Mittwoch den 11c September 1907 ife - M ii M! MW W 1 II SonnengkuL, Bon B- Hoffman m (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ich will mit meiner Erzählung am Anfang beginnen: Meine Familie ist preußischer Herkunft, doch zogen meine Eltern früh hierher nach Mitteldeutschland. Der Vater starb bald, ich kannte ihn kaum. Meine arme Mutter war fortwährend leidend, so daß ich mit ihr ganz zurückgezogen und still lebte und sie öfters in Bäder begleitete. Bei einem solchen Aufenthalte in Marienbad lernte ich einen jungen österreichischen Ingenieur kennen und lieben, einen stattlichen, dunkelen Mann, und verlobte mich mit ihm. Das war bald nach dem Jahre 1866, und es machte sich zwischen meinen neuen Wiener Beziehungen und meinen norddeutschen Verwandten der Mangel an Sympathie noch sehr bemerkbar. Für mich war dies ein Grund zu großer Sorge, da uun meine Mutter nicht zu überreden war, Anschluß in ihrer Heimat zu suchen, und doch wußte ich, daß sie mich nicht begleiten könne. Mein Bräutigam hatte mir schon vor der Verlobung gesagt, er würde Wohl meistens in fernen Provinzen verwendet werden, da man für diesen Dienst die kräftigsten, Leute bevorzuge. So verbrachte ich meine Brautzeit in Sorge und in der Pflege der leidenden Mutter, die immer hinfälliger wurde. Die sonst so reizvollen Vorbereitungen für den zukünftigen Hausstand fielen für mich weg, da ich nicht wußte, wo und unter welchen Verhältnissen ich leben würde. Das waren trübe Jahre. Dann bat mein Bräutigam die Mutter um ihre Einwilligung zur Hochzeit, er habe Aussicht auf längere Verwendung in Ungarn, und die gute Mutter, die mich vor ihrem Tode in seiner Fürsorge sehen wollte, gab mich hin. Nur noch wenige Briefe von ihr erreichten mich im fernen Lande, dann kamen Berichte aus dem Krankenhause und bald die Nachricht von ihrem Hinscheiden. Mein Besitz in der Heimat wurde durch das Gericht feftgelegt, und damit war jede Fühlung für Deutschland für mich zu Ende. Aber ich war glücklich und entbehrte nichts in meiner jungen Ehe, obgleich wir in sehr ungewöhnlichen Verhältnissen lebten. Nach der Hochzeit hatten wir rasch nach Süd-Ängarn reisen müssen. Ein dort tätiger junger Ingenieur war um feine Versetzung eingekommen, er war den Reibereien zwischen seinen Leuten und der Bevölkerung nicht gewachsen, sie arteten in wilde Kämpfe aus. Die heißblütigen aber- fleißigen Kroaten und Italiener, die an dem Bahnbau arbeiteten- und die ebenso heißblütigen Ungarn, die ein Herrenleben führten, selbst wenn sie keinen Kreuzer in der Tasche und kein ganzes Kleidungsstück auf dem Leibe hatten, paßten zu schlecht zueinander. In Pest besorgten wir das notwendige für unseren primitiven Haushalt, sowie Zelte für uns und für die Arbeiter. Damit wurde ein Leiterwagen beladen, wir stiegen aus und nun ging die flotte Fahrt hinaus in das ungarische Tiefland. Einen ganzen Tag lang fuhren wir; am Abend war das Ziel erreicht. Dort fand mein Mann seinen Vorgänger, einen zarten Mann, in einem traurigen Zustand, durch alles erlebte heruntergebracht und krankhaft erregt, so daß er ihn gleich auf unfern eben abgepackten Wagen nötigte und ihn bis zur nächsten Tanja bringen ließ, einem einsamen Hof, an dem wir vorübergekommen waren. Dem Armen war Ruhe dringend nötig. Am nächsten Morgen ließ mein Manu die Arbeiter vor dem Dorfe zusammentreten und ging dann nut jedem einzelnen, damit die Bezahlung und völlige Loslösung von den Dorfbewohnern in Frieden erledigt wurde. Das war eine Ueberraschung für die Ungarn, daß die seither so angenehme Unterhaltung ein Ende hatte. Doch den Arbeitern machte es Freude, nun mit aller Habe hinaus- zuziehen und entfernt vom Dorfe ein Zeltlager aufzuschlagen. Sie kochten dort