1907 — Mr. 164 Montag den 4. Movember Auf der Ligenm Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Eben ließ Selkenbach die Hände vom Angesicht wieder sinken. .Verstört starrte er mit wirrem Orientierungsblicke um sich. Fast scheu vermied er es, dem ängstlich auf ihn gehefteten Micke seiner Gattin, die offenbar von alledem noch nicht das mindeste begriff, zu begegnen. Doch als seine suchenden Augen die Gestalt der Tochter trafen, blitzte jäh in ihnen ein wütender Hassesblick auf. Er hob die Faust und schüttelte sie in kraftloser Raserei gegen das händeringende Mädchen. „Mas ist geschehen?" fragte er dann mit wilder Mine. „Man hat mir Meine Verhaftung angekündigt . . . ." Seine Frau schrie laut auf vor Entsetzen. „Meinen Mann verhaften .... den Geheimrat Selkenbach . . ." Gebrochen sank sie in den nächsten Sessel. „Gnädige Frau, wir sind nur die Vollstrecker eines uns gewordenen Gcrichtsbefehls", versuchte Kneift zu beschwichtigen. „Eine Verhaftung ist noch lange keine Verurteilung. Ihr Herr Gemahl wird hoffentlich in der Lage sein, sich von den wider ihn erhobenen Anklagen .511 —" Er konnte nicht aussprechen, denn gleich einer gereizten Löwin fauchte ihn die wieder aufspringende Geheimrätin an. „Das Gericht wird diesen Irrtum bitter büßen müssen! Weiß man denn nicht, was man meinem Mann schuldig ist? Wenn er die Stirn runzelt, so fallen die Kurse und man wagt ihn zu verhaften, wie den erstbesten Proleten... das ist stark!" „Gnädige Frau, vor dein Gesetz sind wir alle gleich." „Aber doch nicht mein Mann, der Geheimrat Selkenbach?" entrüstete sich die Dame wieder in den höchsten Tonen .... „und dann der Skandal . . . diese Blamage!" änderte sie unvermittelt ihren Gedankengang. „Morgen habe ich meinen Five- Olclock-Tea . . . Gräfin Moderfeld, die Palastdame Ihrer Majestät, hat sich ansagen lassen . . . auch Graf Mivmann, der Geheim- Wmmerer, hat sein Erscheinen zugesagt . . . und jetzt . . „Werden die Herrschaften wahrscheinlich absagen lassen", konnte Hansemann trocken eiuzuschalten nicht unterlassen. „Zu meinem Bedauern verbietet unsere beschränkte Zeit ein Beharren mit diesem Gebiet. Es ist der Gnädigen zweifellos bekannt, daß ein äußerst dreister Einbruch in jenem Kässenschrank verübt wurde, wobei eine Anzahl wertvoller Geschmeide, darunter ein vom L.schen Geschäfte, vor mehreren Jahren in Ihrem direkten Auftrage angefertigter Halsschmuck . . . ." Die Geheimrätin stand zunächst wie Lots Weib. „Mein Brillantschmuck. . . meine Saphire und Rnbinen. . ." Sie wendete sich keuchend an ih!ren Gatten. „Ephraim, ich beschwöre Dich... Du hast sie in dem Schrank hicraufgehoben, weil sie da am sichersten waren . . . und nun--" „Sie sind fort . . . gestohlen!" entgegnete Selkenbach in mattem Tone Und mit einer Miene, als verlohne es sich nicht um solcher Lappalie sich aufzuregen, wo doch ganz andere Interessen im Spiele standen. . „Fort — gestohlen, sagst Du, Ephraim?" kreischte die Geheimrätin händeringend auf. „Mein ganzer Schmuck... er ist mein Privateigentum", wendete sie sich schreiend an die Beamten, „im Fall eines Konkurses hat niemand Recht daran . . . alle Schmucksachen gehören zu meinem vorbehaltenen Vermögen. . . sie sind nahezu eine Million Mark wert!" „Bedauerlicherweise hat der Einbrecher auch vor dem vvrbe- haltenen Vermögen der Gnädigen nicht Halt gemacht", bemerkte Hansemann in seiner kaustischen Weise. Er trat an das vorhin voM Hausherrn aufgeschlossene Fach und öffnete es. Dann zuckte er mit den Achseln. „Wie Sie sehen, ist das Fach leer." Wie irre war ihm Frau Selkenbach mit den Blicken gefolgt, nun wendete sie sich mit einem Jammerschrei an ihre Tochter/ die verstört inmitten des Zimmers stand und aus deren schönen, stolzen Zügen auch der letzte Blutstropfen gewichen war. „Sie haben -ajuch Deinen Schmuck gestohlen... es ist alles — alles fort!" ächzte sie verzweifelt, um sich die Sekunde darauf zornsprch- hend an