a Phoi-oär -au j e.., Dem Irrlicht nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Sein Gefährte ihm gegenüber hieß Hermann Welius und bildete den krassesten Gegensatz zu ihm. Er war ein blasser, kränklich aussehender Jüngling mtd hinkte ein wenig. Er lebte bei seiner alten Mutter, welche in ihm ein Wunder der Schöpfung sah und ihn verhätschelte, als sei er noch ein Baby. Die Aerzte hatten ihm seit seiner Kindheit eine kurze Lebensdauer prophezeit, und er, ein schwärmerisches Gemüt, sich so völlig in den Gedanken eines frühen Todes eingelebt, daß er es für überflüssig erachtet, irgend einen praktischen Lebensberuf zu ergreifen. Er hatte einige Bände Gedichte herausgegeben im Selbstkostenverlag — um deswillen sich die Mutter und er allerlei Entbehrungen auferlegt — aber es hatte einige gegeben — unter ihnen auch Roderich Walldorf — welche ein hervorragendes Talent in diesen Dichtungen erkannten, und Hermann Welius fühlte sich damit einstweilen seiner Verpflichtungen gegen die Nachwelt ledig. Zu Roderich, dem älteren Freunde, schaute er in vergötternder Verehrung auf. Die Fülle der Gesundheit, welche von dessen kraftvoller Erscheinung ausging, schien sich ihm auf Stunden mitzuteilen, die opulente Behaglichkeit seiner Lebeirsverhältnisse bot dem ärmlich -und karg Gewöhnten manchen Genuß. Jetzt, als Wolfgang Kirsch nach beendeter Partie mit seiner kräftigen Faust die Dominosteine durcheinander schüttelte, daß es einen rasselnden Klang gab, und auch seine Stimme zu einem lautern Ton erhob, winkte Welius ihm mit drohend vorwurfsvoller Geberde. „Still, pst, pst! Ha, ich wette, du hast da eben unserem Roderich eine» großen Gedanken gestört! Ich sah es auf seinen Mienen, wie es in ihm blitzte und tagte — unter dieser Nerven- abspaunung vollzieht sich bei ihm allemal das beste." „Schieße los, Freund Roderich!" brüllte der Hüne aus vollem Brustton, denn das Flüstern ging ihm auf die Länge wider die Natur. „Ich will es gleich niederschreiben, aus deinem Riesengeist springt ja Site Minerva allemal gewappnet und gepaitzert hervor." „Laßt mich iit Ruhe!" brummte Roderich unwirsch, während er sein müdes Haupt ein wenig emporichtetc und mit manierierter Handbewegung das Glas Sodawasser zum Munde führte, welches neben ihm stand. „Ihr habt gar keine Ahnung davon, wie eS in mir aussieht. Da, nehmt euch eine frische Zigarre und laßt dieses fatale Klappern mit den Dominosteinen, es bringt mich um." Dann erhob er sich von seinem Lager, reckte seine Glieder und gähnte. „Eine widerwärtige, eine alberne Welt", murmelte er; „was verlohnt sich darin eigentlich der Mühe!" „Roderich, du bist der letzte, der so reden sollte," sagte Hermann Welius sanft und elegisch. „Was weißt du, kleiner Wicht, davon — komm, reiche mir da 1907 ij M I» H | Montag den 8- April r\ MW 4 MWK1 von meinem Schreibtisch das Heft linker Hand herüber, es ist ein Gedicht darin, das ich gestern abend niederschrieb, als —" Er hielt inne. Welius reichte ihm das Heft, ein loses Blatt wehte heraus und fiel auf den Boden. Welius hob es aus — „an Sylvia", stand da mit großen Lettern, über das blasse Gesicht des Kleinen flog ein Lächeln. „Ach, das meinte ich nicht," sagte Roderich und faßte mit einer hastigen Bewegung verdrießlich nach dem Blatt, das er in seine Brusttasche schob. „Hier — es war während der Fahrt gestern — die schwarzen Rauchsäulen, aus dem Schlote der Loko- motive aufsteigend, begeisterten mich." Die 6eiben Zuhörer, der Blasse urid der Hüne, saheit einander an. „Was ihn nicht alles begeistert!" riefen sie wie aus einem . Munde. Aber schon winkte Roderichs Hand gebieterisch Schweigen „Dem dunklen Schoße der Nacht entwunden. In Feuers Probe zu leicht befundeit —" begann er, und in pathetischen Reimen folgte des schwarzen Rauches Vernichtungskampf. Große Beifallssalve ertönte, der Hüne tat seinem Organ keinen Zwang mehr an, Hermann Wilius sah verzückt aus und trank ein Glas des vortrefflichen Rheinweins nach dem andern mtf des geliebten Freundes Wohl und Gedeihen. Die Rerven- äbspannung schien verschwunden, Roderich schritt auf und ab, deklamierend, dozierend, während Welius die Flamme int Kamin schürte, daß sie hell und freundlich aufloderte, ein behaglicher Anblick bei dem klatschenden Regelt draußen. „Wie viel Uhr ist es?" fragte Roderich. „Ich sagte es euch ja wohl schon, ich habe Paul Hendrichs eingeladen zum Souper im Familienkreis. Eilt