1907 ■ naa mILv.-'? /£^lt*nNB >:!>*./. xv । W W m», UWMLL! 6-2^1'' ■• Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.» „Das ist ärgerlich!" entrüstete sich der Rat. „Sic verpassten damit eine nie wieder kehrende Gelegenheit, einen der gefährlichsten Tagediebe der Reichshanptstadt hinter Schloß und Riegel zu bringen . . . wenn ich noch daran denke, wie sauer ich mirs Habe werden lassen. Ich war damals noch Kommissar mtb fünfzehn Jahre jünger wie heute. Monatelang war ich hinter dem Kerl her, bis ich ihn endlich erwischte . . . und doch war alles für die Katz." „Und der Knndt soll hier gewesen sein . . . nein, Herr Rat, da täuschen Sie sich. Der Mann war höchstens 30 Jahre, trug blonden ZÄllbart, Brille . . . Kundt ist mindestens ein Vierziger. Ich kenne ihn doch, habe ihn selbst lange genug beschatten müssen. Wie sollte der auch hierher kommen?" „Das wollte ich ihn eben fragen!" meinte der Rat verdrossen, ohnehin gereizt durch den Widerspruch des Untergebenen. „Lassen Sie sich gesagt sein, mein Lieber, daß ich, behaupte ich was, meiner Sache sicher zu sein pflege. Es war Kundt. Augen, wie sie dieser Mensch hat, gibt es nicht zum zweiten Mal . . . und was sein Hierherkommen anbelangt, so wissen Sie so gut wie ich, daß Kundt in unserer Boheme zuhause ist . . . zuweilen weiß er sich selbst an Offiziere heranzumachen; kurzum, wo Lebenslust und Leichtsinn sich paaren, da ist er mitten drunter — und immer weiß er sich schadlos zu halten . . . gezinkte Karten oder Leichenfledderei im feinsten Stil ... im Notfall auch ein brutaler Gewaltakt, hat die Geldklemme ihn gar zu eng umkrallt, warum soll er denn nicht mit Witte vertraut sein? Nach den Reichtümern, die hier von uns gefunden wurden, will mir das nur zu sehr einleuchten. Er mag um eine große Einnahme des Malers wissen und in der Absicht gekommen sein, davon zu profitieren . . . und nun gar erst sein Acußeres. Ich bitte Sie, Thommen, Sic sind doch ein, alter Praktiker, um nicht zu wissen, daß Kundt chameleonartig sein Aussehen zu ändern weiß. Darin ist er geschickter als zehn Schauspieler — und das macht ihn gerade so gefährlich. Nun, wir wollen sehen, vielleicht können wir morgen von Witte selbst Auskunft erhalten." Auch der erst am- Vortage von der Paketfahrt gebrachte Koffer enthielt nichts Auffälliges, „A. W." gezeichnete Taschentücher waren in großer Anzahl vorhanden, zumeist von ebensolcher Qualität, wie sie in der Fracktaschc des Toten und in der Droschke aufgefunden worden waren." „Hier liegt übrigens ein Zettel", meinte der mit Sichtung der Sachen beschäftigte Kommissar und er las vor: „Sollte nicht alles in Ordnung sein, so bitte viclmal um Entschuldigung. Mein Mann hat einige Mal Taschentücher genommen. Ich habe sie aber wieder gewaschen und geglättet. Ihr , schwarzer Frackanzug ist nicht im Koffer. Hoffentlich haben Sie ihn inzwischen wieder bekommen? Herzliches Lebewohl und Dank für genonene Guttaten. Frau O. Schuhmacher." Hansemann nahm den Zettel zur Hand. „Eine flüchtig« Frauenhand, offenbar in größter Eil« hingekritzelt . . . eigentlich ist der Inhalt für Witte entlastend, da die „A. W." gezeichneten Taschentücher sich auch im Besitze des Ehemannes Schuhmachers befunden haben können, iuie dieser ja den eleganten Frackanzug ohne dessen Vorwissen angeeignet gehabt." Kaum eine Biertelstuude später vernahm der nach seinem Bureau zurückgekehrle Rat, daß Detektiv Walden immer noch nicht sich wieder eingefunden habe. 15. Kapitel. So verschlossen Rat Hansemamr sonst auch gegen jedermann lvar, sobald es sich um Dienstangelegenheiten handelte, so machte er hierin doch gegenüber seiner Tochter eine Ausnahme. Mit dieser über ihn lebhaft beschäftigende Vorkommnisse sich ans- zusprcchen, war ihm nachgerade Bedürfnis geworden, zumal,fie ihm mit ihrem gesunden Menschenverstand häufig schon Fährten