Wsrttag den 15. April 1907 ML W Sfel 1 Ä S ■ Aem Irrtlchi nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Ja, gewiß, ich fitfjfc es auch — sein Ton klang viel weniger innig, beinahe zerstreut, „aber für den Augenblick hilft uns das nichts, denn sieh einmal, du süße Kinderunschuld, da, wohin ich gehe, und unter den Verhältnissen, wie ich gehe, da ist gar nicht daran zu denken, daß du — daß wir —" Roderich, der Dichter, dem die Worte so glänzend zu Gebote standen, stotterte und stockte, er verstand d as nicht zu sagen, was er sagen wollte, sagen mußte. „Ja, — wie denkst du dir das eigentlich?" schloß .er halb verlegen, halb verdrießlich. Shlvias Glieder durchzog eine plötzliche Kälte, es war wie ein Geisterhauch, der sie von irgend woher unheimlich umwehte, sie — sie sprach von ihrer Liebe zu ihm, und er —. Wie ein böses Traumbild erschien ihr «auf einmal sein verlegenes, verdüstertes Gesicht, und sie schlug jählings die Hände vor das ihre, in Scham und Entsetzen. Er war aufgesprungen und wollte ihr die Hände, die eiskalt geworden, vom Gesicht ziehen, sie wehrte ihm. Er redete jetzt hastig, in Sprüngen, ungeregelt durcheinander, halb scherzend, halb beteuernd. Aber zunr Heiraten seien sie alle beide noch zu jung, und ohne verheiratet zu sein, könne sie doch nicht mit ihm gehen: wie ihr denn der sonderbare Gedanke eigentlich gekommen sei. Um Billatte brauche sie sich jedenfalls nicht zu quälen, der «erhalte seinen Korb und kehre dann nicht wieder. „Sei vernünftig, Sylvia, sei mein gutes Schwesterchen", schloß er; „wenn ich erst in Paris bin, schicke ich dir mit erster Post das schönste . Geschenk, das ich in der Stadt des Luxus und der Mode finden kann." Sylvia unterbrach ihn, indem sie sich langsain erhob. Sie begriff. Mit bleierner Wucht legte sich , die nüchterne Wirklich- kcit auf ihr heißes Herz. „Du — du hast mich mißverstanden", sagte sie mit völlig veränderter, jetzt 'heiser klingender Stimme, „ich — ich habe mich ganz falsch ausgedrückt. Papa hat eine schroffe Art — du kennst ihn ja — er sagte mir vieles, und daß ich hier keine Kindesrechte habe und mehr über meine Eltern erfahren solle — wohl auch nur Trauriges — das hatte mich verstört und aufgeregt. Da habe ich eben viel Törichtes gesagt. Ueber Doktor Villattes Werbung habe ich noch kaum nachgedacht —- er ist ein sehr edler Mensch." War das dieselbe Sylvia, welche er gekannt, seit sie die ersten Kleider trug, das fröhliche, sprühende, gedankenlose Kind? Sie sah plötzlich um Jahre gealtert aus. Ihr Blick war glanzlos und irrte wie abwesend an ihm vorüber. Sie erschien um einen Kopf größer als sonst, und um den lieblichen Mund lag ein fremder, bitterer Zug. Es übermannte Roderich doch. Es drängte ihn, die Arme nach ihr auszubreiten, ihr zu geloben, daß er jedes Opfer bringen wolle, um sie zu erringen. Aber er wagte es jetzt nicht, sie an sein Herz zu ziehen, urtf> dann — die kühlere Reflexion gewann rasch wieder die Oberhand — es wäre ein Unsinn sondergleichen, dann blieb ihm nichts als die Zwangsjacke in des Baiers Kontor.- Sylvia schritt schwankend wie eine Nachtwandlerin zur Tür, Sie hatte ein Gefühl, als sei alles in ihr erstarrt. War so deck Sterbenden zu Mut, wenn der Tod nahte? Ein Rauschen, wie von brausenden Wassern tönte vor ihren Ohren, und daher wußte sie auch später nie, ob Roderich noch weiter gesprochen habe. Wie durch einen Nebel sah sie eine Gestalt von oben herab kommen: es war Erna, die aus ihren: Zimmer kam — wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es sie: sie verbarg sich. Neben Roderichs Zimmer lag ein