ungemütlicher, selbstbewußter Patron — na, ihr kennt ihn ja, —■ weiß sich aber überall Verbindungen zu machen; int Spekulieren finö die Juden uns über, Kirsch — na, man muß eben auch mit solchen Käuzen rechnen." „Hast recht, Roderich, hast recht," rief Wolfgang Kirsch eifrig, „halte den Hendrichs warm, er ist schlau, sage ich dir, überschlau, und gefährlich oder nützlich, je nach den Umständen." „Pah, du mußt nicht glauben, als sei ich der Meinung, ich hätte ihn nötig, ich buhle nicht um Anerkennung und Ehren, wo mein Talent sie mir nicht von selbst zuweist, aber — er hat früher hier im Hause verkehrt, ich traf ihn bei der Klopp- Wengstern, er machte Besuch — ich mußte ihn doch einmal etulade». Langweilig, noch einmal Toilette zu machen. Unterhaltet euch, bis ich wiederkomme — apropos, Kirsch, deine Krawatte sieht mir bedenklich aus, und Ivie steht cs mit den Handschuhen? Warte, ich werde in meinem Vorrat nachsehen." Roderich trat mit der Grandezza eines Fürsten, der mit seinem Hofstaat verkehrt, in sein Schlafzimmer, und ein robustes, halb freudig, halb verlegen klingendes Lachen aus der Hünenkehle folgte ihm. „Ha, ha, ha, kann mir vielleicht passen — bin einmal nicht der Mann für Aeußerlichkeiten, und hier, wo alles so superfein — weißt du, Welius, zum ständigen Aufenthalt wär's mit 202 hier zu hyperkulturlich — hielt's nicht aus, wahrhaftig, hielt's nicht aus zwischen diesem Gekrimbsel!" Welius zuckte die Achseln, er glaubte es dem Wolfgang schon; der paßte auch wirklich nicht hinein, während er — o, diese weiche, fybaritische Behaglichkeit dünkte ihn etwas Köstliches! Außer Paul Hendrichs war nur noch Doktor Villatte geladen, auf des Kommerzienrats besondere Anregung, der erklärte, wenn Roderich mit seinen Literaten seinen Jargon rede, wolle er einen vernünftigen Menschen an seiner Seite haben, mit dem auch er ein Wort sprechen könne. Frau Cölestine Zernial erschien trotz des Platzregens. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe genommen, ihren Kleidersaum aufzuraffen auf ihrem kurzen Weg über die Straße, und hinterließ, wohin sie sich bewegte im Salon, eine feuchte Spur. Aber die abgetragenen Stellen der schwarzen Sammetjacke verhüllte das Lampenlicht, sie verstand es auch äußerst geschickt, eine günstige Stellung einzunehmen, bei der die Beleuchtung ihr vorteilhaft sein mußte. Sie war heute abend in brillanter Stimmung, die Komik ihrer Gesten und Geberden riß ihre Zuhörer ost zu lautem Lachen hin. Paul Hendrichs kam ziemlich spät. Roderich hatte schon mehrfach die Stirn gerunzelt und nach der Uhr gesehen. Als er eintrat, machte er wieder den vorteilhaftesten Eindruck, selbst Roderich mußte sich zu seinem Aerger im geheimen gestehen, der Mensch sah immer bedeutend aus. Er benahm sich sehr ruhig, sehr einfach, begrüßte den Hausherrn und die Hausfrau mit gewandter Höflichkeit, tauschte ein paar leichte, sehr natürlich herauskommende Scherzworte mit Sylvia, welche reizend in ihrem himmelblauen, mit schwarzen Sammetschleifen ausgepichten Kleid aussah —- und der er feine Bewunderung über ihr hübsches Emporwachsen und den reizenden .Eindruck, den sie machte, unverhohlen aussprach. Aber die freundlichen Komplimente konnten auf keinen Menschen einen tiefem Eindruck machen und keinerlei Eifersucht erregen. Später unterhielt er sich vorzugsweise mit Doktor Villatte und mit Erna und schien da Themata gefunden zu haben, die ihn und seine Zuhörer fesselten. Daß er sich irgendwie hervorzutun beabsichtige, konnte ihm keiner vorwerfen. Und so spaltete sich die Gesellschaft beinahe in zwei Hälften.. Roderich mit seinen Trabanten, Sylvia, die Tante und Frau Friederike auf der einen, der Kommerzienrat, Villatte, Erna und Hendrichs auf der andern Seite. Roderich freute es einesteils, daß Hendrichs Sylvia nur gering beachtete, er kehrte dagegen ein an ihm fremdes Benehmen der Pflegeschwester gegenüber heraus. Er war voll herzlicher, beflissener Aufmerksamkeit für sie, die oft an Zärtlichkeit streifte, Sylvia war strahlend, erregt, ausgelafssen über ihre Natur hinaus. Taute Cölestine erschien in ihrem Element. Erna, welche trotz der lebhaften Untergattung, welche sie anregte, nicht umhin konnte, die andere Gruppe zu beobachten, fragte fich zuweilen, woher diese völlig veränderte Tonart zwischen Roderich und Sylvia stamme. Das hatte kaum noch die Färbung eines geschwisterlichen Verhältnisses. War der Einfluß der Tante Schuld daran? Hatte sie auch Sylvia die Augen geöffnet, daß Roderich nicht ihr Bruder sei? Das Kind hatte bisher sicher noch kaum darüber nachgedacht, und jetzt — dieses kokette Abwehren — diese blitzenden Augenaufschläge — sonderbar — ganz sonderbar. Und Tante Cölestine — ja, wer hier fremd war, konnte, mußte glauben, sie betrachte die beiden für ein verlobtes Paar. Nach Tische sollte musiziert werden. 