ihre Nahrung selbst in einem großen Kessel auf offenem Feuer. Mit einem Händler hatte mein Mann verabredet, daß er regelmäßig alles zur Verpflegung Nötige besorge. Der Mann war eigentlich Viehhändler, nahm aber den Nebenerwerb noch gern mit. Er reiste mit großen Schafherden nach Paris. Es war eine merkwürdige Zeit, dies Leben fern von der zivilisierten Welt unter einer Horde halbwilder Südländer, und doch liegt über ihr in meiner Erinnerung eine wonnevolle Wärme und Glückseligkeit gebreitet. Dort, wo man kaum etwas anderes sieht als das unendlich weite Firmament in wunderbar wechselvoller Stimmung und Erscheinung, in einer Erhabenheit, die man hier nicht kennt, war ich ganz über mich selbst hinausgehoben und genoß ein friedevolles Glück, wie sonst niemals in meinem Leben. Daß ich mich weder vor der Einsamkeit fürchtete, noch vor den wilden Gesellen, das bewirkte bie Nähe meines Mannes; seine kraftvolle Sicherheit gab mir Ruhe und imponierte seinen Untergebenen, sie gehorchten ihm gern. Mein Mann förderte zunächst die Bahnstrecke in der Richtung nach der Stadt zu, unser Zeltlager zog langsam nach. Als wir nach Monaten so weit vorgeschritten waren, daß die Burg von Ofen sichtbar wurde, brachte er mich nach Pest. Dort wohnte ich denn, und mein Mann besuchte mich ost, und führte das auch mittels einer Draisine 53-1 durch, als sein Arbeitsfeld sich wieder weiter entfernte. Dort ist meine Sophia geboren. Ich lebte mit ihr mehrere Jahre in Pest und hatte meine Freude an dem sonnigen, lieblichen Kinde. Sie war fast vier Jahre alt, als wir nach Dalmatien übersiedelten. In diesem österreichischen Schutzgebiete waren mehrere Forts und kleine Festungen, noch halb im Bau begriffen, von kaiserlichen Truppen besetzt. Es sollten auch wichtige Straßen ausgeführt werden. Mein Mann brachte uns direkt nach dem Süden des Landes, um einen Wohnplatz zu suchen. Wir blieben einige Zeit in dem schönen Ragusa mit seiner unvergleichlichen südländischen, oder richtiger gesagt, orientalischen Vegetation. Ich konnte nicht genug erstaimt über das wildwachsende Granaten- und Myrten-Gebüsch, über die Oleandergestrüppe, die sich an den Berghängen hinzvgen. Es war in dieser Gegend damals schon viel größere Sicherheit als im Norden Dalmatiens, wo die militärische Besatzung noch nicht zur Unterdrückung des Räuber- unwesens genügte. Das lag teilweise darin, daß die Süd- dalmatiner ausschließlich Seeräuberei betrieben hatten, und diese auch fast mehr aus Abenteuerlust. Sie waren durch ihren Handel durchaus wohlhabend, dabei aber von einer Kühnheit und einem Wagemut, der sie immer wieder hinaustrieb zu tollsten Unternehmungen auch noch unter den Augen des Militärs, das die Küste und die vorgelagerten Inseln besetzte, und auf dem Meere kreuzte. Dies Treiben hörte damals erst allmählich auf. Im Lande war man sicher, namentlich eine unbeschützte Frau hatte von den Eingeborenen nichts zu fürchten. Sie haben einen rechtschaffenen offenen Charakter, sehr im Gegensatz zu den nördlichen Morlaken. In Cattaro lernte mein Mann einen tüchtigen, italienischen Arzt kennen, dessen Fürsorge er mich und die kleine Sophia übergab. Wir blieben bei ihm mehrere Monate, bis mein dort geborener Karl kräftig gedieh und mich nicht mehr ganz in Anspruch nahm, dann bezogen wir die von meinem Manne gekaufte Besitzung. Sie war verwildert wie ein Urwald, aber welch herrliche Wildnis! Der Wein rankte sich von einem Orangenbaum zum anderen, die goldenen Früchte hingen zwischen dunkelen Trauben, als müsse das so sein. Wilde Schlingpflanzen hatten die Oelbäume ganz überwuchert, verdeckten fast deren fahles Grün und zogen sich über den Boden hin, an Büschen und Baumstämmen schlangengleich sich windend. Es