Sümskag den 14. Sepkember 1907 — Yr. 136 W Sonncngkut. Bon S. Hoffman n. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Sophia kam zu sich, da eilte Paolo, eine Tragbahre zu richte», und seinen Vater und die Knechte zum Beistand zu rufen. Als die trostlose Sophia die Leute den Berg hinansteigen sah, lief sie ihnen nach, ich mit ihr, um mein unglückliches Kind zu stützen. Rasch eilten wir den weiten, mühsamen Gebirgspfad entlang. Paolo trug säst Sophia, um ihr die surchtbaren Stunden zu erleichtern. Doch als wir die Stelle erreichten, als wir Assim fanden, schön wie im Leben, doch bleich und kalt, da warf sich das arme Mädchen fassungslos über den gemordeten Bräutigam und war nicht niehr fähig, sich zu erheben. Die Männer legten die beiden auf die Bahre, und behutsam ging der ernste, traurige Zug heimwärts. Nach mehreren Tagen traf mein Mann ein, durch einen Boten benachrichtigt; da ruhte Assiin unter den mächtigen Zypressen, die an einem stillen Plätzchen unseres Gartens standen, und Sophia kniete am Grabhügel und hatte das Gesicht in die frischen Zweige gebeugt, die Karl und Paolo täglich auf das Grab streuten. Sie konnte nicht weinen, doch war ihr ganzes Wesen von Schmerz durchdrungen. Wie eine Träumende bewegte sie sich und schien kaum zu verstehen, wenn man zu ihr sprach. Mein armer Mann nahm den trostlose Enindruck mit, daß mein Einfluß auf unser unglückliches Kind vollständig versagte. In den Bergen streifte noch ein großes Aufgebot von Militär, doch auch mir war es nun klar, daß man den Mörder nicht finden würde, der sich auf dem nahen türkischen Gebiet sehr wohl verborgen halten konnte, solange er sich verfolgt wußte. Und wenn die Soldaten äbzogen — das stand nun fest — dann würde Paolo zum Mörder werden, oder selbst fallen. Aller Einfluß unserer Familie, in der er ausgewachsen war, die ganze Erziehung wogen nichts gegen seinen Wunsch, die unglückliche Sophia zu rächen. Mir blieb zuletzt nur übrig, mich anscheinend auf den Standpunkt dieser Südländer zu stellen, die noch jetzt schwer daran zu hindern sind, sich selbst Genugtuung zu verschaffen. Ich sagte: „Nein, Paolo, ich verbiete dir, einen Schritt der Rache zu tun. Sie ist nicht dein Recht, sie ist nur Carlos Recht und muß für ihn anfbewahrt werden, bis er erwachsen ist, das weißt du." Er durchschaute mich, es war mir schmerzlich, wie er mich ansah, ich hatte durch diese Unaufrichtigkeit in seinen Augen viel verloren. Aber er antwortete: „So werde ich warten." Ich betrieb nun seine Entfernung. Sein Vater hatte ohnedies den Wunsch, Paolo solle längere Zeit in Rom leben, um seine dortigen Verwandten rennen zu lernen und ein Mädchen aus deren Kreise zur Frau zu nehmen. Ich gab ihm Empfehlungsbriefe an deutsche Maler in Rom, ohne von ihnen einen zu kennen. Sicher würden sie den stattlichen Jüngling, der sich zu echt dalmatinischer Schönheit entwickelte, in ihrer Nähe halten, umsomehr, da er gut deutsch sprach. Ich hatte mich auch in dieser Annahme nicht getäuscht, er wurde Hausverwalter in einem Atelierhaus, und später kam die Nachricht, daß er eine Cousine, Marietta, geheiratet habe. Aber vorerst war Paolo noch bei uns, und erklärte zu bleiben, bis es Sophia besser gehe. Diesem tiefempfindenden Jüngling war es bald schmerzlich klar, daß wir Sophia nicht mehr allein lassen dürften. Trotz ihrer anscheinenden Ruhe lebte sie nur dein einen Wunsche — zu sterben. Als ich sie ermahnte, etwas von ihren früheren Arbeiten wieder aufzunehmen, allmählich wieder