6ermann Welius ordnete geschäftig die Noten auf dem Pult, holte sich Instruktionen von Roderich, auch von Sylvia, der er eine rührend schüchterne Anbetung zu Füßen legte. Sie belohnte ihn dann von Zeit zu Zeit mit einem gnädigen Blick, den er „Himmelsstrahl" nannte. Aber ungefährlich war die Sache. Roderich wollte einige Teile aus seiner Oper vortrageu. Er redete eben sehr eifrig mit Paul Hendrichs darüber, über seine Motive, seine Intentionen, die Instrumentierung und Inszenierung, und ersuchte ihn in einer halb herablassenden, halb bittenden Form um {eilte ungeteilte Aufmerksamkeit. „Ich habe ja das Urteil verschiedener Kenner bereits ein« geholt," sagte er, ,choch das deine, lieber Paul, bleibt mir sehr wertvoll." Paul verneigte sich nur zustimmend, abwartend. Sylvia sollte die große Arie fingen aus dem zweiten Akt, für eine hohe Sopranstimme geschrieben, mit viel Koloraturen und großen Anforderungen an ein reiches Material. Roderich hatte in jüngster Zeit Sylvia diese Arie unter endlosen Quälereien emgepaukt, zu bewältigen vermochte sie sie natürlich nicht. Er wisperte eindringlich mit ihr, als sie an den Flügel traten. und wiederholte ihr seine dringlichen Mahnungen. Sie sah ganz ängstlich und gedrückt aus, voll bewußt der Verantwortung für seinen Erfolg, die er in ihre Hand legte. Erna sah hinüber und schüttelte den Kopf. Sie sprach aber ihre Ansicht über das Unternehmen nicht aus, denn Paul Hendrichs sollte ja als Kritiker fungieren und frei in seinem! Urteil bleiben. Sylvia sang mit Aufbietung all ihrer Kräfte, es war wirklich auerkenuenZwert, was die Kleine leistete, in Anbetracht ihrer Schule und Mittel und dieser Musik, die vielleicht eine erfahrene Prima Donna stutzig gemacht hätte. Um Paul Hendrichs Lippen schwebte ein paarmal ein unbeschreibliches Lächeln, sonst war sein Gesicht undurchdringlich. Zuweilen schweiften seine Blicke an den Wänden und Cinrichtungsgegenstäuden umher,- als ob seine Aufmerfamkeit abirre, er verriet aber nichts. Roderichs Stirn war gerötet, er spielte wie im Fieber und war nicht imstande, viel zu beobachten. Als die Arie beendet, !var es zuerst Tante Cölestincus Stimme/ welche sich erhob und einstweilen die Urteilsäußerungen der anderen noch verzögerte. „Aber himmlisch, entzückend — ergreifend bis ins Mark! Weißt du, Roderich, an toen Sylvias Stimme und ihr Vortrag! mich erinnert? An Jenny Lind, als ich sie in meiner Jugendzeit in Hamburg hörte. Genau dieser keusche timbre, dieser unsägliche Wohllaut, diese Nachtigalleukeyle!" Es blieb einen Moment tiefe Stille rings umher. Die Bemerkung hatte alle verblüfft. Da unterbrach der Kommerzienrat dis feierliche, erwartungsvolle Situation. „Stine, Stine!" erscholl seine Stimme vom anderen Ende herüber, „ich rate dir ernstlich, behalte deine Mücken allein iw deinem eigenen Kops, pflanz sie aber der Sylvia nicht in den ihren. Und nun, Sie, Herr Hendrichs, Sie scheinen mir in der Tat ein Urteilsfähiger Mensch zu fein, was ist denn da dran/ an dem Machwerk des Roderich?" Roderich erbebte in großem Zorn, diese Art des Vaters denk Paul gegenüber ärgerte ihn über die Maßen, er war doch kein! Schuljunge, über den der Vater sich eine Zensur einholte. Und Hendrichs — mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete Roderich der» Schulgenossen — so in die Enge getrieben, mußte mit einem Urteil heraus. Wie er sich wand, wie vorsichtig und abgemessen das alles klang, was er sagte! Ihm fehle ja natürlich der Zu-, sammeuhang — wenn Roderich ihn auch liebenswürdigerweise in großen Zügen mit den Grundlagen der Komposition bekannt gemacht, diese Arie erschiene ihm wirkungsvoll, wenn sie man müsse ihm die ungalante Einschaltung verzeihen — von einer geschulten Sängerin mit schönem Material ausgeführt werde< Er sandte einen freundlichen, Verzeihung heischenden Blick zu Sylvia hinüber, welche aber seine Bemerkung nicht gehört halte, da sie in Tante Celestes Armen lag und von ihr mit Zärtlichkeiten und Lobpreisungen überhäuft wurde. lFortseknug folgt.) Kus der Iugendzeii< Erinnerungen eines alten Gießeners. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Gegen Pfingsten brach der badische Aufstand aus mit der Tendenz, nach Hessen getragen zu werden. In Laudenbach an der badischen Grenze wurde eine anftührerische Volksversamm-- lung abgehatten. Kreisrat Prinz von Heppenheim, der und von Gießen her wohlbekannt war, hielt es für seine Pflicht, zur Ordnung zu reden, er wurde aber von dem wütenden Pöbel von der Bühne gerissen und totgeschlagen. Mein Hauslehrer, Herr S., der jetzt meinen jüngeren Bruder in Bearbeitung hatte, weilte um diese Zeit mit dem letzteren in seiner Heimat Rimbach, um dort die Pfingstferien zu verleben. Eines Wends kamen beide unvermutet heim. Nach Herrn S.'s Erzählung war Tags zuvor nach Rimbach die Kunde gekommen, daß ein großer Haufe Ausrührer von Weinheim ans dem Weschuitz- tal heraufziehe, um unseren bei Heppenheim stehenden Truppen in den Rücken zu fallen. Herr S. beschloß alsbald, mit meinem Bruder nach Hause zu reifen. Beide gingen eilends über die Berge nach Heppenheim und kamen gerade dazu, als unsere Truppen aus zwei Geschützen vom Bahnhof aus auf die Vorhut der ANf- ständrschen feuerten. Er meldete dem nächsten Offizier rasch, daß mehrere Taufend Freischärler in dem Weschnitztal heraufzögen und formte mit meinem Bruder gerade noch den letzten nach Darmstadt gehenden Zug, nach dessen Abgang der Eisenbahnverkehr eingeftettt wurde, benutzen. ', .„ r , Das Gefecht der hessischen Truppen bei Heppenheim ist ebenso in der Geschichte des Aufstands verzeichnet, wie die Tatsache, .Dan es den das Weschnitztal heraufzieh enden Freischärlern nacht gelang, die Pässe aus dem Weschnitztal »ach der Bergstraße zu forcieren, — 203 — Ern Teil des preußischen Armeekorps, welches den bedrängten hessischen und anderen Truppen $u Hilfe eilte, zog Wer Gieß-n. Boran ein Regiment Kürassiere, dann Infanterie und Artillerie. Sie tonen von der Grünberger Straße her und zogen um die südliche Schoor (gesprochen Schur). Die Tete hielt am Selterstor, in dessen Nähe unser Haus stand. Die Kürassiere waren in glänzenden Brustharnischen und Helmen. Ich erinnere mich ganz besonders eines dicken Majors, der in seinem Harnisch wie in einem Fasse saß und bei uns Jungen Heiterkeit erregte. Wir Seltersberger Jungen sprangen um die Reiter, die nebenbei bemerkt, die Karabiner schußbereit aus der rechten Hüfte hielten, herum und riefen: „Ihr schießt doch nicht aus unsere deutschen Brüder!" Man sieht, die Aufständischen hatten unsere Sympathien, die sich auch geltend machten, als einige Schivadronen Mecklenburger durch Gießen gen Süden zogen. War es ein Wunder, wenn wir Jungen uns bei Vorgängen wie Blums Erschießung mehr von den Dunkelmännern abwandten? Es ging nun aber bald mit der badischen Herrlichkeit zu .Ende. Einen tiefen Eindruck machte aus mich die Erschießung der Anführer nach Uebergabe der Festung Rastatt. Insbesondere -erinnere ich mich an den Tod des Adolf von Trütschler, dessen Namen ich von damals behalten habe, wohl hauptsächlich, weil er ein Schwager unseres Anatomieprofessors' Dr. Bischofs war. Diesen aber kannten wir Jungen alle, einmal weil er der größte Mann in Gießen mit der größten (Haken)Nase war, sodann weil er immer eine Portion Hunde mit silbernen Stöpseln Tin Leib herumlansen hatte, ferner weil er oben gegenüber der Anatomie sich ein großes Haus gebaut hatte, und endlich, weil er der Schwager des großen Liebig war. Nach der Bewältigung des badischen Aüsstandes ging es mit der Herrlichkeit des tollen Jahres rasch zu Ende. Der König von Preußen sollte deutscher Kaiser werden, wollte aber Nicht. Das war merkwürdig. Von den Grundrechten wurde viel gesprochen (sie sind bei uns in Hessen fauch im RegieruugÄ- blatt publiziert worden und gewannen damit Gesetzeskraft), sie wurden aber bald in die Rumpelkammer geworfen. Der Reichs- verweser Erzherzog Johann wurde zum Gespött. Heinrich von Gageru, der Held, verschwand von der Bühne. Er leuchtete auf .wie ein glänzendes Meteor und sank in die Dunkelheit zurück. .Er verteidigte später in der hessischen Kammer die Jesuiten und ließ feine Kinder katholisch werden. Unsere Bürgergarde paradierte noch einmal eines Sonntags in vollem Glanz auf dem Brand vor Gymnasium und Zeughaus. Ich sah mir mit einem Kameraden Namens Adrian die Sache vom. Dach des Gymnasiums an. Wir