Arettag den 10. Mai Mir m- muw&B UMMMM' I '. t a*4 k •>. MMZ rMMW E^.WK . , . vA Kem Arrlicht nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) . 3it bitteren, spöttischen Worten, in kleinlichen, gegenseitigen Eifersüchteleien war dieses Wiedersehen ausgeklungen, vvn dem er so viel erwartet hatte. Das Fleckchen Eden, das ec noch im geheimsten Winkel seines Herzens sich zu retten gehofft, versank. Es war alles schale, langweilige Alltäglichkeit geworden. Und wozu hatte er sich da fortreißen lassen — Vera hatte er erwähnt und verkündigt, daß er ihr zum Winter nach Rom folgen wolle. War denn das seine Absicht gewesen? War es geraten, sich aufs neue in die Nähe der gefährlichen Frau zu begeben, deren Biü> ihm doch sehr getrübt worden war. Nihilistin — Verschwörerin — deren Seele mit unheimlichen Dingen, mit Mvrdanschlägen erfüllt war —•; er schwankte fast, als er die Straße hinab schritt — wohin sein Geist blickte — überall Oede, Wüste — schwarze Nacht. Sylvia war nicht imstande, der Mutter Reden anzuhören, als Roderich gegangen war. Sie eilte in ihr Schlafgemach und verriegelte die Tür hinter sich. Frau Zernial war an solche rücksichtslose Launen ihres verhätschelten Kindes gewohnt und sprach den Satz, den sie angefangen hatte und deu Sylvia nicht der Mühe wert gehalten, zu Ende zu hören, für sich allein Weiber. Sylvia liebte Zioderich no'ch immer und er sie ebenfalls — Pah, sie verstand sich auf dergleichen! Es war oder sehr schlau, daß Sylvia ihn einstweilen zappeln ließ, das schürte die Flammen am besten. Er würde schon wieder kommen, man mußte abwarten, ob er die beste Partie blieb. Sylvias Aussichten waren jetzt unberechenbar, das hatte ft; ihm wenigstens deutlich gemacht. Sie nahm ihren französischen Roman, warf sich auf -das Sofa imi> trällert« die Melodie eines verfänglichen Schelmenliedchens. Sylvia lag drinnen in der Kammer und schluchzte. Sie ittot, voll Zorn und Ingrimm auf sich selbst und auf Roderich. In ihren Phantasien hätte sie oft genug sich solch ein Wiedersehen gemalt, und was für eine Rolle sie bei demselben spielest wolle. Jetzt hatte sie keineswegs die königliche Rolle gespielt, welche sie sich geträumt, sie stand noch im allerersten Anfang, wo jeder seine Zweifel und Ermahnungen laut werden lassen konnte, sie war noch weit vom Gipses ihrer Macht — welch ein langer — langweiliger Weg war es bis dahin — und er — er ging nach Rom zu der schönen, klugen, vornehmen Russin. O, er hatte es gewußt, welchen Stachel er ihr damit in das Herz grub, und er war grausam genug gewesen, es zu tun. Ha, sie haßte ihn — sie wollte ihn hassen fortan, ihr standen ändere zu Gebote, Grafen und Fürsten, wie die Mutter sie täglich versicherte. Sie erhob sich endlich, Versuchte ihre Tränen zu trocknen, Über ihre Glieder waren schwer und mside, urrd die Dodesi Traurigkeit wollte nicht weichen. Es ekelte sie plötzlich alles än, die Gesellschaft in der Pension, die galanten Herren, die albernen Damen — auch ihr Singen ekelte sie an — ihr wurdest einige Töne sehr schwer; seit sie mit Ernst Studien begonnen, wurde sie auf manches aufmerksam, worüber sie früher achtlos und oberflächlich hingegangen war. Sie sagte sich mitunter/ daß. sie über ihre natürlichen Mittel hinaus die Stimme forcierest mußte, daß diese in sehr großem