1907 Samstag den 12 tz>5-oß ff* l£ f, L. Auf der eigener: Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Haarscharf, Herr Rat. Der Provisor identifizierte die Flasche, sowie die Handschrift seines Gehilfen auf dem Etikett ohne weiteres. Alles stimmte, auch die fortlaufende Nummer 56 839. Außer der Flasche habe ich auch das Rezept mitgebracht und mich natürlich auch mit Dr. Schmidt in Verbindung gesetzt." „So wohnt ein solcher in der Kant-Straße?" „Davon hatte sich schon der Gehilfe heute nacht durch eilten Blick in das Adreßbuch überzeugt, wie er dem ihn zur Rede stellenden Provisor erklärt hat. Ich klingelte den Arzt an und erfuhr vou ihm, daß er nicht daran gedacht hatte, heute nacht behuss Vornahme einer Operation in der Askanischen Apotheke Chloroform zu kaufen. Er erfreute sich vielmehr ungestörter Nachtruhe. Ich habe ihn ersucht, sich gleichfalls morgen früh 10 Uhr hier einzufinden, was er mir bereitwilligst zusagte." „Das haben Sie gut gemacht. Noch eine Frage: konnten Sie sich schon in der Turmstraße erkundigen?" „Gewiß, Herr Rat. Die dem Kutscher gegebene Adresse war eine fingierte. Niemand im Hause weiß etwas, es wird auch keiner seiner Bewohner vermißt." „Wie ich mir dachte!" brummte der Rat. Ein Räuspern des auf ihn zutretenden Kommerzienrats ließ ihn aufschauen. „Stehe sofort wieder zu Ihrer Verfügung!" Er wendete sich, einem plötzlichen Gedanken nachgebend, wieder an den Detektiv. „Geben Sie mir 'mal das Schmuckfragment von heute früh her." Mit dem winzigen Bruchstück in der Hand, trat er auf Selkenbach zu. „Eine Frage, Herr Geheimrat, ist Ihnen diese Fassung hier bekannt? Es scheint sich um einen wertvollen Brillanten zn handeln. Die Fassung ist altdeutsch. Das Bruchstück gehört sicherlich zu einem sehr wertvollen Schmucke, einem Halsband oder dergleichen." Verständnislos starrte Selkenbach bald auf den Fragenden, bald ans den glitzernden Gegenstand in dessen Handfläche. „Ich bin kein Experte" meinte er dann brüsk. „Warum fragen Sie mich eigentlich?" „Aus keinem anderen Grunde, als weil ich annahm, dies abgerissene Anhängsel möchte zu einem der Ihnen in verflossener Nacht entwendeten Schmuckstücke gehören." Der Bankier stampfte zornig mit dein Fuße auf. „Das soll wohl eine Falle sein?" fragte er höhnisch. „Ich weiß von keinem Einbrüche! . . . und wenn auch, glauben Sie, ich kenne jeden Quarck so genau, um den Bettel da rekognoszieren zu können?" „Nun, dieser Quarck dürfte hinreichend sein, später dem Scharfrichter Arbeit zu machen!" entgegnete Hansemann gleichmütig. „Ist der Brillant hier echt, so stellt er an sich schon em kleines Vermögen bar!" „Mag sein! Ich bin kein Sachverständiger!... Fragen Sie doch L." — er nannte eine berühmte Juwelenfirma ut der Friedrichstraße. „Ist dies Ihr Lieferant?" erkundigte sich der Rat allso> gleich. „Der und ein Dutzend andere. . . hier, in Paris und London . . . wo Sie wollen. Meine Frau ist wählerisch und meine Tochter lischt minder. Ich gebe nichts nm solche Kinkerlitzchen . . . das heißt, ich bezahle die Rechnungen, und damit basta!'< „Vielleicht vermissen Ihre Damen Kostbarkeiten? Man könnte vielleicht einmal Nachfragen?" Hochmütig hob Selkenbach mit energischem Rucke das Kinn. Lassen Sie meine Damen ganz aus dem Spiel. Ich habe so wenig wie diese eine Strafanzeige zu erstatten, denn es ist uns nichts abhanden gekommen . f. . im übrigen bedaiiere ich/ Sie nutzlos aufgehalten zu haben!" Mit kaum verhohlenem Aerger' empfahl er sich frostig, diesmal ohne Händedruck. Gedankenvoll schaute Hansemann ihm nach. Dann schritt er zum Schreibtisch, ließ sich vor diesem nieder und entzündete eine Zigarre, der er angelegentlich