angehenden Gymnasial- Kvnfirnranden hatten unseren protestantischen Standpunkt damit wahren zu müssen geglaubt, daß wir eines Tages von dem Gaubloch des Zeughauses, das dantals noch zum' allgemeinen Fechtbvden diente, dem unten vorübergehenden katholischen Pfarrer Fluck »Pfaff, Pfaff" zuriefen. Zu unserer Schande leugneten wir die Tat und behaupteten, wir hätten unserem Kämeraden Adrian ,,Asf, Aff" zugerufen. Man glaubte uns nicht. Vielmehr bekamen ich als „Rädelsführer" (ich war es wirklich nicht) und Wriani wegen frechen Lügens je einen Tag Karzer zudiktiert, dm wir am nächsten Sonntag nach erlassenem Urteil, gegen das es keine Berufung gab, verbüßen mußten. Die Karzerzellen waren unter dem Dach des Gymnasiums angebracht, die Dachluken befanden sich hoch oben in der schiefen Decke und waren mit eisernen Gittern abgesperrt. Mer wir stellten den Stuhl auf den Tisch und aus den Stuhl legten wir die lateinischen Lexika, die wir zur Fertigung der Strafarbeiten bei uns hatten. So tonten wir gerade an das Gitter reichen. Das schraubten wir mit dem Messer los und turnten dann mit anerkennenswerter Gewandtheit durch die Luke auf das Dach. Als die Bürgcrgarde mit der Musik nufzog, saßen wir längst auf dem Dache und bewunderten ans der Vogelperspektive das militärische Schauspiel. Ich glaube, wenn der Sergeant Kraft in seinem grünen Kittel und der Muskete aus der Schulter seinen hoffnungsvollen Kprüßling dort oben, hätte sitzen sehen, dann würde die Kckrzer- buße noch ein seh-v schmerzhaftes häusliches Nachspiel gehabt haben. Denn obwohl ich 14 Jahre alt war, hat mein Vater mir noch mn- und , das anderemal die Ueberzeuguug von der Richtigkeit seiner Ansichten mit schlagenden Gründen beizubringeu g-e- föto. Zum Glück wurde damals, bei -der letzten Pirade, die :Etchs)snamkett meines Erzeugers zu sehr von seinen Pflichten Burg ergardrsten und den Befehlen des Barbiers Rolosf in Anspruch genommen., -achdem die Blirgergardc, ebenso wie sie gekommen, mit tun.-..-rem Spiele wieder abgezogen war, zogen auch wir uns ^urch dte Dachluken in unser freudloses Gefängnis zurück. Das Beste war, daß mein Leidensgenosse in der Zelle nebenan saß, sodaß wir uns wenigstens gut unterhalten konnten. Ich furchte, daß der Gegenstand dieser Kpnversation nicht die Reue -über unsere Missetaten war. Jene Parade sand an einem sonnigen Herbsttage des Jahres 1849 statt. Sie war die letzte, deren ich mich entsinne, und jedenfalls die letzte, die mein Vater mitmachte. Er hätte ohne Verlust für die Bürgergarde und für ihn schon eher ausscheiden rönnen. Denn das Ganze w-ar nur eine Spielerei, ohne die es nun einmal nicht ging. Sie -entschlief sanft, ohne erst ausgeM w erden zn müssen. Mit ihr endigt auch das Kapitel des tollen Jahres. Demi nach Bewältigung des badischen Ausstandes begann das Leben wieder seinen ruhigen Gang auszunehmeu. Der einzige Truppenteil, welcher bei der Heimkehr aus der Badenscheu Kampagne Gießen wieder berührte, waren die Mecklenburger Dragoner. Ich würde mich wahrscheinlich dessen gar nicht erinnern, wenn sich mit deren Durchzug nicht eine kleine Episode verknüpft hätte, die in Gießen allgemeine Schadenfreude hervorries. Gegenüber der Lötzschen Wirtschaft befand sich das Gasthaus zum Hirsch. Der Wirt hieß B., mit dem Beinamen der Grobe, so benannt wegen seiner sprichwörtlichen Grobheit. Seine Gattin stand ihm treu zur Seite, sie war eine geborene Schwan, und ihre Devise war: „Bell bei Bell (Bettel), die Schwane schwimme obe". Im Hirsch war eine größere Anzahl Dragoner einquartiert. Die Leute glaubten Ursache zu haben, Mt der Bewirtung unzufrieden zu sein, und als das Regiment andern Tags weiterzog, blieben einige der Dragoner zurück, legten ihren Wirt über den Tisch und prügelten ihn mit den flachen Pallaschen windelweich. Außer dem Gemaßregelten selbst soll sich niemand in Gießen über diese Eigenmächtigkeit entrüstet haben. Wir Jungen wenigstens haben keine Stimme des Bedauerns vernommen. (Fortsetzung folgt.) Krankheitstt der Nebergarrgszerterr. Von Dr. me-d. W. Kühn, Leipzig. Nachdruck verboten. Motto: Liebe, Husten, Rauch und Geld, mit aller Macht man nicht behelt. (Schottel.) In dm Uebergangszeiten des Jahres, im Frühling und Herbst, mit ihren plötzlichen Temperaturschwankuugeu in Verbindung mit kalten Niederschlägen und Bodeiifeuchtigkeit, pflegen Erkrankungen aufzutreten, die wir mit Recht als solche der