1907 — Htt. 56 MtiAwch den 17. April 11 Aem Irrlicht nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Drinnen stand Sylvia, hoch aufgerichtet, und Tante Cölestine lag auf den Knieen und rang ihre Hände. Ernas Eintritt überhörten beide. War das Wieder eins von der Tante Komödienstücken? Was bezweckte sie damit? „Sylvia, mein Kind, mein Kind, verzeih mir, ich und dein Vater, wir taten es nur um deinetwillen! Du warst hier besser aufgehoben als bei uns fahrenden Leuten. Ja — fahrende Leute waren wir geworden, weil das Unglück sich an unsere Fersen geheftet. Zernial, der Mann der großen Unternehmungen, mußte über den Ozean flüchten. Durch die Schuld schlechter Menschen und allerlei verhängnisvolle Wechselfälle waren die Spekulationen in Rußland mißglückt. Wir konnten auf unserer neuen Fahrt nach dem Glück kein Kind mit uns führen." Frau Zernial sprach hastig, Tränen erstickten oft ihre Stimme, es klang Erna zum erstenmal wie ein Ton von Wahrheit entgegen. Sie hatte diese Aufklärung geahnt seit den letzten Wochen, sie wollte sich unbemerkt zurückziehen und die Szene zwischen Mutter und Kind nicht stören, aber sie sah, wie Sylvia plötzlich schwankte, und wäre sie nicht zugesprungen und hätte sie in ihren Armen aufgefangen, so wäre sie zu Boden gestürzt. Tante Cölestine stieß einen lauten Schrei aus. „Bitte, rufe uns nicht das Haus zusammen," sagte Erna tn schroffer Zurechtweisung; sie erinnerte in diesem Augenblick sehr im Wesen und Ausdruck an ihren Vater. „Ich denke, dies sind Vorgänge, die man gern still und allein erlebt." Sylvia war ohnmächtig geworden. Erna bettete sie mit Hülse der Tante auf ihr Lager. Der Anblick des totenhaft aussehenden Gesichts weckte Ernas mitleidiges Herz. Sie wusch die Schläfen der Bewußtlosen mit Kölnischem Wasser und rief sie mit zärtlichen Namen. Es war zu viel gewesen für das zarte kleine Ding, was mochte nicht auf sie eingestürmt sein von allen Seiten. Nach einer Weile erholte Sylvia sich und blickte wirr umher. Die schreckliche Wirklichkeit kam ihr wieder zum Bewußtsein. Roderich hatte sie zurückgewiesen, Roderich liebte sie nicht und hier konnte sie nicht bleiben, der Vater wünschte ihrer ledig zu sein. Der Vater? Er war ja nicht ihr Vater — ihr Vater war eilt unbekannter Mann, der noch irgendwo lebte, niemand wußte, wo, und Tanre Cölestine war ihre Mutter. Wie ein kalter Wirbeltanz tobte das durcheinander in ihrem kleinen Gehirn, wo bisher nur sonnige Bilder gehaftet hatten. Doktor Villattes Bewerbung trat davor ganz in den Hintergrund. Man hatte sie entkleidet und bequem in die Kissen gelegt. .Erna sorgte dafür, daß man ihr Ruhe ließ. „Es soll dich jetzt niemand quälen und fragen," sagte sie in dem leisen, beschwichtigenden Ton, in dem man Kinder in den Schlaf zu lullen sucht. „Du mußt dich erst über alleA klar besinnen, ehe du eine Entscheidung triffst." Sie veranlaßte Tante Cölestine, mit ihr in das anstoßende, in ihr eigenes Zimmer zu kommen, und forderte sie auf, ihr jetzt in Ruhe zu sagen, was eigentlich vorgefallen sei, Frau Zernial saß in sich zusammengesunkcn und halte schon das dritte Taschentuch naß geweint. Diese Träneuströme waren für Ernas Natur etwas Unbegreifliches. Vielleicht hatte diese Stunde, wo sie ihrem Kinde gegenüberstehen und sich zn rechtfertigen versuchen mußte, doch etwas tiefer aufgewühlt in ihrer Seele. Jetzt trocknete sie Plötzlich ihre Augen, ballte das durchnäßte Tuch in der Hand zusammen und warf es in eine Ecke. Sie seufzte tief und setzte sich aufrecht. „So ist das schwere Wort gefallen," sagte sie, „die Verstellung hat ein Ende und Sylvia kennt ihre unglückliche Mutter, Erna, du kühle, so völlig leidenschaftslose Natur, du siehst mich an, als wollest du das Berdammungs- und Vernichtnngs- urteil über mich sprechen. Tue das in deiner vortrefflichen Tugendhaftigkeit. Dir nahen keine Versuchungen, dein Blut