duftige Rauchringel entlockte. „Was da hinter stecken mag!"'meinte er halblaut vor sich hin. Er wollte sich seinen beiden Untergebenen zuwenden, wurde jedoch durch erneutes Klopfen an der Tür wieder abgelenkt. Auf sein ärgerliches Herein betrat das Zimmer eine elegante Diplo- matengestalt, bei deren Anblick sich sein Gesicht sofort erhellte. Ah, Herr Kneist", rief er verbindlich, sich zugleich erhebend. „Wetten wir, daß Sie gekommen sind, mich wieder meines Mitarbeiters zu berauben, jetzt, wo ich ihn am nötigsten gebrauche?" „Das ist allerdings meine Absicht", bestätigte lächelnd der Gefragte, die im Zimmer Anwesenden der Reihe nach begrüßend. Rat Hansemann und Walden; bekamen einen Händedruck, während der mit ziemlich verkniffener Miene dastehende Kommissar Thom- men sich mit einem freundlichen Kopfnicken begnügen mußte. „Ich möchte nur ein halbes Stündchen mit Herrn Walden mich besprechen." „Natürlich steht er zu Ihrer Verfügung, wenn ich Ihr halbes Stündchen auch aus Erfahrung kenne, das hat der Fuchs gemessen." Er wendete sich an Walden. „Na, dann will ich Ihnen was sagen . . . ach möchte wegen morgen gern noch einiger mit Ihnen besprechen . . . wissen Sie was, kommen Sie, wem. Sie der Kollege noch vor Mitternacht entläßt —" „Sie Spötter!" drohte Rat Kneist gutgelaunt mit dem „—- nach meiner Privatwohnung," schloß Rat Hansemann, ohne sich beirren zu lassen. „Sie sollen auch ein Glas Bier bekommen und an einer guten Zigarre wird es ebenfalls nicht fehlen " Lauter lukullische Genüsse also", scherzte Kneist wieder. , Ich werde mich baldmöglichst einfinden, Herr Rat," versicherte Walden Er stand neben dem Schreibtisch und wurde der noch auf diesem liegenden drei Bildnisse ansichtig. „Wollen Sie die Bilder noch behalten — oder soll ich sie zurückbringen?" erkundigte er sich, mit der Hand schon auf den Photographien. „Warum wollen Sie sich bemühen . . . ich brauche die Dinger vorläufig kaum mehr, das kann indessen auch der Nuntius besorgen." -- 606 — „Besser ist besser, Herr Rat," widersprach Walden, indem er die Bilder hastig an sich ■ nahm. „Sie sind zu wichtig — das Bureau oben wird wohl noch assen sei." Er sah auf die Uhr. „Es ist freilich hohe Zeit . . . wenn die Herren darum gestatten" — Er empfahl sich mit höflicher Verneigung, indem er an der Tür noch nach Rat Kneift sich wendete: „Ich bin in wenigen Minuten in Ihrem Bureau." „Ein ganz prächtiger Kerl!", meinte Hansemann, als sich die Tür hinter dem Detektiv geschlossen hatte. „Ich werde ihn schwer vermissen. Doch ich merke schon, es ist. etwas im Werke —" Kneisi lächelte diplomatisch. „Ich schätze den jungen Mann gleichfalls sehr hoch . . . übrigens war dies nicht Geheimrat Selkenbach, der Sie vorhin besuchte?" „Allerdings. Ich kann nicht sagen, daß mich sein Besuch sehr erfreut hat ... ich wurde nicht recht klug aus ihm." „Das werden manche nicht," bemerkte Kneift mit dem vorigen Lächeln. „Nun, wir leben in dem Zeitalter der Ueberrasch- ungen . . . und wenn dieser Herr schon in nächster Zeit eine nicht ganz ungetrübte an sich erfahren dürfte, so ist dies das wesentliche Verdienst des wackeren Walden ... er hat wie ein Biber gearbeitet und nun ist der Fall ziemlich spruchreif." Hansemann blies erstaunt die Backen auf. „Ah, weht der Wind daher?" meinte er gedehnt. „Nun sieh' mal einer den Duckmäuser an, auch nicht ein Wort hat er verlauten lassen. Darüber müssen Sie mir übrigens nächstens mehr erzählen . . . dieser Selkenbach fängt nun wirklich an, mich zu interessieren." „Soll mir eine Ehre sein . . . doch ich will die Herren nicht weiter Dren." Damit empfahl sich Rat Kneift. Hansemann hatte sich, wieder gesetzt