Areitag den 6. September RsE'.rB^! > Z^lUM RSÄaJpJ; Kl Ä l . K M r B M hl ML I l I M I £ TOfjjjn.K MWMi a£30 Llfclllt 1 SonnengkuL, Von B- Hoffmann. (Nachdruck verboten.) Ich bin aus Dalncatien heimgekehrt in meine mitteldeutsche Vaterstadt. In jenem Lande der Farbenglut, der üppigen Fruchtbarkeit und strahlenden Sonne habe ich mehr als die Hälfte meines Lebens verbracht. Erst als Greisin im Silberhaar sah ich Deutschland Mieder, das ich an meinem Hochzeitstage verlassen hatte. Dalmatien Mar während langer Zeit meine Heimat, und so wärmedurchstrahlt uud leuchtend wie das herrliche Land sich zeigt, verlief auch dort ein großer Teil meines Lebens. Freilich auch das durch seine wuchtigen, kahlen Felsmassen trostlose Gebirge, das Dalmatien von den Nachbarländern trennt, und an dessen Fuß ich wohnte, hat meinem Leben seinen Stempel ausgedrückt: unheimlich und erschreckend wie die düsteren Klüfte dieses Gebirges, wie seine Höhlen und die rätselhaften unterirdischen Flüsse, die mit wilder Gewalt aus den Felsen hervorstürzen und dem nahen Meere zueilen, waren teilweise auch die entsetzlichen Ereignisse, die mir meine Lieben nahmen. Doch habe ich niemals das Land und seine Bewohner für meinen Schmerz verantwortlich gemacht. Ich dachte nicht daran, die mir lieb gewordene zweite Heimat zu verlassen, da ich zu Deutschland in keinerlei Beziehung mehr stand. f Einsam sorgte ich viele Jahre lang für Haus und Garten, und erfreute mich noch wie am ersten Tage an der wunderbaren Fruchtbarkeit und Schönheit, die mich umgaben. So saß ich vor nun zwei Jahren an einem späten Nachmittage auf der Bank vor meiner Haustür. Den Arm auf den Tisch stützend, ließ ich nach des Tages Mühen den Kopf auf der Hand ruhen und lauschte hinauf nach dem leisen Spielen des Windes in den beiden mächtigen Nußbäumen, die in einiger Entfernung von mir in dem Hofe standen und ihren tiefen Schatten über das niedere weißgestrichene Wohnhaus und meinen Ruheplatz warfen. Da knurrte mein Wolfshund, der zu meinen Füßen lag, und reckte sich in die Höhe. „Still, Harras," sagte ich nur und sah gar nicht hin, denn es kamen häufig Fremde vorüber, Bewohner der Berge, die anstatt die neugebaute bequeme Fahrstraße zu benutzen, noch immer den altbetretenen steilen Schmugglerpfad erkletterten, der an meiner Besitzung vorüber führte. Aber der Hund gab keine Ruhe. Ich wandte den Kopf nach dem Hoftor und mußte freudig, lächeln beim Anblick eines Herrn, der einzutreten zögerte — es war ganz unverkennbar ein ge-< bildeter Deutscher; nach Haltung, Ausdruck und dem freundlichen Interesse, mit dem er meine Erscheinung 6e4 trachtet hatte, ein deutscher Gelehrter. Ich ging ihm lebhaft entgegen, hatte ich doch seit dem Tode der Meinen keinen Deutschen mehr gesehen, nicht mehr deutsch gesprochen, ja selbst die städtische Kleidung war mir fremd geworden^ seit langen Jahren war ich nicht mehr nach der nächsten Stadt, Cattaro, gekommen, wo viele Oesterreicher leben. Doch noch viel fremder hatte augenscheinlich meine eigene Kleidung ihn berührt; ich trug Phantasiekostüm, oder rich-, tiger gesagt, antikes, weißes Gewand. Schon bald nach' meiner Ankunft im Süden hatte ich für ganz unmöglich erkannt, in meiner seither gewohnten Kleidung in dem heißen Klima zu arbeiten. Die malerische Nationaltracht sagte mir aber auch nicht zu, sie ist merkwürdigerweise durch--,' aus nicht kühl und leicht. So fertigte ich mir Kleider nach eigenem Gutdünken: weite, lange Kütten, durch einen Gürtel blusenartig gehalten, mit weiten, offenen Aermeln. Der Jahreszeit entsprechend, trug ich sie aus Leinen, Baumwolle oder Wolle. Meine Tochter Sophia hat ein anderes Ge-i wand getragen, ihre graziöse junge Gestalt sah darin reiz-, voll aus, wie eine klassische Hebe. Hatten wir dringend die Stadt zu besuchen, was sehr selten vorkam, so warfen wir leichte graue Radmäntel über. Freundlich