fließt ungeheuer gleichmäßig in deinen Adern und wird durch nichts in schnellern Lauf zu bringen sein." Erna wendete ihr Antlitz ob. Sie sah ungewöhnlich rot und erregt aus heure, wenn die Tante es hätte gewahren wollen- und ihr war es, als ob ihr Blut siede. „Erzähle mir, bitte, Tante; du ivirst es verzeihlich finden, daß ich sehr gespannt bin. Vorerst — was ist Sylvia eigentlich passiert?" „Sie hat einen Heiratsantrag erhalten, und bei der Gelegenheit hat dein Vater ihr gesagt, daß sie fortan so wie so für sich selber sorgen müsse, das; er eigene Kinder habe und so weiter, und das; es ein ungeheures Glück für sie sei, wenn dieser Schulmann mit seinen bescheidenen Verhältnissen sie heiraten und für sie sorgen wolle." „Hm — vielleicht hat Papa doch etwas anders gesprochen — int übrigen erkennt Sylvia diesen Antrag nicht als einen sie beglückenden?" „Sie ist noch nicht so weit in der Erkenntnis borgedrungen, wird aber wohl bis zur geeigneten Zeit richtig dressiert werden, wenn der Bewerber sich noch ein wenig geduldet." Erna fuhr heftig empor. „Eine sonderbare Tonart, Tante, in der du da sprichst. Doktor Villatte hat wohl das Recht, eine e hrliche Antwort zu fordern auf seinen ehrenvollen Antrag. Sylvia braucht keim Hehl aus ihren Gefühlen zn machen, es wird sie niemand zwingen. Uebrigens erklärt mir dies nicht ihren sonderbaren Zustand. Sie kam heute mittag, ehe ich sie später hier oben so verzweifelt fand, aus Roderichs Zimmer, Was ist zlvischen ihr und ihm vorgefallen?" „Roderich — Roderich — ich weiß nichts darüber. Sylvia hat sich, wie es mir schien, sehr durch ihn verletzt gefühlt, und er reist morgen schon, wie ich vorhin unten erfuhr. Das warf mein armes Kind gar über den Hansen — o, Roderich versteht es, über seine Gefühle zu täuschen — man war doch voll berechtigt, zu glauben — und Sylvia natürlich auch —" — 222 - Was meinst du, Tante, und wovon redest du eigentlich? Ich denke, es handelt sich hier einzig um Sylvias Antwort an Doktor Villatte." Erna, welche Geständnisse herannahen sah, die ste beängstigten und von denen sie annahm, daß sie auch Sylvias feineres Gefühl schwer belasten mußten, wenn sie ausgeplaudert würden, erhob sich in so stolzer, abweisender Haltung, daß die Tante unwillkürlich innnehielt. „Sylvia ist Roderich und mir von jeher eine liebe Schwester gewesen und wird cs uns bleiben. Ich weiß nicht, welches deine Absichten sind, liebe Tante, ob du deine Mutterrechte, von Lenen ich ja in dieser Stunde zuerst erfahre, geltend machen und Sylvia uns rauben willst. Ich bitte dich, laß sie uns und beirre sie überhaupt nicht in ihren freien Entschlüssen. Sie war hier glücklich bei uns und wird es ferner bleiben." Erna hatte sich allmählich zur Ruhe gezwungen, sie ver- jnochte besonnener zu denken. Sylvia liebte jedenfalls Vitlatte uicht, sie würde ihn also ausschlagen, und wahrscheinlich war ihreni ungeschulten kleinen Herzen ein schwerer Schlag zugeführt worden, wenii sie auf Roderich vertraut, sich mi den ange- flammert hatte. Das Ivar es also geioeseii — und erst heute mittag hatten der Vater und Roderich beschlossen, daß er schon morgen reise. Sie I-atte selbst geglaubt, Roderich habe eilte grope Zuneigung, eine niehr als brüderliche, für Sylvia — seine Liebe trieb ihn jedenfalls nicht zu törichten Uebereilungen. Und Villatte? Er hing sein großem, starkes, selbstloses Herz au die kleine, kindische Sylvia, Re, auch wenn sie keine Neigung für einen andern hegte, doch nie imstande gewesen wäre, ihn zn begreifen. Der ernste, kluge Mann hatte sich tauschen lassen. von ihrer leichten, tändelnden, koketten Manier, er hatte gn Gegenliebe geglaubt. , ' Der Schmerz um ihn erstickte jeden Gedanke» an ihre ieigenen, für alle Zeit zertrümmerten Hoffnungen. Tante Cölestine ftmtb am Fenster und rang ihre Hände. Der Mond schien ins Ziinmer — Erna hatte noch kein Licht angezündet, und