Anteil an uns zu finden, antwortete sie: „Ich kann nicht. Ich will bald bei Assim sein." Wir ermüdeten nicht in Versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu erwecken, doch war alles vergeblich. Sophia folgte zwar gehorsam mit todmüden Schritten, wohin wir sie Mitnahmen, doch wo wir weilten oder arbeiteten, saß sie still und teilnahmlos in unserer Nähe und sah mit starrem Blick vor sich hin, ohne Fühlung mit ihrer Umgebung. Der einzige Ort, an den sie gern zu gehen schien, und den wir lieber Vermieden hätten, war ein Aussichtspunkt aus dem hohen Felsen über unserer Höhle — früher unser aller Lieblingsplatz. Die Kinder hatten vor Jahren den Zugang dahin möglich gemacht durch Aushauen von Stufen und Pfaden, auch hatten sie oben aus einem Vorsprung, der die kleine Fläche überragte, einen Ruheplatz hergestellt, wir nannten ihn Sophias Bank. Wie oft hatten wir dort gesessen, in die Großartigkeit der Umgebung versunken. Sah man, sich vorsichtig beugend, an der unserem Hause abgewandten steilen Seite des Felsens hinab, so blickte man in die wilde Brandung des Flusses, der da unten im engen Felsenbette vorüber brauste. Bis„zu uns war sein Tosen hörbar von der Stelle, wo er als mächtiger Quell aus einer Höhle herab in. die Tiefe stürzte. Noch unter unserem Felsen spritzte das rasch dahineilende Wasser, ausschäumend, hoch empor, an scharfen Klippen sich brechend. Wandte man das Auge von diesem düsteren Höllenstrudel, so übersah man die ganze Bucht von Cattaro, ein wunderbar friedliches Bild. Dahinter im offenen Meere versank die untergehende Sonne und tauchte das Firmament, die weite Wasserfläche und das schöne Land in Farbenglut. Dort weilte Sophia auch jetzt gern, in den Anblick des 1 M VW 542 — Sonnenuntergangs versunken. Sie flüsterte vor sich hin mit rührender Innigkeit den Namen ihres Bräutigams und hob sehnsuchtsvoll die Arme nach dem scheidenden Himmelslicht. Eines Morgens arbeitete ich auf der Weinterrasse, während Sophia am Fuße des Felsens saß, starr und teil- nahmlos. Ta sah ich, wie sie sich plötzlich erhob und begann, die Stufen hinan zu steigen. Ich eilte ihr nach, rief sie cn; mit Schrecken bemerkte ich, daß sie sich rasch bewegte, wie früher. Ich konnte sie nicht erreichen, leicht und gewandt wie einst erklomm sie den steilen Pfad. Verzweifelt, flehend rief ich ihren Namen, dort oben durfte sie nicht allein sein! Da wandte sie sich und winkte mir mit der Hand einen Gruß — dann war sie meinem Blick entschwunden. Atemlos erreichte ich gleich nach ihr den Gipfel — Sophia war nicht da! O, Gott! ich wußte, wo ich mein unglückliches Kind suchen mußte. In Verzweiflung lief ich zurück urt£> durch den Garten, um nach der nahen Mündung des Flusses zu fahren. Da sah ich von dort ein Boot daherkommen. Es trieb mit der Strömung am User entlang. Paolo saß darin, tief h-erabgebeugt über die weiße Gestalt, die auf seinen Knien ruhte. Er schien zu ihr zu sprechen — war es möglich, daß Sophia noch lebte nach diesem Sturz? Abwechselnd küßte er innig ihre beiden Hände, die er in den seinen hielt. Als sie näher kamen, sah ich, daß sein Gesicht von Tränen überströmt war und daß Paolo nichts versuchte, um das Blut zu stillen, das an der Stirn meines Kindes herabrieselte. Da wußte ich, sie war tot. Er bemerkte mich und legte an; die Verräter seines tiefen Schmerzes hatte er von den Wangen gewischt. Er nahm die geliebte Gespielin sanft auf die Arme und bettete sie ins Grab zu meinen Füßen. Ich konnte das Furchtbare nicht