grüßend kam der Fremde auf mich zu, brach aber mitten in seiner artigen Verbeugung ab und eilte nach den Nußbäumen — sein Blick hatte den Backofen gestreift, der dort stand, und in den ein uralter Gedenk-, stein eingemauert war. Dieser Eifer, wie war er echt deutsch! Und endlich interessierte sich doch jemand für meinen alten Backofen! Mein Mann hatte herausgefunden, der Stein sei schon 1600 Jahre alt, hatte sich aber nicht darauf eingelassen, die griechische Inschrift zu entziffern. Er war zuviel von Hause abwesend durch die Beaufsich-, tigung der Straßen- und Eisenbahnbailten in Bosnien. Nun schrieb.mein gelehrter Gast eifrig in fein Notiz, buch, und ergänzte die unleserlich gewordenen Stellen der Inschrift. „So, da hätten wir die Geschichte," sagte er endlich, „der Stein ist einem jungen griechischen Sklaven gewidmet, dem Liebling seines Herrn, den er aus Räuber, Händen gerettet hat. Schade, daß er nun so unwürdiger Verwendung Versalien ist." Und übersetzend, las er mir die ganze Inschrift vor. „Nun aber, grüß Gott, verehrte Landsmännin," sagte er dann, „ich zweifle ja nicht, daß ich die Dame vor mir habe, die ich suche. Welch wunder-, bares Land bewohnen Sie hier, welche schöne Besitzung, und wie ausgezeichnet paßt Ihre antike Erscheinung in diesen Rahmen!" Er erzählte, er bereise mit einer gelehrten Gesellschaft 526 Dalmatien und Bosnien, und meine Verwandten in Deutschland hätten ihn dringend gebeten, mich aufzusuchen und zur Heimkehr zu bewegen. „Sie finden's sonderbar, daß Sie, alt und einsam, noch hier bleiben. Seit ich hier bin, kann ich es so unbegreiflich nicht mehr finden. Aber freilich, wenn niemand in der Nähe ist, der griechische Inschriften erklären kann, dann sind Sie in geistiger Beziehung doch sehr aufs Trockeue gesetzt", sagte er. Ich gestand ihm nicht, daß griechische Inschriften nicht so durchaus notwendig zu meinem Mücke sind, wie zu seinem eigenen, aber im Augenblick fuhr es mir durch den Sinn: „Bei diesen Men- schen möchtest du deine letzten Jahre verbringen, die in der Begeisterung für ihren Beruf zu solcher Aeußerung fähig sind." Er war entzückt von dem paradiesisch schönen Süden Dalmatiens und von den zahlloser! Ruinen aus der Römerzeit, erzählte lebhaft und ließ sich dann meine Gärten zeigen. Im Geflügelhof hinter dem Hause war schon Abendruhe. Die Hühner saßen schlafend in Reihen auf den Aesten der Linde, die mitten in ihrem Bereiche stand, und die Truthühner kauerten im Sande in einer Ecke des mit Drahtgitter umgebenen Raumes. Bon den tief herabhängenden Aesten eines alten Feigenbaumes brach ich einige Feigen, nahm auch im Gemüsegarten schöne türkische Zwet- schen in meinen flachen Korb, doch wandte ich mich gleich nach dem Weingarten, weil ich wußte, dieser Anblick würde den Nordländer am meisten überraschen. Er blieb auch mit einem Ausruf des Erstaunens stehen. Die mächtig großen Trauben hingen an den Decken der Wein-Laubengänge so dicht gedrängt, als sei dort ein dickes dunkelblaues Polster angebracht. In gut gehaltenen Weingärten sind in Süddalmatien die kleinsten Trauben noch immer so groß wie man in Deutschland kaum jemals große Trauben zu sehen bekommt. Ich brach zwei und ließ den nun vollen Korb stehen. Wir wandelten durch die Lauben hinab in der Richtung nach der Bucht von Cattaro, bis zu der meine Besitzung reichte. Durch große Maisfelder gingen wir. Ich erzählte meinem Gast, der Mais sei eine Art Tribut, mit dem ich meine Sicherheit erkaufte. Es gibt viel Armut droben im Gebirge, auch jetzt noch, obgleich die österreichische Verwaltung so gut sorgt und Ordnung hält, und durch die Eisenbahnen und Fahrstraßen Verkehr und Industrie, uud damit Wohlhabenheit ins Land bringt. Dort sind noch Freiheitsfanatiker, die bleiben in ihren weit- abgelegenen Hütten in ihrer steinernen Wildnis und hassen die Neuerungen. Die kamen im Winter herab und