1907 BBf Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto H o e ck c r- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Tann fühlte er sich beim Arm gefaßt: wie er sich umwendete, war es der Arzt, der ihn mit verstohlenem Wink nach dein Nebenzimmer rief. „Was hat's denn gegeben?" empfing ihn dort der Hausarzt mit ernstem Kopfschütteln. „Sie haben sich doch nicht mit dem Frauchen gestritten — nichts für ungut, Herr Eilenburg, doch der ganze Vorgang scheint von einer heftigen seelischen Erschütterung herzurühren .... mtb das ist nicht gut, zumal bei den obwaltenden Umständen." „Obwaltenden Umständen? Wie soll ich das nehmen . . . Um was handelt es sich?" „Um was? Na, um ein Großes oder ztvei Kleine", scherzte der Arzt, der sich an des anderen verblüfftem Gesichtsausdruck ersichtlich tveidete. Tann, als Eilenburg immer noch verständnislos blieb, schlug er ihm mit jener jovialen Vertraulichkeit, wie sie den meisten langjährigen Hausärzten eigen zu fein Pflegt, auf die Schulter. „Aber bester Herr Eilenburg, das müssen Sie doch wissen." „Nichts lucift ich, War nichts!" brauste nun der Fuhrherr auf, als sähe er sich gefoppt. „Was ist denn eigentlich los? Hol' der Deubel Ihre Geheimniskrämerei, Doktor!" Ter Arzt blieb gelassen: er setzte sich gemächlich, während Eilenburg gleich einem angeschosscnen Eber im Raume nmher- raste. „Sollte Ihre liebe Frau Ihnen das süße Geheimnis, wie sich die Romanschveiber immer so zuckcrbäckcrig auszu- drücken belieben, nicht schon in die geräumigen Ohrmuscheln geflüstert haben?" Nun verstand Eilenburg endlich; unter einem hastigen Atemzug trat er au den Arzt heran und starrte ihm ins Gesicht. „Doktor, verstehe ich Sie recht?" fragte er, nur schwer im Staude, der mächtigen Baßstimme Mäßigung zu verleihen. „Sie denken. Sie glauben — meine Frau könnte. . . Sie machen mir Hoffnung auf... . auf einen Sohn —" „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort," zitierte der Arzt belustigt, „es kann auch eine Erbin sein. Darüber wollen luir uns nicht weiter den Kopf zerbrechen, denn trügt mich nicht alles, so wird sich ein gewisser Freund und Gönner zu Weihnachten die mit Recht so beliebten Einpopeialieder eiu- übeu." , , Ein Freudenlaut entrang sich den LiPPeil des Fuhrherrn: dieser packte den Arzt so kräftig bei der Schulter, daß er einen schwachen Ausruf nicht unterdrücken konnte. „Mensch, mordeir Sie mich gefälligst nicht!" protestierte er, unterbrach sich aber, mitten int Wort und eilte dein Fuhrherrn nach, denn dieser war gerade im Begriffe, mit weitgestreckten Schritten nach dem Schlafzimmer zurückzueilen. „Na, seien Sie so gut! Dageblieben!" rief der Arzt, indem er ihn glücklich noch beim Rockzipfel erwischte und festhielt. „Nehmen Sie doch Vernunft an, Herr Eilenburg. Ihre! Fran hat jetzt die allergrößte Schonung nötig — absolute Ruhe, verstehen Sie mich . . . nicht einmal häufiges Nachihrseheir. . in ihrem Zustande sind solche Nervenzufälle sehr bedenklich.^ Sie verstehen mich. Mau geht mit solchen jungen Frauchen' besser um, wie mit rohen Eiern . . . und brummt dafür in! den Pferdeställen, muß der Grimm heraus." Er drohte schalkhaft mit dem Finger. „Wo denken Sie hin", entgegnete Eilenburg, der wunderbar gelassen blieb. „Das erste böse Wort soll noch kommen, das meine Frau von mir hört. Sie ist nur zart. Doch ich werde sie pflegen und dafür sorgen, daß ihr jegliche Störung fern bleibt." Sein Blick fiel auf Hermine, die schon seit einer Weile auf der Türschwelle stand und nun mahnend den Finger an die Lippen legte. „Sie ist eingeschlafen!" flüsterte sie den Männern zu. „Ganz still, bitte!" Behutsam trat der Arzt in die Schlafstube: als er bald darauf wieder zu dem uiigednldig Harrenden zurückkehrte, nickte er ihm befriedigt zu. „Die Sache läßt sich gut an, besser als ich dachte. Dieser Schlaf kommt sehr