Uebergangszeiten bezeichnen können. Man ist geneigt, eine ganze Reihe von ErschÄnungen hierher zu rechnen, und es wird keinen unter unseren Lesern geben, der nicht an sich oder Bekannten die Erfahrung gemacht hat, wie leicht in der jetzigen Zeit Halsentzündungen, Katarrhe des Kehlkopfes, der Luftröhre und der Lunge, Lungenentzündungen und Influenza, Rhcumatis- mus und Neuralgien (Reißen) entstehen. Alle diese Erscheinungen sind meist vom Husten begleitet, und auf sie trifft zu, was Hans Sachs in seinen Fastnachtsspielen als Zeichen der rauhen Jahreszeit sagt: „von huosten, rützm und speiben mäht wir in der kirchen nit pleiben." Es ist sonderbar, daß die meiste» Menschen nicht wissen, wie der Husten entsteht. Er ist nichts weiter als eine Veränderung in der Atembewegung und kommt dadurch zustande, daß der Verschluß der vorher krampfhaft verengerten Stimmritze plötzlich gesprengt wird-, was umso leichter möglich ist, weil meist eine tiefere und kräftigere Einatmung vorhergegangen ist. Dabei findet ein ganz komplizierter Mechanismus statt. An einer Stelle der Unterseite der Stimmbänder befindet sich nämlich ein von dem Nervus Vagus abstammender Empfinduugsnerv. Wenn dieser gereizt wird, was durch Eindringen von Fremdkörpern irgendwelcher Art, wohin auch der Schleim gehört, aber auch bei Entzündungen der Luftwege stattfinden kann, so teilt sich diese Reizung dem Reflexzentrum im oberen Rückenmark mit und ergreift von da die Bewegungsnerven der Atmungsmuskeln des Brustkastens und der Bauchwände, wodurch dann das plötzliche Ausstößen der Luft mit der oben geschilderten Erscheinung erfolgt. Der Husten ist danach keine selbständige Krankheit, sondern nur das Anzeichen eines regelwidrigen Zustandes, der manchmal, aber nicht immer, nach Hinwegnahme der Ursache schwindet. Weshalb treten denn nun aber jene Erscheinungen, die den Husten und meistenteils auch in Verbindung mit ihm den Schnupfen, die Absondermng bet entzündeten Nasenschleimhäute, verursachen, gerade in den Uebergangszeiten des Jahres aus? Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß dabei vor allem „die Erkältung" eine große Rolle spielt, und zwar dadurch, daß sich der menschliche Körper im Zimmer in einer verhältnismäßig hohen Temperatur befindet, aber beim Hinausgehen in eine niedrigere, eine starke Abkühlung erfährt, die ein Sinken der Eigenwärme unter die Norm im Gefolge hat. An und für sich stellt indes eine solche noch keine Erkältung dar, denn sonst müßte ein bloßer Aufenthalt in kalter Lust oder im kalten Bade, welcher den Körper ebenfalls unter die Norm abzukühlen vermag, ebenso wirken, was doch nicht der Fall zu sein scheint. Es muß noch ein Punkt hinzukommen, um die Schädigung zu bewirken und das ist die Plötzlichkeit des Ueberganges. Wenn nämlich der erhitzte Körper mit seinen außerordentlich erweiterten Gesäßen plötzlich an der Oberfläche der Kälte ausgesetzt wird, so wird ihm nicht nur sofort eine beträchtliche Wärme entzogen, sondern das so plötzlich abgekühlte Blut der Oberfläche kommt auch ganz kurze Zeit darauf in die inneren Organe und kühlt diese viel schneller und plötzlicher ab, als das beider bloßen Einwirkung der Kälte ohne vorhergegangene hohe Wärm« der 204 Redaktion: Ernst Hrtz. — Rotationsdruck und Veriaa der Brübl'ichrn UnwerKläts-Buch- und ©tetnbnideret, St. Laag«. Versteck-Riilsel. (Nachdruck verboten.) Man stiche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an rn „Wanderer . Kehrbesen - Serbien — Warmbier — Hundehütte ~ — — Sundgau — Ardennen — Streichhölzchen — Mundschenk Krankenbesuch. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummerr Zinsen essen mit ctuS der Schüssel. F«It gewesen wäre. Wir empfinden em Schaudern, toeittt wir aus einem heißen Zimmer in eine kühle Umgebung trete,t, und die krasse Abkühlung wirkt um so leichter auf etn Organ schädlich ein und verursacht seine Erkrankung, wenn solches schon geschwächt und weniger widerstandsfähig ist. Andererseits aber ist es gefährlich, wenn das Blick durch Zusammenziehung der Blutgefäße aus den von der Mlte betroffenen Teilen hinweg, und nach anderen hingetrieben wird, wenn also eme gefahrdrohende Blutüberfüllung stattfindet. Man hat ckälle ge- sehcir, in betten es bei plötzlicher Abkühlung eines erhitzten Körpers, z. B. nach dem Tanze, zu Zerreißungen der Gefäße und tödlichen Blutungen gekommen ist. Leider gibt es aber viele Menschen, die, ohne