Samstag den 12. Januar 1907 »UZ N UW i I tu j W ■ Menschenleöen, die lügen. Roman von H. Ehrhard t, Verfasserin von „Mittellose Mädchen". Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Ter kleine Raum, von dessen rundbogigen Fenstern inon weit ins Land hinein bis zu dem blauschimmernden Gebirgszug der Sudeten sab, war die Stätte, zu der sie mit Freud' und Leid flüchtete. Hier erbrach sie auch Hannas Brief. Ein Lächeln, das immer strahlender wurde, je weiter sie las, überflog ihr frisches Gesicht. Die Freundin lud sie zu ihrer schon am 14. Januar statlfindcnden Hochzeit ein. Sie habe zugleich auch an die Freifrau geschrieben, berichtete sie, so hinreißend liebenswürdig, daß eine Absage unmöglich sei. Margas Lächeln verwandelte sich in einen Seufzer. „Unmöglich?" Ach, sie kannte den Vater nicht. Wie würde der je seine Einwilligung zu solch einer kostspieligen Sache geben? Das junge Mädchen legte resigniert den zusammen gefalteten Brief auf den kleinen Rokoko-Schreibtisch, der einst der leichtsinnigen Französin Eigentum gewesen, dann holte sie rasch das einfache, in braunem Leder gepreßte Photographie-Album von dem runden Sofatisch und schlug es auf, um sich an Hannas neuestem Bilde zu erfreuen. Plötzlich sah sie aber sehr verblüfft drein. Die Stelle, von der aus Hannas bezauberndes Gesicht dem Beschauer entgegen gelächelt hatte, war leer. Auf der anderen Seite blickte ihr Bruder Joachim, in Paradeuniform, sie aus hochmütigen Augen an. Sie starrte auf ihn nieder. Ihr erster Gedanke verdächtigte ihn als Dieb des schönen Mädchenbildes. . Er hatte von Jugend auf eine Schiväche gehabt für weibliche Schönheit, er hatte sie nach Andeutungen der Eltern und des Bruders heut noch mehr, als eigentlich statthaft war. Sie hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn die Tür ihres Zimmers wurde rasch geöffnet. Auf der Schwelle stand die hohe Gestalt der Freifrau. Ihre hellen, kalten Augen glitten prüfend über das mit billigem Tand ausgeputzte peinlich saubere Stübchen und blieben dann auf dem vor Erregung glühenden Antlitz der Tochter haften. Sie gestand sich zum ersten Make, daß sie eine schöne Tochter besaß. Im Winkel ihres verknöcherten Herzens hob die Muitereitelkeit schüchtern den Kopf "und wurde schnell zu einer niächtigen Fürsprecherin. So kam's, daß die Freifrau zu Margas fassungslosem Staunen der Hochzeitseinladung nicht direkt ablehnend gegenüber stand, ja, sich sogar zu dem Zugeständnis verflieg, sie werde ihren ganzen Einfluß geltend machen, dem Freiherrn die Erlaubnis zu dieser Reise abzuringen. Das junge Mädchen war völlig überwältigt von der Aussicht, welche die ungewohnte Nachgiebigkeit und Güte der Mutter ihr eröffnete. Ein stammelndes: „Ach, Mutter, Mutter, wenn es wirklich dazu käme — ich könnte weinen vor Freude," entrang sich endlich halb schluchzend ihren Lippen. Die Freifrau wehrte die ihre Rechte umklammernde Hand der Tochter fast unwillig ab. „So viel liegt dir daran?" sagte sie spöttisch, „möge die Enttäuschung dich nicht zu schwer treffen. Die Welt da draußen, von der du so Schönes zu erhoffen scheinst, gibt kein Glück, das sie sich nicht mit tausendfachem Leid bezahlen läßt. Denke daran, wenn du in sie eintrittst." Marga hob aufleuchtenden Auges den Kopf, sie war förmlich verwandelt. „Ich fürchte mich nichtl" Sie sprach, als löse sich eine Last von ihrer Brust, „lieber unglücklich werden und einnial maßlos glücklich gewesen sein, als sorglos und einförmig alt werden und nie gelaunt haben, was leben eigentlich heißt." Ein rätselhafter Ausdruck, halb Staunen, halb Neid, veränderte die gleichmäßigen Züge der Freifrau. Wie kam das Mädchen, ihre Tochter, zu dieser leidenschaftlichen Aufwallung? Woher war in ihre streng gehütete, schüchterne Seele