gelegen; man fühlt schon die Schweißbläschen auf der Stirn. Wie gesagt, keine Störung während der kommenden Nacht — und morgen wird alles wieder in der schönsten Ordnung sein." Als der Arzt sich empfohlen, erbot sich Hermine, noch ein Stündchen zur, Pflege zurnckzubleiben und anch zum Abend wieder zu kommen, um bei der Freundin Nachts über zu wachen'. Doch davon wollte der Fuhrherr nichts wissen. „Herzlichen Dank, Sie meine«'8' gewiß recht gut," versetzte er. „Doch ich will schon bei meiner kleinen Frau aus- harren. Sie haben es wohl gehört, !vas der Arzt vorhin gemeint hat?" fragte er zögernd. Das Mädchen errötete flüchtig und nickte ihm dann lächelnd zu. „Ich dachte mir's gleich, als ich Marie sah," gestand sie. „Ich Dummkopf!" platzte nun Eilenburg heraus. „Da lebt man in den Tag hinein und merkt das Wichtigste nicht. . . Doch warum hat sie mir nichts gesagt, kein Sterbenswörtchen — warum mir?" Und wie er das noch sprach, da verdüsterten sich feinte Mienen unheimlich und sein Auge starrte erschrocken mit verglastem Ausdruck ins Leere. „Allmächtiger", kam es heiser über feine Lippen, während die Linke gegen das stockende Herz fuhr. „Wenn fie's nicht zu sagen wagte — wenn — wenn —" Er vollendete nicht. Toch Hermine, die schon im Ausbruch begriffen gewesen, erriet seinen Gedankengang und trat mit bittend ausgestreckter Hand auf ihn zu. „So sollen Sie sich nicht quälen, Herr Eilenburg. Sie dürfen es auch nicht. Das hat Marie nicht verdient. Unbedacht mag sie gehandelt haben, niemals aber schlecht; dafür kenne ich sie zu lange." Als der Fuhrherr immer noch mit Kopfschütteln, in den Augen quälenden Zweifel, vor Hermine stehen blieb, rief diese: „Sic sollten sich schämen, Herr Eilenburg, verstehen Sie mich? Es gibt Tinge, die man feiner Fran einfach nicht zutrauen darf! Tas merken Sic sich fein. Wenn Sie sich da nicht 714 beherrschen können, so sind Sic's überhaupt nicht wert, Marie zum Weib bekommen zu haben!" Ein schwaches Lächeln umhuschte die schwermutsvoll umzogenen Lippen des Mannes; dieser haschte nach Hcrmiucns Hand und dnickte sie dankbar. „Sie verkennen mich. Ich siehe gewiß nicht an Vertrauen hinter Ihnen zurück, o nein,' das ist cs nicht- Wie soll ich cs Ihnen nur begreiflich machen .... man fühlt, wie einer, der sich reich wähnte, und nun seine Bettelarmnt entdeckt. Dvch das deckt sich nicht. Er liehe sich da so viel sagen." Er nötigte sie, ihn« gegenüber wieder Platz zu nehmen und sprach daun in gedämpftem, raschem Tone auf _ sie ein, gerade als ob cs ihn« Erleichterung verschaffte, sich aussprccheu zu dürfen. „Sie sind Mariens beste Freundin, ich weiß es. Sie sprach mir ost von Ihnen, nannte Sie nur beim Vornamen, ich legte auch weniger Wert darauf, wollte fortan meines lieben Weibes einziger Freund sein. War wohl lvie Eifersucht. Lachen Sie mich nicht ans, Fraulein, doch manchmal kam mich ein Uehermut an, ich hätte jauchzen mögen vor Glück oder Purzelbäume schlagen; kurzum, ich begriff mich selbst nicht mehr, ich wußte nur, daß ich wie auf verwunschener Insel lebte, auf der es ewig Frühling und Sonnenschein blieb — und ringsum, weitaus vom Glück rauschte die Welt, war für mich blo ß noch leerer Schall." . „So stand cs, als — Franz heimkehrte." Es kostete ihm ersichtlich lleberwindnng, den Namen des ungeliebten Sohnes auszusprechen und er tats nur mit nncwölkter Stirn. „Gleich von Anfang au war der Bursch wie ein Schatten in meinem Glück. Alles begriff ich an Marie und in allen« war ich ihr gern zu Willen. Doch >dcaß sie gleich so herzlich mit dem Buben tat und mir immer um den Bart ging, bat und schmeichelte, galt cs für ihn etwas zu erlangen, während sie sich eher die Zunge abgebissen hätte, als mich um etwas zu bitten, was sie selbst begehrte. . . kurzum, Fräulein, die Unruhe verließ mich nicht mehr. Ich wurde die Empfindung nicht los, als