Raum vielleicht nie ausß reichte. Der Lehrer hatte auch schon solche Wtdeuttmgeu g^ macht, er war aber geschmeidig und Versicherte dann wieder/ die Schule werde das Fehlende ersetzen. Wozu quälte sie sich' eigentlich so sehr, wozu? Ihr Ziel, das Bild, wo sie Roderichs als gefeierte Künstlerin erstell Ranges zu ihren Füßen zwang/ lvvlltc nicht mehr im alten Glanz heraufsteigen, und um ihn —i um ihn allein war cs ihr zu tun gewesen. Sie stand plötzlich mit starrem Antlitz da, als hätte sie ebest das Gorgonenhanpt geschaut. So war ohne ihn ihr Dasein leer und inhaltlos, ohne Glück, ohne Stent ? Sie schlug die Hand« vor das Gesicht und hätte laut aufschreien mögen. Das war fürchterlich! Roderich ging nach Dresden. Er fürchtete sich vor dieser Wiederkehr in sein Vaterhaus, feine Gernütsverfassnitg war gar nicht für ein häusliches Stilleben gestimmt. Ueberdies sah er Kämpfe mit dem Pater voraus, wenn er seinen Entschluß kundgab, noch mindestens ein Jahr auf Reisen zu bleibem Dieser Entschluß aber festigte sich immer mehr in ihm; in des Baters Kontor sich einzuzwängen, vermochte er augenblicklich weniger als je. Am Tage, nachdem er Sylvia wiedergesehen, erhielt er einest Brief anS Rom von Vera. Sie schrieb erregt über seine Mit-, teitungeu, der Gedanke war nie in ihre Seele gekommen, daß man ihn, den Deutschen, mit in den Verdacht hineinziehest könne, der über ihrem Haupte geschwebt. „Aber sie sind wie eine Herde furchtsamer Schafe," schrieb sie, „wo es sich um eine Bewegung der gedrückten Masse handelt, und schießen die unglaublichsten Böcke. Wo Menschenrechte gv>, ehrt werden, werden keine Mvrdanschläge gemacht." Ob sie schuldig gewesen, ob auch sie ein Opfer fälschest Scheines sei, darüber schrieb sie kein Wort, Roderich tappte dst völlig im Dunkeln. Wer der Ton ihres Schreibens fegte schon wieder, den mystischen Bann um sein Herz, er mußte ihr noch einmal gegenüberstehen, sie Aug in Ange fragen um ihr Geheimnis. Zn Hause cNlpsing man ihn sehr warm. Die Mama war noch schwach und leidend, der Schmerz um Sylvia nagte ast ihr. Sie war froh, daß er ihr Kunde Won der Undankbaren bringen konnte. Wer Roderich war nicht gerade mitteilsam. Die Seinest fanden ihn verändert. Der Kommerzienrat, der sich mehr, als, er sich eingestehen wollte, zu der Rückkehr des Sohnes gefreut/ ging bald mit einem tief verstimmten Gesichtsausdruck einher^ Schoil am ersten Tage traten wieder die großen Meinung^ Verschiedenheiten zwischen ihneit hervor. , Roderich befand sich in einem Zustand innerer Gärung/ wo die geringfügigsten Dinge ihir reizten. Die Manta und Erna waren es gewohnt, seinen wechselnden Lannen Rechnung — 270 tu tragen. Erna kannte lange seine Pascha- und Tyrannennatur, «er jetzt war schwerer mit ihm umzugehen denn re. Ihr war selber so sterbenstraurig zu Mut. Sie lrtt imter bett Schmerzensäußer un g en der Mutter, welche L>ylvtas Verlust beklagte, als sei sie das eiuzige Wesen, das fte gelrebt hatte. Sie nahm sich ihrem Gatten gegenüber zusamnren, zu „ der Tochter ließ sie ihren Klagen freien Lauf. Und Erna krankte die Art, wie diese Klagen hervorbrachen. Sie hatte selber Sylvia herzlich lieb gehabt, aber sie fand keine Entschuldigung fiir thre undankbare und gewissenlose Tat. Und doch hingen alle Herzen an ihr und an ihr allein. AMatte — sie