gewieselt hatten, die selbst seinem WitterungSvcrmögen verborgen geblieben waren. Gar nun heute brannte er ordentlich darauf, ihr die wechselnden Geschehnisse des verflossenen Tages zu berichten: auf der anderen Seite konnte er freilich wieder nur mit einem Gefühl des Zagens daran denken. Mußte ihm selbst doch der Umstand, daß sein Gast vom letztverwichcnen Abend null Aufnahme in einer der engen Zellen des Polizei-Präsidiums gefunden, abenteuerlich erscheinen. Was sollte erst seine Tochter davon denken und wie würde sie cs aufnehmen! Seine Befürchtungen trafen denn auch in vollem Umfange zu. Schon bei der Begrüßung sah ihm Hermine feine Stimmung, so sehr er sich auch nrühte, aufgeräumt zu erscheinen, von den Augen ab. Doch vernricd sie es, taktvoll, ihn zu befragen, um ihm die Tafelfreude nicht zu beschränken, denn ihr Vater schlug bei Tische eine gute Klinge. Doch obwohl es ivieder eines seiner Lieblingsgerichte — er hatte überhaupt nur solche, denn wie jedem starken Esser, schmeckte ihm — alles — gab, langte er kaum zu und fcljo6 endlich den Deller mißmutig belseite. „Es will nicht gehen, Hermine, ich habe zu viel heute erlebt und — erlitten!" Damit schüttelte er der regungslos Lauschenden, nur zuweilen durch einen schreckvollcn Bück die ungeheuere Ucbcr- raschung Kündenden sein übervolles Herz aus; er vcrschivieg ihr nichts,' selbst nicht die sich so vernichtend gestaltenden Schluß, folgerungcn Thommcns gegen Walden. , Als er zu Ende gekommen, saß Hermine noch immer mit in den Schoß gefalteten Händen wie erstarrt da; sw vergas> m dem alles übermögendcn Eindruck« der väterlichen Mitteilungen sogar die Hausfrauenpflicht und ließ das Geschirr auf dem Tische Wie sie dann antwortete, geschas cs gedruckt und w« niedergeschmettert. „Weisst Tu, Papa, das ist einfach swrecklich, ich merkte Dir cs ja schon gestern abend an. Daß Derne merk- würdige Fragen an Witte mehr z>i bedeuten hatten, als Tu zu- aestehcn wolltest — indessen auf ein« derartige Vermutung wäre ich nicht gekommen — und 34 000 Mark, sagst Du, fandest Du in der Witteschcn Wohnung?" „An barem Gclde", bestätigte der Vater. „Ganz merkwürdig wcrs versteckt!" «74 — „Das verstehe ich nicht!" flüsterte das Mädchen gepreßt. „Es läßt mich irre an Witte werden, denn noch in der vorigen Woche klagte er mir in vertranter Aussprache seine Not, wie er mit kleinlichen Sorgen sich abquäle, statt ganz und gar in die hohen Entwürfe sich versenken zu dürfen, die seinem Geiste vorschwebten — wie er seine kostbare Zeit an müßige Tändeleien hingeben mußte, statt seiner Göttin dienen zu düirfen — er erzählte mir noch-, wie er einige Aquarelle um einen Pappenstiel habe verschleudern müssen, nur um Geld für die notwendigsten Bedürfnisse im Hanse zu haben — und nun 34 000 Mark in seinem Besitz! Das ist ja ein großes Vermögen ... ich begreife nicht, woher Witte das Geld bekommen haben soll." „Vielleicht von Leonie Selkenbach?" Ivars der Vater fragend dazwischen. Hermine schüttelte entschieden mit dem Kopfe. „Nie und nimmer. Ich kenne Fräulein Selkenbach nur oberflächlich, immerhin aber genug, um sie auf eine derartige Großmut hin beurteilen zu können. Eine solchen halte ich sie nicht fähig, sie ist das echte Kind ihres Vaters und dein Erwerb mehr zugetan, als dem Verschleudern, überdies glaube ich nicht, daß der Geheimrat seine Tochter ohne sein Vorwissen über solche Summen disponieren läßt. T-u erzähltest mir ja selbst, wie er sich in Deiner Gegenwart über ihre Ueberspanntheit beklagte. Hütte Witte das Geld von ihr erhalten, warum versteckte er es dann?" „Sage einmal offen, hältst Tu Deinen Maler einer solchen Tat fähig, oder neigt Dein Urteil der ThomMenschen Auffassung zu und brichst Du über Walden den Stab." „Vater, Du stellst mich da vor einer schweren Wahl", seufzte das Mädchen, indem es sich endlich