Wttlwoch den 16. Januar 1LV7 « i*l W 8 D 8 t MDMA WW^W MN UM AWWW MWMisLZ Menschenleöen, dis tügep. Roma» voit H. Ehrhardt, Verfasserin von „Mittellose Mädchen"- Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) In der kleinen Musikloge erklangen die ersten Töne der ihre Jnstruincnie stinnnenden Geiger. Die einzelnen Gruppen begannen sich zu lösen und auf Isa zu kain ein ausfallend grober, brünetter Zivilist, ein beim Landratsaint beschäftigter Regierungsassessor Otto, dein sie die Polonäse zugcsagt hatte. Als Isa sich von ihrem bisherigen Gesellschafter durch ein leichtes Kopfneigen verabschiedete, sagte dieser lebhaft, die breiten Lider völlig von den klug leuchtenden Augen hebend: „Ah, die neue Landrätin!" Das junge Mädchen folgte interessiert dem Blick seiner Augeii, denn cs war das erste Mal, daß das landrätliche Ehepaar sich in großer Gesellschaft zeigte. Mit ihr zugleich richtete sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf die Eintretende, welche der Regierungsasscssor von Rocsscl, der Sohn des Hauses, führte. Und manch Fraucnhcrz krampfte sich neidvoll zusammen. Hanna Gerhardt sah bildschön aus. Auch sie war ganz weiß gekleidet, aber zwischen der Veilchengirlande, welche den sehr tiefen Ausschnitt ihrer Taille umgab, blitzten verstreut einzelne Brillanten gleich schimmernden Tautropfen. Eine Mondsichel aus Brillanten schmiegte sich an den üppigen, lockeren Haarknoten und ein schmaler, funkelnder Reif umschloß ihren rechten Arm. Aber der sprühende Glanz ihrer märchenhaft großen, dunkel bewimperten Augen beschämte das kalte Feuer der kostbaren Steine. Diese Augen beherrschten das ganze Gesicht. Sie standen im Einklang mit der glatten, weißen Stirn, dem rosigen Freudenschimmer ihrer Wangen, dem lachenden, blühenden Munde und der wunderbaren Farbe ihres Haares, das über dem vollendet geformten, schneeigen Nacken wie rotes Gold flimmerte. Im Altertum hätte man ihr ohne Besinnen den Beinamen „die Strahlende" gegeben. „Schön zum Verrücktwerdenl" urteilte der Weiberkenncr Eppen und die anderen Herren stimmten ihm bei. Kaum war die Polonäse, welche bald darauf den Ball eröffnete, beendet, als die Herren auch schon auf die junge Landrätin zustürzten, sich einen Tanz mit ihr zu sichern. Hanna Gerhardt nahm lachenden Auges die elegante Tanzkarte, von der an wcißseidener Schnur ein zierlicher Blci- stifthcerabhing, kritzelte schnell ein paar Buchstaben darauf und reichte sie dann dem ihr zunächst Stehenden, dem Grafen Scherrentien, indem sie in reizender Hülflosigkeit sagte: „Die Wahl fällt nur zu schwer, meine Herren, und deshalb ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade. Sehen Sic zu, wie Sie sich unter einander einigen. Nach dem Schluß dieses Tanzes, der dem Herrn —" Sie sah den kleinen Husarenoffizier, der glückstrahlend dastand, ausfordernd an. „Graf Scherrentien", stotterte dieser, über rmd über rot werdend. „Also — der dem Herrn Grafen Scherrentien gehört, darf ich wohl hoffen, meine Tanzkarte wieder zu sehen." Sie neigte mit entzückender Schalkhaftigkeit den Kopf gegen die Gruppe der Herren, dann flog sie im Arm des jungen Offiziers in das bunte Gewühl hinein. In demselben Moment betrat der Landrat den Saal. Sein aufleuchtcndcs Auge folgte der graziös dahin- schwebenden Gestalt seiner Frau. Er trug einen ungemein glücklichen, zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Gewaltsam riß er sich von dem Bilde seiner tanzenden Frau los, um sich nun seinerseits eine Partnerin zu suchen. Als er sich nach Beendigung des Walzers wieder nach Hanna umsah, wechselte diese soeben in einer Ecke des Saales ein paar freundliche Worte mit Isa Bauer. Tas junge Mädchen war ein wenig bleich und sichtlich erregt. Sie antwortete befangen auf die harmlosen Fragen der schönen Frau und cs war ein törichter Gedanke, der ihr immerfort durch den Kopf ging: „Wenn er jetzt kommt und