und rauchte stark. ,Jaso, da sind Sie ja noch,. Thommen," brummte er und.schaute durch eine Rauchwolke ciuf des ersichtlich stark verärgerte Gesicht des altgedienten Beamten. „Nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen .Sie sich . . . doch Mann Gottes, Sie machen ja ein Gesicht, als sei Ihnen die Petersilie verhagelt ... da, pflanzen Sie sich eine Zigarre in die Physiognomie . . . nein, keine Widerrede, schweiß doch. Sie sind der reine Kettenraucher!". Er rühie nicht, bis der Kvmmissat sich seinem Wunsch gefügt. Dann lächelte er gutmütig.' „Männchen, wir arbeiten doch nun schon so lange zusammen . . . nur nicht eifersüchtig oder gar mißgünstig sein .... ich weiß, ’ Sie sehen scheel auf Walden . . . na ja, er ist jung und eifrig. Dabei ein höchst fähiger Kvpf. Dergleichen Vorzüge .finden sich in unserem schwierigen Beruf nicht immer vereinigt. Was Wunder, fesselt man solch jungen .Feuerkopf mehr an sich, als es die Rücksicht auf ältere, wohl verdiente Beamte eigentlich gestattet . . . doch .sehen Sie, Thommen, gerade in unserem Beruf muß sich persönlicher Ehrgeiz ünterordnen und am. wenigsten darf man die gekränkte Leber- wurst spielen . . . schließlich dienen wir alle nur einer Aufgabe und auch ein Ziel schwebt uns vor: das öffentliche Wohl, die Aufrechterhaltung der 'staatlichen' Ordnung, die gesicherte Durchführung der Gesetze. Habe ich nicht Recht." Der Kommissar räusperte sich; dann meinte er mit immer stoch grimmig genug verkniffenen Lippen: „Gott ja, .Herr Rat, unsereiner wird, alt, wenigstens in den Augen der Vorgesetzten . . . schließlich hat man ja auch 'was geleistet, doch das. wird vergessen . . . man kommt nicht mehr mit, fängt an, zum-alten Eisen zu gehören und die Jungen überflügeln einen, Das ist der Lauf , der Welt, es juckt nur verd . . ., spürt man's nm eigenen Leib." „Sehen Sie, Thommen, da geben Sie sich einem gründlichen Irrtum hin," widersprach der Rat, der sich offenbar in gemütlichster Plauterlaune befand. „Unter uns gesagt, als ich noch Kvmmissar war, und das. ist ja noch nicht übertrieben lange her, dachte, ich ähnlich und glaubte, mich auch schon auf dem Jsolier- schemel. . . das macht der Standpunkt, den man einnimmt,, mein Lieber. Der Exekutivbeamte fühlt - sich . allem und .jedem gewachsen, um einen derben Vergleich zu gebrauchen: er liegt wie'n Jagdhund an der Leine und kann deck Moment kaum erwarten, wo er aufs Wild losgelassen wird; Sie habens ja eben mit .angehört, . er wird bald schon jüngster Kvmmissar in der politischen Abteilung werden." „Meinen Segen hat er!" knurrte der noch nicht besänftigte Thom-men. „Er ist 'n Streber, ja, das ist er — pfui Deubel —• bitte um Entschuldigung, Herr Rat." Hansemann lächelte nur leise vor sich hin; er wußte, daß die Abneigung des Kommissar wider Walden so alt war, als dieser Verwendung im Spezialdienst fand; es war wirklich nur dtt! . gekränkte Ehrgeiz - des ältgewordenen Jagdhundes, den ein blutjunger Anfänger auf dem . eigenen Gebiet übertrifft. „Davon wollen wir uns nicht toeiter unterhalten," lenkte der Rat ab. „Zum- Beweise, wie sehr ich Sie schütze, möchte ich Ihnen. gleich einmal einen. Auftrag erteilen, der nach. Ihrer bewährten Behandlungsweise geradezu schreit ... und den Walden wiederum bei all seiner Befähigung verpfuschen würde." „Vergessen Sie Ihre Rede nicht, Herr Rat," meinte der Kommissar, der. im Handumdrehen gesprächseifrig geworden war und nun mit blitzenden Augen dasaß, während sein kurzborstiges .Grauharr sich wie bei einen:- auf der Hatz befindlichen Rüden sträubte. „Ich möchte nur was Vorschlägen — wegen den: Geheimrat nämlich ... der hat doch das Schmuckstück, das