erhob, um den Tisch abzn- räumen. Daß Walden Dein und unser Vertrauen grob getäuscht hat, ist erwiesen... er griff zur Lüge. Das macht mich an ihn« irre. Ich meine, wer lügt, der ist zu jeder Niederträchtigkeit fähig. Witte dagegen, was soll ich da nur sagen? Er ist ein solch hvchgeschultev Künstler, seine Seele empfindet ungemein zart und fein, und doch wohnt in ihm ein alles übermögender Drang, es nämlich in seiner Kunst zur Meisterschaft zu bringen, der ganz Großen einer zu werden. Ich glaube, diesem Drange vermag er alles' zu opfern." „Also einer von den ganz Gefährlichen. Lächelt ihnen das Glück, komMen sie als Welteroberer oder Entdecker tu der Geschichte; sonst enden sie gewöhnlich auf dem Schaffst." Hermine erschauerte; schott die Vorstellung einer solchen Möglichkeit erschien ihr etitsetzlich. So verstrich unter sorgenvollem Gespräch der Wend und cs war Schlafengehenszeit geworden. Ta erklairg von draußen nn- vermtltet die Kvrridorklingel. Vater und Tochter sahen sich überrascht an. „Wer kann noch so spät kommen?" fragte der Rat, indem er sich, nm nachzuschauen, erhob. Doch Hermine war schon an der Tür. „Laß' nur, Papa, ich gehe schon." Wie Hansemann noch zuwartend ließen dem Tische stand, hörte er draußen im Gange einen leichten Aufschrei. Dann kam seine Tochter wieder ins Zimmer geeilt. „Walden ist da — er will Dich sehen und sprechen, berichtete sie atemlos. Dann oiti) plötzlicher Bewegung fortgerissen, ergriff sie die Hand ihres Vaters. „Er sieht schrecklich aus, so verstört und mitgenommen tri bitte, lieber Papa, sei nicht hart gegen ihn!" Ehe der Rat in seiner ersten Ueberraschnug noch etwas zu antworten vermochte, erschien int Rahmen der offen gebliebenen Tür auch schon die Gestalt des Detektivs. Er trat mit einem gedrückten „Guten Wend" in den Lichtbereich des Zimmers. Hermine hatte recht; er sah beklagenswert aus; dunkle Ringe itim die Augen, seine schlaffen Bewegungen ließen auf starke kör- perliche Erschöpfung schließen. Mitleidsvoll wollte es sich im Herzen des Beamten regen und unwillkürlich zuckte seine Hand zum gewohnten Gruße. Das währte indessen nur sekundenlang; dann stand er straff und unbeweglich, ein unbestechlicher, gradsinniger Mann, der seine Pflicht unter allen Umständen zu erfüllen entschlossen war. „Endlich!" empfing er den späten Besucher. „Sie Haben mich lange warten lassen, Walden'. Ich wußte kaum mehr, was ich von Ihrem Verhalten denken sollte." Er wies auf einen Stuhl. Doch der Detektiv schien seine Einladung nicht zu sehen; er stand ernst, nicht minder entschlossen als sein Vorgesetzter, auf dessen verschlossene Züge den fieberhaften Blick voll und gerade gerichtet. Nur als Hermine sich in banger Sorge diskret zürückziehen wollte, machte er eine kurze, bittende Handbe- wegung. „Dars ich, Sie darum ersuchen, so bleiben Sie, Fräulein Hansemann", sagte er mit vor innerer .Erregung unsicherer Stimme, „was ich dem Herrn Vater an amtlichen Berichten! nnd — und — und auch sonst noch zu sagen habe", setzte er tastend hinzu, als siele es ihm schwer, den richtigen Ausdruck zu sinden, „das ist kein Geheimnis. Ich nehme an. Sie sind ohnehin schon unterrichtet." „Ich vermute, daß Sie mir zunächst Bericht über Ihren heu-, tigen Auftrag erstatten wollen?" nahm der Rat das Wort, nach-, dem einige Augenblicke in peinlichem Schweigen verstrichen waren. „Setzen Sie sich doch, fügte er ungeduldig hinzu „und Min- cheu, mache kein Gesicht, roie'n Käter beim Donnern." Er rückte sich in der gewohnten Sofaecke zurecht und nahm keine weitere Notiz davon, daß der Detektiv seiner Aubborderung ungeachtet stehen bleib. „Ich begab mich mit dem Leutnant nach Plötzenfee nnd ließ mir den dort interniertem Strafgefangenen Franz Eulenburg vorführen", begann Walden mit farblosem Stimmklang, indem er vor wie nach den Blick auf dem finsteren Antlitz