sei mein Glück bedroht. Tas war sehr schlimm. Ich gönne das Gefühl meinem ärgsten Feinde nicht . . . Gottlob, ich habe keinen solchen! Da half keine Vernunft, keine Vorstellung; umsonst redete ich mir vor, wie's lächerlich von mir sei, auf ben Buben eifersüchtig zu sein . . . ich schalt mich einen Verbrecher und Lästerer an meines Weibes Tugend — es blieb umsonst, ich wurde beit Stachel nicht los, er senkte sich immer tiefer in mein Herz . . . und nun sagen Sie selbst, Fräulein," fuhr er unter einem liefen Seufzer fort, „war's nicht die richtige Empfindung, die ich hatte? . . . Herrgott, wie war ich bis zu dieser Stunde gegen Marie! Meine Seele lag, wie mein vergangenes Leben, gleich einem offenen Buche vor ihr. Ich hätte ihr nichts zu verschweigen vermocht .... nichts!" stieß er dumpf hervor. „Sie war dvch mein eigenes Leben, mein anderes Ich . . . und doch lebte sie wie eine Fremde neben mir, hatte feilt Vertrauen, Wohl eher gar Furcht vor mir . . . alles enthielt sie mir vor, was sie an die Vergangenheit anderer kettete, was unsere Zukunft hoffnungsfroh erfüllte.... ah! daran darf ich nicht denken, daß sie mir nicht sagte, was zu erwarten steht. . . und sie weiß es doch, wie ich nach solchem Glück verlange . . . warum hat sie mirs nicht gesagt, warum?" rief er dumpf. Mieder stand die Zornesader dick auf seiner Stirn und seine Augen schienen wie blutunterlaufen. „Wenn sie mirs .nicht sagen konnte, mirs nicht zu sageit wagte, was geheimnisvoll in ihrem Schoß sich regt, weil . . . weil —" Er brach stöhnend ab. „Doch, da ruft Marie", sagte er in ersichtlich erleichtertem Tone. „Sie ist rasch wieder wach geworben." Als er seine Frau aufrecht im Bett sitzen sah, konnte er sich nicht länger zurückhalten, sondern eilte auf sie zu. Sie wehrte der stürmischen Zärtlichkeit Eilenburgs; scheu blickte sie zu ihm auf. „Verzeihe, wenn ich dich erschreckte," begann Marie matt. „Ich bin ein törichtes Ding . . . doch die Angst fraß mir so am Herzen. Ach, hätte ich dir doch schon längst alles gesagt!" „Davon sprechen wir jetzt nicht," suchte Eilenburg sie zu beschwichtigen. „Erst ruh dich und schlafe ans." Tie junge Frau unterbrach ihn kopfschüttelnd. „Ich will die große Angst los werden, die mir das Herz ausfüllt, dann werde ich ruhiger werden. Wie es auch kommt. . . und seis gleich das allerschlimmste, es wird mir Wohler sein. Ich trage diese qualvolle llngewißheit nicht mehr." Dabei blieb sie, obwohl auch Hermine ihr gütlich zusprach und sie mahnte, sich nicht von neuem ausznregen. „Laßt mich euch alles sagen, es muß vom Herzen herunter," begann sie, als ihr Gatte sich neben ihr auf dem Bettrand niedergelassen Während Hermine teilnahmslos zur Seite stand. „Zunächst das eine, Richard. Als ich nach Jahren bitterer Heimsuchung, erwachsen und über meine Jahre hinaus gereift und einsichts-- voll geworden, hierher zurückkam, um die Stellung einer Haushälterin bei dir auszufüllen, da hatte ich auch meine törichte Jugendliebe so vollständig vergessen, daß nicht einmal die Ueber- einstimmung des Namens mir auffiel. Vielleicht kam das auch daher, weil sich jener. . . jener Mensch für adlig aus- gegebeu hatte. Nicht einmal seine Jugcitbbilder hätten mir Aufschluß geben können, cs waren keine vorhanden." „Allerdings, ich hatte mir alles aus den Wagen geschafft, was mich an den Burschen hätte erinnern können," räumte der Fnhrherr ein. „Ebenso sprachst du nie von deinem Sohne," fuhr Marie leise fort. „Was ich von ihm hörte, das ließ mich nicht einmal erkennen, ob dein Sohn noch lebte ober schon tot war." „In meinem Herzen war ers langst!" stieß Eilenburg grollend hervor, wieder stand die Zornesfurche ans feiner Stirn. Als er ihren ängstlichen Blick gewahrte, beugte er sich zärtlich über sie und seine Mienen hatten sich schnell gewandelt. „Es war Unrecht von mir, Marie, daß ich