ist kaum glaublich, was dort aus einem Garten wird, der nur kurze Zeit ohne Pflege gelassen ist. Hier Ordnung zu schaffen war eine lohnende Arbeit, ein wahrer Genuß, diese üppige Wildheit zu bändigen. Es erstand ein herrlicher Obstgarten unter den schlichtenden Händen. Mein Mann war jedesmal entzückt, wenn er sein Paradies, wie er unser Heim nannte, wiedersah, und sich dort kurze Zeit von seiner anstrengenden Tätigkeit erholte. Unsere Kinder wuchsen in wundervoller Freiheit heran. Mit gleicher Sicherheit bewegten sie sich bei der Arbeit im Garten, beim Klettern in den Bergen und im Leben auf dem Wasser. Und überall war Paolo, der Nachbarssohn, mit ihnen. Er war im Alter meiner Sophia, ein schöner, stolzer Knabe, von Gesichtsfarbe, Augen und Haar so dunkel, wie es seiner italienisch-dalmatinischen Herkunft entsprach. Die blonde Sophia, hell und sonnig heiter, wie er nie einen Menschen gesehen, konnte er von früher Kindheit an nur mit innigster Verehrung betrachten. Als sei sie ein höheres Wesen, so suchte er ihr zu dienen in einer ritterlichen Weise, die dem stattlichen Knaben gar wohl stand. Sie vergalt ihm mit herzlicher Anhänglichkeit. Der kleine Karl, den Paolo laufen und klettern gelehrt hatte, wurde früh dessen innig vertrauter Freund, da er sich geistig rasch entwickelte. Ihm wurde der große Knabe ein Lehrmeister in allen Uebungen, die dort dem tüchtigen Manne naturgemäß sind, und ich konnte ihn auch bei gefährlichen Beschäftigungen ohne Sorge der Obhut des ernsten Paolo überlassen. Bei dem Unterricht, den ich meinen Kindern erteilte, war der junge Freund stets zugegen, und bemüht? sich, es den beiden gleichzutun. Regelrechte Schulstunden hielten wir nur selten, unser ganzes Zusammenleben war ein Lehren und Lernen. Während der Arbeit erzählte ich irgend etwas Interessantes, worauf wir zufällig kamen, und später lasen wir dann, daran anknüpfend, in unseren Büchern. Auch fremde Sprachen lehrte ich die Kinder erst ziemlich gut sprechen, ehe wir deren Aufbau gründlicher studierten und einprägten. Es herrschte ein reges geistiges Leben in unserm kleinen Kreise, uns allen zur Freude. Wie glücklich war ich, meine beiden Kinder in so schöner Entwickelung begriffen zu sehen! Stundenlang während der heißen Mittagszeit und wochenlang während des Winters waren die Studien unser ganzer Lebensinhalt. Wir lebten dann im Hause, oder richtiger gesagt, meist im Keller. Da hatten wir ein großes Zimmer, dessen Wände waren mit Oelfarbe gestrichen, der Boden mit Steinplatten belegt. Ein Tisch war dort, darüber eine Hängelampe, und ringsum standen aus Rohr geflochtene Ruhebänke. Brannte draußen die Sonne in ihrer ungebändigten südländischen Glut, dann zogen wir dunkele Vorhänge vor die niederen Fenster, die unter der Decke des Zimmers angebracht waren, und, auf den Ruhebänken liegend, lasen und lernten wir in der herrlichen Kühle unter der Erde. (Fortsebung folgt.) §ur Psychologie des Rattern lums.*) Eins der rneistumstrittenen Probleme stellt zurzeit die Psychologie des Bauerntums dar. Es ist gewiß ein dankenswertes Unternehmen, das Wohl und Wehe dieser Berufsklasse weiteren Kreisen zu Gemüte zu führen. Leider wird es aber fast ausnahmslos nur von Laien geübt, welche mehr oder weniger am Ziel vorbeischießen. Wenn man die Schilderungen von Bauern liest, so wird man immer zu dem Schlußfazit kommen, daß die Bauernseele ein undefinierbares Ding ist. Nun, definierbar wäre sie schon, man müßte sie sich nur aus dem richtigen Milieu heraus entwickeln lassen und das ist nicht immer der Fall. Wenn man die Helden vieler Bauernromane der Gegenwart an sich vorüberziehen läßt, dann kann man sich nicht verhehlen, daß diese verblaßten Figuren weit eher von