Mittwoch den 14 August 8 SV IBS ?jri rV.v I ■ rsWW/ »'n ii'M Sleuermünn Worringer. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) 1. Tas Abendschiff kam rheinaufioärts. — Es. schnaubte gewaltig in dem Engpaß des Binger Lochs und warf schaumweiße Wellen auf. — Tie Sonne schien rötlich auf die weiß« Wasserfläche, die sich da nach dem Rheingau ösfnet, und die verschiedenen Engländer, die bis jetzt stumpfsinnig über ihrem Murray gebrütet und sich nur von Zeit zu Zeit ein registrierendes „Ah the castle Rheinstein — Aßmannshausen — the Mauseturm" zugetvvrfen hatten, wurden jetzt etwas'mobiler. — „Bingen." Auf dem Tampfer entstand Bewegung. Ein Kvfferberg wurde an der Aussteigestelle aufgehäust, die Reisenden drängten nach vorn. Tie Maschine stoppte, langsam und majestätisch zog das Schiff an der langen Häuserfront vorbei, die sich, von der stattlichen Burg Klopp überragt, an den Rochusberg anlehnt. Am anderen Ufer leuchteten die Häuser von Rüdesheim fern über den breiten Strom herüber, und von ihrem Bergesthron aus schaute die Germania stolz auf das prächtige Bild. In dem Menschenstrom, der dann über die Brücke schob, schritt Steuermann Worringer mit der selbstverständlichen Ruhe des Einheimischen. Er hatte am Nachmittag das Talschiff nach Caub gesteuert und kam nun mit dem Bergschiff heim. Jeden zweiten Tag machte er die Fahrt als Lotse bis Caub mit dem Mittagsdampfer, jeden anderen Tag die Fahrt mit dem ersten Morgenschiff. Tenn die Dampfer, die rheinauf- und rheinabwärts fahren, müssen alle ihre Lotsen haben, durchs Gebirg abwärts, oder durch den Rheingau aufwärts nach dem goldenen Mainz. Ter Rhein, der so ruhig, wie spielend, den Dampfer zu tragen scheint, ist ein gar stolzer Gesell, der nur ungern sich der. Herrschaft des Menschen beugt. Nur in einer schmalen Fahrrinne gestattet er den Schiffen,, seine Wellen zu durchkreuzen, und er lauert auf jedes Abweichen von diesem Weg, nm das Schiff auf Felsriffe zu werfen oder auf Sandbänke auflaufen zu lassen. Ter Steuermann aber kennt hier jede Welle, jeden Fußbreit. Mit scharfen Augen hält er, am Steuer fitzend, Auslug — ein Druck des Fingers, und der Schiffskoloß wirft sich, in allen Fugen ächzend, schwankend und zitternd herum und zieht die richtige Bahn. Steuermann Worringer war also eine wichtige Person, und er wußte das auch. Wenn in Caub sein kleiner Nachen an den Dampfer anlegte, schob er seine Hünengestalt selbstbewußt auf die schmale Schiffstreppe. Oben vom Schiffsrand schauten die Passagiere neugierig hinab, und wenn er dann an Bord kam und auf die Kapitänsbrücke hinaufstieg, folgte ihm jedes Auge. Er achtete wenig darauf. Mit dem wiegenden, schaukelnden Gang des Schiffers ging er an den Misses vorbei, die ihn bcäugelten wie irgend eine Merkwürdigkeit in einem Museum, und laut und ungeniert ihre Bemerkungen machten. Kaum, daß sie ein Seitenblick aus seinen hellblauen Armen traf, die ans dem geröteten Gesicht mit der stark gebogenen Nase falkenscharf hcrausschauten. Und wenn eine von ihnen mit Aufbietung all ihrer deutschen Sprach« kenntnisse versuchte, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen durch allerhand Fragen über das Schiff, dann zuckte er nur kurz die Achseln, rückte die Kappe auf dem kurzen, krausen Haar zurecht und schaute gleichgültig ins