11107 «ZI SB HiKJäBl lilfi Ans Hk eigenen Spur. Krimi nalxo:> । vjk Otto Boeder. (Nachdruck verboten.) (Sdiluß.) Ungleich schlimmer noch erwies sich der krakehlsüchtige Zustand des Berauschten; dieser hatte jedes Verständnis über die Tragweite seiner nur zu laut hinausgeschriecnen Worte verloren. Laut brüstete er sich mit feinem Erfolge, prahlerisch erging er sich in ausfchweiienden Schilderungen, wie er in Zukunst sein Leben glan.voll einrichtcu würde. Umsonst blieben alle Bemühungen des verzweifelten Detektivs, den Trimkenen zu beruhigen. Seine Versuche, ihn in einer Troschke unterzubringen, schlugen gleichfalls fehl. Es blieb ihm nur übrig, ihn so rasch wie möglich aus dem Bereich der Selkenbachschen Villa, in der Hoffnung, rntt-rwegs einen willfährigen Kutscher aufzutreibcn, zu bringen. Schliesslich gingen dem Trunkenen die Beine aus. Ganz verzweifelt lieft ihn Walden in der Tiergartenstrafte liegen und eilte nach dem Potsdamer Platz voran, um dort vielleicht eine Troschke aufzutreiben. Wohl sah er eine solche; doch da mit dem Kutscher ein Schutzmann unterhandelte, wehte er nicht hin- 8utrtt.it, sondern hielt nach einem anderen Gefährt Ausschau. Während er noch dabei war, - tauchte bereits Andreas Witw auf und brachte den Trunkenen mit sich herangeschleppt. „Ich lwrte ihn schon von weitem brüllen", berichtete Walde» weiter. „Er glaubte noch mit mir zu tun zu haben. Ich wunderte mich nur, daft Rokohl nicht sofort Argwohn fahle und ihn sesthielt, denn er plauderte unser ganzes Geheimnis aus. TamalS stand ich auf bent Scheidewege. Ich hätte ihn seinem Schicksal überlassen sollen. Doch noch hatte er die Dokumente. Das Verlangen nach ihrem Besitz machte mich nn- rurechnungsfähig. So muß es wohl sein, denn wie Hütte ich sonst derartig kopflos handeln können!" Um jeden Preis wollte der Detektiv den Trunkenen beschwichtigen. Er sah, wie der entfernende Witte an ihm vvrttber- kam; er sprach ihn sogar an. Tie Wahrnehmung, daft dieser gleichen Hut und Paletot wie er selbst trug, zeitigte in ihm einen verzweifelten Entschlnft. Lange schon war sein Blick auf die matt erleuchtete Apvthekenlaterue nahebei gefallen. Nicht umsonst war er verunglückter Mediziner. So blitzschnell ihm der Gedanke kam, sich Chloroform zu verschaffen, damit den Sinnlosen zu betäuben und ihm den Raub abzunehnren, so rasch war er dabei, den Gedanken zur Tat zu wandeln. „Endlich war der Unselige wieder in meiner Gewalt. Mein letzter Versuch, ihit zur Hergabe der Papiere und seines sonstigen Raubes zu bewegen, scheiterte. Da verlieft mich die ruhige Besinnung und ich bediente mich des Betäubungsmittels. Mit dumpfem Erseufzen verhüllte er die Augen mit der einen Hand. Es war die dunkelste Stunde meines Lebens. Ich kann nur eins sagen: ich dachte gar nicht an die Möglichkeit, daft ich dem Menschen neben mir ein Leid znfügen könnte; ich handelte unter den« instinktiven Drange der sich bedroht sehenden Kreatur . und als ich zu meinem Entsetzen entdeckte, daft. Schuh- machcr leblos nach vorne fiel, nachdem ich ihm die Tasche» durchsucht und deren Inhalt in mich genommen, da dachte ich immer noch nicht an die Möglichkeit des Todes. Diese Erkenntnis kam mir erst, als ich sem Herz nicht mehr klopfen fühlte." Von jener Stunde an war Walden wie unter fremdem Banne gestanden; rein mechanisch hatte er gehandelt, ohne sich über die Tragweite seiner Handlungsweise klar geworden zu sein. Sich des Toten zu entledigen, schien ihn« die Hauptsache. Dann, als der erschreckte Kutscher davongefahren, entsann cr sich erst, was alles in der Droschke zurückgeblieben