feierlichen Ernst; als aber ihr Herr Doktor mit der kläglichsten Miene von der Welt die Frage „Was nun, Marie?" hervorstotterte, da hielt der Ernst nicht stand, da tönte ihr silberhelles Lachen durch das Zimmer, und damit verschwand denn auch die ettvas gedrückte Stimmung der beiden Freunde. „Ja," meinte sie, „da habt Ihr Euch eine schöne Suppe eingebrockt, nun eßt sie auch nur allein aus. Jetzt mag mein kluger Herr Gemahl, der ja jeden Tag die halbe Stadt durchstreift, sich das „alte, gebildete, sehr gemütliche Ehepaar" suchen, und dann mögt Ihr nur Sorge wagen, daß die junge Dame Nr. 26 von dieser ganzen Jntrigue nichts erfährt, wenigstens nicht vor der Hochzeit. Nach dem Briefe und dem Silbe, zu urteilen, würde sie den Herren Ränkeschmieden ihre Manipulationen gewaltig Übelnehmen. Ich tät's wenigstens." „Ja, liebe Frau Doktorin, Sie haben ganz recht., Ich habe mich durch Fritz zu einem recht dummen Streich verleben lassen. Ich will ihn, so weit möglich, rasch wieder gut machen, mdem ich jeder einzelnen Dame morgen das Ihrige wieder zustelle. Jede wird dann glauben, die Stelle, sei bereits besetzt, und groß ist der augerichtete Schaden dann ja nicht." „Rein, Hans, das wäre doch gar zu schade. Wenn du nur ehrlich sein willst, so mußt du gestehen, daß selbst dein steinernes Herz bei dem Anblick dieses hotden Engels rascher pulsiert. Ich sehe es dir ja an, daß du nicht ohne Bedauern meinen so schön eingcfädclten Plan fallen lässest. Es kommt nur darauf an, das „alte Ehepaar" zu finden, und das wird allerdings nicht! leicht sein. Wie wäre es, liebe, süße Marie, weim — wir —- Nr. 26 — zu uns ins Haus brächten?" — 350 „So, bn Türke, ich bin also eine alte tj/rait uttb ba soll ich ben „halben Engel" ins Haus nehmen unb ruhig zuseben, wie ber Herr Doktor Nr. 26 gegenüber vor lauter Liebenswüroig- leit nicht weiß, was er alles aufstellen soll." Der Doktor schien ben ernst sein sollenden Blick seiner Frau nicht gar zu sehr zu fürchten. Er faßte sie um und tänzelte mit ihr durchs Zimmer, baß ihr fast ber Atem verging. „Du bist ja doch die aller-schönste und allerbeste, und mit dir kann sich selbst Nr. 26 nicht vergleichen, und ich wage es ja gar nicht, ein anderes weibliches Wesen auch nur anzusehen, und lange dauert ja die Geschichte auch nicht, benn in höchstens acht Wochen ist Hochzeit, und ich bin ja fast den ganzen Tag nicht zu Haufe, und bit bedarfst ja dringend genug einer angenehmen Gesellschaft und — und — und du nimmst sie auf, und du magst es, bpß mein so schöner Plan gelingt und zu einem glücklichen Ende geführt wird." „Fritz, Fritz, was schwatzest du da wieder für Unsinn. Hören Sie nicht auf ihn, liebe Frau Doktorin. Ich leide es nicht, daß Sie meinetwegen auch'nur die kleinste Unannehmlichkeit dulden. Eine ganz fremde Person ins Haus zu nehmen, ist aber eine große Unbequemlichkeit, und dazu kommt noch, daß Fräulein Faukmann ein recht selbständiges Wesen 31t sein scheint. Nein, meine liebe Freundin, das geht absolut nicht an, und ehe ich das zugebe, führe ich mein. Diogenesleben ruhig weiter. Ich befinde mich auch ja ganz gut dabei. Babette sorgt für mich aufs allerbeste. Es bleibt dabei: Morgen sende ich alles zurück." „O, Ihr Männer, was seid Ihr doch für