ihren völlig niedergebrochenen Gatten zu wenden. „Das wußtest Du. . und Du sagtest nichts. . Du ließest mich ruhig in dem Glauben weiterleben, mein Schmuck sei in Deinem Schranke wohl geborgen. . . und nun muß ich die Schande erleben, daß sie Dich verhasten? Ich werde irre an Dir, Ephraim, Schande und Schmach über Dich, Ephraim." Ohne ihm Zeit zu einer Erwiederung zu lassen, die indessen auch schwerlich erfolgt wäre, denn der Verhaftete hockte da wie geistesabwesend und starrte blöde vor sich hin, kehrte sich die Wut- sprühende an die Beamten. „Man muß den nichtswürdigen Einbrecher entdecken . . . man muß ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit bestrafen... ich muß meinen Schmuck wieder haben. . . er ist mein persönliches Eigentum!" Das letzte stieß sie mit rudernden Armen hervor, jedes ihrer Worte einzeln scharf betonend. Auch bei der Tochter fand sie weder Gehör noch Verständnis. Diese stand wie in innerem Kampfe begriffen; dann schwankte sie auf ihren Vater zu und brach neben seinen Stuhl wie vernichtet nieder. „Papa, warum schaust Du mir so schrecklich an!" hauchte sie verstört und hob stehend die Hände zu ihm auf. „Ich schwöre Dir, ich wußte nicht... ich. . . konnte die Tragweite nicht ahnen!" Doch schon beim ersten Klange ihrer Stimme fuhr der Verhaftete aus seiner Lethargie unvermittelt auf. Wieder blickte der vorige Hassesblick über die Gestalt feiner Tochter. „Du Närrin mit Deinen überspannten Einfällen!" stieß er außer sich vor Wut hervor. „Zu Grunde gerichtet hast Du mich mit Deinen hirntollen Romanideen!" Er lachte schrill auf und raufte sich im Gegensatz dazu mit wilder Gebärde das Haar. Dann stieß er mit der geballten Faust nach ihr und wendete sich lallend an die Beamten: „Sie wollen den Namen des Einbrechers erfahren . . so hören Sie ihn . . . freilich kann ich nicht sagen, ob die verruchte Hand des Burschen selbst den Dietrich gemeistert hat . . . doch er ist der Anstifter. . . oder vielmehr!" schrie er, weinend vor Wut, in seinem maßlosen Hassesausbruche einen unsagbar widerwärtigen Eindruck darbietend . . . „hier ist die eigentliche Urheberin , .!. meine eigene Tochter ... sie ließ den Vater bestehlen — — 654 — Laut aufschluchzend suchte ihm Leonie mit flehender Gebärde die Lippen zu schließen. „Du irrst, Papa, ich schwüre bei allem, was mir heilig . . . Andreas ist nicht schuldig und ich bin es auch nicht. . . mein Himmel, es war ja so fr'*- ' ’• ausgedacht. . . Andreas sollte Dir das Geraubte wiederbrm. . . daun würdest Du uns Deine Einwilligung nicht länger Dvt. igen — so hofften wir. Aber was Du denkst, das ist so schrecklich — so fürchterlich niederdrückend . . . wie kannst Du es nur ausdeuken, daß Deine Leonie sich an Dir versündigen konnte... ich habe Dich doch lieb, das weißt Du auch, Papa!" „Schweig!" unterbrach sie der Verhaftete voll bitteren Ingrimms. „Wüßte ich nicht, daß lediglich ein Einfall, wie ihn nur Deine überreizte Phantasie ersinnen kann, die Katastrophe hcrauf- beschworen hat, so würde ich Dir fluchen... so sieh, was Du augerichtet hast!" „Aber was nur — was nur, Papa!" schluchzte die Fassungslose auf. „Es ist ja nicht möglich, wie kann cs im Ernst etwas geben, was Du fürchten müßtest. . . Du, der rechtlichste und stolzeste Mann, der vertraute Berater der Könige und Fürsten . ." „Das verstehst Du nicht!" unterbrach sie ihr Vater schroff. „Jeder Mensch hat Feinde, und je höher er steht, desto wütenderer Haß verfolgt ihn." Bereits hob er den Kopf zuversichtlicher und ein verächtliches Lächeln begann seine scharfgeschnittenen Lippen zu umspielen. „Es ist noch nichts verloren... ich werde diesen infamen Anschlag meiner Widersacher gegen meine geschäftliche und persönliche Ehre nicht nur zu parieren, sondern auch zu vergelten wissen." „Das wünsche ich gleichfalls", mischte sich Hansemann trocken wieder in die Unterredung. „Einstweilen würde cs mich interessieren, Näheres über