Originalen vor etwa 30—40 Jahren entlehnt zu sein scheinen mochten. Es ist ein beliebter Trick, die bäuerlichen Leidenschaften in schauerlichen Effekten ausklingen zu lassen. Dies mag früher angebracht gewesen sein. Heute liegt die Sache wesentlich anders. Das persönliche Moment tritt bei dem heutigen Dauer in dem Grade hinter das generelle zurück, als die *) Der Heer Verfasser dieses Artikels hat seine Ausführungen mit einer Zuschrift an die Redaktion begleitet, die wir für so bemerkenswert halten, daß wir sie hier gleichfalls luiebergebeit wollen. Sie lautet: „Ihre in dem „Förderung des geistigen Lebens auf dem Lande" betitelten Artikel in Nr- 122 Ihrer gesch. Familienblätter gegebenen Anregungen kommen den Wünschen vieler Landleute entgegen- Freilich ist das Bildungsbedürfnis! auf dem Lande noch sehr gering und ein dahingehendes Unternehmen würde in Bezug auf seine Lebensfähigkeit noch sehr in Frage gestellt sein- Wir leben eben in einer Zeit der wirtschaftlichen Kümpfe und obwohl auch der Mann aus dem Volke unter Umständen sehr ästhetisch veranlagt sein kann, so wird es ihm doch herzlich schwer gemacht, sich aus dem Wirrwar der elementarsten vitalen Interessen zu einer höheren geistigen Stufe zu erheben- M- E. würde cS sich empfehlen, aus den Dörfern vorerst Umschau zu halten nach Leuten aus dem Volke, welche für Bildung sozusagen prädestiniert sind, etwa indem man einen Artikel über eine gewisse Sache oder ein Gedicht ein fordert und die Verfasser der bestbewerten Einsendungen zu einer Konferenz zusammenzieht, welche dann darüber zu beraten hätten, welcher Art die Bildungsmirtel sein müßten, die dem Bildungsgang der Landleute angemessen wären-" Herr Mauk gibt tuns da eine sehr dankenswerte Anregung. Wir werden es uns angelegen sein lassen!, in diesem Sinne zu wirken! und werden uns bemühen, mit ein paar der tüchtigsten Landmänner unserer Verbreitungs-Kreises diesen Vorschlag zu beraten- . D. Red. 535 harten Daseinsbedingungen auch ihn immer nachdrücklicher ihre Macht fühlen lassen. Darum ist es eine schwierige Sache, an der Hand von Gemütseruptionen einzelner Individuen den gesamten Bauerncharakter generalisieren zu wollen, da überdies auch die Distanz in bäuerlichen Gemütsbewegungen relativ groß ist und schon deshalb kein einheitlichen Normen zuläßt. In gegebenen Fällen wird der Städter die Hände zusammenschlagen und erstaunt ausrufen: Wie kann es nur möglich sein, eine solche Berserkerwut aufkommen zu lassen, die mit dem Motiv in keinerlei Verhältnis steht, und wie kann man es wiederum verstehen, daß derselbe Bauer in völliger Indifferenz Tatsachen gegenübersteht, die einen doch rasend machen müßten. Dieses sonderbare Verhalten hat aber trotzdem seine psychologische Berechtigung, nur nicht für den Un- eingeweihten, der niit den Unterströmungen, welche dieses seltsame Gebühren bedingen, nicht genügend vertraut ist. Welcher Unterschied schon in der Poesie des Städters und der des Bauern. Ersterem genügt schon ein planloses Umherstreifen in Feld und Wald insofern, als er in der bunten, von gefiederten Sängern belebten Landschaft eine Parallele zu seinen lärmenden Stadtsreuden erblickt. Anders der Bauer. Wenn ihn die Stille des Sommersonntag- morgcns umfängt, dann zieht es ihn mit magnetischer Gewalt hinaus ins Freie, der Anblick der im tiefen dunklen gesättigten Grün prangenden Sominerfluren und des schweigenden, von blauen Düsten umwobenen Hochwaldes sind für ihn eine Symphonie, in die seine Seele ergebungsvoll hineinklingt. In solcher Stimmung ist es nun nicht mehr der Wald, sondern der Hain und zwar in vollem poetischen Sinne des Wortes, den er unter eigenen Schauern betritt, durchwandert und wieder verläßt. Auf dem