der Funken dieser glühenden Lebenssehnsucht gefallen? „Wer hat dir, wenn ich fragen darf, den Schundroman verschafft, aus dem du deine exaltierte Weisheit schöpftest?" fragte sie verletzend hohnvoll, „oder du willst doch nicht etwa behaupten, daß dieser Unsinn in deinem eigenen Kopfe entstanden ist?" Das junge Mädchen zuckte zusammen und eine Blutwelle lief über ihr hübsches Gesicht und ihren'Nacken bis au die blonden Haarmellen hinauf. „Ich lese nichts ohne deine Erlaubnis, Mutter, du weißt es", sagte sie dann fest, wenn auch mit einem Anflug der alten Schüchternheit, „ich habe nur aiisgesprochen, was ich mir selbst denke. Es tut mir leid, wenn meine Aeußerung dein Mißfallen erregte." Sie griff nach der Hand der Mutter und führte sie an die Lippen, aber cs war mehr eine anerzogene Höflichkeit, als der Ausdruck kindlicher Ehrerbietung. Tie Freifrau mochte das fühlen. Sie trat zurück und wehrte hastig ab. „Schon gut!" sic hatte keine Spur von Weichheit in der Stimme, „lassen mir das Thema fallen." Und nach der Tür gehend, ivarf sie noch hin: „Um elf Uhr haben die Jungen sich das Frühstück heraus bestellt. Wenn du noch Lust hast. mit zu fahren, so halte dich bereit. Ich werde unterdes mit dem Vater sprechen." Sie nickte kurz — dann war sie gegangen. Etwas wie ein frostiger Hauch blieb von ihr zurück. Bis ins Innerste erkältet davon lehnte Marga regungslos in ihrem Stuhl am Fenster und starrte in die tote Schneelandschaft hinaus. Und ohne das; sie es wußte, rannen langsam ein paar glitzernde schwere Tränen über ihre heißen Wangen. Sie trug noch die Spuren davon in ihren Augen, als sie mit den Brüdern zurückkehrte, aber sie war bemüht, ein völlig unbefangenes und heiteres Gebühren an den Tag zu legen, obgleich ihr Herz angstvoll der Entscheidung entgegen klopfte. Erst nach dem verspäteten Mittagsmahl, bei dem Dietz abermals schwadronierend die Kosten der Unterhaltung trug, teilte die Freifrau der Tochter kühl, fast geschäftlich nut, daß sie nach der Rücksprache mit dem Vater beide beschlossen hätten, ihr die Reise nach Balldorf zu Hanna Kronaus Hochzeit zu gestatten. Das tief erblaßte Mädchen vermochte kein Wort der Freude oder des Dankes über die Lippen zu bringen. Sie kiißte der Mutter die Hand und ging dann zu dem alten Freiherrn hinüber, der mürrisch duldete, daß sie auch seine Rechte wortlos dankend an die Lippen zog. Wieder wars Dietz, der durch sein Eingreifen die allgemeine Spannung löste. „Ei der Tausend, Schwesterchen!" lachte er, das von innerer Freude halb betäubte Mädchen aus dem Bannkreis der elterlichen Külte in das kleine Rauchzimmer, nebenan ziehend, „komm, da mußt du mir viel erzählen. Ah, Jochen, hör' zu." Er winkte dem Bruder, der nachlässig in einem Triumphstuhl lehnte und sich eine Zigarette angezündet hatte. 9lun sah er gleichgültig durch den bläulichen Dunst dem Eintritt der Geschwister entgegen. „Also, Jochen, denke dir, dieser Glückspilz von Mädchen kann in vierzehn Tagetl die Hochzeit der schönsten Fran mit- machcn, die meine Augen je gesehen haben." Joachim lächelte überlegen. „Pah, Hochzeit! Davon hat doch der Unbeteiligte blutwenig, nach der Hochzeit ist so eine schöne Frau viel interessanter und amüsanter", meinte er frivol. Dietz warf sich laut auflachend in einen niedrigen Sessel, der ob dieser Behandlung entrüstet krachte. „Bist doch eine verdammte Rübe, Junge. Freilich, Recht hast du ja, aber sehen möchte ich diese Hanna Kronau doch einmal in persona." „Woher weiht du denn eigentlich, daß sie so sehenswert ist?" fragte Marga aufhorchend. Sie wußte bestimmt, daß Dietz noch kein Bild Hannas, außer dem des unfertigen Backfischs aus der Penstonszelt gesehen hatte. Eine leichte Verlegenheit flackerte in seinen hellen Augen. Er rückte den Stuhl