Samstag den 6 April r' ■ - / »g Aem Irrlicht nach. Roman von A l c x a n d e r Römer. Nachdruck verboten. Fortsetzung.) War sie häßlich? Häßlich — nein — aber nicht so hübsch,, so lieblich so bestrickend wie Sylvias Ihre grauen, verständigen Augen vermochten doch nicht so aufzublicken, in so wechselndem Ausdruck sich zu spiegeln, wie die Sylvias — und sie sagte sich das ehrlich, Schleier wob sie sich nicht. Einen Augenblick wurden ihre Züge fahl und scharf, eine tiefe Qual malte sich auf ihnen, dann sank sie in sich zusammen und verhüllte ihr Gesicht. Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Gewaltsam raffte sie sich auf, sie wurde zur Törin, zur albernen, jämmerlichen Törin. Nein — nein — das sollte nicht sein. Fest wollte sie die Hand auf ihr Herz legen, keine Illusionen, keine phantastischen Träume mehr. Sie war ein reiches Mädchen — und ihr Geld würde manchen Freier anlocken — sie stützte das tränenüberströmte Haupt auf die Tischkante und verzog bett Mund bitter. Armes reiches Mädchen :— dem, den ihr Herz gewählt hatte, galt ihr Reichtum nichts, er forderte Schönheit, die sie nicht besaß, und — einen andern, gab es für sie nicht auf der Welt. Langsam, schwerfällig erhob sie sich endlich und vollendete ihre Toilette, ihre scharfe, rücksichtslose Selbstkritik galt ihr gleich einer Tatsache, sie begrub heute morgen ihr süßes Hoffen. Bei der Mittagstafel erschien die Kommerzienrätin. Ihre Migräne hatte nachgelassen, sie sah aber noch sehr bleich und leidend aus, und Erna verdoppelte ihre Fürsorge für sie. Es war ihr noch nicht ganz klar, ob die Mutter sich zu der Ankunft der. Schwester gefreut. Im ersten Augenblick hatte sich ja nur Schreck auf ihrem Gesicht gespiegelt, aber später war sie sehr zärtlich zu der Angekommenen gewesen und hatte die halbe Nacht mit ihr geredet. Und diese Schwester raubte ihr doch einst ihr Teuerstes, zeigte sich alle die Jahre hindurch lieblos und wenig anhänglich. Erna vermochte die eigene Mutter nicht zu verstehen. Ihr war es, als ob sie solchen Treubruch nie verziehen, nie vergessen hätte, wenigstens nie einer Zärtlichkeit gegen die Treulose wieder fähig gewesen wäre. Und während ihre Blicke auf Sylvia hafteten, welche in fröhlichster, ja ausgelassenster Weise mit der fremven Tante plauderte, kam es ihr mehr denn je zum Bewußsiein, daß sie nicht ihre leibliche Schwester sei. Der Mutter Augen ruhten jetzt auch auf Sylvia mit einem fast leidenschaftlich zärtlichen Ausdruck, beinahe als ob eine Furcht sie beschliche, daß sie ihr genommen werde» könne. Ernas Lippert kräuselten sich bitter. Auch die Mutter liebte Sylvia mehr als die eigene Tochter. Seltsame, rätselhafte Erscheinung. Der Kommerzienrat erschien wieder im gewohnten Geleise. Er sprach mit Roderich über Geschäfte, für welche dieser heute ausnahmsweise einiges Interesse zeigte. Roderich Ivar überhaupt in brillanter Stimmung, er neckte Sylvia, machte der Tante Komplimente und sah strahseud aus. Frau Celeste zeigte sich von einer neuen Seite. Sie hatte wirklich Toilette gemacht, und zwar eine raffiniert elegante. Sie war immerhin itod) in sehr auffallendem Geschmack, kleidete sie aber und verlieh ihrer Erscheinung ein vornehmes Gepräge. Sie sprach in sanften, weichen Tönen, weit gehaltener und reservierter als am Morgen und pflichtete in verbindlichster Form jedem Ausspruch des Herrn Schwagers bei. Neber Sylvia glitt sie öfter mit einem sonderbaren elegischen Blick hin, verhielt sich sonst aber schweigsamer ihrem krausen Geplauder gegenüber. Der Kommerzienrat