Montag dm 16. September I I H i WWM »I K * Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hvecker. (Nachdruck verboten.) 1- Kapitel. Vom Tiergarten her strich üKr den nachtnmwobenen, nur noch von spärlichem LaterUenschimNtcr erhellten Potsdamer Platz ein rauher Oktoberwind. Tas auf diesem bis in die späten Nachtstunden unaufhörlich flutende Getriebe hatte abgeebbt- Aus den vielen Fensterreihen der hochragenden Hotelfronten leuchtete nur noch vereinzelter Lichtschimmer. Auch die Restaurants hatten schon ihre gastlichen Pforten»geschlossen- Die langgestreckteBahn- hofsslucht lag völlig im Dunkeln; nur das Zifferblatt der über dem Hauptpvrtal angebrachten Uhr wies in mattem Glanze den Zeigerlauf zur bald vollendeten dritten Morgenstunde. Tas 'Klingeln der nur noch vereinzelt austretenden Straßenbahnwagen, das bereits von weither ihr Näherkommen bemerkbar machende Surren und Stampfen, flüchtig wieder ersterbendes Rädergerassel der in langen Zwischenräumen über den verödeten Platz rollenden Nachtdroschken unterbrachen einzig die tiefe Stille- Selten nur tauchten hurtig ihren Nachhauseweg verfolgende Nachtschwärmer auf, von dem in der Nähe der Normaluhr aufgestellten Schutzmannsposten mit neidisch sehnsuchtsvollen Blicken verfolgt. Tie Weltstadt lag im Banne jener kurzen, trügerischen Ruhe, die nichts von Frieden in sich hat. Schlürfend kani es vom Brandenburger Tor hcrangehuft: ein geschlossener Zweisitzer „erster Güte", der auf dem Bock mantel- verhüllt hockende Kutscher so schlaftrunken wie sein Pferd, das bedächtig Schritt um Schritt vorankroch und den leichten Wagen wie träumend hinter sich nachzog. Ter nicht ncinder verschlafene Schutzmann bei der Normaluhr hob kaum den Kopf, als die Trvschke so an seinem Standorte vorbeiklapperte. Doch da ging es auch schon rnckgleich durch seine zusammengesunkene Gestalt; diese straffte sich und er trat mit einem unwilligen Brummen aus dem Dunkel der schon ent- laubten Gesträuchsecke auf den Fahrdamm. Er packte den Gaul beim Zügel und als dieser lvillig anhielt, wendete der nächtliche Sicherheitswächter sich barsch an den Kutscher- „Da sind Sie ja schon wieder, richtig! Nummer 3683! Befahl ich Ihnen uicht erst vor einer Stunde, sich nach dem Nächsten Halteplatz zu scheren! Haben Sie denn überhaupt Nachtdienst ?" Der so rauh Ermunterte blinzelte durch den hochgeschlagenen Mantelkragen auf den Eifernden- „Wo soll ich denn eigentlich warten?" gab er verdrießlich zurück- Ich bin bestellt, das sagte ich Ihnen schon vorhin- Meinen Sie vielleicht, ich fahre hier Aum Vergnügen herum?" „Faule Ausrede! Sie wissen so gut wie ich, daß solch zweckloses Herumfahr'en verboten ist! Sie lauern einfach auf eine Nachtfuhre! Jetzt schreibe ich Sie auf, dann findet sich das übrige schon!" i Damit zog der Schutzmann das von allen Gesetzesübertretern gefürchtete Notizbuch hervor und begann beint flackernden Licht der Kütschbocklaterne die Whgennumtner aufzuschreiben. , „Wie heißt der Besitzer? Gottlieb Kuake aus der Tegels Straße 219! Wie kommen Sie dann hierher? So, Sie sind der Besitzer selbst, Umso schlimmer, dann sollten Sie erst recht Befi scheid wissen!" Ein kurzer besehlcuder Zuruf unterbrach ihn- „Heda! Droschke!" ' Wie sich beide gleichzeitig nach dem Rufer umwendetcn, ep( blickten sie an der Mündung der Vellevuestraße zwei Manner, von denen der eine unter fortgesetztem Rufen lebhaft ihnen zuwinkte, während sein Begleiter ihm schwerfällig am Arm hing und augenscheinlich in stark bezechtem Zustand sich befand- „Hören Sie denn nicht, Kutscher?" rief der erste eben wieder ungeduldig. „Ter Herr will nach Hause gefahren jverden!" „Nicht nach Hause - . ich bin . . sehr lustig!" lallte dagegen der Trunkene. „Wir wollen . . . ich habe genug . . Geld - . so sei doch vernünftig, Bruderherz . . ich habe ja . .die Tasche voll Geld - . . und ich will