der Schwester näher. „Schilt nur nicht, Kleine", schmeichelte er, „ich hab' neulich mal in deinem Album gestöbert — und das Bild hat mir so gut gefallen. Ich hab' mir's ein bißchen geborgt." „Gestohlen hast bn’S!" meinte Marga halb lachend, halb ärgerlich, „und ich hatte bestimmt Joachim int Verdacht." Der fuhr aus seiner nachlässigen Stellung empor. „Mich? Ich tvüßte nicht, ivas mich die rothaarige Pensionärin anginge." Marga sah verletzt drein. „Run, doch wohl etwas als die einzige Freundin deiner Schwester, die einzige überhaupt, durch die ein bißchen Sonnenschein in ihr Leben kommt!" sagte sie bitterer, als sie eigentlich beabsichtigt. „Rann, das ist ja riesig schmeichelhaft für unser einen!" Dietz versuchte die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, da er kein Freund trauriger, peinlicher Erörterungen tvar und sich gern alles unangenehme fernhielt. „Bin ich noch nicht Sonnenschein genug?" Ein Lächeln löste den herben Zug um Margas Lippen ab. „Gewiß, du bist mir ein guter Bruder!" sagte sie warm und drückte sich ein wenig an ihn. Er tätschelte zärtlich ihre rosige Wange. „Ra also!" Joachim warf den Rest seiner Zigarette so ungestüm in die bronzene Schale des Rauchtischchens, daß die Funken hoch aussprühten und ein paar glimmende Stengelchen auf den Teppich herabfielen. Er trat sie mit dem Fuße aus und zündete sich gelassen eine neue Zigarette an. Der Ausdruck seines blassen, unbewegten Gesichts ließ nichts erraten, ob er dem halblauten Gespräch der beiden anderen folgte und ob er Margas letzte Worte überhaupt gehört. Er schien auch nicht zu bemerken, daß die Geschwister bald darauf das Zimmer verließen. Er warf die halb abgebrannte Zigarette fort, weil sie ihm plötzlich nicht mehr schmeckte. Sie gliinmie weiter und der runde Punkt glühte durch die Dunkelheit, die mit dem Scheiden der Sonne jäh herein gebrochen war, wie ein feuriges Auge herüber. Die Schatten im Zimmer wurden tiefer, beinahe schwarz. Alle Umrisse waren ausgelöscht. Joachim verfiel in einen leichten Schlummer. Dann war's ihm, als flute eine Fülle vou Licht über die Schwelle des Ziiumers und in dem Glanz stand eine weiße Gestalt, die Gestalt eines Mädchens mit wallendem rotem Haar, das mie feuriges Gold glänzte, mit großen, geheimnisvollen Augen und roten Lippen, die lächelnd sagten f „Sehe ich aus, als wenn ich unglücklich werden könnte, wenn du mich liebtest?" Er wollte die Hand nach ihr ausitrecken, da verwandelte sie sich auf einmal in die junge Setbitmörderin, aber die Augen, die ihn so traurig-verächtlich ansahen, waren Isas Augen. „Kommst du endlich?" fragte sie vorwurfsvoll. Mühsam rang er sich empor und öffnete die Augen. Wirklich fiel Heller Lichtschein in das dunkle Zimmer, aber es ivar seine Schivester, die auf der Schwelle stand und lachend sagte: „Endlich! Du schläfst ja wie ein Miirmeltier — nun komm aber, die Ellern werden gleich hier fein". „Joachim hatte ein dumpfes Gefühl im Kopf, als er sich taumelnd aufrichtete. Er mußte wirklich geraume Zeit geschlafen haben. „Hab ich einen seltsamen Traum gehabt!" sagte er blinzelnd, indem er das Eßzimmer betrat. „Ra, schieß los. Wer ist dir denn erschienen?" Tietz lehnte am Ofen und machte ein sehr vergnügtes Gesicht. „Vielleicht die rothaarige Pensionärin?" fragte die Schivester anzüglich. Der Bruder verbarg mit Mühe feine Betroffenheit. — „Ach, Blödsinn! Ich kenne sie ja gar nicht". Innerlich ivar ihm beinahe unheimlich zmuute. „ Um feinen Gedanken zu entrinnen, beteiligte er sich merkwürdig llbhast an der Unterhaltung, die durch Margas bevorstehende Reise ohnehin schon einen anregenderen Anstrich bekam, oo verlief die Abendmahlzeit ohne jeden peinlichen Zwischenfall. Dietz >var auffallend gut gelaunt und erzählte haarsträubende