Heimweg bleibt er vielleicht einigemale stehen und schaut seltsam bewegt zurück nach den dunkeln Waldrändern. Dann mag wohl ein stiller Neid auf seine Vorsahren in ihm aufsteigen, die unter diesen Schatten noch unberührt vom nervenzerstörenden Getriebe der Neuzeit sorglos gelagert haben mochten. Still und in sich gekehrt, wandert er den heimischen Penaten zu. Dem Bauer ist es eben nicht gegeben, wie dem Städter tönende Hymnen auf die Wirkungen der Natur zu singen; umso intensiver aber wirkt das Fluidum, das von ihr ausgeht, auf ihn ein. Solche Weihestunden muß sich der Bauer sozusagen abstehlen. Im übrigen reißt auch ihn der Strom des modernen Lebens mit sich fort und willig oder nicht fördert er den Siegeslauf des- felben durch die Welt. Durch dieses ewige Hin- und Herzerren nun zwischen Natur und moderner Kultur kommen jene Unterströmungen zustande, welche die vielbespöttelte Tölpelhaftigkeit des Bauern inspirieren, die aber mit Dummheit nicht zu identifizieren ist. Man wird also bei dem heutigen, in einer sowohl seelischen als auch sozialen Gärung sich befindenden Bauer mit einem wenig einheitlichen Charakter zu rechnen haben. Eine vorwiege.nd rea- listische Schilderung des Landlebens würde also der Lösung der B a u e r n f r a g e nicht dienlich sein, man sollte vielmehr eine Tendenz verfolgen, in erster Linie dem Bauer selbst die Wechselbeziehungen zwischen ihm u n d d e r N a t u r m e h r a l s b i s he t assimilierbar zu machen, was eine Refusion seines Geschäftslebens bewirken würde. Ist einmal dem Bauer die Modernisierung in Fleisch und Blut- übergegangen, dann wird er mit Siebenmeilenstiefeln die neue Richtung verfolgen, denn in dieser Aera werden ihn dann keine traditionellen Gepflogenheiten zu hemmen vermögen. Er wird also lediglich durch Einsetzung seines Intellekts andere Berufssphären überfluten, was die betreffenden Vertreter derselben unliebsam berühren würde, denn die kommenden Herren werden dann ebenso den schrankenlosesten Materialismus vertreten, wie ihre Vorfahren den geliebten bäuerlichen Schlendrian. Als Pendant zu dem aus seinem Idyll aufgescheuchten und mit Gewalt in die Bahnen des Materialismus gedrängten Bauer konnte man den Vormarsch gelten lassen. wie er während der Eiszeit aus seinen paradiesischen Tropenwäldern in die unwirtlichen arktischen Gegenden vertrieben wurde. Uebrigens spiegelt sich das Unerquickliche der jetzigen Hyperkultur am besten in der Bauernseele, deren unbewußte Exhalation fortwährend ein stummes Zurück zur Natur predigt. Wies eck. Gustav M an k. Einschienenbahn. Von Dr. A l s r e d G r a d e n w i h, Berlin. Die Einschienenbahn ist von dem Engländer Louis Brennan erfunden und der Royal Society in London an einem Modell vorgeführt worden, das so groß ist, daß es eine Person im Gewicht von 75 Klg. aufnehmen kann. Das Prinzip, auf beut die Konstruktion der Brennan- fchen Eisenbahn beruht, ist das der Kreiselbewegrmg, das wir in großem Maßstabe bei der Bewegung der Himmelskörper beobachten. Von technischen Anwendungen des Kreiselprinzips ist der zur Dämpfung des Schlingerns von Schiffen bestimmte Schlicksche Schiffskreisel in neuester Zeit bekannt geworden. Im übrigen spielte der Kreisel bisher nur als Kuriosität im physikalischen Kabinett und als Spielzeug in der Kinderstube eine Rolle. Charakteristisch für das neue Bahnsystem ist es also, daß jeder einzelne Wagen sich sowohl beim Stillstand wie in voller Fahrt auf einer einzigen gewöhnlichen Schiene im Gleichgewicht erhält, obwohl sein Schwerpunkt etwa ein Meter oberhalb der Schienen liegt, und zwar ganz unabhängig von jeder äußeren Beeinflussung, wie z. B. der Einwirkung starker Winde. Der zur selbsttätigen Erzielung dieser