in dem fahlen Schein sah der Tante stets wunderlich kostümierte GGestalt abenteuerlich und gespenstisch aus, luic eine Zigeunerin mit all den blinkenden Spangen. „Wie kanit ich Mutterrechte geltend machen!" sagte sie. „Ich bin ja ein armes elendes Geschöpf. Ja, elend — Erna, wenn mich lautes Lachen über meine Lippen klingt und ich die Welt glauben machen will, ich sei noch die Celeste von dem. Tu — du kannst es ja nicht nachfühlen, du weißt nicht, was Reue bedeutet, die Erinnyen, welche begangene Schuld uns an die Fersen heftet. Mir folgen sie wie dein Orest; wohin ich auch gehe, sie verlassen mich nie." Erna schauerte zusammen. Das ioar ja der alte pathetische Ton, die esfekthaschende Manier, welche der Taute zur zweiten Natur geivorden Ivar, aber durch die Maske brach doch ein Stück Von dem wirklichen Menschen, ein Korn Wahrheit, und die weckte Erbarmen. „ Ich war einst jung, unschuldig, glücklich," fuhr die Tante fort in einem leisem, beinahe unheimlichen Ton. „Ich fühlte «ine Kraft in mir, die mich über meine Umgebung erhob. Ich vermochte alles, was ich wollte. In meinem Ohr, in meiner Seeb: waren unerschöpfliche Harmonien, mein Fuß schwebte über den Boden hin und nirgends empfand ich eine Grenze. Da trat et in meinen Weg — ich kam nach längerer Albwesenheit heim ins Elternhaus und fand ihn als meiner Schwester Verlobten. Friederike war schön und liebte den Mann, der sich ihr gelobt hatte, mit einer abgöttischen Liebe. Ich vermochte es vom crstm Augenblick an nicht, die beiden nebeneinander zu sehen. Eine große, gewaltige Flamme entzündete sich in meiner Seele, ich konnte sie nicht dämpfen und ersticken, meine Macht über andere hatte mir nie versagt, sie versagte mir auch hier nicht. Zernial wandte sich mir zu nach wenig Wochen schon. „Ich dachte nicht au Friederike, ich war damals' unfähig, an irgend jemand außer mir und ihm zu denken. „Er hatte lange in Rußland gelebt als Begleiter eines jungen Fürsten, hatte sich dort ein Vermögen erworben und war im Begriff, sich bei uns im Land anzukaufen. Friederike hätte er nicht! lauf fremden Boden verpflanzen können. Uns beiden aber war die Welt - der Heimat zu eng. Wir gingen zuerst nach Paris. Zernial Hatte dort Freunde und Verbindungen, es war ein berauschendes Leben. Ich wußte es, daß mein Gatte Mitglied einer großen politischen Verbrüderung war. An seinem Feuergeist entzündeten sich viele. Ich nahm oft teil an den Männerversammlungen, meine Seele war von großen Dingnr erfüllt." Sie Mt inne und lehnte sich zurück, ihr Gesicht hatte einen Neuen Ausdruck, es sah aber noch verwelkter und eingefallener aus als gewöhnlich, alte Erinnerungen schienen sitz zu übermannen. Erna betrachtete sie mit erhöhtem Interesse. Worte, welche sich auf ihre Lippen drängen wollten, hielt sie zurück. Was war denn aus all den großen Dingen geworden, welche dies« beiden von der Natur so glänzend ausgestatteten Menschen vollbringen gewollt? Die Schranken des bürgerlichen Lebens waren ihnen zn eng gewesen, was hatten sie denn gefunden jenseits derselben? „Wie lauge lebtet Ihr in Paris?" fragte Erna, um die Versunkene zum Fortfährcn in ihrer Erzählung zu wecken. Frau Zernial fuhr empor und starrte Erna eitlen Moment an, als habe sie ihre Gegenwart vergessen. „Ja so — ich war noch in Paris — das ist lauge her. Wir gingen vvn dort nach Rußland, nach dem Kaukasus —i Zernial hatte früher an den ilsern des schwarzen Meeres gelebt und besaß dort iwch einige Holzlager. Er übernahm die Leitung der Geschäfte selber. Es war ein Garten Eden, in dem, ich wohnte, aber ich war oft monatelang allein. Der Holzhandel forderte meist Zernials Anwesenheit im Innern des Landes, Er lebte da daun in den Wäldern, unter Holzfällern und Bauern — feine Natur.war so gewaltig, er konnte existieren unter den verschiedensten Formen. Er kam dann wüst, verwildert, ein anderer, als da er