Sie ihm zeigten, sofort erkannt, sonst hätte er doch nicht solchen Sunims gemacht . . . und wie et den 36., den Juwelier, genannt hat, da hab' ich die Ohren gespitzt ... der Name ist ihm auch nur so im Unmut herausgefahren, darum hat er auch gleich von London und Paris schwadroniert, damit der Eindruck wieder verwischt werden Möge." „Richtig beobachtet!" stimmte Hansemann bei. „Zu genau demselben Schluß kam auch ich. Doch warum fangen Sie davon an?" — „Ich meine nur, falls Sie herausb-ekommen möchten, ob der Schmuck wirklich von X. stammt, so könnte ich einen solchen Auftrag schon durchführen . . . Sie erinnern sich wohl noch, daß es mir gelang, den Juwelenräuber, der den Riesendiebstahl bei X. verübte, ausfindig zu machen, ehe er seine Beute verschärfen konnte. Seitdem habe ich bei dem alten X. einen Stein im Brette. Kann er mir gefällig sein, tut er's sicher." „Das ist ein guter Gedanke!" versetzte Hansemann nach kurzem Nachsinnen. „Das tun Sie nur. Es wäre allerdings sehr wesentlich für uns, den Eigentümer des Schmuckstückes herauszubekoinmen . . . doch damit Sie orientiert sind, will ich Ihnen rasch den Sachverhalt auseinandersetzen." Damit begann er dem aufmerksam Lauschenden die Ergebnisse des hinter ihm liegenden Tages in gedrängter Kürze zu veranschaulichen. „Das muß ich selbst sagen, Walden hat sich geschickt angestellt," brummte der Kvmniissar,- als sein Vorgesetzter zu Ende gekommen. „Die rasche Identifizierung der Leiche vereinfacht unser Geschäft wesentlich. Rokohl ist natürlich ein Schafskopf, wäre er nicht verschlafen gewesen, so hätte er die falsche Namensangabe des Kutschers wahrnehmen müssen — und alles wäre anders gekommen. Wichtiger erscheint mir, was er über seine Bekanntschaft mit dem Toten ausgesagt hat. Ich kenne Rokohl persönlich recht gut, er hat schon wiederholt unter mir gearbeitet . . . ein großes Geisteslicht ist er nicht, mehr wie fo'n Mastiff, der verbeißt sich auch Achtungsvoll, aber er hält fest. Hat Rokohl Recht und verkehrte dieser . . .'dieser — suchend blickte er den Rat an. „Ja, wie nennen wir eigentlich den Toten; er scheint eine ganze Menge Namen geführt zu haben." Hansemann schaute in sein Notizbuch, in das er tagsüber Aufzeichnungen gemacht hatte. „Auf den Maßkarten sind allein elf verschiedene Aliase aufgeführt — nennen wir ihn John Baker, der Name kommt unserer deutschen Zunge ani nächsten", entschied er. „Nun ja," fuhr der Kommissar fort, „mimte John Baker wirklich im Bellealliancetheater mit, so kannten ihn auch andere Leute dort — da kann man weiter schließen, vorsichtig sondieren und spüren — vielleicht stößt man sogar auf den unbekannten! Begleiter von heute nacht —" Hansemann schmunzelte. „Wie richtig Sie Ihre Aufgabe erfassen, Freundchen!" rief er anerkennend. „Habe ich nicht Recht? Das ist Ihre Domaine und ich zweifle nicht. Sie bringen den großen Unbekannten zur Strecke!" Thomisten rieb sich vergnügt die Hände, seine vorige üble Laune' war nun vollends mit einem Schlage Ivie weggehaucht. „Wir werdens schon machen, Herr Rat — ich denke, morgen werde ich 'mal den alten X. aufsuchen und vertraulich bei ihm auf den Busch klopfen. Zugleich will ich mir auch Rokohl vorknöpsen." (Fortsetzung folgt.) Alicdkich Sp-elhagerr. Zu seinem öOjühcigen Schriftstellerjubiläum. Als Friedrich Spielhagen vor einem halben Jahrhundert nach den mancherlei Schicksalsschlägen, die der damals fast Dreißigjährige erlitten, seine beiden Erstlingsarbeiten in die Welt gesandt hatte, fanden die wenigsten an den Beibett Novellen „Clara Bere" (1857) und „Auf der Düne" (1858) besonderen Geschmack. Nur der größte Dichter der damaligen Zeit, Friedrich Hebbel, erkannte das Talent des jungen Poeten und schrieb eine warm anerkennende! Kritik der zweiten Novelle, während er Klara Bere in ein — 607 .Drama umzuwandeln beschloß. Leider ist es nur Fragment geblieben. Friedrich Spielhagen aber sollte ohne die Protektion dieses und anderer Großen seinen Weg machen. Mit seinem folgenden Buche erregte er ein Aufsehen, wie es nur selten vorkommt und wie es vielleicht nur Goethe durch seinen Wertherroman hervorgerufen hatte. Durch die „Problematischen Naturen" .