hervorragenden Stabilität dienende Mechanismus ist außerordentlich einfach. Er ist auf dem Wagen selbst angebracht und besteht im wesentlichen aus zwei durch Elektromotoren mit außerordentlicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung direkt angetriebenen Schwungrädern, die derart montiert sind, daß ihre Kreiselwirkung und aufgespeicherte Energie voll ausgenutzt werden können. Diese Schwungräder sitzen in Lagern innerhalb lustleer gemachter Büchsen, so daß Lust- und Lagerreibung auf ein Mindestmaß herabgesetzt sind und die zur Aufrechterhaltung einer schnellen Umdrehung erforderliche Kraft ganz gering sein kann. . • Die beim Notieren mit voller Geschwindigkeit in den Schwungrädern aüfgespeicherte Energie ist so bedeutend und die Reibung so gering, daß die Räder nach vollständiger Ausschaltung des sie antreibenden Stromes noch mehrere Stunden lang mit genügender Geschwindigkeit laufen sollen, um den Wagen int Gleichgewicht zu erhalten. Der ganze Mechanismus nimmt nur wenig Raum ein und wird (tut besten am Ende des Wagens untergebracht. Auch sein Gewicht ist nur gering und beträgt höchstens 5 Proz. der Gesamtbelastung. Die Wagenräder sind nicht wie bei gewöhnlichen Eisenbahnwagen in zwei an der Seite belegenen Reihen, sondertt in einer einzigen Reihe unterhalb der Schwungräder angebracht. Sie sitzen auf Drehgestellen, die nicht nur in wagerechten, sondern auch in senkrechten Kurven Drehungen erfahren. Die Wagen können daher Kurven durchlaufen, deren Halbmesser noch kleiner als die Wagenlänge ist; ebenso können sie gekrümmte Schienen sowie sehr unebenes Terrain ohne Gefahr des Entgleisens passieren. Die Antriebskraft wird (je nachdem die örtlichen Verhältnisse der einen oder anderen Betriebsweise bett Vorzug geben) durch Dampf, Petroleum, Gas oder Elektrizität geliefert. Zunächst soll jedoch eine durch einen Benzinmotor betriebene Dynamomaschine in Anwendung kommen, die aus dem Wagen selbst angebracht ist nnd den Strom an die Triebräder sowie an die Stabilitätskreisel liefert. Derartige Wagen würden auch den Vorzug unmittelbarer Be- triebsbereitschast besitzen, da die-Kreiselräder während, des Stillstandes der Maschine durch den Strom einer kleinen 536 ’s oi. Redaktion: 95. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der BrüHl'scherr Universitäts-Buch- und Stemdrrickerei. R. Sange, Gießen. Akkumulatorenbatterie in fortdauernder Rotation erhalten werden könnten. Alle Räder werden direkt angetrieben. Beim Betriebe auf hügeligem Boden werden Geschwindigkeits-Wechselgetriebe benutzt. Die Bahn kann mit freilaufenden Rädern mit großer Geschwindigkeit bergab fahren und auf diese Weise eine vorzügliche Durchschnittsgeschwindigkeit erzielen. Da allem Anscheine nach Wagen, die im Berhältnis zu ihrer Länge breiter als die gewöhnlichen Bahnen find, sich im Betriebe wirtschaftlicher erweisen werden, wird der Versuchswagen 3,6 Meter, d. h. anderthalbmal so breit wie gewöhnliche Wagen gemacht. Bei Bauarbeiten in den Kolonien dürften jedoch Wagen von mindestens doppelter oder dreifacher Breite zur Verwendung kommen. Alle Räder sind mit Bremsen versehen, die entweder von Hand oder mit Druckluft betrieben werden können. Die Schiene ist von gewöhnlichem Querschnitt und braucht nur gerade eben so schwer zu sein, wie Schienen gewöhnlicher Bahnanlagen, um bei gleicher Radzahl die gleiche Last zu tragen. Die Eisenbahnschwellen brauchen sogar nur halb so lang wie die gewöhnlicher Bahnanlagen zu sein. Es ist leicht zu verstehen, daß man nach dem neuen System mit ganz geringem Kostenaufwand fliegende Eisenbahnlinien über unebenes Terrain legen könnte; hierbei würden besondere, gleichfalls nach dem Einschienensystem konstruierte und mit elektrischen