ging, zu mir zurück. Er war noch immer in gesährtiche politische Umtriebe verwickelt, ich wußte es, erfuhr aber nichts mehr davon. Er führte mich bald von einem Ort zum andern. Daun kam er eines Tages aufgeregt, matt und müde wie ein gehetztes Wild zn mir zurück und sagte mir, daß wir fliehen, Rußland, ja Europa verlassen müßten. Ich erwartete mein erstes Kind. „In einem schrecklichen Nest an der polnischen Grenze erblickte Sylvia ÄaS Licht der Welt. Ich hatte gehofft, meine Heimat noch erreichen zn können. Zernial, für den jedes Verweilen gefährlich war, verlieh mich, als meine Mäste so weit reichten, um die Reise mit dem Kinde sortzusetzen. Er leitete neue Unternehmungen im svemden Weltteil ein. Ich kam hieher nach Dresden nnd appellierte an Friederikens gutes, verzeihendes Herz. Sie ivar mit einem reichen Mann verheiratet,, war glücklich geworden —" Die Erzählerin unterbrach sich hier auss neue und sah Erna scheu von der Seite an. „Ja, ich weiß," sagte Erna in herberem Ton, als es eigentlich ihre Absicht war, „Mama war gutherzig genug, dein Kind und das des Mannes, der sie verraten hatte, auszu- uehmeu, und mein Vater willigte darein, Mama hat Sylvin stets geliebt, wie ihre eigene Tochter." „Ja, ja, das hat sie getan.. Sie liebte Zernial noch irt seinem Kinde. Ich sah es jetzt, Erna, ich sah es — es ist doch ein Riß durch ihr Leben gegangen, der sich nicht hat aus- heilen lassen. Friederikens Geist und Seele sind wnnd geblieben." „Mein armer Vater!" murmelte Erna und stützte ihr schweres! Haupt in die Hand. . Frau Zernial blickte stutzend auf das junge Mädchen. War der unsichere Schein des Moudlichts oder waren auch dis jugendlichen Züge difses kühlen Geschöpfes schon schmerzdurch- wühtt? Diese ruhigen Seelen gingen ja doch wohl ohne Aufechtungen durch das Leben. „(gg ist aber doch sehr unrecht, daß dein Gatte dich jetzt verlassen hat," sagte Erna in Müdem Ton, „weißt du gar nicht, wo er sich aufhält?" . „Ich war ihm nach Amerika gefolgt, wir lebten in Mexiko^ Kalifornien — ich konnte auf die Dauer das Klima nicht ertragen, seine Unternehmungen glückten nicht, ich sah den Hunger, herannahen, das Elend — o, Erna, das Leben birgt große Enttäuschungen! Was für Flammen waren es, die aufschlugen in unseren Herzen, ich wähnte, sie könnten nimmer verlöschen., Mer langsam, langsam sind sie verglommen und nur ein Häufchen Asche blieb zurück. Asche! graue Erinnerungen, die zerstäuben und zerfallen, wenn ich sie aus Licht heben will, und ich hänge ihnen dann rasch unter den Schauern des eigenen Grauens bunte Gewänder um, die ich noch aus der ehemals unerschöpflichen Schatzkammer der Phantasie hervorhole. Alber alle echten Kleinodien sind auch aus dem Schrein längst vev- , braucht, und ich weiß es — ich fühle es selbst, wie nur der hohle Flitterputz der Trödlerin nm mich her flattert." (Fortsetzung folgt.). alt die Von genannt, Da nur inniger Glaube den Menschen den Simmet erschließt, so wurde die himmelwärts Schauende zum Sinnbild frommen Glaubens: i ,,Liebliche Blumen, primula veris, Holde, dich nenn' ich Blume des Glaubens. Gläubig dem ersten Winke des Himmels Eilst du entgegen, öffnest die Brust ihm", sagt Lenau von ihr. In der deutschen Bolkssage spielt die Schlüsselblume eine ähnliche Rolle wie die Springwurzel. Man soll mit ihrer Hilfe verborgene Schätze heben. Doch muß bei der Auffindung eine weiße Fran, die sogenannte Schlüffeljnngfrau erscheinen. Diese führt zu einem Schlosse, dessen Tür durch die Berührung mit der Blume aufspringt — daher der Name Schlüsselblume —■; innen find Fässer von Gold, gewöhnlich aber voll Fruchte, Flachs- knotm und bergt., die sich dann in Gold verwandeln; man muß aber die Blume wieder mituehmen, sonst wird man von einem schlvarzen Hunde verfolgt. Diese Schlüsseljungfran deutel man auf Freha, da in der Krone dieser Göttin sichtbar ein Schlüssel stecken