(1860) wurde das sozialpolitische Gebiet für den Roman erobert und zum erstenmal die Poesie der Ostsee enthüllt. Großartig ist die Entwicklung, die Spielhagen seit dem Erscheinen dieses seines Erstlingswerkes durchgemacht hat und die wir an der Hand seiner zahlreichen Romane, Novellen, Dramen, Gedichte, ästhetischen Studien, Uebersetzungen usw. zu erkennen vermögen. Nur einmal hat sich Spielhagen dem Gebiet des historischen genähert, als er-in „Noblesse oblige“ das gewaltige Ringen zu schildern unternahm, womit unsere Großväter und Urgroßväter Napoleons ehernes Joch abgeschüttelt haben. Sonst spielen seine Romane und Novellen fast ausnahmslos in der Zeit, der er selbst angehört, und heute muß Spielhageu, der dem historischen Roman nicht viel Gutes nachsagt, zugeben, daß seine bekanntesten Zeitromane, die uns die Revolution von 1848, die Bewegung um Lasalle, den moralischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch von 1873, die Entwicklung der Sozialdemokratie erzählen, geradezu als historische Romane angesehen werden müssen. Wie klingen aus den leidenschaftlichen oder satirischen Gesprächen seiner Personen die Stimme des Tages, die Debatten des Parlaments, der stürmische Ton bewegter und erregter Versammlungen jener Tage denr Leser ins O'hr! Was beim Erscheinen, der Romane „Problematische Na-, tuten", „Sturmflut", „Was will das werden" aktuellstes Leben war, das sind jetzt-Dokumente der Geschichte. Neben den großen Zeitromanen, in denen das Pathos der politischen Lyrik zu epischer Ruhe und Gestaltung ab-, geklärt ist, und neben seinen Novellen hat Spielhagen hauptsächlich noch die psychologische Problemdichtung bevorzugt, bei der der Schiverpuukt aus die innere Entwicklung des Helden oder. der Heldin gelegt ist, wie im „Sonntagskind", Stumme des Himmels", „Selbstgerecht", „Faustulus", „Herrin" oder „Freigeboren". . - Wein es versagt ist, den ganzen Spielhagen auf einmal zu bewältigen, dem hat, jetzt die Berlagshandlung*) in einer preiswerten, vornehm ausgestatteten Auswahl von Spielhagens besten Romanen eine Gelegenheit geboten, sich ein gutes Bild von Spielhagens Schaffen zu machen. Vier Zeitromane (Problematische Naturen, Sturmflut, Was will das werden?, Opfer) und drei psychologische Problembichtungen (Sonntagskind, Stumme des Himmels, Freigeboren), also die erste und die letzte Roniandichtung des Meisters, sowie den Sturmfltttroman, der als Höhepunkt des Spiel- hagenschen Schaffens bezeichnet wird, enthält diese Sammlung. Was wir auch an Spielhagens Werken auszusetzen haben, sie sind nationale Taten, die die Liebe zur Heimat und das Interesse am Modernen Leben lebendig erhalten haben und den Menschen aus der Enge des Banausentums in die Höhe des freien Gedankens erheben. Die menschliche Tüchtigkeit Spielhagens ist sein Rechtstitel im Reichs, der Geister und die edle und hinreißende Leidenschaft, mit der er namentlich die Frauen und die Jugend so-sehr ungezogen hatte, als seine Romane zum erstenmal erschienen. Die Briefe des jungen Friedrich Nietzsche, der einst stolz darauf war derselben Bonner Burschenschaft Frankonia anzugehören, die Spielhagen unter ihre asten Herren zählte, und der eine persönliche Annäherung an Spielhagen ersehnte, sind ein wertvolles Dokument dafür, wie die besten Jünglinge Deutschlands für Spielhagen geschwärmt haben. An seinen Freund von Gersdorff schrieb er am 25.. Mai 1865: „Einige Kapitel in den Problematischen Naturen habe ich bewundert. Sie haben wirklich Goethesche Kraft und Anschaulichkeit. — Ich hoffe, Spielhagen diesen Sommer kennen zu lernen." Am *) Friedrich Spielhagens ausgewählte Romane, Leipzig, L. Ataackmann. 