Schmeichler, tote, lieber Freund, freilich! ganz unabsichtlich; aber der da," und dabei zeigte sie schelmisch drohend auf ihren Doktor Fritz, „ist ein Bösewicht durch und durch, vor dem man sich in acht nehmen muß. Ter überrumpelt mich täglich wohl zehnmal. Nun aber. Um der Sache ein Ende zn machen, geben Sie mir die Photographie und den Brief. Ich will sehen, !vas sich machen läßt. Bedingung ist, es iviib gar nicht mehr von der Angelegenheit gesprochen, heute nicht, morgen nicht, übermorgen reicht, niemals nicht Was und wie ich es anfange und ausführe, das ist meine Sache; eine Einrede, Vorrede oder Nachrede dulde ich nicht. Mein Mann aber soll zur Strafe für seinen Leichtsinn Morgen eine Stunde auf das Mittagessen warten." .Hätte Fran Marie sich nicht schleunigst hinter einen Stuhl geflüchtet, der Tanzwirbel von vorhin hätte sich wiederholt. Hans aber stellte sich schützend vor sie; er ergriff ihre Hand und drückte einen so beredten Küß auf dieselbe, daß Frau Marie ganz weich wurde und in innigem Tone sagte: „Wie Gott will, lieber Freund, Sie verdienerr -eine gute Frau!" »st Acht Tage später erhielt unser Held folgendes Billett: „Lieber Freund ! Wollen Sie heute Abend eine Tasse Tee bei uns trinken? Wir, b. h. mein Mann und ich und — meine Gesellschafterin sind ganz unter uns. Ich habe meinem Manne bei meiner höchsten Ungnade verboten, über ein Ereignis, von dem er selbst allerdings erst 'seit vorgestern Künde hat, zu plaudern. Hoffentlich hat er die nötige Furcht gehabt und nicht wider mein Gebot gehandelt. — Erscheinen Sie ohne Frack und ohne weiße Halsbinde, aber mit einem recht freundlichen Gesicht. Herzlichen Gruß von Ihrer Zu ihrer großen Verwunderung bemerkte Babette am Abend desselben Tages, daß ihr Herr mit wirklicher Sorgfalt Toilette Machte. Dias war eigentlich in Jahren nicht mehr dagewesen und erregte daher die Neugierde der alten treuen Seele ganz gewaltig. Auf eine vorsichtige Frage, vb der Herr in eine Gesellschaft Wolle und vielleicht spät nach Hsause komme, und ob er nicht erst ein wenig essen wolle, war^ ihr die im gleichgültigsten Anne gegebene und sie wenig befriedigende Antwort, er möge nicht essen, er wolle nur aus ein Stündchen zu Doktors gehen. Nachdem aber schämte sich Hans dieser Undankbarkeit und beim Fortgehen drückte er seiner Babette so fest 'die .Hand, daß diese ihm ganz verwundert unb kopfschüttelnd nachsah. Eine Viertelstunde später erfolgte seitens der Frau Doktorin die Vorstellung: „Unser treuer Hausfreund, Herr Hans Niemann, meine Freundin unb unsere Hausgenossin, Fräulein Hertha Fauk- Mann." — — Tie Meisten unserer Leser und Leserinnen werden ja ben Entwickelungsgang einer Liebesgeschichte vom ersten Sehen bis zur Verlobung aus eigener Erfahrung Fennen. Wir haben daher nur noch wenige Worte hinzuzufügen. . Herr Hans Niemänn besuchte Doktors fast jeden Abend. Nach unb nach, aber fast unmerklich, hatte unser Held eine gründliche Metamorphose burchgemacht: ans dem stillen, ernsten .Einsiedler war ein lebenslustiger, witzsprühender, oft sogar etwas übermütiger Gesellschafter geworden. Nur wenn der Herr Doktor M einem Krankenbesuche abgerufen würbe und die Frau Doktorin ihrer Hausfrauenpflichieu wegen die Gartenlaube oder Pas Wohn- ztrnmer