fassen, in Verzweiflung sank ich über die Leiche nieder. Später erzählte mir Paolo, er sei mit dem Ausstellen seiner Netze beschäftigt gewesen. Da habe er Sophia herab- stürzen sehen, sei rasch entgegengefahren und habe die treibende Leiche ausgenommen. Zu jeder Hilfeleistung war es zu spät. Mit schwerem Herzen ritt nun Pietro Ubaldo in die Berge, um meinem Mann die schmerzlichste Nachricht zu bringen. Wie sollte der unglückliche Vater den Verlust seines Sonnenkindes ertragen?! Ich wartete auf ihn in banger Furcht vor der nächsten Zukunft. An der Seite des Geliebten, ohne den sie nicht leben konnte, hatten Karl und Paolo die Kindheitsgenossin zur Ruhe gebracht, und nun saßen sie stundenlang auf einer Bank bei den Gräbern. Karl hatte den Kops an die Schulter des Freundes gelehnt, der ihn innig und tröstend umschlang, und den er nun auch verlieren sollte. Wir alle verbrachten die Tage in Schmerz und bangem Warten. Mich überrieselt noch jetzt ein Grauen, wenn ich daran denke, 'in welchem Zustande mein Mann heimkehrte. Er mußte überlang geritten sein, denn sein zum äußersten angetriebenes Pferd zitterte am ganzen Leibe, und kaum war der Reiter herabgeglitten, so legte es sich hin, wo es stand, und der Knecht, der sich um seine Pflege bemühte, nötigte das erschöpfte Tier erst am nächsten Tage aus sein Lager. Mein Mann war ohne Hut, das Haar stand wirr um seinen Kopf, die Augen brannten in einem Blick des Entsetzens, und sein Gesicht war eingefallen und fahl. Er sah nichts von seiner 'Umgebung, mit vorgestreckten Armen wie in wildem Schmerz eilte er an mir vorüber, und ich sand ihn auf Sophias Grab liegend. Der starke Körper bebte in furchtbarster Erregung. Ich konnte nichts tun als bei ihm bleiben, manchmal die Hand beruhigend auf sein Haar legen und flüsternd ein Wort zu dem Unglücklichen sprechen. Auch als es Nacht wurde, hörte er mein Zureden nicht. Ich deckte eine Decke über ihn und verbrachte die Nacht an seiner Seite. Erst bei Sonnenaufgang erwachte er halb aus seiner schmerzvollen Betäubung und ließ sich willig zu Kette bringen. Nun folgte eine traurige Zeit, die der Kranke in unruhigem Halbschlaf oder in schmerzlicher Erregung zubrachte. Er fieberte, doch erst nach Tagen erwies sich die Krankheit als Nervenfieber, das rasch heftiger wurde. Der vereinsamte Karl hatte anfangs viel im Krankenzimmer zugcbracht, das ich nicht verließ. Dann nötigte ich den Knaben, im Freien zu bleiben, damit er sich besser erholte. Doch eines Tages traf der Arzt ihn im Hofe und trat dann mit besorgtem Ausdruck zu mir: „Ihr Sohn hat Ihre Pflege jetzt nötiger als Ihr Mann. Setzen Sie zu diesem den Knecht, und weichen Sie nicht von Karls Bette. Ich habe ihn geheißen, sich zu legen, er wird heftiges Fieber bekommen." Er gab mir genaue Verhal- tnngsmaßregeln und ich bemühte mich während banger Tage und Nächte unr mein geliebtes Kind. Das Fieber tobte, als «volle dem Armen der Kopf zerspringen. Auch der Arzt blieb nach Verlaus weniger Tage ganz bei uns, aber alles war vergebens. Zum Unglück hatte hestiger Scirocco eingesetzt, dessen heißes Wehen ja auch Gesunde krank machen kann. Als der Wind sich wieder änderte, war mein Karl durch das brennende Fieber erschöpft, und zwei Tage später lag er tot in meinen Armen. Ich betrat zum erstenmal wieder meines Mannes Krankenzimmer. Der Knecht erschrak, mich zu sehen —7 mein Haar war schneeweiß geworden. Mein Mann war außer Bette, aber nicht sähig, den Tod seines Sohnes, der sein Stolz gewesen, ganz