dich neben Frau Gerhardt sicht, dann kann er dich nicht mehr schön finden, dann verlierst du ihn." Eine bange Ahnung, als bedeute der kommende Abend einen entscheidenden Wendepunkt in ihrer Liebe, wollte sie beschleichen. Sie verabschiedete sich bald unter dem Vorwande, ihre Mutter aufzusuchen, von der jungen Frau. Die blieb nicht lange allein. Neben sie trat ein zierlicher, blonder Artillerieossizier — Walter v. Poscck. In dem Blick, mit welchem er die weißschimmcrnde Gestalt der mädchenhasten Frau überflog, lag eine ehrfürchtige Bewunderung, während sie ihm in kameradschaftlicher Freude die schmale Hand entgegenstreckte. „Endlich!" begrüßte sie ihn, „ich habe Sie schon sehr vermißt. Ganz komisch komme ich mir vor unter den vielen fremden Menschen. Bis jetzt war ich überall so bekannt, bekannter, als mir eigentlich angenehm war — aber so ganz fremd ist auch nicht nett — sagen Sie, wo blieben Sie so lange?" „Ach, gnädige Frau, dienstliche Angelegenheiten, die mich bis in den 'Ballsaal verfolgen, man ist nicht umsonst Regi- ments-Adjutant. Der Oberst nagelte mich erbarmungslos in einer Ecke fest. Wie auf Nadeln hab ich gestanden. Ich wäre ja untröstlich, wenn ich zu spät käme, aber Ihre Tanz- karte ist doch sicher schon völlig besetzt. Ich müßte meine Leute nicht kennen." »Ob sie besetzt ist, weiß ich selbst nicht, Herr von Poseck, sie wandert nämlich auf gut Glück im Saale umher, ich wußte mir keinen anderen Rat, es war ja lebensgefährlich, wie man mich umlagerte, und es ist mir schließlich egal, mit wem von diesen mir doch noch unbekannten Herren ich tanze." „Ich komme also doch zn spät?" sagte der hübsche Offizier verstimmt, -die langen Enden seines Schnurrbartes bearbeitend. Hanna bog schelmisch lächelnd den Kopf in den Nacken. „Natürlich!" Es klang sehr würdevoll. „Das heißt, Sie kämen zn spät, wenn ich nicht um unserer alten Freundschaft willen die erste Quadrille für Sie zurückbehalten hätte. Nun, was sagen Sie dazu, ist das nicht nett von mir?" Wie rasend unbefangen sie ihn anlachte. „Sehr nett!" bestätigte er. Seine Stimme bebte ganz leise. Manchmal ging doch noch ein Nachzittern des alten Wehs durch sein ehrliches Herz. Er konnte momentan kein banales Gespräch beginnen, so sehr hatte ihn die Erinnerung an einstiges Hoffen gepackt. Schweigend stand er und sah ebenso wie die junge Frau in das lebhafte Treiben vor ihnen. Ein Brausen und Summen von Stimmen, Gelächter, Kleiderrauschen wogte durch die schon jetzt schwüle, parfümgesättigte Luft. Plötzlich wandte Hanna sich interessiert an ihren Nachbarn. „Sagen Sie, Herr von Poseck, wer ist der schlanke, blasse Husarenoffizier dort drüben an der Tür, der so verboten hochmütig aussieht?" Poteck folgte der bezeichneten Richtung und der gutmütige Ausdruck um seinen Mund wich langsam, um einem beinahe feindseligen Platz zn machen. „Sie verlieren nichts an dieser Bekanntschaft!" sagte er schroff und das alte, aus Abneigung und Grauen gemischte Gefühl für den Kameraden überkam ihn stärker, denn je, „es ist der Freiherr von Tressenberg, ein unangenehmer Geselle —" „Ah!" Die junge Fran sagte sonst nichts, aber sie sah den schlanken Offizier an — lange und aufmerksam. Im Zeitraum einer Sekunde kreuzten sich mehrere Gedanken hinter ihrer weißen Stirn. Sie war überzeugt davon, daß der Freiherr der jüngere Bruder Margas war, der, wie sie wußte, bei irgend einem Husarenregiment stand. Aber sie hätte nie gedacht, daß die Freundin einen so interessant aussehenden Bruder haben könnte. Er gefiel ihr so gut, daß sie seinetwegen gleich morgen die lang vernachlässigte Freiindschaft mit Marga neu anknüpfen wollte. Zn der ersten Qiiadrille hatte sie Gelegenheit, ihn mit Muße zil betrachten. Er tanzte in dem benachbarten Karree und hatte als Bisavis Isa Bauer, welche non einem ihrer eifrigsten Verehrer, dein rotblonden Gutsbesitzer Warnow geführt wurde. Der