verließ, und das geschah merkwürdiger Weise recht oft, wurde Herr Hans Nieiniann wiederholt stark einsilbig, so daß p-rametn Hertha FaukMann ihn oftmals ganz verwundert an- fchaute. % i rzehn Tage später wurde Fräulein Hertha schon jedes- Wa.l ppt, werut Iw un.b der Hausfreund durch die .Entfernung! ber beiden Eheleute allein aufeiuanber angewiesen waren. — „Hans," sagte darauf der Doktor, als er eines Abends seinen Freund bis an die Tür geleitet hatte, „Haus, wird's bald? Tie Sache beginnt langweilig zn werden, unb auf lauge Zeit kann ich so spät Abends wirklich keine Patienten mehr auf-: treiben." Ohne ,Flute Nacht!" ging Hans davon. Genau acht Tage später stand in der „—Ztg.": Als Verlobte empfehlen sich: Hertha Faukmann Hans Niemann. Jetzt sind die Beiden längst ein Paar, das ' noch immer wie die Turteltauben zusammen lebt, trotzdem bereits ber zweite Schreihals die idyllische Ruhe oft genug stört. Wenn Fran Hertha Nienrann, geb. Faukmann, diese Zeilen liest, toirb es wohl eine kleine Empörung absetzen. Ter Doktor gönnt sie seinem Freunde Hans von ganzem Herzen, benn es sei, so sagt er, ganz gegen alles Herkommen und gegen alle Erfahrung, daß eine Frau in dreijähriger Ehe noch nicht einmal eine Gardinenpredigt gehalten habe. Achilleion?'') Borr Prof. Dr. Christian Eckert. Nach Achilles, dem berühmtesten Sproß alter Heldenge- schlechter, mit dessen Zorn die Ilias so machtvoll einsetzt, wie sie mit seinem Edelmut gegen den greifen Priamos versöhnend ausklingt, ist der Ruhesitz geheißen, den die Kaiserin Elisabeth sich auf Korfu errichtet hat und der jetzt bekanntlich in den Besitz Kaiser Wilhelms iibergegangen ist. Es ist ein Anwesen von bezauberndem Reiz, Ivie nur eine empfindsame, schönheitsuchende Persönlichkeit, eine echte Künstlernatur es zu finden und zu gestalten weiß. Nur wenige der zahlreichen Inseln des griechischen Meeres eignen sich so zu einem Erholungsplatz wie das nördlichste der jonischen Eilande, das, überreich mit allen Gaben einer verschwenderischen Natur ausgestattet, den Preis seiner Schönheiten vollauf verdient. Es ist ältester Kulturboden, den die modernen Hellenen hier besiedeln. Korfu galt schon in frühgeschichtlicher Zeit als die von Alkinoos beherrschte Phüakenmsel Scheria, bei deren seetüchtigem Völkchen der Vreldulder Odysseus seiner Irrfahrten Ende gesunden. In historischer Zeit wird Kör- kyra, wie die Insel damals genannt wurde, als korinthisch« Kolonie ein Hauptzentrum der aufblühenden Küstenschiffahrt. Mer bald schon lehnten sich die Inselbewohner gegen die am benachbarten Golf gelegene Mutterstadt auf; in den sich enifpinnenben Kämpfen wird an ihrer Küste die erste aller griechischen Seeschlachten geliefert, die nach Thuky- dides 665 v. Ehr. stattgefunden hat. Nach unrühmlicher Haltung im Perferkriege wechseln die Geschicke des- Ländchens, das eine Hauptveranlafsung zur Selbstzerfleischung der Hellenen im peloponnesischen Kriege gewesen, in Glück, und Unglück. Mit Verlust ber Selbständigkeit ist es Rom, danach Byzanz zugefallen, bis es 1205 in die Gewalt der Venezianer kam, die es nach nur kurzer Preisgabe bis 1797 behaupteten. In der venezianischen Epoche liegt das eigentliche Heldenzeitalter der Insulaner; an den Festungs- mauern