1907 W ßl MM" WjSr Mi -c-vr =sss»x«a ^Koio^^Caufe. Jt®ThJläm M MW Dem Irrlicht nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck Verbotes (Fortsetzung.) „Wie kaurett sie daraus, bei mir die Papiere zu vermuten?" lohnte er. „Ja — wie bilrfcit sie so friedliche Bürger, wie wir sind, im Verdacht haben," lachte Paul spottend. „Du bist wirklich ein sehr friedlicher Bürger, Roderich!" Roderichs Herz klopfte wild. Er fühlte, daß er für diese Stunde Paul großen Dank schulde: waS wurde aus ihm, wenn man wirklich diese gefährliche Kontrebande bei ihm fand? Und dennoch ärgerte und stachelte ihn Pauls Art. Er behandelte ihn wie einen einfältigen Töven, betrachtete ihn Wohl auch als solchen, und Roderich war wütend über die Rolle, die er bei dieser Gelegenheit gespielt hatte. Er konnte sich überhaupt noch nicht besinnen. Hatte Vera ihn, den Ahnungslosen, wissentlich in diese Gefahr gebracht? Waren die Papiere, welche niemand eingesehen, wirklich so gefährlichen Inhalts? Vera war sicher eilig, im Schreck geflohen, hatte ihn nicht mehr benachrichtigen können, hatte _ nicht die Möglichkeit erwogen, daß Man auch ihre Freunde mit in Verdacht ziehen könne; war sie denn eine Nihilistin? Ihn überlief ein Schauder. In seinem Drama, das noch in Turgenjews' Pult lag, schilderte er Nihilistinnen —. sie waren völlig andere Wesen als Vera. Sein Kvpf wirbelte — war er ein großer Narr, der das Leben noch nicht kannte, und kein Künstler, dem Intuition die Kenntnis der Wirklichkeit ersetzt? „Wußtest du um ■ Veras Geheimnis?" fragte er uuvvr- Mittelt den ihm ruhig gegenübersitzenden Paul. „Ich?" Er lachte. „Nun, du siehst es ja, wie weit ich darum gewußt habe. Eine so schöne, verführerische, kluge Frau ist schwer zu durchschauen, aber für den, der ruhig Blut hat, ist das Schwere doch oft möglich. Gute Nacht! Hoffentlich schläfst du ruhig in dem Stande deiner reinen Kinderunschuld," „Gute Nacht, Paul, habe Dank." „Nun — nicht Ursache — Landsleute und gar Schulkameraden lassen einander in solchen Patschen nicht im Stich." Paul ging, Roderich blieb in verzweifelter Stimmung zurück. Es war wie ein Chaos in seinem Gehirn. Er trat an das Fenster, unten war ein kleines Gärtchen, flimmernd lag bleiches Mondlicht auf den kahlen Sträuchern. War er ein großer Narr? Er fühlte sich todmüde, sank taumelnd auf sein Lager und schlief fest und traumlos. Als er am andern Morgen spät erwachte und nach seinem Frühstück klingelte, brachte ihm der Portier einen Brief, auf dem er Ernas Handschrift erkannte. Ernas Briefe waren stets ruhigen Inhalts, unter dem Nachzittern der gestrigen Erregung durchflog er hastig den Haufen der übrigen geschäftlichen und gleichgültigen Postsachen, ob nicht ein Lebenszeichen von Vera sich darunter fand. Der Diener, welcher das Frühstück servierte, auch der Portier hatten mürrische Mienen und seltsam beobachtende Blicke; Roderich sagte sich, daß seines Bleibens hier nicht mehr lange sein werde, er war eine verdächtige Persönlichkeit geworden Es war ja unbegreiflich, daß Vera ihn ohne jede Nachricht ließ^ Aber vielleicht — ja, wahrscheinlich wurde auch ihre Korrespondent überwacht. Das war es! Jnmittelst erbrach er Ernas Brief. Schon bei den ersten! Zeilen gewahrte er, daß sie in Eile und Msregung geschrieben hatte, die BuchstMen sahen aus, als hätte ihre Hand gezittert £3 was war denn da geschehen? Unerhörte, das ganze Haus und- alle Herzen darin erschütternd« Begebenheiten. Shlvia war mit ihrer Mutter entflohen ~ dmst nur so konnte man ihre plötzliche, niemand verratene Abreise nennen. Sie hatte eine Erbschaft von ihrem Vater, dem vest« schvllenen Zernial, angetreten und hatte ihrem Verlobten einest Scheidebrief geschrieben. Der Papa war außer sich, in einem! Zorn ohne Grenzen, die Mama erkrankt, und Villatte s