sollte. In der späteren christlichen Zeit hat man die tznld der Schlüsseljungfran auf die Mutter Gottes übertragen. Zu den Frühlingsboten aus der Blumenwelt gehört auch das Gänseblümchen oder Maßliebchen, dessen weiße, Blütensterne den grünen Anger von den ersten Frühlingstagen bis zum Spätherbst hinein schmücken. „Bald bunt, bald rot und bald schneeweiß. Ist es des Lenzes srüh'ster Preis, Des Herbstes letzte Frciide." der Dichterauch: . „Du liebes Glöcklein, weih luie Schnee, . ; I I Wie freu' ich mich, wenn ich dich seh'. Du blühst im milden Sonnenschein i Und läutest den lieben Frühling ein." Warum >das Schneeglöckchen ein Gefährte vvist Schnee ift, erzählt u!ns eine anmutige Sage: „Als der liebe Gott die Erde erschaffen und alles in bunter Farbenpracht erglänzte, da beklagte sich der Schnee beim Schöpfer, daß für ihn keine Farbe geblieben sei und er nun ebensowenig beachtet würde wie der Wind. „Geh doch zu den Blumen!" sagte der liebe Gott, „sie werden dir von ihren Farben -geben." Aber keine Blume wollte von ihrer Farbenpracht etwas ablassen. Nur das kleine Schneeglöckchen hatte Mitleid. „Wenn du dich mit meiner Farbe begnügen willst, will ich dir davon geben", sagte es zu dem Schnee. ■ Und der Schnee war es zufrieden. Zum Dank dafür hütet nun der Schnee das kleine Blümchen in dem kalten Winter und hüllt es warm Gar verschieden sind die Namen, die dieses zarte Blümchen Kt; es heißt auch noch Perlblnme, Tausendfchöu, Tausighübsch, nablümlein und Marienblümchen. An die letzte Bezeichnung knüpft sich eine sinnige Sage: „Maria wollte einst ihrem göttlichen Kinde zum Geburtstage einen Kran§ schenk mnte aber nirgends Blumen finden. Aus weißer Seide je.. ne selbst einige künstliche an, von denen eine sich durch besondere Schönheit auszeichnete. Tie Mutter Gattes hatte sich dabei mit der Nadel gestochen, und der Rand des Blümchens war davon blutrgrot. Dem Jefusknaben war dieses Blümchen darun: doppelt lieb; er pflanzte es und verlieh ihm Leben. Und so schniückt es heute Feld Bei den nordischen Völkern Ivar das Blümchen der Ostara, der Göttin 'd'.er Auferstehung der Natur geweiht. Es war die „Osterblume", mit der man den festlichen Osterpvkal umwand. Die eigentliche Heimat dieser Frühlingsülmne soll China sein, von wo sie ein Jesuitenpater 1728 nach Frankreich brachte. Hier steht sie in hohem Ansehen, auf seine Kultur wurde die größte Sorgfalt verwandt, und namentlich die Gärten von Trianost lieferten Blumen in allen Farben und Arten. Unter dem Namen „Marguerite" sind sie beni Gartner und Blumenliebhaber wohl bekannt. In Frankreich galt das Maßliebchen als Sinnbild der Ritterlichkeit und edelsten Weiblichkeit, und bei allen Vermahlungsfeierlichkeiten spielte es eine große Rolle. Bet uns wird das Maßliebchen als Lrebesorakel verehrt, und darum heißt es in einem alten Liedchen: „Ich bin das kleine Tauseudschön, Und trage noch der Rainen viel; Maßliebe gibt ihr Blätterkrönchen Der Liebespein zum Fragespiel. .Wie könnt' ich euch in's Herze fassen, Die ihr mich heimlich habt befragt — Ich mußt': er taitn nicht von dir lassen, Und hab' es treulich auch gesagt. Wenn es draußen überall lebhafter grünt und blülst, erscheint lieblichste .nuferer Frühlingsblumen, das Veilchen. „Das EiS zergeht, der Schnee zerrinnt. Wann grünt es über ein Weilchen; - Und leise singt der laute Wind: • Wacht auf, wacht auf, ihr Veilchen! Von jeher gilt daS Veilchen als das eigentliche Symbol des Frühlings, als das sicherste Unterpsaud, das, nun die Herrschaft des Winters gebrochen ist. Mit Freuden wird daher sein Erscheinen Arühttngsöolen aus der Manzenwett. Skizze von Ludwig Epstein. > Nachdruck verbotest. „Der Eisbann bricht im Frühlingswehn, Nun Wunen die Blümelein anferstehn; Sie schmachteten lange in Banden fest, Mein der Lenz hat sie erlöst. Das Vöglein war im fernen Land, Dev Irian he Winter hat's verbannt. Jetzt