ihrer Hafenstadt hat sich in zwei Belagerungen die Macht des Türkenheeres im 16. wie int 18. Jahrhundert gebrochen. Nack Auflösung der Adria-Republik wurde Korfu französisch; in den Tagen des Wiener Kongresses ward die Insel unter russischen und bann unter türkischen Schutz gestellt. Wenig später kam sie für fast ein halbes Jahrhundert unter englische Oberhoheit und bildet seit 1863 den nördlichsten Stützpunkt des ueuMiechischen Reiches im Adriatischen Meere. Von dem so wechselvollen historischen Leben ist heute kaum mehr als die Erinnerung geblieben. Bloß die Festungswerke auf den Höhen am Hasen, di« der Insel in venezianisch-türkischer Zeit den Namen Korfu, d. h, „Gipfel", gegeben, mahnen an vergangene Tage; fonst ist' nur in Haltung, Geberden und Sprachgewandtheit der Bevölkerung die Jahrhunderte währende Verbindung mit dem Mendlande noch heute erkennbar. Dagegen bietet die gesegnete Natur dem heutigen Geschlecht ihre Schätze ganz wie in alten Zeiten. Die jedes Jahr wiedergeborene Pflanzenwelt entzückt das Auge jetzt wie in längst vergangenen Tagen. In den Wogen der Adria gebettet, ein Verkehrsstützpunkt mit bequemem, sicherem Hafen, zu dem direkte Tampferlinien von allen Richtungen führen, zeigt Korfu die Gestalt eines nach Norden geöffneten Füllhorns, durch die Umrisse gleichsam symbolisierend den Reichtum der Gaben, den *). Aus bet „Mn. Ztg," - 351 eine gütige Natur ihm bescherte. Das Land ist groß genug, nm die Bewegungsfreiheit seiner Bewohner nicht allzusehr zu hemmen, und doch wieder nicht so gedehnt, daß es die Jnselnatnr verlöre, sich kontinentalen Formen allzusehr näherte. Das Klima ist im Frühjahr und Herbst vorzüglich, durch gleichmäßige Milde der Witterung ausgezeichnet. Zwei Gebirgsgruppen überragen das fruchtbare, in jüngerer geologischer Periode gewordene Hügelland, das feinem Quellenreichtum üppigste Fruchtbarkeit verdankt. Nicht große Waldungen sind für Korfus Landschaft charakteristisch, sondern halbhohe Gehölze und dichtes Gestrüpp, das mit primitiv angebauten Strecken Ackerlandes und weitgedehnten Oliveupflauzungeu wechselt, der Insel so ihr eigentliches Gepräge gebend. Es ist ein köstlich Fleckchen Erde mit jener tiefkräftigen Pflanzenwelt von südlicher Ueppig- keit, wie sie Max Klinger in seiner bekannten Paradieslandschaft des Evazyklus mit der Radiernadel festzuhalten trachtete. Bei seiner reichen Küstengliederung, dem Wechsel von Höhen und Tiefen bietet Korfu eine Mille einzig schöner Aussichtspunkte, wie kaum eine andere der Nachbarinseln. Der bekannteste Blick läßt sich von der Zitadelle aus gewinnen, die das einfahrende Schiff schon aus der Ferne begrüßt. Selbst flüchtige Besucher eilen den bequemen Weg über die mit seltenen Baumarten bestandene Esplanade der Hafenstadt, durch dräuende Bastionen, die, heute bedeutungslos geworden, in vergangenen Jahrhunderten ein unüberwindliches Bollwerk gewesen sind, hinan zum Gipfel. Bon der Höhe des Leuchtturms läßt sich die Insel und der Meeresarm bis nach Epirus, bis zu den Bergen Albaniens überschauen. Ein anderer, viel bewunderter Ausblick öffnet sich von der Höhe „Cauone" auf den uralten, jetzt versandeten Hafen von Kalikiopulo und das Inselchen Ponti- konisi, einen harten Felsen mit