Husarenoffizier vernachlässigte seine Dame, die junge Tochter des Hauses und Isas intimsie Freundin auffallend, obgleich sie ein niedliches, frisches Ding war mit schwarzen, kultigen Beerenaugen und keckem, dunklem Jungenkopf. Dafür ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, um mit seinem Visavis ein paar Worte zu wechseln. Als er wieder einmal an Isas Seite trat, war sein Gesicht gerade den forschenden Blicken der jungen Landrütin ausgesetzt. Diesmal bewegten sich seine Lippen nicht, aber er sah das erglühende Mädchen an mit einem wunderbar zärtlichen Leuchten in den tiefen, dunkel umrahmten Augen, das ein Gefühl in Hannas Brust wachrief, ein zorniges, wehes Ge- fühl, wie es vielleicht ein unbeachtetes Mauerblümchen haben kann, aber nie die gefeiertste Schönheit des Ballsaals. Ihre Eitelkeit lehnte sich dagegen auf, daß der junge Offizier ihrer Erscheinung nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, ja bis jetzt nicht einmal die Höflichkeit besessen hatte, sich ihr vorstellen zu lassen. „Die Beiden da drüben amüsieren Sie wohl, gnädige ! Frau!" bemerkte Walter von Poseck arglos, indem er der Richtung von Hannas häufigen Blicken folgte, „für uns ist diele Courmacherei nichts neues mehr, wir erwarten täglich, daß die Sache zum Klappen kommt, obgleich alle dem hübschen, liebenswerten Mädchen einen netteren Mann gewünscht hätten." Die junge Frau runzelte die Brauen. So weit war es also -schon — pah, was ging sie das eigentlich an? „Glauben Sie wirklich, daß er sie heiraten wird? Er scheint mir doch noch schrecklich jung." Der blonde Offizier wurde ernst. „Meiner Ansicht nach kann er als anständiger Mensch sich jetzt nicht mehr zurückziehen." Hannas Blick ruhte einen Moment fest auf dem rätselhaften Gesicht des Husarenoffiziers. „Wissen Sie, Herr von Poseck," sagte sie plötzlich sehr lebhaft, „daß ich in Herrn von Tressenberg den Bruder ineinec bellen Pensionsfreundin vermute — der Name machte mich vorhin schon stutzig, obgleich es noch mehr Vertreter desselben geben mag — aber ich entdecke plötzlich in seinen Zügen einen Ausdruck, den ich bis jetzt so auffallend nur im Gesicht meiner Freundin gefunden habe, und den ich nie vergessen würde, weil er selbst dem alltäglichsten Antlitz den Stempel der Eigenart verleiht — und das ist eine verborgene Glücks- sehnsucht." Poseck konnte nicht gleich antworten, da eine Figur des Tanzes ihn von seiner Dame entfernte. Als er sich wieder vor ihr verneigte, sagte er in einer eifersüchtigen Regung: „Tressenbergs ganze Eigenart ist ein maßloser Hochmut —'* „Den er eigentlich nicht beweist, indem er sich um ein bürgerliches Mädchen bewirbt", warf die junge Frau ein. „Im übrigen ist es mir egal, wie er ist. Die Freundschaft mit der Schwester verpflichtet mich nicht dazu, mich auch mit dem Bruder anzusreunüen, ich kann ihn sehr gut entbehren." Und sie schiiiiegte sich leicht an den Arm Walters und ihre blaßroten Lippen lächelten ihn harmlos vertraut an. Da hatte er schnell die kleine Verstimmung vergessen. Der Quadrille folgte eine längere Pause, in welcher als Vorbereitung auf das Souper Tee mit Gebäck gereicht wurde. Die Musikkapelle spielte zur Abwechslung bekannte Lieder ans den beliebtefien Opern. Die jungen Mädchen hatten sich zum Teil gruppenweise zusammen gesetzt und zwischen ihnen und den jungen Herren, die mit ihren Teetassen herumstehen mußten, flog ein Kreuzfeuer luftiger Reden hin und her. Die Landrätin hatte sich zu der flotten, pikanten Frau des Rittmeisters von Kia st gesellt, welche ihr amüsante Schilderungen der Anwesenden eutivarf und darin von ihrem, seiner Spottsucht wegen gefürchteten Manne eifrigst unterstützt wurde. Hinter Hannas Stuhl stand neben dem Landrat noch Baron Föhrenthal, dessen rotes Gesicht sich beim Lachen jedesmal zu einer Fratze verzerrte. „Die hübsche Isa sieht heute auffallend blaß aus", bemerkte Frau von