M. 5 W ffiEB iS m II Ä- sML MW 'ÜIiiEOÖ- WM!Zr s MW !»WiJ , I •> I' JÖul^ 11 w Menschenleöen, die lügen. Roman von H. Ehrhardt,Verfasserin von „Mittellose Mädchen". Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Auch der neben ihm sitzende junge Offizier war kein Adonis, aber fein rundes, vollwangiges Gesicht gewann ungemein durch die Gutherzigkeit, welche aus seinen kleinen freundlichen Blauaugen schimmerte und den großen Mund unter der stark emporstrebenden Stumpfnase verschönend umspielte. Er war ein „guter, kleiner Kerl", der Graf Scherrentin und trotz seines Reichtums (er war der Erbe eines großen Majorats) der einfachste, anspruchsloseste Mensch unter der Sonne. Auch heut saß er sehr vergnügt vor seiner Tasse Schokolade, die Witzeleien der Kameraden über seinen „süßen Geschmack" gutmütig schmunzelnd hinnehmend. Ja, er übersah sogar das spöttische Lächeln des Artillerieoffiziers, der aus feinem Gespräch mit Poseck heraus einen geringschätzigen Blick auf den eifrig löffelnden Keinen Grafen warf. Dem Range nach war jener ihm weit über, aber sonst hatte der Bürgerliche dem Aristokraten alles voraus. Leutnant Schmieder tvar ein bildschöner Mensch, tadellos gewachsen, mit einem regelmäßig geschnittenen, leicht gebräunten Gesicht und klugen, hellen, meist durch die breiten Lider verdeckten Augen, als wünsche er zu verbergen, was sie von seinem Innern Wiederspiegeln könnten. Dabei war er berühmt wegen seines Scharfblicks und der großen, strategischen Begabung, die ihm im Regiment den naheliegenden Spitznamen „Unser Moltke" eingetragen hatte. Er war brennend ehrgeizig, aber zu klug, um sich durch offenkundiges Strebertum Gegner zu schaffen, nur vermied er alles, was seiner Karriere je zum Hindernis hätte werden können. Er liebte auch die Damen nur so weit, als sie ihm zur Erreichung eines Borteils behülflich sein konnten. Er hörte deshalb recht belustigt, aber seine Erhabenheit über solche Dinge leicht markierend, der Unterhaltung zu, welche sich nach Bemerkungen über das Wetter und die wieder bevorstehende Rekrutendrillerei auf das beliebte Gebiet „Frauen" begeben hatte. „Was macht denn Ihre stattliche Konfektioneuse, Eppen?" hatte der lange Oberleutnant gefragt und damit bei dem ihm nahe befreundeten Rittmeister einen lauten Heiterkeitsausbruch hcrvorgerufen. „Sind doch ein verdammter Kerl, Baron, kennen meine Schwächen!" sagte er, eine wehleidige Grimasse ziehend, >,eh, da haben Sie aber eine wunde Stelle berührt. Habe bei dem Frauenzimmer kolossales Pech gehabt, erste Mal im Leben." „Na, na." „Ruhig, Föhrenthal, keine Widerre'dei 's ist wahrhaftig N erste Mul, Parole d'Honneur, Uber warten wir erst ab. Schließlich komm' ich doch noch ans Ziel!" sagte er frivol und trank sein balbvolles Glas nut einem Zuge aus. „Kellner, ein frisches Pilsener!" Als der Befrackte, das leere Glas in der Hand, rasch wieder zur Tür hinaus wollte, mußte er zurücktreten. Im Eingänge klirrte ein Sabel. Zwischen den Vorhängen erschien ein junger Husaren« vffizier iin schwarzen Reitermantel. Bon dem roten Futter des aufgeschlagenen Kragens hob sich sein blasses Gesicht fast geisterhaft ab. Seine Augen, im Weißen Gaslicht wie kalter Stahl glänzend, suchten die fünf Herren in der Ecke. Nachlässig mit völlig unbewegtem Gesicht kam er dann mtf sie zu und klappte die Sporen zusammen. „Ah, unser Jüngster!" Der Rittmeister hatte dem Freiherrn, der zu feine« Schwadron gehörte, die Hand entgegen gestreckt und begrüßte ihn mit der jovialen Herzlichkeit, die er außerhalb des Dienstes stets seinen Offizieren entgegen brachte. Tann stellte er Tresienberg den beiden Artilleristen vor, worauf der junge Offizier sich schweigend verneigte, ohne auch nur eine Miene seines Gesichts zu verändern. Ter kleine Pikkolo nahm ihm den schweren