zu fühlen. Er konnte stundenlang schmerzlich weinen und klagen, doch all sein Empfinden. war wie mit einem Schleier bedeckt, der mit der Zeit immer dichter wurde. So verbrachte er noch fast drei Jahre, körperlich und geistig langsam abnehmend. Durch die furchtbaren Erlebnisse war der in seinem Berus während langer Jahre übermäßig angestrengte Mann einer srühen Gehirnerweichung verfallen. Einst stattlich und schön, mußte er ein so jammervolles Ende nehmen! So hatte alle meine Lieben Sandros wilde Tat dahingerafft. Ich durste nicht an den Mörder denken, um nicht ihn zu hassen, wie Paolo es tat. Und nun lebe ich in der Sorge, ob nicht auch dieser durch Sandros Hand scheiden mußte. Ich hatte nach Karls Tode Pietro Ubaldo, der ohnedies das Briesschreiben nicht liebte, gebeten, seinem Sohne das Hinscheiden des Freundes zu verschweigen, doch bch meiner Heimreise über Rom mußte ich Paolo über alles Erlebte berichten. Er ries schmerzlich und vorwurfsvoll: „Carlo ist tot und Sandro lebt?" Leider hatte ich zugleich von seinem Vater den Auftrag auszurichten, er solle nun mit seiner Familie heimkvmmen, und Pero könne in seine Stelle eintreten. Paolo zeigte mir seine Kinder, da traten mir die Tränen in die Augen: in treuer Anhänglichkeit hatte er ihnen die Namen der Meinen gegeben, sie hießen Carlo, Sophia und Assim. Indem ich sie an mich zog, bat ich, er solle nicht sein Leben wagen. Er antwortete: „Sandro hat schon zu lange gelebt." Ich habe, um nicht Verdacht aus Paolo zu lenken, bis jetzt unterlassen, Erkundigungen einzuziehen. Doch bald werde ich in Cattaro ansragen, wer von der Familie Ubaldo noch lebt. Lebt Paolo noch, dann weiß ich, daß Sandro tot ist, und fast ist mir, als sei auch in mich etwas von dem südländischen Rachedurst übergegangen, denn ich fühle: erst dann werde ich ganz zufrieden sein in meiner alten Heimat. «Literarische A.stgaöen zur 300Mrigerr Jubelfeier der Laudesuniverfität. 11. Auch der Historische Verein sür das Großherzogtunt Hessen beschenkte die Lndoviciana an ihrem 300 jährigen Jubeltage in einem Festbande des „Archivs für Hess. Geschichte und Altertumskunde" mit wertvollen wissenschaftlichen Beitrügen aus der Geschichte der Universitäten Mainz und Gießen. Wir können an dieser Stelle die Aufmerksamkeit nur auf einige Arbeiten lenken, soweit sie allgemein Gießener Kreise interessieren, und müssen uns 543 versagen, auf eine Würdigung der übrigen Aussätze im Festbande näher einzugehen. Wertvoll für uns Gießener ist die Arbeit in der zweiten Abteilung: Alt-Gießen, von Archivdirektor Dr. G. Frhr. Schenk zu Schweinsberg. Der Verfasser bestimmt anhand des gemeinsamen Siegels der Stadt und Burgmannschaft die Gründung unseres städtischen Gemeinwesens innerhalb der Jahre 1243 und 1248. Die Burg „zu den Giezzen" wird schon 1197 als zeitweiser Witwensitz der Gräfin Salome von Gleiberg bezeichnet. Als Gründungszeit der Burg Gleiberg wird die Mitte des 10. Jahrhunderts angenommen. Die alte Wasserburg in Gießen, die in der Nähe der Kirchstraße zu suchen wäre, bestand aus einer im Rechteck ausgefiihrten inneren Burg, in die Palas und Bergfried eingebaut waren, und dem geräumigen Zwinger, der in eiförmiger Form die innere Burg umgeben haben soll und Scheunen, Ställe und Wohnungen für Burgmannen und Gesinde enthielt. Diese alte Burg soll auf dem A. Wallenfels'schen Besitztum „an der Bach" und auf dem Grunde der Leib'schen Hofreite „hinter dem Burggraben" gestanden haben. Im Inneren der Grasenburg lagen die ehemaligen