Klast und nahm die langgestielte Lorgnette von den kurzsichtigen Augen. „Sie bemüht sich eben, dem schönen Dichterwort nachzustreben, ,Dein Volk ist mein Volk — Deine Farbe ist meine Farbe," witzelte der Rittmeister in einer Anzüglichkeit, die auch allseitig verstanden wurde. Wan lachte und kam auf etivas anderes. Isa war wirklich erschreckend blaß geworden, als sie Tressenberg direkt auf sich zukommen sah. Ihr kam es vor, als hätten seine grauen Augen noch nie so leidenschaftlich geleuchtet und sie fühlte sich unter seinem Blick einer Ohnmacht nahe. Joachim kannte die Frauen gut genug, um die Blässe des jungen Mädchens, ihr Erzittern richtig zu deuten. Eine warme Freude durchflutete ihn. In ihm reifte der Entschluß. Sie standen gerade neben der Tür zu einem großen Gemach, das durch ein zweites, kleines Zimmer direkt mit dem kleinen Wintergarten in Verbindung stand, den die Präsidentin sich aus eigenen Mitteln hatte anlegen lassen, — 35 — „Haben Sie eigentlich schon die herrlichen, selbstgezogenen Hyazinthen Frau von Rössels gesehen, mein gnädiges Fräulein?" fragte der junge Offizier nach den üblichen Begrüßungs- Worten möglichst harmlos, „nein? O, die müflen wir gleich zusammen bewundern, Sie werden vergessen, daß wir mitten in Eis und Schnee stecken." Isa sah ihn verwirrt an. Aber als sie sein nun völlig unbewegtes Gesicht bemerkte, atmete sie erleichtert auf und sagte rasch: „Ja, gehen wir, mir ist gar nicht recht gut hier, die vielen Menschen verursachen mir Schwindel — solche Massen- vergnügen sind nicht mein Geschmack." Sie hatte sich schon bei den letzten Worten umgedreht und trat in das Nebenzimmer. Joachim folgte ihr. Sie schritten durch das kleine, von einer rosigen Ampel überstrahlte Zimmer. Schweigend erreichten sie den Wintergarten, der durch geschickt verteilte farbige Lämpchen, die aus dunklem Blattgrün herausglühten, magisch beleuchtet wurde. Hinter ihnen klang das lockende Lied des „Rattenfängers", durch die Entfernung gedämpft, verwirrend süß und betörend, vor ihnen plauderte heimlich ein kleiner Springbrunnen inmitten der buntfarbigen Frühlingskinder, die ihren betäubenden Atem den Eintretenden entgegen hauchten. (Fortsetzung folgt.) Max Liebermann. Julius Meier-Graefe veröffentlicht im Januarheft der vor- züglichen Monatsschrift „Die Kunst" (München, F. Bruckmann A.--G.) eine wertvolle Studie über Max Liebermann. Meier- Graefe erzählt, wie er im Sommer 1904 Liebermann gerade traf, als er sein Bode-Bildnis fertig machte. „Als Bode gegangen war, fragte mich Liebermann, ohne daß ich mir darauf etwas ernbilden dürfte, denn ich glaubte, er stellt dieselbe Frage auch feinem Rahmenmacher: „Na! wat meenen Sie? Js't jut'?" Worauf ich mir erlaubte, obige Reflexion (gemeint ist die in der Einleitung der Studie gegebene Meinung über die Qualitäten des Wildes und über das Verhältnis moderner zu alter Kunst) in geziemende Reime zu bringen. Er hörte mich etwa zehn Sekunden an: Hm! hm! nee — Sie, hören Se uff! Wat ick wissen will, is: Js et ähnlich? —" ja, ähnlich ist es auch." „Auch? Sie, sind Se v'rr'ckt! Js et ähnlich oder nich ähnlich? Alles andere is —" Daran knüpfte sich eine der Diskussionen, die aus der Dämmerstunde bei Herrn Liebermann eine unerschöpfliche Bewegung des Leibes und der Seele machen und geeignet sind, eine Kur in entfernten Badeorten zu ersetzen. Ich glaubte, die These aufrecht erhalten zu können, daß das Kriterium der Aehnlichkeit, weil außerhalb des Werkes liegend und tausend verschiedenen Auslegungen unterworfen, unmöglich pro oder contra entscheiden könne, weil es ja nur zu zahlreiche Porträts gekrönter und anderer Häupter gibt, die ähnlich und doch durchaus nicht von der Art des Bodebildnisses sind. Wohl aber erscheine mir der Eindruck des Natürlichen,^ die, unumstößliche Möglichkeit des Aehnlichen unentbehrlich. Er (Liebermann) hingegen zeigte mir, daß, wenn es ihm