der arme, unglückliche Villatte! Roderich ließ das Blatt sinken und sah ganz verstört drein, Sein Kvpf war noch so wüst; Sylvia — die kleine Sylvia —: sie hatte es doch nicht gekonnt — sie hatte ihre Fesseln z-eq- brvchen, er hatte die Verlobung damals auch nicht begreifest können. So war sie frei —. und eine Erbschaft hatte sie gemacht — wohin war sie denn gegangen mit der Mutter? M, da stand es — nach Berlin! Roderich stützte den schmerzenden Kvpf und versank in tiefes Sinnen. Es war ihm ein sehr angenehmer Gedanke, daß Shlvist sich von diesem Villatte befreit hatte — damals — die Szenjf erstand wieder vor seinem Geiste, als sie sich so stürmisch iu sein« Arme warf, so sicher erwartete, bei ihm denselben Pulsschlag zst finden. Er hatte sie geliebt damals — seine Seele war nur von so vielen anderen swlzen Hoffnungen erfüllt gewesen. Jetzt — was war denn wahr geworden von dem allem? Vera — sie war eine Nihilistin — psui! ein häßliches Wort, mit dem man ganz andere Vorstellungen verband, als Veras. Erscheinung sie repräsentierte. War es eigentlich Liebe, was ihn an sie gefesselt? Nein —; Sylvias süßes Bild gaukelte ist dieser Stunde vor seinen Sinnen, sie Ivar sein Geschöpf, eh hatte eine unbegrenzte Macht über sie, er konnte sie formest nach seinem Willen. Vera schlug ihn in mystische Baude. Nun -3 vielleicht war es gut, wenn er so gewaltsam von ihr gelöst wurde.! Was stand da unten noch in Emas Brief? „Dürfen wir dich nicht bald erwarten? Deine Gegenwart täte uns allen gut, besonders dem Vater." Ja, ihn hielt hier freilich nichts mein', und doch graut« ihm bei dem Gedanken — zu Hause mochte ein angenehmer! Zustand herrschen. Sylvia fori, allgemeine Verstimmung. Wenn er zunächst nach Berlin ging und Sylvia aufsuchte — der Gedanke fing an, ihn zu locken; es überkam ihn plötzlich eine große Sehnsucht nckch Sylvia, sie war eilt süßes, entzückendes Kind. Gab es wirklich eilt solch allmächtiges Gefühl, das sich überall durchrang und den Sieg behielt, alle anderen Trieb« zurückdrängte? In sein Verhältnis zu Vera mischt« sich der Ehrgeiz, die Eitelkeit, ein unruhiges, eifersüchtiges Ringen, Stzlvist liebte er ohne Nebengedanken. Er kleidete sich zum Austzehen an und herließ das H.alB — 262’ in der Absicht, seine Abreise Vorznbereiten. Art der Ecke, wo die Rue Byron in die große Avenue der Champs Elysöes eiumündet, trat ihm ein Knabe aus einer Nische entgegen, der hier augenscheinliche aus ihn gewartet hatte. „Monsieur Walldorf?" Er hielt ihm einen Brief entgegen, der ihm Berns Schriftzüge zeigte. Mit Herzklopfen nahm er ihn aus der Hand des Knaben, der sich eilig entfernte. Es war also so, wie er schott vermutete, ihre Korrespondenz wurde überwacht, sie hatte den Brief der Post nicht anvertrauen wollen. Er trat in die enge, stille Straße zurück und entfaltete hier das Schreiben. Es enthielt nur wenige Worte: „Ich reise heute nacht ab" — er sah nach dem Datum, das war vorgestern nachmittag geschrieben — „nach Rom. Fragen Sie nicht nach den Gründen deö plötzlichen Entschlusses; es half nicht, daß wir uns noch wiederfahen, das Abschiednehmen hasse ich. Verbrennen Sie die Papiere, welche ich Ihnen übergab, sie sind.fetzt wertlos. Ich danke Ihnen für Ihre vielen Freundtt schastsbeweise, Sie leben mit in den Bildern dieser Tage, die nun versinke»; was sich aus dem Austausch denkender Geister zusammenfügt, bleibt als ein Unvergängliches. Halten wir uns daran. Vielleicht sehen wir uns in der ewigen Stadt." Roderich zerknitterte das Blatt in seiner Hand — keine Ausklarung, kein Vertrauen. So gefährliche Dinge lassen sich freilich schlecht auf dem Papier mitteilen. Sie war zu äußerster Vorsicht gezwungen. „Verbrennen Sie die Papiere — sie sind wertlos." Nun, das war geschehen, und sie hatte natürlich keine Ahnung, in