1907 — Nr. 116 I j ft» K iMW MM Jun Ken unter der Roman von M. Proßnitz (M. Nörenberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. Instinktiv hjatte Dagmar ihrem Gatten nichts von ihrer bevorstehenden Ankunft mitgeteilt. Sie fuhr daher in eurer Tro saue zu ihrer Wohnung. Der Portier riß nicht scqleckn erstaunt bie Augen lauf, als er Dagmar erkannte. , , Im §>ausflur begegnete ihr Franz, der eilig die Treppe emporsprang, um seinem Herrn die unverhoffte Ankunft zu melden So sah Dagmar nicht den Zug des Aergers, der bei des Dieners Worten über sein Gesicht glitt. Die kühle Begrüßung klärte sich auch ohnedem genugsam über seine unangenehme Heber» raschung auf. , , Mach dem Grund ihrer plötzlichen Anwesenheit gefragt, schützte sie ruhig nötige Besorgungen vor. Nervös ging Veltlingen im. Zimmer umher. , „Ich habe dir noch gar nicht gratuliert, Magnus , begann Tiagmar sanft, in dem Bestreben, über seine augenblickliche Verlegenheit hinwegzuhelfen. , , „Tsanke", entgegnete er falt. Flüchtig streifte sie sem zorniger Blick. Er sah nicht die rührende Lieblichkeit, die ihm aus ihren großen, trlaurigen Augen eiitgegenblickte. Seine sorgenden &e» hanken weilten viel zu sehr bei Fredine. Was sre wohl zu deü unverhofften Ankunft sagen würde? Nach Tagmars Ansicht inbetreff seiner häufigen Besuche bei der Hofdame zu fragen, hielt er nicht für nötig. Entschuldigte er doch noch immer vor sich selber ferne zahllosen Aufmerksamkeiten für die Gräfin mit dem Tank, beit er ihr schuldig sei. Tfaß Fredine sich diesen Dank in ungemessener Weise gefallen ließ, merkte er ebensowenig, wie ihre feste Hand, die ihn skrupellos das tun ließ, was sie Ivvllte. Tlaß der für heute festgesetzten ersten Ausfahrt nut bett Juckern nun nichts werden konnte, sich Veltlingen allerdings selber ein. Fredine dies schriftlich mitzuteilen, hielt er sedoch Nicht für ratsam. , Er entschuldigte sich daher vor Dagmar nur dienstlichen Verpflichtungen und eilte zu der Gräfin. Bald nach seinem Fortgehen ließ sich Fran von Borgwardt melden, welche von der Bsarvnin um ihr Kommen gebeten war. Ihr gedrücktes, ernstes Wesen verrieten Dagmar sofort das, was ihr der Brief schon .attgebeutet, hatte. Es , wäre eine lange, ernste Unterredung, welche die beiden Freundiniteil hatten. , Mit tvänenschimmernden Augen sah Kathr Dagmar beim Abschied an. „Ich komme mir vor wie em Henker. Tte hob langsam das blasse Antlitz. „Und doch danke ich dir." Aufgeregt versuchte Veltlingen unterdessen Fredme klarzn- Mlachen, daß die geplante Spazierfahrt mindestens für heute unterbleiben müsse. Aber das wollte die Gräfin durchaus Nicht cur- feh en. Sie beschloß vielmehr, jetzt erst recht die,beabsichtigte Fahri zu unternehmen, und zwar mit vollen Wissen seiner Gattin. Glaubte sie doch dadurch dem Gerede, das ihr ebenso bekannt war wie Veltlingen, in der besten Weise Abbruch zu tun. Schweren Herzens willigte Veltlingen endlich in ihren Plan/ ihn mit den Juckern von seiner Wohnung) abzuholen. „Daß Ihre Gattin mir, der früheren Kollegin, nicht gleich heute einen Besuch macht, ist ja ganz natürlich", meinte sie,leichthin. ,^Jch will ihr diese Unbequemlichkeit auch gern ersparen/ wir sehen uns jla doch wohl, wenn ich Sie, lieber Freund/ heute nachmittag abhole?" Lauernd fuhr ihr Blick zu Belt-, lingen, dem ersichtlich bei diesem Vorschlag nicht wohler ward. Unwirrsch verabschiedete er sich. Mit spöttischem Gesicht sah Fredine ihm vom Fenster aus 1 „Barrieren ist die erste Pflicht, Mein Lieber", sprach sie hart, „biegen oder brechen. Wirst du es nicht, dann ist es die Reserve."- Sie trlat mit raschen Schritten an ihren Schreibtisch, aus dessen Geheimflach sie die Antwort Radachs nahm, die er ihr auf ihre Benachrichtigung von dem herzoglichen Gnadenbeweis gesandt hatte. Wer ihre Züge hellten sich nicht auf, als sie die wenigen Zeilen las, in beiten er ihr seinen tiefgefühlten Tank für ihre so übersaus gütige Mithilfe aussprach. Diesen Dank, den persönlich auszusprechen ihn eine dringende Angelegenheit 1) crl)iitbcrtc. Aeroerlich faltete Fredine die Brauen. Welcher Art mochte diese Angelegenheit sein? Was hinderte ihn am Kommen? Sie konnte sich nun einmal nicht eines gelinden Zweifels an der Wahrheit seiner Angabe erwehren. Von innerer Unruhe getrieben, ging bte Grafm unter solchen wenig erfreulichen Erwägungen hastig int Zimmer umher. Allerlei Pläne kreuzten blitzschnell ihren Köpf. Aber ebenso «sch wie sie auftauchten, verwarf sie diese auch wieder. Da blieb sie aus einmal mit einem kurzen Ruck mitten im Zimmer stehen. Ihre Augen weiteten sich in schreckhaftem Staunen. Wahrhaftig! sie war auf dem besten Wege, die Hauptergeir- schtaft eines gewandten Spielers — die Kaltblütigkeit SU toerlicrcit ... 