bettelten, um nicht Hungers zu sterben. Für sie lag meine Besitzung bequeni, in der Stadt werden sie nicht geduldet, da gehörte ich zu denen, bei welchen sie ihren Tribut erhoben. Anfangs bedurfte ich noch weit mehr Mais, denn da war noch ein großer Teil der Gebirgsbevölkerung so arm, daß sie während des Winters zerriebene Baumrinde unter das Maismehl mischte zum Brotbaüen; das tun noch jetzt dort die ärmsten Leute. War ihr eigener Vorrat zu Ende — es wächst da oben gar wenig —, so holten sie Nahrung bei andern. Wer auf einsamem Landgut sich weigerte, zu geben, der war ein verlorener Mann. „Können Sie denn nicht gegen diese Bettler Ihr Haus abschließen und verteidigen, wenn sie eindringen wollen?" fragte mein Gast. „O nein! Es darf niemand ahnen, daß ich Waffen besitze. Die Gier danach ist hier eine furchtbare Leidenschaft, -obgleich alle Männer schon bis an die Zähne bewaffnet sind. Lassen Sie nur nicht merken, wenn Sie eine Waffe bei sich tragen. Ich glaube, wenn Sie einen verhungernden Montenegriner wählen ließen zwischen Speise und einer Pistole, er würde noch sterbend nach der Waffe greifen. Oder vielmehr," verbesserte ich mich, „er würde wahrscheinlich sich an der Speise stärken, Sie dann unversehens niederschießen, und so doch in den Besitz der begehrten Waffe gelangen — durchtrieben sind unsere Nachbarn da oben im höchsten Maße." (Fortsetzung folgt.! Won Kü-ßerr nach Marokko. Aus dem R e i s e t a g e b u ch e eines Gießeners. Nachdruck verboten. (Schluß.) Am Nachmittag unseres fünften Reisetages hatten wir den ersten der zwei großen Flüsse zu passieren, die auf dem Wege von Zanger nach Fez überschritten werden müssen, Uara und Sebu. Wohl hatten wir den Uara schon gegen 4 Uhr gesehen, mußten aber, um an die zum Uebergang am be,ten geeignete Stelle zu gelangen, am Ufer noch ein Stück entlang reiten. Brücken kennt man hierzulande kaum; wo man sie aber findet, da sind sie zumeist kaum nötig, wie z. B. über den Mekles, einen kaum 3 Meter breiten und wenig tiefen Bach, lieber den Uara dagegen führt keine Brücke. Ter Reisende muß also sehen, wie er hinüber- kommt. Es ist dies in Regenzeiten durchaus keine Kleinigkeit, oft sogar unmöglich. Eine Gesandtschaft z. B. mußte zwischen Uara und Sebu, die hier etwa 2 Stunden voneinander entfernt sind und sich ioeiter unterhalb vereinigen, als ein starker Regen ausbrach, tagelang lagern, da sie weder vor- noch rückwärts konnte. Wie aber unsere Reise überhaupt von gutem Wetter begünstigt war, so ging auch hier alles glatt von statten. Wegen der starken Strömung mußten die Pferde von Leuten, die eigens zur Hilfeleistung bei der Flußüberschreitung in der Nähe der Uebergangsstelle sich aufhalten, geführt werden. Nach etwa 10 Minuten war das jenseitige Ufer des Flusses, der hier etwa so breit ist wie die Lahn an der Rodheimer Straße in Gießen, aber kaum Meter tief, glücklich erreicht. Kaum 200 Meter weiter unterhalb, wo sich eine Anzahl brauner Gestalten im Wasser tummelte, so wie sie Gott geschaffen hat, schiert der Fluß allerdings bedeutend tiefer zu sein. Ein kurzer Ritt führte uns nach weiteren 20 Minuten zu unserer Nsala. Unter dem Schutze der uns auch hier zur Verfügung gestellten 2—3 Nachtwachen, denen es aber weniger ums Wachen als um den „Favor" zu tun ist, bett sie am anderen Morgen grinsend einstecken, ging auch diese Nacht bei Hundegeheul vorüber. Nach etwa zweistündigem Ritt hatten wir am anderen Morgen den Sebu zu passieren. Die Breite und Tiefe war an der Uebergangsstelle etwa die gleiche wie bei dem Uara. Wir hatten an diesem, unserem vorletzten Reisetage, unter so großer Hitze zu leiden, daß wir den für unseren letzten Lagerplatz vorgesehenen Ort Mekkes nicht erreichten, sondern! in der Nähe von Beni Amar rasten mußten. Wir hatten! diesen Ort, der umkränzt von kleinen Oliven- und Orangengärten, malerisch an einem Bergabhang