Manövergeschichlen, die selbst der kühlen Freifrau ein Lächeln entlockten. „Man merkt, daß der Vater dir die ,Lenka' zugesagt hat!" sagte Frau Hedivig, als die Familie sich anschickte,, in dem behaglichen Wohnzimmer Platz zu nehmen. Dietz ivurde ein wenig verlegen, die Augen des jüngeren Bruders waren eigentümlich fest auf ihn gerichtet. Er wich dem Blick aus. „Ich kenne ja meinen Alten!" scherzte er etwas gezwungen heiter. „Er ist gar nicht so schlimm, wie er aussieht, es ivar ihur ja ein Vergnügen, mir die ,Lenka' zu schenken." „Ich danke für weitere derartige Vergnügen I" fuhr der Freiherr ihn an. Aber Dietz war sehr abgebrüht gegen die väterlichen 27 Bissigkeiten. In größter GeinütSruhe holte er daS Schachbrett herbei und bald saßen Vater und Sohn einträchtig vor einem kleinen Tischchen und bekämpften sich nur im Spiel. Die beiden Frauen hatten Handarbeiten vorgenommen und pflogen dazwischen halblaute Beratungen über die znr Hochzeit nötigen Toiletten. Marga hatte heiße Wangen; eine verhaltene Erregung lag in ihren Bewegungen. Der jüngere Bruder beobachtete sie aufmerksam, während er scheinbar gelangweilt an der Tür lehnte. Ein warmes, zärtliches Mitleid für die junge, schöne Schwester erfüllte ihn. Sie hatte etivas so rührendes in ihrer halb unbewußten Liebessehnsucht, die der seinen verwandt war. Es mußte die Luft des Loßwiher Schlosses sein, die diese Krankheit zeitigte. Armes Ding! Joachim wandte sich, einer raschen Eingebung folgend, der Tür zu und verließ unbemerkt das Zimmer. Ec ging sehr schnell^ wie jemand, der ein bestimmtes Ziel im Ange hat, den Korridor entlang und eine Seitentreppe hinunter. In der Küche lachten und schmatzten die Diensilente. Ein Liebespärchen flüchtete sich bei seinem Nahen erschrocken tiefer in das Dunkel des Borflurs. (Fortsetzung folgt.) Fritz Reuter und der Greifswalder Student. Im „Fritz Reuter-Kalender auf das Jahr 1907" veröffentlicht der bekannte Reuterforscher Prof. Dr. Gaedertz folgende Schnurre: Zu Stralsund gingen wir in Herrn Meincks Gasthof — Gasthof oder Wirtshaus, beim diese Verpflegungsanstalten für müde und hungrige Reisende wurden damals noch nicht Hotel genannt. — Müde war ich, auch der Hunger hatte schon verschiedene Male an die Magenwände bei mir angeklopft, und als ich nun eben im Begriff war, mit einem saftigen Stück Rindfleisch ■— jetzt heißt's Beefsteak — dem zudringlichen Gast das Maul zu stopfen, trat ein großer, schlanker Mann an meinen Tisch, setzte sich mir gegenüber, sprach über das Wallenstein-Fest und über andere Dinge unb entpuppte sich schließlich als Greifswalder Student. Das war denn, natürlich eine große Ehre für mich, daß ein wirklicher Student sich so menschlich mit dem Schulfuchse abgab ; ich bestellte also statt des Viertelchens Rotwein eine ganze Flasche. Die Güte und Herablassung des Studenten ging so weit, daß er beit größten Teil des Inhalts der Flasche mir abnahm und sich freundlichst bereit erklärte, am andern Morgen mit mir die Reise durch Rügen zusammen zu machen; um acht Uhr sollte ich ihn erwarten. — Herr Meinck hatte si chmir gegenüber in eine Sofaecke geworfen und sah mich fortwährend sehr bedenklich an; als ich eine ganze Flasche Wein bestellte, siel's ihm ans die Brust, er räusperte sich und hustete, und als ich mich bereit erklärte, am andern Morgen nm acht Uhr meinen neuen Reisegefährten zu erwarten. — Herr Meinck hatte sich mir gegenüber in eine von seinem Sitz unb lief hastig im Zimmer aus und nieder. Als nun der wirkliche Greifswalder Student Abschied von mir genommen hatte, ging er höchst ernsthaft aus mich zu und fragte: „Seggen Sei mal, kennen Sei den Mann?" — „Wider nich", sagte ich, „ik seih ent hüt kaum irften Mal." — „Na, denn is dar ok nid); dat hei äwer klank is, bat