nicht. ." „Kutscher, so kommen tg'e doch!" schrie sein Begleiter von neuem- l ! „Wird's bald?" mischte sich nun auch der Schutzmann ein, unschlüssig sein Notizbuch wieder beistdckend. „Sv fahren Sie doch hin - . . der Mann schreit uns noch den ganzen Platz wach!" „Ich bin doch bestellt!" „Larifari! Sie sind mit’n netter Fuhr Herr! Dalli, Män- neken — oder es setzt 'was!" Damit schritt der Schutzmann neben der sich schwerfällig in Bewegung setzenden Droschke quer über den Platz auf dic^beiden Männer zu- Sein kundiger Blick ließ ihn alsbald erkennen, daß er sich in seiner Vermutung nicht getäuscht hatte; der tor-- kelnd mt seines Begleiters Arm hängende, gleich diesem in gewühlter Abendtoilette befindliche, augenscheinlich den besseren Ge- sellschastskreisen zuzuzählende Mann war nahezu sinnlos berauscht- Unaufhörlich lallte er mit versagender Zunge, wollte sich von dem ihn Führenden losreißen und war augenscheinlich gewillt, noch lange nicht nach Hanse zu gehen; cs bedurfte der ganzen Anstrengung des anderen, ihn voran zu bekommen. Im Gegensatz zu seinem Begleitet, der über den Abendanzug einen hellbraunen Herbstpaletot geknöpft und den breitrandigen weichen Filzhut tief in die Stirn gedrückt trug, vermutlich, weil er sich des unwürdigen Zustandes seines Genossen schämte, befand sich dieser nur int Frack und weißer Weste- Sein Anzug totes starke Staubsputen auf, als sei er unterwegs schon häufig. zu Fall gekommen. Tie Stärkebrust mit den funkelnden Brillantknöpfen tvar beschmutzt und vcrkuittctt, über sie hing half offen bie weiße Binde; auch der schwarze Tervyhut tvar übel verbeult, er saß dem Trunkenen schief auf dem Kopf- „Laß dir doch sagen - . ich habe ja Mo . . Moses und die Pro . . prb . . pheten!" lallte der Berauschte wieder. „Es stimmt alles und • . und ich . ." „Schutzmann, flehen Sie mit, bitte, bei," unterbrach der Begleiter seinen Wortschwall, „ich werde mit dem Menschen nicht fertig!" „Ihr Freund ist wohl verunglückt?" fragte der Schutzmann i mit nachsichtigent Schmunzeln, „na, der hat einen ordentlichen 546 hm?" erkundigte er sich zögernd- „Der Mann ist also doch ein Bekannter von Ihnen?" „Leider!" lautete die unverbindliche Antwort des Fremden,- der auch den Kragen des Uebevrocks so hoch aufgeschlagen trug- daß von seinem Gesicht kaum etwas zu sehen war- Immerhin wollte es dem Schutzmann scheinen, als trüge der Unbekannt« jetzt einen Bollbart, während er zuvor nur einen dunklen, stark entwickelten Schnurrbart an ihm wahrgenommen hatte- „Haben Sie den Mann vorhin hierhergebracht und sind dann fortgelaufen?" erkundigte er sich unschlüssig. „Freilich, wer soll's sonst gewesen sein?" lautete die unverbindliche Entgegnung- Run glaubte ihn der Beamte doch wiederzuerkennen; di« schnarrende, den Ausländer kündende Aussprache war dieselbe.; „Warum sind Sie denn vorhin weggerannt?" wollte er wissen. Der Fremde schien nicht auf ihn zu hören; er wendete sich, schon den Fuß auf dem Wagentritt, an den inzwischen wieder auf den Bock gekletterten Kütscher- „Turmstraße 28 . . . durch den Tiergarten und über die Lutherbrücke fahren!" Damit sprang er beinahe in den Wagen und setzte sich neben den von seiner Annäherung keine Notiz mehr nehmenden Trunkenen. „Wohnt dort Ihr Bekannter?" erkundigte sich der Schutzmann, dessen massige Gestalt immer noch den Wagenschlag ansfüllto- „Ich meine nur, weil sein Zustand nicht unbedenklich ist — um» Sie wollten ihn doch vorhin zuerst gar nicht kennen/' setzte er im vorigen unentschlossenen Ton hinzu- „Sie waren's doch wirklich?" Ter Fremde lachte kurz und nervös auf- „Sie fragen nun schon zuni zweiten Mal, was doch.nur selbstverständlich ist- Gewiß, ich sagte Ihnen vorhin, ich habe bett Mann in der Tiergartenstraße! nufgelesen- Dort war's dunkel und ich konnte ihm tiicht ins Gesicht schauen. Als ich ihn nachher erkannte, übermannte mich zuerst der