liegt, schon stundenlang vorher gesehen, jedoch vorher eine riefige,- sandige und steinige Hochebene zu durchreiten. „Kein Baum hier beuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand." Am Wege bleichen Dutzende voü Gerippen verendeter Tiere, die hier entkrästet, verdurstet liegen geblieben sind, den zahlreichen Raubvögeln eine willkommene Beute. Gegen t/gö Uhr gelangen wir schließlich zu unserer Nsala, die bei unserer Ankunft fast überfüllt war. Während wir unser Maultier entladen ließen, kam noch eine größere Karawane von etwa 30 Kamelen an. Wunderbar, wie sich diese Kolosse durch das Gedränge von Menschen, Tieren und Gepäckstücken aller Art einen Weg zu bahnen wußten und sogar noch Raum fanden, sich niederzulegen, was für ein beladenes Kamel nicht so einfach ist. Ein leiser Ruck seines Führers am Halfterband gibt ihm das Signal zum Niederlegen, das Tier läßt die langen Beine stoßweise sinken und schließlich zusammenklappen, um sich in dieser Pose liegend entladen zu lassen. Sind die Tiere ihrer Lasten ledig, dann plazieren sie sich in zwei Reihen, die Köpfe einander zugewendet, und erwarten ihr Futter, das sie schwer genug sich verdient haben. Wir schicken uns an, das letzte Abendbrot unserer Reisd zu verzehren. An allen Gliedern fühlen wir uns alle wie gerädert, noch mehr aber bedürfen unsere Pferde der Ruhe, die am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein scheinen. Am muntersten noch fühlt sich unser Maultier, dem so eine Reise bei der steten Uebung und dem fast ununterbrochenen Unterwegssein trotz einer Ladung von 2y2 bis 3 Zentner eine Kleinigkeit zu sein scheint. Diese Nacht war die schrecklichste, die ich je erlebte. Wer kann sich von einem Lärm, den etwa 50 bis 60 Kamele und etwa halb so viele Esel, Pferde und Maultiere im Verein mit einigen Dutzend Hunden fertig Dringen,, die unsere Nsala um- 527 schwärmen und unaufhörlich ihr heiseres Gebell ertönen lassen, den rechten Begriff machen! Zudem lagen mir Müdigkeit und Abspannung so sehr in den Gliedern, daß ich Wohl auch ohne diesen Lärm kaum Schlaf oder Ruhe hätte finden können. Schon vor fünf Uhr beendeten wir unsere sog. Nachtruhe, kochten schnell unseren Kaffee und so fand uns schon die ausgehende Sonne im Sattel. Diener und Maultiertreiber hatten wir das Einpacken und Ausladen unseres Zeltes und der übrigen Effekten überlassen; dennoch holten sie uns mit dem Maultier nicht mir ein, sondern zeigten eine solche Eile und Sehnsucht nach Fez, der stolzen Hochburg ihres Glaubens, dem hochgepriesenen Paradies ihres geliebten Maurenlandes, daß wir sie vorauseilen ließen, um ihnen den Anblick der Stadt einige Augenblicke srüher zu gönnen. So blieben wir nur in Begleitung unseres Soldaten. Nach Ueberschreiten der Brücke über den Mekke die mit Ausnahme derjenigen, dse in der Nähe von Alkassar über einen großen tiefen Sumpf führte, die einzige war, die wir passierten, gelangten wir nach etwa dreistündigem Ritt an das Ende der Bergkette, die seither unseren Horizont eingerahmt hatte. Tas Bild ist mit einem Schlage ein anderes. Bor uns breitet sich eine endlose Ebene aus, im Süden von riesigen Bergen eingefaßt, von denen etwa zehn mit Schnee bedeckt sino. Meine Annahme, sie seien wohl nur etwa 8 bis 10 Stunden entfernt, wurde gründlich widerlegt. Mein Bruder versicherte, daß sie nach den Berichten von Eingeborenen in 4—5 Tagereisen (ä 8 bis 9 Stunden) zu erreichen seien und zu den höchsten Spitzen des Atlasgebirges zählen. Europäer, die nicht den Tod suchen, dürfen sich in jenen Gebieten, die von einer raub- und mordgierigen, dem Sultan nicht untergebenen Bevölkerung bewohnt sind, nicht sehen lassen. Nach Osten zieht sich die Ebene bis nach Mekkes hin, das von Fez aus etwa eine Tagereise entfernt ist. Westlich endet sie in eine ganz unbedeutende Anhöhe. Zwischen dieser und dem am westlichen Gesichtskreis sich