die von Ihnen vermutete Art und Weise des Einbruches zu erfahren." Doch der alle Schranken der Vorsicht überspringende blinde Wutanfall war te dem Verhafteten bereits überwunden, eben war er wieder voll und ganz der kühl überlegende, verschlagene Spekulant. Er winkte seiner noch immer zitternd sich an ihn schmiegenden Tochter aufmunternd zu und wendete sich dann an den Rat. „Pah, lassen Sie sich nicht kümmern, was mir in der Aufwallung entschlüpft ist. Das sind leere Vermutungen. Meine Tochter ist ein Kind des Reichtuins und romantisch veranlagt. Sie hat sich mit einem jungen Habenichts, der ihr das Köpfchen zu betören verstand, hinter meinem Rücken eingelassen, sie wollte eine Verlobung diurchsehen und drohte mir, mich zwingen zu wollen, falls ich nicht einwilligte." „Ich glaube den Namen Ihres Verehrers zu kennen", wendete sich Hansemann schnell an das langsam sich erhebende Mädchen. „Es handelt s ich jedenfalls um Herrn Andreas Witte, einen jungen Maler . . . wir unterhielten uns übrigens rwch gestern über ihn", fuhr er, zudem Verhafteten gewendet, fort, als Leonie sich unter einem kurzen, jähen Zusammenzucken schweigend sich von ihm Kbwendcte. Doch Selkenbach war nicht mitteilsamer; im Gegenteil prägte sich in seinen hinfälligen Zügen der gewöhnlich in diesen vorherrschende Hochmut aus. „Hat man Ihnen den Auftrag erteilt, die Familienangelegenheiten dieses Hauses zu erforschen?" fragte _ er mit schneidendem Hohn. „Ich wiederhole Ihnen, ich nehme an dem Einbruch weiter kein Interesse. Zerbrechen Sie sich in der Sache nach dem Urheber meinethalben die Köpfe, wenn es Ihnen so beliebt — meine Lippen bleiben von jetzt an versiegelt, das merken Sie sich!" „Damit ist aber nicht gedient!" begehrte seine Frau auf, die inzwischen in stummer Verzweiflung immer von neuem wieder den ausgeraubten Tressor betastet hatte, als hoffte Sie, die un- . sichtbar gewordenen Pretiosen müßten sich wiederfinden. „Der schändliche Verbrecher muß sich finden lassen . . . man muß ihn erwischen und mir meinen Schmuck zurückgeben!" „Wir werden sicherlich nichts unversucht lassen, Licht in diese Wirrnis zu bringen!" entgegnete Hansemann bedeutsam. „Wir werden einen unserer Beamten, Kvmmissar Thvmmen, Mer zurücklassen und Sie später persönlich nochmals behelligen müssen, da unsere Amtspflicht die Vornahme einer Haussuchung gebietet", unterrichtete Rat Küeist die Geheimrätin. „Diese schien einer Ohnmacht nahe. „Ist es möglich — dieser neue Affront", hauchte sie mit hochrotem Gesicht, „ist —" „— die einzige Möglichkeit für die Gnädige, wieder zu den Brillanten zu gelangen", fiel Hansenmun tröstend ein. „Wir werden übrigens alle nur mögliche Rücksicht walten lassen." „Sind Sie bereit, Herr Geheimrat?" wendete sich Kneift sich höflich an den Verhafteten. „Wir haben einen Wagen mitgebracht." Selkenbach nickte nur. „Völlig bereit", sagte er anscheinend ergebungsvoll. Er zog selbst die Klingel und als bald darauf der Hausmeister mit sehr erstauntem, mitleidigen Gesicht herbeigedienert kam, bedeutete er ihm kurz, Ueberrock und Hut herbeizubringen. „Ich werde die Nacht — dort zu bringen müssen ?" wendete er sich fragend an die Rate, und als Kneist bedeutungsvoll nickte, bedeutete der Scheidende den Hausmeister, ihm Kleidung, Wäsche und die nötigen Toilettenartikel nach dem Untersuchungsgefängnis nachzubringen. Der würdige Mann knickte schreckhaft zusammen und vergaß ganz auf das gewohnte untertänige Dienern. „Ich gehe, um wiederzukommen. Man hat mich zu verdächtigen gewagt . . . man kennt Ephraim Selkenbach noch nicht ganz! Ich ckerde die Machenschaften meiner Feinde durchkreuzen und man wird mir den heutigen Schimpf abbittcn — das mögen Sie dem Personal sagen, Josef", bedeutete er dem Hausmeister. Dieser kant aus dem Schluckeu gamicht heraus. „Gewiß, —. sicherlich, Herr Geheimrat... ich bekomme noch den Lohn. . . hm, von diesem Monat und heute haben wir den Letzten..." Ein