Ar. 147 1907 ArelLag den 4. GKloker ,V cAd K! i 1 DM i^*T| H^WWU ■ LMM 7/5 MW S^hrt; MW Sn W ’iJjM Auf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die gleichfalls noch vorhandenen Bilder aus Newhork und London waren älteren Datums: sie rührten aus jener Zeit, da Gustav Schuhmacher zuerst den folgenschweren Schritt gewagt; sein ehrliches Handwerk an den Nagel zu hängen, um reiche Gönner für einige technische Erfindungen zu suchen — halbfertige Entwürfe, welche bei fortdauerndem, unausgesetztem Stu- diuin und unausgesetzten Weiterversuchen sich vielleicht bezahlt gemacht haben würde, für die einen Markt zu suchen aber von vornherein ein so aussichtsloses, wie verfrühtes Unterfangen gewesen war. Natürlich war der Enttäuschte bettelarm und mit geknickten Schwingen wieder heimgekömmen und hatte als einzige Ausbeute aus den fremden Ländern nur einige voreilige für illustrierte Zeitungen berechnete Photographien mitgebracht, die in der selbstbewußt stolzen Pose des erfolgreichen Erfinders gedacht waren. Auch auf ihnen fehlte die Renommiernarbe nicht. Kritisch betrachtete Walden die Bildnisse. Endlich traf er seine Auswahl, so aus der Newyorker Zeit des Jugendgespielen eine Aufnahme, welche ihn mit einem Schnurrbarte darstellte. Während die am Themsestrand entstandene Gustavs Züge wieder bartlos verewigte. Einige flüchtige Handbewegungen genügten, um die schon vorher ausgefüllten amtlichen Messungsstreifen mit der gummierten Rnndseite an die Bildkarten zu kleben. Mit einem tiefen, wie befreit anmutenden Atemzuge schob Walden alsdann die derart präparierten Photographien in die Rocktasche. Dann zauderte er wieder sekundenlang, Ivie von einem neuen Einfall beherrscht. Ein Blick in das Nebenzimmer belehrte ihn, daß Frau Ottilie völlig in ihre Beschäftigung vertieft tum. _ Da tauchte Walden die Hände nochmals in die Kasette und wühlte nach Bildern des Jugendkameraden; erst! als er das letzte herausgefischt und seinen Fund gleichfalls in der Tasche geborgen hatte, schloß er den Kasten und trug ihn hurtig zu der jungeu Frau, die eben über einen Kvffer gebeugt dastand. „So, ich habe mir die Bilder genommen .... hier, vergessen Sie nicht, den Kasten mit einzupacken, denn mit ihm schleppen Sie intimer ein Stückchen Heimat herum!" Eben konnte Walden sogar scherzen; seine Stimmung hatte sich überhaupt zusehends gehoben. Er verlegte sich sogar aufs Witzemachen, wobei er freilich bei der in einem Strudel überstürzter Geschäftigkeit befindlichen jungen Frau nur mäßigen Erfolg erzielte. Doch der Detektiv ließ sich das nicht verdrießen. Er legte selbst tüchtig Hand mit an, beteiligte sich tticht nur beim Einpacken, sondern war der vielbeschäftigten Frau auch beim Umkleiden der neugierig staunenden Kinder behilflich, die es gar nicht begreifen konnten, daß sie mitten in der Woche ihre schönen Sonntagskleider angezvgen erhielten. Nachdem glücklich die Koffer gepackt waren, besann sich Frau Ottilie darauf, ihren Flurnachbarn, mit denen sie nach Art kleiner Leute gute Beziehungen unterhalten hatte, Lebewohl zu sagen. Jedoch Waldest Wet ab. „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren!" versetzte er dringlich. „Was kümmert es auch schließlich die Leute, wohin bas Schickfal Sie entführt. Ich will rasch eine Droschke besorgen — oder besser, Sie kommen gleich mit beit! Kindern mit, dann erregt Ihr Fortgehen gar kein Aufsehen — und nun voran. Es ist ohnehin allerhöchster Omnibus geworden, wollen wir noch rechtzeitig zum Bahnhof kommen." Fran Schuhmacher war mit allem einverstanden; sie befand sich in einer Art wachen Traumes, die einer halben Betäubung gleichkam. Die Vorstellung, daß sie plötzlich aus ihrer Häuslichkeit, dem Einerlei der Alltagspflichten und Sorgen heraus und dem Glück entgegenfahren sollte — hinaus' in die meite Ferne bis ans andere Ende der Welt, bestürzte sie noch immer bis zur Fassungslosigkeit und machte sie int