nicht gelänge, den Bode so auf die Leinwand zu bringen, wie ihm der Eindruck der Wirklichkeit vorschwebte, das Bild Nimmermehr gut würde. Kurz, es ging hier, wie bei vielen Kunststreitereien, daß man sich um Worte plagte und im Grunde dasselbe meinte. Was Liebermann unter Aehnlichkeit versteht, ist die Ueberzeugungskraft, die er auch bei Phidias findet, also nichts weniger als das Aeußere eines Wirklichkeitsreflexes, sondern der gelungene Wiederaufbau des Natürlichen durch die Hand des Künstlers, mit seinem Geiste, mit seinen Mitteln." Nach einigen Ausführungen über Farbe und Farbigkeit betont dann Meier-Graefe die mit den Jahren wachsende Meisterschaft Liebermanns und meint, der Künstler gebe die relativ stärkste und gleichzeitig das Repräsentativste seiner Art erst int reifen Alter. Die großen berühmten Werke, die Ende der achtziger Jahre entstanden sind, feien des wirklichen Liebermann „Start" gewesen. In seinen monumentalen Gemälden stecke Barbarentum und Brutalität; sie zeigen aber zugleich mit der Brutalität das Aufbauende und brechen nur mit einer Kette unserer Gewohnheiten, um eine Andere wertvollere, tiefer liegende, notwendige Kette fortzusetzen. Erst als Liebermann die fünfzig überschritten hatte, sollte ihm beschert sein, das Barbarentum in Harmonie zu lösen. Die zehn.Jahre nach den andern entstandenen Gemälde haben dieselbe Kraft, nur unendlich mehr Kultur. Dieses stete' Aufsteigen verdanke der Künstler allem möglichen, nicht zuletzt seiner Intelligenz. Bei seiner Art, das Leben zu nehmen, würde man an den großen Franzosen Delacroix erinnert. Aehulich wie dieser mache sich Steuermann seine Welt zurecht. Es gebe keinen beleseneren Künstler, wenig gebildetere Deutsche, keinen feinrn Sammler, keinen aufnahmefähigeren, lebendigeren Esprit. Seine Aufsätze gehören zum Besten, was in Deutschland über Kunst gesagt wurde, und er dürfte fähig sein, das Wörterbuch der Kunstbegriffe zu schaffen, das Delacroix vorschwebte und von dem er Bruchstücke hinterlassen hat. Sein Haus stehe jedem Gcbildetett offen und jeder Künstler, der im Ausland etwas bedeute, kommt zu ihm. Trotz alledem habe er ebensowenig Freunde wie einst Delacroix. Liebermann frigidere seinen Rahmenmacher wie Delacroix einen Minister, und er enttäusche manches treue Gemüt, das von ihm mehr als des heiteren Wortes Labung fordere. „Er gilt für einen argen Egoisten, und ich bin nicht weit von der Vermutung entfernt, daß er es noch in viel weiterem Umfange ist, als man vermutet. Nur glaube ich an die unantastbare Notwendigkeit dieses Egoismus.. Denn von den vielen Wegen zum Ruhm, die der Künstler gehen kann, gibt es nur einen, der ganz gerade zum Gipfel führt, und dieser ist zu schmal und zu steil, um das Gepäck, das sonst der Mensch durchs Leben schleppt, zuzulassen. Delacroix ging ihn, und fein heißes Herz mag zuweilen den selbstgewählten Mattgel an festen Ruhe- punktcn bei bett vielen Bekanntschaften des Weges bitter em- psundett haben. Dem scharf modellierten Gesichte des Berliner Malers ist dergleichen nicht ausgeschrieben, die ganze Gestalt scheint gemacht, sich geschmeidig und flink durch die Menschen zu schieben. Der Impuls aber ist in beiden Künstlern derselbe. Was Liebermann zur Konzentration aller Eigenschaften seiner starken Rasse treibt, in die Oekonomik des Künstlers, von der Delacroix ein unsterbliches Beispiel zurückließ. Der deutsche Jude ist schärfer gefrannt als der französische Romantiker. Seine Vorfahren waren große Rechner ttnd erwarben ihm die materielle Unabhängigkeit, da? elastische Sprungbrett modernen, notwendig isolierten Künstler- tttms. Der Nachkomme der Industriellen und Kaufleute ist anormal unrecht:erisch veranlagt und war auf der Schule votl schreiendem Unvermögen für alle exakten Wissenschaften. Die Rasse hat sich in ihm auf jene höhere Mathematik gerichtet, die wir Kunst nennen. Seine Bilder sind