verächtliches Lächeln umspielte die Lippen des gestürzten x Mannes. „Beruhigen Sie sich mir, Josef, meine Unterschrift ist auch vou der Untersuchuugszelle immer noch Millionen wert . meine Gattin wird die nötigen Anweisungen treffen." An der Tür trat Selkenbachs bitterlich schluchzende Tochter auf ihn zu. „Lieber, guter Papa", rief sie stockend. „Sage mir nur ein Wort der Verzeihung . . . o Gott, könnte ich mein junges Leben für Dich hingeben . . . ich wollte —“ „Das ist wieder eine Phrase meine Liebe", unterbrach sie ihr Vater brüsk, indem er ihre flehend ihm entgegengestreckten Hände überfah. „Du hast mir mit Deinem überspannten Wirrkopf eine niedliche Suppe cingebrockt. . . würde man sich nicht hüten, den Geheimrat Ephraim Selkenbach ernstlich anzutastcn, weil man gute Gründe dafür hat . . . mtd tröstete mich natürlich nicht auch das Bewußtsein meiner Unschuld", setzte-er mit einem schnellen Blick auf die Beamten hinzu, „so würdest Du für den Ruin unseres stolzen Hauses verantwortlich sein." ' Dann ging er ohne ein weiteres Wort, den grauen Seidenhut tief in die Stirn gedrückt, geflissentlich bemüht, die gewohnte selbstbewußte Haltung durchzusetzen, aus dem Zimmer; nicht anders, als ob die sich ihm anschließenden Beamten zu seinem Stab gehörten und er sich anschickte, zu irgend welcher gleichgültigen Börfenkonferenz auszufahren. Es war iMn jedoch anzumerken, wie er erleichtert ausatmete, als er endlich die prunkende Freitreppe passiert, das schloßähnliche Portal durchschritten und vor den neugierigen zudringlichen Blicken der eigenen Dienerschaft Zuflucht in dem rasch davonrollen- deu Wagen gesunden hatte. (Fortsetzung folgt.) Kirr Gießener Wegunent in der Schlacht bei Moßbach. Zum 150. Gedenktage (5. November 1907). (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). Trotz der schmachvollen Flucht der Reichsarmee blieb der Tag von Roßbach ein deutscher Ehrentag: von dem preußischen Ruhm fiel nach dem Worte des Freiherrn von Stein ein Abglanz sogar auf die besiegten Verbündeten, besonders auf das Hessen-Darmstädter Regiment, das unter dem Prinzen Georg bis zuletzt auf dem Schlachtfelde aushielt und in bester Ordnung den Rückzug der Infanterie deckle. Nachdem der Reichstag in Regensburg die Aufstellung einer Reichsexekutionsarmee beschlossen hatte, bestimmte der damalige Landgraf von Hessen das (1677—1821) in Gießen liegende Regiment, das jetzige 3. Großh. Hess. Infanterie- Regiment Nr. 117 (Mainz), zum Ausmarsch. Das Regiment rückte am 2. Juni 1757 aus Gießen in der Stärke von 32 Offizieren und 900 Mann aus. Reichlich war die Bagage bemessen. 119 Pferde wurden mitgenommen, und bei der kleinen Montierung fehlten auch ein Paar „falsche Waden" nicht. In Frankfurt a. M. sammelten sich die Truppen des Oberrheinischen Kreises, und der Befehlshaber Prinz boit Stolberg musterte das Regiment und meldete von ihm, daß es im „allerschönsten Stande und Verfassung^ sei. Dies Lob wird bestätigt durch die Tatsache, daß aus' dem Regiment die Offiziere und Unteroffiziere herausgenommen wurden, um 14 Tage lang die übrigen Regimenter zu „drillen". Ein Urteil eines Zeitgenossen lautet: „Nichts prächtiger, als wenn die Hessen-Darmstädtischen Grenadiers auf die Wache zogen, denn diese bestanden in ausgesuchten, großen und schönen Leuten, vor welchen die Franzosen sich freilich schämen mußten. Ucberhaupt war zwischen ihnen und den Hessen in allen Stücken ein Unterschied wie zwischen Sag- und Nacht." Nun ging es über Klein-Heubach am Main durch Bayern, wo sich bei Fürth die Reichsarmee zusammensand. Das Gießener Regiment kam beim dortigen Lager ins erste Treffen, was nach damaliger Auffassung stets als eine Auszeichnung galt. Bei dem Aufbruche aus dem Lager und dem Zuge nach Thüringen kam es zur Avantgarde, die Prinz Georg befehligte. Ein Heer von 30 000 Mann Franzosen hatte sich unter Prinz Soubise bereits zwischen Unstrut und Saale