Ekel und ich wollte meiner Wege gehen, ohne mich weiter um ihn zu kümmern- Der Mann ist Schauspieler uttb! wohnt mit seiner Familie in der Turmstraße; ich selbst hatte früher ein Zimmer bei ihm inne- Daher kenne ich ihn. Er war übrigens heute abend Gast in einem' sehr angesehenen Hause; er muß sich wieder einmal übernommen haben- Ich möchte nicht seine Schande ruchbar und dadurch wohl gar einen Makel auf die mir befreundete Familie geladen wissen- Darum habe ich mich entschlossen, ihn nach seiner Wohnung zu geleiten- Sind Sie nun zufriedengestellt?" Ter Schutzmann zögerte ttoch immer- „Es ist so 'ne Sache. Ter Mann ist sinnlos, also auch sozusagen hilflos-" Er hatte wieder sein Notizbuch vorgezogen. „Wie war die Adresse gleich . . . Turmstraße 128? - . . und der Name? Es ist nur der Ordnung wegen" setzte er entschuldigend hinzu- Ter Fremde antwortete nicht gleich; er schien sich zu überlegen- „Nein, ich werde den Namen dieses Mannes nicht preisgeben", entschied er dann- „Es liegt keinerlei strafbare Handlung vor und schon um seiner braven Frau willen möchte ich-ihm jede Beschämung ersparen- Sie wissen ja die Adresse, da kann ich mir die Mühewaltung füglich ersparen-" Er schien Miene machen zu wollen, wieder auszusteigen. Das wirkte- Der Schutzmann trug kein Verlangen nach weiterer Einmischung, sondern trat zurück und gab den Wagenschlag frei, Dieser sauste sofort ins Schloß, Die behandschuhte Linke des Unbekannten ließ das Wagenfenster herabklirren. „Zufahren, Kutscher, aber schnell! Es kommt mir auf ein Trinkgeld nicht an! - Im gleichen Moment zog das durch einen Peitschenhteb aufgemunterte Pferd scharf an und die Droschke rollte hurtig davon, begleitet tiott dem Kvpfschüttelu des sich wieder schwerfällig nach seinem Standorte zurückbegebendcu Schutzmannes'- Mit dem nur zögernd nahenden Morgendämmer setzte schnell sich verdichtender Nebel ein- Noch brannten die Straßenlaternen, doch ihr blutroter Schein vermochte sich kauin auf wenige Schritte Geltung zu verschaffen- Ter Sprühnebel näßte die Bürgersteige, glättete den Asphalt der Straßen, kroch an den Häuserreihen hoch und lag wie ein Dunstmeer über der tveiten Fläche des Königs- Platzes- Kauni daß der Riesenbau des Reichstagsgebäudes sichtbar wurde; der Tiergarten und die zu ihm führenden Straßen waren wie im Nebel verschwunden. Es wollte nicht hell werden, obwohl es inzwischen sechs Uhr geworden war und das frühe Geschästs- lcben Berlins längst wieder begonnen hatte. In der Roonstraße klapperte ein Milchkutscher mit seinen Kannen; er war dabei, seine Kundschaft zu besorgen- Ein Bäckerjunge 'mit übergehäugten Frühstücksbeuteln leistete ihm Gesellschaft, Ter trug eine flackernde Latente, öffnete bei deren Schein eine Haustür um die atidere, tauchte in den dunklen Flur und kehrt? pfeilschnell wieder auf die Sttaße zurück, während sein Genosse verdrießlich über das Wetter schimpfte- Zacken weg!" Damit zeigte er sich auch schon behilflich, den Trunkenen durch den von ihm- bereits geöffneten Wagenschlag ztt schieben- t, „Ich kenne den — Herrn gar nicht," lautete die ablehnende Antwort des nitbereit, „Ich fand ihn ein Stück weiter in der Tiergartenstraße auf dein Trottoir liegen- Da ich seinen hilflosen Zustand erkannte, nahm ich mich seiner an- Es ist nur sauer genug geworden, ihn bis hierher zu schleppen!" „Kamt Vorkommen!" brummte der Schutzmann unter Aech- zen- „Tonnertoetter, Herr, machen Sie keine Geschichten!" unterbrach er sich, als der Trunkene, der offenbar nicht begrtst, was mit ihm vorging und dem die Füße den Dienst immer mehr versagten, wild um sich zu schlagen begann, und dabei auch das Gesicht des Beamten unsanft streifte- „Sie müssen schon imt- helfen," wendete er sich an d.n Begleiter- „Der Mann ist ;a bleischwer! Allein bringe ich ihn nicht in den Wagen!" Statt seiner Aufforderung zu folgen, ließ der Unb.kannte