hatte ihn nur einmal gesehen nach Sylvias Flucht Sie meinte die Stunde nie vergessen zii körnten. Er war so starr und steinern gewesen, in Wesen und Ausdruck so völlig verändert, daß sie die Enipfindilng gehabt, als habe sich auch zwischen ihnen eine unüberbrückbare Kluft aufgetan. Zürnte er denn auch ihr? Vermutete er, daß sie um manches gewußt uud itzii hätte Wanten solleir? Unb sie hatte ja in der Tat unt vieles gewußt und ihn, ohne irgeitb einzugreisen, in sein Verderben rennen lassen. Wer hatte sie denn anders gekonnt? Diese Frage quälte sie Tag und Nacht und hatte auch ihre Wangeil schmal und bleich gemacht. Bis so lang war der Vater sehr weich und gütig gewesen, fein Verhältnis zu der Mutter war ein ungleich besseres geworden. Es rührte Erna oft, wenn sie gewahrte, wie er sich zusammen- nahm, wenn ihn die alte Ungeduld und Heftigkeit überkommen wollte, denn der Mutter Art, die sie nicht mehr ändern konnte, reizte ost zur Ungeduld. Der alte Herr hatte augenscheinlich Mitleid mit ihr und ihrem Schmerz, dem sie fast erlag. „Mas für Leid hat die Brut mir ins Haus gebracht," sagte er einmal »it Erna, mit der er iroch immer seine vertrauliche Frühstücksstunde innehielt. „Es liegt wirklich etwas Unheimliches in der Wahrnehmung, Ivie einzelne Menschen dem Wsen verfallen scheinen. Wohin sie ihren Fuß setzen, fteit sie Unheil, wer zu ihnen gehört, den verderben sie, und sie vererben den Fluch." „Sage das nicht, Papa!" rief Erna abwehrend. „An Sylvias Rettung müssen wir noch glauben." Der alte Herr stand auf und pfiff. Er sagte nichts mehr. Und jetzt war Roderich da und Erna mühte sich, in des Bruders Seele zu lesen. Mrfangs blieb er auch gegen sie verschlossen, aber bei ihren redlichen, geduldigen Versuchen und seinen wechselnden Stimmungen kamen dosch Stunden, wo es tim drängte, sich auszusprechen. So erfuhr sie nach und nach, wie es in ihm aussah. Vera schilderte er glänzend und sein Verhältnis zu ihr in phantasiereicher Glorie. Den letzten Akt in'Paris, den Verpacht, der aus. ihr ruhte uud ihn uims Haar in verhängnisvolle Lage gebracht, verschwieg er. Für die philisterhaften Anschauungen im Elternhause war das kein zur Mitteilung geeigneter' Stoff. Aus der .Schilderung seines Besuches bei Sylvia entnahmt! Erna deutlich des Bruders Herzenszustand: an die schöne, stolze Russin fesselte ihn nur seine alberne Eitelkeit, aber Sylvia liebte er. Und er allein konnte sie retten. Sollte sie ihn spornen zu erneutem Vorgehen; Sylvias erheuchelte Kälte hatte jhn verletzt, er bereute schon halb, nicht gewaltsam' den trüge- pischen, Morschen Eispanzer durchbrochen zu haben, er sehnte sich stach ihr, sie fehlte ihm hier überall in seinem Vaterhause, und sie — wäre die Seine beim ersten energischen Werben. Aber dann stand vor Ernas «gen des Vaters Zorn und Entsetzen, wenn er den einzigen geliebten Sohn sich fesseln sah an die, welche er jetzt fluchbeladen nannte. Und eS überlies sie selbst ein Grausen, wenn sie des unheimlichen Eisti drucks gedachte, den Tante Cölestine ihr stets gemacht. Es war Wahrheit in deut Wort, wohin die ihren Fuß setzte, wuchs Unkraut. Nein, wenn Sylvia sie auch erbarmte, wenn sie auch ohne Groll ihre Erlösung ans gefährlichen "Banden wünschte, ihr Einziger geliebter Bruder durfte der Retter nicht sein. So hörte sie seine vertraulichen Ergießungen an und suchte feine Gedanken von Sylvia abznlenken. Vera schien ihr freilich kamst weniger gefährlich, hoffentlich sah er sie nicht wieder, diese gbenteuerndd Russin verlor sich Wohl in der weiten Welt. Roderich fand Dresden schrecklich langweilig. Frau Klopp- Wengstern, welche ihn mit ^ekstatischer Freude empfing, 'erschien ihM kleinstädtisch, albern und abgeschmackt, Wolfgang Kirschs Organ fiel ihm auf die Nerven und Hermann Welius nannte !