seines Ver- gesetzten ruhen ließ. „Ihre Vermutung bewahrheitet sich, Herr Rat. Der Rcvierlentnant erklärte sofort, daß der vorgeführte Gefangene mit Eilenburg junior nicht identisch sei." „Also doch", unterbrach ihn Hansemann. „Sie haben den unbefugten Stellvertreter bereits der Person nach festgestellt?" „An der Hand der mitgebrnchten Bildkarte", bestätigte Walden in seiner vorigen, wie automatisch wirkenden Weise. „Es handelt sich um den vorbestraften Friedrich Wilhelm Hildebrands den Enkel des alten Kutschers Graßnick, der übrigens im Verlause des heutigen Nachmittags gestorben ist." „Sie sprechen von Graßnick?" „Gewiß, Herr Rat. Hildebrand, der natürlich nicht länger im Gefängnis bleiben konnte, wurde vom Leutnant und mir sofort nach Moabit mitgenommen nnd dort dem zuständigen Untersuchungsrichter vorgeführt. Bor diesem wiederholte er sein zuvor mir schon gemachtes Geständnis und wurde vom Richter dem Untersuchungsgefängnis überwiesen." „Das geschah aber bereits heute nachmittag. Was fing eit Sie in ldier Zwischenzeit an? Sie konnten sich doch denken, daß ich auf Ihren Bericht wartete." „Ich versuchte, die Spur des wirklichen Franz Eilenburg ausfindig zu machen, Herr Rat. Ich wollte meine voraussichtlich letzte Amtshandlung erfolgreich durchführen." Hansemann stutzte; er ging jedoch nicht auf den versteckten Sinn der Aeußerung ein, sondern fragte kurz: „Nun, ist Ihnen das gelungen ?" „Soweit es mir in der kurzen Zeit möglich war — ia, Herr Rat." Hansemann konnte kaum mit einer Geb erde der Befrie-- btgung zurückhalten. „Sie sehen mich in lebhafter Spannung — berichten Sie!" „Ich hatte Hildebrand bereits im Privatzimmer des Gd- fängnisdirektors scharf ins Gebet genommen. Er ist ein schwie-, rigcr Bursch und versuchte lange Zeit, feilte Rolle als vermeintlicher Eilenburg junior weiter zu spielen. Da ihn der Revier- leutnant persönlich kannte und die Photographie gleichfalls gegen ihn zeugte, so hatte er damit auf die Dauer natürlich keinen! Erfolg. Daun wllte er sich darauof beschränken, seine Identität einzuräumen. Erst der Hinweis auf das durch sein Tun voraussichtlich beschleunigt herbeigeführte Ende seines Großvaters nnd das durch ihn über seine brave Mutter verhängte tiefe Herzeleid milderten seine Verstocktheit. Schließlich brach er zu-, samMen, gab klein bei nnd offenbarte alles, was wir von ihm zn wifsm verlangten. Er räumte ein, von Eilenburg junior durch die Zusage einer großen Geldsunime zur Uebernahme der von! ihm erfolgreich gespielten Rolle bewogen worden zu sein. Auf meine Vorhaltung, wie er so töricht gewesen sein und einem! derartigen Geldversprechen Glauben beigemessen haben könnte, zumal er die Verhältnisse im Eilenburgschen Hause doch kennen und wissen mußte, daß nach menschlicher Annahme der junge Eilen-, bürg überhaupt niemals in den Besitz einer solch großen Geld-, summe — es handelt sich um 10 000 Mark— gelangen dürfte^ spielte er den Geheimnisvollen. Schließlich ließ er sich zu der Andeutung herbei, Eilenburg könnte alles, was er wollte, noch mehr dazu durch seine junge Stiefmutter erhalten." „Von Marie?" warf das Mädchen erstäunt und erschreckt ein. Ter Detektiv nickte nur unmerklich, ohne nach ihr hinze- blicken. „Bon seiner jungen Stiefmutter, so sagte wenigstens! der Bursch. Mit ihr soll Eilenburg junior früher verlobt oder wenigstens ein Verhältnis unterhalten haben. Davon wisse sein Alter natürlich nichts. —l isjo soll der junge Eilenburg weiter versichert haben — und seine Stiefmutter sei darum wie Wachs in seinen Händen." (Fortsetzung folgt.) 