Wasser. Jetzt während er am User entlang ging, spähte er scharf nach rechts und links aus. Auf den Bänken der Rheinprome- naden, unter den blühenden Linden, die ihren Tust mit dem Teer- und Wassergeruch mischten, der vom Rhein und den ankernden Schiffen ausströmte, saßen die Frauen der Steuerleute, auf ihre Männer wartend, die zurückkamen. Sie schwatzten laut und lebhaft in den scharfen Lauten des rhcinhessischen Tialekts. Ihre grellen Augen funkelten ihn an, und schnelle! Scherzworte flogen zu ihm hinüber. Sie Hattens gut, die Steuermannsfrauen. Tie Männer verdienten ein schönes Stück Geld, sie saßen behaglich in ihren kleinen, eng ineinanderge- schachtelten Häusern in den gemütlichen Gassen Bingens. Und wenn sie von der Fahrt kamen, übten sie ihre Schiffers ewohn- heiten, scheuerten und fegten im Haus, hantierten mit Oelfarbe und Pinsel, strichen die Böden blank wie Spiegel und rieben die vielen Messingklinken und Bänder, die sie in ihren Häusern liebten Ivie auf den Schiffen. So gabs für die Frauen wenig mehr zu tun, als das bischen Essen zu kochen oder für den Mann zu < wärmen, wenn er heimkam. Tie Kinder hüteten sich selbst, spielten am Rheinufer im Sand und ließen Schiffchen schwimmen. Da hatten sie Zeit genug, sich hübsch zu machen, das dunkle Haar aufzutürmen und in vielen Löckchen zu brennen, sich zu putzen und am Rhein zu sitzen und zu schwatzen wie die Elstern. Kamen die Männer heim, dann gabs manchnral lauten Zank, denn der Schiffer ist kein sanfter Gesell. Aber das macht nichts. Ebensvschnell wie der Streit gekommen, war er vergessen, und sie schwammen vergnüglich im Strom des rheinischen Lebens, das wie ein elviger Feiertag ist, in dem Musik klingt und das Wellenspiel des Stroms rauscht. Steuermann Worringer ging eilig am Ufer entlang. Er spähte aus nach seiner Frau. Sie sollte auch da sein, da sitzen mit den anderen Frauen. Warum war sie nicht da? Sein Gesicht färbte sich dunkel, und die hellen Augen blickten drohend. Bom Uebergang der Eisenbahnlinie her, die am Ufer vorbeiläuft, känl sie jetzt, eilig, fast atemlos. Er sah ihre rote Bluse leuchten. Als sie näherkam, stockte einen Augenblick ihr Fuß, und ihre braunen Augen gingen unruhig über das Gesicht des Mannes'. Sic strich die schwarzen Löckchen aus der erhitzten Stirn. „'s Schiff is arg frieh komme," sagte sie unsicher. „Wie alle Tag," entgegnete er kurz. Dann gingen sie wortlos miteinander nach Haus. Vor dem kleinen, blitzblanken Häuschen, das mit seinen blendendweißen Vorhängen hinter den niedrigen Fenstern, der unverhältnismäßig großen Fahnenstange und dem Schiff als Wetterfahne wie ein Puppenhäuschen aussah, spielte ein etwa vierjähriger Junge. — „Babba!" Ter riesige Mann hob ihn auf. >,Warum bist du net mit an7« Rhein fomme ?" fragte er. „Mamma is zu schnell forigelaase," sagte weinerlich der Kleine. Tie Hellen Augen des Mannes wurden fast schwarz. Er stieß die Tür auf. In dem niedrigen Hausflur reichte er fast bis zur Decke. Seinen Oelrock, den a auf dem Arm getragen hatte/ warf et achtlos in einen Winkel. Mit drei Schritten war <_r durch den Flur hindurch in dem engen Höfchen. Zwei Oleanderbäume in Kübeln standen darin, blühende Geranien und Fuchsien auf Brettern. Ticht an eine niedrige -Mauer, die das Besitztum vom nächsten Haus abgrenzte, war ein Stuhl