weiten Sei nid), un weit ick ok nid); bat hei äwer klank up sinen Burteil is, bat weit ik; un hübsch? straken S' em mal äwer be Baken, beim fäkn S' mal seihn, wo de schöne Farw bliwen deiht, bat Luder sminkt si kso. — Ne, Sei sünd orndlich Oellern Kind, un. ik mag Sei Hb en, Sei salen nick) mit den Kirl reifen." — „Ja, Herr Meinck, ik heww ent dat man verspraken, ik wull up em bet Klock adjt täutoen, un ik möt dock) Wird Hollen." — „Dat ntöten Sei, äwer ik denk, hei ward woll nich kamen, denn ik heww ent, as hei ’rute gung, en lütten Denkzettel mit up den Weg gewen, fine Reknung, be hei bi nti anpumpt het, un mit be Koppweihdag' ward hei woll bet morgen früh Klock acht noch nich bull farig sin." Am andern Morgen genoß ich mein Frühstück, wartete bis ad)t Uhr, und als der ioirflidje Königlid) preußische Student, Herr Hergelius — so hieß er — noch nicht erschien, warf ich meinen Ranzen über die Schulter und sagte zum Herrn Meinck: „So, nu heww ik so lang, täuwt, as ik verspraken heww, un nu adjüs, Herr Meinck, un bei schönen Dank für Ehre Fründschast!" — „Ja, adjüs, miit Sähning", sagte der alte Mann und legte mir feine Hand auf den Kopf, „bei Glück un bei Segen up Ehre Reis'!" — Der Mann war wirklich gut genäht. Ich ging hinunter an den Strand, das Fahrboot stand schon bereit, zwei alte ehrenwert aussehende Matrosen wollten die Fahrt besorgen, und außer mir war nur noch eine Bürgerssran in mittleren Jahren für Passagier zu rechnen. .Kaum hatte ich aber Platz genommen, erschien auf der Landungsbrücke — die Stralsunder sagen „Brig", fie sagen auch „de Misi sind bi den Gritt- bidel west"*) — der Königlich preußische Student im allerfeinsten, binnen Rock mit weiß seidenem Atlassutter, machte mir Borwürfe, daß ist) nicht ans ihn gewartet, und berlangte, ick) solle noch so lange mit meiner Fahrt zögern, bis er feine Sachen an Bord geschafft habe. Aber der geschminkte Student stand mir nach den Mitteilungen meines ehrenwerten Wirts schon bis an den Hals; ick) verweigerte ihm diese Gefälligkeit; er schien darüber grade nicht sehr ungehalten und schlug eine andere Seite an, er bat mich, ihm zehn Taler zu leihen, die er mir binnen hier Tagen in Putbus zurückzuzahlen versprach. — Ick) war nun freilich ein sehr reicher Mann, ick) hatte drei Friedrichsdor, aber ein so bedeutendes Bankgeschäft griff mir denn doch — wie eine alte Freundin sagt — zu sehr „in bem Gelbe", ick) schlug ihm fein Anliegen ab, aber er ließ mit sich handeln, er bat um fünf — nicht gewährt — er bat um zwei — abgeschlagen — er bat um einen Taler —. Der wäre mir vielleicht aus der Börse gesprungen, ich sollte jedock) in anderer Weise befreit werden; der eine meiner Bootsleute platschte mit der breiten Seite feines Ruders aufs Wasser, daß dem sauberen Herrn die salzige Sauce über die Schminke flog, und stieß mit dem Ausruf: „Snurrer!" vom Lande. — Die obigen zehn Taler hat er schließlich doch gekriegt: er ist nach acht Tagen durch Stavenhagen gereift, hat meinem alten Vater verschiedene Grüße und Nachrichten von mir gebracht, hat Nachtquartier dort erhalten und zum Abschied die anberegten zehn Taler, als mir borgestreckt! *) Staat „Brügg" und „de Müf sind bi den Grüttbüdel west" (die Mäuse sind bei dem Grützbeutel gewesen). SiudeKiensprache. Den Ausführungen Geheimrat Kluges*) in seinem' soeben' erschienenen neuestem Buche „Unser Deutsch" entnehmen wir die nachstehende Probe aus dem Kapitel „Studentensprache", die für unsere Leser bau besonderem Interesse ist: „Alles sprachliche Leben bollzieht sich fern boit den Blicken der beobachtenden Kritik. Jede Neuerung tritt in den Gesichtskreis des Sprachforschers erst als bollzogene Tachtsache. Unsere Worte entstehen wie die Volkslieder. Wir wissen nicht, von wannen sie