eilt's herbei und singt so hell Zum Herrn, der aller Freude Quell." Nun ist endlich die Kraft des Winters, der Wochen- und Monatelang sein Szepter geschwungen, die Erde in ein weißes Leinentuch gehüllt, und Bäche, Flüsse und Seen in seine Baude geschlagen hat, gebrochen, und die Natur schickt sich an, den sonnigen Lenz zu empfangen; aber ehe dieser holde Knabe noch seinen Einzug hält, sendet er feine Herolde, die uns sein Nahen „Den blut'gen Lorbeer geb ich hin mit Freuden Für's erste Veilchen, das der Frühling bringt, Das dust'ge Pfand der neu verjüngten Erde', sagt Schiller in feinem „.Wallenstein". , n Früher wurden in Süddcutschlaud und Oesterreich beim Erscheinen des ersten Veilchens die sogenannten Beilcheuseste gefeiert, ebenso wie itfie Ankunft der Schwalben, der Störche oder der Kuckucks den Anlaß zu Festlichkeiten gab. In Wien wurde baS Veilchensest bereits im 13. Jahrhundert freudig begangen. Sobald man das erste Veilchen gefunden hatte, zog alt und ,ung, der Herzog mit seinem Hof an der Spitze, unter jauchzen mit ..utfu hinaus, nm diesen Herold des Lenzes ,zu bearühem Das schönste und sittsamste Mädchen ward auserwählt, das Veilchen zu pflücken, welches, nachdeni man fröhliche Lieder.gesungen und die üblicyen Tänze aufaeführt, im Triumph in die Stadt getragen wurde. Der alte Brauch des Umtanzens des ersten Veilchens führte in den Tagen Ottos des Fröhlichen iir der Umgegend von Wiest zu einem Streite zwischen Nithart Fuchs und den Bauern. Ersterer, der Hofnarr Herzog Ltws, hatte nämlich .ist eineirt ijcrlüubicn. Einer der ersten Frühlingsboten ist das Schneeglöckchen, dessen weiße Blütenglöckchcii oft schon schüchtern durch die iveiße Schneedecke hervorlugen. Dieses zarte Blümchen läutet gewissermaßen den Frühling ein. Von ihm singt der Dichter: „Der Lenz will kommen, der Winter ist aus, Schneeglöckchen läutet: . Heraus! Heraus! Heraus, ihr Schläfer, aus Flur und Heid', Es ist nicht länger Schlafenszeit. Und was iwch schlummert im Winterhaus, Zum Leben und Weben heraus, heraus!" . Mit großer Freude wird das anmutige Blümchen von und jung begrüßt; denn nun sind Wiuterleid und Wintertrauer bald vorbei, und. schon Mäht der schöne Frühling. Darum singt ein, damit es nicht erfriert." _ Das Schneeglöckchen ist das Sinnbild der Demut uno Dankbarkeit, des Trostes und der Hoffnung. Wenn sein heller Ton durch die Walder klingt, dann wachen nach und nach die Kinder Floras aus, öffnen ihre Blütenkelche den toarmen Sonnenstrahlen und verheißen uns neuen Frühling. Bald sprießen unter der dünnen Laubdecke des Waldes, dessen Kronen jener eigentümliche Märzen- glanz erfüllt, der durch das Schwellen der ihre Hülle spannenden Knospen entstehet, auch die „wie verwunderte Kinderaugen starr zum Himmel blickenden Leberblünichen" hervor, gelbe Ranunkeln glänzen vom Bache herüber, und der Wiesengrmid schmtickt sich mit Anemonen und Primeln. der Primel, laute!) HimmclSschlüssel oder Schlüsselblume singt Fr. Rückert: „Himmclsschlüssel ist genannt ein goldenes, Feingebildetes Blümchen auf der Wiese, Weil den Himmel auf Erden sieht die Unschuld Aufgeschlossen im Frühling unter Blumen." Dev Name Primel, d. h. Erstling (des Frühlings), stammt von der lateinischen Bezeichnung Primula her. Ihren deutschen . -Kanten hat hiiese Frühlingsblume wohl dem Umstande zu verdanken, oaß ihre Blüte einem Schlüssel der alten Zeit ähnelt. Zieht man die gelbe Blumenkrone heraus, so bleibt die Kelchröhre wie ein zierliches Schloß mit dem Schlüsselloch nach altdeutscher Art zurück. Die Blumenkrone selber gleicht einem im Innern hohlen Schlüssel, in welchen der Stift des Schlosses geschoben weichen Mußte. Eine andere Erklärung des Namens unserer Blume gibt die folgende Legende: „Als einst vor der hohen Himmelstür der Pförtner Petrus Vernahm, daß man sich Nach-schlüssel gemacht, um Hinterpförtchen an dem Himmelsdome