erhebenden Tjebel Salagh liegt Fez. Wir wenden uns nach Westen. Aus den breiter werdenden Pfaden herrscht reger Verkehr. Man merkt die Nähe einer großen Stadt. Aber auch hier liegen wieder in geradezu erschreckend großer Anzahl Gebeine von Tieren, die noch kurz vor den Toren der rettenden Stadt verenden mußten. Das Skelett eines Kamels, das mit langgestrecktem Halse 'unmittelbar am Wege liegt, sällt uns besonders in die Augen und erregt nicht nur unser Entsetzen, sondern auch das unserer beiden Pferde, die stutzen und es dann in großem Bogen umeilen. Der Weg zieht sich entsetzlich lang hinaus und die letzten Stunden werden zur Qual. Man galoppiert voraus, um zu sehen, ob von der Stadt noch immer nichts zu sehen ist und um dann, bei der Abspannung unserer Pferde, umso langsamer vorwärts zu kommen. Endlich, gegen iy2 Uhr, ist der erste Teil der Stadt zu sehen. Die eigentliche Stadt, Fez-Medina, mit dem altberühmten Heiligtum Mulay Jdriß und der mächtigen Kairuin-Moschee, liegt tief hinter diesem (Fez-Tjdid) verborgen. Wie atmeten wir auf, als wir gegen 2i/2 Uhr endlich nach sechs und einem halben Reisetage durch das westliche Stadttor, Bab el Ssaghma, in die schimmernde Märchenstadt einzogen! — Ein kurzer Ritt von noch etwa 20 Minuten führt uns durch die kaum 2 Meter breiten, schmutzigen Straßen nach unserenr Geschäftslokal, in dessen Fondak sich die Deutsche Postagentur, mein zukünftiger Wirkungskreis, befindet. Unser Freund und Landsmann L., gleich uns aus Hessen gebürtig, nimmt uns herzlich in Empfang und führt uns eine Etage höher, wo sich unsere erschlafften Lebensgeister an dem aus uns wartenden Mittagessen stärken. Nach der Mahlzeit verfügten wir uns in unsere Wohnung, die von unserem Geschäftslokal etwa eine Viertelstunde entfernt ist. Wie beim Einreiten in die Stadt, so hatte ich mich auch jetzt als neu angekommener Europäer den staunenden Blicken der Araber zu unterwerfen. Befinden sich hier doch kaum 50 Europäer, und unter diesen mit mir nur zwölf Deutsche, darunter drei Damen. . In unserer Wohnung lassen wir uns unser Nachtessen bereiten, das — alle Hochachtung vor der arabischen Kochkunst! — für marokkanische Verhältnisse ganz passabel ist. Ungeachtet Unserer Müdigkeit sitzen wir nock lange beim Lampenschein im Parterre-Zimmer unseres „Riat", durch dessen' geöffnete Tür die laue Frühlingsluft hereindringt. Der Mond scheint durch die Zweige der Bäume. Tie Zitronen blühn und im dunkeln Laub glühn die Goldorangen. Bis zehn Uhr bleiben wir beieinander und plaudern bei Münchener Eberl- Bräu von unseren Reiseerlebnissen, das Wichtigste bis zuletzt uns aufsparend: die vielen aufgetragenen Grüße auszurichten von den Tangeriner Freunden und Landsleuten an die liebe deutsche Heimat. Won der Großmutter des Kicherrer Anzeigers.^) in. Im Frühjahre 1810 hielt hier in Gießen, wie das damalige „Gieser Anzeigungs-Blättchen'' erzählt, der Schauspiel- Direktor D r. Rittler seinen Einzug. Seine erste Bekanntmachung, die wohl erst nach einer Reihe von Vorstellungen erfolgte, ließ vermuten, daß man es mit einem finanziell gut gestellten und in jeder Beziehung tüchtigen und unzweifelhaften Unternehmen zu tun habe. Sie lautete so: Da ich sowohl meine eigenen Bedürfnisse, als auch die Gagen der Gesellschaft, jederzeit baar und richtig bezahle, so ersuche ich hiermit Jedermann, aus meinen Namen nicht das Geringste z>i borgen, indem ich für nichts mehr Bürge bin; und bitte zugleich die hiesigen Herrn Gastwirthe, mich die Ankrmst solcher Personen, die sich iür Schauspieler nusgeben, immer baldigst reiften zu lassen, um nicht nur meine pflichtschuldige Anzeige in Betreff ihres Aufenthaltes bei Grosherzog!. Polizeybehörde' eiureichen, sondern auch sie vor Betrügereyen liederlicher Leute, die den Namen Schau» spieler nur usurpieren, sichern, lind das gute Renommee der Gesellschaft erhalten zu