Krayen- ab und schob einen Stuhl zwischen den dicken Rittmeister und den Grafen Scherrentin. Poseck musterte den ihm gegenüber sitzenden Kameraden, der Ansicht seiner Mutter gedenkend, interessiert. Plötzliche überkam ihn etwas Seltsames. Der Freiherr hatte die schwarzbesäumten Lider gehoben und seine Äugen hatten flüchtig die des Kameraden gestreift. In dem Moment lag nichts von Melancholie in diesen bräunlichen, glänzenden Augen, auch kein eigentlicher Hochmut, nein, etwas starres, unheimliches, feindseliges, das sich ebenso schnelh als es aufgetaucht, wieder hinter kühler Gleichgültigkeit verschleierte. Und durch die in Licht und Wärme gebadete Luft schien es eisig um Walter von Poseck zu wehen, eisig wie Todesnähe und ein unüberwindliches Ahnen von irgend einer großen Gefahr, die ihm von diesem blassen, jungen Menschen kommen würde, schlich sich an ihn heran. Er hatte Mühe, sein inneres Grauen zu verbergen. Er öffnete weit die Augen, sah die lachenden, geröteten Gesichter der Kameraden, bemerkte das sichtliche Behagen, mit welchem der Freiherr trotz seines unbewegten Gesichts seinen dampfenden Grog schlürfte, hörte die leichtfertige Unterhaltung, die der Rittmeister flott wieder ausgenommen hatte und schalt sich im stillen ein altes Weib, das bei hellem Licht Gespenster sah. Das kam bloß von dieser unglücklichen Liebe, so was warf sich immer auf die Nerven. Er seufzte bedrückt auf. Der Seufzer ging Gottlob in einer Lachsalve unter, die irgend eine drastische Bemerkung des Rittmeisters begleitete. Der jüngste Offizier schien nun auch in seinem Fahrwasser zu sein und schon reichliche Erfahrungen in diesem Punkte zu besitzen, trotzdem er das zwanzigste Lebensjahr eben erst überschritten hatte. In Walter von Poseck war damit das Urteil über de» lö macht haben." , ■ Er wußte selbst nicht, was das für eine gehässige Regung war, die bei dem Gedanken an den jungen Offizier ihn . seines sonstigen vorsichtigen Urteils beraubte. Er sagte kein Wort mehr/ als der andere meinte: „Mir hat das frühreife Kerlchen auch nrcht gefallen, aber im übrigen, was kümmert uns das schließlich? Und gleichmütig begann er neben dem schweigenden Freunde herschreitend, die Melodie eines Gassenhauers zu pfeifen. An der nächsten Straßenecke trennten sich ihre Wege. IV. Wochen waren seit jenem Abend vergangen. In Milliarden von weichen, weißen Flocken war der Winter ins Land hineingewirbelt und hatte seine fleckenlose Decke ntttieibtg Über der: häßlichen Todeskampf der Natur gebreitet Die schien erstarrt in seinen eisigen Armen. Es war ein auffallend früher Winter. Schon sausten die leichten Schlitten schellenklingelnd durch die Straßen der Stadt nnd auf dem großen Teiche inmitten der Promenadenanlagen vergnügte sich die fchlittschuhfahrende Gesellschaft von St. Wie überall herrschte auch hier das militärische Element vor. Die Offiziere zum Teil mit ihren Damen waren die eifrigsten Besucher der sehr bequem gelegenen gepflegten Eisbahn. In die Reihe der meist recht gewandten Läufer war dieses Jahr noch der Freiherr von Tressenberg getreten und manch bewundernder Blick aus Frauenaugen folgte seiner geschmeidigen, sicher dahingler- tenden Gestalt. Er war nebenbei ein passionierter Läufer. In seiner Leidenschaft für den Eissport fand er sich bald mit einer jungen Dame, die ihm als würdige Partnerin zur Seite gestellt werden konnte. Isabel, genannt Isa Bauer, war die verwaiste, leider ganz mittellose Nichte eines kinderlosen Infanterie-Hauptmanns, dessen Frau sie bereitwillig in ihr Haus und ihr Herz ausgenommen hatte, obgleich das Ehepaar selber nicht mit Glücksgütern gesegnet war. Sie liebten die junge Nichte abgöttisch und verwöhnten sie mehr, als für ihre Verhältnisse gut war. Sie war aber auch eine entzückende Erscheinung, groß