1 * Nicht minder unbehaglich war Veltlingen zu Mut, als Dagmar mit tiefernstem Gesicht in fein Zimmer trat. Augenscheinlich weniger denn je geneigt, ihren Vorstellungen Gehör ju geberp beantwortete er ihre flehendlichen Bitten Mit spöttischen , Be merkuugen, die trotz aller Vorsicht für seine schuld mehr emgee standen als verhüllten. , Mit bewimderswerter Khaft beherrschte Dagmar ihre berechtigte Empörung. Immer wieder versuchte sm ihn sttll und sanft von dl em Unrecht, das er ihr getan, zu überzeugen, ihm das Versprechen abzuringen, daß das alles von Mt ab anders werden sollte. „ , ’ . , . ‘ Er hlieb nach wie vor bei der Behauptung, daß an dem ganzen Klatsch kein wahres Wort fei und er unmöglich ein« treue Freundin durch plötzliches LinkÄiegenlassen ms Gerede bnne gen könne. 462 — Na war es denn doch nm Dagmars Selbstbeherrschung geschehen. Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht. „Wenn du es denn nicht um meinetwillen tun willst, Magnus, ich flehe dich >an — denke au unser Kind." „Tas tue ich eben", behauptete er kecklich. „Und wenn du ein Nein toenig mehr Lebensklugheit hättest, würdest du dieser! albernen Klatsch niederzuschlagen suchen." Sie sah ihn erstaunt, verständnislos aut „Ich?" „Isa, du", war die mit abgewandtem Gesicht gegebene Antwort, „aber dnf so einfache Sachen kormnstj du natürlich gar nicht irr deiner angeblich „tiefgekränkten Frauenwürde". Und als Dagmar noch immer verwundert schwieg, fuhr er hastig fort: . „Tu solltest doch allein so klug sein, dir zu sagen, daß von deinem Benehmen jetzt alles abhüngt. Kommst du der Lindstrom freundlich entgegen, so ist das doch Wohl der beste Gegenbeweis für die Klatschbasen. Nach Meiner Auffassung wäre es das richtigste, du kämst heute nachmittag, wenn die Gräfin mich zu der Spazierfahrt mit ihrem neuen Gespann abholt — ach so, ich vergast bisher dir davon zu sagen, — wenn du dann einen Augenblick an den Wagen kämst, um die frühere Kvllegin zu begrüßen." „Magnus", schrie Dagmar auf, „das wagst du mir zu bieten?" Sein flackernder Blick glitt scheu an ihr vorbei. Er schwieg. Langsam, ohne noch ein einziges Wort hinzuzufügen, erhob sich die Baronin und itmttbte sich zur Tür. „Du willst «also diese einfache Höflichkeitspflicht nicht erfüllen?" tönte Beltlingeus Stimme zu ihr hin, heiser und brüchig vor Aufregung. „'Nein"! klang es hart zurück, „denn das, was du für eine Höflichkeit gegen Me Gräfin hältst, ist eiste Beleidigung deiner Gattin." „Lächerliches Nusbiaufchen einer harmlosen Sache", murmelte Veltlingen zornig. „Tsas ist also dein letztes Wort in dieser An- gelegneheit?" Spähend glitt sein unsteter Blick zu ihr herüber. Ob sie nicht doch noch andern Sinnes wurde? Dagmar hatte sich bei seiner unerwarteten Frage noch einmal zurück gewandt .Ihre Augen ruhten mit ernstem Vorwurf stuf seinem gelblichen, in nervöser Erregung zuckenden Antlitz. „Daß du mir das antun konntest", stand deutlich in ihrem stillen Gesicht. Ihm wlar ihr Schweigen unerträglich. Es reizte r ihn, grstde weil er den berechtigten Vorwurf daraus entnahm, f grenzenlos. - is „Du wirst 'also nicht au den Wagen kommen?" „Nein." „Ist düs dein letztes Wort?" schrie er sie plötzlich an, jeglicher Selbstbeherrschung bar. „Ist", antwortete Dstgniar fest. Es lag eine grenzenlose Verachtung in dem einen Wort. Veltlingen empfand das auch nur zu gut, aber ehe er irgend etwas zu entgegenen vermochte, fiel die Tür hinter Dagmar ins Schloß. Im ersten Augenblick trollte er ihr zornentbrannt nacheilen. Sie sollte — mußte — seinen Wünschen Nachkommen. Aber dann ließ er cs achselzuckend. Pah, mochte sie inunerhin ein Weilchen grollen. Aus die Dauer wiirde sie es nicht wagen!