plötzlich von dem Trunkenen, dessen Gesicht von grellem ~a= teruenschimmer flüchtig erhellt wurde- Er tat einen schritt zurück und rief überrascht: „Sie sind es - . Sie?" Dann, ohne ein Wort hinzuzufügen, wendete er ttch mit einem kurzen verächtlichen Auflachen und schritt spornstreichs davon- . Vergeblich rief der Schutzmann hinter ihm her, der nun die zappelnde Körperlast des nm sich Schlagenden allein zu bewältigen hatte- Der Fremde verdoppelte nur die Last seiner Schritte- Als er die zum Ringbahuhof sühretide Fahrrampe erreichte, schien er sich zu verdoppeln; wenigstetis nahm der sich heiser rufende Schutzmann plötzlich einen zweiten Mann, gleich dem anderen mit einem modefarbenen Herbstpaletot angetan und ihm auch in dieser äußeren Erscheinung ähnlich wahr- Tie beiden schienen miteinander zu sprechen und sich dann miteinander eilig zu entfernen- Mehr konnte der Beamte nicht beobachten, da er all seine Aufmerksamkeit dem immer wilder um sich schlagendeti und unaufhörlich laut vor' sich hinlallenden Trunkenen zuwenden mußte- „Tas ist zum Radschlagen!" grollte der Schutzmann- „Was Machen wir nun mit dem Menschen! Ter ist kanonenvoll! — Kütscher, 'mal dalli 'runter voni Bock und geholfen!" „Na, das gibt 'ne vergnügte Fuhre!" brummte dieser, sich umständlich daran machend, der erhaltenen Weisung nachzu- komMen- „Erst wird man ausgeschrieben und nun so 'ne dolle Kiste!" Widerwillig half er den Fahrgast durch die enge Türöffnung in das Wageninnere zn schieben- Es nahm die vereinten Kräfte der beiden Männer minutenlang in Anspruch, ehe sie den Berauschten endlich in der einen W-agenecke untergebracht hatten, von der aus der immer noch sich Sträubende nuatisgesetzt lallend protestierte. „Na, wo solls denn nun hin?" fragte der Kütscher mißvergnügt- Ter Beamte stutzte- „Donnerwetter!" entfuhr es ihm. „Man hat doch nichts wie Scherereien!" Er packte den Fahrgast beim Arm und schüttelte ihn derb- „Nmt seien Sie mal friedlich . . . Sie da, hören Sie mich? Wo wohnen Sie denn cigeiitlich?" „Es ist alles — im Lot!" lallte der Trunkene dagegen- „Fch — ich hatte ja den Bettel — ich habe ihn!" frohlockte er unter blödem Lachen- „Doch, du — mußt fried — lich sein . . . und - . ehrlich! Es wird ge—geteilt . . ich lasse mich mi—it ne Bettel abfi—«den - . den Zah—n lasse dir nur ziehen, August!" Ter Schutzmann schüttelte ihn noch derber- „Wo Sie wohnen, Menschenkind!" dröhnte er dem Trunkenen ins Ohr- Doch sein Schreien schien auf diesen nur eine einschläfernde Wirkung aus- zitüben- Aus stieren Augen starrte ihn der Gefragte blöde und verständnislos an; auf fortgesetzes Fragen schien cs, als ob er antworten wollte- Doch er brachte es nur zu einem völlig unverständlich bleibenden Lallen- Die Sekunde darauf ließ er den Kopf auf die Brust herabsinken und schien einschlafen zu wollen- „Na, denn nich!" meinte der Schutzmann und wendete sich zu dem erwartungsvoll daneben stehenden Kutscher- „Fahren sie den Mann zur Wache, dort mag er sich ausschlafen und nüchtern werden- Dann wird er sich schon wieder auf seine Adressse besinnen-" „Tas ist unnötig. Ich werde ihn noch Hause bringen." Wie der Schutzmann betroffen sich umschaute, nahm er einen schlank Bewachsenen Mann iit hellbraunem Ueberrock, den breitrandigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt, wahr; offenbar den Fremden von Vorhin, der unbemerkt von ihm zurückgekehrt war- Der Paletot war jetzt freilich geschlossen; beinahe tooKte cs dem Beamten auch scheinen, als sei der Unbekannte in der Zwischenzeit jauch zierlicher geworden- „Sind Sie nicht der Herr von vor- 647 Wie sie in ihrer geschäftigen Hantierung gemeinschaftlich um die zum Königsplatz mündende Ecke biegen wollten, stutzte der Junge, hob die Laterne und deutete auf eine dunkle Gestalt, die undeutlich durch den Nebel sichtbar wurde, wie schlafend im Dunkel der Haustornische