war. Halb betäubt war Walden von dannen gegangen; ermattet war er endlich in ein Rachtkasö eingetreten und hatte rein mechanisch die Dokumente durchgesehen; ebenso bestürzt hatte er sie in ein Kuvert gesteckt, mit verstellter Hand die Adreste geschrieben und den Umschlag dann dem Postkasten anverlraut. „Was ich weiter tat um» wie ich handelte, ich kann cs selbst nicht mehr sagen", schlaft er matt. „In mir lebte eine Riesenangst, etwas zu verlieren, was mir über alles köstlich erschien — nicht Stellung oder Ansehen vor der Welt, das alle- lief; mich herzlich kalt . . . nur vor Einer wollte ich bestehen!" Er schrie cd fast hinaus; doch er wagte nicht, Hermine mit feinem flackernden Blicke zu berühren. „Diese Furcht trieb mich vorwärts; sie lieft mich rein Maschinen nüftig handeln, ich weift nicht, ob ich zweckmässig verfuhr oder unklug. Ich war wie ein Nachtwandler, so schrecklich tvar mein Sturz in jener Nacht. Ich weift nur eins und daraufhin will ich sterben und vor meinen Schöpfer treten. Ich wollte nicht morden, sondern mir unschädlich machen — und gerade die Erkenntnis, daft mir dies niemand glauben würde, raubte mir den Rest ruhiger Uebcrlegung . . . und die Todesangst in mir macht« mich zum Lügner, zum Falscher —> sie erst lieft mich ehrlos werden!" Erschöpft, am Rande seiner Kraft, hielt cr imte und wollte das Gesicht mit verzagtem Ausdruck darin tvieder der Wand zukehren. Doch da fühlte ex seine Hand schon mit herzlichem Drucke gefasst und als er aufschaute, begegnete er Hermineus gutem Blicke. „Wie!" rief er stöhnend, „Sie fassen meine Hand — jetzt noch!" „Erst recht jetzt", versetzte das Mädchen warn«, „denn mir sagt mein Herz, daft Sic die lautere Wahrheit gesprochen haben- Freund Walden.... und diese selbe Wahrheit werden Sie auch Ihren Richtern sagen und man wird Ihnen glaul>en." „Mir aus der Seele, gesprochen!" siel Rat Hansemann ein, dem eine Zentnerlast vom Herzen genommen schielt; er hascht« nach der anderen Hand des mit geisterhaftem Blick von einem zum andern Sehenden. „Menschenskind, gcwift haben Sie gefehlt, aber nicht als Verbrecher, mag Ihre Handlungsweise auch strafbar fein. Für Sie spricht Ihr ganzes Leben, Ihre Tüchtige keit, Ihr unaufhaltsam tiorittt treibe ntcr Ehrgeiz!" Walden lächelte unsagbar bitter. „Er soll verflucht fein, dieser Ehrgeiz!" stieft er dumpf hervor. Tann sich mäftigend, sagte er fast flehend: „Und Sie verachten mich nicht Hermine? Ich kann Ihnen nicht ins liebe Gesicht schauen, ich schäm« — 138 — mich so unsagbar.... das wars ja auch, was mich in die Irre trieb .... mag mich sonst gefoltert haben, was da wollte .... sich schämen und vergehen müssen vor selbsterniedrigender Qual, wo man liebt, . das ist das schlimmste. Nun ist mir wohl. Ter Gedanke, Hatz Sie mich nicht ganz verachten, Hermine, macht mir das Sterben leicht!" Doch mit gutem Lächeln wehrte ihm das Mädchen. „Wer spricht vom Sterben?" fragte sie zurück. „Sie werden leben, Freund, denn nur die Unrast in Ihnen warf Sie nieder, nicht die Wunde allein. Sie werden als Mann sich verantworten — und als Mann merben Sie ein neues Dasein zimmern, hier oder über dem Weltmeer drüben — und Sie werden nicht daraus vergessen, Freund, dast mein Gebet Sie begleitet und Ihnen folgt bis ans Ende der Welt ... und daß meine Liebe, die sich nicht wandeln läßt und will, mit Ihnen geht — und daß mein Herz sich feilt gedulden wird, bis der Rus eines entsühnten und durch Schicksalsnot zum ganzen Manne Gewordenen es zu seinem Herzen ruft--" Da schaute August Walden aus sie mit ungläubigem Kindes- blick, wie ein Knabe, der