kleinem, iveißblinkeudem Kloster, das durch hohe Zypressen- und Orangenbäume halb versteckt wird. Es ist die „Toteninsel" Arnold Böck- lins, nach alten Sagen freilich das „schön gezimmerte Schiff der Phäaken", das vom Geleit des Odysseus heimkehrend, im „dunkelwogenden" Meere durch Poseidons, des erzürnten Gottes, Hand versteinert wurde.' Aber noch schöner fast dünkt mich die Ausschau vom weiter südlich gelegenen Hochsitz der verstorbenen Kaiserin; zu ihm führt von der Hafenstadt der Weg längs der sichelförmig gebogenen Bucht Kalikiopulo und dann in Serpentinen in 12 Kilometern nach Gasturi, dessen Menschenschlag die Formen ältester Vorfahren noch am reinsten bewahrt haben soll. Man sieht auf dem Wege zum Achilleion tu den Feldern gutgewachsene Gestalten mit teilweise klassischen Gesichtszügen, auch bei den Frauen, deren eigentümliche, an den Seiten ausgebogene Haartracht unwillkürlich an Hauben des Mittelalters erinnert. Wenig hinter Gasturi leuchtet aus dem grünen Laube der Palastbau, den Elisabeth von Oesterreich vor einem halben Menschenalter sich errichtet. Er ist durch Raphael Carito in jener eigenartigen Stilmischung von Renaissance-Elementen und hellenischen Anklängen konstruiert, der wir in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre au so vielen Architekturwerken begegnen. Der eigentliche Bauwürfel wirkt in seiner geschlossenen Masse durchaus machtvoll, leuchtet in der weißen Tönung weit in die Ferne. Das Innere ist namentlich in den Räumen des Untergeschosses nicht einheitlich gehalten, sondern in damals beliebtem Eklektizismus zusammengestimmt, der ans der Freude an der Neubele- Lung historischer Stilarten entstanden war. Ein Herrenzimmer mit altrömischer Wandbekleidung, pompejanischen Hausmotiven entlehnt, liegt in der Nähe eines Speisesaals mit tzochrenaissanceschmuck, reich mit Barockenputten an den Wänden verziert, und in dessen Nachbarschaft wieder findet sich die byzantinische Hauskapelle mit der ganzen feierlichen Gehaltenheit, wie sie diesem Stile eigen. Ruhiger ist die Gesamtwirkung in den oberen Räumen. Auf schöner Marmortreppe gelaugt der Besucher zu einem von zwölf jonischen Säulen getragenen, mit Marmorstatuen geschmückten, reich ausgemalten Hallenumgange, der zum (©arten überleitet. Von den beiden vorliegenden Terrassen öffnet sich ein weiter Rundblick auf Insel und Meer zur albanischen Küste, zum Piudusgebirge und den akro- keraunischen Bergen. Stets neue Anregung findet das Auge bei dem nie endenden Spiel von Linie und Licht des weiträumigen bunten, und doch in einheitlicher Farben- 1 Wirkung zusammengehaltenen Bildes, sind wenn der Blick 1 daun doch müde vom unabläßlichen Wechsel der Töne, daun findet er beruhigenden Ausgleich im Grün des einzig schönen Parks, der von der Höhe die Berglehne entlang sich nach dem Meere hinzteht. In der geschützten Sage des weit gestreckten Gartens gedeihen bei dem subtropischen Klima nicht nur die charakteristischen Vertreter der Mittelmeerflora: die schattengebenden Oliven, die hochragenden Zypressen, Oraiigen und Simonen mit leuchtenden Früchten in Prachtexemplaren, sondern auch Palmen, Magnolien, Bananeii und Agaven, Eukalyptus und Papyrusstauden sind hier eng beieinander zu finden. Auf der unteren