es zu wissen, mit zwingender Notwendigkeit sich selbst schädigen, und zwar dadurch, daß sie sich mit ihrer Kleidung nicht den Wltterungs- verhältnissen der Uebergangszeck anpassen. Selbstverständlich ist das nicht immer leicht, wenn es am Tage recht warm ist, be-> Abends aber kühl wird. Indes ist es heute Nicht schwere die Ueberklcider passend auszusuchen, wobei man redoch auch die beabsichtigte Körperbewegung berücksichtigen muß, weshalb man sich bei weiteren Spaziergängen in der jetzigen Zeck nicht so warm anziehett wird. Dennoch aber gibt es Leute genug, die, wenn sie am Sonntag ausgehen, . bei 16—16 Grad Reaumur ihren Ueberzieher tragen, wie wir es selbst beobachteten. Diese braucheti sich nachher über Erkältungen nicht zu wundern, so wenig wie solche, die im Winter den gleichen Ueberzieher bei 8—10 Grad Kälte und 8 Grad Wärme benutzen. . Wie denkt das Volk über Erkältungen? Es hegt m der Natur der Sache, daß sich zwei Verfahren gegenüberstehen. Die einen suchen der Erkältung vvrzubeugen, rndem sie sich möglichst wenig der Kälte und der rauhen Witterung aussetzen, sich und ihre Kinder sehr warm kleiden, jede Zugluft vermelden und sogar die Schlafzimmer, selbst wenn draußen noch 10 Grad Wärme sind, Heizen. Die andern hingegen stichen Wrno und Werter auf, fithren kalte Waschungen des gatrzen und halben Körpers auch in der kalten Zeit hindurch fort und »vollen so Haut und Schleimhäute an die Kältereize gewöhnen. Das letztere Versahren ist unter normalen Verhältnissen unocdingt vorzuziehen, denn das Herz wird damit an eine ausgleichende Arbeit gewöhnt und eine Regelung des Blutkreislaufes herber- geführt. Solche Menschen können ihre Haut so abhärten, daß sie selbst schroffe Tcmperatiirwechsel später ohne Schaden ertragen, während Menschen, die sich ängstlich vor einer Abkühlung hüten, gerade am meisten Erkältungen ausgesetzt sind. Ebenso ist es auch mit dem Luftzug. Wären unsere Wohnungen, Schulen u. dgl. genügend ventiliert, so würde mit den Veranlassungen zur Erkältung auch die Empfindlichkeit geringer, und die Zahl der Erkrankungen in dieser Jahreszeit würde bedeuteiid abnehmen. Ist aber eine Erkältung einmal zum Ausbruch gelangt, so helfen alle die Vorbeugungsmittel nicht mehr. Am besten haben sich dann recht heiße Wasserbäder, Kasteitdampfbäder und elektrische Lichtbäder bewährt, die in Verbindung mit Aspirin (Azetylsalizylsäure), das vom Arzte verschrieben werden muß, manchmal Wunder tun. Bettdanipfbäder mit Abwaschungen mtd Packungeil sind ebenfalls sehr beliebt. Auch manche Teesorten aus Kräutern genießen im Volke als Schwitzmittels etn großes Ansehen. Nasenduschen und Einatmung von Dämpfert mtt und ohne Zusätze, sowie fein zerstäubte Medikamente werden der Erkrankungen des Nasenrachenraums gern angewandt oder verordnet. Den Husten sucht man teils durch milde, laue, schleimig- ölige Sachen zu bekämpfen, teils aber durch "narkotische, den Hustenkitzel und die Reftexreizbarkeit mildernde Mittel, die meist Verwandte vom Morphium und Opium siiid. Treten ernstere Erscheinungen auf, wie sie eine Influenza oder tiefer gehende Katarrhe mit sich bringen können — auch manche Rheumatismen sind wegeti ungünstiger Einwirkung auf das Herz nicht immer leicht zu nehmen —, so darf nian nicht zögern, sofort zu einem Arzt zu schicken oder ihn aufzusuchen, denn gerade,die Krankheiten der Üebergangszeiten erfordern deshalb verhältnismäßig viele Opfer, weil man sie zu leicht nimmt und glaubt, den Arzt entbehren zu können. öermiWtes» * Ein Murillo für 300 Mark? Russische Blätter melden, ein bekannter Sammler in St. Petersburg, Paul Delia- roff, der Eigentümer einer der schönsten Privatgalerieu der Hauptstadt des Zarenreiches, habe einen ganz ungewöhnlich glücklichen Fund getan. Auf einer Versteigerung kaufte er um 151 Rubel ein Bild, das, vor seinem Angebote, bis zu 150 Rubel getrieben war. Und als er es zu Hause näher untersuchte, entdeckte er, so versichert man, unter dem Rahmen den Namenszug Murillos. Immer der gleichen Quelle zufolge, wird der russische Glückspilz schon von Angeboten aus allen Teilen der Welt bestürmt. Ein Berliner Museum (welches Museum? D. Red.) hat bereits Herrn Deljarosf 80 000 Mk. für das Gemälde angeboten, das einen Priester darstellt, der kleine Kinder segnet. Besagter Herr Deliaroff scheint im übrigen ein eigenes Talent für die Entdeckung unbekannter Kunstschatze zu besitzen. So erzählt