Strafe gefürchtet hat und sich belohnt sieht. Und als er wieder ihrem guten, verheißenden Lächeln begegnete, da schlug er die Hände vor das Antlitz und weinte wie ein Kind. * Tas Schwurgericht ging mit dem nach wochenlangem Krankenbett zu neuem Leben Erstandenen glimpflich genug um. Trotz der verschiedenen Delikte, die ihm notwendig zur Last gelegt wurden, erfolgte unter gleichzeitigem Freispruch auf alle übrigen Anllagepuukte nur die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Gleichzeitig empfahlen die Geschworenen den Verurteilten der Gnade des Königs. Diese blieb nicht aus; sie entließ schon nach kurzer Haft den von maßlosem Ehrgeiz geblendeten und in die Irre getriebenen Mann zu einem neuen Leben. August Walden wanderte aus, um mit wirksamen Empfehlungen an der Hand in der neuen Welt sich ein neues Leben, ein neues Glück aufzubauen. Er ging mit dem beseligenden Bewußtsein, daß mit ihm die Liebe ging und deren Zauber ihn läutern und zum Manne schaffen wurde, der die Berechtigung besaß, um die in der alten Heimat voll gläubigen Vertrauens auf ihn Harrende zu werben. . . er wußte es nunmehr, daß er das Glück finden würde . . . Einstweilen ist Hermine noch immer der gute Geist im Haushalt ihres in den Ruhestand gegangenen Vaters; doch auch sonst hat sie der Pflichten viele, denn nicht nur ist sie die Patin eines strammen Stammhalters im Eilenburgscheu Hause — seines einz'gen Sohnes, wie der in diesem Punkt bleibende Fuhrherr besonders zu betonen pflegt — geworden und muß täglich die wieder rosig aufblühende und schattenlos glücklich gewordene, Jugendfreundin aufsuchen, sondern sie hat die ungleich schwierigere Ausgabe übernommen, die junge Frau Maler Witte in die Geheimnisse der Koch- und Haussrauenkunst einzuweihen. Die Liebe zu dem reichbegabten und einer schönen Zukunst ent- gegengehenden Künstler hat das verwöhnte Willionärstöchterchen den Sturz aus den so glanzvollen Verhältnissen leicht verschmerzen lassen. Uebrigens blieb für die gefallene Finanzgröße, deren Prozeß sämtlichen Mitgliedern des Konsortiums zn mehrjähriger beschaulicher Ruhe hiuter schwedischen Gardinen verhalf, genug, um auch nach der Haftentlassung das Leben eines reichen Mannes führen zu können. Er zog es vor, in Gemeinschaft mit seiner Gattin den gesundheitsförderndeit Süden anf- zusuchen. Versöhnend wirkte es, daß er schon vom Gefängnis aus freiwillig für Frau Schuhmacher und deren Kinder ausgiebig gesorgt hatte, so daß deren Zukunft gesichert war. , (Ende.) Aus den Sommertagen dieses Jahres. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.) Nachdruck verboten. (Schluß.) Ter Postwagen — viersitzig — hält an der Bahn. Ich sichere mir trotz des drohenden Regens den Bockplatz, denn ich will möglichst viel von der Landschaft sehen. Ter Postillon ist ein junger frischer Bursch, der schon sechs Jahre die Strecke befährt. Der muß also Bescheid wissen und mir über Menschen, Dörfer, Wälder und Felder Auskunft geben können. Ich freunde mich deshalb schon ehe ich den Bock besteige, mit ihm an. Eine Fahrkarte brauche ich nicht. Wir fahren endlich vom Bahnhof ab in die Stabt Alsfeld. Im Wagen haben wir schon zwei Passagiere. Kaum sind wir in eine Straße hineingefahren, da hält die Post schon wieder. Aus einer Bäckerei werden uns drei große Beutel mit warmen Brötchen auf den Bock gereicht, die der Postillon auf dem Verdeck des Wagens verstaut. —An- der „Krone" halten wir wieder und nehmen den dritten Reisenden auf. An der nächsten Straßenecke halten wir zum- drittenmale und wieder werden uns allerlei Waren, auch allerlei Arzneimittel aus der Apotheke! zugereicht. Der Postillon erhält dabei Liebesgabenzigarren.