kommen. Sie haben ein langes Vorleben, ehe die Literatur sich ihrer bemäckstigt und sie der zuständigen Kritik ansliesert. Nur eine verschwindend kleine Wörterzahl können wir auf einen Urheber, auf ein festes Datum zUrückführen. Die große Masse unseres Wortschatzes ist ohne Ahnen. Finsternis umgibt ihre Anfänge, ehe der scharfe Blick eines Lessing oder die volkstümliche Kraft eines Luther sie ans bem Dunkel hervorzieht und als würdige Glieder in die hohen Kreise der Literatur ein# führt. Und wenn unsere landläufige Weisheit jene deutschesten unter unseren Dichtern und Denkern, wie Luther und Bismarck, Goethe und Schiller als Schöpfer unserer Sprache bezeickmen kann unb darf, so kann und darf aud) an das Wort eines hervorragenden Amerikaners erinnert werden, daß die größten Genies — formell wie materiell — aud) die größten Schulden und Anleihen machen. Und ein Schnldbuch, das von ihren Anleihen weiß, ist die Volkssprache, die Volksmundart. Alle Berufszweige, alle Stände schaffen Wortmaterial, das der Literatur zu dienen berufen ist. ! Dies gilt in besonders hohem Maße aud) von der Sprache der studierenden Jugend, die allerdings lauge von wissenschaftlicher Betrachtungsweise fast ganz ausgeschlossen gewesen. Wenn ick) es hier unternehme, ihr Wesen und ihre Entwicklung in den Grundzügen darzustellen, so versuche ich dies zugleich mit der einen Nebenabsicht, den Anteil, dieser Sprechart an unserer Gemeinsprache ober Literatur!brache zu verfolgen. Die Quellen, ans denen wir unsere Kenntnisse über die allgemeine Studentensprache vergangener Zeiten schöpfen, sind bis zum Ende des 18. Jahrhunderts äußerst dürftig. Kein Wörter- bud) bietet die Materialien. Unb was wir sonst ermitteln können, besteht nur in Einzelheiten, die Schriftsteller gelegentlich anbringen, fei es, um Studenten mit ihrer Sprache zn charak- terifiereu, wie etwa im Drama, sei es bei sonstigen Anlassen. Eigentliche Studentenliteratur, aus studentischen Kreisen und zunächst aud) für studentische Kreise veröffentlicht, fehlt zwar in früheren Jahrhunderten nicht. Im Jahrhundert der Reformation treffen wir lateinische Komödien, die kaum irgendwelchen Aufschluß über das Studenten deutsch gewähren. Im 17. Jahrhundert beginnt deutschsprachliche Literatur an studentisches Leben im Roman und in der Komödie anzuknüpfen. Gedruckte Komments kommen in deutscher Sprache zur Fixierung, In den studentischen Stamm- *) Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig. (Oktav. (IV. it. 147 S.) geh. Mark 1. In Originalleinenband Mark 1,25. büchern beginnen deutsche Eintragungen zu überwiegen, und es fließt hier und da ein burschikoser Kraftausdruck ein. Und ähnliche Quellen haben wir im 18. Jahrhundert. Ich will nur an die Jobsiade erinnern, die gelegentlich Studentisches bietet, ohne gerade von dem Reichtum der damaligen Studentensprache erheblichen Gebrauch zu machen. Auch Zachariäs Renommist, eine komische Heldendichtung, die wir für das Jenaische Studentenwesen um die Mitte des 18. Jahrhunderts als Hauptquelle anzuschen gewöhnt sind — schöpft nur in sehr bescheidenem Maße aus der Sprache der Musensöhne. Diese wurzelt eben — in viel Höherem Maße, als man es von unserer Gemeinsprache behaupten könnte — in einem verworrenen, absonderlichen, von Laune und Zufall beherrschten Leben, über das intimere Aufschlüsse für die Vergangenheit fehlen. Aber wir erkennen doch gewisse Bewegungen, gewisse Grundlinien. Reichhaltig ist eine Gruppe, die den verschiedensten Tiernamen eine eigene Bedeutung beilegt, vielleicht ohne innere Berechtigung. Es mochten spöttische Uebertragungen, Hohn- und Schimpfnamen der Volkssprache als Vorbild gedient haben: denn zu allen Zeiten hat unsere Sprache beispielsweise „löunb" oder „Hündin", „Mähre", „Schwein" als