dir dies alles verschwieg," stieß er hervor. „Ich hätte mich offen aussprechen, dich nicht im Unklaren lassen sollen. Das rächt sich nun. Doch mir fiel's so schwer. Du warst so jung, ich so alt — und meine Liebe so heiß. Da entschließt man sich nur schwer, von einem erwachsenen Sohne zu reden — zumal von so einem! . . . Kam ich mir doch immer wie ein halber Dieb vor, so ungeheuerlich erschien es mir, so viel Jugend und Liebreiz an mich zu reißen." Eine flammende Röte stieg in die Wangen der jungen Frau; ihr Blick wurde glänzend, als er bem seinen begegnete. „Richard, laß mich dir's sagen," hauchte sie, „ich habe mir kein größeres Glück denken können, als dein Weib werden zu dürfen. Von jenem Tage an begann erst mein Eheglück — und magst du mich nun gleich verdammen, daS sollst bn wissen, daß es mich so stark zu dir getrieben hat, wie — vielleicht dich zu mir." Von seinen Lippen löste sich ein Freudenruf; er breitete die Arme, wie um sie zu empfangen. Doch dann sich niäßi- gend, sagte er: „Das war ein gutes Wort, Liebste. Es soll dir unvergessen bleiben — und nun sage mir's rasch, was dich quält. Ich lache schon je tzt darüber... ich habe dir eben wieder in die Augen geschaut. . . nein, du bist die Frau nicht, die Vertrauen täuscht... ich weiß mein Glück in deiner Hut gesichert." Frau Eilenburg weinte leise, wie vor Freude, vor sich hin. Dann fuhr sie fort: >„Es kam her Tag, an welchem dein Sohn von den Sol-, baten heimkehrte. Ich sehe ihn noch zur Tür hereinkommen. Wir waren gerade beim Essen, als ihn bas Mädchen ins Zimmer führte. Dir stieg es rot im Gesicht auf, ich wußte nicht, ob aus Verlegenheit oder erwachsendem Zorn. Jedenfalls blicktest bn plötzlich ganz anbei», als ichs sonst von dir gewohnt war. Ganz beiläufig sagtest du: „Ah, der Franz" — und dich zn mir wendend, sagtest du nicht weniger nach oben hin: „Ich weiß nicht, ob ich mit dir von ihm gesprochen habe. Er stammt aus meiner ersten Ehe, war nun bei ben Soldaten und wird künftig in meinem Geschäft tätig fein" — und dich wieder zn dem Heimgekehrten wendend, sagtest btt kurz: „Ich habe wieder geheiratet, wie du siehst. In deinem eigenen Interesse erwarte ich, daß du deiner Stiefmutter mit einer Ehrfurcht begegnest, wie ich sie von dir erheische. Bleib eingedenk, daß sie meinem Herzen nm nächsten ist" — und damit heißest du ihn, sich setzen und sein Mahl zu verzehren." _ „Gewiß, ich entsinne mich, als sei es erst gestern gewesen," siel der Fnhrherr ein. „Noch sehr ich seinen verdrossenen Blick, wie Haß streifte er dich und ich mußte an mich halten, um nicht sofort den Burschen in die Schranken zn weisen . . , um so mehr erstaunte es mich, euch schon am nächsten Tage so —J so vertraut zu finden," vollendete er unter einem Seufzer. (Fortsebung folgt.) -LcuLHev. (Zum 5. Dezember.) Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter". Es war ein kalter Dezembertag. Schnee und Eis bedeckten die Fluren. Das Schlachtfeld von Leuthen dampfte noch vonr Blute der Gefallenen. Tausende lagen tot oder verwundet ans der Wahlstatt. Früh war die Nacht schon! eingebrochen. Die von den Anstrengungen des Tages ermatteten preußischen Krieger haben sich zur Ruhe begeben. — 715 — Stille ringsum, und über dem blutgetränkten Feld der | leuchtende Mond und der flimmernde Sternenhimmel. I Der Ernst des Tages verfehlt bet den zur Ruhe dahm- gestreckten Kriegern nicht seine Wirkung. Plötzlich wird diese Stille unterbrochen durch den Gesang eines alten bärtigen Kriegers: „Nun danket alle Gott!" Seine Gefühle teilen die Naheliegenden, und bald braust ein vieltausendstimmiger Chor unter Begleitung der Regiments- nmsik zum Himmel empor. Folgen wir den Ereignissen des Tages! Nach der Schlacht bet Roßbach am 5. November war Friedrich II. sofort mit seinem kleinen Speere nach Schlesien geeilt; denn dort standen die