Denken und Empfinden schwerfälliger, als es wohl sonst in ihrer Art lag. Dabei machte ihr die leicht erklärliche Unruhe der Kinder, deren neugieriges Fragen viel zu schaffen und verhinderte sie völlig an ruhiger Sammlung. Wie traumbetört sah sie sich die kleine Wohnung verlassen/ in welcher sie in immer abgestumpfterer Resignation durch Jahre dahiugclebt. Auf der Treppe begegnete ihnen die eine Flurnach- barin, welcher Walden gelassen erklärte, daß die Familie dem nach einem- anderen Wirkungskreise übergesiedelten Gatten und Baier Nachfolge und nicht mehr zurückkehren werde; er habe die Ordnung der Verhältnisse und die Sorge um- die Wohnung übernommen. Zu alledem vermochte die völlig benommene junge Frau nur zu iticEen; sie kühlte ihre Hände geschüttelt, zu ihren Ohren drangen freundlich teilnehmende Abschiedsworte — nnd dann sah sie sich tu großer Erleichterung in einer Droschke sitzen und schaute zwei Dienstmännern zu, wie diese hurtig die geparkten Koffer auf das Wagenverdeck türmten. Eine halbe Stunde später stand Walden auf dem Fernsteig des Bahnhofs Zoologischer Garten und sah dem immer schnelle« ausfahrenden Kölner Schnellzuge nach, in welchem er Frau Schuhmacher nnd bereit beiden Kinder untergebracht wußte. Seine Züge erschienen undurchdringlich wie immer, nur noch bleicher als sonst und von seiner Stirn perlten Helle Schweißtropfen, wie die Anstrengung sie einem Komödianten nach Durchführung einer besonders anstrengenden Rolle erpressen mag, 7. Kapitel. I1' Inzwischen hatte Rat Hansemann von deut Revierleutnant die denkbar befriedigendste Auskunft über den Fuhrherrn Eilenburg erhalten; dieser galt als einer der angesehendsten und seines rechtlichen Charakters wegen allgemein beliebten Einwohner des Stadtviertels. « „Bis zur Verurteilung seines Sohnes bekleidete Eilenburg alle nur erdenklichen Ehrenämter. Er war Bezirksvorsteher und Schiedsmaun, gehörte sogar Jahre hindurch der Stadtverordneten- versammlnng an. Als daun die Geschichte mit seinem Sohne dazwischen kam, legte er sämtliche Ehrenämter nieder und war zu bereit Beibehaltung durch keinen Zuspruch zu bewegen, ^ch selbst war vergeblich bemüht, ihn wenigstens unserer Stammtisch^ runde zu erhalten. Er ist ein sehr stolzer, ehrgeiziger Charakter und von der unverdienten Schande hart betroffen worden. Er 586 — i den Rauchfang in die Zimmerluft abführte, daun war dre „Laterne" gewiß kein angenehmer Aufenthaltsort; aber dre meisten der damaligen Mitglieder gedenken wohl noch heute gern der traulichen „Laterne" und der darin i verbrachten Stunden. Später, als weitere Mitglieder hin- | zugetreten waren, wurde im Souterrain der Wohnung eines anderen Wikingers eilt Zimmer vermittels Pack- | Papier kunstvoll als „Grotte" hergcrichtet. Und hier, im I weihevollen Raume, entfaltete sich recht eigentlich die ernst- | hafte, zielbewußtc Tätigkeit des Wikingerbundes. Während I sv ersten Zeit, wie es wohl in solchen Lesekränzchen I Brauch ist, noch ein unklarer, unreifer, schülerhafter Di- 1 lettantismus in Prosa und Poesie sein Wesen trieb, begann jetzt eine praktisch-nutzbringende Tätigkeit; in den Sams- | tagssitzungeu — sie hießen „Things" — wurden fast nur | noch klassische Dramen mit verteilten Rollen gelesen und | die Erläuterung der Charaktere und dergl. zu geben ver- I sucht. Auf das Einüben der Rollen wurde emsiger Fleiß verwandt; später wurden die weiblichen Rollen sogar I durch befreundete junge Damen gelesen; und da einzelne | Damen und Mitglieder nicht unbedeutende deklamatorische I und schauspielerische Fähigkeiten besaßen, so kamen des öftern sehr genuß- und gewinnreiche Abende zustande. Auch an dramatische Aufführungen wagte man sich. Eine bereits vorbereitete Ausführung, welche in der Freintanrer- loge zu einem wohltätigen Zweck vor dem Logenpublikum stattfinden sollte, unterblieb nur infolge des Todes des Vaters eines Mitgliedes. Im Sommer wurden auch