«v „läppisch". Die Atmosphäre int Hause war „elegisch" und der Alte „untraitable". „Was habe ich denn von der Welt gesehen?" meinte er. JÄst paar Monate ist Varis, dietztMst doch sticht! Ich wurde ist mitten aus hem lebendigen Strudel stach Hause gerufen ää zu welchem' Zweck, ist änir eigentlich unerfindlich —. höchstens um mit jammern zu helfen, weil eine durstige Seele sich befreite, uM auch einmal draußen an einer frischeren Quelle zu trinken., Ein junger Mann in meiner Lebenslage hat berechtigten An-, sprnch auf ein paar Reisejahre. In unserem Zeitalter gehört es zur Bildung, vorerst die Welt in weiter Umschatt kennen zu lernen." Roderich liebte es, seine Heimkehr als einen dringenden Ruf aus deM Elternhause hinzustellen, obgleich Erna in ihrem Briefe nur an sein Gemüt appellierte und ihm der Boden ist Paris recht heiß geworden war. Der Kommerzienrat war der Ansicht, daß Roderich seist Mütchen gekühlt haben könne durch diese Pariser Reise und eist längeres Urnherschweifeit ihn zum Bummler mache. „Was willst du eigentlich draußen?" sagte er ärgerliche „Was an deiner Mustlerchimäre ist, hast bn einsehen müssen, gefördert hast dir nach der Richtung nichts, eine Tatsache, die ich weiter nicht beklage. Jetzt ist es an der Zeit, dich in einest bestimmten Beruf einzuleben, und der deine ist dir durch die! Verhältnisse gegeben und zwar so günstig wie m-öglich." Tas aber traf Roderich sehr empfindlich. Er fühlte sich trotz allem noch als Genie, und in dieser Luft zu leben, war ihm nicht möglich. Des Vaters Geringschätzung seiner Talente zeigte ihm, wie sie stets schwer nebeneinander auskomMen würden. Wozu war denn das Geld da, als um die Mittel zu gewähren, daß jeder seine Eigenart ausleben könne! Wenn er es auch nicht gerade so aussprach, seine Meinung/ sein Widerwille gegen des Vaters Pläne kam deutlich zum Aus-, druck. Und hart stießen die beiden grundverschiedenen Naturen' dann gegeneinander. „Das Geld — das leidige Geld!" grollte der KomMerzienrast „Wärst du darauf angewiesen, ums Brot arbeiten zu müssen, es würde vielleicht etwas ans dir — so — na, Gott mag geben/ daß ich zu schwarz sehe." _ Roderich war in den tiessten Tiefen seiner eitlen Seele gekränkt. Er war es doch von jeher gewohnt, daß auch der Vater etwas Besonderes in ihm sah, und nun — Bummler —: der Alte hatte gar kein Verständnis mehr für höhere Dinge., Erna fand, daß der Vater Roderich nicht richtig behandle., Es war zu viel verdrießliches Grollen, zu wenig von Väter--, kicher Energie in dem Gebaren. Ihre Vorstellungen, ihre Bittest und Verhandlungen in Güte fruchteten gar nichts. Was sie alle nicht wußten, war der Sporn, den ein Zufall kürzlich Roderichs bis so lang unbestimmten und schwankenden Wünschen zugesellt. Ein gemeinschaftlicher Bekannter erzahlt'A ihm, daß Hendrichs in