Kämmerchen, wo Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden. Dahinein schlüpfte sie, und jetzt war es wieder Leben, grausiges Leben, was in ihr pulsierte. Mit einer entsetzlichen Klarheit kehrte ihr Denkvermögen zurück, sie verbarg sich —wie Eva im Paradiese nach dem Sündenfall. O, Gott! Es ivar ihr, als müsse sie sich fortan vor allen Men? schcn verbergen. Erna hatte heute länger als sonst zu ihrer Toilette gebraucht. Auch sie hatte, als sie unten in den Wirtschaftsräumen beschäftigt war, Willatte über den Vorhof schreiten sehen und erfahren, daß er beim Vater gewesen war. Er ging, ohne sie zu begrüßen. Was bedeutete das? Ihm mußte Wichtiges hergeführt haben zu so ungewöhnlicher Stunde. Ihr Herz wurde beklommen. Später berichtete ihr Tante Cölestine in besonderem Tonfall, daß Sylvia zum Vater gerufen sei, und Erna fand in ihrem Geist nur eine Deutung für die Vorkommnisse. Es handelte sich um eine Bewerbung um Sylvia. So fielen also die Würfel — er kettete sein Los an Sylvias leichte Seele. War es das allein? War es nur die Sorge um sein Glück, was ihr diesen brennenden Schmerz verursachte? Sie hatte ja keine Törin sein wollen, sich keinen Illusionen hingeben wollen — ja, was sind Vorsätze! Erna verriegelte ihre Tür und kämpfte allein, von keines Menschen Auge gesehen, ihren ersten bittern Kampf ans. Dann ergriff sie eine tödliche Augst. Sylvia konnte jeden Augenblick heraufkommen, ihr erster Impuls würde feilt, an ihre Türe zu klopfen, ihr mit den Jubelausrufen der glückseligen Braut um den Hals zu fallen, und — dann mußte sie ihre gute schwesterliche Rolle dazu spielen. So riegelte sie ihre Tür wieder auf und horchte auf jeden Schritt. Es war totenstill im Hause. Die Unterredung mit dem Papa dauerte sehr lange — ha, wahrscheinlich waren da noch Enthüllungen über Sylvias Eltern zu geben. Ema hatte in letzter Zeit allerlei Vermutungen über den Punkt. Jetzt hörte man unten das Schließen einer Tür — nein — es wurden Damenstimmen laut, das waren die Besucherinnen der Mama — der Zeiger der Uhr rückte vor, in wenig Minuten mußte die Tischglocke läuten, und Sylvia war noch nicht oben. Wie sollte sie das deuten, jede unter dieser Spannnng verrinnende Viertelstunde raubte ihr einen Teil der notwendigen! Fassung. Jetzt — es läutete wahrhaftig schon — sie sprang empor, sie mußte dieses unerträgliche Zittern der Glieder bezwingen — sie öffnete ihre Tür unb ging hinunter. Als sie unten eintrat, war aller Augen gescannt auf sie ver- und! noch viel- not- also gerichtet. „Sylvia hat Kopfschmerz und bittet um Entschuldigung/* sagte sie in einem Tun, der weitere Fragen abschnitt. Das Mahl verlief sehr einsilbig. Frau Friederike sah wie eine Märtyrerin aus, eine Miene, die sie leider oft hatte und die nicht zur Erheiterung ihrer Umgebung beitrug. Ter Hausherr schlang in zornigem Ingrimm seine Bissen hinunter und aß in seiner Aufregung mehr noch als sonst. Er erklärte d azwischen, daß er Roderich gleich nach Tisch sprechen wolle. Dieser entgegnete mit ausgesuchter, beinahe ironischer Höflichkeit, daß er den Vater schon um die Gunst einer Unterredung habe bitten wollen. Er genoß wenig und mühte sich, seine gewohnte überlegene Haltung zu bewahren. Ernas Blick vermied er, und dieser gelang es auch nicht, eine gleich- giltige, unbefangene Unterhaltung zu führen. Nach Tiscbe hielt der Vater sie einen Augenblick fest. „Sieh zu, was du mit der Kleinen anfängst, mein Mädchen," sagte er, „sie wird dir wohl zunächst beichten. Ich verstehe mich nicht auf solche delikate Angelegenheit — der Villattc hätte seine Sache selber führen sollen. Aber sie kann nicht so töricht sein, die Partie