zu- | weilen im grünen Wald, an einem romantischen Plätzchen, | Dramen gelesen, woran sich dann gewöhnlich eine feucht- ! fröhliche Nachsitzung bei mitgebrachten Vorräten oder in 1 einer benachbarten Waldwirtschaft anschloß. Daß überhaupt die Wikinger mit idealer Denkweise auch Geschmack an mehr realen Genüssen verbanden, das zeigen die nicht allzu seltenen „Sitzungen", die zu allen Jahreszeiten an Stelle der Lesethings in einem benachbarten Bierdorf abgehalten wurden und als Kneipen bezeichnet werden konnten. Auch nächtliche Trinkgelage in den unterirdischen Räumen der Burg Gleiberg und sogar hoch oben auf dem Gipfel des Dünsbergs, jener uralten Malstätte, wurden beim Schein eines Feuers und gewürzt durch Vorträge und Reden abgehalten. Daher wurde auch einmal von feiten mißgünstiger Mitschüler mit Denunziation des Wikingerbundes als geheimer Verbindung gedroht; aber die erfolgte nicht, und sie wäre auch nicht notwendig gewesen, da die Existenz des Bundes der Schulbehörde bekannt war, wenn diese auch natürlich nicht vollständig in die zeitweiligen Uebertretungen der Schulgesetze durch die sreiheitsdurstigeu Wikingerrecken eingeweiht war. So herrschte in dem kleinen Kreise ein angeregtes und anregendes, von ideal-romantischem Streben erfülltes und von den Gefühlen herzlicher Freundschaft verschönertes Leben. Solche Lesekränzchen sind ja gerade nichts Seltenes an höheren Lehranstalten; aber die lange Dauer seines Bestehens, der Ernst und die Gewissenhaftigkeit, mit welcher die einzelnen Mitglieder die freiwillig übernommenen Arbeiten und Pflichten durchführten, sowie die gewinnbringende Verbindung mit weiteren Gesellschaftskreisen verleihen dem Wikingerbund eine gewisse Bedeutung. Und daher gedenken auch seine ehemaligen Mitglieder, welche heute längst eines Amtes Bürde tragen, wohl mit pietätvoller Wehmut ihres schönen Jugendbundes. Wie wenig die inneren, uns heute wohl hyperromantisch erscheinenden Formen und Formalitäten, mit denen der Wikingerbund umkleidet war, doch nur leere Formen waren, das zeigt sich auch darin, daß einzelne Wikinger ihre Wikingernamen durch die Studentenzeit hindurch int engeren und sogar im weiteren Freundeskreis behalten haben. Da kam im März 1884 die Auflösung des Wikingerbundes; die Ablegung der Maturitätsprüfung erschloß der Mehrzahl der Wikinger die Hallen der alma mater. Zur Nachtzeit versammelten sie sich bis auf zwei, welche. dem SchüterMen drsOymnastNins in Kirßerr. j Zur dritten Säkularisier. Weihnachten 1881 hatte der damalige Direktor des j «peßener Gymnasiums eine bedeutsame Rede gehalten, die fünf Schülern der Anstalt, meist Obersekundaueru, die unmittelbare Anregung gab, ein Lesekränzchen zu grün- ! den. Am 14. Januar 1882 gründeten sie diesen und stellten sich die Ausgabe, gemeinsam Gedichte und Dramen zu lesen, j bu besprechen und in Aussätzen zu behandeln, überhaupt gemeinsam das Studium der Literatur zu betreiben. Der I VEebe für die nordische und deutsche Mythologie folgend, nannten sich die Mitglieder dieses literarischen Kränz- i chens „W i kinger" und jeder einzelne wählte sich aus I ber deutschen Heldensage oder Literatur einen Namen, I welchen er im engeren Kreise der Mitglieder führte. Diese .Namen der Mitglieder, die allmählich auf zwölf ange- I wachsen waren, hießen: Beowulf, Erck, Freidank, Reinecke, Trturel, Ortwin, Harald, Parzival, Volker, Rüdiger, Jwein, Lohengrin. j Jeden Samstag nachmittag versammelte man sich in der I „Bude" eines Wikingers, „Laterne" genannt, einem kleinen I Mansardenzimmer mit schräger Decke und einer Dachluke, das ehemals als Küche gedient hatte; für seinen Zweck I erhielt es auf gemeinsame Kosten einen neuen Anstrich in I pompejanischem Rot. Im Hochsommer, wenn die sengen- I ben Strahlen der Sonne auf dem Dache lagen und dar- I unter eine dumpf-bleierne Schwüle erregten, oder wenn im ! Winter .der altersschtvache Herdofen den Rauch statt in | Kat