Schelten im übertragenen Sinne gebraucht. Aber die Burschensprack)« hat solche Uebertragungen vielfach ohne tadelnden Nebensinn. Hierher gehören f^uchs unb Maultier. In Breslau ist der Nichtstudent ein Kamel, in Jena wie auch an anderen Universitäten sind Finken die Nicht-Verbindungsstudenten. Im 18. Jahrhundert ist der Stuben- genosse ein Stubenkaball. Um 1600 nannte man die Häscher Raupen. Allgemein ist der Pedell zum Pudel geworden. Unverheiratete sind Schmaltiere. Leichte Mädchen sind „Grasmücken, Bleivögel, Buttervögel und Nachtvögel". Stutzer nannte man PomadenMigste und Gläubiger Tretvögel. Im 16. Jahrhundert waren Nachtraben die nächtlichen Ruhestörer. Kater ist seit etwa 80 Jahren die Bezeichnung des Katzenjammers, nnd der Salamander hat seinen zoologischen Namen auch nicht länger. In Jena hieß im 18. Jahrhundert ein Bier Maulesel, in Breslau Schöps, früher noch in Wittenberg Kuckuck und Büffel. An diese reichhaltige Gruppe schließt sich ein Wort, dessen burschikosen Ursprung wir jetzt nicht mehr fühlen,_ das Wort Backfisch in der übertragenen Bedeutung. Allgemein wird es von dm älteren studentikosen Wörterbüchern registriert und seine fr heften Belege in br Literatur bestätigen burschikosen Ursprung mit völliger Sicherheit. In einer zweiten Wortgruppe beobachten wir kühne Uebertragungen: Personen werden nach Sachen benannt, die in irgendeinem mehr oder weniger charakteristischen Zusammenhang mit eben jenen Personen stehen. Im Munde der Musensöhne gilt Zobel für Frauenzimmer und Besen für Dienstmädchen. So war Schnurrbart um 1700 der Name der Stadtsoldaten, und die Nachtwächter hießen nach den Schnurren, die sie, vor und nach dem Abrufen der Stunden, durch Drehen mit der Hand in Bewegung gesetzt, ertönen ließen, selber auch Schnurren. Im 17. Jahrhundert bezeichnete man den Fuchs als Pennal, weil er, mit der Federbüchse bewaffnet, pflichtgetreuen Besuch der Vorlesungen begann. Noch kühner ist die Uebertragung, der neuerdings das Wort Knickebein zum Opfer geworden. Der Bildungsweise nach kann das Wort eigentlich nur denjenigen bezeichnen, der mit eingeknickten Beinen geht, und nur in dieser ursprünglichen Bedeutung ist das Wort literarisch belegbar, während die lieber- traglmg auf eine Getränkeart von den Wörterbüchern noch immer ignoriert wird, lieber die Entstehung dieser Uebertragung, die von Jenaischen Studeiitenkreisen aus schnell weite Gebiete erobert hat, bin ich von dem Präsidenten des Jenaer Oberlandesgerichts, Herrn Geh. Rat Brüger, unterrichtet. In den 40 er Jahren verkehrte in studentischen Kreisen Jenas ein junger Mecklenburger, der durch seinen Gang mit eiugeknickten Beinen allgemein auffiel: nach eigenem Rezept beorderte er fein Lieblingsgetränk, dem studentischer Witz alsbald den bezeichnenden Rainen Knickebein beigelegt hat. Dies Beispiel ist von typischer Wichtigkeit für die sprachlichen Vorgänge innerhalb der Burschensprache. Fehlte ein glaubwürdiger Zeuge, der die Anfänge des Wortes mit sprachlichem Interesse begleitet hätte — wir dürfen dreist sagen, kein Scharfsinn, keine Kombinaiionsgabe könnte des seltsamen Wortes Herr werden. Und so dürfen wir auch alle jene etymologischen Versuche mit Skepsis aufnehmen, die sich lange um das Wort Salamander bemüht haben: wir wissen eben nur, daß es in den 30 er Jahren in Studentenkreisen aufgekommen: aber wo wir die Kreise, die Stimmungen, die Zufälligkeiten nicht mit Sicherheit kennen, aus denen es hervorgegangen ist, bleibt alles Deuteln mtb Erklären zweifelhaft. In einer dritten Gruppe von Worten bet Burschensprache beobachten wir kecke Anlehnungen, kühne Konsequenzen in frischen Umgestaltungen bekannter Worte. Es kann nur scherzhafte Konsequenzmacherei sein, wenn neben bem kreuzbrav und