behandelte die Schwägerin in einer gewissen kurzen, aber doch formvollen Art, und seine Gattin drückte ihr zuweilen verstohlen die Hand. Erna fühlte sich dieser Lage der Dinge gegenüber unsicher und unbehaglich. Die nächsten Tage brachten ihr die Aufklärung, daß Frau Zernial in Dresden blieb und hier in der Schillerstraße, in der Nähe der Walldorfschen Villa, eine kleine, bescheidene Wohnung mietete. Der Vater war merkwürdig verschlossen, die Mutter äußerte sich einmal klagend zu Erna über die Härte des ersteren; Celeste würde sich wohler gefühlt haben in ihrem Hause, hätte es so sehr gewünscht, dort bleiben zu dürfen, und Platz sei ja genug da. Aber Papa habe seine schroffen Ideen und darauf bestanden, daß sie ihr eigenes Logis habe. Erna hatte ein Verständnis für des Vaters schroffe Ideen in diesem Fall, sprach es aber nicht aus. Die räumliche Trennung half ohnehin wenig genug. Zu allen Tagesstunden fand sich Tante Celeste ein und spielte die verschiedensten Rollen. Es war erstaunlich, wie vielseitig sie war. Roderich war eigentlich von vornherein für sie bekehrt. Er erklärte sie für ein „geniales Frauenzimmer", ihre exzentrischen. Loblieder nahm er ganz ernsthaft auf und hörte ihr oft gefesselt zu, wenn sie „ans ihres Lebens Roman" berichtete, womit sie ihm Stoff liefern wollte für sein nächstes Drama. „Denn mein Leben ist ein Drama", pflegte sie zu Ivieder- holen. Auch Sylvia hing dann an ihrem Munde und lauschte wie cüt Kind, dem man Märchen und Schauergeschichten erzählt. Es war wie ein Bann, den. sie über die Menschen legte und dem die meisten verfielen. Nur der Kommerzienrat, Erna und Doktor Villatte widerstanden demselben und waren auch darin wieder eins. Der alte Walldorf nannte sie laut eine vollendete Komödiantin, für Erna blieb sie eine unheimliche und gefährliche Persönlichkeit und Villatte schüttelte den Kopf und gestand, daß ihm noch nie ein solches Exemplar der Menschengattimg aufgestoßen sei. Interessant als Studium, interessant in mancher Beziehung, er gehörte oft zn ihrem Zuhörerkreis, aber seine klaren Augen durchschauten sie ganz und gar. Er sprach sich zu Erna zuweilen vertraulich über sie aus in seiner zarten, nie verletzenden Weise, und diese stillen, vertraulichen Ergießungen drohten sie oft aus ihrer künstlichen, mühsam erzwungenen Zurückhaltung zn reißen. Sie erkannte dann wieder, wie gleichartig sie empfanden und beobachteten, wie nahe s ie sich innerlich standen. 198 flöten. (Fortsetzung folgt.) Uiti) dann kam wieder das schneidende Weh, wenn sic gewirrte, wie ängstlich er Sylvia vor der Fremden zu hüten versuchte, wie der wachsende Einfluß derselben auf Sylvias bewegliches Kindergemüt ihn: Sorgenfalten in die Stirne grub, ihn schwer verstimmte und oft ganze Abende schweigsam und nachdenklich machte. Sylvia allein war sorglos und glücklich. Roderich war ein paar Tage verreist gewesen. Er hatte Schritte für Unterbringung seiner Oper getan und sich großen Hoffnungen hingegeben, daß sie im Winter in M. anfgefuhrt werde. Aber einstweilen hatte sich diese Hoffnung noch nicht erfüllt. Er kehrte sehr verstimmt, sehr nervös zrtriick. Man kannte diesen Ztrstand im Hause, und die Mutter, auch Sylvia pflegteii die zarteste Rücksicht darauf zu nehmen, oft zu Ernas stillem Verdruß, welche des verwöhnten Bruders Gebaren bann albern nannte. . . f . Heut abend saß er mit ein paar nahen Freunden tn fernem elegant eingerichteten Garyouzimmer. Ein wunderlicher Geschmack herrschte in demselben, schwere dunkelgrüne Veloursvorhänge schlossen das