seither jeglichen Umgang aufgegeben und lebt streng zurückgezogen." „Wie stcht es mit dem Sohne — der ist aus der Art geschlagen?" erkundigte sich der Rat. . Der Revierleutnant zögerte mit der Antwort. „Ich möchte ihn nicht gemde als Tunichtgut hinstellen. So viel man beobachten konnte, herrschte zwischen Vater und Sohn niemals ein herzliches ^Einvernehmen. Man meint allgemein, Eilenburg habe seinem «Lohne den frühen Tod der Mutter nie verzeihen können. Diese ist im Wochenbett gestorben. Jedenfalls hat er den sehr lebertslustig veranlagten jungen Menschen auffallend knapp gehalten. Man will wissen, Eilenburg habe sich das vorenthaltene Taschengeld heimlich zu verschaffen verstanden. Ein besonderes Kirchenlicht ist er übrigens nicht, denn er hat cS in der nicht einmal bis zum Einjührigenzeugnis gebracht; das mag seinen Vater auch gewurmt haben. Ich bin wenigstens häufig dabei gewesen, wenn er sich über seinen Sohn in unzweideutig wegwerfender Weise geäußert hat. Der Junge mußte als Gemeiner beim Train dienen. Nachher war er im väterlichen Geschäft tätig, bis die leidige Geschichte dazwischen kam . . eine Holzerei im Tanzlokal mit obligater Messerstecherei. Ich habe den jungen Eilenburg damals selbst verhaften müssen. Seine ^.at war unglaublich roh. Niemand hatte ihn bis dahin einer solchen fähig gehalten. Er ist auch empfindlich genug bestraft worden." Der Rat nickte nachdenklich; er unterrichtete den Rebiervor- : stand über das nächtliche Vorkommnis auf dem' Eilenburgschen Grundstück und machte auch aus seiner Vermutung keinen Hehl, wonach die Droschke nur mit Vorwissen des Fuhr Herrn aus dem ; Hinterhof entfernt worden sein konnte. ' j „Das glaube ich nicht!" widersprach der Leutnant sehr be- s stammt. „Eilenburg ist ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Ich kenne ihn persönlich nun schon in die zehn Jahre und bin, wenigstens bis zum Frühjahr, fast täglich mit ihm in Berührung gekommen. Auf sein Wort kann man bauen. Freilich, der Vorfall an sich erscheint mir schleierhaft. Ich kenne die Wachsamkeit der Hunde auf seinem Grundstück; sie haben erst vor etwa j gtuei J«hreu einen Einbrecher fast in Stücke zerrissen. Ich m-chte beinahe behaupten, daß die Entfernung von Wagen und Pferd I vom Grunkchück ohne Vorwissen des Besitzers schlechterdings unmöglich ist." iv/'r i!,‘ ba p^öen wir's ja!" warf Hansemann unmutig ein. I i,, Eilenburg war übrigens ganz baff über die Entdeckung. Er I Müßte ein vortrefflicher Schauspieler sein, vermöchte er sich der- I artig zu verstellen. Dabei liefert seine junge Frau einen an- i scheinend unanfechtbaren Alibibeweis für ihn .... Eilenburg I i stch unlängst wieder verheiratet?" fragte er dazwischen. (Fortsetzung folgt.) §37 — infolge von Familientraditionen und ans persönlicher Neigung sofort bei zwei studentischen .Verbindungen eintraten, auf der Burgruine Gleiberg; in einem der unterirdischen Räume wurde ein mächtiges Feuer entzündet und der Präses, „Jarl" genannt, eröffnete mit dem Zeichen seiner Würde, dem „Mjöllnier", das letzte Wikingerthing. Die Leiden nicht erschienenen Mitglieder wurden als Abtrünnige feierlichst aus dem Bunde ausgestoßen und zuletzt der Bund, nach Ansprache durch den Präses, für aufgelöst erklärt. Diese Rede, die für das Wesen des ganzen Bundes charakteristisch ist, und zugleich zeigt, auf welcher idealen Höhe dieser Schülerverein stand, geben wir hier in extenso wieder: „Ter 14. Januar 1882 und 22. März 1884 sind die beiden Grenzen, innerhalb deren der Wikingerbund sich entwickelte. Am erstgenannten Tage wurde er von 5 Genossen begründet und am 22. März 1884 von 10 Genossen aus Burgruine Gleiberg aufgelöst. An: 14.1.1882 traten 5 Genossen zur Gründung eines literar. „Kränzcqens" zusammen. Beowulf- hat das Verdienst, der Vater des „Bundes" zu sein, da er die erste Anregung zur Bereinigung gab. Die junge Schöpfung aber trug schon in den ersten Tagen ihrer