675 ß-irr Marryaus vor 200 Jahren. Kulturhistorische Skizze von A. S. Der frühere Generalsuperintendeut Wilhelm Baur in Koblenz hat der Nachwelt ein herrliches Buch hinterlassen: Das deutsche evangelische Pfarrhaus. Seine Gründung, feine Entfaltung und sein Bestand. Er schildert darin das Pfarrhaus und das Amts- und Familienleben: wie es fein soll, tote es eine Quelle des Segens für unser Volk geworden ist. Lieblich schildert er auch das Aeußere der Pfarrhäuser, die „von Rosen umblüht, von Reben umrankt, uns wundersam anheimeln". Traulich sind sie in den Schatten der Kirche gerückt, fern ab von der lärmenden Hauptstraße. „In dem wohlgepslegten Garten ist das Nützliche mit dem Lieblichen aufs beste verbunden: Rosen und Rosenkohl, um Pfingsten blühender Goldregen, im Sommer das Goldgelb der Aprikosen. Die schützenden Mauern sind zugleich die sonnigen Wände für Reben und Spalierobst, der Taubenschlag und das Bienenhaus lohnen die Liebe, welche der Pfarrer ihnen schenkt. Tie Ansiedelung ist so lockend, daß der Wanderer gern an der Tür des geistlichen Herrn anklopft." Wahrlich, auch heute noch hat das Pfarrhaus aus dem Lande nicht nur für seine Bewohner, sondern gerade für den Städter, welcher der Stadt und des lärmenden Verkehrs müde auf Schusters Rappen Täler und Berge durchwandert, etwas Anheimelndes. Meist noch nicht im allermodernsten Stil gebaut, machen sie schon von außen 'einen gemütlichen Eindruck, der 6eint Betreten des Innern durch die niedrigen Stuben mit kleinen Fenstern, den vielen Winkeln und Eckchen und Treppchen aus erhöht wird. In neuerer Zeit fängt man freilich an, hie und da diese alten gemütlichen Häuser, wenn der Zahn der Zeit sie allzu baufällig hat werden lassen, durch modern-städtische, dafür aber auch oft viel weniger gemütliche Häuser zu ersetzen, deren Außenbild sich in das Gesamtbild des Dorfes nicht fügen, will. Aber auch die ältesten und schlechtesten Pfarrhäuser sind noch Paläste im Vergleich mit manchen der Vorzeit, von welchen uns noch genaue Kunde überliefert ist. Von einem solchen will ich heute erzählen, nicht Phantasien, sondern harte, nackte Wahrheit, wie ich sie aus alten Akten herausgegraben habe. Von der Haustür gelangen wir in den „Ehren", den Hausgang, der zugleich als Küche dienen muß. Links führt eine Tür in die einzige vorhandene Stube, hinter welcher noch ein Kämmerlein sich befindet. Rechts! vom Ehren gelangt man in den Viehstall, von da in Schafstall und Scheuer. Hinter dem Hausgang, dem Eingang gegenüber, ist noch eine Backstube, die zur Speisekammer dienen muß. In der einzigen Stube des Hauses haust nun der Pfarrer mit Weib, Kind und Gesinde, zumal des Winters, wo er sich nicht zum „Konzipieren" tind „Memorieren" seiner Predigt ins Freie oder in die Backstube flüchten kann; denn die letztere ist, „wenn das Feuer auf der Herdstatt brennt, immer voll Rauch". Er klagt wörtlich in einem Berichte: „was aber die stube, darinnen ich täglich mitt Weib, Kindern und gesindt sehn nmß, thutt anbelangen, so habe ich bcy Anfang die Kellerbalcken einen schuh tieffer legen lassen, alldieweil die stübe so niedrig war, daß ich darinnen nicht strak gehen oder stehen konnte. Ach soll ich nicht ursach über das Hauß zu klagen haben, es ist in der stube, darinnen ich täglich sehn ntuß, mitt ivantzen und anderem unraht derart angefüllt, daß die better, bücher und andere fachen mehr gantz voll sitzen und wenn ich nicht zum wenigsten das Jahr einmahl die stube laß übertünchen mitt Kalck, so können »vir darinnen nicht bleiben." Die Gemeinde ist auch willens, dem Wunsche ihres Pfarrers nach 'einem treuen Pfarrhaus nachzukommen. Sie schreibt in einer Bittschrift: „Das Hauß ist schlecht und nicht so guth, wie manch gemeines Bauernhauß, wie denn auch die alten gesagt, daß es von einer Bauernwittib, so kinderloß gewesen, zu einem Pfarrhauß solte gestiftet worden sehn. Es wird sich nichts darinn befinden, als eine schlechte stuben, welche wenn das Feuer am Herd brennt, immer voll Rauch ist, sintemahl in dem Hauß keine absonderliche Küchen, sondern der Aehren und Küchen eins ist!" Statt des alten