und schlank, mit einem Gesicht, das nicht schön genannt werden konnte und doch bezaubernd wirkte durch den Gesamteindruck, den das tiefschwarze krause Haar, die dunklen feurigen Augen im Verein mit der warmen bräunlichen Hautfärbung und dem tiefen Rot der vollen Lippen bot. Auch kleidete sic sich stets tadellos. Das dunkelblaue Eislaufkostüm nut kurzem, knappem Jäckchen verriet die Hand einer erstklassigen Schneiderin und der reich mit Weißen Straußfedern garnierte Hut war zwar sehr auffallend, kleidete ihr jedoch vorzüglich. Sie war jedenfalls eine Erscheinung, an der man nicht achtlos vorüber gehen konnte. Tressenberg hatte sich ihr, schon der Sicherheit und Grazie ihres Schlrttschuh- laufens wegen sofort vorstellen lassen und sie fuhren nun täglich zusammen. Der Ansicht sämtlicher Mütter nach, die am Rande des Teiches auf und ab promenierten, machte Freiherrn besiegelt, er Wichte, daß er ihn nie würde achten können Seine durch und durch reine Natur lehnte sich förmlich auf gegen den Gifthauch des Leichtsinns, der aufreizend, verführerisch durch die gedämpfte Unterhaltung schwebte, lieber den erhitzten Gesichtern schien er zu liegen, in dem glasigen Blick der Augen. Er kroch aus dem schweren, süßlichen Duft der türkischen Zigaretten, deren abgebrannte Stummel bereits massenhaft den länglichen Porzellanteller vor dem Platze Tressenbergs bedeckten, füllte die schwüle, stickige Luft des grell erleuchteten Raumes mit seiner aufdringlichen Talmieleganz und der ungemütlichen, schablonenhaften Ausstattung, zeichnete seine Verheerung m das übernächtige Blaßgesicht des an der Tür lehnenden Leutnant von Poseck tauschte mit dem Waffenkameraden einen bezeichnenden Blick. Gleich darauf erhoben sich die beiden Artilleristen. Trotz des lebhaften Protestes der anderen zahlten sie ihre Zeche nnd verließen das Lokal. Als sie auf die Straße traten, schlug es vom Rathausturme vor ihnen zwölf Uhr. ,'s war höchste Zeit!" bemerkte Schmieder aufatmend, „das" wird noch eine wüste Sache heute, wenn die Bier nicht bald auseinander gehen." Sein Begleiter nickte. „Tas ist der Krebsschaden der großen Garnison, die doch keine Großstadt ist. Weil der Tag zu öde verläuft, deshalb werden die Abende so wüst." „Tas mag wohl sein. Es gibt ja Menschen genug, die sich außerhalb der ihnen vom Beruf vorgeschriebenen Tätigkeit nicht anders zu beschäftigen wissen", meinte der schone blonde Artillerist geringschätzig. Tann leise auflachend, setzte er hinzu: „Dieser dicke Eppen ist doch eigentlich em toller Kerl Was der sich so im Laufe eines Abends leistet, ist selbst für unsereinen manchmal etwas stark. Wenn der übrigens den jüngsten Offizier in die Hände bekommt, kann aus dem auch eilt ekliger Weiberfreund werden. Das Zeug dazu hat er schon in sich. Meinst du nicht auch, Poseck? Ter Gefragte versteckte das Kinn leicht zusammenschauernd tiefer in den Mantelkragen. Ich meine", sagte er dann und feine Stimme klang seltsam hart, „daß die x. Husaren an diesem Freiherrn von Trefsenberg eine recht zweifelhafte Errungenschaft ge- er ihr toll den Hof. n Daß er sich gern mit ihr unterhielt, war zweifellos. Wenn sie erschien, schlank, graziös, schick, dann schwand der Hochmut aus seinem Gesicht und seine kalten, braunen Augen bekamen Glanz. Die Anmut ihres Wesens, gepaart mit echtem Stolze eines teilten Herzens, hatte etwas ungemein gewinnendes und die naive, unschuldige Art, in der sie ihn sichtlich bevorzugte, nötigte ihm ein inniges Darikbarkeitsgesuhl für sie ab, das aber weit von Liebe entfernt war. Zu einem solchen Gefühl wäre er jetzt überhaupt nicht fähig gewesen. Unter der Last seines eintönigen Berufes waren schnell alle warm emporqnellenden Gefühle in ihm erstickt. Er war nichts weiter als ein Automat, der gleichgültig Tag für Tag