Vorrichtungen versehene Bauwagen zum Verlegen der Schienen benutzt werden. Derartige Bahnen würden z. B. im Kriege eine hervorragende Bedeutung gewinnen, da man mit ihrer Hilft einem vorwärtsdringenden Heere folgen und dieses mit allem Erforderlichen versorgen könnte. * Der Verbrauch an Brennmaterial ist bei dem neuen Bahnsystem bedeutend geringer als bei gewöhnlichen Bahnlinien, da jede^ Seitenreibung in Kurven fehlt und die Wagen ohne Erschütterung laufen. Infolge dieses ruhigen Ganges ist nicht nur das Fahren aus derartigen Bahnen weit angenehmer als aus unseren jetzigen Eisenbahnen, auch der Erzielung höherer Geschwindigkeiten sind keine so engen Grenzen gesetzt. Die Versuchs mit dem eine Person fassenden Modell sind günstig verlausen; ob sich das System auch in größerer Ausführung für die Praxis bewähren wird, kann natürlich erst durch weitere Versuche ermittelt werden. Logogriph. Siels eil’ ich meinem Valer jn, Ich finde nimmer Rast und Ruh'. Wohl hab’ ich manchen schönen Bogcn Tnrch Felder und durch Au'n gezogen. Hängst dli mir nur ein Zeichen an, Ein Staat der Panters bin ich dann. Auflösung in nächster Nummer. Aliflösung des Rätsels in voriger Nummer. Muß, Nuß, Kuß. Vermachtes. •' * Ten größten Tunnel d e r W e l t wird in sieben oder ächt Jahren Marseille besitzen- Die Stadt soll nämlich durch einen Kanal mit der Rhone verbunden iverben- Für den Handel des ganzen südlichen Frankreichs ist dieser Kanal von der größten Wichtigkeit. Nun erhebt sich aber zwischen Marseille und der Rhone ein hohes Hügelgelände, die Rove-Hügel, und der Kanal kann nur gebaut werden, wenn man hier einen Tunnel durchlegt. Auf einer Strecke von 7 Kilometern wird der Wasserweg also unterirdisch werden müssen- Der 7 Kilometer lange Rove-Tunnel wird nun zwar nicht der längste Tunnel der Welt sein, aber doch der größte in dem Sinne, daß man, um ihn anzulegen, mehr Erde wird ausheben müssen, als für irgend einen anderen Tunnel- Der Tunnel wird, damit zweie Schiffe beauem aneinander vorüüer- fahren können, 22 Meter breit sein; die Höhe ist auf 14,20 Meter berechnet- Es werden mehr als 2186 000 Kübikmeter Erde zu entfernen sein, während z. B. beim Simplon-Tunnel nur H:058 400 Kübikm- zu entfernen waren. Und doch ist der Limplon- Tunnel der längste Tunnel der Welt, 21 Kilometer lang. Dafür ist er nur 8,40 Meter breit und 6 Meter hoch- Der Rove-Tunnel dürfte eines der großartigsten Werke der Jngenieurkunst toerben-. Die-Zahl der jetzt schon zu Schiffahrtszwecken benutzten Tunnels ist nicht klein, aber alle diese Tunnels haben nur eine geringe Bedeutung; so ist z- B. der Tunnel von Condes, am Marne-Saone- Kanal, sehr kurz und nur 1'6 Meter breit- Auf beiden Seiten des Robe-Tunnels sollen Stege gelegt werden, von welchen aus durch kleine elektrisch betriebene Kraftmaschinen Schiffe gezogen und geschleppt werden sollen- Tas Tunnelprojekt wird einen Kosten- ^ustvand von 34 500 000 Frcs- erfordern; der ganze Kanal soll 76 Mrilionen kosten. ... * Geräucherte Frauen. Viele unserer Frauen par- fümreren sich und man braucht noch lange keine Chemikernase zu haben, um all die Düfte herauszuerkcnnen, die in der Garderobe vor einem Ballsaal schweben. Mille fleurs, Eßbukett oder gar „Nationalparfüm" und Patschuli! Aber alle Parfümeriekünste der modernen zivilisierten Salondamen sind gar nichts int Vergleich mit den Wohlgerüchen der Frauen im Sudan. Die dortigen Frauen räuchern sich ein, und gemäß ihren kräftigen Nerven und gesunden Sinnen wählen sie hierzu so ausgiebige Mittel, daß die Anwesenheit einer Gruppe ftisch geölter, gesalbter und geräucherter Weiber auf 100 Schritt sich unserem Geruchssinn verrät. Das Räuchern ist Gegenstand besonderer Sorgfalt. .Die Frauen im nubischen Nlltal, im östlichen und westlichen Sudan, die Bewohnerinnen der Halbinsel Sennar sowohl als diejenigen von Kordofan, wie auch die Koladji- Schönen in Darfur widmen allwöchentlich mindestens einige -Stunden dem Räuchern. In dem Hofe jeder Hütte, unter beinahe jedem Zelt kann man im Boden eine kleine Grube finden, 1 Fuß tief, »ft Fuß im Durchmesser haltend, die entweder mit hartem Ton sorgfältig ausgefüttert oder in die ein Topf eingesetzt ist. Darin wird, wie sich die „Rh.