5 Bde. Mk. 18.—. 1. Dezember 1867 schreibt er an Gersdorff: „Der Roman, von dem ich nun reden will, ist das beste Erzeugnis einer Dichtung in jenem tragischen, fast asketischen Sinne Schopenhauers, eine Dichtung voll des höchsten Kunst-, wertes, einer großartigen Fülle von Gedanken und im schönsten liebenswürdigsten Stile geschrieben. Das ist der letzte Roman Spielhagens „In Reih und Glied" betitelt- von dem man wenig liest, weil sein Verfasser zu stolz ist, einer Klique sich anzuschließen, wie sie z. B. Freytag besitzt. Mein Lehrer Ritschl urteilt, daß dieser letzte Roman zehnmal soviel wert sei, wie der ganze Freytag." Im Jahre 1868 (am 16. Februar) schreibt Nietzsche: „Uebrigens gehört Spielhagen zu denen, mit welchen ich ein persönliches Verhältnis wünsche; vielleicht gibt sich in Berlin einmal eine Annäherung. Ich wundere mich, daß Du nicht einmal dem^ ausgezeichneten Manne einen Besuch abstattest. Wir müssen uns unsere philosophischen Freunde etwas zu-, sammensuchen." — Nachdem Spielhagen länger als ein Bierteljahrhundert als ein Führer unserer Literatur gefeiert worden war, richteten die Stürmer und Dränger der achtziger und neunziger Jahre manchen Pfeil gegen ihn, was der Popularität des Dichters Abbruch tat. Statt den. Neuerern zu zürnen, versuchte Spielhagen ihre Forderungen und ihre Leistungen ehrlich zu verstehen, gewann es über sich, für die neue Kunst manche Lanze zu brechen und vermochte so die Opposition zu überwinden. Laudwirtschaftttchs Erzeugnisse vor Jahren, (Original-Artikel des Gießener Anzeigers.) Einschließlich der wenigen Dorfhandwerker waren vor 200 Jahren alle übrigen Landbewohner mit Landwirtschaft beschäftigt. Selbst die Pfarrer und Schullehrer waren darauf angewiesen, ihre als Besoldung überwiesenen Pfarr- nnd Schulgärten zu bebauen. Darum findet man auch heute twch bei alten Pfarr- und Schulhäusern die zugehörigen Oekonomiegebäude. Der Ackerbau war also für alle Landbewohner die Hauptnahrungsquelle. Unsere heute noch angebauten Körnerfrüchte, wie Korn, Weizen, Gerste und Hafer waren von altersher bekannt. Auch Erbsen, Linsen, Flachs und Rüben wurden fleißig gezogen. Unter den Gemüsen wird, außer Kohlrüben, Weißkraut und Möhren am meisten genannt. Der Kartoffelbau war noch unbekannt. Die e r st e K a r t o f f e l in Deutschland hat der im Jahre 1621 verstorbene Professor der Arzneikunde Johannes Matthäus in Herborn als Zierpflanze im Blumentopf gezogen, und die erste Kartoffel-Blüte hat einer Herborner Bürgerstochter als Brautschmuck bei der Trauung gedient. Wenn man auch den Nährwert und Wohlgeschmack der Kartoffel erkannte, zum regelrechten Anbau kam es noch nicht; dazu waren die schlimmen Zeiten des 30 jährigen Krieges und die späteren Franzosenkriege nicht angetan. Im ganzen 17. Jahrhundert wurde für die Anpflanzung der Kartoffel höchstens ein Stück Gartenland eingeräumt. Erst nach, dem Hungerjahr 1771/72 wurde der Kartoffelbau in Oberhessen, Nassau und Kurhessen allgemein. Als einige Jahre später als Futtern pflanze auch noch der rote Klee eingeführt wurde, schwand die Brachfeldwirtschaft immer mehr und an Stelle des Weideganges für das Rindvieh schritt man allmählich zur Sommer-Stallfütterung. Mit dem Obstbau waren auf dem platten Lande nur geringe Anfänge gemacht. Wenn auch schon 1734 als ein gutes Obstjahr bezeichnet wird, wie ein Joh. Magnus aus Gr.