- Eine Ladeninhaberiu reicht dem Postillon unter anderem eine Tüte mit Rübensamen — für 50 Pfennig, sagt sie dabei. „Woas, für 50 Pfennig?" ruft jener, „vor 20 Pfennig braucht ich bloß." Zu mir gewandt, erklärt er: „Die müsse in Schwarz weiße Rübe säe, der Hagel hat die Dickwurz kaput geschmisse." Die Frau hat für 20 Pfg. Rübensamen abgewogen, wir fahren endlich weiter. Da steht wartend ein junges hübsches Mädchen vom Lande an der Straßenecke in Schleier und Federhut, sie will mit. Wieder hält die Kutsche. „Na, Marriche," sagt mein Postillon, „willste aach mit? Mach dich rinn, heint haste Gesellschaft." Das Marriche steigt ein. Da kommen noch mehr Reiselustige gelaufen, der Postillon wehrt ab: „Mei Kaste is voll, obbe ns die Weck kann ich eich doch nit setze."- Betrübt ziehen die Reiselustigen ab. Zum fünftenmal hält der Postillon in Alsfeld, diesmal wieder vor einem Backer- Haufe. Die junge Frau kommt herausgespruugen: „Die Brötcher sinn gleich fertig," ruft sie dem Postillon zu. „Kathrinche, des geht nit, warte kann ich nit, eich hon so schon Verspätung." Aber schon schleppt die Frau einen! Sack Brot herbei. „Wer tritt denn des?" fragt der Postillon. „De lang Hannes," klingt die Antwort zurück. Der lang Hannes wohnt in Eiffa, wie ich später erfahre, die genauere Adresse war für die Beteiligten nicht nötig. Endlich sind wir außerhalb der Stadt, ivir durch fahren eine prächtige, junge Lindenallee. „Dies Jahr wars nix mit der Linneblüt," beginnt der Postillon die Unterhaltung, ,-,'s war zu kalt und hat immer gerähnt. Aber sonst wenn ich hier durchfahr und die Sinne blühe, das is großartig." Zu beiden Seiten der Straße ziehen schöne Fruchtfelder hin, die Kartoffeln haben üppige hohe Stauden. Hier und da ist eine tiefe Schleife durch das Kartoffelfeld gezogen, da hat ein mutiger Hengst oder ein widerwilliger Stier feine Spuren hinterlassen. Er hat seinen Führer mitge-- risseu von der Straße und eine Extratour mit ihm durch die Kartoffelfelder gemacht, deren Spur sich erst später wieder schließt. — Dort liegt ein Hinterwagen, oben im Felde ein Borderwageu, ein paar Pferde sind durchgegangerh die Passagiere, die zum Prämienmarkt fahren wollten, sind herausgeflogen und haben fluchend und hinkend den Weg nach Alsfeld zit Fuß fortgesetzt. Der Prämienmarkt hat neben Rosen auch Dornen. Unsere Postpferde traben unverdrossen weiter. Mein Postillon redet ihnen gut zu. Die Peitsche braucht er nur, um eine Fliege zu vertreiben, welche sich auf dem Rücken eines Pferdes etwa festgesetzt hat. 2tn einen Lindeubaum gelehnt erwartet uns der Landbriefbote, er scheint gewohnt zu sein, die Post bis Eiffa zu benutzen. „Heint kcnmsts net mitfahre," schreit ihm der Postillon schon von weitem zu, „mach daß de weiter kommst!" Der Briefbote läßt uns vorbeifahren, aber schon in den nächsten Augenblicken höre ich seine Stimme von hinten her, er hat sich auf deck hinteren Teil des Wagens geschwungen und beginnt di« Unterhaltung mit dem Postillon: „Gestern haben die Wirts in Alsfeld gute Geschäfte gemacht, was ist da vor Bier getrunke worde." „Ja," sagt mein Postillon, „un an solche! Dage werde die Gläser blos halb voll gemacht. Die Leit sein zufriede, wenn sie nur Bier Frigge." So geht dis Unterhaltung über den Prämienmarkt weiter. Die Lindenallee hört auf, wir kommen in den Wald, Da meldet sich wieder einer, der mitfahren will, ein alter Handelsmann. „Alles besetzt," schreit der Postillon, „aber da haste ja ein Fuhrwerk", und er deutet lachend auf deck — 739 — leeren Schiebkarren einer Frau, die schon in früher Morgenstunde einen Rehbock nach Alsfeld gefahren hat und nun auf dem Heimwege ist. Holzfuhrwerke und andere begegnen uns oft. Mit den Führern wechselt der Postillon Scherzreden rasch im Worbeifahren. Alle Welt kennt er und alle redet der Jugendliche mit „Du" an. Sie mögen ihn alle leiden, das merkt man an dem Ton, mit welchem die Leute seine Zurufe aufnehmen. Der Himmel hat sich bedeckt, es ist kühl und regnerisch. Der Postillon hat vorsichtig eine Schutzdecke über feine Waren auf dem Verdeck gelegt. Die vielen Brötchenbeutel sind doch ins Rutschen gekommen, denn einer ruht mir auf einmal leicht im Rücken. Die Brötchen strahlen eine angenehme Wärme aus, und mir ist, als lehnte ich an dem kühlen Tage mit dem Rücken an einem wohlig warmen Kachelofen. Wir kommen in Eiffn an. Der erwartete Postwagen bringt etivas Leben in die stillen Dorfstrahen. Der Po- ftillon hält an einem Wirtshaus und ladet Brot und Brötchen ab. Dann fährt er zur Post um Briefbentel auszn- tanschen. Auf der Fahrt kommandiert er die mit den Händen in der Tasche dastehenden Dorfjungen: „Du, lauf hin zum lang Hannes un sag ihm, ich hält' Brot mitgebracht, he sollt sichs langen", und so schickt er die Jungen hierhin und dorthin, und alle gehorchen ihm eifrig. Die Straße steigt jetzt stark, die Pferde schreiten langsam, mühsam vorwärts. Wir haben einen gewaltigen Waldbuckel zu ersteigen. Rechts und links bald ausgedehnter Wald, zuweilen tritt er zur Linken zurück und macht Kornfeldern Platz, der Roggen steht lang und sruchtschwer noch auf dem Halm. Da rennt eine Rehgeiß mit ihrem schlanken Kitz quer über die Straße und versteckt sich in den Roggenfeldern. Wenig spater verfolgt ein prächtiger Sechserbock denselben Weg, fast prallt er in seiner Leidenschaft auf die Postpferde. Es wird der Geiß kaum gelingen, ein sicheres Versteck zu finden, das sie vor dem ungestümen Freier schützt. Ich beobachte, ivic Heidelbecrpflücker in kleine Gefäße die Beeren sammeln, und diese dann entleeren in größere Gefäße, emaillierte Eimer, Körbe re. Jede Familiengruppe pflückt für sich, und hält sich gesondert von der nächsten. An der Straße bei einem astreichen Baum hat man die zum Pflücken nötige Toillette gemacht. Hier hängen all die überflüssigen Kleidungsstücke, und nicht zu vergessen die in Tücher eingeknüpften Lebensmittel, und die Käffeekessel. Man hat sich für den ganzen Tag eingerichtet. Mein Postillon behauptet, so eine Familie verdiene beim Pflücken täglich 4 bis 5 Mk. Ein Heidelbeeraufkäufer, der mit seiner Familie während der Heidelbeersaison in Schwarz oder Grebenau wohnt und echt Kölnischen Dialekt sprach, sagte mir, daß er jeden Abend den Pflückerinnen die Heidelbeeren abnehme und ftir das Pfund = ca, IVs Liter 12 Pfg. zahle. Nun stellt der Unternehmer die Körbe für den Versand, wiegt die Heidelbeeren ein, verpaßt sie auf den Leiterwagen und schickt die Wagen stundenweit zur Bahn nach Alsseld. Was muß danach ein Pfund Grebenauer Heidelbeeren in Köln bei den Wiederverkänfern kosten, wenn dem in Grebenau wohnenden Kölner Unternehmer ein Gewinn bleiben soll? Jedenfalls haben die Kölner Hausfrauen nicht Recht, wenn sie über zn hohe Heidelbeerpreise klagen sollten. In meinen Berechnungen werde ich durch den Postillon gestört. Er schreit einen Bauer an, der aus seinem mit Kühen bespannten Wagen sitzt und im Walde Holz holen will; „Schorsch, wo is de Gluck?" Der Bauer entschuldigt sich irgendwie, und ich frage den Postillon, was ist mit der Gluck? „Ja," erwidert er, „da hat der und der in Alsfeld sich so aparte Enteneier gekauft, und die will er ausbrüten lassen. 