--- Sehr ungnädig nsthnr die Lindstrom seine Mitteilung von Tstgmars angeblich schlechten Befinde» entgegen; sie zweifelte' keinen Augenblick au dem absichtlichen Nichtkommen der Baronin. Zornig kniff Fredine die vollen Lippen zusammen. Schändlich, büß ihr fd sein ersonnener Plan so mißglückte. Steifbeinig war der Baron unterdessen zu ihr auf den Bock geklettert, .wobei sein wohlgefälliger Blick mit augenscheinlichem Behagen ihre zierliche Erscheinung streifte. Weck saß der leichte Strohhut auf ihrem rotblonden Haar, dsts im Nacken zu einem festen Knoten gedreht war. Ihre kleinen, nervigen Hände, die so sicher die gelbe Leine hielten, steckten in langen Wildlederhandschuhen, die fast bis an den Ellenbogen des schlohweißen Leinenkleides reichten. Immer noch die nämliche Zornesfalte auf der Stirn, sah Fredine den Baron an. „Fertig?" Er nickte. Eilig ging es von dünnen. Am 'Ende der Jägerallee bog Fredine in den Wald. Lautlos rollte der leichte Wjagen auf dein weichen Boden dahin. Die! Gräfin redete noch immer kein Wort. Verstohlen sah Veltlingen von Zeit zu Zeit nach ihr hin. Ihre Brust hob und senkte sich in immer schnelleren Atemzügen, während ihre funkelnden Augen starr auf die Pferde blickten, die unruhig die Köpfe hvchwarfen und vergeblich mit den scharf gestützten Schwänzen' die zahl-, reichen Bremsen abzuwehren suchten. Es Hag trotz des Spätnachmittags noch eine drückende Schwüle unter den Bäumen. Kein Luftzug, der dst durch die reglosen! Zweige gefahren wäre. Ein unheimliches, lastendes Schveigen, das weit entfernt war von dem tiefen, heiligen Waldfriedem der sonst unter den schattenden Bäumen weilt. Ein sonderbar« beklemmendes Gefühl bemächtigte sich immer mehr der beiden. Veltlingen brstch endlich diese unheimliche Stille. „Ich glaube, wir bekammen ein Gewitter." „Tjas glaube ich auch", stieß Fredine mit unverhohlenem Spott hervor. Ungeduldig riß sie die Pferde zusammen, die unruhig vorwärts drängten. „Oder", ivfmtbte sie sich schroff mt ihren Begleiter, „soll ich vielleicht das dankend einsbecken?" Sekundenlang blitzten ihre Augen ihn zornig an. Veltlingen schwieg ratlos. „Zeit lassen," murmelte er endlich leise. Dü scheute plötzlich das Handpferd vor einem Baumstump,.. „Sjatan, willst du wohl parrieren!" rief J-redine zornig, dem ohnehin aufgeregten Tier einen heftigen Schlag mit der Peitsche versetzend. ,/Vorsicht, Gräfin", stieß Veltlingen erschrocken hervor. „Tie Pferde sind sehr empfindlich." „Ach was, empfindlich! Ich bin auch empfindlich, imb nicht gewohnt mir —" ihre blitzenden Augen streiften sekundenlang sein erregtes Gesicht — „mir so etwas bieten zu lassen." Mit ialler Kraft lehnte sie sich zurück, schonungslos die aufgeregten Tiere riegelnd, die dadurch nur noch unruhiger wurden und immer hastiger vorwärts drängten. Ter Baron schwieg. Das empörte Fredine nur noch mehr.: Und jals das_ Handpferd abermals vor einem Baumstumpf scheute, schlug sie in sinuungsloser Heftigkeit auf die Tiere ein, (Fortsetzung folgt.) Gießener StudertterrleSen im 17. und 18. Jahrhundert. Von Tr. Adolf Langguth. Das Lied von . der „alten Burschenherrlichkeit", die langst verschwunden, hat jeder. einmal gehört, mitgesungen, vielleicht auch nntempfunden, ohne sich eine rechte Vorstellung von dem, was emst gewesen und nicht mehr ist, zu machen. Schon wer das heutige Maturitätsexamen als den Höhepunkt des Schul- marthriums anzusehen liebt, muß sich eine kleine Korrektur seiner Begriffe gefallen lassen. Das' Abiturium ist eine Erfindung unserer Zeit, d. h. oes 19 Jahrhunderts. Ob eine schöne und gute, darum wollen wir hier nicht rechten. Irrig aber wäre die Annahme, daß in der „guten alten Zeit" sich jeder kurzerhand als Sttident hätte eiuschreiben lassen können. In Gießen ging z. B. der Aufnahme als akademischer Bürger nach dem Verlassen der Gymnasien in Darmstadt und Gießen, wenn der Mulus nicht gerade von Adel war und von den Privilegien des Standes Gebrauch machte, eine kurze Prüfung durch den Rektor eines Gymnasiums, den Rektor und den Dekan der Universität voraus/ und, dann erst wurde der junge Mann immatrikuliert. Natürlich kostete das Geld, das nur im Falle besonderer Armut erlassen Nmrde. Leider existiert nirgends eine Angabe darüber, wie hoch wohl der Etat (Wechsel) eines Studiosen damaliger Zeit gewesen ist. Aus dem 15. Jahrhundert ist ans dem Rech-: uungsbericht eures M. Nikolaus Rode tio» Lindenfels, der als Informator des Stud. Peter Jung aus Frankfurt im Jahre 1451 nach Erfurt ging, zu ersehen, daß sämtliche Ausgaben von Ostern 1451 bis zum gleichen Termin 1452 inkl. Immatrikulation