welch bedenklichem Moment das geschehen war. „TaS Abschiednehmen hasse ich." Ein Lächeln, das alte, selbstbewußte, das ihm seit gestern abend abhanden gekommen war, kräuselte wieder seine Lippen — von ihm war ihr der Abschied schwer geworden —; sie sprach es selber aus — sie war ein großartiges Weib, und er stand ihr sehr nahe. Tas Gefühl seiner eigenen großartigen Bedeutendheit sprach sich in seiner Haltung aus, als er jetzt seinen Weg fortsetzte. Die Hoffnung auf eilt Wiedersehen hatte sie doch nicht unterdrücken können. „Vielleicht sehen wir uns in der ewigen Stadt." Vielleicht — ja, vielleicht, schöne, stolze Vera — einstweilen sind wir noch Herr unserer Entschlüsse und wollen die kommenden Strömungen ab- toartett. Am andern Morgen reifte er ab, auch ohne Paul Hendrichs, dem er nur eine kurze Abschiedszeile sandte, wiedergesehen zu haben. An Vera schrieb er an diesem Abend, wollte den Brief aber erst in Deutschland auf die Post geben, nach Rom postlagernd, wie sie es angegeben. Er teilte ihr mit, was vvr- gesallen, nur in etwas anderer Färbung, als es in Wirklichkeit stattgefundeu. Pauls erwähnte er gar nicht, Einzelheiten überging er — wie überhaupt das Schreiben in großartigem Lapidaü- stil abgefaßt wurde. „Meine Geistesgegenwart hat Sie gerettet," hieß es, „und um Ihr Geheimnis weiß ich. Sie hätten auch hier wissen sollen, daß es bei mir in sicherster Hut war." 12. Kapitel. Sylvia lebte mit der Mutter in Berlin in einer eleganten Pension, wo sie vortreffliche Verpflegung und Gesellschaft verschiedenster Sorte fanden. Eigene Häuslichkeit einzuriehten, erschien beiden sehr unbequem. Der schroffe Akt, der nun unwider- ruflieh vollzogen war, das rücksichtslose Loßreißen von der Heimat ihrer Kindheit, der jähe Bruch mit dem Verlobten war nicht ohne innere Kämpfe von Sylvias Seite geschehen. Frau Zernial dagegen war seit ihrer Kenntnis von der Erbschaft in einer gehobenen Stimmung geblieben, als wandle sie auf den Wolken. Nur zuweilen unterbrachen kurze Affektszenen, durch Kleinigkeiten veranlasst, diese angenehme Gemütsverfassung. Sie hatte auch beim Planen dieser folgenschweren Entschlüsse von keinerlei Bedenken und Erwägungen etwas' hören wollen Das war Unsinn, wo es sich um die Selbsterhaltung handelte. Sylvia ging zugrunde neben dem nüchternen Gatten. Sie, die mit glänzenden Talenten Begnadete sollte sich in ein Fronjoch spannen, lebenslänglich — nein — nein — und tausendmal nein! Zernial, ihr göttlicher Zernial, war zur rechten Zeit gestorben, ic’n letzter Akt war noch die Erlösung seiner Tochter. Frau Cölestine verfiel wieder in den Ton der Verherrlichung des Gattm, die Lesarten darüber wechselten — jetzt war er geraden-, inegcs in dien Himmel gefahren, ein Büßer auch für ihre Sünden, cm Heiliger. Sylvia, deren Gefühl für Recht und Unrecht noch nicht ganz verwirrt Ivar, hörte die pathetischen Ergüsse mit halbem Ohr inte- einer Ungeduld, der sie sich nicht erwehren konnte. In ihr lebte nnr ein Gedanke: sie wollte eine große Künstlerin werden und Roderich zu ihren Füßen sehen. Roderich sollte noch um ihre Gunst werben, sollte es erkennen, daß sie — sie allein — seine Muse hätte sein können — aber er hatte die rechte Stunde Versäumt, sie war ihm entschwebt. Sie sah sich selbst auf hohem Piedestal, stolz, kalt, unnahbar. Die Qual, welche er sie hatte erdulden lassen, sollte er selbst erdulden. Frau Cölestine nährte diese Träume. Sie wünschte freilich vorerst noch zu reisen, mit der schönen Tochter Triumphe zu feiern, das langweilige, ernste Studium, welches sie von dem Gipfel ihres lustigen Gebäudes trennte, fonntc noch hinausgeschoben werden. Aber in Sylvias Seele brannte ein verzehrendes Fieber,- sie hatte keine Ruhe zu tatenlosem Umherfchweifen, und so mußte sich schließlich Frau Zernial in