9htn hat ihm der Schorsch dazu eine Gluck versprochen, und ich soll se mitbringen. Aber ich krieg se immer net un 's is doch de höchste Zeit!" —> Was hat doch so ein Vogelsberger Postillon alles zu besorgen. Ta auf der Höhe des Waldes geht eine wohlgepflegte Straße nach R a i n r o d. Wir bleiben auf der Straße nach Schwarz. Der Postillon deutet mit der Peitsche nach links, dort ist der Wald wieder lichter: „Da steht das Denkmal von unserem Großherzog!" „Was?" frage ich verblüfft, „hier oben ein Denkmal?" „Ja," sagt er, „ein Denkmal is es eigentlich net. Ta steht aber ein großer Stein, un was unferm Großherzog sein Vatter war, der hot als viel Auerhähne hier geschosse und uff dem Stein is jedes Frühjahr eingehaue, tote viel er geschosse hat. Unser jetzige Großherzog kommt net viel her." Der Wald nimmt ein Ende, wir sehen in ein tief eingeschnittenes Tal hinab, in das sogen. Gründchen, durch das die Jossa fließt, die einige Stunden abwärts in die Fulda einmündet. Wir fahren hinab ins Tal auf steilstem Wege in das Dorf Schwarz. Wieder kommandiert der Postillon die Jungen, daß sie da und dorthin Kunde tragen von den Schätzen, die er von Alsfeld mitgebracht hat. Die Dorfkinder gaffen uns mit offenen Mäulern an, in denen ist es schwarz wie in der Hölle, sie stehen im Zeichen der Heidelbeeren. Wir passieren dann noch das Filialdörfchen Eulersdorf. Dort erwartet uns auf der Straße stehend ein Mann mit verbundenem Auge. Der Postillon hat ihn schon bemerkt und kramt das Salbetöpfchen und den in einer Schachtel wohlverwahrten Pinsel heraus. Im Borbeifahren reicht er beides dem Augenkranken. Eine Frau kommt aus der Haustür gesprungen: „Haste die Hef?" „Ich hon kei Hef!" Die Frau tritt enttäuscht zurück, sie kann den Kindern den versprochenen Heidelbeerkuchen nicht backen. Wir kommen endlich in Grebenau an. Hohe bewaldete Berge umschließen es scheinbar vollkommen. Ta drüben liegt der Herzberg, man erkennt das Schloß, flankiert von zwei mächtigen Türmen — ein beliebter Ausflugsort für die ganze weite Umgegend. — .Hier horcht man vergeblich auf den Pfiff einer Eisenbahn. Aber die Gegend schreit förmlich danach. Hinter uns liegt Alsfeld ca 4 Stunden, ebensoweit mag Schlitz abliegen, im Osten läuft die Bahn Fulda-Hersfeld in ebensolcher Entfernung vorbei, und man hat so viel Produkte zu verfrachten, und die Menschen möchten Anschluß an den sie weit umfließenden Verkehr haben. Der Postwagen hält; die Reisenden steigen aus. Ich habe mich ganz steif gesessen, und llettere schwerfällig von meinem hohen. Sitze herunter. Der Postillon spannt aus und wir verabreden mit ihm die Rückfahrt nach Alsfeld für den Spätnachmittag/ Der Junge scheint gar nicht zu ivissen, welche wertvollen Dienste er so vielen Menschen an der Poststraße leistet. In seiner Gutherzigkeit erledigt er alle die verschiedenen Aufträge mit einer Gewissenhaftigkeit, die selbst bei bestbezahlten Bediensteten so selten geworden ist. Und dabei niemals mürrisch, immer zum Scherz aufgelegt, und nicht ein einziges Mal habe ich ein boshaftes oder ein unsauberes Wort von ihm gehört. Wer Zeit und Lust zu einer Postfahrt über Berg und Tal hat, dem rate ich, nach Alsfeld zu reisen, und sich zu meinem Postillon auf den Bock zu setzen. Er wird eine reizvolle Fahrt und gute Unterhaltung haben, wenn er einigermaßen versteht, sich auch das Herz eines Postillons zu öffnen. Dermifcfyiejte 'Ein Schuster als M i lt i o » en er b e. Aus' München wird geschrieben: Im hoben Alter von WV, Jahren starb vor mehr