Existenz den Charakter, der sie später auszeichnete, ich meine L:e Grundverschiedenheit der Anlage, der Lebensanschauungen, des Charakters, des Geistes der Elemente, aus welchen sich der Bund während seiner zweijährigen Dauer zusammensetzte. Gleich ui der ersten Sitzung machten sich die Gegensätze bemerklich, die spater noch oft lind heftig genug auseinanderprallcn sollten. Aber heute, wo ein objektives Urteil möglich ist, darf ich es aussprechen, Lag die Reibung dieser Gegensätze gerade die Kraft war, die das bescyeidene „Kränzchen" zum stolzen „Bunde" ausbildete. Sie ver- hinderteit die Einseitigkeit der Bestrebungen, welche nur zu leicht ftch entwickeln kann in einem Verein mit wissenschaftlicher Tendenz. Sie. bewirkten die Anspannung und Einsetzung aller geistigen Kräfte und förderten die Klarheit und Vertiefung des Denkens und der Anschauungen. Völlig verderblich hätten sie auch nimmermehr werden können, denn es gab ein Correktiv, die Unterordnung unter die leitende Idee und ihren Ausdruck, das Gesetz. In den ersten Wochen des Bestehens war freilich diese Idee noch nicht vollkömmeil zum Bewußtsein gelangt, und cs bestand. iciit Gesetzbuch. Und wirklich hätte jene Disharmonie der Anlagen und des Charakters in dieser Zeit beinahe der Sache ein frühes Ende bereitet. Tie Kampfe, die es kostete, die Szenen, welche cs gab, bis die partilülaristischen Tendenzen in einer i einzigen zusammenschmolzen, brauche ich hier nicht zu schildern, die Chronik gibt ein getreues Bild derselben. Eiil volles Jahr aber war nötig, um den Bund einheitlich ■ uild stark hinzustellen. Mit diesem Jahre war der Abschleifungs- vrozeß vollendet, ein allgemeiner Geist hatte sich durchgebildet, dem auch alle neu hinzukommenden Elemente sich willig unter- ; ordneten. Und gerade am 14. Januar, am Stiftnngstage, wurde : diesem Geiste auch. eine Form gegeben in dem „Bark". Alle Erfahrungen, die bis dahin, zu Nutz und Frommen des Ganzen, für ein gesichertes Bestehen des Bundes, gemacht worden waren, sie wurden darin niedergclcgt. Ter Balk gab ein für allemal die Grenzen an, innerhalb welcher unser Streben sich bewegen sollte,, ohne diesem, das seiner Natur nach ein freies, uneingeschränktes sein soll, uicdcrdrückcnde Fesseln anzulegen. Eine gewisse Schranke aber muß dem Geist gezogen werden; das welterhaltende Prinzip ist ein ordnendes, auch der Komet, der ins Unendliche fliegt, hat seine Bahn und Zeit. — Die Entwicklung, welche der Bund von diesem Zeitpunkt an nahm, verdient eine nähere Charakterisierung und zwar ist zu unterscheiden zwischen literarischer Tätigkeit und gesellschaftlichem Leben. Was erstere anbetrisst, so machte sich gleich nach der neuen Organisation ein wesentlicher Fortschritt bemerkbar ; cs trat entschieden bei den Einzelnen das Bestreben zutage, im Thing etwas zu leisten, was auch höheren Anforderungen entspräche, Anforderungen, welche auf wissenschaftlichem Wert, künstlerischer Fertigkeit und ästhetischer Durchbildung begründet sind. In der ersten Hälfte des Jahres sind freilich diese Fortschritte noch nicht zu bemerken, aber die Keime dazu lassen sich immerhin wahrnehmen. An Versuchen, ein selbständiges Urteil sich zu bilden, und dieses im Thing auch zu verfechten, fehlte es nicht; ich erinnere nur an die Aufsätze Volkers: „Sind Nathan der Weise und Shylok Juden?" • „Was müssen wir der Kunst bei ihrem Studium cntgegenbriNgen?" und „Das Ideal der dramatischen Kunst". Auch was das Lesen, die Lektüre betrifft, so ist ein Fortschritt zum Besseren schon hier unverkennbar; die „Braut von Messina", „Emilia Galotti" und „König Lear" waren, in einzelnen Rollen wenigstens, gegen früher recht annehmbare Leistungen. Auch auf dem Gebiete der Rezitation wurde bereits künstlerischer Vortrag angestrebt (Volkers „Braut von Corinth" und „Erlkönig"). Vom pflichtmäßigen Aufsatz wurde um diese Zeit, nämlich Ausgang Sommer 1883, abgesehen, überhaupt, und