der Tochter Verlangen fügen und sofort mit ihr nach Berlin gehen, um mit der Misbildung der Stimme zu beginnen. Nur die Arbeit, ein rastloses Streben war imstande, Sylvias Gewissen zu betäuben, welches sie anklagte, welches sie undankbar, treulos und pflichtvergessen nannte. Die arme Mama Walldorf war erkrankt. Sie hatte sie geliebt, ihr jeden Wunsch erfüllt, und ihr brach dieses jähe, undankbare Scheiden das Herz. Villatte und Erna hatten ihr keine Zeile der Erwiderung^ gesandt, sie verachteten sch und löschten sie ans ihrer Erinnerung. Ob Villatte schwer litt unter ihrer Untreue? Er hatte sie sehr geliebt, und es war ihr gelungen, ihn völlig zu täuschen. Wenn sie nur etwas über feinen Zustand erführe, so würde sie das ruhiger machen, dieses Schweigen quälte sie und brachte ihr schlaflose Nächte. Es beschäftigte ihre Gedanken, fortwährend. Papa Walldorf hatte ihr ihre zurückgelassenen Effekten gesandt und dabei kurz und schneidend geschrieben: „Fräulein Sylvia Zernial erhält hiebei das ihr Gehörende mit dem Bemerken, daß jede Zeile von ihr, an die Familist Walldorf gerichtet, ungelesen und unbeantwortet bleiben wird.- Alle geschäftlichen Angelegenheiten habe ich dem Herrn Rcchts- anwalt K. in Dresden übergeben, und ersuche ich Früulem Zernial, sich mit demselben in Verbindung zu setzen." (Fortsetzung folgt.) JesttSdramer». Das Höchste reizt besonders den Sinn der Menschen ihren Gesialtungs-und Unternehmungsgeist, und so mehren sichdenn, und ganz besonders auffallend in den letzten Jahren, die Versuche, die Geschichte von JesuS von Nazareth in dramatisches Gewand zu kleiden, obwohl ihre Darstellung auf einer profanen Bühne dem allgemeinen Empfinden vorerst noch widerspricht. Indes mit welchem Rechte? Sind Polizeiparagraphen, welche verbieten, die Person unseres erhabenen Neligious- stifters, ebenso wie auch Angehörige eines regierenden Fürstenhauses, nicht charakteristisch für das Mißtrauen eines Rechtsstaates in die Thron und Altar innewohnende, sich selbst erhaltende Kraft? Der wahren und echten Religion wie der echten, innerlichen Vaterlandsliebe kann ein solches Bemühen nur verderblich sein, wenn das literarische Erzeugnis isicht direkt ausgesprochen blasphemisch, antichristlich oder antimonarchisch ist. Die Religion ist nun einmal die seinsts und höchste Frucht aller geistigen und künstlerischen Kultur eines Volkes, wie die aus vertiefter historischer Erkenntnis erwachsene und in ihr begründete, recht innerlich begriffene und durchempsimdene Vaterlandsliebe und Monarchentreue feinste Blüte der Weltanschauung des Volkes ist. Eins hebt übrigens und fördert das andere. Deshalb ist mit allen Mitteln anzustreben, neben den bedeutenderen deutschen Fürstengestalten auch der neueren Zeit (Heinrich von Kleists imposante Gestalt des großen Kurfürsten in seinem „Prinzen von Homburg" und noch manche andere der älteren deutschen Geschichte angehörende Figur, wie z. B. „Der junge Fritz", ist ja auch bereits längst „freigegeben"), den unermeßlichen geistigen und ethischen Reichtum des Jesusstoffes unserem Volke auch für die Bühne zu gewinnen. Das welterschütternde Schauspiel vom Leben und Leiden des Heilandes, das in den freilich einander vielfach wider sprechenden schlichten Erzählungen der Evangelien mit urwüchsiger Glaubenskraft niedergelegt ist, hat die künstlerisch» Phantasie von jeher eingenommen. Maler, Bildhauer und epische Dichter haben feit Jahrhunderten in ihm di» tiefstes — 263 — Anregungen zum Künstlerschaffen gefunden. Weshalb sollte eS allein der Bühne versagt fein? Wird diese doch durch ein solches Verbot gezwungen, aus trüben Quellen zu schöpfen! Schon im Mittelalter schuf sich das Volk seine Mysterien-' spiele. Aber nur in Oberammergau hat sich der schöne Brauch der schauspielerischen