und Kvllegiengeld 26 Gulden betrugen. Für das 17. und 18. Jahrhundert läßt sich aber aus dieser Angabe kein Schluß ziehen. Einen Hauptposten auf dem Budget bildete unzweifelhaft die Ausgabe für Getränke. Nicht bloß in der Studentenschaft, auch unter den „Philistern" !var das Zechen zu Hause, wie denn der Schwäbische Bund bereits 1492 Bestimmungen gegen das Zutrinkcn traf. Unter den Humanisten vor allen erwachte die Freude an Wein, Weib und Gesang. In dieser Zeit dichtete Fischart sein: „Der li.bse B hle. den ich Han", zechte der um Reuchliu versammelte Gelehrtenkreis oder die Genossen Mutians in Erfurt oder Gotha so gewaltig, daß sie am anderen Morgen die Kleider nicht unterscheiden konnten, präsidierte Eobanus Hessus einem Bierkönigreiche und trank alle unter den Tisch. Daß die Freude am geselligen Zusammensein in der leicht erregten Jugend bei Bier und Gesang zu Exzessen sührte, ist ohne weiteres verständlich. Moscherosch, der allerdings auf die Studenten. schlecht zu sprechen ist, sagt zu seiner Beschreibung eines Kneipabends (mn 1640): „Indessen ersah ich ein großes Zimmer, ein contubernium, Bierstube, Wein- schenke, H . . . Haus. In Wahrheit kann ich nicht eigentlich sagen, was es gewesen ist, denn alle diese Dinge sah ich drinnen. Die Vornehmsten saßen an einer Tafel und soffen einander zu, daß sie die Augen verkehrten als gestochene Kälber. Eines brachte dem anderen eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh. Der eine — 463 — sraß Gläser, -er Andere Treck, der dritte trän? aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davon übel ward Einer gab dem andern die Hand, fragten sich untereinander nach ihren Namen und versprachen, sich ewige Freunde und Brüder zu sein, mit angehängter dieser gewöhnlichen Klausel: Ich tue, was dir lieb ist, ich meide, was dir zuwider ist, band je einer dem andern einen Nestel von seinen Lodderhosen in des anderen zerfetztes Wams. Die aber, denen ein anderer nicht Bescheid tun wollte, stellten sich teils als Unsinnige nnd als Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe nnd rauften aus Begier, solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen einander die Gläser ins Genast, mit dem Degen heraus auf die Haut, bis hier und da eurer niederfiel «und liegen blieb: und diesen Streit sah ich selbst unter den Besten nnd Blutsfrennden selbst mit teuflischem Wüten und Toben geschehen. Andere waren da, die mußten aufwarten, eiN- schenken, Stirnknupfen, Haartupfen aushalten, neben vielen anderen Zeremonien, da die anderen aus diesen als auf Pferden oder Eseln saßen und eine Schüssel mit Wein auf ihnen aussoffen, etliche Bacchusliedlein dazu sangen, Bacchusmesse lesen: 0 vinum gio- riosum! Resp. mihi gratissimum! oder sie sangen: „Prächtig kommen alle Pennäl hergezogen. Die da neulich sind ausgeflogen Und haben lange zu Hause gesogen Von der Mutter usw." Das Ende war: „So tut man die Pennäl agieren, Wenn sie sich viel imaginieren Und die Studenten despektieren," wobei sie endlich zur Beschließung felber unter Zeremonien und Gesängen jenen das Haar abgeschoren als den Nonnen, so Pro-- fefj trri u Woscherosch übertreibt und andererseits ist zu bedenken, daß der 30jährige Strieg zur Verrohung der Sitten unter den Studenten sein Teil beigetragen, es bleibt aber immer noch genug übrig, um einen Gradmesser für den tiefen Stand der Sittlichkeit der Studentenschaft jener Zeit daraus zu mache». Die Protokolle aller Universitäten des 16. Jahrhunderts bereits sind reich an Notizen über blutige Händel, Schwängerungsfälle, Diebstähle, wie Roheiten aller Art. Die Marburger Annalen von 1619 erwähnen es lobend, daß dieses Jahr ohne Totschlag vorübergegangen sei, und die Deposition feierte ihre Orgien bereits lange vor dem AstährigeN Krieg. Allzu strenge dürfen wir über dieses derbe, oft unsittliche Verhalten der Studenten nicht zu Gericht sitzen. Es boten sich den Studenten außer der Musik und den Komödien keine Freuden der Geselligkeit. Und vielleicht sind die sinnlichen Ausschreitungen des 16. und 17. Jahrhunderts noch eher zu verzeihen als der Zynismus des überfeinen 18. Jahrhunderts. Doch kehren wir nach Gießen zurück, um das Studentenleben an der Universität kurz zu skizzieren. , War der Student immatrikuliert, so hatte er damit das Jagdrecht erworben und die Freiheit, in der