Rom sei. Roderich hatte keinerlei Briefwechsel mit Paul unterhalten, Anhänglichkeit herrschte nicht zwischen ihnen, viel eher «neigung und Mißtrauen. So war Paul also Vera nachgereist. Sicher hatte er fort-, dauernd Beziehungen zu ihr unterhalten, der schlaue, verschlossene Intrigant. Er, Roderich, hatte seit dem Frühling nichts wieder von Vera gehört, sie ließ sein letztes Schreiben unbeantwortet, und da sie ihm' vorher mitgeteilt, daß sie jedenfalls auf italienischem Boden bleibe, vermutete er, daß sie während der Sommermonate in die Berge gegangen war. Ein brennendes Verlangen packte ihn, in den zersprengtest Meis wieder einzutreten, all das Dunkle zu klären und seinen Platz an Veras Seite zu behaupten. Bei ihr war doch LebeM. Aufregung, Genuß. Nach einigen erneuten, nnerqmckUchen Kämpfen fugte stch der Vater, und als die ersten Schwalben heimwärts zogest, rüstete Roderich sich zu der heißbegehrten Romsahrt. (Fortsetzung folgt.) Der Kurierriit, oder die denkwürdigste Weise meines Leöens. Eine Erinnerung an das Jahr 1806. Durch Patent vom 13. August 1806 wurde Ludwig X. zum Großherzog von Hessen und Bei Rhein von Napoleon erhobest. Er verpflichtete sich, zum Bundesheere 4000 Mamt von teder, Waffengattung zu stellen. An Landzuwachs erhielt er bte Land-, grafschaft Homburg, das Burggrafentum Friedberg, dte Herrschaft Breuberg, Grafschaft Erbach, die Besetzungen der fürstltck und gräslich-solmsischen Häuier in der Wetterau mtt Ausschluß der Aemter Hohen-Solms und Braunfels, bte Grafschaft «chlttz/ int ganzen einen Zuwachs von 122 000 Etnwohnern. Betreffs Zuteilung der Grafschaft Schlttz zum Großherzog- tum Hessen seien zum besseren Verstättdnts der nachfolgenden Reisefchilderung noch einige gescbichtltche Angaben gemacht. Im Sommer des J-chres 1806 erschien von Frtedberg aus in SLlid ein ftanzösischer Offizier mit einigen Reitern, um dst Herr- — 271 schast Schlitz für den Großherzog von Hessen in Besitz zu nehmen. Ihm folgte am 30. August eine Abteilung französischer Infanterie. Vorher aber hatte schon eine Kompagnie kurhessischer Jäger unter Hauptmann Wolz die Stadt Schlitz besetzt und suchte das Schützer Land für Hessen-Kassel in Besitz zu nehmen. Da die gräflichen Behörden sich weigerten, ohne Instruktion des Grafen Karl, der sich uni diese Zeit als kurhessischer Gesandter im preußischen Hauptquartier befand, der Besitzergreifung sich zu fügen, so reiste dieser nach 14 Tagen wieder ab. Die beiderseitigen Truppen aber blieben einstweilen in Schlitz. Am 27. September zogen die Franzosen nach Thüringen zur großen Armee ab, und zu Anfang Oktober auch die Kirrhessen. Kurz darauf erschien tut Hessen-Darmstädtischer Kommissär, um die Beamten zu verpflichten und die Herrschaft Schlitz in aller Form in Besitz zu nehmen. Da die Beamten aber den Eid verweigerten, auch mehrmals preußische Husarenabteilungen die Gegend durchstreiften, so reiste auch dieser Kommiffär unverrichteter Sache wieder ab. In dieser steten Bedrängnis verließ der Gräfliche Oberförster Wilhelm Knabe im Auftrage sämtlicher Beamten der Grasschaft die Stadt, um den Grafen in dem stets wechselnden preußischen Hauptquartier aufzusuchen und Berhal- tuugsbefehle einzuziehen. Lassen wir den Oberförster nach seinen Anfzeichunugen über den Verlauf der Reise selber zu Worte