Burgfitze der Familien von Schwalbach, von Rodenhausen, von Dernbach. Im Zwinger lagen die später den Familien Riedesel v. Bellersheim, von Elkerhausen, von Rodenhausen, von Linden zugehörigen Burgsitze. Das Umfangsgebiet der alten Burg war mit einer Mauer umgeben, im Norden „an der Bach" beginnend, dann etwa auf dem Gebiete der Stadtkirche hinter den vorderen Häusern am Markt nach dem „Cafö Ebel" hinziehend und dann sich auf der Westseite hinter dem Pfarrhaufe fort- setzend bis „hinter die Bach". Die Erbauung der zweiten Burg „am Kanzleiberg", jetzt „altes Schloß" genannt, gegenwärtig Absteigequartier des Landesherrn und Sitz des Museums des Geschichtsvereins, wird in die Zeit von 1335 verlegt. Diese zweite Burg lag anfangs außerhalb der alten Stadt und wurde erst später bei Erweiterung der Stadt in das Stadtgebiet eingezogen. Die älteste Stadtmauer soll etwa gezogen sein vom „Einhorn" nach dem ehemaligen Heichelheim'schen Hause am Lindenplatz, hinter der Konditor Lind'schen Besitzung her, durch die Schloßgasse hinter dem Brück'schen Anwesen sich fortsetzend nach der heutigen Post, dann weiter durch die Schulstraße, Wagengasse, Wettergasse, hinter der Pistor'schen Besitzung her und schließlich in der Richtung nach der Wetzsteingasse endend. Damit wäre das Um- fassnngsgebiet der alten Stadt Gießen im 13. Jahrhundert festgelegt. Gießen wurde von der benachbarten Ritterschaft „als Wohnort bevorzugt", die nicht nur in der alten Burg, sondern auch in der Stadt zinspflichtige Wohnhäuser besaß und am Stadtgericht und an der Vermögensverwaltung teilnahm. In Friedenszeiten wohnten diese adligen Herren meist auf ihren Gütern und suchten nur in Kriegsfällen das feste Gießen auf, wo sie dann als selbständige Genossenschaft auftraten. Das „gemeine Haus der Burg- mannen, ihr Rathaus, Triukstube und Festhaus" war die ehemalige Engelapotheke am Kirchenplatz. Die Arbeit können wir mit Recht als einen fördernden Beitrag zur Kenntnis unserer Lokalgeschichte ansehen. Einen weiteren interessanten Beitrag zur Sittengeschichte an der Ludovieiana um das zweite Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts bietet die Einzeldarstellung: Zwei hessen-homburgische Prinzen als Gießener Studenten 1722—1723. Bon L. Boltz. Wenn uns auch seit Anfang der Gießener Hochschule fürstliche Personen hier als Studierende begegnen, so vermissen wir doch nähere Angaben aus der Zeit ihres Studienaufenthalts. Vorliegende Arbeit belehrt uns nach dieser Richtung besser und kann ein allgemeines Bild abgeb en über diese bevorzugte Art akademischer Bürger. Wir entnehmen dem Aufsatze nachstehende Einzelheiten. Anfangs April 1722 bezogen die hessen-homburgischen Prinzen, der 17 jährige Ludwig Joh. Wilhelm Gruno und der 16 jährige Joh. Carl Wilhelm Ernst Ludwig, die Universität Gießen. Drei Wagen mit sechs Pferden beförderten ihr Gepäck, darunter auch sonst entbehrliche Gegenstände, wie 3 Ohm Bier und y8 Zentner Pulver. Die Prinzen, begleitet von ihrem Informator Passern, bezogen bauernd Wohnung im alten Schlosse. Der tägliche Mittagstisch wurde anfangs eingenommen bei Frau Regierungsrat Hoffmann und berechnete sich ohne Wein wöchentlich aus 2i/2 Gulden auf die Person. Das Abendessen besorgte Frau Hoffmann auf das Schloß. Die Einschreibung erfolgte beim Rektor) bei welcher Gelegenheit sie mit einem Glas Wein und einem Aufsatz Konfekt traktiert wurden. Die nächsten Tage brachten Besuche und Einladungen. Anfangs Mai wurden endlich die Studien ausgenommen; die