ganzen Gießener Gemarkung in Wald und Feld, nach Hohem oder niederem Wild, wilden Enten und anderen Waldvögeln und nichts ausgenommen zu pürschen nnd zu Hetzen. Nur mußte er sich hüten, jagend im Steinberger Forst betroffen zu werden, denn dann wurde ihm nicht nur die Flinte abgenommen und der Hund erschossen, sondern er hatte auch noch andere Strafe zu gewärtigen. Bücher, Mehl und Getränke, soweit er sie zu seiner Notdurft brauchte, durste er zollfrei ins Land einführen. Da 1650 die Stuben vor die Herren Studiosos taxiert worden waren, so konnte er sich nach Maßgabe seines Wechsels und der „Losamententax" eine geeignte Wohnung aussuchen. Im übrigen erhielt die Universität Gießen, ebenso wie die ältere Scbwesteranstalt Marburg vom Landgrafen alle Privilegien, Rechte, Gerechtigkeiten, Immunitäten und Freiheiten bestätigt. die vom röm. Kaiser Rudolf II. bei der Gründung gewährt worden waren, und der Landgraf Ludwig V., der Stifter der Akademie, der die neue Anstalt a>ls ein besonderes Kleinod seines Fürstentums betrachtete Und sie emporzubringen eifrig bestrebt war, hielt strenge darauf, daß Angestellte und Studenten unmolestiert gelassen und von niemanden in den Privilegien tnrbiert oder beschwert wurden. Andererseits waren Rektor nnd Senat angewiesen, Ausschreitungen der Studenten streng zu Begegnen. Als Grundlage ihres Ver- haltens sollten die Statuten der Universität dienen, die zu verschiedenen Zeiten vom Landgrafen und der Regierung geändert wurden. Sonst war die Rechtspflege ein wohlerworbenes Recht der Hochschule, worauf die einzelnen Glieder der Akademie streng hielten. Der Pennalismns, dieser erschreckende Auswuchs großer, ia Unerhörter Roheit, wie wir ihn in der Schilderung von Moscherosch kennen gelernt Huben, blühte auch in Gießen. Bereits tut Jahre 1629 hatte sich die Universität Marburg mit den sächsischen und anderen deutschen Universitäten verbunden, den Pennalismns, die Absolvier- und Aeeeß-Schmäuße unter den Studierenden mit allem Ernste auszurotten. Jedoch konnte der Unfug nicht völlig beseitigt werden. Erst im Jahre 1654 gelang es den vereinten Bemühungen der Universitäten Marburg, Gießen und Rmteln nach geschehenem Vortrag auf der Reichsversammluug zu Regensburg, dem heillosen Pennalwesen und anderen eingerissenen UnoronungeU unter den Studierenden ein Ende zu machen. Verboten war auch „das Balgen" auf den Gassen d. h. die wilden und lebensgefährlichen Raufereien mit dem Stoßdegen und anderen gefährlichen Waffen, die gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts so überhand genommen hatten, daß die Regierungen durch Verordnungen dagegen cmkämpsten, allerdings meist vergeblich. Gegen das in Gießen stark eingeriffene „Häuserstürmen" wurde nach Steiften; geeifert: Es sei besser wenig studiosos, welche Ehr und Tugend sich besteißigen und in ihrem Beruf sich etnfia verhalten, als viele, die in Schänd und Laster leben." Das Schießen in der Nacht mit Büchsen, Rohren und Pistolen und das Raketenwerfen in der Stadt war mit besonderer Schärfe verboten. Streng untersagt war auch das Benutzen von Pechfackeln in der Stadt, dagegen hatte jeder Student von Michaelis bis Ostern nach; 9 Uhr eine Laterne oder ein Licht bei sich zu führen; versäumte er es, so wurde er von der Wache in Arrest genommen. Auch Fast- nachtsspiele, Mummereien, Maienstecken, Nachtmusiken und andere Exzesse waren besonders verboten. In den ursprünglichen Statuten der Hochschule waren für Gesetzübertretungen zahlreiche Steigerungen von Strafen vorgesehen. In der verwilderten Zeit des. 17. Jahrhunderts war auch der Student verwildert, und trotz der Strafen nahm der roheste Unfug fein Ende. Wohl schlimmer noch war es im 18. Jahrhundert. Wie das Leben eines Studenten zu Gießen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts beschaffen war, dafür haben wir in den Schilderungen Laukhards eilt klassisches Zeugnis. Dieser berühmte oder berüchtigte Magister, der außer seiner dickleibigen Selbstbiographie, diesem Kuriosum der deutschen Literaturgeschichte, noch ein halbes Dutzend derbrealistischer Erzählungen — Romane können sie nicht gut genannt werden — verfaßte, war ein; unverfälschtes, höchst interessantes Original des 18. Jahrhunderts. Die ernste Wissenschaft hat nicht viel von ihm hören wollen. Die Theologie, der er angehörte, hat den Rationalisten