Dinge bedenklich. Schweidnitz und Breslau waren mittlerweile gefallen; ganz Schlesien schien verloren. Am 2. Dezember konnte Zielen von der geschlagenen schlesischen Armee noch 18600 Mann zuführen. Mit diesen 32 600 Mann, die nun die preußische Armee zahlte, wollte König Friedrich einen entscheidenden Schlag ausführen. Ei» kühnes Unternehmen gegenüber der dreifachen Uebermacht der Oesterreicher unter dem Herzog Karl von Lothringen und dem Feldmarschall Daun! Ter Tag von Roßbach hatte das Selbstbewnßtsein des Königs gestärkt. Er war fest entschlossen, die Feinde anzugreifen, „und wenn sie ans den Kirchtürmen von Breslau oder auf dem Zobteuberg ständen". Bei Leut heu, unweit Breslau, stieß er auf den Feind, der mit Geringschätzung auf das kleine Heer der .Preußen, „die Berliner Wachtparade", herabsah. Am 4. Dezember, an einem Sonntag, näherten sich die beiderseitigen Heere. Friedrich berief seine Offiziere und hielt an sie eine begeisterte Rede, in der er die Gefahr des Vaterlandes schilderte und an den Geist seiner Truppen und ihrer Führer appellierte. „Ich muß diesen Schritt ivage», oder es ist alles verloren", fügte er hinzu, „wir müssen den Feind schlagen oder uns alle vor seinen Batterien begraben lassen. Wer von euch verzagt ist, der trete heraus, ehe er andere verzagt macht! Er trete heraus; er soll ohne Umstände und Vorwurf gleich seinen Abschied haben. . . . Nun. leben Sie wohl, meine Herren, in kurzem haben wir den Feind geschlagen oder wir sehen uns nie wieder." Am Abend beritt der König das Lager, wo ihm überall die opferfreudigste Stimmung begegnete. Am Morgen des 5. Dezember ging Friedrich dem Feinde entgegen, der sich anschickte, sich in Schlachtordnung aufzustellen. Unter dem Gesänge frommer Lieder rückten die Preußen heran. „Gib, daß ich tu' mit Fleiß, was mir zu tun gebühret —, Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet —, Gib, daß ich's tue bald — Zu der Zeit, da ich's soll —, Und ivenn ich's tu', so gib, — daß es gerate wohl!" Ein alter Oberst wollte seinen Truppen Schweigen gebieten. Der König hatte es bemerkt und sagte: „Laß Er das, mit solchen Leuten wird mir Gott gewiß den Sieg verleihen!" Bor Beginn der Schlacht rief er einen Offizier mit 50 Husaren heran und sagte: „Ich werde mich heilte bei der Schlacht mehr anssetzen müssen, wie sonst. Er mit seinen 50 Mann soll mir zur Deckung dienen. Er verlaßt Nlich nicht und gibt Acht, daß ich nicht der Kanaille in die Hände falle. Bleib' ich, so bedeckt Er den Körper gleich mit Seinem Mantel und läßt einen Wageir holen. Er legt den Körper in den Wagen nnd sagt Keinem ein Wort. Die Schlacht geht fort, und der Feind —, der wird geschlagen!" Heute zeigte Friedrich die ganze Größe seines Feld- herrngenies. Taktik irnd Geist mußten die numerische Minderheit ersetzen. Die preußischen Kolonnen rückten heran wie zur Truppenschau. Alles klappte; jede Bewegung wurde mit seltener Präzision ausgeführt. Die preußische Reiterei eröffnete die Schlacht. Friedrich ivllßte den Feind zu täuschen, indem er einen versteckten Angriff auf seinen rechten Flügel führte, während er den Hauptangriff aus den linken feindlichen Flügel richtete. Er hatte die schiefe Schlachtordnung gewählt, mit der einst der Thebaner Epaminondas in der Schlacht bei Lenktra die Spartaner besiegte. „Aufmarschierend schob er einen Trupp nach dem anderen in Keilform nach rechts dicht aufeinander." „Die guten Leute paschen ab," meinte Daun, „lassen wir sie ziehen." Plötzlich ließ der König den anscheinend wirren Truppenknäuel sich entfalten, und nun erfolgte gegen 1 Nhr eilt furchtbarer Anprall gegen bett feindlichen linken Flügel. Tie vordersten Reihen des Feindes gerieten ins Schwanken. Zielen fällt mit der Reiterei ein und wirft ein feindliches Regiment auf das andere. Der König selbst führt den Angriff auf das Dorf Leuthcn. Zu