können. Wer aus irgend einem Grunde an mich noch eine rechtmäßige Forderung zu machen hat, wird ersucht, mir dieselbe spätestens bis Dienstag den 3 feit Julii auf meinem Bureau im Hause des Herrn Ober-Amts-Assessor Dietz anzuzeigen und die Bezahlung zu gewärtigen. Dr. Rittler, Giesen, am 22 ten Juni 1810. Schauspiel-Direetor. Am Tage darauf erließ Dr. Rittler folgende Abonnements-Anzeig e. Der Unternehmer des Theaters hat hiermit die Ehre allen seinen Gönnern und Freunden ergebenst anzuzeigen, daß künftigen Mittwoch, also am 17 teil d. M. als erste Vorstellung im zweiten Abonnement: Die Verwandtschaften, Lustspiel in 5 Akten, von Kotzebue, aufgeführt werden. Bemüht, jedem Wunsch seiner Gönner und Freunde zu entsprechen, macht derselbe zugleich bekannt: bas; er nicht nur in Betreff der Aufführung jedes Stücks die möglichste Sorgfalt anwenden, sondern auch verschiedene Mißbräuche abschaffen wird, die der guten Ordnung zuwider sind, und schon öfters Veranlassung zu Beschwerden gaben. Demnach bittet man höflichst: 1) Diejenigen Personen, welche Liters das Theater besuchen, und in den ersten Reihen zu sitzen wünschen, Stühle hereinzuschicken, die mit ihrem Namen bezeichnet sind, folglich von keinem Andern angenommen werden dürfen. Diese Stühle können aber um Mißverständnisse zu vermeiden — nicht zu jeder Vorstellung hereingetragen und wieder zurückgebracht werden, sondern müssen während des Abonnements stehen bleiben. 2) Am dem ersten Platz sind zwei) Eingänge, den obern können nur diejenigen passiven, welche außer dem gelößten Billet eine Stuhl-Aiargue auszuweisen haben. Den untern diejenigen, welche auf den Bänken Platz nehmen, oder stehen wollen. 3) Während der Vorstellung belieben die Chapeaus gefällig die Hüte abzunehmen, und nicht zwischen den Bankreihen stehen zu bleiben um die weiter hinten Sitzenden nicht zu genieren. 4) Taback darf nirgends im Zeughause geraucht werden. 5) Besuche nur dem Theater muß man ein für allemal verhüten. 6) Alle Billets werden an der Kasse vorgezeigt und um- getauscht. ... . 7) Personen, die sreyes Entrea genießen, können erst um 6 Uhr Einlaß erhalten. , 8) In den Zwischen-Akten belieben die Herausgeber sich Contremarquen reichen zu lassen, und beim Eintritt an den Billeteur wieder abzugeben. 5) Kinder bezahlen auf dem ersten Platz die Hälfte, nämlich 24 fr., oder erhalten das Dutzend Billets zu 3 fl: doch steht es denen respeet. Eltern auch frei), für zwei) derselben ein ganzes Billet abzugeben. Die Hälfte des Abonnement-Preises aus eine Vorstellung baar, wird für dieselbe nicht mehr angenommen. 10) Nur für den letzten Platz bezahlt das Grosh. Militair (kein fremdes) die Hälfte. Frauen und Kinder der Soldaten aber, ivie andre Leute auch. Dr. Rittler, Giesen am 23. Juni 1810. Schauspiel-Direetor. *) Vgl. die Nummern 62 u. 76 der G. F.-Bl. 628 Tas Wichtigste in dieser langatmigen Erklärung ist für uns jedenfalls die Tatsache, daß das Zeughaus damals als Theaterstätte diente. Die nächste große Ankündigung lautete folgendermaßen: Sonntag abend den Ilten Julii wird aufgesührt: D e r W a l d bei) Her m a n n sta d t, oder die Räuberin Siebenbürgen. Großes romantisches Schauspiel in vier Aufzügen, von Johanna von Weissenthurm?) Richt gewohnt, durch markschreyerische Künste meinen Verehrten Freunden die getroffene Wahl der Vorstellungen anzupreisen, habe ich nur die Ehre zu bemerken, daß der vielen linkosten wegen dieses Stück nicht wiederholt werden wird. Die neue Einrichtung in Betreff der Stühle im Schauspiel h a u s e, hat — wie ich mit Bedauern erfahren habe — zu mehreren Mißverständnissen Veranlassung gegeben. Ich erkläre demnach: daß es nie meine Absicht war, diesen ober jenen respect. Individuen einen Platz anzuweisen, indem ich das — wie sich von selbst versteht — der Will führ eines jeden überlasse, sich den zu wählen, sondern nur, der Unannehmlichkeit