Vorlesungen wurden privatim auf dem Schlosse von verschiedenen Professoren gehalten aus dem Gebiete der Jurisprudenz, Philosophie, Mathematik, Physik, Geographie und der französischen Sprache. Ein Stundenplan legte die Zeit der einzelnen Vorlesungen und Arbeitsstunden von 6—12 und 2—5 Uhr fest. Dazu kamen noch Reit-, Tanz-, Fecht- und Malstunden. Als „Prinzen vom Hause" (Hessen) hatten sie den Unterricht frei; doch erhielten die Professoren für die Unterweisung Geschenke von 30—100 Gulden. Zur Lektüre und Studium diente eine Anzahl Bücher, die teils mitgebracht, teils neu beschafft wurden. Ein Voranschlag sieht die Beschaffung einer neuen Kleidung für die jungen Herren vor, da die „alte ganz abgetragen und unbrauchbar geworden", mit einem nicht unbeträchtlichen Kostenaufwand von 228 fl., wozu jedoch erst die Genehmigung des landgräflicheu Vaters eingeholt werden mußte. Die Gepflogenheit, fürstlichen Studierenden die Würde des Rektorats zu übertragen, war seit Bestehen der Universität geübt worden. Für das Jahr 1723 wurde auch der älteste Prinz von Homburg, wenn auch erst 18 Jahre alt, als Rektor vorgesehen. Es fanden dieserhalb viel Besprechungen und Schreibereien zwischen Homburg und Gießen statt, da der alte Landgraf wegen der Kosten Bedenken gegen die Uebernahme des Rektorats trug. Und in der Tat brachte auch die Uebernahme des Ehrenamts für den Prinzen trotz Sparsamkeit eine Ausgabe von 300 fl., wahrscheinlich ohne den Wein; denn der Verbrauch von 263 Maß Wein beim Einführungsessen erforderte allein 143 Gulden 4 Albus. Der in der Arbeit angeführte Bericht des Informators Passern über die Festlichkeiten zeigt, mit welch' äußerem Aufwand die Einführung des neuert prinzlicheu Rektors stattfaud, der die höchste akademische Würde nur einen Monat bekleidete, da er mit seinem Bruder bald daraus einer Aufforderung des Zaren Peter des Großen zum Eintritt in die russische Armee folgte. Einen weiteren schätzbaren Beitrag zur Kulturgeschichte der Universität Gießen liefert uns die Arbeit: „Bon tödlichem Ableben und solenner Beerdigung Reetoris Magirifici". Von K. Bader. In der Zeit von 1730—1768 ist das Ableben eines Rektors int Amte nicht weniger als dreimal eingetreten. Bei dem Abscheiden des amtierenden Rektors, des Professors der Theologie Schupart, kam die Frage über eine würdige Bestattungsfeier nicht in Betracht, da feine Beerdigung auswärts, in Schwalbach, stattfaud, wo er zur Kur weilte. Als sechs Jahre später der amtierende Rektor und medizinische Professor Joh. Melchior Verdrieß verstarb, war die Universität vor die Frage gestellt, eine Form für eine würdige Bestattung zu finden „und mit hochfürstlicher Genehmigung in den Grundzügen ihr Zeremoniell seftzulegen". Es kam darauf au, durch einen feierlichen Aufzug die Bedeutung der Rektoratswürde zum Ausdruck zu bringen. Die erbetene Teilnahme eines Vertreters des Landesfürsten bei dem Leicheuzuge und die gemachten Vorschläge sinden die allerhöchste Genehmigung. Auch wird die Gestellung von sechs Pferden zum Leichenwagen nachträglich vom Landgrafen bewilligt. Die Vorbereitungen zu einer solennen Leichenfeier brachte dem Rektor eine Fülle von Arbeit, der sich um Trauermäntel, Marschallstäbe, Handschuhe, Fackeln, um die Beschafsung von Wein, Bretzeln, Gebäck und Kon- 544 — fituren zu kümmern und bei seinen vorbereitenden Arbeiten noch den Widerspruch seiner Kollegen zu ertragen hatte. Nachdem auch die Rangfrage und die Einweisung in den Leichenzug geordnet waren, konnte