dies ist die wichtige Neuerung, der Schwerpunkt des literarischen Wirkens ganz, rn das Thing verlegt. Das Thing sollte ein Forum sein- Wo jede Ansicht, die nur für das Ganze von Interesse sein konnte, vorgetragen und nach allen Seiten erwogen und beurteilt werden sollte. AvCt' Vortrag oder mehr die referatartige Bearbeitung rrgcnd einer wichtigen Frage trat daher an die Stelle des Auf- satzes; und..zwar schlossen sich die betreffenden Themata immer an dre Lektüre an. Diese Art der Behandlung aber hatte drei wichtige, eng Miteinander verbundene Folgen. Einmal wurde die Mitteilung der Gedanken dadurch eine unmittelbare und' bnrunt viel interessanter und fördernder. Zweitens gewann die inl)(utliu)e ^ßirfuttQ ber Dramen bebeutenb, bei eine eintnol angeregte Frage immer von Ncnem zum Nachdenken über den Ideengehalt und die psychologische Zeichnung der Charaktere auf- ford.erte; und drittens wurde eine lebhafte, anregende Diskussion im Thing, wenn nicht erst geschaffen, so doch gefördert und erst fruchtbar gemacht. Tie Bedeutung einer solchen Diskussion aber in Keinem Kreise darf nicht unterschätzt werden. Sie ist es, welche immer neue Nahrung dem Geiste zusühit, immer neue und erweiterte Gesichtspunkte auftiit, und so zu einer allgemeinen begrifflichen und sachlichen Durchbildung bedeutend beiträgt. — Alle vom Herbst an gehaltenen Vortrage bezw. Referate erfüllten nun diesen ihren Zweck; ich führe nur an: „Hexen und Hexenglaube" (V.), „Schuld und Sühne in Macbeth" (Rr.), „Die Sprache Schillers" (B.), „Idee, des Faust" (93.) und andere. . Der bedeutendste Fortschritt aber ist aus dem Gebiete der Lektüre, des Tramenlesens- zu verzeichnen. Welch ein Abstand zwischen der Lektüre der „Braut von Messina" am 17. Februar 1883 und der desselben Stückes im März 1884! Tort Ziel-und Planlosigkeit, keine Ahnung einer künstlerischen Idee, kein Versuch zu wirkungsvoller Konzentration der Kräfte, — hier sichere Berechnung, Streben nach künstlerischer Abrundung und Ausbildung der Rollen, bewußte Einheit und Zusammengreifen der Kräfte. „Wilhelm Tell" ist wohl das erste Drama, welches in dem letzteren Sinne gelesen wurde; aber fteilich gebührt das volle Verdienst hieran nicht uns allein, wir wurden erst durch einen von außen hiuzukominenden Faktor gleichsam daraus hin- gewiesen; dieser Faktor war die Mitwirkung der bekannten drei Damen von den „Höhen im Westen". Diese Damen faßten ihre Aufgabe künstlerisch auf (ich gebrauche absichtlich diesen Ausdruck, weil er ben besten Gegensatz zu der früheren Auffassung bietet). Wir waren daher moralisch verpflichtet, dasselbe zu tun, d. h. unsere beste Kraft einzusetzen, und auf diese Weise kam eine Lektüre zustande, aus die wir, die damaligen Verhältnisse in Betracht gezogen, stolz fein dürfen. Tic Lektüre von „Teil", „Maria Stuart", „Tasso", „Jungfrau von Orleans" und „Braut von Messina" gestaltete sich zu einem wirklichen Genuß. Aber das „Weiberihing", wie diese gemischten Things zuerst spottweise genannt wurden, bot noch einen Vorteil, bet tiefer lag. — Jedes geistige Können gründet sich auf die Gewinnung eines selbständigen Urteils. Das Urteilsvermögen abcp ist wieder abhängig von dem mehr oder weniger weiten Gesichtskreis der geistigen Betätigung. Je größer und.mannigfaltiger das Gebiet ist, auf welchem Wir die geistige Mast, in. diesem Falle den Verstand, können spielen lassen, desto mehr ist die Möglichkeit vorhanden, durch Vergleichung (denn das ist ja die Tätigkeit des Verstandes) wirklicher oder für uns dafür angesehener Tatsachen, Sicherheit und umfassenden Blick im Urteil zu erwerben. Eine solche Bedeutung nun konnten auch die „Wciber- things" für uns gewinnen, hätten wir nur auch das Unsrige dazugetan. Wir waren Schüler und plagten uns täglich da- mft, Tatsachen und allgemein gütige Begriffe in unserem Schädel zu bergen, zum großen Teil als totes, unfruchtbares Kapital; als Wikinger aber wollten