Geräusch der Außenwelt so viel als möglich ab, auch die nach dem Garten gelegene>r Fenster waren so wert ver- . hangen, daß selbst beim Tageslicht immer Helle Dämmerung im Gemache herrschte. Die Verzierung der Wandflächen verrret die verschiedensten Passionen. Eine kostbare Waffensammlrrng füllte die eine Ecke, Porträts von Operndiwas und schönen Amazonen aus dcnr Zirkus, auch einige Pferdebilder hingen an der andern Seite, daneben verwelkte Kränze mit riesigen Schleifen, Triumphtrophäeu glanzvoller Stunden, wo seinen Talenten die gebührende Anerkennung geworden, ein kunstvoller Aufbau, in dem jeder Kotillonorden mit vertreten war, um den monumentalen Schmuck zu bereichern, Briefe, Verse — alles, was je zu ferner Verherrlichung gedient, hatte hier, genial geordnet, feinen Platz gefunden. , Roderichs Altar, wo er feinet eigenen Gottheit Opfer darbringt, nannte Erna die Ecke, Sylvia taufte sie die Ruhmes- nifche. lieber seinem Pianino, das zu feinem Privatgebrauch in seinem Zimmer stand, thronten die Büsten Wagners und Liszts, und ein riesiger, kostbar geschnitzter Schreibtisch wies Hefte und Schriften, in malerischer Unordnung verstreut auf seiner breiten Heute verharrte der junge Herr in liegender Stellung^ auf feiner bequemen Ottomane, über welcher die Porträts der schonen Künstlerinnen hingen. Zwei sehr ungleich aussehende Herren spielten eine Partie Domino und unterhielten sich dabei im Flüsterton. Der eine derselben war Wolfgang Kirsch, er hatte offenbar Mühe, seine langen Beine unterzubringen bei der Fülle von Tischen, Etageren und sonstigen Luxusgegenstäuden, welche hier jeden Winkel füllten, und seine mächtige Stimme zu dämpfen, um den gestrengen Olympier nicht in feinen Meditationen zu Aus der Außsndzsit.*) Erinnerungen eines alten Gießeners. Nachdruck verboten. IV. Erfolgreicher wie der Heckerputsch war die Revolution im Gießener G Y m n a s i u m. Die Prima kündigte den Gehorsam, falls ihre Bedingungen nicht erfüllt würden. Ihr Edikt lautete: 1. Die Primaner werden mit Sie angeredet. 2. Die Primaner dürfen rauchen und ins Wirtshaus gehen. m g. Die Primaner dürfen Mitglieder der Bürger weh« werden. 4. Die Primaner dürfen an den Volksversammlungen teilnehmen. „ t 5. Die Primaner dürfen bte Fenster nach dem Brand Wi/ erwähnt, war ich zu Ostern wieder ins Gymnasium eingetreten, bescheideuerweise in die Tertia. Das tolle Jahr spukte natürlich auch in die Tertia hineitt, wir hatten an allem, was verging, mehr Interesse als' an der Schule. Dazu kam, daß unser Hauptlehrer Dr. Schaum, Aphrvs benannt, alt und beu- nahe taub oder doch sehr schwerhörig war. Das gab natürlich zu Unfug aller Art Veranlassung. Der Mann konnte eilten dauern, wenn er sah, daß irgend etwas los war, aber alle Anstrengungen des Gehörs versagten, um das Ungewöhnliche zu er- *) Durch einen unliebsamen Schreibfehler im Manuskript ist bet Studentenauszug von 1846 auf den Gleiberg verlegt. Es muß natürlich Staufenberg heißen. m Anmerkung beS Verfassers. Mitteln. Allein die Jugend ist den Schwächen und Gebrechen ihrer Lehrer gegenüber grausam. Wir hatten eine alte Spieldose, die zwei Stücke spielte. Ich brachte sie eines Tages mit zur Schule, und mitten in der Stunde machte ich in der Tasche den Schieber auf „Und ob die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Sternenzelt", erklang es deutlich für gesunde Ohren. Natürlich lachten die Tertianer. Der arme Aphrvs gab sich alle Mühe, zu erforschen, was» los war, doch vergeblich. Nachdem sich die Unruhe ein wenig gelegt hatte, erklang