-Lind en in seinem Tagebuch berichtet, so sind damit doch nur geringwertige, Sorten gemeint, deren Früchte meist zu Obstwein und-Essig Verwendung fanden. Eine Ausnahme davon Mächten die herrschaftlichen Gärtnereien und Klostergärten. Eine große Förderung des Obstbaues in der Wetterau und dem Lahntal geschah in den letzten Dezennien des 18. BÖS — und in den ersten des 19. Jahrhunderts hauptsächlich durch den Pfarrer Christ in Cronberg und den Arzt Dr. Diel in Diez er. d. Lahn. Bor dem 30 jährigen Kriege wär die Viehzucht ganz bedeutend, besonders auffällig die große Zahl der Pferde. Das Vieh, soweit es nicht zu Lastfuhrwerk und Ackerbau benützt wurde, war vom Frühjahr bis zum späten Herbst Tag und Nacht im Freier: auf der Weide. Als Weideplätze dienten die Wiesen, die Wüsteneien, die Brachfelder und bei schlechter Witterung die Wälder. Jede Viehgattung hatte ihre besonderen Weideplätze. Darum führen heute noch manche Ländereien den Namen Pferdeweide (Pards - weide in der H e u ch e l h e i m e r G e m a r k u n g), Küh- lveide, Schafweide und Sauweide, Gänsweide (siidlicher Orts- ausgcmg in Mendorf a. d. Lahn). Die Wälder waren sehr ausgedehnt. Sie bestanden vorzugsweise aus Eichen, Buchen, Birken, Haseln und Erlen. Nadelholz kam nur- vereinzelt vor. Die auf dem Boden der Wälder liegender: Eicheln und Bucheckern wurden, soweit sie ::icht von den Schweinen aufgefressen waren, gesammelt ::nd als Mastfutter für den Winter aufgehoben. Weiteres zu den Greifensteiner Hexenprozefsen. Die Nr. 149 der „Gieß. Fam.-Wl." gibt in der Abhandlung „Der Hexenprozeß zu Greifenstein 1643—1645" das richterliche Gutachten der Juristen-Fakultat der Universität Mainz bekannt. Zum besseren Verständnis dieses Bescheides dürfte diene::, was Pfarrer Himmelreich in der >,Greifensteiner Chronik" zu den Hexenprozessen mitteilt: „Die Mißhandlungen seitens der rohen Soldaten, die Hungerjahre, die häufigen Seuchen unter Menschen und Vieh machten die armen Leute, welchen jeder Tag neue .Plagen brachte, wahnwitzig. Da hieß es bald, an allem Unheil ist niemand schuld als der Teufel und seine Verbündeten, die Hexen. Groß ist die Zahl der armen Wesen, chelche diesem traurigen Wahn zum Opfer sielen. So wurden in den Jahren 1629 bis 1632 in Dillenburg, Herborn und .Driedorf 155 Personen wegen Zauberei hingerichtet. Auch in der Grafschaft Solms-sÄreifenstein sollte sich der Wähn bald breit machen. Es war im Jahre 1843, da wurde die Schultheißin von Biskirchen, Eva, als Hexe angegeben und vor das peinliche Gericht zu Greifenstei:: gestellt. Bald war sie nicht mehr die einzige. Die Schulmeisterin von der Ulm, ein Mann von Holzhausen und die Eheleute Christoph Hahn von Greifenstein teilten ihr trauriges Los. Die Folter brachte die Angeklagten zum Geständnis, daß sie Zauberer Und Hexen seien. Christoph Hahn stürzte sich aus Ver-t zweiflung und Angst vor neuen Marterr: mit gebundenen Händen aus dem Gefängnis in die 17—18 Klafter be-> tragende Tiefe. Der Richterspruch lautete, der Leichnam solle verbrannt, seine Mitschuldigen wegen Zauberei, Ehebruches und Mordes an Leib n::d Leben gestrast werden. Dieser erste Prozeß dauerte vom 9. September bis zum 17. Oktober 1643. Darauf wurde Ottilie Keß le rin aus Greifenstein gefänglich eingezogen. Die Beschuldigte gab andere als Hexer: an, und bald entdeckte man fast in allen Dörfern der Grafschaft Zauberer und Hexen. Unter denen, welche die Keßlerin angab, befand sich die