als zwei Jahren in Nordamerika als Sonderlmg und Jung- aeielle llouaS Hederich, der ein ungewöhnlich großes Vermögen — löVa Millionen — hinterließ. Nach ieinem Tode sand man em mit allen »orgeschriebenen Beglaubigungen versehenes Testament, das kurz und bündig sagte: .Ich sterbe ohne leibliche Nachkonmwn; meine Erbe», die ick nicht kenne, sind im fränkischen Bayern, in Deutschland zu suchen. Ich stamme aus dem Psarrorte Sausen bet Würzburg, von wo ich vor fast 73 Jahren nach den Vereinigten — 740 — Staaten von Amerika mit ganz geringen Mitteln ausgewandert bin. Dlein Vermögen habe ich ziiersl als fiau'mantt nnd Viehhändler und später als Grundstückssvekulant und Reeder (A!it- tecber) erworben.' — Das war alles. Die zuständige amerika- tiijdie Behörde machte dem Bmgcrmeisteramt Hansen Atikieilung, und e8 wurden Erben gesricht. Aber trotz öffentlichen Anschlages ani Plärr- und Schulhause und trotz wiederholter Bekanntmachung in verschiedenen bayerischen und außerbayerischen Zeitungen nieldeie sich kein Erbberechtigter. So vergingen zwei Jahre. Da kam ganz zuiällig diesen Cfiobcr die Iran eines Münchener Schusters nach Hausen, tvo ihr Marn heimalberechtigt ist. Tie Iran las den?ln- scklag und erinnerte sich, hast die langst verstorbene Mutter ihres L) annes eine geborene Hederich gewesen war. 9itm betrieb der SUiaim mit allem Nachdruck die Erbschaftsangclegenheit. Derameri- konische Sonderling war tatsächlich der eiiizige Bruder seiner verstorbenen Mutter geiveien. Mithin ist der Schuster der alleinige Erb« des inr ihn sabelbasten Nachlasses. Wie versichert wird, handelt es sich in diesem Fall tatsächlich um eine verbürgte amerikanische Erbschaitsgeschichte. Iltis dein Kirchenbuch des Piarr- amtes Hansen erfahrt man, dasi der alte Hederich seinerzeit nach Itmerika gefluchtet ist, iveil er im Verein mit zwei Kameraden einen Bäuernburschen beim „Fensterln" erschlagen hat. In einsamen Stunde». Ich traute in des Frühlings goldnon Tagen, Wenn nns're Erde lieblich sich verjüngt. Wenn froh und freier alle Herzen schlagen. Sich neues Hoffen um die Menschheit schlingt. Ich traute bei des Herbstes rauhen Stürme» Und bei des Winters kalter, starret Macht, Wenn wild und wilder sich die Wogen türmen Und jedes Blümchen sinkt in dunste Nacht. Mein teures Lieb, es ist von mir gegangen Und liest verlassen, einsam mich zurück; Ob sich wohl noch erfüllt mein Heist Verlangen, Ob ich noch hoffen darf auf neues Glück? Ach, tiefe Nacht hält sie in ihren Armen, Ihr liebes Auge ist ein irrend Licht, — O Herr des Himmels, gibt es kein Erbarmen, Damit die Kette dieser Leiden bricht? Ter du doch sähest all' die bitter» Tränen, Tie ich in Einsamkeit so viel gemeint. „Ob wohl erfüllt wird meines Herzens Sehnen, Ob meines Lebens Sonne wieder scheint? Und ob das Her; den Frieden wieder findet. Ob froh und heiter wieder wird mein Blick? Ob treue Liebe mir noch Kränze windet Und mich umschwebt mit stillem, spätem Glück?" So ruf ich klagend mit dem Blick nach oben, Tahin, wo alles Heil und Segen quillt, Zu ihm, den wir als lieben Vater loben, Ter unsre Wunden heilt und Schmerzen stillt. Doch jeder Hoffnungsschimmer bleichet — Tas Her; schlägt müde mir und bang und schwc Ter Kumm r k wem Tag der Freude weichet Und öd und öder wird es um mich her.-- mag. Das gibt Wohl den drei Novelle» ihre eigene Wärme und Innigkeit. Die, von denen da gesprochen wird, sind uns traute Bekannte, ja schliesslich nahe Freunde geworden. Sind wir ihnen vielleicht gar schon einmal begegnet?