auszuschlagen. Roderich reist übrigens morgen, und du mußt dich wohl um seinen Koffer kümmern, du einziges ...... nünsliges Frauenzimmer im Hause." „Roderich reist morgen schon?" „Ja — er wünscht es, und mir ist es auch recht. „So — er wünscht es." Erna sagte weiter nichts erfüllte alle ihre Obliegenheiten. Sie hatte freilich dann recht viel herzurichten, denn der geniale Roderich Itnirbc leicht ohne ein Stück Wäsche reisen, und ein Teil feiner wendigen Garderobe war noch beim Schneider. Sie eilte treppauf, treppab, sah auf dem Boden die Koffer nach, den Diener in die Stadt, ordnete und packte des Bruders Wasche. Sylvia wollte sie vorerst sich selbst überlassen, und Roderich wich ihr offenbar aus, so nötig seine Instruktionen an sie für seine eigenen Angelegenheiten auch gewesen wären. Das emsige Schaffen hals ihr über die schweren Gedanken hinweg. Hin und wider nur zuckte es plötzlich wie schneiderckier! Schmerz in ihr herauf, wenn sie an ihn, an Villatte dachte.^ Er harrte in banger Spannung auf das Jawort der Geliebten. Wenn er wüßte, wie es hier stand! Vielleicht erfuhr er es nie, vielleicht überredeten sie dieses schwache, leichte Wesen! und sie gab nach. Wo er sein ganzes, treues, ehrliches Herz gab, sand er nur Lüge und Verstellung. Das war ein Gedanke Eins Loörcde auf Hießen nnd seins «Hochschule aus dem Jahre 1611. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). Vor dem Senat und der Studentenschaft der Gießener Hochschule hielt am 1. September 1611 der Kandidat der Philosophie I. Peter Auch ter aus Pforzheim m Baden eine Lobrede in französischer Sprache auf Gießen und seins neue Akademie. Die Rede'): „Harangue fran^aise de la louange de l’academie de Giesse“ erschien im Druck bet dem Universitätsdrucker Nie. Hampel in Gießen nnd wurds vom Verfasser den Prinzen Friedrich, Karl und Christoph von Hessen gewidmet. Zu dem öffentlichen Akte nn akademischen Hörsaale hatte der Dekan C. Bachmann in einer den Redner äußerst ehrenden Form durch einen Anschlag m lateinischer Sprache die akademischen Bürger eingeiaden und um zahlreiches Erscheinen gebeten, selbst auf die Gefahr hl», daß mancher der Hörer — wozu er sich auch selbst rechne» — eine selten zum Vortrag kommende französische Rede nur schwer verstehen würde. , , Obschon der Redner nie in Frankreich gewesen ( dazwischen zu treten, aber sie mußte es tu«. .Entschlossen legte sie die Hand auf den Türgriff und öffnete. (Fortsetzung folgt.) Da — war das nicht Sylvia, welche ans Roderichs Zimmer trat? Roderich stand hinter ihr im Rahmen der Tür, er streckte i beit Arm aus, als wolle er sie zurückhalten — das volle Licht des Oktoüertages fiel einen Moment auf beider Gesichter — wie sonderbar sahen sie aus — Sylvia ging, ohne nach Roderich zurückzublicken, und flüchtete augenscheinlich — sie schien sie gewahrt zu haben — in das Kämmerchen, wo sie jedenfalls Nichts zu suchen hatte. Ernas Fuß blieb auf den oberen Treppenstufen, von wo sie dies alles beobachtet hatte, gebannt. — Warum wich Sylvia ihr ans? Wie kam sie in Roderichs Zimmer? Ein verworrenes Denken bildete sich in Ernas Kopf, sie eilte jetzt rasch die Treppe vollends hinunter. Sie mußte dcn Dingen ihren Lauf laben. Was war geschehen? 