Rechenexempel, wo der Einfall des Dämons in starke Formen gepreßt wird;, Dokumente des Genies, die für ihn und feine Zeit, für uns alle zeugen und das Lcbctt der sterblichen Persönlichkeit mit allen Einzelheiten als das Resultat einer seltenen und durch die Höhe des Einsatzes idealen Rechnung erscheinen lassen. Sentimentale- Deutsche sind schockweise zu haben. .Rechner wie diesen gibt es bei uns keinen zweiten." _____________ VeLSMZschtLS. * Vom Wiederaufbau der Saalburg meldet die „Köln. Ztg.": Die Ringmauer ist bis auf ixe Nordostecke wiederhergestellt. Beim Bloßlegen der letzteren kam ein 4,65x9,30 Meter großer Ban zum Vorschein, unter dem ein Kanal nach außen führt. Unter diesem zeigte sich der 10 Meter breite Spitzgraben ans der Periode des älteren Kastells. Besonders wichtig ist die Aufdeckung des Fußbodens von Kasematten, die an die Schlitzmauer des zweiten Kastells, die aus Steinen mit Hvlzeinlage bestand, sich aulehnten. Im naheliegenden Soldatenbad wurde vor der dkordmaucr eine fest gepflasterte Vorhalle, an der Ostseite ein Vorbau mit breiter Einfeuerung ausgedeckt. Aus einem hier gefundenen Bronzetäfelchen geht hervor, daß auch Soldaten der 32. Freiwilligen Kvhorte (cohors XXXII, volnn- tariorum) um 186 n. Ehr. zur Garnison des Lagers gehört haben. Im Innern des Lagers ist das dem großen Doppelmagazin gegenüberliegeiide sogenannte Quästorium wieder auf- gebaut worden. Es enthält Räume für die Bureaus, die Handbibliothek und die Post. Bon der Bedeutung der letzteren zeugt wohl die Tatsache, daß sie allein gegen 80 000 der amtlichen Saalburgkarten beförderte. Das obengenannte Magazin hat als künftiges Museum jetzt alle Saalburgfunde aufgenommen, die bisher im Homburger Knrhause untergebracht waren. Die, nach römischem System eingebaute Zentralheizung, mit Koksgries geheizt, hat auch bei kälterem Wetter ausreichende Wärme gewährt. Vor dem Westtor erhebt sich jetzt der Neubau eines der Häuschen, wie sie die Bewohner der bürgerlichen Niederlassung befaßen, eine sogenannte Kanaba (unser „Kneipe" stammt daher). Diese Bauten wurden ermöglicht durch ein Geschenk von 50 000 Mk., die der Kaiser anläßlich seiner silbernen Hochzeit stiftete. Bereichert wurden die Sammlungen durch die Schenkung von Ton- gesäßen, die der Habel-Couradyschen Sammlung in Miltenberg angehörten. Habel war der erste, der in den fünfziger Jahren systematische Ausgrabungen auf der Saalburg unternahm, und ans diesen stammelt wohl meistens die Torr- und Sigillatagesäße, 86 — ei der Feier ihres die jetzt Kommerzienrat H. Meck füst das Saalbustg-Museum gestiftet hat. Mit Tongefäßen und Glasern rl^nnscher Herkunft vervollständigte Konsul Nießen-Koln ferne bererts sruher, geschenkte wertvolle Gläsersammluirg. Von unschätzbarem Werte rst schlreß- lick die von Professor Naus zusammengebrachte Sammlung vor- römiscker Altertümer (17 Schwerter, 23 Dolche, 2 Helme u. a.), Kren Stifter N. Gilka-Berlin ist. Im Frühjahr wird das neue Museum eröffnet werden und danrr eine treffliche Ergänzung zu den eigentlichen Saalburgbauterr geben, indem es em um- fassendes Bild der römischen Kultur eines klemen Bezirks am deutschen Grenzwall liefert, die von so rrachhaltrger Wirkung auf die Folgezeit geworden ist. * Aus dem Leben des Erzurillrardars Rocke- fetter Ein amerikanischer Journalist hatte in seinem Blatte allerlei Nachrichten über den Petroleumkönig veröffentlicht und begab sich dann, nm noch mehr neues zu erhaschen, in die Wohnung des nwdernen Krösus. Rockefeller wollte ihn aber nicht empfangen. Der Journalist ließ sich jedoch dadurch Nicht der Fassung bringen, sondern schrieb einen Brief an den Milliardär, in welchem er bemerkte, daß Rockefeller „als eurer der vcrachtetsten und am wenigsten verstandenen Menscgen dieser Welt die Gelegenheit, den Bewohnern der Bereinigten Staaten Einzelheiten aus seinem Privatleben mitzuteilcn, mit Freuden