sein Pensum herunter arbeitete, je nachdem das Parolebuch es gebot. Mit seinen Kameraden stand er noch immer aus demselben höslich^formellen Fuß, wie am ersten Tage — er fand keinen Freund, er blieb innerlich völlig enttarn. «elbst die erquickenden Stunden des Beisammenseins mit ^sa Bauer wurden ihm bald durch die Sticheleien der Kameraden und durch die stete Kontrolle der Regimentsdamen, die schon eine Verlobung witterten, vergällt. Er kam nur noch selten auf die Eisbahn und wich dem fragenden Blick der schönen Mädchenaugen aus. Die Abende verbrachte er meist im Theater. Er amüsierte sich zwqr nicht besonders an diesen Theaterabenden, aber er ging eben, weil die Kameraden gingen und er sich nicht noch ausgeschlossener fühlen wollte. , , . . , Aus demselben Grunde fehlte er auch fast nie bei den kleinen, intimen Soupers, die nach! Schluß der Vorstellung in einem Extrazimmer des Lokals die elegante männliche Lebewelt und die wenigen Schönen des Theatervolkchens vereinte. Meist saß er gelangweilt abseits und beobachtete das lustige, sorglose Treiben der anderen oder bespöttelte die offenkundige Leidenschaft, welche ihm aus den braunen Augen der kleinen Naiven entgegen funkelte. Sie zu seinem Vorteil auszunutzen, daran hatte er noch nicht gedacht. So leichtfertig seine Reden klangen so wenig stimmte sein inneres Fühlen damit überein. Das »leine verliebte Mädchen hatte ihn ganz kuhi gela,sen bis zu dem Abend, da er verbittert durch einen dienstlichen Aerger, innerlich empört durch die neugierigen Blicke, welche wahrend der Vorstellung zwischen Isa Bauer und ferner Person hin und her geflogen waren, in gewisser trotziger Stimmung das behaglich erwärmte, hell erleuchtete Zimmer betrat. Er hatte bereits im Kasino mehr als sonst getrunken und begann nun mit seiner Anbeterin sofort ein verliebtes Getändel, auf welches diese fteudestrahlend einging. Das Souper mit dem reichlich fließenden Sekt erhitzte sein jugendliches Blut. In seinen braunen Augen glimmte es wie Funken unter der Asche. Nach Tisch hatte fick) die Ordnung völlig gelöst, es ging sehr zwanglos §11. Trefsenberg rauchte, in einer Sofaecke lehnend, eine Zigarette nach der anderen und das kleine brünette Ting schmiegte sich I dicht an seine Seite und flüsterte leidenschaftliche Worte. Schwer, raucherfüllt, erstickend heiß schwebte die Luft über der weißgedeckten Tafel mit den zerknüllten Servietten, den | halbgeleerten Sektgläsern, aus denen noch manchmal zögernd eine Perle aufstieg. (Fortsetzung folgt.) — iy — JoH. Malty. Schupp us aus Kießerr in feiner Bedeutung für die Hess, evang. Kirche. Nach einem Vortrag im Evang, Bund hier, gehalten von . Pfarrer D. Dr. Diehl in Hirschhorn. Schuppius ist einer der bekanntesten Theologen aller Zeiten, der eine große Anzahl von Biographen gefunden und besonders in vielen Erzählungen des Volkes weiter- gelebt hat. Dem Redner ist es gelungen, ca. 50 bis 60 Berichte aus der Marburger Zeit des Gelehrten aufzufinden nebst etwa 30 Briefen, die von der hervorragenden Bedeutung von Schuppius für die hessische evangelische Kirche Zeugnis geben. Nach zwei Seiten hin schilderte Redner diese mächtige Persönlichkeit aus hessischer Vergangenheit, als Menschen und als Gelehrten. Schuppius wurde 1610 in Gießen geboren als Sohn eines Ratsherrn, studierte in Marburg Philosophie und Theologie und wurde schon 1632 Repetent am Stiepndiatenhause in Marburg. Somit scheint ihm eine glänzende Laufbahn gesichert. Er erhält den Auftrag, das theologische und juristische Studium zu reformieren und ersteigt 1634 die Höhe seines Ruhmes, rüdem er mit 24 Jahren Professor der Philosophie wird. Mit diesem Augenblick beginnt ein Umschlag in seinen äußeren Lebensverhültnissen. Das seitherige Glückskind wird unaufhörlich von schweren