gerückt. Mit einem Blick sah er alles. Er ging zurück in die große, aber niedere Stube. Ta stand seine J-rau am Fenster mit den unruhigen Augen von vorhin. Er fasste sie hart an der Schulter. „Greta! Was huschte geschafft 'n ganze Marge?77 @ie sah ihn trotzig an. „Was ich alle Dag schass.77 Et rüttelte sie, daß ihr ganzer Körper flog. „Jawohl, was du alle Tag schaffst! Im £>of haschte gefesse und mit ’m Hesseln er scharmuziert. Gebutzt hoschte dich mit dem rote Lumpe itn dei Mann vergesse! Hoscht laafe misse, daß der Klään gar net meh tnitkomme könnt! Tas sag ich dir, erivisch ich dich mol, do is es um euch zwää geschehe! Wann’s mer net um mei gnhde Name und um rneirn Kind seine ze dhue wäre, do schlug ich ’m alle Knoche kaput, dein Lump! Ae Schiff steuere, des kann ’r net, awwer mit Aunerlertts Weiwer schee dhue, des is sei Fach! Und du hüt dich'! Hüt dich, saa ick her. daß im mich net kenne lernst.77 Seine Stimme, die unbeherrscht laut geworden war, sank plötzlich. Tie Frau war aufgesprungen und nahe an ihn herangc- treten. Auch in ihren Augen brannte jetzt ein Feuer. . „Hüte soll ich mich77, keuchte sie, „hüte! Vor dir! Määuschte, weil de so ä Bär bischt, so ä wüschter! Weil de mich geheirat. hvscht, weil mei Mutter mich derzu gebracht Hot, daß ich dich nemrne, do hättste jetzt Gewalt immer mich, mei Lewe lang! Fünf Johr hawwe ich in Angst und Schrecke vor dir gelebt, awwer nu hot's ä End. Tv schlag zu! Schlag mich bot! Des is besser als so ä| Lewe! Mit kä'm Mensche soll mer ä Wort redde, kä Spaß soll mer hawwe, kä armselig Fähnche hawwe anzedhue, wie ä alt Frau soll mer ussgestiege komme — alles vor, weil mer 'm Worringer sei Fraa is und die Mutter vom Worringer fei’m Kind. Alles willste ä'm verbiete und jede Freud versalze und tierfaure. Sttotoer ich laß mer nix verbiete, und ich dhue, was ich will. Dei Ordnung hoschte und bei Sauwcrkäät, alles, was du verlangst. Und bei Kind aach! — Du willscht jo net «rehr vom Lewe. Tu brauchst net mehr. Awwer ich ivill's, und wann bat mer’s net gibst, do nemrne ich mer’s. Hüte soll ich mich! Hüt’ du dich, bu! Ich kreisch gantz Binge zesamme, wann du mich nor mit ’m Finger anrührst, unbl wann bu ’m foeffeiner was dHust, do kimmste in die Prisong! Tu, der Worringer! Do hawwe auch die Lent was ze redde.77 Sie lachte grell auf. Der Mann war ganz blaß geworden. „Und des is mei Fraa77, murmelte et — ,.heä is mei Fraa!77 „Jo, das is dei Fraa77, rief sie. „Warum hoschte dir kä amt er genumme, die zu dir gebaßt Hot. Ich will der's sage toarumj Weil de gedenkt hoscht — ein, die net so jung wär wie ich, und net so atm, die könntschte so unnerducke! Tie dhät sich net so kusche und braucht sich net alles aefalle ze lasse, die —77 „Greta, hör uff. Mach net, daß ich mich net mehr kenn! hoschte net alles, was bei Herz begehrt? Sitzt de net do, wie it Bogel im Hanfsarne? — Was de willst, kannschte dir jo kaafe, nor net mit so’m Fludder sollschte erumlaafe. — Dhue darfschte, was de willst, nor laß des Scharinuzieren mit ’m Hesseiner. Geh’ naus an de Rhein, wo die annere Weiwep aach siu, arnesier dich, nor mach mer kää Schänd.77 „Ainesieve soll ich mich! Mir kaafe, was ich will! Jo! Awwer nor net das, was bat net willst. Und das is gerad des, was ich will. Ich will $ Mann hawwe wie annere Weiwer, bä Spaß hot