6. Kapitel. Die Eltern waren schon im Speisezimmer. Der Kommerzienrat redete eifrig mit seiner Frau und wendete sich bei der Tochter Eintritt um. Er sah aufgeregt aus, das gewahrte Erna aus den ersten Blick, und ihr zitterten noch die Füße. „Kommt Sylvia nicht?" war des Vaters erste barsche Frage. „Sylvia? Sie war gar nicht oben." Erna erwiderte cS zögernd, vorsichtig. Sie wollte cs nicht verraten, wo und wie sie Sylvia eben gesehen. , . „Wo steckt sie beim?" rief der Kommerzienrat in seiner polternden Weise, welche verriet, daß auch er eine große Aufregung gehabt. „Ich habe sie vor einer Stunde schon entlassen." Frau Friederike schlug die Hande zusammen und sah verstört von einem zum andern. „Da haben wir's, Walldors", sagte sie in einem Ton unterdrückter Empörung und deutlicher Angst; „ich kann es mir denken, wie du auf sie eingeredet hast. Nun hat sie gemeint, du wolltest sie aus dem Hanse stoßen — o, mein Gott, wo ist das unglückliche Kind?" _ Der Kommerzienrat faßte au seinen Kopf und machte eine Geberde wie jemand, der sich selbst mit Gewalt in Banden hält, weil er fürchtet, loszurasen. „Sieh nach, Erna, wo sie ist!" sagte er kurz. „Beruhige dich, Mama," entgegnete Erna in seltsam kaltem Ton, „Sylvia ist nicht verloren gegangen. Sie wird jetzt oben sein." m In diesem Augenblick trat Roderich ein; ein' genauer Beobachter hätte gewahren Wunen, daß auch er blaß und verstört aussah. Die Mutter eilte auf ihn zu. „Roderich, weißt du etwas von Sylvia?" „Von Sylvia? Ist sie denn nicht hier?" Er stockte und sein Blick begegnete sich mit dem Ernas. Ein flüchtiges Rot färbte seine Züge. „Sie wird auf ihrem Zimmer sein," setzte er mit möglichster Ruhe hinzu. „Nein, da ist sie nicht!" rief Frau Friederike letzt in Tränen. „Mein Gott, was ist denn passiert?" meinte Roderich, aber offenbar ohne Jnteresfe an der Antwort. „Ich gehe schon, sie zu holen," sagte Erna. Roderich verriet nichts von Sylvias Besuch bei ihm :— was sollte man ans diesen Dingen folgern? v r Des Kommerzienrats Augen hafteten auch auf seinem Sohn. Donnerwetter, war da schon etwas im Spiel? Wäre der Junge nur erst fort, morgen konnte er reisen, je eher, desto besser. „Setzen wir uns zu Tisch!" rief der alte Herr kurz. Erna horchte oben an Sylvias Tür. Es war alles still drinnen. Die Außentür war verschlossen, /sie ging durch ihr Zimmer und öffnete die Berbindungstür. Sylvia lag auf dem Sofa, den Kopf in die Kissen verborgen. Ernas Herzschlag stockte einen Moment. Das war keine glückliche, jubelnde Braut. „Sylvia, was ist dir? Es hat längst zu Tisch geläutet." Sylvia schreckte empor und wandte ihr ein tränengebadetes, Wdbleiches, ganz verändertes Antlitz zu. „Kind, Kind, was ist geschehen?" Erna wollte die Schwester in die Arme schließen, diese wehrte ihr mit einer seltsam fremden Keberde. „Bitte laß mich, ich bedarf einer kurzen Stunde der Ruhe, der Einsamkeit, entschuldige mich bei Tisch, ich — ich habe Kopfweh, wirklich schweres Kopfweh!" „Meine kleine Sylvia!" Ernas Herz schwoll in Mitleid. „Bitte, frage mich jetzt nicht, ich flehe dich an, laß mich allein." t Erna zog ihre Arme zurück und wandte sich ab. Was toar dies? Alle ihre Vermutungen paßten nicht auf diesen Zustand. Aber jedenfalls mußte man Sylvia allein lassen, damit sie sich zurechtfände. — 219 — jamais n’ay mis le pied en France) wagt er es doch, nach I seinem eigenen Geständnis, vor der erlauchten Gesellschaft die Lobrede in französischer Sprache zu halten. Dankend gedenkt er des „unbesiegbaren" deutschen Kaisers Rudolf, der in seiner Munifizenz unsere Hochschule mit Privilegien ausgestattei hat, die es ermöglichen, daß ihre Schüler nach treuer Arbeit sich mit der Würde eines Bakkalaureus, eines Lehrers der freien Künste, eines Doktors bei jeder Fakultät schmücken dürfen. „Jubiliere", (santes de joye) fährt der Redner fort, du herrlich blühende Gießener Akademie, die du als Beschützer und Vater einen erlauchten Fürsten hast, den edlen Landgrafen Ludwig von Hessen! Er ist ein edler Sproß seines