kommen: „Es war den 13. Oktober 1806, nachmittags 5 Uhr, als ich den Auftrag erhielt, in das Hauptquartier des Königs von Preußen nach Sachsen als Kurier zu reisen. Die Anordnungen zu dieser Reise, so mir einige Stunden Unruhe verursachten, - erlaubten wir nicht vor 2 Uhr morgens von Schlitz ahzureisen. Ich eilte mit meinem Pferde bis Hersfeld und verlangte auf der dortigen Post Kurierpferdc, — da aber der Postmeister keine Pferde mehr hatte, so wurde ein Bürger aufgefordert, die seinigen hierzu herzugeben. Kaum aber hatte selbiger dies vernommen, so schickte er die Pferde zur Arbeit ins Feld. Ich ging daher zum Oberschultheiß und beschlverte mich über den Aufenthalt, und dieser versprach mir baldige Hilfe. Die Pferde aber kamen immer noch nicht, daher ich nochmals zu dem Oberschultheiß schickte, mir ein Attest auszustelleu, daß ich ohne mein Verschulden aufgehalten sei. Ich erhielt nicht nnr dieses, sondern er ließ mir auch sagen, daß er bereits einige Soldaten abgeschickt habe, die Pferde vom Felde zu holen. Unterdessen machte ich die Bekanntschaft eines Reisenden, der mir, da er gehört hatte, daß ich nach Sachsen ins Hauptquartier reise, offerierte, mit ihm in feinem Wagen zu fahren, indem er nach Weimar reise und auch ießenfo geschwind fahren lasse, als ich reiten würde. Ith nahm dies Anerbieten an und unterhielt mich noch einige Zeit mit ihm, wobei er mir erzählte, daß er lange in Frankreich gelebt, nunmehr aber sein Geld in Weimar verzehren wolle und aus dieser Stadt gebürtijj sei. Ich fragte daher nach verschiedenen, mir bekannten Personen. Er geriet aber in Verlegenheit und gestand, er sei eigentlich nicht aus Weimar, sondern aus Apolda. Eine Nichte, die mit ihm reise, und bekannter in Weimar sei als er, würde mir mehr davon sagen können. Darauf trifft er Anstalten.zur Abreife, kommt aber wieder zu mir und bittet mich, doch bis Berka zu reiten, indem sein Wagen gebrechlich sei und er sich nicht getraue, ihn noch mehr bei den schon ohnehin schlechten Wegen zn beschweren. Dort würden wir uns wieder treffen und dann sollte ich mit ihm fahren. Ich bin dies zufrieden und er reist ab. Der Postmeister gesteht mir darauf, daß dies der General von Knobelsdorf gewesen sei. Ich bezweifle es, allein er versichert mir, daß er es ihm selbst gesagt habe. Obgleich ich es immer noch nicht glauben konnte, so war ich doch desto begieriger, wieder bei ihn zu kommen. Unterdessen wurden meine Pferde gebracht, die glücklicherweise sehr gut waren. Um 91/2 Uhr trabte ich zum Tor hinaus. Fort gings in vollem Trab gen Berka. Mein Pferd verlor ein Hnseisen nach dem andern. Dies achte ich aber nicht und erreiche die Station um 1 Uhr. Hier frage ich nach dem Men erwähnten Reisenden, deut vermeintlichen Herrn v. Knobelsdorf. Kein Mensch hat ihn aber gesehen. Das war mir ein Rätsel. Ich verlange also hier, mir schleunigst Pferde zu schaffen, und indem ich sie bezahle, kommt eine Chaise mit einem preußischen Offizier. Dieser dringt ebenfalls auf schnelle Beförderung. Da aber keine Pferde mehr da waren, so bittet er mich, ihm doch die meinigen zu überlassen, indem er dafür sorgen wolle, daß ich mit seiner Retour-Chaise ebenso geschwind nach Eisenach kommen solle. Ich nehme dies an, und et erzählte mir noch, daß er felbsten aus dem Hauptquartier