Schicksalsschlägen getroffen, es entrollt sich vor uns ein wirklich tragisches Leben. Ende 1633 hatte er sich mit einer Tochter des berühmten Gießener Pädagogen Christof Helwig verlobt, ging 1634 auf Reisen, kam nach Rostock und Leipzig, ohne in den Zeiten des 30jährigen Krieges dort ankommen z>u können. Nach seiner Rückkehr nach Marburg 1635 ist diese Stadt infolge der Pest eine Wüstenei. Schuppius wird Professor der Geschichte und Beredsamkeit, es brechen Jahre bitterster Not über ihn herein. Bald hatte er einen Besoldungsrückstand von 1000 Talern, eine für damalige Verhältnisse ungeheure Summe, zu beklagen. Von dem Landgrafen erhielt er den Auftrag, eine hessische Chronik zu schreiben: gewiß em ehrenvoller Auftrag, aber abgesehen von einem Wild- schweru und einem Reh, die in die Küche der Frau Professor wanderten, erhielt er keinerlei Honorar, da der Landgraf kaum die alleruotwendigsten Ausgaben bestreiten tonnte. Emen tiefen Eindruck der Not und Entbehrungen geben die aufgesundeuen Briefe von Schuppius. Schon ist das Silber versetzt, da wird die Frau 1642 krank, auch alle Ehrengeschenke müssen zum Juden, der Vater ver- herratet sich noch einmal in hohem Alter, nirgends ist Geld zu haben, nirgends ist Hilfe zu finden. Schuppius klagt, er ser ein rechter „Kreuzträger" geworden, und dennoch — vielleicht gerade deshalb — ist er in diesen schlimmen Zeiten geradezu der Sonnenschein der hessischen Universität m Marburg gewesen, trotz allen Mangels stets gastfreundlich und heiter, sich selbst jeden Genuß versagend, um anderen eine Freude inachen zu können. Und welche unermeßlichen Verdienste hat er um die hessische Landeskirche gehabt! Um das Jahr 1635 sind etwa 80 Proz. oller Pfarrer in der Grafschaft Katzenelnbogen durch die Pest dahmgerafft. In diese Stellen, zu fast verzweifelten Bauern, die durch die Schrecken des 30jährigen Krieges und der Pest unendlich verwildert sind, müssen die jungen Kandidaten. Wenn sich solche fanden und sich in diesen Jahren von ca. 1635 bis 1648 auch wirklich bewährten, so ist das ein Verdienst von Schuppius, der seinen Studenten die Wahrheit seines Lieblingsspruches: „Mr wiffM- daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen", Nicht mit vielen Worten predigte, wohl aber durch sein ganzes Leben bewies: ein ganzer Mann, eine lautere christ- Uche Persönlichkeit. Seine Schüler haben die hessische Kirche über die Zeiten des 30jährigen Krieges hinausge- , eu„ Segen das Beispiel ihres Meisters, der seine Ansichten über Menschenleid und Schicksal und Bewährung "hieb" QTrt H^öusten niedergelegt hat in seinem Buche über ,(a nicht bloß als Persönlichkeit hat Sch. gewirkt, auch als Professor durch seine Ideen. Er war ein Vvlksmann und Prediger von Gottes Gnaden, ein großer Pädagoge und Uuger Politiker, der zum günstigen Ausgang des 30jähr. Krieges m Münster viel beigetragen hat. Seine Haupt- ichristen sind zwischen 1649 und 1661 entstanden, die besten Tluellen sind die Briefe und lateinischen Schriften. Großartig ist sein Werk: de opinione, d. h. von der „Einbildung", Won dem Sprichwort ausgehend „jede Gans meint, sie lege die besten Eier, und jeder Schrreider glaubt, er schneide die beste Kappe" lehrt er seine Studenten, die Einbildung ablegen unb allen Dingen auf den Grund gehen, nichts ungeprüft hinnehmen, sondern alles kritisch beobachten. Seine Bilder sind dem Leben abgelauscht; Anekdoten, Weisheit der Gasse gibt er, aber alles wieder voll köstlichen, tiefen Ernstes. Soziale Gedanken finden sich in Menge. So will er aufs Leben wirken. Dazu dient der Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart. Finden sich hier Abstände, so können sie nur beseitigt werden durch Erziehung. Mädchenerziehung sogar wird von ihm gewünscht, ebenso Mission unter den Heiden; Schulgründungen, auch