zweite Frau des Hofpredigers Em melius, Anna, die ihren ersten Mann, den Sekretär Philipp Mohr, in der Pestzeit verloren hatte. Dieselbe leugnete. Man stellte sie ihrer Anklägerin gegenüber, welche bei ihrer Beschuldigung verblieb. Die Hofpredigerin wies die Anklage entrüstet zurück. Da ivandte der Scharfrichter, Meister Johannes, die Folter (Aufziehen und Beinschrauben) an. Unter der Folter gestand Anna Emmelius alles, was man ::ur haben Wollte. Nun kamen alle Geheimnisse des teuflischen Hofstaates an den Tag. Christoph Hahn wär Hexenkönig, die Keßlerin die Königin, die Hofpredigerin des teuflischen Reiches Großhofmeisterin. Letztere gestand ferner, sie habe mit dem Teufel Unzucht getrieben, eine Kuh umgebracht, der Gräfin im Wochenbett einen bösen Trank gegeben, ihren Sohn aus erster Ehe getötet und den Grafen Hans Konrad (f 1635 an der Pest) mit giftigem Weck vergiftet. Das Urteil gegen die Hospredigerin lautete: „Sie soll zuvörderst mit glühenden Zanger: gepetzt, hernach lebendig mit Feuer verbrannt werden." Da griff Graf Wilhelm ein. Er wollte die arme Frau retten und schickte ihre Akten an die juristische Fakultät nach Mainz. Das Gutachten derselben jedoch erklärte die Hofpredigerin für eine Hexe. Nun war es dem Grafer: unmöglich, sie zu schonen, doch milderte er das harte Urteil in Enthauptung um." B. Rätsel. Zwei Silber: bat ein Wort verbunden, Tas jedein Mädchen lieb und Wert; Als hoch luidfomnten ivird's empfunden, Doch mir nach eingner Wahl begehrt. Die erste findet eine Stätte In jedes edlen.Mannes Brust; Er duldet keine Sklavcnkctte, Des eignen Wertes sich bewußt. Wenn zwei sich ihrer Gunst beflissen Und in der Holden Busen wohnt, Wird diese gern die erste rniffeir, Weil sie das Ganze besser lohnt. A A m m a n rt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: 6 Y P 8 Y 8 0 P P o 8 A _L P A A Unser letztes MeiSiälsel ist von 196 Personen richtig gelöst worden. Aber auch einige falsche Lösungen gingen uns zu. Eine junge Dame, ein stnd. pliil. und ein Lehrer nannten als Lösung die Liebfraucnkirchc in Worms, ein Herr aus Freiburg i. Baden das „Ernst-Leonoren-Heim", eine Dame aus Wieseck „Wil- helmshöhe", ein Lehrer „Bischofsheim", eine Gießener Dame glaubte sogar mit „Glaube, Liebe, Hoffnung" das Richtige getroffen zu haben. Die Lösung ist dagegen Freiwein hei m. Das brachten einige in poetischer Form zum Ausdruck; eine dieser Lösungen, von einem Anonymus eingesandt, lautet: Frei von äußerlichen Banden, Frei darm auch von bösem Willen, Wirst du nimmermehr zrr Schanden, Wirst du beine Pflicht erfüllen. Weir: erfreut der Menscher: Herzerr, Wem: wie Arzenei genommen, Doch er führt zu Not m:d Schmerzen, Wenns zum llebermaß gekommen. Schön in: H c i in ists, wenn die Freiheit Und der Wein zum Guten führet, Darm fürwahr der schönen Freiheit Alles Lob mit Recht gebühret. I:: Frei - Weinhei m soll das gelten Und es gell' auch so::st desgleichen, Tann ivird mar: die drei nicht schelten, Tie so schönes Ziel erreichen. Der erste Preis, ein vornehm gerahmte?, vorzügliches Porträt Sr. Königl. Hoh. des Großherzogs, fällt dem Gastwirt S a m e s in Dorf G ü l l zu. Ter zweite Preis, S ch i l l e r s W e r k e, in vier Oktavbände gebunden, von hervorragenden Künstlern reich illustriert, wird P. N a h r g a n g i>: Gießen, Roonstr. 44, zuteil. Den dritte» Preis, Pros. Dr. SteuertS „Buch vom gesunden und kranken Haustier", erhält Frl. M a r- garete Uhl in Rodheim, Post Hungen. Die Preise formen in unserer Geschästsstelle in Empfang ge- noinmen werden. Redaktion.: P, Wtttko. — Rotationsdruck und Verlag.her B r.ü h l 'scheu Unwerlltäts-Vucü- und Steindruckerei. R. Lanae. G/eßen.