dann das zweite Stück. Obwohl alle wußten, daß ich der Missetäter war, hat inich keiner verraten. Es würde ihm wahrscheinlich auch übel bekommen sein. Was ich da geschafft hatte, war Nicht schon, ich riskierte auch eine gehörige Strafe. Mlem schließlich galt es doch ad oculos zu demonstrieren, daß em tauber Mensch nicht zum Klassenführer der Tertia paßt. H«r Dr. Schaum zog auch die Konsequenz und ließ sich am Ende des Schuljahres! ^Der Geist der Unbvtmäßigkeit begleitete uns durch die Tertia Die Primaner mit den Erfolgen ihres revolutionären AuftretenÄ waren natürlich unsere Helden. Wir bewunderten und beneideten sie, wenn sie in Reih und Glied der Bürgergarde marschierten und an deren Exerzitien teilnahmen. Die Gießener Bärgerwehr hatte sich sehr rasch orgauuiert^ ohne Not, aber die Bürgerschaft verlangte danach. So wurde das Erscheinen des Gesetzes nicht abgewartet, das m Aussicht gestellt tvar, sondern mit großem Eifer aus das Edikt vom 6 März hin die „Volksbewaffnung", wie es dort chreß, hergestellt. Es bestand noch keine gesetzliche Pflicht und sie ist me )i^ Entstehung gelangt, aber die Beteiligung war sehr stark. Die Burger, aber namentlich auch die Studenten lieferten em starkes Kontingent, sodaß mehrere Kompagnien gebildet werden konnten. Um ihren^Mitbürgern nicht an Patriotismus nachzustehen, traten auch 6-te „Dunkelmänner" in die „B ü r g e r g a r d e (tote die Volkswehr sich nannte) ein, wenigstens war mein Vater lange Zett Mitglied Die Unisornt bestand in einem grünen Kattun kittet, der durch einen Gürtel zusammengehalten wurde, ferner erner Mütze mit Kokarde. Die Wafse war eine ungezogene Flmte mtt Bajonett. Patronentasche und Balonett war am Gürtel öetefttgt Die Bürgergarde Ivar m ihrer besten Zett etwa 800 bis 1000 Mann stark. Bei einer Einwohnerzahl von 8500 Seelen konnte diese Zahl nattirlich nur durch die Beteiligung der Stn- denten und Gymnasiasten erzielt werden. Zum Oberst der Bürgergarde wurde Professor Karl Vogt erwählt. Meist Vater war Sergeant, sein Hauptmann der dicke Barbier Roloff. Auf dem Trieb wurde exerziert, dort inspizierte auch der Oberst die Bürgergarde. Er kani natürlich nur selten zur Inspektion. Ihn hielteii die Pflichten als Mitglied der Nationalversammlung. Die Inspektion erfolgte Sonntags und wir Jungen waren auch dabei. , , Karl Vogt war damals schon etwas beleibt (nach 16 ^amen,i als ich ihn in Gießen gelegentlich der Naturforsch^versammlung wiedersah, war er sehr dick geworden), er war em schlechter Retter und es hielt ihm schwer, aufs Pferd zu kvmmeu. Ich war einmal gerade zugegen, als ihm auf bem ^rieb aufs Pferd geholfen wurde. Die Hülfe war etwas zu nachdrücklich, sodaß der Oberst, als er glücklich oben war, auf der, anderen Sette wieder herunter kam. Er trat übrigens nach einiger Zett zurück and es wurde au seiner Stelle der Büchsenmacher Großmann zum Obersten gewählt. Dieser war ebenso schmal, tote K. Vogt dick. Aber reiten konnte er auch Nicht! Mein Bater als früherer Jäger schoß m ferner Kvmpagmck am besten und erhielt bei einem Preisschießen der Kompagnie dm ersten Preis, bestehend in einer sehr primitiven kurzen Tabakspfeife, Mit einem ebenso primitiv gemalten Kbps. xS<£) glaube, diese Trophäe hat meinem Vater wirtliche Freude gemacht, wenigstens hat er sie noch lauge, nachdem mau an die Burger- garde iiicht mehr dachte, neben fernem Schreibtisch an der Wand Bian^hätte denken sollen, daß die Gießener Bürgerschaft, nachdem der Erbgroßherzog und Mitregent nach dem noch «st Sommer 1848 erfolgten Tode