damit zu erschließen, entfiel vor Schreck das. ganze Schlüsselbund der heiligen Hand und sank von Stern zu Stern bis tief herab aus wnsere Erde. Schnell sandte er demselben einen Engel nach, daß er es aushebe und ihm zurückbringe. Doch ehe dieser den Befehl auszuführen veruwchte, hatten die goldenen Schlüssel be- reits den Erdboden erreicht und sich in denselben eingedrückt, und aus ihnen empor war eine goldene Blume erwachsen, welche der Erde bereits den Frühlingshimmel erschlossen. Zwar nahm der Engel die Schlüssel wieder mit sich fort, doch ein zarter Abdruck blieb uns zurück, und in jedem Jahre sprießen die Schlüsselblumen von neuem empör und erschließen uns dest Blumen- Himmel des Frühlings." 1 der Ge- xrgnicke. das der Veilchen Jahre das erste Veilchen gefunden und war, nachdem er es mit seinem Hute bedeckt, an den Hof geult, um seinen Fürsten »nm Frühlingsfest zu holen. Der Hof kam, allein unter dem l^te fand sich infolge eines Schabernacks der Bauern kein Veilchen mehr, u'nd so siel der arme Nithart in Ungnade und ward zum Bauernfeind". Diese Geschichte wurde sowohl von Hans Sacys als auch von Anastasius Grün poetisch bearbeitet. Ueberhaupt spielt unser Frühlingsbote tu der Poesie eine nichtige Liolle. Goethe, von dem erzählt ivird, daß er stets Veflchensamen in seiner Tasche getragen und auf seinen Spazrrr- gängeit in der Unigegend voon Weimar ansgestreut habe, preist das Veilchen als Shmbol der Bescheidenheit:, „Ein Veilchen auf der Wiese stand. Gebückt ül sich und unbekannt: Es war ein herzig's Veilchen." Keine dagegen rühmt das Liebliche und Neckische, Veilcheablüte tnnewvhiit. Er singt Vvir den „blauen der Aeugelein" der Liebsten und läßt „Die Veilchen kichern und kosen Und schauen zu den Sternen empor." Wie in der Poesie, so spielt das Veilchen auch in schichte, ikamentlich im preußischen Königshause, eine nicht unbedeutende Rolle. Friedrich Wilhelm III. ließ oft das Bild seiner unvergeßlichen Luise mit frischen Veilchen nmkränzen, und Kaiser Wilhelm I bevorzugte neben der blauen Kornbluiire das Veilchen. Ganz besonders liebte Kaiser Friedrich IIL dieses Blümchen, und in den für jums unvergeßlichen Frühlingstagen des Wahres 1888 wurdeii dem todkranken Miser von nah und fern Veilchen gesandt, damit er sich am Anblicke und Gerüche seiner LiebliNgsblrtme Zigemrerzsichett. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). Mit dem nahenden Frühjahre werden wieder die Pußtasöhne mobil und ziehen, in größere und kleinere Horden getrennt, aus ihren Winterlagern, um in unseren, von der Natur reich gesegneten Fluren auf mehr unrechtmäßige als rechtmäßige Weise in den Besitz des täglichen Brotes zu gelangen. Neben der Polizei richten die von den europäischen Nomaden in ihrem beweglichen Besitztum ost geschädigten Landbewohner ein aufmerksames Auge auf die als Kesselflicker, Pferdehändler, Jn- strumentenhändler und Wahrsager die Gemarkungen durchziehenden Zigeuner. Am erfolgreichsten hat sich bei der Vertreibung der braunen Langfinger immer noch der kalte Strahl der Ortsfener- spritze bewährt. Durch solche Selbsthilfe der von schneller pulsierendem Verkehr etwas abseits liegenden Dörflern, versprengt, finden sich die schwarzlockigen Gesellen durch die ihnen allen bekannten Wegzeichen und anderen Markiermigen rasch wieder zusammen, um dann bald wieder durch ihre Menge anderen Dörfern überaus lästig zu werden. , Bei meinen Wanderungen habe ich ihnen manche Zeichen, au denen der Wanderer meist achtlos vorüberschreitet, abgelauscht. Auf der Landstraße hängen sie Lumpen und alte Kleidungsstücke auf die an der linken Wegseite stehenden Bäume, Zäune und Schranken Md zwar so, daß die abwärtshängenden Lappen die eingeschlagene Wegrichtung andeuten. Zerissene, , an den Wegrändern und Chausseegräben liegende Schuh- und Stiefel- fragmcnte stellen sie so jaus, daß die Schuhspitze die