Terrasse liegt Herters sterbender Achilles, ein Lieblingswerk der Kaiserin, die auch Heinrich Heine in ihrem Garten ein Denkmal setzen ließ. Es zeugt von sicherstem Kunstempfinden, wie Elisabeth der schmächtigen Mgur des angekränkelten Liedersängers "ein Plätzchen am Gartenrand jamgewiesen, wo er in geschütztem kleinem Tempelchen zu sinnen und zu dichten scheint, während die wundervollen Glieder der heroischen Müunergestalt auf freier Höhe im Sonnenlicht sich allen Blicken bieten. Und fast will es heute dünken, als habe eine unbewußte Vorahnung kommenden Leides die Kaiserin bewogen, den Helden nicht im Moment zorniger Erregung, nicht in stolzer Maunestraft, nicht als Sieger im Kampfe, sondern in schmerzlichem Todeszucken zur Darstellung bringen zu lassen, wie er dem grämlichen Meuchelmörder erliegt. Durfte doch das Leben der Schöpferin des Achilleion selbst nicht sein ruhiges Ausmaß finden, sondern wurde jäh abgebrochen durch eines Wahnwitzigen Frevelhand. Heute scheinen Haus und Garten des Achilleion in verzauberter Stille zu schlummern und zn harren auf neue Erweckung. Als jüngst deutsche Studenten, akademische Bürger der Kölner Handels-Hochschule, die Räume des Hauses, die Wege des Parkes durchschritten, da dachte wohl mancher, ob die Kaiserin von Oesterreich einen geistverwandten Nachfolger finden werde, der gewillt wäre, die Erinnerung an die schönheitsfrohe Frau pietätvoll zu pflegen, und fähig, das verschlafene Schloß, den verlassenen Park wieder zuur Leben §u wecken. Nicht der Lärm eines großen Hotelgetriebes oder gar eine Spielbank durfte diesen Boden entweihen, er mußte ein vornehmer Ruhesitz bleiben für solche, die müde vom Tageslärm und Welttreiben Erfrischung im Süden suchen. Gewiß wird jeden, der den Boden Korfus und das Achilleion betritt, ein Gefühl stolzer Freude erfüllen, daß gerade unser Kaiser, der Verstorbenen ergebener Freund, Franz Josephs treuer Verbündeter, sich und den Seinen das Achilleion als Erholungsstätte erkoren hat. ____________ Die Sicherheitsfahrt. (Nachdruck verboten) Auto, höchster Stolz der Zeit, Sei gepriesen weit und breit 1 Mit Verachtung weilt mein Blick Aus dem Gaul, der nicht mehr schick; Equipagen und Karossen Dünken alt mich und verflossen; Tramway ist und Eisenbahn Antiquiert und abgetan. Mit dem Velo sich befassen, Ist ein Sport für {(einte Kassen; Wem ergieb'ger sie verstehn, Der reift nur noch mit Benzin! Drum erbost es mich mit Recht, Wenn ein Witzling sich erstecht llnd des Autos hehre Pracht Zum Gespött der Menge macht. Unbegreiflich finde ich,' Und stets gibt's mir einen Stich, Hör' ich, wie so mancher Mann Dich gefahrvoll finden kann. Alls, ihr Autler, eilt herbei, Zeigt, daß unsre Fahrerei lieber Spott erhaben sei! Und sie fuhren los, o Gluck! 