mit weit vornüberhängendem Kopfe gekauert- „Na, bet is was Extrafeines!" meinte er, zu dem Milchkutscher gewendet, der von stimm Wagen gerade frische Kannen geholt hatte und nun unter deren Last keuchend herangeschlürft kam- „Sieh mal, da sitzt einer auf der Erde und duselt — er is wahrhaftig im Frack - . na, der mag nicht fchlecht geladen haben!" So ne Nulpe!" brummte der Mann verdrossen. „Na ja, so eener pumpt sich mit Schampus voll, bis er nicht mehr' jappstn kann ■ . . unsereens kann sich abfchustenj" Damit hackte erl den Regungslosen bei der Schulter und schüttelte ihn derb- „Heda, Sie - . . hier is keene Schlafsstlle nich — Dunnerkeil!" unterbrach er sich erschrocken. „Was is denn mit dem Ktzrl los?" Unter seiner rauhen Berührung war der vermeintliche Schläfer seitwärts gefallen; nun lag er wie ein Klotz auf dem Pflaster, ohne sich zu rühren- Ter Bäckerjunge hatte ihm ins Gesicht geleuchtet; nun sprang er entsetzt zurück, als aus leblosem, verzerrtem Gesicht, weit offenstehend, gebrochene Augen verglast ihn anstarrten. „Herrjeh, der is ja tot!" entsetzte er sich. „Ob du stille bist!" verwies der Milchkutscher den Schreienden. „Betrunken wird er sein, aber —" Doch da unterbrach er sich schon wieder- Er hatte das Gesicht des Regungslosen berührt und schauerte nun vor der Totenkälte zurück. „Na, det is ne schöne Geschichte - . . der Mann is wirklich tot? stammelte er- Ratlos starrten sich die beiden an, während sie unwillkürlich Von dem Toten zurücktraten. (Fortsetzung folgt.) Ale Erhaltung dcs Dorfes. Vortrag, gehalten auf der 2. Jahres»ersammkung des Bundes Heimätschutz von Robert Mielke. (Nachdruck verboten.) Neber die Entstellung des Landes im allgemeinen und des Dorfes im besonderen ist in den letzten Jahren viel geklagt worden. An Bemühungen, unsere Landleute für die .Beibehaltung ihrer überlieferten Bauweise zu bewegen, hat es gleichfalls nicht gefehlt, ohne daß dabei der Verwüstung der Dorfbilder besonders Einhalt geboten worden Ware.*) Immer von neuem müssen wir es erleben, daß die alten malerischen Bauernhöfe niedergelegt werden, um geschmacklosen Kastenhäusern Platz zu machen, oder daß sich auf den Fluren gewaltige Bauungetüme erheben; immer wieder müssen wir Einwände von den Nächstbeteiligten, den Landleuten, hören, die — für sich betrachtet — wenigstens eine gewisse Berechtigung haben. Auch in das entlegenste Dorf sind Vorstellungen von moderner Wohnlichkeit, gesundheitlichen und feuersicheren Neuerungen gedrungen; auch in der kleinsten Berghütte will man nicht mehr mit dem Vieh in unmittelbarer Nachbarschaft hausen. Ja, wenn wir die Verhältnisse nehmen, wie sie sind, dann ist auch der Bauer nicht mehr der alte, der in allen seinen Lebensäußerungen abhängig war von der Scholle, die ihn trug, sondern er wird in vielen Verhältnissen bestimmt von fernen aber ungeschwächt wirkenden Mästen des modernen politischen Staates. Der Widerstand gegen diese Umformung, den die alte wirtschaftliche, politische und patriarchalische Einheit des Landlebens bot, wird immer schwächer, während die wohlwollenden Bemühungen der Behörden und der Freunde eines gesunden Bauernstandes sehr oft nur einen zutage getretenen Einzelfall, nicht aber die ganze Kette von Ursache und Wirkung im Auge haben, aus *) In unseren hessischen Dörfern kann man doch die Rückkehr zur alten Bauweise viellach mit Freuden ivahrnehmen. Unsere Schulbaumeister erwerben sich in dieser Beziehung nicht genug zu rühmende Verdienste. Allerdings ist im benachbarten Preußischen, wie z. B. im Biebertal, in Lützellinden, in Ullendorf a. d. L. je., ebenso auch in ümnchen Gießener Vororten, namentlich in Heuchelheim, die Bauweise um so beklagenswerter. Da wird heute der nüchterne rote Ziegelsteinkasten vor dem schönen alten Fachwerkbau bevorzugt, »nt dem ganzen Orte das Reizvolle, Trauliche, Anheimelnde zu rauben- D. Red. der