Hauses, ein würdiger Nachfolger seines erlauchten Ahnherrn, der sich den Namen eines „Hochherzigen" verdiente durch seine Gerechtigkeit, Milde und Güte, als Verfechter der Wahrheit im Kampfe für seinen Glauben, als Schutzherr der Armen und Elenden. Landgraf Ludwig führt ein gerechtes und mildes Regiment. Er belohnt das Gute und bestraft das Böse. In der Regierung wird er unterstützt durch tüchtige, unbestechliche (point corrumpas par or ou par argem) Beamte. Er ist kein Autokrat wie andere Fürsten (qui se plaisent ä, faire des choses sang conseil), beachtet den Rat seiner Beamten, indem er sich vorhält: Zwei Augen sehen mehr als eins. In seiner Fürsorge und Güte hat er dies schöne Kolleg errichtet mit wahrhaft königlichem Aufwand (avec despenses vrayement royales), geschmückt und ausgestattet und dann in die Hände seiner Professoren gelegt. Rühme dich, du blühende Akademie, du hast einen Gründer, begabt mit Gerechtigkeit, Klugheit und Weisheit, Tugend und Edelmut, wie es keinen anderen mehr auf der Welt gibt! Du wirst dich würdig jeder älteren Universität zur Seite stellen können! Diese Anstalt ist gegründet auf Hoffnung, nicht aus gewinnsüchtigen Absichten (d’ en tirer quelque gain ou profit). Der Gründer hat weder Kosten, Reisen, noch Mühen und Arbeit gescheut (un million de pßine et travaux), um seine Landesschule mit den besten Privilegien auszustatten. In allem war er geleitet von dem Gedanken, ein Beschützer des christlichen Glaubens zu sein, und denen eine Freistätte zu bieten, die blinder Fanatismus aus ihrem Vaterlande vertrieben. Die umherirrenden Theologen hat er aufgenommen um mit ihnen zuerst eine hohe Schule zu gründen, die wir heute nennen dürfen mit Zustimmung des Kaisers: „Akademie". Bald nach Gründung der Hochschule hat sich die Bosheit der Gegner gezeigt (la malice et la mechancetö de nos Adversaires), die die junge Anstalt vernichten wollten. Aber trotzdem hat sie durch die Fürsorge des Landesfürsten eine glückliche Entwickelung genommen, so daß sie schon berühmt ist im Auslande. Soll ich Ihnen aufzählen, wie schön hier die Wissenschaften vereinigt sind? Kein Zweig der Wissenschaft ist so schwierig, daß er nicht seine Lösung fände durch die faßliche Lehrart der Professoren, An dieser Hochschule wird das Evangelium rein gelehrt und gepredigt und werden mit Mut die Artikel unseres Glaubens verteidigt. Wie glücklich sind wir, an einer solchen Hochschule zu leben! Mögen auch andere Akademien ihre Theologen, Juristen, Mediziner und Philosophen bis zum Himmel erheben: unsere Anstalt steht ihnen in nichts nach (ne leur cMe en rien). Hier wirken Männer der Wissenschaft in einer Weise, wie man es nicht besser wünschen kann. Nehmen wir die Jurisprudenz; mit welcher Genauigkeit und Einsicht wird sie gelehrt, so daß ihre Schüler den Lehrern alle Ehre machen können. Alle Zweige dieser Wissenschaft werden gelehrt nach einer wohldurchdachten Methode. Was soll ich von der Medizin sagen? Unsere Vorfahren lobten einen Aeskulap, einen Galenus, einen Hippo- krates, die sich durch dir Erfahrung die Kunst und Wissenschaft der Medizin angeeignet haben. Wir haben hier in der anatomischen Wissenschaft und Heilkunst Doktoren, die sich nicht nur die Erfahrungen eines Hrppokrates und anderer zunutz gemacht, sondern auch auf ihren Wanderungen und Reisen Kenntnisse gesammelt haben. r Wie lieb und wert machen unsere Professoren ihren Schülern die Philosophie! Es gibt hier kein Gebiet, das nicht von ihnen auf die beste Weise für den Geist ihrer Hörer nutzbar gemacht wird. Willst Du Sentenzen schreiben und lernen, dich gewandt in der Kunst der Poesie