am 8. November, drei Monate nach dem Tode, die Leichenfeier vor sich gehen. Die Bestattung war natürlich unmittelbar nach dem Ableben erfolgt; es galt nur, eine pomphafte Trauerfeier in Szene zu. sehen. Ilm 10 Uhr besetzten die Musketiere in „sauberer Uniform" alle Posten; von 11—12 Uhr läuteten die Glocken. Bis 1 Uhr hatte sich die ansehnliche Trauerversammlung: Professoren, die Spitzen der Behörden, Studenten in und vor dem Auditorium versammelt. Das fürstliche Militär in Parade stand vor dem Hause des Kommandanten. Der Trauerzug bewegte sich durch die neuen Baue übers Kreuz, über den Markt nach der Kirche. Voran schritten zwei Studenten mit schwarzen Stäben. Singend folgten die Stadtschüler, dann die praeceptores des Pädagogiums mit den Schülern, wieder zwei Marschälle, der Leichenwagen, von 6 Pferden gezogen, geführt von ebenso viel schwarz gekleideten Knechten. Zu beiden Seiten des Wagens schritten Studenten. Hinter dem Trauerwagen folgten die mittistri academici, die umflorten Zepter tragend, dann der fürstliche Deputierte, der Rektor und die Professoren paarweise in Trauermänteln, zuletzt die Studentenschaft. Hieran schlossen sich an, wieder von Marschällen begleitet, hohe Zivil- und Militärbeamte und am Schluß die 22 Zünfte, die den Verstorbenen als „Gießener Kind" besonders zu ehren wünschten. In der Kirche umstrahlten 12 brennende Wachskerzen in silbernen Leuchtern die wappengeschmückte Totenbahre. Trauermusik ertönte unter der Leitung des Musikdirektors Bieler; sie wurde gestellt von den Schülern des Paedagogiums und hiesigen und auswärtigen Musiker::. Die Trauerrede hielt Superintendent Liebknecht. Von der Kirche bewegte sich der Zug unter den Klängen eines Marsches zurück nach dem Kolleggebäude, wo den Professoren, Beamten und akademischen Bürgern in den einzelnen Hörsälen Konfitüren, Mandeln, Bretzeln und Wein gereicht wurden. Bis nach 8 Uhr währte der Leichenschmaus, wobei es nicht allzu geräuschlos hergegangen sein soll. Am nächsten Tage um 10 Uhr war eine akademische Feier. Die Zünfte erhielten 40 fl. zum „Vertrinken". Aehnlich gestaltete sich die Leichenfeier beim Abschciden des Rektors und Theologieprosessors Joh. Steph. Müller im Jahre 1768; nur war der Schmaus als eine „entbehrliche und leicht zu Ausschweifungen Anlaß gebende Ausgabe" in Wegfall gekommen. Rangstreitigkeiten bildeten auch bei dieser Feier wieder eine Hauptrolle. Wie ganz anders unsere heutigen Studentenaufzüge in ihrer Farbenpracht bei einer Bestattungsfeierlichkeit gegenüber dem einförmigen Bilde dieses feierlichen und ernsten Leichenzugs der damaligen Zeit! * An diese Darbietungen aus der Geschichte unserer Hochschule reihen sich würdig die interessanten Beiträge in der Festschrift Ludoviciana, herausgegeben von den Professoren B. Sauer und H. Haupt. Unter deren umsichtiger Leitung und der freundlichen Mitwirkung schätzenswerter Kräfte unserer Stadt ist es gelungen, in dieser Festgabe manche trefflichen kulturgeschichtlichen Bilder aus vergangenen und jüngsten Tagen der Universität und Stadt Gießen zu bieten. Als Einführung in die Festschrift bringen uns die ersten Seiten ein Begrüßungsgedicht auf die Jubilarin und neben dem Bilde des Rector Magnificentissimus unseres Großherzogs dessen Weihspruch zum Jubeltage: „Eft Deus in nobis, agitante calescimus illo". (Es lebt ein Gott in uns; wenn der uns treibt, werden wir warm.) Mit der ältesten Zeit der Universitätsgeschichte beschäftigen sich die Arbeiten: Ludwig V. und die