jener nur die schroffe Seite hervorkehrt. So lange es nicht in seiner vollen Klarheit erkannt ist, daß das Leben auf dem Lande in den meisten Beziehungen: in der Arbeit und der Ruhe, in der Bewertung der Tagesund Jahreszeiten, selbst in den Berkehrsangelegenheiten von ganz anderen Voraussetzungen bestimmt wird, als in der Stadt, ist eine Besserung kaum möglich. Wir dürfen zufrieden sein, wenn wir zunächst das Verständnis für die Vorzüge der alten Dorfanlagen wecken können und müssen uns vor allen Dingen von der trügerischen Hoffnung befreien, daß wir das, was in einem halben Jahrhundert verloren ist, in wenigen Jahren wieder einbringen können. Es wird die Sachlage von vorneherein klären, wenn wir es offen bekennen, daß nur weuige jener Mäste, die das alte deutsche Dorf in seiner äußeren Erscheinung geschaffen haben, noch lebendig genug sind für eine Weiterentwicklung. Andere traten an ihre Stelle, die sich indessen dem Wirtschaftsleben des Dorfes nicht immer organisch haben einfügen können. Da ist in erster Reihe das dörfliche Handwerk zu nennen, das nur teilweise von Berufshandwerkern, zum größeren Teile aber als Nebenbeschäftigung ausgeübt wurde, das auch an alten überlieferten Formen mit Zähigkeit hing und nur langsam neue Einflüsse verarbeitete. Dieses Dorfhandwerk konnte nur schwer sich den modernen Betriebsformen anpassen; es ging bei dem Emporblühen städtischer Handwerke einfach zu Grunde. In der Stadt fand man den Uebergang zu einer durch die moderne Geldwirtschaft stark beeinflußten Handwerkskunst, die auf den Hausfleiß verzichtete, leichter, weil die einzelnen Berufsgewerbe und die Industrie hier schon lange wirksam waren, bevor die ins Riesenhafte gesteigerte Technik ihre manchmal verhängnisvollen Gaben ausschüttete; das Dorf dagegen geriet in vollständige Abhängigkeit von den letzteren dadurch, daß auch der Geschmack sich von der Industrie ins Schlepptau nehmen ließ und der dörfliche handwerkliche Nachwuchs durch die städtische Handwerks- lehre auf andere Bahnen geleitet wurde. So ist denn eine künstlerische Weiterentwicklung, die zunächst mit der Achtung vor dem Bestehenden beginnen mußte, ernsthaft gar nicht in Frage gekommen; die meisten örtlichen Bedürfnisse: Bauten, Hauseinrichtungen, Wegeanlagen, Kleidung u. a. sind durch städtische Mäste hergestellt worden. An und für sich war das vielleicht nicht so schlimm wie der Uebel- stand, daß mit der erleichterten städtischen Einfuhr auch das Begehren wuchs, das bewährte Alte aufzugeben und das' vorerst noch nicht genügend geprüfte Neue an seine Stelle zu setzen. Erst hierdurch entschwanden mit den' einzelnen charaktervollen Bauernhäusern auch das Verständnis und die Empfindung für den Zauber des heimatlichen Dorfes. Man gewöhnte fich daran, ländliche und städtische Siedelungen nach denselben Grundsätzen zu behandeln, soweit von solchen in unserer schnellebenden Zeit überhaupt die Rede sein kann. Daß neben der äußeren Umwandlung des Dorfbildes auch noch andere Veränderungen vor sich gingen, die den engen Meislauf des Lebens von ehemals bedeutend erweiterten, trug weiterhin dazu bei, die Beziehungen des einzelnen zu seinem kleinen Dorfe zu lösen. Aus der Fülle der Aufgaben, die uns hier erwachsen, ist die Einwirkung auf die äußere Erscheinung des Dorfes eine der wichtigsten; sie wird indessen von dauerndem Einfluß nur durch eine Vertiefung unserer Kultur werden können, die sich glücklicherweise allmählich anbahnt. Will man jedoch diese Aufgabe einigermaßen lösen, dann dürfte sich die Notwendigkeit ergeben, sie nach drei Seiten hin zu betrachten: Wie ist die dörfliche Bauweise in Deutschland zustande gekommen? Wie ist sie in ihrer bodenständigen Art erhalten worden? Was können wir tun, um sie in Zukunft zu pflegen ohne Bruch mit der Vergangenheit und ohne Mißachtung neuzeitlicher Bedürfnisse? Ganz außer Acht