abgeschüttelt, auf dessen Lebenswandel die Rechtgläubigkeit mit Fingern zeigen konnte. War es doch so leicht, diesem Manne gegenüber den Pharisäer zu spielen. Aber auch Schriftstellern von freierer- Richtung und Gesinnung, wie Robert Prutz und Waldemar Kawerau haben ihn strenge verurteilt, ihn, der allerdings bei den Anlagen und der genossenen Bildung ganz anderes hätte leisten und werden sollen als ein heimatloser Vagant nnd ein literarischer „Stromer". Vom studentischen Standpunkt aus betrachtet, erscheinen seine Verfehlungen im milderen Lichte, seine Schilderungen aber sind kulturhistorisch von höchstem Werte. Wenn er seine Lebensschicksale erzählt, hat er dabei am wenigsten sich selbst geschont und, abgesehen von der trefflichen Stilisierung seiner Erzählungen, erkennt man aus jeder Seite den gebildeten, sogar den gelehrten Mann. Hier nur einige kurze Bemerkungen über seinen Bildungsgang. Friedrich Christian Laukhardt 1758 zu Wendelsheim in der Unterpsalz (Rheinhessen) als Sohn des dortigen lutherischen Pfarrers geboren, hatte in seiner Knabenzeit das Unglück, von einer int Hause wohnenden Tante, Vater Laukhardts leiblicher Schwester, zum Trnnke verführt zu werden, ein Laster, das unter den Pfälzer Geistlichen und Beamten in erschreckendem Maße herrscht. Laukhardts Vater, persönlich ein kreuzbraver und dabei grundgelehrter Mann, hatte von den Pflichten der Kindererziehung ebenso Iveuig wie seine Fran, eine Enkelin beä berühmten Gelehrten Johannes Schilfer in Straßburg, die richtigen Vorstel- lungen und überließ den Knaben dem verderblichen Einfluß der Tante und des Hausgesindes. So wollte der Junge trotz seiner nicht gewöhnlichen Begabung nicht gedeihen. Ein vorübergehender Ausenthalt in dem Pensionat des Inspektors Kratz in Dolgesheim, der nach der rohen Weise der Zeit seinen, unglücklichen Scholaren mehr Schimpfwörter und Hiebe als Kenntnisse beibrachte, war gleichfalls wenig geeignet, auf den jungen Laukhardt veredelnd einzuwirken, und so konnte es nur die schlimmsten Befürchtungen erwecken, als der kaum Sechzehnjährige eines» Tages seinen Ranzen schnürte, um, es war im Jahre 17/5, nach Gießen auf die hohe Schule zu ziehen, (Schluß folgt.) VEVMsdcHies« * Sehkraft und Alter. Die Mängel des menschlichen Auges sind schon mehrfach betont worden., Bekannt ist der Ausspruch eines Naturforschers, daß jeder Optiker die Ser Teilung eines Apparates ablehnen würde, der seinen Aufgaben so schlecht gerecht würde wie das Auge. Die Sehkraft gilt allgemein als die Kraft, in bereit Abnahme sich zu allererst das nahende Alter anzukündigen pflegt. Die Biographen haben eine Reihe von Fullen zu verzeichnen, in denen im Altertum tote auch in neueren Beiten hervorragende Männer ein hohes After, erreicht haben, ohne oaß, außer dem Ange, irgendeine ihre Fähigkeiten eme bebeuietwe Abnahme gezeigt hätte. Aber auch abgesehen von dem letzten ouch Mosis, da es heißt: „Und Mose war hundert und zwanzig ^ahre alt da er starb, feine Augen waren incyt dunkel geworden und seine Kraft ungebrochen", hat die Forschung auch Beispiele gesunden, in denen Menschen selbst im höchsten Alter noch ihre volle Sehkraft bewahrt hatten. Merkwürdigerweise sind diese Falle vornehmlich bei primitiven Menschenrassen zu verzeichnen, wie überhaupt ein außerordentlich hohes Aller bei manchen Naturvölkern ungleich häufiger vorkommt, als bei den Kulturmenschen. Die „Populär Science Monthlv" z. B. berichtet den Fall vo« — 464 einer Negerin, Ke im Jahre 1906 in Philadelphia starb unb die sich noch genau erinnerte, in Valley Forge Washington gesehen zu haben. Ihre Verwandten beanspruchten für sie das Alter von 135 Jahren. So sollten auch im Jahre 1885 noch eine Anzahl Kaffern am Leben fein, die als Krieger an einer Schlacht von 1818 teilgenommen hatten. Burton machte die Bekanntschaft eines Häuptlings, den er 1857 als einen außerordentlich alten Greis beschrieb. Achtzehn Jahre später traf Cameron denselben Alten an; nach wie vor führte er die Herrschaft seines Stammes und hatte sich äußerlich kaum verändert. Humboldt berichtet aus Südamerika ähnliches. Während seines Aufenthalts in Lima war er Zeuge von dem Tode eines Indianers, der 143 Jahre zählte. Im Akter von 130 Jahren war er erblindet, „bis zu diesem Unglück pflegte er täglich drei oder vier Meilen zu gehen." Humboldt erzählt