überhoben zu seyn wünschte, alte ausgelehnte morsche Stühle, wenn sie zerbrochen werden, für neue bezahlen zu müssen, wie es bisher einigermaßen der Fall war, uns den Unterschleif zu vermeiden, den viele Leute als vorgebliche Domeftiguen mit Stühlentrieben, durch ihr Dableibcn den Platz beschränkten und meine Einnahmen schmälerten. Giesen den 28 Juni 1810. Dr. Rittler, Schauspiel-Director. Bald darauf machte Herr „Rittler d. j. Schauspieler, wohnhaft im Gasthaus zum Ritter einem respect. Publicum bekannt, daß er ... . bereyt sei, Unterricht sowohl in Bley- Feder als auch PinselZeichnungen zu geben." Was die Riitler'srhe Truppe bot, das waren meist Stücke von Kotzebue, deren es fünf verschiedene an den ersten Theaterabenden gab. Zum 19. August aber wurde „Maria Stuart" angekündigt unter der Hinzufügung, daß „der vielen Unkosten wegen diese Vorstellung nicht wiederholt werden" könne. Arn 3. September gab es „Zum Besten des Schauspielers Carl Krull" „Hamlet" mit folgender besonderen Empfehlung: Wenn mein rastloses Streben, mich zur Zufriedenheit aller verehrten Gönner und Theaterfreunde würdig zu machen, nicht ganz ohne Eriolg blieb, so darf ich wohl die Bitte wagen, mir heute durch recht zahlreichen Besuch einen Beweis Ihres Wohlwollens zu geben. Dankbar werde ich stets in piinktlicher Erfüllung meiner Pflichten mich dieser Ehre würdig zu machen suchen. Carl Krull, Regisseur der hiesigen Bühne. Am 9. X. wurde zum Vortheil des Schauspielers I. A. Ströbel aufgeführt: „Tas Räuschgen. Ein Lustspiel in 4 Akten von C. F. Bretzner", ein Stückchen, das noch heute zuweilen von Dilettanten-Theatern zur Aufführung gebracht wird. „Herr Dr. Rittler", so heißt es in der Ankündigung, „überläßt Unterzeichnetem diese Einnahme zum Theil seiner geringen Verdienste wegen, mehr aber noch seiner seit langer Zeit anhaltenden äusserst mißlichen und traurigen Lage. Unterzeichneter macht daher pflichtschuldigst zu der angezeigten Vorstellung an einen hohen Adel und sämmtliche Hohe Gnädige und Verehrungswürdige, die geziemende Einladung: bittend ihn zahlreich zu besuchen. Unter» thänigster I. A. Ströbel, Schauspieler." Bald daraus machte der Schauspieler W. Melchior „offenkundig bekannt, daß er sein hiesiges Engagement verläßt und den 15. von hier abgeht, damit alle die, welche etwa, ohne sein Wissen, noch etwas an ihn zu fordern haben sollten, ihr Guthaben noch bei ihm abholen können. Er sagt zugleich allen seinen Gönnern und Freunden Lebewohl." Am 1. November las man folgende Anzeige: Künftig werden nur drey Vorstellungen wöchentlich gegeben. Der erste Platz ist auf 36 tr., der zweyte auf 18 tr. heruntergesetzt, her dritte mutzte wegen der neuen Einrichtung des Theaters aufgehoben werden. Sonntags wird allemal mit dem Schlag ö Uhr tmgefanqeit, an Wochentagen aber um 6 Uhr, wo man sich bemühen wird, die Vorstellung bis 8 Uhr zu enden. Allen denjenigen Freunden und Gönnern, welche mich durch Nachsicht und Güte in Betreff meiner an Sie zu leistenden Zahlungen so großmüthig be- handelten, sage ich hiermit öffentlich den wärmsten Dank, nut der Versicherung, daß ich derselben stets mit inniger Rührung eingedenk seyn, und nie aushören werde, mich als rechtschaffener ehrliebender Mann zu zeigen. Dr. Rittler, Schauspiel-Direktor. *) So liest man. Die Dame hieß indes Weisenthurn und war als Bühnenschriftstellerin nahezu so fruchtbar wie die brave Charlotte Birch-Pfeiffer. Für den 2. Dezember wurde angekündigt: Der Graf v. Burgund, romantisches Gemälde der Vorzeit m 4 Akten von Kotzebue. Der Graf von Burgund wird in dieser Vorstellung von der Jugend der Stadt Ärkes mit einem geschmückten L a m m beschenkt, auf welches jeder das Theater besuchende Zuschauer ein Loos au der Lasse gratis erhält. Die am Ende zuerst gezogene Nummer, erhalt das Lamm. Am 8. Januar 1811 gab es: „Zum Besten der Emilie Matthias: Der