müssen dabei die Sondererscheinungen bleiben, die sich aus den verschiedenartigen wirtschaftlichen Verhältnissen, aus geographischen und stammesartlichen Ursachen ergeben. - 5 48 — Es ist schon angedeutet worden, daß der Erbauer eines Hauses zum Teil an der äußeren Gestaltung beteiligt war. Zwar hatte sich auch in dem dörflichen Arbeitsbetriebe eine gewisse Gliederung herausgebildet, in welcher der Schmied, der Stellmacher und der Maurer, der häufig auch der Zimmerer war, eine bestimmte Arbeit leisteten, für welche sie ererbte und langjährige Uebung und noch mehr der Besitz der immerhin sehr wertvollen Werkzeuge befähigten; aber ihre Kunst war vorgezeichnet durch das Herkommen, war beschränkt durch eine sichere Konstruktion und durch die — allerdings gebotene — Benutzung der bodenständigen Baustoffe. Daneben hatte sich eine überlieferte Berzierungskunst ausgebildet, die zum großen Teile mit dem ausgebildeten Hausfleiße zusammenhing. Bei den Fischern der kurischen Nehrung kann man noch heute einen Einblick in eine sehr merkwürdige überlieferte Schnitzkunst gewinnen*), welche sie in bett langen Mußestunden während des Fischfanges ausüben. Wenn man ferner daran denkt, daß die Seeleute unserer Nordseeküsten sogar monatelang hoch im Nordmeere während des Wallfischfanges ruhig lagen und dort selbst ganze Möbel znrechtschnitzten, dann erhält man erst den richtigen Maßstab für die hohe Entwicklung der dörflichen Bildschnitzkunst in Schleswig- Holstein, die sich der forschenden Wissenschaft immer mehr enthüllt; ja, dann erscheint die Ausbildung anderer Volkskünste wie Schmieden, Weben, Malen — selbst der Goldschmiedskunst! — innerhalb einer bodenständigen, ackerbautreibenden Bevölkerung nicht weiter wunderbar und das feine künstlerische Empfinden unserer älteren Bauerngeschlechter selbstverständlich. Die Harmonie zwischen Zweckdienlichkeit und Form, die in der h e s s i s ch e n B o l k s- kunst wie am Hausbau hervortritt, ist gewissermaßen in der Bauernstube geboren. Indessen war die Einheit und die taktvolle Zurückhaltung in der Erscheinung unserer Dörfer doch auch bestimmt von der Einengung persönlicher Willkür durch den Willen der Gesamtheit. Wie aus Weistümern und alten Dorfordnungen hervorgeht, ist in jedem Baufalle ein bestimmtes Maß gegeben, das von vvrnherein den Baubedürfnissen Grenzen zog und Ausschreitungen des einzelnen erschwerte. Gin Weistum deutet durch die Worte: „Darnach mogte ehr ein anders (Haus) haweun in der vorigen maß" sogar unmittelbar an, daß man sich bei Neubauten gern auf das 'gewesene Bauwerk bezog. Ist schon durch das Zurückgreifen auf den landesüblichen Baustoff das Beharren in einer gefestigten Ueberlieferung bis zu einem gewissen Grade 'gewährleistet, so wurde sie noch mehr durch eine handwerkliche Beschränkung gefestigt, die einzelne technische Fertigkeiten von Vater auf Sohn und Enkel weitervererbte und selten außergewöhnliche Ansprüche stellte. Die Sitte, welche von einem eifersüchtig bewahrten Rechtsbewußtsein getragen wurde, sorgte durch Bauordnungen und Polizeivorschriften weiterhin dafür, daß kein schreiendes Mißverhältnis die Einheit des Ganzen störte wie heute so häufig auf dem Dorfe. Die Höhe des Zaunes wie das Haus selbst unterliegen diesen durch Erfahrung und gesunden Blick gewonnenen Bestimmungen. So ließ der dem Bau von Steinhäusern abgeneigte Friese diese dadurch nicht zum ästhetischen Störenfried werden, daß er sie durch Vorschriften den Maßen des üblichen Holzbäus anbequemte. *) Das kann man auch beim asten hessischen Bauernhause, namentlich an den Hostoren, aber auch dein Dnchgebälk, den Haus- türen 2C. wahrnehmen. D. Red. (Fortsetzung folgt.! rumpeligen Omnibus trotz seiner gehirnverrenkenden Tätigkeit treu bleibt, wohl bis zum 21. Jahrhundert! Wie unsere lieben alten Gießener heute noch, so waren auch einst die Pariser Neuerungen