auch, daß er während seines fünfjährigen Aufenthaltes in Mexico und Südamerika niemals jemand gesehen habe, der mit körperlichen Gebrechen behaftet gewesen wäre, ja nicht einmal einen Schieläugigen. Tschudi berichtet, daß ein Alter von 130 Jahren bei unverminderter Rüstigkeit durchaus nichts Ungewöhnliches bedeute. Diese Beobachtungen beziehen sich natürlich auf die einheimischen Rassen; bei den Mischvölkern liegen die Verhältnisse ungleich ungünstiger, von den in den Tropen sich ansiedelnden Europäern gar nicht zu reden. Ein beglaubigter Fall von Greisenrüstigkeit betrifft den Amerikaner David Work, der 1905 im Alter von 102 Jahren in Fredericton starb. Er spielte in seiner Gemeinde eine hervorragende Rolle und war bis zu den letzten Tagen rüstig und auch im Vollbesitz seiner Sehkraft. Aber die Fälle, wo ein hohes Alter mit unverminderter Sehkraft Hand in Hand geht, sind sehr selten bei den Kulturvölkern; bei ihnen scheint die Widerstandskraft des Auges gegen die Macht der Zeit von der aller anderen Sinnesorgane übertroffen zu werden. * Die keim zerstör end e u Eigenschaften des Tgbakranches. Bei der Sucht unserer Zeit, alle die Ge- üußmittel, bei deren Gebrauch unsere Vorfahren alt geworden sind, als gesundheitsschädlich anznsehen, muß es den Raucher mit Freude erfüllen, vom Tabak auch einmal etwas gutes zu hören. Tas Nikotin ist 'schon ein kräftig desinfizierendes Mittel, kommt aber int Rjauche selbst nur in sehr geringen Mengen vor, denn die ölige Substanz als Rückstand in einer Tabakpfeife enthält das Pyri- dinöl, welches außerordentlich giftig ist. In der Hauptsache besteht der Tabaksranch aus Kohlenoxyd, das keimtötende Eigenschaften haben muß, weil es als Mittel dient, leicht verderbliche Sachen vor Fäulnis bewahren zu können. Im „Lancet" wird darauf hiugewiefen, daß es auch noch einen anderen Körper gibt, der dem Tabakrauch seine desinfizierenden Eigenschaften verleiht, unb das ist das kräftig antiseptisch wirkende Formaldehyd, dessen Menge im Rauche durch ein geeignetes Verfahren leicht festzu- stelleu ist. Sie hängt tioit der Beschaffenheit und Güte des gerauchten Tabakes ab. So scheint die Zigarre mehr Formaldehyd hervorznbringen als die Pfeife und die Pfeife mehr als die Zigarette. Möglicherweise ist die besonders reizende Eigenschaft des Rauches, her von dem glühenden Ende einer Zigarette ober von der Glut einer Pfeife ausgeht, ebenfalls dem Formaldehyd zuzuschreiben. Man will mehr als einmal feffgestellt haben, daß Tabakraucher vor gewissen Krankheiten bewahrt bleiben und die häufige Anwesenheit eines mächtigen Antiseptikums im Munde, den Nasengängen und zuweilen auch in den Lungen würde bis zu einer gewissen Grenze die gemachte Wahrnehmung bestätigen. Wenn man in Rücksicht zieht, daß sich in der Nase häufig eine große Menge von Lebewesen befindet, so ist es selbstverständlich, wenn diese schon dadurch gestört werden, daß der Tabakrauch durch die Nafeuösfnungeu hinbnrchgeht. Ebenso würden auch die vielen kleinsten Bewohner der Mundhöhle dem Tabakrauche unterliegen müssen. — Wir wissen ja, daß Formaldehyd eines der kräftigsten Desinfektionsmittel ist, welches wir besitzen, und schon eine Lösung von 1:10 000 genügt, um alle Bakterien abzutöten, während eine solche verdünnte Lösung für den menschlichen Körper noch keine giftige Wirkung hat. — Mit diesen Feststellungen soll aber, nicht, wie der „Lancet" ausdrücklich hervorhebt, einem übermäßigen Gebrauch des Tabaks das Wort geredet werden, denn seine Giftigkeit verliert er nicht, wenn auch die angeführte gute Eigenschaft nicht verkannt werden foll. * Eine unbekannte Geliebte Friedrich Nietzsches. Unter diesem Titel erzählt der italienische Nietzsche-Biograph Guidi im „Giornale d'Jtalia" von einem demnächst erscheinenden deutschen Buche über Nietzsche, das eben jene Dame zur Verfasserin hat, aber jetzt erst, nach ihrem Tode, von ihrer Tochter herausgegeben wird. Das Buch wird den Titel führen: „Friedrich Nietzsche als Mensch, nicht als Uebermensch." Diese Frau PH., die von heißer Liebe zu Nietzsche beseelt war, war ihrem Idol nach Sorrent gefolgt; sie war ihm unbekannt, obgleich sie eine seiner eifrigsten Hörerinnen im Kolleg gewesen war. Damals war Nietzsche viel in Gesellschaft Malwida von Meyesen- bugs, des Doktor Rse und des Studenten Brenner. Die Unbekannte begegnete