Wir nicht nur für unfern Schädel, sondern auch für die Kultivierung unseres Geistes etwas tun, wie ich cs oben darlegtc, für unser Urteil; ein größerer Spielraum aber dazu wurde uns auf jeden Fall geboten, Wenn wir, als ein einen literarischen Verein bildendes Ganze, _ in eine dem Schülerweseli möglichst fernliegende Sphäre versetzt wurden. Und dieses Glück wurde uns im Weiberthing, Wie überhaupt im Verkehr mit der Familie unseres Genossen Volker zuteil. Ganz neue Elemente traten uns hier entgegen, neue Anregungen wurden uns geboten: in ästhetischer, ethischer und rein wissenschaftlicher Beziehung konnten wir lernen und haben es auch sicher getan. Wie ganz anders wurden uns diepcrauen- rollen der Dramen vorgeführt! Welch konkretere Diskupionen gab es, bei welchen wir weibliches Denken und weibliche J-We fchauungeu erkennen konnten! Ganz zu schweigeil von der For^ dernng in gesellschaftlicher Hinsicht; ich meine hwr Ge,ellschaft als Ausdruck der notwendigen Bezichungeii der Mensckfcn zu einander, a ls eine Form, in welcher der Geist, der sütlichö Wert eines Menschen sich offenbart Jedes edlere Weib aber drückt in seiner bloßen Erscheinung schon eine allgemem^niensch- liche, sittliche Idee aus, cs ist gleichsam fein eigener Spiegel; beim Manne geben ihn die Taten. ■ (Schluß folgt.) — 588 Vermischte». —: Aus Anlaß der Jubelfeier des Joachim- thalscheu Gymnasiums zu Berlin sei aus den Erinnerungen, die Dr. Eduard Schulte vor 30 Fahren über das Leben im Alumnat der Schule ausgezeichnet hat, einiges wiedergegeben. Schulte schreibt: „Vor Beginn der ersten Arbeitsstunde wird der Schlafrock angelegt, der auf den Wohnsälen vor 8 Uhr morgens und nach 8 Uhr abends getragen werden darf. Vom zwölfjährigen Tertianer an besitzt saft jeder ein solches, von Rechts wegen zu den Privilegien der gelehrten Stände gehöriges Kleidungsstück, und zwar ist der Alumnenschlafrock vielleicht die bemerkenswerteste Spielart seiner Gattung. Ich habe Schlafröcke gekannt, die aus einer früheren Stufe des Daseins als Steppdecken existiert hatten; durch Erzeugung von Knopflöchern und Aermeln war die in bedingtem Sinne vollkommene Metamorphose bewirkt worden. Ist hiernach der Alumnenschlafrock in der Regel ein außerordentliches Gewand schon in dem Augenblicke, wo man ihn zum ersten Male anzieht, so wird er es noch mehr durch die alumnatsmäßige Behandlung. Die Aermel des Schlafrockes müssen oft zum M- wischen des Tisches und als Tintenwischer dienen, und die Schöße vertreten beim Kaffeekochen die Stelle des mehr nützlichen als ästhetischen Küchengerätes, das unter 'dem Namen der Topflappen bekannt ist. Das Hantieren mit brennendem Spiritus, der die Kochmaschine heizt, hinterläßt mehr und mehr bedenkliche Brandspuren auf der Vorderseite des Schlafrocks, und die Annäherung der Rückseite des Körpers an den überheizten Ofen im Winter gefährdet nicht minder die untere Nordhälfte des Gewandes. Der Alumnus legt den Schlafrock üuch wohl während der Tagesstunden, an denen er ihn nicht anziehen darf, als Sitzkissen auf seinen hölzernen, des Rohrgeflechts entbehrenden Stuhl; im Winter dient der Rock zuweilen als Reservebettdecke. Ferner wird er in Gefechten, wie sie gelegentlich aus den Schlafsälen statt- sinden, als wirksame Wasfe verwendet, ebenso bei den Fledermausjagden, die nach Aufspüren eines Wildes ebenfalls auf den Schlaffälen abgehalten werden." Literarisches. — MeyersGroß es Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgenreinen Wissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Arrflage. Mehr als 148 000 Artikel und Verweisungen anf über 18 240 Seiten Text mit mehr als 11000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstafeln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Mk. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig.) — Pünktlich, wie feilte Vorgänger, hat sich auch der 17. Band von Meyers Großem Konversations-Lexikon (Rio bis Schönebeck) eingeftrnden. In ihm nimmt wohl den breitesten Raum die Bearbeitung des immer von neuem durch seine inneren politischen Vorgänge interessierenden Rußland ein. Der Inhalt der sich über etwa 100 Spalten erstreckenden Artikelreihe: „Russische Kirche", „Russische Künst", „Russisches Reich", „Russische Literatur", „Russische Sprache" und „Russisch-Japanischer Krieg" stellt einen in seiner weisen Beschränkung meisterhaften Ersatz für eine zum Teil erst noch zu schaffende Spezialliteratur dar und gibt ein abgerundetes und anschauliches Bild des von inneren Wirren zerrissenen Riesenreiches. Dabei ist natürlich die beim Artikel „Japan" begonnene Darstellung des Russisch-Japanischen Krieges zu Ende geführt worden und eine neue Karte der Länder des Gelben Meeres mit Kärtchen der Schlachten bei Liau-Uang, Mukden und Chardin ausgenommen. Die, 16 Artikel zum Stichwort „Sachsen" bringen mit drei Kürten und zahlreichen Textbildern auf etwa 70 Spalten eine die geographischen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse erschöpfende Darstellung der sächsischen Lande. An geographisch-historischen Artikeln nennen wir noch: „Rio de Janeiro", „Rio Grande do Sul" (mit je einem übersichtlichen Textkärtchen), ,„Rom", „Römisches Weltreich", „Rumänien", „Sahara", „Sankt Gotthard", „Sankt Petersburg", „Sansibar", „Sardinische Mon- archie", „Schantung", „Schlesien", „Schleswig-Holstein" und „Shanghai". Der Artikel: „Schiedsgericht" berücksichtigt üatürlich auch die zurzeit im Haag tagende zweite Friedenskonferenz. Daß Männern wie Roquette, Rosegger, Rousseau, Rückert, Scheffel, Schiller (mit einer neuen, vier Schillerbildnisse enthaltenen Tafel) und Künstlern wie Rodin, Scha- dow, Schaper, Schinkel, Sascha Schneider oder wie Rossini, Rubens, Saint-Saäns gebührend Platz eingeräumt worden ist, daß auch Namen wie Roosevelt oder der jetzt vielgenannte Herm. Schell nicht übergangen sind, bedarf kaum der Erwähnung. Literarisch interessieren die Beiträge „Ronian", „Romantik" (mit einer neuen Tafel „Deutsche Romantiker"), „Romanische Sprachen", „Römische Literatur", „Russische Literatur", „Hans Sachs" und „Sanskrit". Von dent reichen Jllustrationsapparat (90 Karten und Tafeln) sind neu der „Plan des alten Rom", „Länder des gelben Meeres", „Samoainseln", „Röntgenapparate", „Röntgenbilder", „Schlacht- und Viehhöfe", „Schiffbau", „Schiffhebewerke", „Schnellpressen", „Schlangen", „Schmetterlinge"' und „Schnecken". Alles in allem wird der Band nicht nur bei den Besitzern seiner 16 Vorgänger eine wohlverdient günstige Aufnahme finden, sondern auch dem unerreichten, Werk viele neue Freunde zuführen. Goldene Worte. Es flieht, fei des bewußt Und halte es int Sinn, Auch nützlichen Verlust llnd schädlichen Gewinn. Sage nicht immer, ivaS du weißt, Aber wisse immer, was du sagst. Claudius. Manche Menschen verstecken, ivie viele indische Bäume, unter äußeren Stacheln und dornigem Laub die weiche, kostbare Frucht des mcnschcnsreundlichsten Herzens. Jean Paul. * i Wir haben immer, ivas ivir hatten; Des Lebens Tag versinkt in leise Dämmerung: Durch dieses Zivielicht geht ein freundlich holder Schatten: O, das bist bti, Erinnerung 1 Tiedge. * s Groß nur ist, Wer mitten in Gefahr, in Drang und Sturm Ter Taten ruhig bleibt und fest. Klein. Rösselsprung. Auflösung in nächster Nnmmer.s Hand mil- leumd- da gunst Uit- Hause Gattin Ver- Ivohnt ihre fall im die Miß- den dort ung tet grimm- und höhnen- sicher wo allein ige Glück ver- wal- ruh'ge je- des jedes streben der suchen nunft par- den UN- du ßen und Be- Friede magst Ver- diesen nicht hegen da im sie heiligen tei- ver- drau- Weilen wirken Liebe isches gebens aus Kreis Auflösung des Kreuzräisels in voriger Nummer: JFE a r r g tt a Jagdhunde Frühmesse Frauen lob n s 1 d s o e e b Redaktion: P. Wittko. ^.Rotationsdruck und Verlag der BrÜhl'scheu Universitäts-Vuch- üüd Gteindruckerei, R, Lange, G keßen,"