abhold, und als im Jahre 1832 in Paris der erste Omnibus auftauchte, da schien er Fiasko zu machen. Die Arbeiter fanden ihn zu teuer, diej Kaufleute und Bürger, nicht mit Unrecht, geschmacklos und' die holden Damen einfach hassenswert. Im Gegensatz zu dem Volke interessierte sich König Charles X. sehr für das Unternehmen. Eines Tages bat er den Präfekten von Paris, de Belleyme, zu einer Gesellschaft in die Tuilerien, woj sich zwischen den beiden folgendes Gespräch entspann: Der -König fragte: „Herr Präfekt, Sie haben doch so mancherlei! Einfälle, warum finden Sie nicht ein Mittel, das verhindert, daß die Omnibusse ihre Fahrten immer leer machen müssen?" „Sire", entgegnete der Präfekt, „es gibt Wohl ein Mittel, ich wage es aber nicht zu nennen." „Sagen Sie es nur ruhig!" „Sire, es müßte eine hohe oder gar allerhöchste Person des Hofes den Omnibus wenigstens einmal benutzen und die Nachricht hiervon müßte sorgfältig in der Stadt verbreitet werden." „Sie wollen doch nicht verlangen, daß der König selbst den Wagen von den Tuilerien nach der Madeleine im Omnibus zurücklegt?" „Soweit geht mein Wunsch allerdings nicht, aber es gibt in der Umgebung des Königs so viele hohe Herrschaften . . . ." Hier unterbrach die junge Herzogin von Berry den Präfekten mit den Worten: „Ich wette, daß ich die ganze Fahrt machen! werde!" Ein Sturm von entrüsteten Protesten erhob sich>< Tie reizende Herzogin aber fragte mit erhobener Stimme: „Wer wettet 50 Louis mit mir?" Ter Präfekt hielt die Wette,, und am andern Tage fuhr die Herzogin von Berry in dem Omnibus durch Paris. -Der Präfekt kannte seine Leute, denn nun beeilte sich jeder, das Gefährt zu benutzen, das eine Serzogin befördert hätte, und so wurde der. mißachtete mnibus über Nacht Mode. * Eine nicht üble Schnurre erzählt der „Gil Blas": Zwei Herren, ein dicker und ein Magerer, treffen sich auf der Straßenbahn einer größeren französischen Pro-, vinzstadt und tauschen Neuigkeiten aus. „Ich gehe in den nächsten Tagen auf Urlaub", sagte der eine: „ich will nach' Paris fahren." — „Bleiben Sie lange dort?" — „Na, ich denke vierzehn Tage." — „Nehmen Sie Ihre Frau Gemahlin mit?" Diese Frage des dicken Herrn scheint den mageren in das höchste Erstaunen zu versetzen: „Nehmen Sie sich viel-, leicht Bier mit, wenn Sie nach München reisen?" fragte er zurück. * Ein Tourist int schottischen Hochland machte bei einem Bauernhause Halt, UM ein Glas Milch zu trinken. Die Aussicht vom Hause wär so herrlich, daß er zum Bauern sagte: „Welch einen entzückenden Platz Haben Sie Hier zuM Wohnen.". — „Ach ja," entgegnete der Schotte, „er ist ganz nett; aber wie Ivürde Ihnen das gefallen, wenn Sie jedesmal fünfzehn Meilen zu marschieren hätten, wenn Sie ein Glas Whisky wünschten?" — „O, aber warum Halten Sie sich denn bucht ein Fäßchen Whisky im Hause?" meinte der Tourist Der Bauer schüttelte betrübt den KVpf. „Whisky Hält sich nicht," meinte er. Silbenrätsel. ar, bei, da, ei, cl, en, es, eben, laub, nie, ne, ni, ni, ra, ro, ni. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sosten sechs Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Ansangsbuchstaben, voir oben nach unten, und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, den Namen eines Forschers und dessen Fahrzeug bezeichnen. Es bedeuten die einzelnen Wörter Folgendes: 1. Ein Land. ?. Historische Persönlichkeit. 8. Ein Vorname. 4. Eine.Münze. 5. Biblische Figur. f. 6. Teil eines Baumes. '■7 ' Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: E | L | B | A L | Y j 0 j N B | 0 | B. | N' A | N | V| A Vsvmß-chSss, * Wie der Omnibus populär wurde. Dem Menschen ist von alters her ein gewisser Konservatismus gngeboren, er ist ein Feind aller Neuerungen. Daher kommt es, daß man bei uns in Gießen unseren guten alten Mdaktion: P. Wit hndLMM..tz.tzxMrü.Hl'scheg.MweMäMBuÄ!und.StemdrnMrxi, R>.Lapg^ Metzens