Gründung der Universität Gießen, Georg II. und die Rückverlegung der Universität von Marburg nach Gießen, Hessische Landgrafen als Rectores Magnificentissimi, Th. v. Butzbach und die hessen-darm- städtische Universität. Der ersten und zweiten Jahrhundertfeier wird in besonderen Besprechungen gedacht. Acht Aufsätze würdigen die ersprießliche Tätigkeit berühmter Gießener Professoren aus älterer und neuerer Zeit. Auf die für die Entwicklung der Universität wichtigen freundschaftlichen gegenseitigen Beziehungen zwischen Stadt und Universität, wie sie von Anfang an bestanden, will der Beitrag: St ad t und Uni v er s i t ä t Hinweisen. Ueber das Stndentenleben, wie es sich in den verschiedenen Perioden in seinen Auswüchsen, in seiner Durchbildung und Klärung, in patriotischen und freiheitlichen Bestrebungen darstellt, liefern uns mehrere Abhandlungen interessante Ausschlüsse. Weiter sei aufmerksam gemacht auf die Arbeiten: Die Universitätsbibliothek, Die neuen medizinischen Institute der Nniversi- tät Gießen, Botanisches Institut und botanisch e r G a r t e n, D e r f o r st w i s s e n s ch a f t l i ch e U n - ter richt an der Universität Gießen, Die katholisch-theologische Fakultät in Gießen, Das physikalische und physikalisch-chemische Institut, Die Veterinärmedizin in Gießen. Die Darstellungen: Gießen in den 70 er Jahren des 19. Jahrhunderts werden manchem Leser Miterlebtes in Erinnerung bringen. Eine andere Arbeit macht Mitteilungen aus der Geschichte des Theaterwesens in unserer Stadt von seinen Anfängen bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Auch Lokaldichter sind in der „Ludoviciana" zu Wort gekommen. Abbildungen, Nachbildungen nach photographischen Vorlagen und Aetzungen von alten Bildern, die sich im Besitze der Universitätsbibliothek, des Oberhessischen Geschichtsvereins und von Privaten vorfanden, erhöhen den Wert dieser Festschrift. Dr. B. Goldene Worte. Tue nur das, was dich geistig erhöht und zugleich nützlich für die Gesellschaft ist. _ , Henderson. Jedermann besitzt gerade soviel Eitelkeit, wie ihm Verstand fehlt. ‘ Swift. Magisches Quadrat. In die Felder uebcnsteheuden Quadrates sind die Buchstaben aaabbellnnuiioory derart emzutragen, das; die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes bedeuten: 1. Eine Insel. 2. Eine Handelsstadt. 8. Stätte der Erquickung. 4. Ein Vorname. Auflösung in nächster Nummer. Attslösung des Arithmogriph in voriger Nummer: Gride — Liga — Igel — Lille — L-arra — Papagei — Aegir — Wagaz — Niege — Eile — Bißt; Grillparzer. Preisrätsel-Losung. Unser letztes Preisrätsel, ein Rösselsprung, ist vo>: 83 Personen richtig gelöst.'worden. Die Lösung lautet: Ein schönes Alter ist des Lebens Krone; Nur Sem, der sie verdient, wird sie zum Lohne! Wer lange trug des Daseins schwere Bürde Und alt '[em Haupt noch aufrecht hält mit Würde, Gibt dadurch Zeugnis, das; er seinem Leben Von Jugend auf den rechten Halt gegeben. Tie Preise sielen aus' 1. stud. theol. Eduard Schwinn in L a n a - G ö n s. Gewinn : Paul Heyse, Geschichten aus Italien. 2. A n n a W e i n h a r d t in Gießen, In Löbers Hoi 4. Gewinn: Eynatten, Gräfin Hannas Ehe, Roman. 3. W. Wernshausen in B o r s d o r i bei Nidda. Gewinn r Muusmann, Des Nordpolsahrers Andree letzte Auszeichnungen. Tie Prämien können im Lause der nächsten Woche bei unsere? Geschäftsstelle abgeholt werden. Redaktiön : P. W i t tL a. —^RMationsdMck rmd Kerlag der Br^h k'sehen UniversttälS-Duch- imfr Stemdruckerei, R. Lange, G ketzer..