neue Richtung, der Absatz die zurückgelcgte Marschroute zeigt. Auch zeigen sie durch keilförmige Zeichen aus Sttot, Lehm an den Baumstämmen in geringer Höhe den Reiseweg an. An banm- arnten Straßen brechen sie Blumen um, derart, daß die Blüten nach der eingeschlagenen Fahrt hängen. In der Nähe ab- zweigender Straßen häufen sich diese Merkmale. Beim Einbiegen in einen Seitenweg knicken sie die Pflanzen nach dem Straßenlauf um, reißen eine Hand voll Gras aus, breiten es aus die linke Straßenseite neben dem Fußsteige nieder imd legen vier Steinchen, zu einem Häuschen geschichtet darauf. Als ich einmal ein solches kurz vorher errichtetes Wegzeichen an einem von der 1. Horde eingeschlagenen Seitenweg sorgfältig entfernt hatte, zog eine etwa eine halbe Stunde später ein- treffende Abteilung der Zigeunergesellschaft unaufhaltsam an der Zweigstraße vorbei, um dann nach etwa 100 Metern „Halt" zu machen, da die Zeichen auf der Hauptstraße ausblieben. Ich hatte mich also nicht getäuscht. Zwei Mädchen und ein brauner kleiner Schlingel liefen an den Seitenweg zurück, verfolgten denselben bis sie nach einigen Hundert Metern ein neues Zeichen sande,!, das meinem Auge entgangen war. Durch Schreien und Gestikulieren teilten die Kleinen ihren auf der Hauptstraße haltenden Angehörigen das Auffinden der Wegzeichen mit. Darauf machten die Wagen „Kehrt" und langsam fuhren die von Kleppern gezogenen Wagen den ersten Gefährten nach. Viele Mühe verursachende Wegzeichen leisten sich biefe notorischen Faulenzer nicht. Durchziehen die Zigeuner in getrennten Abteilungen ein Dorf, so halten die nachfolgenden Wagen an größeren Straßenkreuzungen, bis ihre umherstreifenden Sprößlinge glücklich ein Zeichen gefunden haben und durch Stehenbleiben zum Nachkommen der Kolonne Veranlassung geben. Anscheinend gedankenlos streicht das kleine Gesindel beim Vorwärtsgehen mit den Händen an den Eckhäusern hin. In der Hand aber halten sie Rötel, Kreide oder sonstiges Material, sodaß in der Wegrichtung an der Wand ein langer Strich entsteht, womit die Fahrroute angedeutet wird. Soweit meine Beobachtungen. Ein übler Empfang oder aussichtsloser Beutezug werden wie das Gegenteil den Nachfolgenden durch Zeichen übermittelt. Sicher ist die Zahl der allen Zigeunern bekannten Zeichen sehr groß. Eine Vernichtung aller aufzufindenden Zigeunerzeichen an Wegen und Häusern ist von Zeit zu Zeit dringend geboten, um nicht durch Sorglosigkeit dem schädigenden Treiben der glut- äugigen Pußtasöhne Vorschub zu leisten. C. E. VsvMLdchtes. ** S tadtflu ch t. Allgemein kennt man wohl den bösen Klang des Mocks Landflucht. Wir brauchen den Komplex von bezüglichen Erscheinungen hier nicht zu wiederholen. Bedeutungsvoller erscheint die Möglichkeit, daß auch einmal eine systematische Flucht aus der Stadt um sich greifen kann. In England haben tote vielfach in Fabrikgegenden eine bereits vollzogene Stadtflucht, und auch bei uns in Deutschland sind die Tendenzen, sogenannte Gartenstädte zu gründen, im Grunde nichts anderes als Flucht aus Staub, Gerassel und engen Ver- hältnissen. Die zunehmende Wohnungsnot, weiter auch die ungewöhnliche Höhe von Zuschlagspfennigen einzelner Städte dürfte manche Existenz aus dem linken Fliigel des Mittelstandes ans das Land führen in Ortschaften, lvelche nicht allzu weit von Städten abliegen. Stadtflüchtig war bereits Goethe, wenn man nicht etwa den Dichter des „beatus ille qni . . . ." als first man hierbei bezeichnen will. Goethe erklärte am 12. März 1828 Ecker- manu, „Gehen Sie einmal in unsere großen Städte und es iirirb Ihnen anders zu Mute werden! Halten Sie einmal Um- Oan der Seite eines zweiten Hinkenden Teufels oder eines . es von ausgedehnter Praxis, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstenr, daß Sie über das Elend und über die Gebrechen erstaunen, vvu denen die menschliche Natur heimgesucht ist und