herzlieb unserer Volkssprache die Studentensprache ein piekfein geschaffen hat, als ob die „kreuzfidel, kreuzliederlich, Kreuzphilister" und das „Herzbruder" der Burschenschaft eigentlich im Kartenspiel ihren Ausgangspunkt hätten. Denn in bet Tat ist piekfein, das z. V. im Grimmschen Wörterbuch und bei Sanders noch gar nicht gebucht wird, zuerst in studentikosen Wörterbüchern unseres Jah» hunderts heimisch Der Student, der nach der Bursa, dem eigentlichen Konviktgebäude, sich selbst Bursche nennt, glaubt, sich unb seinen Kvmmiliwnen als Haus, altes Haus bezeichnen zu dürfen. So begegnen auch kecke Anspielungen an Biblisches unb Kirchengeschichtliches. Der bloße Wortklang verführt, ben mahnenden Gläubiger als Manichäer zu bezeichnen. Nach jenen Schergen, die mit Spießen unb Stangen den Oelberg betraten, um Christum zu fangen, werben um 1600 die Häscher Oelbergev genannt. Aehnlichen Ursprung hat die Entstehung des studentischen Philister, '©-o bietet sich auch ein biblisches Original, wenn der Mund dreister Burschen „Moses und die Propheten" dem Gelbe gleichsetzt; diejenigen, welche Mosen unb die Propheten haben, sind bie Juden, unb baraus hat sich leicht die Uebertragung ergeben. Jnbem wir so das Wesen und Werden des Wortapparates der Burschensprache zergliedern, erübrigen uns einige historische Mortgruppen mit scharfer Physiognomie. Unser Studentendeutsch ist mit einer Fülle von latinisierenden Elementen durchsetzt, wir wir sie in der Kastensprache anderer Berufsklassen unb Stäube vergebens suchen würden. Im 18. Jahrhundert bildet maN „Philisterium, Exkneipe": für „von bannen gehen" wird exkneifcn und cxkratzen gebucht; leichten Latinismus zeigt Marcus für Marqueur; man redet von Konkneipanten, wie man in früheren Jahrhunderten in Studentenkreifen von „Bachanten, Erzstapu- lanten, Haselanten und Schnurranten" redete. Gegenüber den geringen humanistischen Spuren, die erst neuerdings in der Studentensprache aufgekommen find, strotzt die Bnrfchensprache der Vergangenheit von stark humanistischen Tendenzen, die erst im 18. Jahrhundert sich verflüchtigen. Zwar ist das Latein auch den Musensöhnen früherer Jahrhunderts nie heilig gewesen. Nur die Moneten bewahren ihren bedeutungsvollen Namen auch begrifflich intakt. Aber gern gibt man erborgten lateinischen Worten einen burschikosen Anstrich. So nimmt dos lateinische sidelis im Kreise lustiger Zecher einen selbständigen Zug ins Burschikose au, den sich bann unsere Gemeinsprache angeeignet hat. Vor allem aber äußert sich humanistischer Einfluß in einer Fülle übermütiger Mischbildungen, in denen deutsche Worte lateinische oder gar griechische Endungen annehmen. Leider ist es uns nicht möglich, an dieser Stelle die sich an diese Fragen anschließenden überaus interessanten Darstellungen wiederzugeben; wir müssen uns begnügen, unsere Leser auf das empfehlenswerte Büchlein selbst hinzuweifen. Humoristisches, * Heiteres aus der „Münchener Jugend". In einer Universitätsstadt Nordwestdeutschlands wandelt zu vorgerückter Stunde ein schwer bezechter Student auf der Suche nach feiner Bude umher. Er rempelt einen Seemann an, und es beginnt darüber ein Wortgefecht. Schließlich vergißt er, wen er vor sich hat und ruft: „Mein Herr, ich wünsche mit Ihnen zu hängen." — Darauf erhält er die Antwort: „Häng di man alleeu op!" — Pantoffelheld. Sie: „Du sprachst im Schlaf letzte Nacht." — Er: „Na, entschuldige nur, wenn ich Dich u n t e r- brachen habe." Bilderrätsel. ^Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Leiterrätsels in voriger Nummevt Auflösung des Leiterrätsels! B L I S 15 D I C T H 0 8 10 V I C H E N Redaktion: Ernst Heß, — Rotationsdruck unb Verlag der Brühl' fchen Unwersitäts-Buch- und Stemdruckeret, R» Lange, Gieße«. M E l K B E E