Darstellung des Heiligsten und Ehrwürdigsten bis in die Gegenwart erhalten als ein uraltes Dankgelöbnis der Bauern an Gott für die Befreiung von schwerer Pest. Selbst im freien Amerika wagte man lange nicht, Christus auf die Bühne zu bringen. Als Wallace aus seinem zur Zeit Christi spielenden Roman „Ben Hur" ein Drama machte, in dem sich die Heilung der aussätzigen Heldin durch den Herrn vor den Augen des Theaterpublikums abspielen sollte, da geriet, um alle ihm angedrohten Konflikte mit Behörden und Publikum zu vermeiden, ein findiger Theaterdirektor auf den allein zum Erfolge führenden Ausweg, das inbrünstig um Heilung flehende Mädchen in strahlenden Glanz zu hüllen, um so das Erscheinen des Heilandes anzudeuten. Der Erfolg dieses Belenchtungseffektes war außer ordentlich. Vor einigen Jahren gelangte im Garrick-Theater zu Nemyork vor geladenem Publikum ein „Nazareth, die Geschichte des Glaubens" betiteltes Werk zur Aufführung, in dem ebenfalls Christus erscheinen sollte. Aber die Regie richtete es so ein, daß allein aus den Gesten und Reden der auf der Bühne dicht gedrängten wilden Masse das Bild des schweigenden Dulders nur vor der Phantasie der Zuschauer erschien. Im Frühsommer des Jahres 1895 vollzog sich dagegen im Stadttheater zu Bremen das bis dahin einzig in der Theatergeschichte dastehende Ereignis. Die Aufführungen der Rubinstein'schen Christus-Oper brachten das leibhaftige Auftreten Christi in der würdigen Darstellung des Sängers Raimund v. zur Mühlen. Von Widerspruch oder gar Empörung machte sich damals in Bremen keine Spur bemerkbar und niemand hatte, soweit mir bekannt geworden ist (ich habe einer jener Aufführungen beigewohnt), auch nur im geringsten den Eindruck der Entweihung der Person des Heilandes. Vor Jahresfrist, Ende April 1906, machte das Bremer Stadttheater zum zweiten Male den Versuch, die Christus- gestalt für die Bühne zu erobern. Wenn er mißlang, dann lag das weniger an der Kühnheit der Bremer, als an der Unzulänglichkeit des von dem Bremer Pastor BaarS geschaffenen Jesus-Dramas. Des Niederländers Verhnlst Drama „Jesus der Nazarener" gelangte 1904 in Antwerpen mit vollem Erfolg zur Aufführung und damit trat wohl zum dritten Male ein Christusdarsteller auf die Bühne. Die Uraufführung der Tragödie „Jesus", Text von Pastor Brakebusch in Braunschweig, Musik von Kapellmeister Erlcr, deren Aufführung bisher überall verboten worden war, hatte im Stadttheater in Plauen vor wenigen Tagen unbestrittenen starken Erfolg. Karl Weisers, des Weimarer Hostheaterregisseurs, groß gedachte und auch groß angelegte, bühnentechnisch zweifellos höchst wirksame dramatische Jesus-Tetralogie (Verlag von Reclam) ist vom Verfasser selber nicht für das gewöhnliche Theater, sondern für ein noch zu begründendes Bayreuth des Schauspiels bestimmt. Unter glücklichen Umständen könnte dieses packende, wenn auch mehr theatralische als seelisch vertiefte Werk Furore machen. Das neueste Jesusdrama entstand in Darmstadt. Dr. Daniel Greiner, einst Pfarrer in unserem Schotten, jetzt Mitglied der Darmstädter Künstler-Kolonie, ließ' unter dem Titel „Jesus" soeben eine „dramatische Dichtung mit 6 Steinzeichnungen und Buchschmuck vom Verfasser" bei H. Hohmann in Darmstadt erscheinen. Zweifellos eine Schöpfung «an respektablen dichterischen und ethischen Werten. So viel man auch im einzelnen wird aussetzen können, ja so sehr man sogar gegen den Plan, den Entwurf und die Ausführung Bedenken hegen mag. Bei einem Christus-Drama, so sollte 'man meinen, sei die erste Frage die: halte ich Christus für einen Gott oder für einen Menschen. Weiser baute seine Dichtung auf Jesu Menschlichkeit auf. Er erklärt alle Wunder aus natürliche Weise. Greiner aber ging, wie Baars, an dieser Frage vorbei. Sein Christus vollbringt zwar die