gesammelt, zu dem noch 20 000 Mann Reichstruppen unter Prinz von Hildburghausen stießen. Hefter den Oberbesehl konnte man sich nicht einigen; der eitle, unerfahrene Prinz von Soubise wollte sich keineswegs dem älteren, erprobten Führer der Reichsarmee unter- ordnen. Der Tatenscheu der Franzosen hielt der Eifer der Reichstruppen das Widerspiel. Aehnlich dem Zwiespalt der Anführer sah es bei den Truppen aus. Die Reichsvölker sahen sich überall durch die Franzosen beeinträchtigt, da diese nicht nur alles, was an Lebensmitteln für Menschen und Tiere in den durchzogenen Landschaften vorhanden war, Wegnahmen, sondern auch die für sie bestimmte Zufuhren durch List und Gewalt an sich zu bringen Wußten. Die Franzosen wußten auch, daß alle protestantischen Glieder der Reichsarmee den Krieg mit höchstem Unwillen führten, und im Herzen auf der Seite des Feindes standen. So herrschten Unzufriedenheit und Mißtrauen von den Oberfeldherrn herab bis zu den untersten Kriegern. Da faßten die beiden feindlichen Feldherrn, überrascht von der Kleinheit des preußischen Heeres, und vielleicht beschämt, daß sie einer solchen Minderheit von 20000 Mann bisher überall das Feld geräumt hatten, den kühnen Entschluß, aus der Verteidigung zum Angriff überzugehen, die Preußen von Norden her zu umgehen, und sich von Osten her zwischen das Lager des Königs und die Saale zu schieben. Was half es, daß der hessische Prinz von dem Plane abriet? Er erkannte die gesicherte Stellung der Preußen, die im Osten ein Sumpf schützte, im Nordosten aber der Janus- und Pölzerhügel eine sichere Deckung und einen gut zu verbergenden Aufmarsch bot. „Der einzige hervorragende Führer war Prinz Georg von Hessen; er war aus der Kriegsschule Friedrichs des Großen und hatte in seinem Heere gedient. Zwar stand er bei der vereinten Armee in großem Ansehen, aber er hatte das Oberkommando nicht und wurde nicht gehört, als er dem Prinzen von Hildburghausen abriet, am 5. November die Preußen anzugreifen", läßt sich eilt Geschichtsschreiber des siebenjährigen Krieges vernehmen. Tie Bewohner Thüringens waren gut „Fritzisch" gestimmt und brachten den Preußen die Nachrichten über die Bewegungen ihrer Gegner. Sein Fernrohr vor dem Ange beobachtete König Friedrich seit der ersten Morgenstunde vom Söller des Roßbacher Herrenhauses durch eine Oeff- nung des Daches — er hatte die Ziegelsteine herausnehmen lassen — das Vorhaben der Feinde. Da hatte er noch lange Zeit, bis diese den großen Bogen int Norden durchmarschiert hatten, da ja feine Truppen nur die halbe östliche Seite der Sehne des Bogens zurückzulegen hatten. Gemütlich dinierte er nachmittags um 1 Uhr und gab den Befehl zum Aufbruch eine Stunde später. Noch setzte ahnungslos die Reiterei der Verbündeten ihren Marsch frort, als schon vom Jcmushügel die unversehens aufge- sahrenen preußischen Batterien ihre Geschosse entgegen^ sandten und hinter ihr in der Deckung sprengten unter dem 36jährigen General von Seydlitz 32 Schwadronen in zwei Gliedern herbei. Den Säbel in der Faust, mit verhängten Zügeln sausen sie tote der „Blitz" heran. Durch den stürmischen Anprall sehen sich die feindlichen Schwadronen völlig überrascht eingetoickelt, umgestoßen. Von Seydlitz geführt „geht alles, Kürassiere, Dragoner, Husaren wie die Furien in den Feind hinein". In 25 Minuten waren die 52 Schwadronen der Feinde in voller Flucht, und überließen ihre Infanterie ihrem Schicksale. Noch im Aufmarsch begriffen, kommt den Regimentern der Strom der bereits geschlagenen und meist in regelloser Flucht begriffenen französischen Truppen entgegen. Die preußische Infanterie unternahm einen geschickten Angriff, ehe noch die Infanterie der Verbündeten Zeit gefunden hatte, sich gefechtsmäßig zu entwickeln. Das Kaiserlich Würzburgische und das hessische Infanterie-Regiment hielten bis zuletzt Stand. Sie führten das Feuergefecht solange, bis von allen Seiten der andringende Feind zum Rückzug