Pfarrhauses mit einer Stube wollen sie ein neues Haus, „darinnen zwei) Stuben und Stallung ist", bauen!! Aber die Filialisten wehren sich, an den Baukosten tragen zu helfen. Alle möglichen Gründe suchen sie hervor: sie berufen sich auf alte Zeitett, in denen sie nicht dazu verpflichtet gewesen, sie wollen ein eigenes Pfarrhaus bauen und einen eigenen Pfarrer haben, ja sie sagen, das Haus sei „noch gut genug", der Pfarrer verlange nur seines Reichtums wegen ein neues Haus. Da muß nun der Pfarrer über seine Bermögensverhältnisse berichten. Und diese sind gerade so schlecht wie sein Haus. Er bekennt: „ich muß uff befehl und trieb meines Gewissens sagen, wenn ich nicht von der Verlassenschaft meiner Eltern seel. tind der meiner Haußsrau noch lebenden Eltern etwas wenigs habe, ich allzeit hier uff diesem Dienst nur von mundt zu mundt leben würde, denn das kann ich mitt bestand der warheit sagen, daß von meinem gantzen Dienst die 13 Jahr, so ich hier gewesen, ein Jahr in das ander gerechnet, kaum zehn reichsthaler vor meine Frau und 4 kleine unerzogene Kinder, nicht wissendt, wie lang mich Gott wird leben lassen, habe zurückgelegt." Und so gering wie seine Ersparnisse ist auch sein Hausgerät. „Es bestehet nteiit Reichtumb", tote er schreibt, „in zwei) Bethsponnen, einem kleinen Sitzbett vor die Kinder,zwey grosen Kasten, ztoey kleinen Käsigen, und in einem bestendigen Stück Brodt, daß ich von einer erndt zur andern reiche, und also nicht vonnöthen habe, einem geback nach dem andern aufzubogen, gleichwie die vorigen Herren Pfarrherrn seel. haben,thun müssen." Aber die Filialisten wollen nicht nachgeben, Bittschrift auf Bittschrift geht nach Gießen atts Konsistorium oder an die Landgräfin Elisabetha Dorothea, damals! „Wittib, Vormünderin und Regentin". Es ist böser Wille von ihnen, sie pochen auf ihr vermeintliches altes Recht, oder wollen dann wenigstens einen eigenen Pfarrer. Der Rentmeister berichtet darüber: „wann dieselben ihrem gmeinen Kuh- oder Schweinhirth ein nett Hauß aufrichten sotten, würden sie sich daun in Mitteln und gutem Willen überflüssig zeigen, weil es aber itzund vor ihrer Seele Hirthen gilt, wird aus allen ecken der Mangel herfür- gesucht." Da spielt der Pfarrer seinen letzten Tkumpf aus. Es scheint, als ob er sich bitter geschämt habe, einen solchen Uebelstand zu berichten. Lassen wir ihn wieder selbst rebett, um den Reiz der alten Sprache auf uns wirken zu lassen: „sintemal die Kühestrotze (gemeint ist Pfuhl; vergleiche auch dazu die heutige Bezeichnung auf dem Lande: „Stritze"), nm tut es naß Wetter gibt, nicht allein durch das Gemäuer in dett Keller fället, sondern auch zuM theil in die Stube dringet, dieweil der stall viel höher liegt als die stube; wenn damt die stube wird gewärmbt, so gibt es einen solchett starken geruch von sich, daß man nicht bleiben kann, und ist mir, Gott erbarme es, wenn ich uff die Katttzel steig, mein ambt zu verrichten, nicht anderss ztt muht, alß wenn ich getrunken hätte." Kürz und gut, das neue Pfarrhaus wird gebaut. Nach dem Voranschlag, der sich — ausgenommen die Fuhren und Handlangerdienste, welche die Gemeindemitglieder verrichten müssen — auf 457 Gulden stellt, sind zwei Stockiverke vorgesehen, auf drei Teile zu richten, int vordersten zwei Stuben übereinander, int mittelsten Ehr und Küche, int! dritten Teil unten der Viehstall, oben Kammern. Dort sollte fortan der Pfarrer mit seiner kärglichen Besoldung, die nach einer Besoldungsnote aus dem Jahr 1570 auf 70 Gulden taxiert wird, Hausen. Daß er glücklicher und zufriedener darin gelebt hat, wie in der alteit Baracke, deren Balken „aus den Zapfen gerissen, deren„Gehöltz alt und baufällig", bereit Lehmwände „ganz mürb ttttb zerfallen" waren", bebarf keiner Frage. Tie neue Wohnung ist gebaut worden, „ehe die alte gar über einen Haussen fällt. Es ist