wunderbarsten Krankenheilungen, nennt sich ost den Sohn Gottes und spricht davon, daß er seine Würde aus des Vaters Händen erhalten habe, aber er ist doch bis zuletzt im Unklaren über seine Mission. Er klagt darüber, daß er als Wunderdoktor recht ist, „als Spender irdischer Speise auch, als Brotherr, der aus Wenigem viel zu machen weiß, als Bro t m essi aS, der ihnen goldnen Segen bringt und stolze Judenmacht." Da ivill Judas ihn zum Führer und König der Juden erklären. Denn auch bei Greiner ist, wie bei Weiser und Baars, Judas der politische Messiasträumer, der die Not seines Volkes einzig in der Fremdherrschaft sieht, der Jesus zum politischen Befreier machen will. (Schon Goethe begründete in seinem Ahasverplan Judas' Verrat mit dem guten Glauben, dem Zögernden die Aufrichtung des Messias- reiches abnötigen zu sollen, und Hebbel formulierte diesen Gedanken mit der ganzen Schärfe seines starken Geistes.) Jesus aber antwortet: „Ich bin kein König dieser Welt! Mein Reich ist anders, als ihrs träumt . . . Geht! sucht euch einen andern!" Trotzdem quält ihn noch in der Nacht von Gethsemane der Zweifel an seine Gottessohnschaft schiver, trotzdem spricht er noch hier von der Erfüllung der Judenhoffnung auf ein Reich als seinem Lebenswerke. Erst der „Notschrei der gefangenen Geister aus der Tiefe" nach einem Manne, der vertrauend nur der eignen Kraft die Freiheit löst aus dunkler Hast der ohne Gott durch Nacht und Not durch Kampf und Tod mit Urgewalt durchdringt zu Gott macht ihn zum Erlöser, sodaß er ausrufen kann: „Nun ist mein Werk vollbracht u n e n d l i eh tiefer, reiner, als je ich gedacht! Jesus aber ist der „Messias des geträumten Reichs". Den, so erfahren wir, erwartet das Volk freilich nicht. Und doch ist sein Ruf nach dem Messias laut. Hier aber vermißt man alle Motivierung, jegliches Bild dessen, was Frenssen die „verzauberte Zeit" nennt. Greiner gewährt in seiner Dichtung wohl den schriftgelehrten Pharisäern und ihrer theologischen Wortheiligkeit einen breiten Raum, macht aber nicht die grenzenlose soziale und geistige Not des Volkes Israel und der ganzen damaligen römischen Welt lebendig. In dieser Verwirrung aller menschlich reinen und wahren Moral- begriffe, in der das von Aberglauben und Angst gepeinigte Volk führerlos einhertappt, wie in einer dichten seelischen Finsternis, in der inbrünstigen Sehnsucht der Völker nach dem Morgenrot der menschlichen Liebe und der persönlichen geistigen Freiheit liegt die verborgene Gedankcnströmung, die Jesus emportrug und seine BefreiungStat möglich machte. Man vermißt also ganz und gar neben psychologischen Gründen die soziologischen Prämissen der Persönlichkeit Christi, die in einem Jesus-Drama doch wie in einem mikrokosmischen Spiegel aufgcfangen werden sollten. Das tut Oskar Wilde in seiner „Salome" mit grausiger Kunst; etwas davon spürt man auch in Sudermanns „Johannes" und in Heyses „Maria von Maglala"; auch Weiser hat der Juden Nöte erschütternd zu schildern verstanden. Greiner gibt, wie Baars, nichts davon, statt dessen vielmehr eine Fülle von geistvollen und erbaulichen, in unzweifelhaft meist auserlesen schöne Form gekleideten Paraphrasen über unvergängliche Bibel- worte. Mit dem Abschluß des Judasproblems im Garten von Gethsemane schließt Greiner, wie Baars, merkwürdiger Weise auch seine Jesusdichtung ab. An ihr eigentliches Problem, den Erlösertod und ein symbolisches Auferstehen im Geist einer neuen.Weltanschauung, bis dahin wagt sich Greiner nicht vor. Wr macht sein Buch zu, als Jesus den Häschern Kreuzrütsel. 'Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a b b ccddeeeee g g g g g hhüiiii m in mm n n r bsssssss 11 derart einzntragen, daß die wagercchten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Paß in der Schweiz. 