seines Vaters den Thron stmer Väter als Großherzog Ludwig III bestte^n, ihm volles Vertrauen und Liebe entgegengebracht hätte Denn ferne Regierunq verharrte auf dem von Gagern eingeschlageneu W.g. Dem tvar aber nicht so. Es' gärte in der Bürgerschaft rmd insbesondere dem jüngeren Leibe. Hand, m Hand mit rym ging ein Teil der Studentenschaft. Für die Verbindungen mtt gemäßigter Fortschrittsidee, wie die Frankonia, war kern Raum mehr. Das spezifisch Studentische trat m den Hintergrund. Dw .politische Diskussion herrschte vor. , Allgemeine Begeisterung verband die Parteien in der s chles w i g -holst ein tf ch e "Sache, sie ergriff auch uns Schüler. Ueberall .erklang das Lied „Schleswig- Holstein meerumschlungen". Allgemeiner «jubcl brauste kmrch Lmid, als es hieß, die Dänen hätten zweii ihrer besten^Schiff- verloren: das Linienschiff Christian VIII. und.die Fregatte Gefwu. Das erstgenannte Schiff war iw Brand gefchofsen 'vorden imd in die Luft geflogen, die Gefton hatte sich ergehn Wir Krnd^ erhielten ein Spiel zu Weihnacht! 61)rtfh Troß der guten Erfolge int Ohlystift bringt man jedoch alljährlich eine große Anzahl sittlich gefährdeter K t n der zur Pflege auf das Land. Unter der Zucht guter Bauern- samilien und dem wohltätigen Einfluß dc-r Arbeit im Freien gedeihen die Kinder fast ohne Ausnahme körperlich und geistig, und die Landlehrer sind mit den Fortschritten allgemein zufrieden. Während andere Städte eine größere Anzahl Schulkinder in die Ferienkolonien schicken, läßt man in Darmstadt in den Wintermonaten an schwächliche und bedürftige Kinder ein ivarmes Milch- frü h stück verabreichen. Tie Ktasseuiehrer können bis 20 v. H. ihrer Schüler hierzu auswählen und in besonderen Fällen sind die Oberlehrer befugt, noch weitere Kinder zuzulasjen. Im letzten Rechnungsjahre wurden 7135 Mk. verausgabt. An 74 Schultagen erhielten 1060 Kinder je */» Liter Milch und einen Weck, zusammen 19 588 Liter Milch und 78491 Wasserwerke. Im Winterhalbjahr ist für die Schüler und Schülerinnen wöchentlich eine Badestunde angesetzt. Besonders schwächliche Kinder kommen vier Wochen zur Sommerfrische in den höheren Odenwald; andere nehmen an einer Kur in Bad- Ra u h e i m teil. — Im letzten Sommer beteiligten sich aus den Mittel- und Stadtschulen 1898 (53 v. H.) Kinder an den Jugend- spiclen, für deren Leitung die Stadt 3264 Mk. bezahlte. Recht segensreich wirkt auch die K n a b e n - A r b e i t s a n st a l t, in der 192 Schüler mit Garten-, Flecht- und Schnitzarbeit beschästigt werden. — Eine zahnärztliche Poliklinik besitzt Darmstadt schon längere Jahre. 1906 wurden hier 892 Kinder (503 Mädchen und 889 Knaben) mit 1855 Konsultationen unentgeltlich behandelt. Sprechstunden wurden, an 247 Tagen abgehalten. Die Zahl der gefüllten Zähne betrug 927; ausgezogen wurden 1292 Zähne (932 Milchzähne und 360 bleibende Zähne). Tie Ausgaben der Anstalt betrugen für die Stadlkasse 1967 Alk. Für die Beaufsichti- auug der Volksschulen durch die Schulärzte entstanden der Stadt Kosten im Betrage, von 3952 Mk. Man sicht: Bei einigem guten Willen kann ein Gemeinwesen manches auf dem Gebiet der Jugendfürsorge tun, ohne daß es darum sinanziellen Zusammenbruch zu fürchten brauchte. Veilchen. Tas vielbesungene, bescheidene Veilchen ist nicht nur zur Parfümierung von Wäsche und Kleider» zu verwerten, sondern gibt auch in verschiedener Bereitung sowohl Hausmittel wie Speisen ab. V e i l ch en e s s i g ist ein sehr gutes Vertreibungsmittel für nervöse Kopfschmerzen. Er ivird bereitet, indem man die Blütenköpfchen der Veilchen dicht über dem Stiel abknipst, in eine Flasche tut und allerbesten Essigsprit darauf gießt, täglich schüttelt, sechs bis acht Wochen stehen läßt und dann filtriert. Ein Taschentuch in diesen Essig getaucht und auf die Schläfen gedrückt, lindert schnell den heftigsten Kopfschmerz. V e i l ch e n g e l e e. Die kurz über dem Stengel abgepfluckten Blüten des wohlriechenden Veilchens werden sorgsam verlesen, in ein Mullbeutelchen getan und in leichtem Moselwein */t Stunde gekocht. Ter Wein wird mm mit Zucker klar gekocht, ausgeschäumt, mit Gelatine vermischt, dann eine Handvoll recht frischer Veilchen, gut verlesen, durchgestreut und in Glasschalen auf Eis erstarren gelassen. ' Veilchensir u p. Ihn den aromatischen Veilchengeschmack nach Belieben an Süßspeisen, Limonaden rc. auch zur veilchenlosen Jahreszeit zu haben, bereitet man Vcilchenfirup auf folgende einfache Weise: 7e Kilo sehr gut verlesene, stark duftende blaue Veilchenblättchen ohne jedes Grün tut man in eine Porzellanbüchse und übergießt dies mit */2 Liter siedenden Wassers, schraubt di« Büchse fest zu oder überbindet sie luftdicht mit doppelter Blase. Man läßt dies eine Nacht stehen und preßt die Masse am anderen Morgen durch ein Seihtuch, nimmt aus 1J„ Liter Saft ein Pfund vom besten Hutzucker, tut beides in ein ganz neues irdenes Töpfchen, fügt den Saft einer Zitrone hinzu, stellt das Töpfchen in eine Kasserolle mit brausend kochendem Wässer, bis der Zucker geschmolzen ist und sich eine weißliche Haut auf der Flüssigkeit zeigt, die abgenommen werden muß. Dann füllt man die klar gewordene Masse in gewärmte Fläschchen, verkorkt und verpicht sie und bewahrt sie frostfrei auf. Ter Saft muß eine schöne blaulila Farbe haben, stark duften und klar sein. Kupferne, emaillierte und Messinggeschirre dürfen nicht benutzt werden. — Mit dem vorstehenden Sirup kann man das Veilchengelee färben, ihn auch zu Limonaden und als Zusatz zu Zitronenlimonade benutzen. Kandierte Veilchen. Dazu befreit man die Blümchen vom Grün, sticht sie auf eine Stopfnadel und taucht sie in zum Bruch geläuterten Zucker, legt sie auf eine mit Mandelöl eingeriebene Schiefer- ober Marmorplatte und läßt sie erstarren, wickelt sie in lila Seidenpvpiertütchen und reicht sie als Konfekt. M. Lorenz. Frühliugsbotschast. Ter Winter ist gewichen, Geschmolzen Schnee und Eis, Des Sturmes Wucht gebrochen, Lau' Lüftlein säuselt letS. - Ganz leise ruft eS, leise, In märchenstiller Nacht: „Aus langem Winterschlafe, Ihr Blumen, all, erivacht l Nicht länger dürft ihr schlasen Im dunklen Kämmerlein; Nein, blühet, lieblich duftet Fortan für groß und klein 1" Behende folgt dem Rufe Ein Glöckchen, weiß tvie Schnee; Im Tale tönt fein Klingen, Von waldgekrönter Höh'. Bald folget ihm bescheiden Ein Blümchen, dunkelblau; Es gleicht den Äug' des Kindes, Dem tmschuldvollen, genau. Wie dort Marienblümchen Tas Köpfchen reckt empört Zur Lieblingsblume Jesus, Ein Knabe noch, sich's kor. Auch Anemon' und Primel Stehn leuchtend auf dem Plan; Wohl hatte König Salomo Solch Prachtgewand nicht an! Und mit des Frühlings Kindern Im grünenden Revier Erwachet in dem Busen Sorgloses Leben mir. Hell jubelt eine Stimme, Frohlockt aus tiefster Brust: „Tie grauen Sorgen schrecket Quellklare Lenzeslnst." Gießen. G e o r g S t r a u b. Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in voriger Nummert Wal, 7, Zerbst — zer, Walzer. Redaktion: Ernst Heb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea UnwersttäkS-Buch- und Sieindruckerei. R. Lange, Vieh«»