man — «auch hier müssen wir die Verantwortung für die historische Wahrheit ihm überlassen —: er habe vor einem Jahre auf einer Auktion für 60 Rubel ein kleines Bild erworben, das sich dann als ein echter R e m b r a nd t erwies und das er für 35 000 Franken in Paris weiterverkaufte. Es wäre interessant, die An«! sicht deutscher Knustgelehrter zu diesen „Entdeckungen" zu hören. ^SklavereiinWestafrika. Der Engländer Newinsost hat unlängst in seinem Buche „Moderne Sklaverei" die unglaubliche Tatsache ans Licht gezogen, daß in Porlugiesisch-Westafrika, vor allem itt Katumbela bei Benguela unter den Augen ja mit Wissen der Obrigkeit unter der Maske der Eiuliefermtg von Lohnarbeitern ein schändlicher Sklavenhandel betrieben wird. Um Lohnarbeiter zu erhalten, veranstaltet mau im Jnttern des Landes regelrechte Menschenjagden. Die geraubte Menschenware wird daun au hie Küste transportiert, wo die halb und ganz wilden Söhne Afrikas vor einen portugiesischen Beamten geführt werden. Dieser fragt die der Sprache Unkundigen, ob sie den Wunsch haben, nach den Inseln St. Thome oder Prinzipe als Lohnarbeiter zu gehen. Der Dolmetscher überseht aber die Frage in irgend eine andere Frage, die ohne Anstand mit „ja" beantwortet wird. Diese Antwort wird amtlich beglaubigt als Einverständnis mit einem Kontrakt, der die Schwarzen für fünf Jahre zur Arbeit auf einer Plantage verpflichtet. Der amtliche Sitz dieses kegalifierten Sklavenhandels ist in Lissabon und führt den Namen eines Zentralkomitees für Auswandermtg. Ebenso bestehen auf den genannten Inseln amtliche Stellen. Ans den Kaknopflanzuugen erliegen die eingeführten Schwarzen schon nach wenigen Jahren der schweren Arbeit und der schlechten Behandlung. Viele versuchen zu fliehen, aber nur wenigen gelingt das. Wieder eingefangen i»erben sie meist zu Tode gepeitscht. Schon auf dem Transport aus dem Innern von Bihe gehen Tausende an Erschöpfung zugrunde. Der Weg von dort au die Küste ist buchstäblich mit Regerskeletten besät: denn wer nicht weiter kann, (bient werden, wenn die Peitsche nichts mehr ausrichtet, die Fesseln von den wundgeriebenen Gliedern abgenommen und man läßt ihn am Wege liegen, dem Hunger lode, preisgegeben. Ist eilt Sklave nach Ablauf des Kontrakts iwcy nicht gestorben, so wird der Kontrakt - einfach wieder verlängert. Kinder, die währenddem geboren werden, betrachtet der Plantagenbefitzer als sein kostenlos erworbenes Eigentum. Und dieser Handel erstreckt sich längs der ganzett portugiesisch-westafrtkanischen miste. Es wird Zeit, daß die Mächte dagegen einschrciten. — Vor dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein, Zweigverein Berlin-Charlottenburg, hielt Oberlehrer Dr. Lcßmann einen Vortrag über „Sprachliche Betrach- tungeri über die deutsche Frauenkleidiing . Der Vortragende zeigte, wie die Namen der Stoffe die manntgfachstrn Ausschlüsse gäben über alte Kulturbeziehungen und laugst vergangene Zeiten. Die Sboffnamen reichen zurück in die Manz- zeiten morgenländischer und byzantinischer Herrscher, in dw Blütezeit der italienischen Handelsstädte des Mittelalters. Von den Persern haben wir den Perkal und den Taft, von den andern den Kaschmir und den Kaliko, von den Arabern den Barchent, den Atlas, den BdolMir und die Id (französMe inpe, tupou-), aus Damaskus den Damast, aus Mossul den Musselin. Andere Stoffuamen stammen von Personen, von Tieren oder von der Art der Herstellung, wie der Tüll, der Alpaka, oder der Zwillich Wieder andere Si-ossnkmen weifen auf ihre Eigenschaften hm, zum Beispiel der Krepp (vom lateinischen erispus gleich kraus), der Mull (vom französischen mou, motte gleich weich). Bet den Stoffnamen erscheint es unangebracht durch Verdeutschung das Bild unserer äußeren Kultureutwicklung »erwischen zu wollen, zumal sie zweifellos im Lause der Zeit deutsche Sprachformen annehmen; anders liegt es aber bet den Kletdungsstuchiu. Uti- zweifelhast deutsch sind nur das Hemde, der Strumpf, das Mieder, der Schurz, der Hut und vielleicht auch die Bluse. Französischer Herkunft sind z. B-. Korsett und Taille. Jacke dürfte verwaüdt oder gar abzuleiteu fein vom mittelhochdeutschen „fchegge , bas sich noch! heute in Schecke oder scheckig findet. Französifchtta- lienischer Herkunft ist „Kostüms englischen Ursprungs das Cd, das den alten gernnanischen Sprachsinu der Kappe als eines vorn Kopf bis zu den Knien reichenden Gewandes behalten yar.