Zauberstein oder Die Verschwörung im Walde. Ein Lustspiel in einem Akt, von Koller. Hierauf folgt: Der Spuck, oder - Alles zum Teufel. Ein Lustspiel in einem Akt, von Koller. Nach Endigung dieser beiden Lustspiele wird Madame Gutt- mann eine grose Arie aus der Zauberflöte fingen. Es wird der illuminirte Tempel der Nacht aiis der Zauberflöte aufgestellt, und Madame Guttmann in dem Costume als Königin der Nacht erscheinen. Den Beschlus macht: Der Tempel Thaliens, worin ein Chor abgesungen wird. Alsdann wird von Emilie Matthias ein Epilog gehalten, das von Herrn Dr. Algeier verfertigt worben, und an der Caste zu haben ist. Und nun nahte sich, nach mehr denn halbjährigem Aufenthalte in Gießen, für Dr. Rittler und seine getreue Künstler- schar das Ende mit Schrecken. In der Nummer vom 12. Januar 1811 las man: Theater-Anzeige. Da die seit einiger Zeit sich ereigneten für uns höchst traurigen Zufälle, wovon ein Hohes, Gnädiges Publikum sattsam unterrichtet ist, uns das Unvermögen auferlegen, unsere Gläubiger zu befriedigen, so hat Hr. Tr. Stitler, um dieses Unvermögen zu heben, sämtlichen Mitgliedern 6 Einnahmen zugesichert, damit wir in den Stand gesetzt werden, Giesen als ehrliche Männer zu verlassen. Die meisten hiesigen Honoratioren haben bereits die hohe Gnade für uns gehabt, sich auf diese 6. Vorstellungen zu abonuiren; allein da unsere Schuldenmasse zu gros ist, so sehen wir uns genöthigt, das hiesige Erosherzogl. Militair, die Herren Akademiker, und die anerkannten biedern Bürger Giesens, dazu anzuflehen. Ter Abonnements-Preis ist 3 Gulden auf den ersten und 1 fL 30 fr. aus den zweiten Platz, für die 6 Vorstellungen, wozu die Billets zu jeder Strmde, bis zum nächsten Sonntag Nachmittag um 3 Uhr, bei dem Regisseur Krull zu haben sind. Die Quälgeister, ein ganz neues Lustspiel in 5 Akten, von Beck, Verfasser der Schachmajchine, wird Sonntag den Sten Januar das Abonnement er einen, und die 5 folgenden dessen Werth noch übertreffen, damit unsere Hohe, Gnädige und Ver- ehrungswürbige Gönner jedesmal das Schauspielhaus mit Vergnügen verlassen. Fest überzeugt, keine Fehlbitte gethan zu haben, sehen ihrer Wünsche Erfüllung mit gerührten Dankgefühlen ent- $e$elt Sämtliche Mitglieder der Dr. Rittlerschen Gesellschaft. Es ist sehr schade, daß man nichts Näheres zu ermitteln vermag über die Art der „sich ereigneten traurigen Zufälle". Vielleicht ist der Direktor Dr. Rittler mitsamt der Kaffe durchgebrannt und hat die bedauernswerten Mimen rat- und hülflos in Stich gelassen. Jedenfalls war es eine, vielleicht unbewußte, Selbstironie, daß just in diesem Moment die wackeren Kräfte Rittlers als „Quälgeister" vor das Gießener Publikum traten, die sie wohl int vollsten Sinne des Wortes hier für viele Geschäftsleute gewesen sein mögen, trotz der großspurigen ersten Ankündigung ihres Direktors. (Fortsetzung folgt.) * Alleinstehende Damen, die allein öffentliche Konzerte, Gartenlokale, Erholmtgsorte ustv- besuchen, erregen mancherorts im lieben Deutschland noch Anstoß- Eine Mitarbeiterin von „Fürs Haus" beklagt in diesem Hausfrauenblatt, daß durch ein solches Vorurteil und seine gesellschaftlichen Folgen viele alleinstehende Damen, besonders in kleinen und Mittelstädten, gedrungen würden, sich von jeder Zerstreuung und Erholung fernzuhalten- Tie böse Welt sage in diesem Falle: „Warum geht sie denn allein? Tas schickt sich nicht- Sie könnte sich doch eine Freundin suchen-" Man bedenke aber nicht, daß es ein seltener Glücrsfall sei, eine wirkliche Freundin zu finden- Tie Verfasserin vertritt die Ansicht, daß eine derartige beschränkende Gesellschaststegel im Lande der Denker nicht mehr aufrecht erhalten werden sollte, nachdem inan im jungen Amerika längst damit aufgeräumt habe. Redakt'on: P. Wi.ttto..-- RotationsdrnLmnd.-Ber!ag^devMvüch'l?schen ,UniversttätZ.-Buch-- nnd.Stcindruckerei, R. Lange, Gr'etzem-