--- — Den liebem Kleinen bringt die bekannte .Hendel« Bibliothek eine Reihe schöner Märchenbücher, u. a. von Andersen (1,75 u. 2,75) und den Ergänzungsband dazu, der nicht weniger als 44 der schönsten Märchen enthält, die in der Hauptausgabe nicht mit aufgenommen sind. Ferner B e ch st e i n (0,75 u. 1,30), Grimm, vollständige Ausgabe (1,75 n. 3,—), Auswahl daraus (0,75 u. 1,50), Hauff (1,— u. 1,50), Mnsän 4 (0,75 u. 1,50), Tausend und Eine Nacht (2,— u. 2,50), die sämtlich zum Weihnachtsfeste allen Elterir empfohlen seien, Aus fernenZonen. Originalberichte berühmter Forscher und Reisenden. Herausgegeben von Johannes Hennsngsen. Mit zahlreichen Textabbildungen und zwei Farbendruckbildern. Ge« bunden Mk. 6.—. (Verlag von Otto Spamer in Leipzig.) — In diesem Buche ist der gediegene Inhalt in eine glänzend« Fern: gekleidet, die dm Leser, c6 alt oder jung, immer von neuem fesselt, und indem sie alle Beobachtungen in das Gewand des frischesten persönlichen Erlebens hüllt, ihn in einer von Seite zu Seite sich steigernden Spannung erhält. Vertreten sind in diesem Bande die glänzendsten Namen auf dem Gebiete der Erdforschung, wie Nordenskjöld, Sven Hedin, Joachim Freiherr von Brenner u. a. m. — Ter Band mit seinem abwechselungsreichen Inhalt bildet eine wertvolle Gabe für di» Jugend, der damit ein unversiegbarer Quell der Belehrung und der Unterhaltung dargeboten wird. Aber auch der Er-» tvachsene, ja der Hochgebildete wird in dem Bande mit derselben Teilnahme lesen. — Eine prächtige Ausgabe von Grimms Kinder-- und H a u s m Ü r ch e n mit einer Einleitung von Tr. Robert Riemann n. kraftvoll schönen Zeichnungen des Hessenmalers Otto U b b e - lohde hat der Turmverlag in Leipzig zu Weihnachten hera's-- gebracht. Die Grundlage aller nationalen Poesie bilden die Volksmärchen. Ter ganze Reichtum dichterischer Gedanken» b.e ein Volk besitzt, ist bereits in ihnen enthalten. Unendlich reich und gemütvoll in der Schilderung ist vor allem das deutsche Märchen. Deshalb gibt es auch kaum ein Poesie-- und gehal> volleres Werk als, die Sammlung der Brüder Grimm, die i« dieser neuen „Jubiläumsausgabe" in zahlreiche» deutschen Häio- iern eines der wertvollsten Kindergefchenke zum Christfeste z« iverden berufen ist. Molreue Worte. Wenn alles eben käme. Wie du aewollt es ball, Und Gott dir aar nichts nähme Und gab' dir feine Last: y ie tvgt§ da um dem Sterben, Du Menstbeulnrd, bestellt? Du müsttett tclitcr verderben. So lieb wär dir die Wett! de la Motte Fonguk Schreibe, ivie du redest, so schreibst du sch-Ln. Lessing >30. Dez. I74U.) * Der Mensch ist yerelnungswürdig, der den Polten, wo er sieht, vanz austüllt. Sei der Wirknug-kreis noch ko Urin, er f|t in seiner 7’tt gross Wie ungleich mehr Gutes würde geiciiehcn, tmb tute vwl glücklicher würden die Menschen sein, wenn sie ani feie,eit Llandpunkk gekommen wären. Schiller. O güt’ger Vater über Sternen Höhen, Aus tiefstem Herzensgrund ruf ich dir zu; Erhör doch meiner Demut innig Flehen Und führ' sie ein zu deiner Himmelsruh. Ttetzen. Theodor Loos. Weihnachts-Literatur, — E-Müllenhoff, Was aus ihnen wurde. 3 No-- En. 274 S. Verlag von Alfred Töpelmann in Gießen. — ■u *■«. ,btc des berühmten Germanisten mit ansge- reuteu Proben ihres starken Erzählertalen.s hervor. Der statt- czmn dand unrfasit drei Novel.en. Wie bei allen erfolgreichen Margarethe Böhme, Gustav Frenssen, Timm Kröger, fr.Mr1,» JRiei*7 «.lMMt. uns auch bei der Müllenhoff diese fühlbare warmherzige Liebe zu den Personen, die sie schildert, S Klemmalerei geübt mit rührender Treue und L'M'Mer Sorgfalt. Zu den Kindern, die da über die engen Milt™ ^Cns 5“ den Originalen der kleinen Stadt, zu den