161 Stück Alltomobs voll alleil Arten Sind es, die mit Grazie starten. Und bereits der erste Tag Brachte Siege Schlag auf Schlag; Unvergeßlich wird er sein Lange Zeit bei Groß und Klein. Ganz besonders jenem Mann, Der mit Stolz sich rühmen kann. — 352 — Daß voll Sicherheit ein Wagen Rollte über seinen Magen, Und der sich's jur Ehre schätzt Daß sein Rückgrat ist verletzt. Auch das brave Mägdelein Dürste zu beneiden sein, Das ein Auto sanft ergreift Und ein Stückchen mit sich schleift. Doch welch Maß von Sicherheit Dieser holde Sport verleiht, Dafür ein für alle Mal Dient uns als Beweis die Zahl —r Als man Mittags weiter fuhr. Fehlten sieben Wagen nur! Und im Sturmschritt froh und heiter Geht es weiter stets und weiter. Wenn mich 'mal ein Rädchen bricht, Tas geniert die Tapsern nicht; Fliegt ein Jnfaß 'mal heraus, Sicht das auch meist schlimmer aus Als es hinterher sich zeigt Und ein Armbruch heilt ja leicht! Jenes Kind am Straßeneck, Ueber das man wollt' hinweg, Muß als Glückspilz uns erscheinen — Eins nur brach's von zwei Stück 93einen! Leider bessert mon von je Gern mit Steinen die Chaussee; Schwer dann ist's, um solche Haufe» Mit dem Aut herumzulaufen. Aber glückt die Sache nicht, Und das teure Fahrzeug bricht, Was liegt weiter groß daran. Wenn man schnell sich Hellen kannk Hat der weise Autler doch Stets ein zweites Auto noch; Lächelnd steigt er da hinein Und fährt mutig hinterdrein. Doch welch große Sicherheit Dieser hehre Sport verleiht, Daiür eht für alle Mal Dient uns zum Beweis die Zahl —r Als man morgens weiter fuhr, Fehlten zwanzig Wagen nur! Ilnd so geht es froh und heiter Im Galovpschritt immer weiter. Wenn ’ne Achse 'mal zerbricht, Tas geniert die andern nicht; Wenn ein Wagen wird zertrümmert; Sind die andern unbekümmert; Kracht ’ne Rippe wem entzwei, 'Lockt man flugs den Arzt herbei . ., Flott, nur flott, es drängt die Zeit! Dreimal hoch die Sicherheit! Als man morgens weiter fuhr, Fehlten fünfundzwanzig mir! Und tösf-töff vergnügt und heiter Stiebt, und stinkl’s und rnsselt's weiter,--— Unerhört, wie mancher Mann, Tas gefahrvoll nennen kann I Kann die Sicherheit auf Erden Irgendwie gesteigert werden, Tann ist diese Kraft verliehn Nur dem Zcmbersasi Benzin — Auto, Lieblingskind der Zeit, Sei gepriesen weit und breit Als Triumph der Sicherheit! E d Iv i lt Barman n. Kunst. — Welche Fülle von Anregung und Anschauung von der nunmehr im vierten Jahrgang stehenden Zeitschrift Meister der Farbe (Verlag von E. A. Seemiann in Leipzig) ausgeht, beweisen die beiden letzterschienenen Hefte 3 und 4. Was in der Welt an künstlerisch wertvollem weit verstreut ist wird hier vereinigt, und gerade die unmittelbare Mhe dieser Proben in- und ausländischer Künst fordert zum Vergleich heraus und läßt gleit, was in der Kunst die Persönlichkeit bedeutet. Neben dem ssen Fokin, der in seinem Probestück „Frühschnee" eine fast südländische Kraft der Farbe zeigt, findet sich der Spanier $ erriete, der die Umgebung von Toledo mit ihrer kargen Vegetation auf dem heißen Boden Spaniens zeigt; der Däne Jrminger führt eine Märtyrerin im Löwenzirkus vor; der Franzose Breton stellt Aehrenlesermnen von der Arbeit heimkehrend dar, ein Bild von sonnlg-'oarmer Wirkung; dazu treten Walter Le ist i ko w mit einer feingesttmmten Seelandschaft und Franz von Stuck mit eiltet mythologisch ausgelassenen Szenck So wechseln beständig die Bilder deutschen, französischen, englischen, nordischen Ursprungs und nach und nach wird das Unternehmen zu einer Art Universalbibliothek der modernen Malerei, die bei dem billigen Preise (von 2 Mk. pro. Heft) Gemeingut aller Gebildeten, werden sollte. __________ Aerztedkutsch. Mit dem Llerztedeutsch ist es noch vielfach übel bestellt. Wennschon