nötigte. Als sie von allen int Weichen begriffenen Regimentern total isoliert waren, verläßt als letztes Regiment unter Führung des Oberstleutnants von Hoffmann das Gießener Regiment das Schlachtfeld und übernimmt die Nachhut der geschlagenen Armee. Ein alter Chronist sagt: „Das Regiment ist nirgends davon geloffen, und kein einziger Pnrsche davon hat das Gewehr toeggeschmifsen, wie sonst gar viele in der Reichsarmee getan haben. Nach der Bataille hat es die Arriergarde in vollkommener Contenance gemacht, und sich vorzüglich vor der ganzen Reichsarmee bezeuget." Prinz Georg, der an dem Tage in hervorragender Weise seine Pflicht tat, und wiederholt versuchte, die fliehende Infanterie der Reichsarmee zum Stehen zu bringen, dem ein Pferd unter dem Leibe erschossen wurde, äußerte sich über die Haltung des Regiments in ehrendster Weise. Der Verlust bestand in 53 Mann. War ihm auch nicht vergönnt an dem Ruhme des Tages teilzunehmen, so konnte es von sich sagen, daß es in hervorragendem Maße seine Pflicht getan hatte. Bei den Beratungen der „Reichsgeneralität", die später in Würzburg stattfanden, gewann Prinz Georg die Ueberzeugung, daß die tiefen Schäden der Wehrverfassung unheilbar waren. Er verließ tief verstimmt die Reichsarmee und kehrte nach Hessen zurück. Das Regiment aber nahm noch an verschiedenen Bataillen teil und kehrte nach Schluß des siebenjährigen Krieges nach sechsjähriger Abwesenheit in der Stärke von 27 Offizieren und noch 506 Mann in feine Garnison Gießen zurück. Die Emanzipation der türkischen Frauen. Der moderne Geist der europäischen Kultur hat wohl im ganzen ottomanischen Reiche auf keinem anderen Gebiete so tief eingreifende und umwälzende Fortschritte gemacht, als im Bereich des türkischen Franenlebens. Dies ist um so bedeutungsvoller, als die jede Reform hemmende, starr am Alten festhaltende Sittenlehre des Islam gerade tn der Stellung der Frau, wie sie der Prophet festgesetzt, ihren stärksten Halt fand und mit despotischer Strenge au der Heberlieferung festhielt. Nun aber ist, wie in einem Brief aus Konstantinopel in der von Prof. Hinneberg herausgegebenen „Internat. Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" mitgeteilt wird, eine völlige Wandlung eingetreten. Ueberall, im öffentlichen gesellschaftlichen Leben, im privaten Familienleben und im engeren intimeren Verhältnis des Ehelebens der Frau sieht man seit den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahren auffallende Spuren der westeuropäischen Gesittung und des Fortschrittes. Das traditionelle abgeschlossene Leben im Harem läßt natürlich noch viel zu wünschen übrig, ist jedoch nicht mehr so isoliert, so monoton, so ausschließlich auf Jntriguen und Liebeshändel beschränkt, wie ehedem. Das gilt nicht nur für die höheren Gesellschaftskreise, wo Muße und Reichtum geeignete Mittel zur Ausbildung und Entwicklung verschaffen, sondern auch die weniger bemittelten, bescheideneren Schichten des Effendi-Daseins. Der mächtige, alle Schranken durchbrechende Kulturgeift, der in den letzten zwei Jahrzehnten alles in der Türkei berührt hat, hat eben auch der Frau neue Ideale gezeigt und sie aus dem lethargisch träumerischen Haremsleben aufgerüttelt. Dies« Frauenemanzipation hat fich in der Türkei fast unbemerkt vollzogen. Die Osmanlis waren soviel mit wichtigen, politischen Staatsangelegenheiten beschäftigt, daß sie dem Seelenleben ihrer Frauen keine Aufmerksamkeit widmeten. 