auszudrücken oder Verse zu schmieden, hier wird Dir der Weg gezeigt! Willst Du Geschichte studieren, so höre die Vorlesungen unserer Historiker; sie werden Dich führen auf das Gebiet der kriegerischen Ereignisse der Zeiten, Dich bekannt machen mit den Ruhmestaten der mächtigsten Könige aller Nationen und ihrer großen Männer! Willst Du die griechische Sprache lernen, hier kannst Du Dir sie auf eine leichte und faßliche Weise aneignen l Willst Du begabt werden, etwas zu erfinden, scharf zu urteilen, die Wahrheit exakt zu verteidigen, das Lob eines Weisen Dir verdienen, so komme hierher, studiere und schöpfe aus dem reichen Born dec Logik! Aus dieser Hochschule sind schon Männer hervorgegangen, die heute den Predigtstuhl zieren, im Kollegium der Städte sitzen, auf dem Richtstuhl mit Ehren wirken und unter dis Zahl der Mediziner ruhmvoll aufgenommen sind. Willst Du Dich ausrüsten mit den Waffen des Mutes, gefeit fein gegen Genußsucht und Vergnügen, Habgier, gegen die Furcht vor dem Tose, willst Du Sparsamkeit und den Segen der Arbeit schätzen lernen, so lasse Dich unterrichten in der Ethikl Und welche Anziehungskraft hat nicht unsere neue Hochschule I Hier kannst Du finden: Dänen, Franzosen, Oester- reicher, Böhmen, Sachsen, Schlesier, Holsteiner, Pommern, Thüringer, Friesen, Schweden, Franken, Westfalen, alle beseelt von dem ernsten Streben, etwas zu lernen. Erkennet, jung wie alt, mit mir das Glück, daß wir hierher nicht in der Absicht gekommen sind, das Joch der Faulheit zu drücken, oder genußvolles Leben zu führen oder das väterliche Vermögen zu vergeuden l Nach langen Reisen seid Ihr hierher gekommen, um nützliche Kenntnisse Euch anzueignen, damit Ihr einst eine Zierde unserer Hochschule werdet (pour rendre immortel ä, jamais le nom de cette academie). Dies alles sollt Ihr lernen unter der Führung gelehrter und achtbarer Männer, die in ihrer Gelehrsamkeit und rechtschaffenem Sinn feinem Gelehrten einer anderen Nation nachstehen. Kein anderer Ort ist aber auch geeigneter zur Aufnahme der Musen als Gießen. Wir befinden uns hier an einem Orte, der wohl verwahrt ist durch Mauern und Festungswerke, geschützt und verteidigt durch eine zahlreiche Artillerie, ausgerüstet mit einem bedeutenden Arsenal. Alle diese Vorsichtsmaßregeln zur Verteidigung unserer Stadt sind unter Aufwand von großen Kosten getroffen worden. Kein Ort ist geeigneter zum Studium als Gießen; hier findet man alles, was man sich wünschen kann (on y a tout que l’on pourroit d6sirer). Manche loben andere Gegenden und ihre Bewohner, sei es wegen der Trefflichkeit des Weines oder wegen des Reichtums an Getreide und Früchten, sei es wegen der Schönheit der Gärten ober wegen des Reichtums der Flora oder wegen der fischreichen Gewässer. Doch unser Ort, der nur den Musen geweiht ist, scheint ihnen nach dieser Richtung des Lobes nicht würdig. Dem ist nicht so! Willst Du Weinberge sehen, so gehe nur auf unsere benachbarten Anhöhen! Hier reifen die schönsten Trauben, und wenn nicht der Frost sie verdirbt, so liefern sie den besten Wein. Der Gießener ist fast ebenso gut wie der Fra nken- und Rheinwein (en nostre Giesse y a presque d’aussi bon vin qu’en Franconie et sur le Rhin). (Leider wissen wir heute nichts mehr von bem guten Gießener Tropfen; unsere verwöhnte Zunge würbe ihn auch kaum zu schätzen wissen.) Die Fremden loben die Wetterau wegen der Trefflichkeit des Getreides, das dort wächst. Und ist unser Gießen nicht auch ein Teil der Wetterau und solcher Empfehlung würdig? Ihr beklagt Euch und sagt, die Luft sei hier nicht gut. Aber kann es eine bessere Luft geben, als in Gießen? — 