in den Filialgemeinden, und planmäßige Erziehung helfen über die Nöte der Zeit hinaus. — Daß diese Gedanken von größter Einwirkung auf seine Schüler sein mußten, liegt auf der Hand. Nicht allein, daß sie wetterhart wurden in seiner Schule und unter den schwierigsten Verhältnissen aushalten und sich, bewähren lernten, sondern auch daß sie nach dem Kriege seine Gedanken auszubreiten suchten. So ist es nicht zu verwundern, daß die drei hessischen Gymnasien gerade Schuppianern ihre Blüte verdankten: Gießen, Darm- stadt (das vorübergehend nur zwei Schüler gehabt hatte), besonders Echzell, wo man sogar Arabisch und Syrisch lernen konnte und ein Jahr Universitäts-Studium sparte. Ebenso groß war der Einfluß von Schuppianern in kleinen Dorfschulen, sie sind überall die Träger der großen Bolks- schulreform in den 60er und 70er Jahren des 17. Jahrhunderts gewesen. Der geistige Erbe des großen Mannes war der Historiker und Pädagoge Johann Justus Winkelmann in Gießen. Ohne Zweifel war Schuppius ein guter Hesse, unb es ist bedauerlich, daß das Hessenland diesen großen, treuen Sohn in die Ferne ziehen ließ. Nachdem er von 1645 bis 1648 Hofprediger in Braubach gewesen war, folgte er einem Rufe nach Hamburg, wo er 1661 starb. Viel Heimweh nach seiner hessischen Heimat hat er in dieser Stadt empfunden. Auch unsere Zeit kann von ihm viel lernen. Nicht mit Redensarten lassen sich ihre Schäden heilen, wohl aber nach den Idealen von Schuppius durch wahrhaft religiöse Persönlichkeiten, die ihm darin folgen, das große Werk der Erziehung zu vollbringen. Fortschritte i« der Behandlung des Magens. Die bahnbrechenden Versuche des berühmten russischen Physiologen Pawlow, der die Erforschung der Magentätigkeit zur Aufgabe hatte, haben nicht nur die Physiologie, sondern auch die Therapie der Verdauungsorgane auf eine neue Stufe gehoben. Das von Pawlow angewandte Verfahren ist in weiten Kreisen bekannt geworden. Durch einen operativen Eingriff bildete er aus einem Teile der Magenwand des Versuchstieres einen Blindsack, den sogenannten kleinen Magen, und beobachtete die Sekretionsvorgänge, die sich in ihm abspielten, sobald das Tier Nahrung zu sich nahm. Schon die ersten Versuche Pawlows gaben überraschende Aufschlüsse über das Wesen des Appetits. Es stellte sich nämlich heraus, daß die bei Hunden durch das Vorhalten von Fleisch, Brot oder Milch angeregte Eßlust von einer ergiebigen Magensaftsekretion im kleinen Magen begleitet war. Pawlow tat infolgedessen den Ausspruch: „Appetit ist Saft" und nannte den Magensaft Appetitsaft oder psychischen Saft. Viel stärker als der bloße Anblick der Speise vermag das Essen selbst, das Kauen, die Magensaftabsonderung anzuregen, auch bann, wenn die Speise garnicht in den Magen gelangt, sondern aus einer künstlichen Oeffnung der Speiseröhre wieder herausfällt. In Anbetracht der hohen Bedeutung des Magensaftes für die Verdauungstätigkeit betonte Pawlow immer aufs Neue, daß man in der Praxis bei der Behandlung von Verdauungsstörungen auf die Hebung des Appetits einen größeren Wert legen müsse, als es gewöhnlich geschehe, denn dieser könne bei Magenkrankheiten geradezu bir Rolle eines Heilfaktors spielen. Für die Anregung des Appetits kommen sowohl Geschmack und Geruch der Speisen als auch das Milien, in dem die Nahrung eingenommen wird, und die ganze psychische Verfassung Überhaupt in Betracht. Zur Hebung des Geruchs ■■■ ---------~t~~~-r- ;~~j »— 20 —» «nd Geschmacks der Speisen dienen bekanntlich gewisse Gewürze. Diese dürfen auch den Speisen der Kranken nicht fehlen, denn alles, was gut schmeckt und gut riecht, ist imstande, auf reflektorischem Wege von den Geschmacks- und Geruchsnerven aus die Absonderung von Appetitsaft einzu- leiten, während dieselben appetiterregenden