es in Deutschland, Gottlob! wohl keinen Arzt mehr gibt, der wie frühere Mitglied r dieses Standes seine Unkenntnisse mit einem lateinischen Mäntelchen zu verhüllen braucht, — der Fremdwörter gebrauchen deniwch gar manche unserer Aerzte noch allzuviele, selbst 'int Berühr mit den Kranken, die solche zumeist 'gar nicht verstehen, ja ost durch sie beunruhigt werden. Und allzuwenige Kranke wagen den Arzt zu fragen, was seine Aussage denn eigentlich auf Deutsch bedeutet, ost zu ihrem großen Schaden. Tas sollte aber dennoch stets geschehen, denn der Deutsche darf doch auch von feinem Arzte verlangen, daß er Deutsch mit ihm rede. Daß dies aber auch sehr Wohl möglich ist, zeigt das achte Verdeutschungsheft des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins „Die Heilkunde", das die entbehrlichen Fremdwörter aus dec Sprache der Aerzte und Apotheker enthält, vom Generaloberarzt Tr. Otto Kunow in Mainz unter Mitarbeit vieler Fachmänner verfaßt und soeben bereits in fünfter Auslage bei Berggold in Berlin erschienen ist. Mit seinem ersten Erscheinen im Jahre 1897 hat das Buch durch seine ungezwungenen Verdeutschungen und wohlbegründeten Vorschläge wesentlich dazu beigetragen, daß sich bald in Fachschriften, namentlich aber in der Sprache der ärztlichen Zeugnisse und auch im mündlichen Ausdrucke der Aerzte eine deutsche Hinneigung zum Gebrauche einer geläuterten Sprache bemerkbar machte. Vom preußischen Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten wurde das Buch den Kteisärzten zum Gebrauch bei Abfassung ihrer Gutachten angelegentlich empfohlen, und auch unter den Militärärzten, denen eine verständliche, von J-remdwörtern reine Ansdrucksweise zur Pflicht gemacht ist, hat es viele Verbreitung gefunden. Von Krankenhäusern und ihren Bediensteten wird es viel begehrt. Die jetzt erschienene fünfte Auflage bringt eine erhebliche Vermehrung des Stoffes, indem zahlreiche Fremdausdrücke der neuesten Forschung durch verständliche deutsche Wörter ersetzt worden sind. Wer auch in der Berufssprache ein Deutscher bleiben will, wird in dem kleinen Buche eilte willkommene Hilfe finden. Und solche Hilfe finden darin auch die, die zu schüchtern sind, ihren Arzt um Erklärung zu bitten, aber doch gerne wissen möchten, was er gesagt hat, und kein großes Nachschlagewerk zur Hand haben. Tie „Heilkunde" kostet nur 60 Pfg. und ist durch jede Buchhandlung zu beziehen. Vielleicht kann auch mancher Arzt, der bis letzt noch arglos freindwörtert, für die Sache des Sprachvereins gewonnen werden, wenn ihm das Heftchen mit den Worten entgegengehalten wird: „Ach, ich 'verstehe das Wort nicht, Herr Doktor; sagen Sie es doch, bitte, auf Deutsch. Hiev steht es sicher drin." Vielleicht entsagt auch er dann „der mittelalterlichen Gewohnheit des Prunkens mit dem Fremdwort"« Rösselsprung. Auflösung in nächster Nummer. ge- Leid du 6er mer- ü- Be- eS nicht ü- won- dar- sitz es ist Sch ner neu dir im zen Welt 6er nichts dar- sei die 6 er er- nichts ei- die Won- sei freut ist wie gehn vor- und neu Welt zer- nicht ü- 6er Welt hast sitz et es vor- an ist nichts ncn ron- ner Be- geh dir ist ü- der Auflösung des Rätsels in voriger Nummert Kost, Kosten. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.