hätte ergreifen-müssen". Die Antwort auf diesen Brief war die Einladung, vierzehn Tage in Cleveland auf Rocke- fcllers Besitzung zu verbringen. Hier besitzt der Milliardär em großes Terrain, das ausschließlich für das Golfspiel bestimmt ist Der Journalist hatte die Ehre, mit dem Petroleumrönig zu spielen; ihre Gegner waren zwei protestantische Pfarrer. Rocke- fcller spielt Golf mit der Unbefangenheit eines Schulungen; wenn er den Ball ins Loch treibt, wirft er seinen Hut in dre Lust und führt eine Art Jndianertanz auf. Trotz seiner und der Journalisten Spielkunst gewannen die beiden Pfarrer d:e Partie. Da Rockefeller ein Feind des Gehens ist, hat er sich das Radeln an gewöhnt; wenn er auf dem Rade sitzt, fahren drei Diener l iiiterdrein, nm ihn anzufeuem. Der Milliardär spricht sehr iucnig, ivcnn er aber eiitmat spricht, hört er nicht so bald aus, und die Worte sprudeln ihm aus dem Munde tote ein Glegbach. opis Golfspieler tut der Petroleumlöitig alles Erdenklicye, unt sein Spiel und seine Haltung zu verbessern; er hatte die schlechte Gewohnheit angenommen, beim Abschlagen des Balles den Fuß ft. heben; nm sich das abzugewöhnen, läßt er sich sttzt von einem Diener den Fuß festhalten. * Aus dem Tagebuch einer Zweiundnettnzig- j übrig en, in dem sie gewissenhaft ausgezeichnet hat, was sie während ihres langen Lebens gegessen und getrunken, löte sie sich gekleidet und was ihr Lebensunterhalt gekostet hat, bringen englische Zeitungen interessante Auszüge. Bei der Feier ihres letzten Geburtstages, an der ihr ganzes Dorf teilnahm, sang die noch sehr rüstige Witwe Noffey mehrere Lieder, darunter auch „A hunting we will go", und in dem Tagebuche ist verzeichnet, daß sie dieses Lied 1106 mal gesungen hat. Das Gesicht hat sie sich 67 060 mal gewaschen, die Hände 123 424 mal, die Füße aber nur 2208 mal. Ob sie überhaupt je ein Bad genommen hat, darüber schweigt das Tagebuch, das aber verrät, daß Frau Rosfey nur 41 Kleider, 47 Unterröcke, 80 Paar Schuhe, 074 Paar Strümpfe und 165 Hüte und Mützen gebraucht, also absolut keinen Luxus getrieben.hat. Ihren Durst hat sie mit 134 320 Tassen Tee, 67 160 Glas Milch und 33 580 Glas Wasser gestillt. Ihr Lebensunterhalt hat nur 39 037 Mk. gekostet, also etwa 8 Mk. die Woche. * Praktische Logik. Bauer (zu seinem heimkehrendeu Sohne): „No, was hast d' jetzt all's studiert?" Studiosus: „Logik!" Bauer: „Woas net, was dös is!" :-5 Studiosus: „Das werd' ich dir gleich erklären . . . Da hast du gerade drei Würste. Ich werde dir beweisen, daß cS fünf Würste sind: Wo drei Würste sind, sind doch auch zwei. Drei und zwei gibt fünf. Also hast du fünf Würste!" . Bauer: „Hm! . . Woaßt dOwas, i' iß jetzt die drei Wärst , und du kannst dann be andern zwei essen! - * Vater n n d Sohn. Der Fuchs Müller, ist von der Universität nach Hause gereist, da ihm die glücklicye Ankunft eines Brüderchens, des achten, telegraphisch gemeldet wurde. Wieder zurückgekehrt, wird er von feinen Freunden zu, dem unerhofften Familienzuwachs beglückwünscht. „Na ja", gibt er zur Antwort, „is ja janz nett; habe aber doch meinem alten Herrn das kleine Ehrenwock abgenommen, daß so was nich. lvieder vorkommt!" i •. Gesundheitspflege* Soll man bei Kindern die Mandeln' entfernen? Obwohl der physiologische Zweck der Mandeln auch hettte noch nicht sicher bekannt ist, steht doch so viel fest, daß Erkrankungen der Mandeln, rtamentlich Wucherungen und Vergrößerungen, erhebliche Störungen herbeiführen können. :Da diese sich bei Kindern nicht allein auf das körperliche Befinden, sondern auch auf die geistige Entwicklung beziehen, so wird in der Regel mit der Entfernung' bet vergrößerten Mandeln ärztlicherseits nicht lange gezaudert. Dies namentlich in letzter Zeit, wo man in den Mandeln öfters Tuberkelbazillen gefunden hat und auch die Beziehungen zwischen Mandeln und Gelenkrheumatismus klar- gestellt wurden. Ein Forscher