Substanzen, wenn' sie erst in den Magen gelangt sind, meistens keine Sekretion mehr veranlassen. Natürlich ist bei der Verwendung von Gewürzen Vorsicht geboten, da scharfe Gewürze die Schleimhaut des Magens reizen und in ihr entzündliche Zustände Hervorrufen können, so daß der Vorteil der Absonderung des Appetitsaftes gelegentlich ausgewogen wird. Diese Nachteile sind bei der Anwendung von Fleischbrühe, Fleischsaft und den Lösungen von Fleischextrakt nicht vorhanden. Die genannten Substanzen bieten noch den Vorteil, daß sie nicht nur durch Vermittlung der Geschmacksnerven, sondern auch direkt vom Magen aus die Magensaftsekretion anzuregen vermögen. Worauf dieser direkte Einfluß auf die Magenschleimhaut beruht, ist noch nicht völlig aufgeklärt. Von besonderer Bedeutung sind die Pawlow'schen Versuche für die spezielle Diätetik der Magenerkrankungen. Eine eigentliche Tatsache ist, daß solche Alagenerkrankun- gen, die mit einer Sekretionssteigernng verbunden sind, gewöhnlich das Symptom der Appetitlosigkeit nicht aufweisen, ja gelegentlich mit einer Hebung des Appetits verbunden sind. Eine Herabsetzung der Sekretionsvorgänge wird durch O e l erzielt, das als direkter chemischer Reiz auf die Magenschleimhaut wirken kann. Wenn man durch die Oeffnung der Speiseröhre Oel in den Magen des Versuchstieres bringt und ihm dann Fleisch zu fressen gibt, beginnt die Sekretion erst nach einer oder anderthalb Stunden, während sie ohne vorherige Oelgabe schon nach 5 bis 10 Minuten einsetzt. Dabei ist die Verminderung der Sekretion der Menge des verabfolgten Oeles nicht entsprechend, vielmehr genügt schon eine geringe Oelmenge zur Erreichung des Zwecks. Das Oel übt auch eine beruhigende Wirkung auf die verstärkten Bewegungsvorgänge des Magens aus» Eine ähnliche Wirkung hat das Fett, ebenso der Zucker, auch er hat eine Herabsetzung der Säurebildung zur Folge. Als Sasttreiber müssen die Eiweißstoffe angesehen werden, doch vermag erst das mit dem Appetitsaft verdaute Eiweiß, wenn es in Peptone umgewandelt ist, die Saftausscheidung anzuregen. Bezüglich der Medikamente sei erwähnt, daß die verordnete Salzsäure so gut wie gar keinen chemischen Einfluß auf die Magendrüsen hat. Pawlow hat aber fest- gestellt, daß die Salzsäure der mächtigste Erreger der Bauchspeicheldrüsensekretion ist. Durch Darreichung von Salzsäure kann letztere um das Doppelte gesteigert werden. Wichtig ist, daß eine Reihe von Forschern die Wirkung der Mineralwasser auf den Magen nach Pawlowscher Methode untersuchen konnte. Es stellte sich heraus, daß die Kohlensäure und das Kochsalz gewisser Heilquellen die sekretonische Arbeit der Magenschleimhaut begünstigen. Alkalische Wasser z. B. Vichy und noch mehr Bitterwasser wie z. B. das Wasser der Hunyadi-Yanos- Quelle, setzen dagegen die Sekretion herab. ganz unwahrscheinlich Vorkommen. Das Ganze ist zu uw- tnteref[ant, um uns zu fesseln. Der Gegenstand wäre besserer Bearbeitung wert und könnte auch in der gleichen Anlage wirkungsvoll sein, wenn der Dichter es verstände, ihm Leben einzuhauchen. Aber Buchstaben reden nicht. Immerhin steht das Buch noch weit über Hans Otto Beckers Novelle „Aus einer kleinen Universität" (Leipzig, Moderner Dresdener Verlag). Novelle? Mit demselben Rechte hätte der Versasser es Erzählung oder Roman taufen können: in Wirklichkeit ist's nur ein Gefüge von Skizzen, in denen er Gießen verdammen will. Namentlich die Couleurstudenten, die holde Weiblichkeit und last not least der schreckliche Gesellschaftsverein müssen seinen Groll büßen. Zu diesem Behufe wandern Personen über Personen ohne jeden Zweck an uns vorüber. Sind sie dem Verfasser schließlich unbequem, läßt er sie spurlos verschwinden. Wenn er sie wenigstens noch sterben ließe, damit wir über ihr Schicksal beruhigt sind! Er nimmt