2. Sagenhaste Königin. 8. Verfertiger nützlicher Instrumente. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: Akademisches Studium, akademische Garde und die Fürsten. Im 17. und 18. Jahrhundert war es weniger Mich, daß junge Fürstensöhne eine Universität bezogen, um regelrechten akademischen Unterricht zu genießen, als daß sie unter der Leitung eines feingebildeten .Hofmeisters ein Jahr lang oder.zwei die Mett bereisten, um sich an den großen Kulturzentren, ttt Parts, in Loudon und in Brüssel, in Venedig, in Men und nt Rom, umzusehen, ihren Gesichtskreis zu erweitern und sich einen Schliff anzueignen, den sie in den engeren Verhältnissen des heimatlichen Residenzlebens kaum gewinnen konnten. Erst gegen die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist es mehr und mehr ttt Hebung gekommen, daß junge Prinzen zwischen die vollendete Schulzeit und den Beginn ihrer militärischen Laufbahn ein, meist freilich ziemlich kurzes Universitätsstndium einschieben. fiL preißgiebt. Die letzte Steinzeichmmg des Verfassers zeigt der Menschheit erhobene Hände zum gekreuzigten Christus, , erwartungsvoll harrend des Wunders, das Leben aus dem Tod ausblühen lassen soll, wie aus der Nacht die Sonne des Tages emporsteigt. Wir wissen l« freilich, was dann geschah; aber das Kunstwerk blieb unbeendet und machte gerade vor der Lösung der eigentlichen Aufgabe halt. Tas ist schade, denn der Anlauf war, trotz aller Bedenken, doch interessant, und sicher von den reinsten un edelsten Absichten eingegeben. Und cs enthalt gar vieles Schöne und Starke namentlich in der Diktion, die nur selten, dann aber, wie z. B. bei Beginn des 4. betitelten Buches, ganz unbegreiflich uflb unverzeihlich hausbacken wird. Von erhabenster Schönheit ist das Zwiegespräch zwischen Maria tind Jesus in der „8. Handlung« des 5. Bildes („Messias und Mcnschensohn") und auch der diesem Buch beginnende Gesang Jcsi- im vertrauten Beisammen ein mit Johannes ist eine lyrische Perle. An anderen Stellen erinnert Greiners zuweilen allitterierende Sprache an die Urkrast der Nornenlieder in Jordans „Nibclunge". ^aß Greiner sich im wesentlichen an das älteste und glaubwürdigste Evangelium, das des Apostelschülers Markus, gehalten hat, läßt ja wohl Schlüsse auf ein gewisses kritisches Verhalten gegenüber dem Wahrheitsgehalte der Ueberlieferung zu In der eigene» Erfindung und Begründung aber ist er äußerst, ja zuweilen, z. B. bei Petri Apostelwerdung rc. rc., allzu sparsani. Andererseits wieder ist in den Evangelien das Wesen von Jesu Ausdrucksweise größte Knappheit und Anschaulichkeit; Greiner dagegen ergeht sich m Abstraktionen, deren poetischer Wert freilich häufig hoch an I ruschlagen ist. ' Was nun das Dramatische von Greiners „dramatischer Jesus-Dichtung anlangt, so ist festzustellen, daß sie absolut undramatisch ist; sie gibt sich mehr als Oratorientext als em Drama mit ausgestalteten Charakteren und lebendiger Handlung. Zudem ist die Komposition derartig aller Bühnentechnik fern, daß eine Ausführung nicht weniger als 15 szenische Verwandlungen erfordern würde! Doch das ist das rein Aeußerlichs. Jedenfalls aber ist auch Greiners sehr dankenswerte Dichtung ein Beweis dafür, daß die Schaffung eines Jesus-DramaS vorerst noch als eine übermenschliche Aufgabe anzusehen ist, an der ja selbst ein Hebbel und ein Rich. Wagner scheiterten, Erwartet man doch immer tiefere und größere Eindrücke vom Auftreten Jesu, als wir Menschen von heute zu gestalten fähig sind. Und dann: ein Menschenfreund, der um die Seele der Mensch- heit ringt und Worte der Weisheit in die Herzen der senkt, alles handelnde Eingreifen aber in das Wclt- gese.