spät erkannte der Feind die Absicht des Gegners. Seine vom rechten Flügel herangezogenen Reserven können die nötige Unterstützung nicht gewähren. Es war 4i/2 lUjr; es dunkelte bereits; da war die Schlacht entschieden. Das ganze österreichische Heer befindet sich in Auflösung und schickt sich zum Rückzug nach Lissa an. Napoleon I. hat die Schlacht bei Leuthen als „das Meisterstück des großen Friedrich" bezeichnet. Der Feind verlor 10 000 Tote und Verwundete, 21000 Gefangene, 116 Kanonen nnd 59 Fahnen. Auch die Preußen hatten einen Verlust von 5000 Mann zu beklagen. Aber trotz des Verlustes hatte der Geist der Truppen nicht gelitten. Ein bayerischer General stieß auf einen schwer verwundeten Preußen, dem beide Beine abgeschossen waren, und der noch kaltblütig ans seiner Tonpfeife rauchte Verwundert seb *>•*• Bayer den Preußen an, bn Fritze!" Ein alter General begüü • i .. . wonnenen Siege. „Das", ei Höherer getan." „In," erto Majestät vortreffliche Dispos mit Seinen Dispositionen - zum Andern." Begeisternd nahm das ; sreude teil nnd sang: „Es lebe durch des Höchsten Gnade Der König, der uns schützen kann, So schlägt er mit der Wachtparade Noch einmal achtzigtansend Mann." An seinen Geheimschreiber Eichel berichtete der Königr „Alles geht wundervoll gut; ich gehe morgen nach Breslau, welches ich wieder in wenigen Tagen zu erobern hoffet Und in der Tat, bereits am 21. Dezember war er wieder im Besitz von Schweidnitz und Breslau, lieber seine Erfolge int Dezember schreibt Friedrich an seinen Bruder« den Prinzen Heinrich: „Endlich ist die größte Schwierigkeit überwunden. Gott sei Dank, daß ich mir diesen schrecklichen Dorn ans dem Fuße gezogen habe. In meinem! Leben habe ich niemals so viel Hindernisse auf meinem Wege zu überwinden gehabt. Gegenwärtig haben wir unfere Revanche: die Reputation der Truppen ist vollkommen hergestellt." Und wenn auch der König selbst in dieser Zeit körperlich litt, so tröstete er sich doch: „Wenn ntfr unser« Sachen gut gehen, so lverde ich dem Himmel danken« wenn ich auch allein leide." So hatte das Jahr 1757 glücklich für den schwer bedrohten König geendet. Ein Jahr reich an Wechselfällen mannigfacher Art! 760000 Krieger auf deutschem Boden in Waffen. Alle Großmächte im Bündnis gegen den einzigen Manu! Das Jahr 1757 ist bezeichnend für den ganzen Krieg: „Kühner Anlauf, überwältigendes Unglück, Gefahr der Existenz, aber Rettung durch Entschluß, Disziplin und Waffen." 'Heute nach 150 Jahren wird auf dem Schlachtfeld« von Leuthen die Hülle des Denkmals fallen, das den gegenwärtigen und künftigen Geschlechtern ein beredtes Zeugnis gelten" soll von einem der glorreichsten Siege, von welchem die Weltgeschichte erzählt, von einem Siege des überlegenem Scharfsinnes und der begeisterten Hingabe. —e—. — 716 Vermischte». "Der Rekord marsch eines Siebzigjährigen. Wie eins New-Dock berichtet wird, hat Edward Weston, der Champion unter den Fußgängern Amerikas, der jetzt in seinem 69. Jahre steht, seinen großen Marsch von Portland nach Chicago vollendet und die ganze Strecke von 1235 engl. Meilen in einem Zeitraum zurückgclegt, der 24 Stunden weniger beträgt, als die Zeit, die er zu demselben Marsche 40 Jahre früher brauchte. Während seines ganzen Weges wurde Weston überall mit Begeisterung ausgenommen und Tausende begrüßten ihn in den Straßen der Städte, durch die er während seiner Tour kam. Er hat jetzt im ganzen auf seinen Fußmärschen 70 000 Meilen zurückgelcgt seit dem Jahre 1867, da er das Wandern als Sport aufnahm. WeihrmchLsgeschenke. Nachdruck verboten. Handarbeiten. Fensterkissen. Man fertigt dasselbe aus hellrehfarbigem wollenen Javastoff etwa in einer Länge von 60 Ztm. zu 35 Ztm. Breite. Es wird in persischem Muster, das man an einer Sofarückwand oder an einem Teppich in diesem Stil absehen kann, mittels nordischer Wolle Bengalineseide mit Flach- stichen oder selbst 'auch mit Kreuzstich bestickt. Als Umrandung erhält das Fensterkissen kurze runde Zacken aus Tuch, welche in doppelter Reihe, leicht .