sich nicht einmal die Mühe, Straßen- und Bereinsnamen umzuäudern. Ich möchte behaupten, daß dem Verfasser Bilses „braune Lappen" vor Augen geschwebt haben. Denn er läßt ja auch stolz 1. dis 3. Tausend auf das Heft drucken, als erwartete er eine Unmenge von Auslagen! Dieser Optimist! Spräche noch das geringste literarische Talent aus dem Buche, so könnte mau es immerhin damit entschuldigen, daß der Verfasser in Einzelheiten recht hat. Mer so mag mau der „Novelle" nicht einmal ein seliges Ende wünschen. Die Berliner Verlagsgesellschaft „Harmonie" bringt uns „Käthe Elsinger", einen Roman von Ernst Otto Nodnagel. Dieser, ein Darmstädter, ist in der Musikwelt sowohl durch Kompositionen tote durch Beiträge zur Musikliteratur längst wohlbekannt. In „Käthe Elsinger" bietet er uns ähnliches wie Bacher. Aber zwischen den beiden Büchern besteht ein himmelweiter Unterschied. Nodnagel macht es sich leichter als Bacher. Er erzählt einfach die Begebenheiten und veröffentlicht dabei eine große Anzahl von Briefen aus des Tondichters Leo Borg Liebe. Aber er lveiß bisweilen interessant zu plaudern, auch witzig zu sein. Keine langweilige Biographie, keine öde Lebensbeschreibung, nichts Sentimentales wie bei Bacher, aber ooch viel ergreifender als dieser, auch nicht gerade ein Roman, wie es Nodnagel selbst nennt, sondern eine Erzählung in flüssig referierender Form. Daß für die Musikwelt vielerlei Interessantes in dem Buche vorhanden ist, konnte bei Nodnagel als sicher vorausgesetzt werden. Aber nicht nur Musiker, nicht nur Bekannte und Freunde des darin behandelten Stosses werden das Werk lieb gewinnen, auch in der übrigen literarischen Welt kw dient es Beachtung. O- R. Für die Frauen. „Die Verwendung von Spiritus im Haushalt" nennt sich eine von der Zentrale für Spiritus-Verwertung in Berlin herausgegebene, hübsch ausgestattete kleine Schrift, die in Form von Briefen an eine Hausftau praktische Winke für die Benutzung der Spiritusapparate, namentlich Lampen, Bügeleisen und Kocher enthält. Das Büchlein wird in der Frauenwelt willkommen geheißen werden, weil es zum ersten Male in anregender und leicht faßlicher Form die Vorteile beleuchtet, welche die Verwendung von Spiritus im Haushalt bietet und über die Benutzung und Handhabung der Apparate manchen praktischen Wink gibt, ______________ Reue Romane. Im Verlage für Literatur, Kunst und Musik in Leipzig erschien „Die le tzte Schrift, ein Rückblick in das Leben eines Vergessenen." Von Eduard Bacher. Es ist em Roman im Roman. Ein Dichter, dem das Schicksal übel mitgespielt hat, der als hoher Siebziger elend und krank in der dumpfen Vorstadthütte sein Leben fristet, will noch einmal vor das Publikum treten, und so schreibt er seine Memoiren. Dann aber ist es mit ihm zu Ende, der Tod erlöst ihn. Die Fabel ist verarbeitet. Die Ausführung erinnert mich an Hauptmanns Nocturnus „Elga". Wer wenn man von der Schilderung eines Dichierlebens viel erwartet, so enttäuscht uns das vorliegende Buch. Es ist zu nüchtern und nicht einmal frei von grammatischen Fehlem. Ohne Zweifel sollte Erlebtes in verhüllter Form zum Ausdruck kommen, aber dennoch will uns so manches Redaktion r Ernst Heß. — Rotationsdruck und Vertag der Br Logogriph. Machdruck verboten. Ich fließe durch weite und fruchtbare Auen, Meinen Namen verkünden süni Zeichen. Du willst mich als munteres Mägdlein erschauen? — Dann mußt du das erste mir streichen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der KönigSpromenade in voriger Nummer; Vielfach ist der Menschen Streben, Ihre Unruh, ihr Verdruß; , Auch ist manches Gut gegeben, Mancher liebliche Genuß; Doch das größte Glück int Leben Und der reichlichste Gewinn Ist ein guter, leichter Sinn. Goethe. ühl'jchen Universitäts-Buch- und Sleindruckerei. R° Lange. Diebe«.