220 — Vor 4 Jahren herrschte hier die Pest; aber fit konnte sich nicht ausbreiten. Auch jetzt herrscht sie an anderen Orten; wir sind hier, Gott sei Dank, davon verschont geblieben. Wenn Ihr sagt, die Umgegend sei nicht schön, so sage ich Euch, daß es hier die schönsten Wiesen gibt, die man sich nur denken kann. Betrachtet Euch weiter die schönen Gärten, die schönen Spazierwege, die schönen Wälder, wo Du dein Sport auf alle jagdbaren Tiere huldigen kannst! Kurz, es gibt hier nichts, was Deinen Geschmack nicht zufrieden stellen könnte, wenn Du nicht außergewöhnliche Ansprüche machst, ausgenommen Dein etwaiges Verlangen nach Geld (si ce n’est que Von desire de l’argent). Die Wasserme>igen sind hier so reich wie die des Nil. Unser Fluß bietet Fische aller Art. Die Flußbäder der Lahn sind so heilbringend wie die Bäder in Wiesbaden. Doch alles dies ist nicht die Hauptsache, was nn§ Gießen und seine Hochschule so empfehlenswert macht. Viel höher schätze ich die Tugenden, die guten Sitten seiner Bewohner. Alle Eure Sorge und Euer Streben, meine Herren, mag darauf gerichtet sein, Kenntnisse in der Wissenschaft sich zu erwerben! Nichts ist fruchtbringender, nützlicher, erhabener, schöner und beständiger. Mag cs andere Hochschulen geben, die Deutschland und Europa zieren; es gibt nur ein Gießen, das sich auszeichnet unter dem Schutzs seiner tugendhaften, erhabeiien Gründer durch die Vielseitigkeit der Wissenschaften, die hier gelehrt werden, diirch die Gelehrsamkeit seiner Professoren, durch die Schönheit und Lage seines Ortes, durch den bewährten Fleiß seiner Studenten. Gott möge in seiner Gnade walten, daß auch in Zukunft die Gießener Hochschule in allen Tugenden blühe und wachse, in allen Tugenden, die ich im Vorstehenden geschildert habe! Mag auch manches, was der begeisterte Jüngling vor 300 Jahren über Gießen und seine „alma inater“ sagte, schöner gefärbt sein, als es in Wirklichkeit war; man wird nicht verkennen können, daß seine Rede inr allgemeinen unter dem Banne des Eindruckes stand, den er hier gewonnen. Seine Prophezeihung, die er der Gießener Hochschule stellte, ist in schönster Weise in Erfüllung gegangen. Was würde der Lobredner heute sagen, wenn er die Entwickelung der Stadt und seiner Hochschule sehe? Müßte er nicht heute ein höheres schmückendes Beiwort erfinden, nachdem er sie schon damals als „tres florissante“ (als hoch blühende) bezeichnet hatte? -e-. Ium 75. Geburtstag Von Wilhelm Musch am 15. April beschert uns der Verlag Friedrich Wassermann tu München eine Neuausgnbe der „Frommen Helene", die jetzt ihr 170. bis 181. Tausend in die Welt hmausgeheu sicht. Ein zierlicher Einband mit dem lorbeerumkränzten Bilde der frech-vergnügten Dulderin schließt das Opus ein, und neben dem Titelblatt finden wir eilt neues Konterfei des Dichters (1907), aus dem uns die sinnenden und liebenswürdigen Züge des heiter resignierten Phibosophen in Ernst, aber voll innerer Gesundheit ansprechen. Die schöuste Beigabe zu der neuen Auflage des Werkes aber ist ein Gedicht Vvn Wilhelm Busch selbst, in dem er sich väterlich an seine Helene wendet und mit ihr über das spricht, was in den 36 Jahren seit ihrem Erscheinen an Neuem die Welt bewegt und an Mtem unverändert gleich geblieben ist. Wie in den letzten Schöpfungen des Meisters, so finden wir auch hier einen Zug reiner und tiefer Lebensweisheit und abgeklärter Ruhe im Anblick nahen Lichtes oder Dunkels. Und so gelassen der Dichter selbst über sein Morgen spricht, so füllt es uns dsoch mit Rührung, wenn wir die abschließenden Zeilen des Gedichtes lesen: „Ein junger Nachwuchs kam, dem jene Sachen