-Westf. Ztg." mitteilen läßt, ein langsam brennendes Holzkohlenfeuer unterhalten und mit Spezereien, wie, Nelken, Ingwer, Zimt, Weihrauch, Sandelholz, Myrten, wozu Späne der Talhaakazie hinzu- gesügt werden, bestreut, lieber dieses Feuer setzt sich die möglichst leicht bekleidete Frau und bedeckt sich mit dem mantelartig ausgebreiteten Tob (Hemdentuch) so sorgfältig, daß nichts von dem kostbaren Rauch unbenutzt in die Luft entweicht. Sie gerät allmählich in ausgiebigen Schweiß imb nimmt ein förmliches Dampfbab. Am Ende der Sitzung, nach 15 bis 20 Minuten, ist die Frau derartig eingeräuchert, daß, wie schon gesagt, der Geruch allein sie auf weite Strecken verrät. — Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Qualitätszigarren! „Qualitäts^- zigarren" — die sieht man jetzt immer häufiger empfohlen. Was es eigentlich für Zigarren sind, wissen die meisten Raucher wohl ebensowenig wie die Nichtraucher; nur die Verkäufer und Händler mögen es begreifen und verstehen! Deutsch würden sie natürlich nicht ziehen—: Eigenschastszigarren! ? Das hftßt nichts, gar nichts! Aber im Französischen hat ja qualite oft den engeren Sinn „gute Eigenschaft," so daß man sagen kann; ce vin est de qualite, oder: ce vin a de la qualite — das ist ferner, guter Wein!' Was liegt dem Deutschen da näher, als das schlankweg zu übersetzen, oder vielmehr nachzustammeln? Dafür hat Man ja doch die vielgeliebten Fremdwörter! Qualität „fugt' zwar in Wirklichkeit in dieser Verbindung im Deutschen auch, nichts, gar nichts, aber doch auch so unsagbar viel, ja alles, was mau nur gerade will und meint. Es ist die alte Geschachte: die Fremdwörter sind „so furchtbar beguem": was läßt sich tu solch dunkles Wort nicht alles hineingeheimnissen! Unsere deutschen, klaren und deutlichen Ausdrücke lassen sich so etwas gar nicht gefallen. Trum ist es auch gar nicht so sonderbar, ddß der Deutsche, wo ihm das richtige deutsche Wort nicht gleich einfällt, flugs ein Fremdwort herauzieht: da bekommt er Interesse au etwas — das sagt alles'!—, da passiert ihm etwas, — d!a faßt er eine Idee; da verkauft er denn auch Quautats- zigjarren, ein Bruder in Merkur preist daun in edlem Wettstreit Qnalitätsweiue nn, und nun findet man sie allenthalben m den Blättern angezeigt, die Qualitätszigarren und die Qualrtats- weine. Auch ein Fahrrad kam^mau schon als Qualitätsmcqchiue empfohlen sehen und einen Schaumwein als Qnalitätsmarre^ und wie lange wirds noch dauern, dann steckt man sich nur noch Qualitätsrvsen ins Knopfloch, trägt Qualitätshüte und QuaU- tätssliesel, ißt QiMlitätsap-felsiueu und denkt — Qnalrtatsge- danken! r — Die schönsten Tugenden der Frau suchten vor einiger Zeit zwei französische Zeitschriften durch eine Enquete zu ermitteln. Tie „Presse" wendete sich an dre Männer und erhielt folgenden Bescheid: 1. Treue. 2. Sparsamkeit. 3. Gutherzigkeit. 4. Ordnungsliebe. 5. Bescheidenheit. 6. Opfersähigkeit. Dieses Ergebnis wie auch das folgende wurde nach der Stimmenmajorität ermittelt. In der Frauenzeitschrift „Femina" hingegen stellten die Damen für ihr Geschlecht folgende sechs Kardinaltugenden aus: 1. Gutherzigkeit. 2. Aufopferung. 3. Sanftmut. 4. Ordnungsliebe.,"5. Sittsamkeit. 6. Mildtätigkeit.