-ehen von sich weist, ist nun einmal nach unseren Begriffen, die heute noch die gleichen sind wie die des alten Sophokles, eine eminent undramatische Figur. Also für die Bühne ist Greiners „Jesus" gewiß nicht geschaffen. Lesen aber sollte ihn jeder Deutsche, einerlei, ob er orthodox oder modern, gläubig oder ungläubig, ob er Christ ist oder nicht. Aesthetischen wie ethischen Genuß wird auf alle Fälle die Dichtung jedem bringen. P. W. Selten beläuft es sich auf viel mehr als, zwetb is drei Semester. Sollte es sich daher bestätigen, daß Prinz August Wilhelm von Preußen von Bonn aus seine Studien in Straßburg i. E. fortsetzen und auf der Harvärd-University ttt Amerika abschlteßen wird, so würde sein akademischer Bildungsgang der Zeitdauer nach immerhin eine Ausnahme sein, verglichen mit dem der meistett seiner fürstlichen Standesgetwssen, soweit diese überhaupt studiert haben. Eine Ausnahme — aber nicht die einzige. Gibt es doch sogar einen königlichen Prinzen,, der im akademischen Lehrberufe tätig ist: den Prinzen Maxvon Sachsen, der dre Grade als Dr. jur. und theol. erworben hat und an der Um- versilät Freiburg in der Schweiz als Professor kanonisches Recht und Liturgie lehrt. Im übrigen ist allerdings die Liste der Mitglieder europäischer Dynastien, dte ettte akadenitsche Würde tu ihrer Jugend als Abschluß des Universitätsstudiums erwarben^ keine lange. Sie umfaßt nur vier Namen.: den Prinzen Max von Baden, der ttt Heidelberg zum Dr. jur. promovierte, .dech Herzog Alexander von Mecklenburg-Strelitz, aus der russychest Linie'des Hauses Strelitz, der Dr. Phil, ist, sowie den Prinzen Ludwig Ferdittand v0n Bayern und den Herzog Karl Theodor in Bayern, die beide die Prüfungen als Dr. med. und praktische Aerzte bestanden, imb sich auch der Ausübung der ärztlichen, Wissenschaft in hochherziger Weise gewidmet haben. Der Herzog Karl Theodor ist außerdem Ehrendoktor der Universität Löwen. Die Reihe der Ehrendoktoren im „Gotha" ist überhaupt eine weseicklich längere. Prinz Ludtvig vvn Bayern z. B. besitzt nicht weniger als drei akademische Ehrendiplome: er ist Dr.oec.publ. von München, Dr. vvn Erlangeti und Dr. ing. der Münchener Technischen Hochschule. Kaiser Mlhelni II. nahm vor etwa zwei Jähren die Würde eines Dr. der Rechte der Pennsylvanta-Unt-. I versität in Philadelphia an, was der „Gotha" freilich, verschweigt, und Prinz Heinrich Vvn Preußeil ist Dr. ing. honoris- causa der Technischen Hochschule in Berlin, sowie Dr. l»r. h. c..der Um-. | versität Harvard. Großherzog Friedrich von Baden ist Ehren--. Dr. vvn Heidelberg und Ehcen-Dr. ing. der Technischen Hochschule in Karlsruhe. Erzherzog Rainer vvn Oesterreich besitzt die Würden als Wiener Ehren-Dr. Phil, und Ehren-Dr. der technischen Wissenschaften, Herzog Johann Albrecht von Meckleive bürg wurde als Regent Ehren-Dr. der v-ter Rostocker Fakultaten,- der Prinz vvn Wales ist Dr. jur. h. c. von London, und tnt Haute Sachsen-Meiningen darf sich der Herzog Dr. Phil. h. c. vvn Jena | nennen, während sein Sohn, der Erbprinz Bernhard, Dr. phil h. c. I von Breslau ist. Unter deit nrchtdeutschen Monarchen wird König Friedrich VIII. von Dänemark als Dr. of civil law der Universität I Oxford erheblich Überragt durch den König Oskar II. von Schweden, der überhaupt d!en Rekord hier hält: er ist Ehcen-Dr. von.Bo- I logna, Leyden und aller Fakultäten Wiens, Dr. Phil, vvn Er^ langen und Dr. jur. h. c. von Oxford und Cambridge. Auch I zwei weibliche Doktoren verzeichnet der „Gotha :. Carmen Sylva, die smigesfrvhe Königin Elisabeth vvn Rumänien, ist Ehren- I Doktorin von St. Petersburg und Budapest, und, der Prinzessin Therese vvn Bayern hat die Universität München m Anerkennung | ihrer ethnographischen Verdienste, die Würde einer Ehven-Doktonn I der Philosophie erteilt. I G Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'fchen Universitäts-Buch« und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.