Zu ernsthaft sind; man möchte lieber lachen, Und kindlich harmlos hascht man nach Genüssen In Wort und Bild, als gab es kein Gewissen. Man denkt sich halt: Es ist ja Phantasie, Ein Puppenspiel. Wir täten so was nie. Die Frommen aber, die vorüber radeln, Die uns vermutlich in die Gosse rennten. Wenn sie vor Lachen und Entrüstung könnten. Sie sind mal so, wir wollen sie nicht tadele Ersuchen sie vielmehr, sich zu getrosten: Die Narren sterben, auch die allergrößten. Sobald nur 100 Jahre erst verfassen. Wo, unter andeveir, sind denn unsere Possen? Die Lampe fallt. Was bleibt noch auf der Szene? Ein Häuschen Asche, wie von dir, Helene. Draus kommt die Zeit mit ihrem Reiserbesen Und fegt es weg, als wär es nie gewesen. Mir selbst ist so, als müßt ich bald verreisen — Die Backenzähne schenkt ich schon den Mäusen —. Als Müßt ich endlich mal den Ort verändern Und weiter zieh'n nach unbekannten Ländern. Mein Bündel ist geschnürt. Ich geh zur See. Und somit, Leuchen, sag ich dir ade!" Indem aber der Dichter seinem Leuchen ade sagt, sagt Leuchen selbst dem deutschen Publikum in neuer Gewandung wieder einmal guten Tag. Und es wird Unzählige geben, die nach der prächtigen Ausgabe greifen, die wieder die lustige und abwechS^ jungsreiche Tragikomödie der frommen Helene lesen. Sie wird das Lieblingskind der Muse Wilhelm Buschs bleiben, so lauge über lall' den Nöten des Daseins das erfreuliche Wesen waltet, das wir den deutschen Humor nennen, und das in Wilhelm! Busch einen seiner größten, ja einen unsterblichen Vertreter besitzt Vermochte». * D e r Name Känguru l). Das Känguruh, das Wappentier Australiens, ist auf ganz merkwürdige Weise zu seinem Namen gekommen, die lebhaft au Hebels Geschichte „Kannitverstan" erinnert. Als Cook, so erzählt ein Qucens- länder Blatt, im Jahre 1770 nach Entdeckung der Moretou« bai an der Küste des heutigen Staates Queensland entlang fuhr, wurde eines Tages unweit des Strandes Anker geworfen. Bald zeigten sich am Ufer eine Anzahl Eingeborene, von denen einer ein erlegtes Tier über der Schulter hatte. Die Engländer kannten cs nicht, und Cook schickte ein Boot hinüber, um womöglich Art und Namen des Tieres zu erkunden. Die Schwarzen ließen denn auch den Bootsführer herankommeu und antworteten auf dessen Frage nach dem Namen des wunderlichen Tieres: „Känguruh!" das heißt: „Wir verstehen dich nicht!" Das Tier wurde nun cingehan- delt Und nach dem Schiffe gebracht — sein Name werde von den Wilden mit Känguruh angegeben; und so hat denn dieser charakteristische Vertreter der australischen Tierwelt die drollige Bezeichnung behalten. Auch der Name des anderen Wappenhalters, des Emu, entstammt der Eingeborenensprache, wie denn auch zahlreiche Pflanzen (Bunya-Bunya, eine Araucaria), Tiere (das Talegalla - Huhn), Flüsse und Städte ihre Namen daher bekommen haben. So ist zum Beispiel die bedeutende Stadt Toowooniba nach einer kleinen eßbaren Gurke benannt, die dort in großen Mengen wuchs und von den Schwarzen gesammelt wurde. Kömgspromenade. Nachdruck verböte* Man dar! die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weiss miteinander verbinden, daß man — wie der König auf deut Schachbrett — stets von einem Feld aus au! ein benachbartes übergeht, Auflösung in nächster Nummer. köpf hat den und fen den doch finger dabei dabei tres es auf er den fen so nicht kannst scheu nagel da trifft tret man du das zwi te ist eher leicht schwer rech fen tres sehr sehr Auflösung der Altügyptischen Hieroglyphen in voriger Nummert Gott ist des Schwachen Arm. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Stetndrnckerei, R. Lange, Gieße«,