656 — Jetzt, wo man sich einer vollendeten Tatsache gegenüber steht, begrüßen die besonnenen, liberalen Kreise sie als eine willkommene Erscheinung. Den orthodox gesinnten, religiös-fanatischen Anbetern des Islam aber ist sie ein verdammungswürdiges Gräuel. Leider hat die orthodoxreligiöse, jedem Fortschritt abholde Partei unter den Effen- dis eine große Mehrheit. Ihr gehören auch die meisten höchsten Staatswürdenträger sowie die Vertreter des mosli- mischen Priestertums, den mächtigen Scheikh-ul-Jslam inbegriffen, an. Ein bitterer Kampf ist nunmehr entbrannt zwischen den um ihre Rechte und Freiheiten ringenden Frauen und der fanatischen Partei der Alttürken, die mit hartnäckigster Zähigkeit an den rechtgläubigen Ueberliefe- rungen ihrer Vorväter hängen. Wer allem Anscheine nach sind die Frauen, die in diesem Ringen ganz auf sich selbst angewiesen sind, fest entschlossen, nicht nachzugeben. Um ihren modernen Emanzipationsbestrebungen wirksamen Einhalt zu tun, hat der Scheikh-rrl-Jslam vor einiger Zeit ausführliche und strenge Verordnungen an die Priester und Gemeindevorsteher erlassen, damit diese die umfangreichsten Maßregeln zur Erhaltung der unverfälschten orthodoxen Sittenlehre des Islams unter den Frauen ergreifen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, mit Mahnung, Predigt und auch Kerker, die pflichtvergessenen Abtrünnigen zu sich bringen. Bis jetzt jedoch haben all diese Gewaltmaßregeln nichts geholfen. Die Türkinnen fahren fort, den Sitten und Gebräuchen des Westens sich anzuschließen. Schon ihre äußere Tracht, wenn man sie mit der vor etwa 20 Jahren vergleicht, ist auffallend. Der Schleier fällt allmählich fort oder ist, wo er noch getroffen wird, so durchsichtig, daß man die Farbe der Haare, die Umrisse des Gesichtes und das Augenfunkeln deutlich sehen kann. Das Oberkleid ist jetzt sehr häufig nach europäischen Muster zugeschnitten und weist nicht selten einen Gürtel um die Taille auf. Eine andere nicht minder auffallende Tatsache ist der freiere öffentliche Verkehr der Türkinnen mit Männern. Man sieht jetzt schon häufig in der Oeffentlichkeit Frauen von Herren ihrer Bekanntschaft, nicht von Eunuchen begleitet. Zwar wagen sie sich noch nicht in die Theater oder Kaffeehäuser, doch sieht man sie während des Festmonats Ramazan schon in ganzen Scharen bei dem beliebten Schattenspiel des Karagöz. Auch ärztlichen Untersuchungen unterwerfen sie sich jetzt bereitwillig. Die Erziehung der Türkinnen ist noch immer sehr mangelhaft; es fehlt an Mädchenschulen, und nur die Töchter derreichen Türken, die eigene Erzieherinnen haben, erhalten eine europäische Bildung. Wenn aber türkische Frauen zu einer höheren Bildung gelangen, so entfalten sie reiche Geistesgaben und weisen beachtenswerte Leistungen in der Beherrschung von Sprachen, in Musik und Zeichnung auf. So ist die Tochter Nuri-Beys, des ersten Sekretärs im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, Zeineb Hanum, eine allgemein bekannte Dichterin, unter den Tonkünstlerir haben Wagner und Bach bei den Türkinnen begeisterte Anhängerschaft gefunden. VeVmLßÄhtes. *DiescharfenAugen der König in. Auch Königinnen haben mit Dienstboten ihre liebe Not; eine amüsante Geschichte, die von der Königin Margherita aus Rom berichtet wird, ist dafür ein bezeichnendes Beispiel. Vor etwa sechs Jahren fiel der Königin auf der Straße eine Dame auf, die ein Kleid trug, das der Königin gar sonderbar bekannt vorkam. Als sie später im Palaste Nachforschungen an- stelleu ließ, stellte sich heraus, daß dies Kleid ihr eigenes war; sie hatte es kürzlich abgelegt und hurtig hatte die Kammerzofe die Gelegenheit ergriffen, das Gewand zu Geld zu machen. Die Königin war damit sehr wenig einverstanden, das Mädchen wurde entlassen und eine neue engagiert. Die war sehr fleißig, sehr geschickt, sehr aufmerksam, kurzum ein Wesen, wie sie nur in der Geschichte des Dienstboten-, standes vorkommen; die Königin war höchlichst zufrieden und betrachtete sie als „das Juwel der Dienstboten". Da aber geschah etwas Unerwartetes. Es war vor kurzem; wieder einmal fuhr die Königin durch die Straßen der einigen Stadt und wieder fiel ihr eine Dame aus, die ein elegantes Kostüm trug, das der Königin bekannt vorkam. Diesmal war sie nicht lange erstaunt, als sie in den Palast kam, ließ sie ihre Garderobe revidieren und dabei zeigte es sich, daß „das Juwel eines Dienstboten" eigentlich