ihm ost, er war aber nie allein, bis sie ihn .einmal gegen Abend am Strande traf; er saß auf einem Felsen und blickte aufs Meer. Sie begannen zu plaudern, wobei er sich mit der Linken fortwährend den Schnurrbart strich. Später traf sie ihn im öffentlichen Garten und erzählte ihm von einem neuen Triumph, den Wagner in jenen Tagen in Deutschland gehabt habe. Zuerst verstand er nicht recht, ob es sich um einen Erfolg oder Mißerfolg seines „Feindes" handelte. Dann aber, als sie ihm mit einigem Enthusiasmus davon sprach, lächelte er und schien durchaus einverstanden. Zuletzt brachte sie ihm einen Strauß zum Abschied; sie sahen sich nicht wieder, aber als, sie von einer spateren italienischen Reise zurückkehrte, besuchte sie sein Grab. * Die jetzige erste Königin von Siam, die Gemahlin Tschulalongkorns,- verdankt ihre Stellung einer tragischen Wirkung des siamesischen Etikettenzwanges. Es gibt, wie Emst v. Hesse-Wartegg im 20. Heft der Zeitschrift „Ueber Land und Meer", (Stuttgart, Deutfche Verlangs-Anstalt), in einem reich illustrierten Aufsatz über den König von Siam und seinen Hof berichtet, zwei offizielle Frauen des Königs, erste und zweite Königin genannt, Halbschwestern des Königs, Töchter seines Vaters, doch von verschiedenen Müttern. Tie gegenwärtige erste Königin rückte ans der zweiten Stelle vor, als in den achtziger Jahren die erste Königin bei einer Bootfahrt im Meuaamstrom ertrank. Die hohe Frau war des Schwimmens unkundig, ihr königlicher Gatte war nicht zur Stelle, und kein anderer Mann durfte es wagen, ihre Person zu berühren, selbst nicht, um fie ans dem Wasser zu ziehen. Ihr Denkmal steht heute in denn herrlichen königl. Tropengärten von Bangkok, wo sich auch zahlreiche Denksteine, Pavillons, Kioske, Tempelchen erheben, die zum Audeuken lan andere verstorbene Mitglieder der Königsfamilie errichtet worden sind. Bei festlichen Gelegenheiten erscheint von all den Tausenden weiblicher Wesen, die in der königlichen Frauenstadt weilen, nur die erste Königin. Sie allein ist dem Hose sichtbar, und 'fremde Gesandte werden ihr nach der Audienz beim König ebenso vorgestellt, wie cs an europäischen Höfen üblich ist. toie ist eine stattliche Frau in den fünfziger Jahren, von ähnlich einnehmendem hoheitsvollem Auftreten wie der König selbst. Nach Art der siamesischen Frauen- mode trägt fie, wenn fie in der Welt erscheint, gewöhnlich eine Taille von europäischem Schnitt mit weiten, bauschigen Aermeln aus reichstem Seiden- ober Goldbrokat, mit Spitzenbesatz und vielem Bänderschmuck. Bei festlichen Anlässen werden auf die Schultern noch Straußenfedern geheftet. Statt der Röcke tragen die Siamesinnen den Panuug, ein langes Stück Stoff von großer Feinheit und in verschiedenen Farben, das die Hüften stramm umschließt unb bis |ait die Knie reicht. Feine Seidenstrümpfe in zarten Farben unb elegante europäische Stöckelschuhe vervollständigen die sehr hübsche, pikante Kleidung. Bei der Königin schlingen sich dazu über der Brust die Bänder der mit den köstlichen Edelsteinen besetzten siamesischen Orden, von denen jener des Weißen Elefanten der angesehenste ist. Auch das ganze Gewand ist dann mit Juwelen von seltener Pracht und hohem Wert besät. * Die Macht der Einbildung — auch beim Pferde. Man teilte uns darüber einen interessanten Fall mit: Ein Pferd, das aus dem ebenen Flachland in hügeliges Terrain verkauft ivorden war, ließ sich trotz gütlichen Zuredens und scharfen Anlreibens nicht dazu bringen, seinen Wagen eine kleine Anhöhe hinauf zu ziehen; es blieb eigenfinnig stehen, wahrscheinlich weil ihm, dem Pferd der Ebene, diese Leistung unmöglich schien. Da sagte ein Knecht: „Ich werde den Gaul schon darankriegen." Spruchs und stemmte sich unter Hü-Rufen scheinbar mit aller Kraft gegen den Wagen, und siehe, das Pferd zog an, ließ aber gleich wieder nach, sobald der Knecht zu schieben aufhörte, so daß dieser zum Ergötzen der Zuschauer feine List fortfetzen mußte, bis die Höhe erreicht war. — Die Kutscher sollten also nicht immer gleich prügeln, sondern bei störrigen Pferden es erst mit Güte ober Schlauheit versuchen. Bilderrätsel. 'Nachdruck verboten .Auflösung in nächster Nummer.- RIM ff Z A?puan\ _ e? Auflösung der Scherz-Charade in voriger Nummer: „Staue Reisende" (Arme, Reis, Ende). Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.