fomme und dem General von Plötz im Felde Depeschen überbringe. Dasselbe sei bei seiner Abreise zwischen Jena umd Weimar gewesen, sollte aber bald verlegt werden. Wenn es daher rückwärts hinter Erfurt kommen solle, so würde ich in Erfurt keine Pferde bekommen, da der Minister von Hangwitz bestellt habe, feinem Fremden Pferde zu geben. Im übrigen würde ich tn der dortigen Gegend noch vieles zu sehen bekommen. „Ein schöner Trost," dachte ich und fuhr nach Eisenach. Am Tore mürbe ich angehalten. Der Unteroffizier wollte mich zum Major bringen. „O," sagte ein anderer, „laß doch den gehen, der hat ein ehrlich Gesicht." Er brachte mich zum Adjutanten. ,,9tetfen Sie in Gottes Namen weiter, ruft mir dieser zu. Das ließ ich mir gesagt sein, ging auf die Post, erhielt Pferde und ritt um 4 Uhr ab. Unterwegs begegneten mir mehrere Reisende, welche aussagten, daß eine Schlacht in der Gegend von Weimar schon mehrere Tage gedauert habe; auch hörte ich selbst das Kanonieren in der Ferne. Einer von diesen Reisenden erzählte mir, daß bereits französische Chasseurs in Naumburg gewesen seien. Sie hätten hier einen preußischen Offizier zusauimengehauen, der sich auf die Flucht begeben, und beim Hinausspringen aus der Siadt aus bte ihn verfolgenben Feinde geschossen, unglücklicherweise aber ein Kind getroffen habe. Sie wären alsdann, nachdem. sie mehrere Greueltaten verübt und eine Summe Geldes erpreßt hätten, wieder davongeritteu. Um 7 Uhr kam ich in Gotha an. Der Postmeister weigerte sich, mir Pferde zn geben; es seien, wie er sagte, die Franzosen schon bis in die Gegend von Erfurt vorgedrungeu, und ich würde daher nicht in die Stadt kommen. Wäre ich vor einer Stunde gekommen, so hätte ich mit einem preußischen Feldjäger, der als Kurier von Kassel kommend, mit diesem ins Hauptquartier kommen können. Ich bat inständig, meinem Gesuch doch zu willfahren; er hörte aber nicht auf mich. In diesem Augenblick kommt abermals ein preußischer Feldjäger, der ins Hauptuqartier will. Auch dieser erhält keine Pferde. Indem beide noch miteinander reden, kommt der oben erwähnte von Kassel gekommene Feldjäger von Erfurt wieder retour und bestätigt, daß selbiges gesperrt sei und niemand eingelassen werde. Auch sagte er, daß nach der Gegend von Weimar und Rudolstadt alles in Brand zu stehen scheine. Wir beratschlagten und entschlossen uns, gegen Morgen noch einen Versuch zu machen. Den 15. Oktober um 31/2 Uhr morgens ritten wir, nachdem sich noch ein Kurier, dessen Bestimmung ich aber nicht ersahren habe, zu uns gesellt hatte, gen Erfurt ab. Kaum tonten wir eine halbe Stunde geritten, so begegneten uns eine Menge Flüchtlinge aus der Gegend von Erfurt, bte sich im Gothaischen sicher glaubten und die aussagten, daß Weimar in Brand stehe. Kurz daraus trafen wir 40 bis 50 Frachtwagen an, die ebenfalls von Erfurt retour kamen und nicht eingelassen waren. Es schien unterdessen, als wenn die ganze Gegend. int Aufruhr sei. Das sich mehreude Getöse, das gegen das Gebirge hiit ausslammende Feuer der Wachen, hatte wirklich etwas Furchtbares. Doch wir kehrten uns nicht daran uub ritten immer Urtiter. Sobald der Tag anbrach, begegneten uns zuerst zwei preußische Fußjäger, welche 15 französische Gesaugene transportierten. Ihnen folgte ein Kornntattdo Jäger, die abermals 20 