auf einen ganz anderen Titel berechtigte Ansprüche hatte. Die ganzen Jahre über hatte sie einen schwunghafte;! Handel mit den Kleidern der Königin getrieben und sich dabei den leidlichen Nebenverdienst von jährlich 20 000 Mk. zu verschaffen gewußt. Aber sie tvar vorsichtiger zu Werke gegangen, als ihre Vorgängerin, ihre Geschäfte geschaheü immer nur unter der wohlerwogenen Bedingnng, daß die Kleider niemals in Italien getragen werden dürften. Eine unvorsichtige Dame aus Buffalo aber brachte es nicht über sich, solange zu warten, sie legte das Kleid an, ein Blick der Königin nnd das Geheimnis war am Tage. — Von Beter Roseggers Schristen, Volksausgabe, III. Serie in 80 Lieferungen ä 35 Psg. (L. Slaackmaun, Leipzig) gingen ttnS die Lieferungen 59—€6 zu. Tiefe Lieferungen enthalten die Fortsetzung und den Schluß des 8. Bandes „Sonnenschein". „Co lange Gott mir mein Himmelreich bewahrt, soll es in meinen Büchern keine Kopshängerei geben, sondern möglichst viel Freude und Sonnenschein." Diesem Rosegger-Vorsatz gemäß ist dieser Band angelegt, nur versteht sich, daß cs darin auch Schatten gibt, wie sie in einem lebenSlapferen und lebenstveiscn Manne natürlich ist, bildet die Grundstimmung der fein und liebenswürdig erzählten Geschichten, deren stofflicher Inhalt meist dem Leben der steierischen Bauern entnommen und tief aus der Seele des Volkes geschöpft ist. — Eine von zu vielen. Roman von Liesbet Dill. Geheftet M. 4.—, (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt.) — Die „Eine von zu vielen", die der Titel des Buches meint, ist ein junges Mädchen aus völlig mittelloser Osfiziersfamilie, das nach dem Tode der Ellern ins Leben hinaus muß, um sich sein Brot zu suchen, nud die „zu vielen" sind die auch heute noch nur allzu zahlreichen weiblichen Wesen, die sich ihren Unterhalt selbst erwerben wollen, ohne etwas Rechtes und Bestimmtes gelernt zu haben. Es wird ivenig zeitgenössische Romane geben, die mit gleicher Sicherheit und Anschaulichkeit eine so große Zahl der verschiedensten Häuslichkeitei« und häuslichen Schicksale schilderte. Wie der Farbenreichtum und die Lebenswahrheit dieser immer wechselnden Bilder uns die Monotonie dcs so ost iviederkehreuden Refrains: „Als untauglich entlassen" vergessen machen, so nehmen sie zwar auch den ernsten Mahnungen, die das Buch enthält, alles trocken Lehrhalte, prägen sie aber "dafür nur desto nachdrücklicher ein. Alles Theoretisieren, jedes bloß doktrinäre Mitredenwollen zur heutigen Frauen- bewegmig liegt der Verfasserin fern; desto nachdrücklicher wirkt die Predigt, die sie uns aus dem Mund des Lebens selbst vernehmen läßt... So wird der Roman, der schon bei seinem ersten Erscheinen in „Uber Land und Meer" Interesse und Teilnahme der Leser wachrief, auch in Buchform starke Wirkung üben. Goldene Worte. Wehe dem, der zu sterben geht, Und keinem Liebe geschenkt hat, Den« Becher, der zu Scherben geht Und keinen Durstigen getränkt hat. Rückert. Dort, wo der Weltgeist in stiller Größe ivaltet, immer neue Wunder schaffend, am Donner des schäumenden Wasserfalles oder beim Glanze jener leuchtenden Systeme, oie über uns sich kreuzen, findet der ivahre Mensch seine heiligsten Stunden. Gottfried Keller. Rätsel. Ein Tier, für uns von großem Werte, Das nicht sehr zierlich ist gebaut, Schon oft mit dumpfem Klang dich lehrte Des Rätsclwortes ersten Laut. Es schließet bann, mir zum Behagen, Sich würdig au die Silbe zivei. Ten Tagedieben freudig schlagen Die Herzen, wenn es heißt; Herbei; Das dritte, ich nenn’ es mit Freude, Ist eine Frucht bald groß bald klein. Auf Bäumen wächst sie, an Gestände, Besonders an dem schönen Rhein. Gar edle, würz’ge Düste wehen Mich an im vollen Dreigespann, Es wissen alle Küchenfeen, Daß man es mcht entbehren kann. A. Ammann. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Poesie. Redaktion: P. W i t t k o. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.