ein trauriges Bild aus der Vergangenheit, das! an unseren Augen vorübergezogen ist. Anno 1681 676 — bis 1682 war es, als der Pfarrhausstreit spielte. Jetzt nach bald 250 Jahren lächeln wir, wenn wir hören, unter welch vorsintflutlichen Zuständen unsere Borfahren zu leiden hatten. Heute lebt kein Armenhäusler in solch verwahrlostem Hause. Freilich, wenn für 45 Gulden auch heute noch ein Haus gebaut werden könnte, würden noch manch' alte unwürdige Pfarrhäuser verschwinden, die jetzt nur deshalb immer wieder geflickt werden, weil die Gemeind^ keine großen Lasten mehr tragen kann. Aber die Hauptsache ist ja nicht der Zustand des Pfarrhauses, sondern heute wie damals der Geist, der darin waltet. Und daß die damaligen Bewohner des Pfarrhauses trotz all der Mängel und Beschwerden zufrieden und glücklich, bescheiden und genügsam gewesen, geht aus den alten Urkunden deutlich hervor. ___________ Vsrmisehtss. * Trinkfeste Bayern. In der Nacht zum 5. d. M. tranken, wie der amtliche Polizetbericht der Residenzstadt Münchenmitteilt, in einer dortigen Wirtschaft ein 28jähriger Maler aus Niederbayern und ein 24jähriger Geschäftsreisender aus München, je zwanzig Liter Bier. Bei dieser Gelegenheit verkaufte der Geschäftsreisende infolge Geldmangels in der Wirtschaft Hut, Rock, Weste, seine Schuhe und seinen Rucksack. Dann ginger nachts gegen zwei Uhr mit seinem Freunde zur Polizei, um ein Obdach zu erbitten. Dort machten sich aber plötzlich die Wirkungen des Alkohols bemerkbar; denn die anfängliche feuchtfröhliche Stimmung der beiden Zechkumpane verwandelte sich in eine exzessive. Sie gingen dem diensttuenden Beamten, zu Leibe, lvährend dessen Kollege sich soeben in einem anstoßenden Raum zur Ruhe begeben hatte. Dem sofortigen Eingreifen herbeieilender Schutzleute gelang es, den Beamten vor Verletzungen zu schützen. Der Maler, der in einen tobsuchtähnlichen Zustand verfiel, mußte in die Psychiatrische Klinik geschafft werden. * Das befreite Henkeltöpfchen. Mit dem Schutze der „Susanna" und des „Henkeltöpfchens" hat sich die königl. preuß. Sachverständigen-Kammer für Literatur und Tonkunst beschäftigt! Es handelt sich um den volkstümlichen humoristischen Rheinländer. Ein Keramiker hatte das Recht erworben, wit dem Text seine Krüge, Töpfe usw. zu schmücken; er lvählte dazu beispielsweise die Verse: „O Susanna! wie ist das Leben doch so schön. O Susanna! wie schmeckt das Tröpfchen schön." und „Trink'n wir noch ein Tröpfchen, Immer noch ein Tröpfchen Aus dem kleinen Henkeltöpfchen." Ein Kaufmann in einem anderen Städtchen machte ihm das nach und brachte seinerseits Tausende solcher Krügelchen in den Handel. Gegen ihn klagte nun die berechligte Firma auf Nachdruck und Beschlagnahme, und die Staatsanwaltschaft ersuchte die Sachverständigen-Kammer um ein Gutachten, das in der soeben von Geh. Rat Daube herausgegebenen großen amtlichen Sammlung mit veröffentlicht ist. Die Kammer müßte zwar die Frage, ob das Lied selbst einen Schutz genieße, bejahen, da es auf Umfang oder geistigen Wert der Arbeit nicht ankomme. So sind auch früher schon literarisch minderwertige Produkte wie das Ständchenquartett „Herzliebchen unter dem Rebendach" und das Lied „So wie du" für schutzberechtigte Arbeiten erklärt worden, ebenso vom Reichsgericht die einstigen kleinen Gedichte der „Goldenen Hundertzehn". Es fragte sich dann, ob in dem Fall der Susanna ein teilweiser Nachdruck vorliege. Die Sachverständigen sahen jedoch die Entlehnung für zu unbedeutend an. Die benutzten Worte bilden zwar den Anfang des Liedes, ihr ,/Gedanke" — wenn man so sagen darf — kehrt aber auch z. B. in der dritten Strophe des Liedes wieder: „Laß dich nicht foppen! Trink man noch 'n Schoppen!" Und der angebliche Nachdrucker hatte auch nur die Stelle vom Henkeltöpfchen als Aufschrift verwendet, nicht den so unendlich