hat kürzlich auf den Blutbefund bei Kindern mit Wucherungen im Rachenraum geachtet und ge- fttnden, daß der Blutfarbstoff in allen Fällen um durchschnittlich 13 Proz. herabgesetzt war. Das spezifische Gewicht des Blutes, die Zahl der roten Blutkörperchen wichen nicht von der Norm ab, dagegen war die Zahl der weißen Blutkörperchen vermehrt. Nach' Entfernung der gewucherten Mandeln wurde das Blutbild allmählich wieder twrmal, was durch einen Land- ober Seeaufenthalt ttoch beschleunigt wurde. Zu wesentlich anderen Anschantmgen über die Zweckmäßigkeit der Entfernung der Mandeln gelangte Dr. Kleininger in Rostock. Er untersuchte die Beschaffenheit der Mandeln bei septischen Fiebern und Blutvergiftungen, die sich an Halsentzündungen, Gelenkrheumatismus und Nierenentzündung anschlossen und fand dabei fast immer eine vom Normalen abweichende Beschaffenheit der Mandeln, entweder waren sie zu klein oder zu groß oder sonst nicht normal. Bei 40 Proz. astest Erkrankungsfälle waren die Mandeln entzündet. Kleininger betrachtet demnach die Mandeln als Schutzpforten gegen die Bak- terieneinwanderung; ihre Entfernung soll daher nur in dringenden Fällen vorgenommen werden, um den Körper dieses Schutz-, mittels nicht zu berauben. , ■ Literarisches. — Das Frauen-Studinm auf Grund des heutigen Standes der Verhältnisse wird von einer an der Berliner lini- versität „hörenden" Dame in der Wochenschrift „Fürs Haus" beleuchtet. Das Niveau der Wissettschastsjüngerinnen, die zu Beginn des Franenstudiums noch vielfach genügender Erziehung und Vorbildung, auch finanzieller Grundlage entbehrten, ist infolge Verschärfung der Aufnahmebedingungen wesentlich gehoben, sodaß das Bild der Studierenden sich heute ganz anders barstellt wie damals. Die philosophische und medizinische Fakultät sind es, nm die es sich auf Grund der Statistik beim Frauenstudium tatsächlich handelt. Der aus der Praxis herausgeschriebene Auf- S— die Verfasserin ist die Tochter eines der namhaftesten tschen Philosophen, der vor kurzem verstorben — dürfte das Interesse der deutschett Fratteitwelt in hohem Grade erregen. — Die praktische Wochenschrift „Fürs Haus", die wöchentlich in reich illustrierten Heften erscheint, ist durch alle Buchhandlungen und Postanstalten für 1,50 Mk. vierteljährlich (Salon-Ausgabe 1,75 Mk.) zu beziehen. Mode. — Aus dem großen Reichtum der stets wechselnden Mode in erster Linie das wirklich Geschmackvolle, Praktische und Solide zu bringen, ist der Grundsatz der im Verlage von Franz Lipperheide, Berlin W'35, erscheinenden „Modenwelt", und sie hat es in den 42 Jahren ihres Bestehens vor allen inzwischen nenerschienenen ähnlichen Modezeitschriften verstanden, ihr-n Rnf als bestes deutsches Modenblatt und ihren vornehmen Charakter zu bewahren. In der neuesten Nummer der Modenwelt, Nr. 8, ist für Erwachsene und Kinder noch ein ziemlich großer Raum den Maskenkostümen und Gesellschaststoiletten getoibmet. Daneben sind einfache und elegante Hauskleider, Blusen, sowie die ersten Vorläufer der kommenden Frühjahrsmode berücksichtigt. Eingehende Beschreibungen unterstützen das Nacharbeiten nach den vorzüglichen Schnitten des Schnittmusterbogens, auch liefert das Schnittmuster-Atelier Extraschnitte nach persönlichem Maß. Geschmackvolle Arbeiten in verschiedenen Techniken bietet die Hauch arbeitsbeilage mit ihren klaren, übersichtlichen Abbildmigen; auch für unterhaltende und belehrende Lektüre ist bestens gesorgt. Mer Bezugspreis Der „Modenwelt" ist 1,25 Mr. vierteljährlich. Logogriph. Nachdruck verboten'. Niemals wäbrend des Lebens bars ich ruhen und rasten; Wenn bu beit Kops mir raubst, birgt mich der Erde Schost m, Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer! H > Eos Palme Holbein Stern Cis ii Redaktion: Ernst Heß.—- Rotationsdruck unb. Vertag der Brüh l’leben Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R» Lange, Gieße«-