bis 30 gefangene Franzosen führten. Alle erzählten von der schon erwähnten Schlacht, die den 13. und 14. Oktober bei Jena und Weimar stattgehabt habe. Sie erzählten ferner, daß sie hier in bet Irre herumzögen, schon die ganze Nacht durch Waldungen und Felder geschlichen seien, von ihrem Kommandeur getrennt, nicht wüßten, ob sie dem Feind oder dem Freund etttgcgengittgen. Ich gab ihnen den Rat, sich rechts nach Langensalza zu wenden, wo sich bis jetzt noch keine Franzosen befanden. Inzwischen füllte sich die Straße von Flüchtlingen atts der Schlacht, besonders Preußen. Alle, die ich sprach, konnten die Schlacht nicht fürchterlich genug schildern. Die Leute, selbst die Verwundeten, sind vont Pulverdampf schwarz gefärbt und sehen dazu vont Hunger gepeinigt, wild aus. Jtt dem Gedränge, das immer größer wurde, verlor ich meine Reisegefährten. Immer näher komme ich nun der Stadt und sehe jenseits derselben ein preußisches Korps stehen. Eilt Vorposten ruft mich an und warnt mich, weiter zu gehen, ich kehre mich aber weiter nicht daran. Bald werde ich abermals gewarnt, indem man mir von einer Schanze zürnst, daß die Stadt gesperrt sei und wenn ich nicht zurückgehe, ich zlvischen beide Armeen gerate. Das war aber ein Irrtum. Nicht Franzosen, sondern retirierende Preußen kamen anmarschiert. Um alles Mögliche zu versuchen, reite ich noch bis vor die Stadt; hier sehe ich aber., daß alles vergebens ist. Aber jetzt fällt mir erst das Bedenkliche meiner Sage auf, jetzt erst sehe ich, in welcher Gefahr ich schwebe. Geschwind wende ich,ulm, verlasse die Straße und schlafe rechts einen Hohlweg nach den Weinbergen ein. Auch hier lief alles voll flüchtender Preußen und Franzosen gegen Langensalza zu. Ich ruhte nun an der Chaussee eine Stunde und wandte mtch dann wieder auf die Straße ttach Gotha. Hier auf einer Anhöhe, wo man Auerstädt liegen sieht, sehe ich ein Korps im Marsch, das lauter Kavallerie zu fein scheint. Ich halte still. Eine Menge Leute versammelt sich um mich, aber niemand weiß, ob jene Truppen Franzosen oder Prenßeit sind. Ich entschließe mich daher, näher zu reiten. Mein Postillon protestiert aber dagegen und sordert mich auf, ihm zuvor das Pferd zu b$* zahlen, und das hält mich zurück. Ein Junge, der sich erbietet, gegen ein Douceur Kundschaft einzuziehen, lauft nach jener Gegend und kommt nach einiger Zeit mit der Nachricht zurück, daß jenes Korps Deutsche seien. _ Unterdessen kommt auch ein Mann ans jener Gegend, der aussagt, daß jenes Korps das des Herzogs von Weimar fei. Noch länger auf diesem Platze zu verweilen, halte ich — da ich der Nachricht immer noch nicht traue — für gefährlich. Ich verlasse also die Straße wieder und schlage einen andern Weg nach Gotha etn. Da die Pferde aber nicht mehr gehen wollen, so kehre ich in einem Dorfe ein und lasse hier füttern. Biele Leute waren in dem Wirtshause versammelt, auch yerlaufene Soldaten gingen ans und ein. Es ' dauerte aber nicht lange, so kam ein Trupp von 30 bis 40 Männern und Weibern mit Kleidungsstücken und Bettzeug beladen in voller Bestürzung herangelaufen. Ihnen folgte eine - 272 — Ich erzähle ihm, was ich ____"£ ____QO-nlCn I.Vv Athr (Schluß folgt.) Menge flüchtiger Soldaten, und alle diese sagten, das; eben Erfurt von den Franzosen eingenommen sei. Hwodurch ßertet