bedeutsamen Kehrreim: „O Susanna! wie ist das Lebe» doch so schön. O Susanna, wie schmeckt das Bier so schön." So wurde keine unzulässige Vervielfältigung angenommen und auf Grund dieses Gutachtens das Nachdrucksverfahren eingestellt. Auch eine Beschwerde des Anzeigenden bei der Öberstaatsanwalt- e blieb hiernach ohne Erfolg. Man darf also jetzt überall it und sagen, schreiben und drucken: „Triuk'n wir noch ein Tröpfchen, Immer noch ein Tröpfchen Aus dem kleinen Henkeltöpfchen." Glückliches Deutschland! — Der in der letzten NunmM der „Fäinilienblätier". zum Abdruck gebrachte Artikel „Das Haus Poppert in Gießen" aus der von Hofrat Koch in Darmstadt herausgegebenen Zeitschrift „Innendekoration" ist leider durch ein technisches Versehen um seinen Schluß gekommen.^ Wir tragen diesen heute nach. Er lautet: Einfacher, doch gleich gediegen sind die Räunte des OßerH geschosses. Daß ein Vertreter der medizinischen Wissenschaft Schlaf-, Ankleide- und Badezimmer den strengsten Anforderungen der Hygiene entsprechend einrichtet, versteht sich von selbst. Hier sind sie nicht nur zweckmäßig, sondern aueß schön. Besonders gilt dies fite das Schlafzimmer, dessen Wandbespannung auf eilt helles Lilla gestimmt ist, von dem sich die grauen intarsierteui Ahornmöbel vorzüglich abheben. Die übrigen Räume des Ober-, stockes sind in einem matten Dunkelgrün gehalten, das die- Zimmer traulich macht und gleichzeitig der Einrichtung die größte Freiheit läßt. Wir haben in dem Hause Poppert eine recht gelungene Schöpfung kennen gelernt, die wohl imstande sein mag, ein gewurzelte Vorurteile zu widerlegen und der neuen Kunst auf ein.cirt bisher sterilen Boden zu weiterem Wachsen zu verhelfen. Literarisches. — Bon Peter Roseggers Schriften, Volksausgabe,: 3. Serie in 80 Lieferungen ä 35 Pfg. (L. Staackmann, Leipzigs gingen uns die Lieferungen 67—80 (Schluß) zu. Diese Lieferungen enthalten die beiden letzten Bände der Sammlung „Weltgift", Roman, und „Mein Himmelreich" nebst einem neuen Bilde Peter Roseggers. Weltgift ist ein groß angelegtes Werk, das als Gegenstück zu des Dichters Roman „Erdsegen" gedacht ist. Trotz des herben Inhaltes enthält der Roman viel Humor und viel gesunde Lebensweisheit. Als letzter Band der Samm^ lung liegt vor: „Mein Himmelreich", Bekenntnisse, Geständnisse und Erfahrungen aus dem religiösen Leben. Wir finden in ihm in offener, freimütiger Weise die Gedanken einer besonderen einheitlichen Weltanschauung niedergelegt, und es ist wahrhaft erquickend, mit welcher Wärme und Herzensfrische der Dichtep die höchsten Dinge dem Leser nahezubringen weiß. Es ist ein köstliches Buch, wert, in weitesten Steifen verbreitet zu werden, in Kreisen zumal, denen die kirchliche Weise, Gott zu suchen, fremd geworden ist, und die doch das Verständnis für Ewiges nicht verloren haben. Wir besitzen wenige Bücher, in denen ein solcher Freimut einherschreitet, wenige, in denen eine solche Innigkeit, eine so herzerfrischende wahre Frömmigkeit ivaltet als in diesem Buche, in dem Rosegger seine ganze Seele ausschüttet. Mamzlarcr Hanssprüche, Gesamiueli von St. K. Gott schütze dieses Haus. Er schütze jeden Stand, Den Bürger in der Stadt, Den Bauer aus dem Land. * Glaube, Liebe, Treue, Recht, Die 4 haben sich schlafen gelegt. Wenn sie wieder auistehn, Wirds besser in der Welt aussehn. Tie Leute sagen immer, Tie Zeiten würden schlimmer. Die Zeiten bleiben immer, Die Menschen iverden schlimmer. * Sei fleißig Tag und Nacht Und sammle Gut ins Hand; In vielen Tagen kommts Und geht in wenig aus. Rösselsprung. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Tampsschiffahrt Pflicht mann be- ten gcnd bei- 0 1 o- ihm Saa- deine streut las- der schweb ge° Sä- ra° sei- ich ob und Heu nicht ne von der then still fe sie thue Redaktion: V. Wittio. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.