übereinanderfallend — so daß dieser Abschluß etwas voll aussieht — verkürzt angenäht werden. Je eine volle runde Rosette aus demselben Tuch zieren die Ecken des Kissens. Das Fensterkissen wird etwas steif mit Roßhaar. Kapok, Werg oder Watte gefüllt und mit einem reh- *■ • 'N Baumwollflanell als Futter an der Rückseite versehen. ^Weihnachts-Literatur. De- 23. Jahrgang von Engel hör ns allgem. Ro- a » b i b l othck wurde uns auf den Redaktionstisch gelegt. Er »ringt vlgende 26 Bande: T ie beiden Wildtaube». Bon Richard Skow- rounek. 2 Bände. Tie reichbewegte und psychologisch fein geführte Handlung dieses neuesten Werkes des bekannten Erzählers zeigt die Schicksale zweier Försters linder, die nach einer tu der Großstadt empfangenen Erziehung in die Waldeinsamkeit verschlagen werden, zeigt, wie die eine Wildtaube ihr bescheidenes Glück im engen Kvei>e findet, während die andere, von den Stürmen der Leidenschaft getrieben, sich verfliegt und in Not und Verderben gerät. Im Wagen des Bischofs. Bon Miriam Michelson. Ans dem Englischen. Mit amerikanischer Lebendigkeit und Nanntat, um nicht zu sagen Unverfrorenheit, erzählt in dieicr originellen Geschichte ein „smartes" Yankee-Mädel seine lustigen Abenteuer. Auf Tod und Leben. Von Ewald Gerhard S ee l i g e r Ob der begabte Verfasser dieses buntci! Novcllcnstraußes heitere oder düstere Töne auschlägt, stets weiß er die Eigenart von Menschen und langen zu erfassen und dem Leser scharf ausgeprägte L--bcns- vilder vor Augen zu führen. _ D i e S t ä r ke re. Von Riccardo P i e r a n to n i. Aus dem Italienischen. 2 Bande. In glühenden Farben schildert der Verlas,cr den tragischen Konflikt eines Seemanns zwischen seiner Leldenfchaft für die See und seiner späteren Liebe zu einer schonen,, warmy.rsigen Frau. _ T as Nlückliche Tal. Von B. M. Croker. AuS dem Eng laichen, ^m Rahmen einer mit Anmut erzählten Geschichte gibt cue Vermlserin ein lebendiges Bild von Land und Leuten .Norwegens mit seinen prächtigen Fjorden, seinen grünen Tälern nnd Jemen fischreichen Strömen. nr?..a\ I- B l i ch e r- C l a il s e n. Aus demDänischen. ™Ttr Verständnis behandelt die Verfasserin das Problem des Vcrhiiltnisscs der zweiten Frau dem Gatten imb einem feinfühligen Kinde gegenüber. In ergreifenden Worten entrollt sich vor uns das Schicksal dreier Menschen. Der Schatten des Stricks. Bon E. W. Hornung' Aus dem Englischen. 2 Bände. Der Verfasser erweist sich als ein Meister des Kriminalromans, wenn man diese Bezeichnung auf ein Buch auwenden will, das sich sowohl durch das darin behandelte Problem, als auch durch die überlegene Art und Weise, wie >,ch der Autor .damit abfindet, weit über den Durchschnitt dieser Gattung erhebt. H n g u e t t e s Abenteuer. — Claude C h a m b o ch e s ^?,.Pkb-c t a r. Von Guy Chantcplenrc. Aus dem Fran- zvnfchen. Zwei Lustspiele sind cs eigentlich, die der.Verfasser ^ovellenform bietet. So anspruchslos die amüsanten Ge- ichlchtcn auch fmb, so muten sie doch durch die Grazie der Tar- stellung, ihren Esprit, liebenswürdig an. ß-Ar'Tfch” ^,ber KLmig wär'! Von Justin Huntly Mc Eacthy. Aus dem Englischen. Die pwblematische Natur des zur Zeit Ludwigs des Elsten lebenden Dichters Franyois Billon steht im Mittelpunkt dieser Geschichte, die ein interessantes historisches Gemälde darstellt. Die holdeTörin. Bon I da Bo y - Ed. 2 Bände. „Die holde Törin" Phantasie ist es, die Ida Boy-Ed hier in einer verführerischen und glänzenden Frauengestalt verkörpert, die, im tiefsten Grunde schuldlos, dennoch zur Verderberin der Männer wird, die ihr nahen. Tic Handlung hat den heißen Atem der Leidenschaft und führt durch das Idyll des Kleinstadtlebens, das Konzertireiben Berlins in die erhabenen Stimmungen Bayreuther Festspieltage. Ein mo dern es Mäd chcn. Von B. M. Ahlb er g. Aus demDänischen. Frisch, froh, frei, im Bewußtsein seines Könnens, steht dieses moderne junge Mädchen auf seinem Platze, füllt ihn aus, wirkt und schafft zur eigenen Freude und zu der seiner Mitmenschen. Solch ein junges Mädchen ist ein zielbewusstes, nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft, eine Zierde seines Geschlechts und erobert nicht allein' die Herzen der Männer, sondern auch die der guten Frauen. Ein g r o ß e r M a n n. Von Arnold B c n n c t t. Aus dem Englischen. Im Rahmen' einer von Humor sprühenden Geschichte gibt der Verfasser eine gelungene Satire aus literarische Tageserfolge. Die Siegerin. Bon Georges O hnet. Aus dem Französischen. 2 Bände. So recht aus dem modernsten Leben heraus sind die Konflikte dieses kosmopolitischen Romans geschöpft, dessen dramatisch bewegte Handlung sich bald in der Pariser Lebcwelt, bald in den Kreisen' der Großindustrie zweier Hemisphären abspielt. Das Erbschweinchen und andere Geschichten. Bon Hermine Billinger. Tie Verfasserin schöpft für diese Erzählungen aus den verschiedenartigsten Lebensverhältnissen. Bald beleuchtet sic mit Humor die Ausartungen moderner Wohltätigkeit,, bald greift sie in die Tiefen des Volkslebens, nm mit fast dramatischer Wucht die ewigen Konflikte der Leidenschaften darzustellen, bald behandelt sie Probleme, die von der Ucbermacht der Natur über Erziehung nnd Umgebung Kunde geben. Und das alles ist innerlich erlebt und plastisch geschaut und zwingt uns in seinen Bann. " M e i n F re und Prospero. Von Henry H ar l and. Aus den« Englischen. Mit lachenden Augen schaut Harland ins Leben. Einer Figur von der Lieblichkeit der kindlich-naiven kleinen Annunziata wird inan nicht so leicht wieder begegnen. Tas G y mn asium zu Le n gv w o. Bon Carl Busse. 2 Bände. In stimmungsvoll gedämpften oder stürmisch bewegten Szenen rollt sich hier eine für die Verhältnisse in der deutschen Ostmark typische Handlung ab. Lehrer und Schüler des Gymnasiums, mit all ihren über den Schulkreis hinausgrcifeuden Beziehungen, ziehen in Wechsel tragischer und humoristischer -Situationen an uns vorüber, und eine so freundliche Gestalt- wie die des ritten Rektors dürfte das Buch allein schon dem Leser liebenswert machen. Evangelines Schicksale. Von Elinor Glyn. Aus dem Englischen. Es wird niemand gereuen, die Bekanntschaft Evangelincs zii machen, einer anmutigen kleinen Hexe, die durch eine pikante Mischung von köstlicher Naivität mit einer Dosis bewußter Koketterie jedermann zu berücken weiß. De r Puppens Pie ler. Von Karl Rosner. Ein kühn anfgebautcr Kriminalroman, dessen Handlung sich rasch zu geradezu atemloser Spannung erhebt. Tie geistreiche Erfindung und der wirkungsvolle Vortrag machen das Werk zu einer der eiudrücklichsten Schöpfungen nuf dem Gebiete der „Tetektivge- schichten". Ihre Familie. Bon B. M. Croker. Ans dem Englischen. 2 Bände. Mit dem ganzen Reiz ihrer liebenswürdigen Fabulierkuust schildert die Verfasserin die Schicksale eines jungen Mädchens, das durch widrige Umstände aus glänzenden Verhältnissen in eine indische Halbblutfamilie verschlagen wird. Vexier-Rätsel. Nimm ein Drittel Apfelsine, Dock vergiß die Farbe nicht. Weißt du nicht wie sie erschiene, Wenn es dunkelt: so bediene Dich besondrer Art von Licht. Rufe ihn, der es erfunden, Dessen Name wohlbekannt. — Hast du alles recht verbunden, Ist sogleich ein Wort gefunden Für „Musikiverkfabrikant." Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Telemachos, Xcuopho»; Telephon. Die Einsendung hübscher Niitsel, von treuen Lesern unserer „Familienblätter" verfaßt, an die Redaktion der „Familien- blätter" ist sehr erwünscht. Redaktion: P. Wrttko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen/